Schließlich blieb ihm keine
ging
Jörgen Bollander sah nachdenklich zu Boden.
^■■^^^^Tc^a^tchinge^enträTürö^erlinlärw a, WilnelmstraBe 55. Ernaltlic ■ in Mineralwasser-Handlungen, Ap^theken^^rogenenjisw.
ein paar Minuten sind wir dort.
NIL
14. August
Beilage zur Fuldaer Zeitung
Itr. 187
spie
LACFRTA
eine
nicht
diese
aber
und Un» Der«
„Eine Hand! Herr des Himmels, da lugt ja menschliche Hand hervor!"
„Sehen Sie auch die beiden Finger dort, die verbrannt sind?"
„Ja! Und es mir eben deshalb gewiß, daß Hand keinem Chinesen gehört."
Jörgen Bolander kauerte neben der Toten starrte ratlos auf dies unbekannte Wesen, das zur kenntlichkeit verbrannt war. Er faßte nach der brannten Rechten und sagte langsam:
„Die Tote liegt noch nicht lange hier. Wie starb sie?"
mit schnalzendem Laut in das Röhricht zurücksprangen.
Unschlüssig blieb Krojitsch stehen. Sein Blick verfing sich an der schwarzen Mauer der Nacht. Bei Tage hätte er im Osten am Horizont den Dammrücken sehen können, der die Donau absperrte. Seit Menschengedenken hiell er dem Wasser stand, hielt damals stand, als die Dämme bei Widm riffen, und damals, als das Wasser über Swistow hereinbrach. Drohte jetzt Gefahr? Hörte man nicht die Leute sagen, wie stets die Frösche als erste das Hochwasser witterten und die Hügel überschwemmten? — Umkchren? Er schleuderte die kleine Froschleiche mit einem zornigen Fußtritt beiseite und
Fürwitz etwas getan hätte, was dem Herrn nicht wohlgefällig war. War es nicht vielleicht fein Wille, daß die Menschen in ihm eher den für sie Leidenden, sich ganz für sie Opfernden sehen sollten, damit sie die ganze Liebe seines Herzens erkannten, und sollte sie in der Herrlichkeit seiner Mutter die herrliche Bestimmung zur Seligkeit ersehen, die er durch sein Leiden ihnen erwarb? Gott leidend, der Mensch durch ihn selig gemacht — war dies nicht das allergrößte Mysterium, das durch diese Farbensprache angedeutet werden sollte?
Der Meister kniete nieder und betete. Tief und inbrünstig. Und bat Gott um Verzeihung. Ties in sich gekehrt verlieh er dann das Gotteshaus. Als er zur Seite des Weges blickte, nach der Stelle, wo er die Blumen für die Gottesmutter gepflückt hatte, blieb er wieder in tiefstem Staunen stehen. Rings um ihn, wo am Bortage alles rot gewesen war, roar alles blau. Blau krochen die Blümlein die Hänge empor, blau standen sie am Wegesrand, blau schimmerte es zwischen den Bäumen.
Da lobte er Gott und jubelte und pries seinen Namen. Und verkündete das wunderbare Begebnis jedem, der es hören wollte. Und seit jener Zeit heißt die blaue Blume „Mariemnantel" in jener ganzen Gegend.
Der Wald aber rühret die Wipfel Im Traum auf der Felsenwand, Denn der Herr geht über die Gipfel Und segnet das stille Land.
Eichendorff.
als daß er ganz unerklärlicherweise die beiden Figuren verwechselt haben müsse. Schnell lies er nach seinen Farbtöpsen, um den Irrtum gut zu machen. Als er mit ihnen der Kirche zulief, sah er am Wege viele rote Blümlein stehen, gerade von der Farbe, wie er Mariens Mantel malen wollte. Und damit ihm nicht wieder ein Versehen passierte und gleichzeitig um die Mutter Gottes zu ehren, pflückte er ein Sträußlein davon und legte es, wie es wohl für den „Kräutltag" üblich ist, der Mutter Gottes zu Fußen. Dann begann er zu malen, zuerst am Jesusbilde, dann am Marienbilde. Und war so fleißig, daß er noch am nämlichen Tage beide Statuen fertig brachte. Zufrieden überschaute er am Abend sein Werk, kniete fromm vor dem Tabernakel nieder und betete und begab sich nach Hause.
Früh am Morgen des Festes ging er an die Stätte seiner Arbeit. Irgend etwas Unerklärliches trieb ihn hin. Er wollte sich sein Werk bei vollem Tagesschein besehen. Als er in die Kirche trat, ging sein erster Blick nach den Statuen. Und was sah er da? Wieder hatte die Muttergottes ihren blauen und der Herr Jesus seinen roten Mantel an. Und die Blumen — die Blumen am Fuße der Muttergottes waren blau so wie der Mantel. Da schauderte chn. Er begann zu ahnen, daß er in seinem
Aachts.
Ich stehe im Waldesschatten
Wie an des Lebens Rand,
Die Länder wie dämmernde Matten, ■ Der Strom wie ein silbernes Band.
Don fern nur schlagen die Glocken Heber die Wälder herein, Ein Reh hebt den Kopf erschrocken Und schlummert gleich wieder ein.
Kind im Boot
Von Alfons Hoffmann.
Bereitwillig hatte ich Ja gesagt, als mich die fremde Frau vom Ufer her bat, ihr Töchterchen einmal zu kurzer Fahrt mitzunehmen aus das Wasser. So hatte sie das etwa vierjährige Mädchen ins Paddelboot, das still im silbergrünen Schilf lag, gehoben und uns einen lächelnden Abschied gegeben.
Behutsam stieß ich das Boot vom Ufer. In leichtem Gewoge schwamm es auf der schimmernden Flut der Wellen. Aber es war nicht das sichere, schwimmende Gleiten, wie ich es sonst gewohnt war, es war ein har- tes Vorwärtsstoßen, ein irgendwie gehemmtes, zuckendes Fließen, aus dem Gefahr wuchs und drohte. Und da sah ich die Ursache: das Kind.
Mit steifem Rücken und verkrampften Gliedern saß es vor mir, die kleinen Fäuste angestrengt in das Rand-
„Jg, was wollte man durch dieses Zeichen erfahren?"
Der Kapitän griff wieder zu dem Glas.
„Wir wollen das linke Ufer nicht vergessen! Da kommt Wald, der bis an den Fluß vorstößt; da heißt es scharf Ausschau halten. Im-Schatten der Bäume entgeht einem leicht etwas."
Sie standen eine lange Weile, besprachen das kürzlich Erlebte und hielten immer wieder abwechselnd Ausschau.
Schließlich erklärte Jörgen Bollander enttäuscht:
„Es wird vergebens sein! Ich möchte jetzt eigentlich annehmen, man habe mir mit dieser Nachricht nur eine Falle gelegt, in die ich prompt hineinlief."
„Wieso eine Falle?"
„Man wollte sehen, ob ich mich jetzt noch für bas Mädchen vom „Tushintang" interessiere. Nun, unser scharfes Ausschauhalten wird den heimlichen Beobachter hinlänglich davon überzeugt haben, daß dem so ist, daß ich regen Anteil an Jngeborg Bergners Schicksal nehme."
„Wenn es so wäre —. Aber bann sollte doch gleich
—. Halt!"
Knut Holms griff aufgeregt nach Jörgen Bollanders Arm.
„Da vorn ist doch —. Wie ist denn das? Hören Sie, wir kommen wohl doch noch auf unsere Kosten. Ich seh da vorn etwas am Ufer."
Jörgen Bollander riß dem Kapitän das Glas aus der Hand. Er starrte hindurch.
„Wo? Ah, dort! Denken Sie, dies dunkle Etwas könnte das fragliche Boot fein?"
„Geben Sie mir das Glas! Na, ich sage es doch! Passen Sie auf, da vorn ist das angekündigte Boot."
„Glauben Sie wirklich?"
„Ich meine schon. Ohne Zweifel ist es ein Boot, ein —
Der Kapitän rief ein par Befehle über Deck. Der „Lushang" schwenkte langsam näher an das linke Ufer. Jörgen Bollander aber stand und schaute und lieh kein Auge mehr von dem rätselhaften Ding, das dort, am Ufer feftgetettet, auf dem Jangtse schaukelte. Der Kapitän trat wieder zu ihm.
UtatienmanteL
(Eine Geschichte auf Mariä Himmelfahrt.
Von I. Endringer.
Nirgends anderswo kennt man den Namen; in feinem botanischen Buch und keinem Konversattonslexikon steht er zu lesen — nur in meiner Heimat, tief in der Heide, da kennt man bas blaue Blümlein, „Starten- mantel" ober auch „Mantel" schlechthin genannt. Es soll auch anberswo nicht blau, sondern roiblau sein, und soll im übrigen ein seltenes Blümelein fein. Doch wie dem auch fei, in meiner Heimat weiß man über die Mantelblume eine gar liebliche Geschichte zu erzählen.
Es ist eine herkömmliche Sitte, daß man den Mantel des lieben Heilandes rot, den der allerfeligften Jungfrau Maria jedoch blau darstellt. Ich weiß nicht warum, aber ich glaube, daß mit Jesu rotem Mantel sein Leiden und Sterben, fein Blut und Opfertod, seine unendliche Erlöserliebe, mit dem blauen Mantel Mariä aber ihre himmlische Seligkeit und Glorie, die ihr und uns allen vom Heiland verdient worden ist, bezeichnet werden soll.
War nun in altersgrauer Zett einmal ein Maler in meinem Heimatort, der bekam den Auftrag, die Statuen Jesu und Mariä, die neben dem Hochaltar an den Wänden standen, neu zu malen, da die Farben schon gar zu sehr verblichen waren. Zum Hochfest der Gottesmutter. Mariä Himmelfahrt, sollte die Arbeit vollendet sein, und etliche Tage zuvor machte sich der Meister ans Werk. Da er aber etwas ganz Besonderes schaffen wollte, überlegte er hin und her und fragte sich endlich, warum man denn nicht einmal mit der alten Gepflogenheit brechen und auch bei Maria an das Leid, das sie getragen, und bei Jesus an feine himmlische Herrlichkeit erinnern sollte. War Mariä Leid, weil es Seelenleid und das Leid einer Mutter um ihren göttlichen Sohn war, nicht wahrlich tief genug und schwerer als jeder körperliche Schmerz? Sollte man den Menschen nicht einmal auch Verständnis für den Schmerz der Seele beibringen? Und war es nicht ebenso geziemend, den Heiland als Herrn des Himmels, der zur Rechten des Vaters thront, in der blauen Herrlichkeit des Himmels darzustellen?
Er war begeistert von dem Gedanken, der ihm gekommen war, und begab sich unverzüglich an die Arbeit. Mit aller Sorgfalt legte er Maria einen roten Mantel und dem Heiland einen blauen um. Und als es Abend geworden war, freute er sich, wie sauber und leuchtend die neuen Farben sich in dem Kirchenschiff abhoben und wie strahlend der Schein der Abendsonne stand.
Am nächsten Morgen — es war am Tage vor dem Fest — begab er sich wieder in die Kirche, um die Füße und die Gesichter zu malen, mit denen er am Tage zuvor nicht fertig geworden war. Wie erstaunte er aber, als er fand, daß der Herr Jesus einen roten und Maria einen blauen Mantel anhatte. Er wußte nicht, wie ihm
Der Streckenwärter Serge Krojitsch trat am 11. Juli 1926 feinen Dienstweg später als sonst an, denn am Nachmittag war seine Frau mit ihrem Erstgeborenen niedergekommen. Als Krojitsch die Hälfte seines Weges zurückgelegt hatte, brach schon die Nacht ein. Mit geübtem Schritt ging er über die Schwellen des hohen Bahndammes, den die Ingenieure quer durch die Sümpfe geschüttet hatten, von Peterwardein bis zur Semliner Brücke hinab, deren rote Ziegelbogen sich über die Save spannen.
Es war eine mondlose, drohende Nacht. Ein kalter Wind stieß von den Karpathen her ins Schilf, und die Wasservögel wollten ttotz der späten Stunde keine Ruhe finden. Der klagende Rus der Rohrdommel hallte über das Moor, und in den Weidenbüschen flötete die Schilfdrossel. Aus dem Sumpf stiegen bleiche Dünste auf, und die Frösche, die sonst ihr Abendkonzert ange- ftimmt hatten, waren heute stumm. Krojitsch lächelte . . . dachte an fein kleines Fröschlein daheim und ahmte mtt vollgeblasenen Backen „Koaaaks — foaaafs' das Sumpforchester nach. Aber seine Stimme verhallte über dem Schilf, und von nirgends kam eine Antwott. Es wurde kühl, Nebel wallten heran —
Je näher sie tarnen, um so besser konnten sie die Einzelheiten übersetzen. Es war ein größeres Fluhboot, das da angekettet lag. Das Deck war durch einen Brand zerstört worden; es waren nur noch verkohlte Holzteile zu sehen, die wirr durcheinander lagen.
Jörgen Bollander sah den Kapitän fordernd an.
„Ich will auf das Fahrzeug! Ich will es in Augenschein nehmen, ich will es nach irgend einer Spur ab- suchen."
„Geduld! Ich fteure langsam heran, und dann wer- den wir beide mal diesem verdammten Kasten einen Besuch abstatten. War's zwecklos —, na, dann haben wir wenigstens dem Halunken, der Ihnen den Zettel in die Tasche schob, ein Vergnügen bereitet, wir sind seiner Weisung gefolgt. Aber hören Sie, halten Sie den Revolver in Bereitschaft. Vielleicht gibt’s doch irgendeine lleberrafdjung, und da müssen wir unter Umständen rasch handeln. Nur nicht zögern, wenn Gefahr droht! Knal- len Sie sofort los!"
Sie waren nun dem einsamen Boote ganz nahe. Noch ein paar Augenblicke, bann glitt der „Lushang" an dem verlassenen Fahrzeug entlang. Die Passagiere standen in lebhaftem Geplauder an der Reeling und tauschten ihre Mutmaßungen aus. Es wußte ja niemand, worum es eigentlich ging.
Der Kapitän nickte Jörgen Bollander zu.
„Geht's? Kommen Sie da mit mir über die Reeling hinab? Ein bißchen unbequem, aber schließlich —
„Ich komme schon."
Sie standen alsbald auf dem verkohlten Deck und liefen vorsichtig über die Reste des Brandes.
„Dort geht es in den Jnnenraum des Bootes. Da hat das Feuer scheinbar am schlimmsten gewütet. Es muß da drin entstanden sein."
Der Kapitän stand mit Jörgen Bollander vor einem wirren Trümmerhaufen.
„Nichts! Nirgends ist etwas Auffälliges zu finden."
Jörgen Bollander wies auf ein rauchgeschwärztes Brett. Seine Stimme klang rauh, ganz fremd.
„Sehen Sie da hin!"
„Was ist dort?"
„Schauen Sie genau hin!"
„Kapitän, es ist die Hand einer Frau, einer Europäerin!"
Jörgen Bollanders Antlitz hatte alle Farbe verloren, es sah grau aus. In seinen Augen stand das Entsetzen.
Der Kapitän flüsterte:
„Ist das unter den Trümmern der verbrannte Körper des Mädchens vom „Tushintang?" Wie sollte das Mädchen aber hierher gekommen sein?"
Jorgen Bollander arbeitete bereits mit fest zusam- mengeprehten Lippen. Er hob das verkohlte Holz, schob es beiseite. Er achtete nicht darauf, daß er über und über beschmutzt wurde. Der Kapitän rief zum „Lushang" hinaus und befahl zwei Matrosen, herabzukommen und zu helfen. Aber da wehrte Jörgen Bollander heftig ab:
„Nicht! Niemand soll helfen!"
Sie arbeiteten zu zweit weiter und dann lag der Körper der Toten vor ihnen. Die Kleider waren vollkommen verbrannt, am ganzen Körper zeigten sich furchtbare Brandwunden. Die Brust aber, der Hals unb der Kopf waren zu einer unkenntlichen Masse verkohlt.
Der Kapitän rief betroffen:
„Wie ist das geschehen? Warum hat diese Frau sich nicht in Sicherheit gebracht? Entstand das Feuer erst, als sie bereits tot war? Wer mag es fein?"
Krojitsch schritt schneller aus und schüttelte sich frö- stelnd in seinem Mantel. Plötzlich glitt er aus, spie seinen kurzen Schrecken dreimal von sich . . . und wie nun das Licht der Laterne von der kleinen Froschleiche unter seinem Fuß über die Wand des Dammes huschle, sah Krojitsch, daß die Frösche des Sumpfes zahllos an den Böschungen sahen — und vom Lichtstrahl getroffen
Er richtete sich auf. Härte stand auf seinem Antlitz, ein unbeugsamer Wille.
„Kapitän, ich will noch weiter suchen. \ -ll er-
Das Rätsel des Tushintang.
Roman von Kurt Martin.
Eovbrigbt bk) Verlag Neues Leben. Vatzr. Gmain.
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Sie taten, wie er ihnen hieß, und standen dann wieder mit unbeweglichen Gesichtern vor ihm.
„Es ist nichts an der Bordwand."
Knut Holms tobte:
„Hunde, zu gut seid ihr noch, daß ich euch von dem 5angt(e in seinen dreckigen Fluten fortspülen lasse."
Jörgen Bollander war inzwischen wieder an die Ree- Kug getreten. Nun sagte er:
„Herr Kapitän, Ihre Leute sprechen recht. Es ist •ft nichts an der Bordwand zu sehen."
• Die Worte rissen Knut Holms herum, er stand und schaute und starrte dann betroffen Jorgen Bollan- der an.
„Wahr und wahrhaftig! Das Zeichen ist verschwun- °°n. Herr Lollander, war nun vorhin ein weißes Zei- da unten an der Bordwand oder nicht?"
„Es war ein deutliches, großes, weißes Zeichen an "er Bordwand zu sehen, einer Sonne ähnlich."
„Und wo.ist es jetzt bin?"
. JMnd ;e nnnd hat es fortgewttcht, während Die ritt den Leuten da verhandelten."
„Das schon allerhand! Und war bedeutet das Latchen?"
„Es hatte offenbar für jemand anders eine Bedeu- Un8. nicht für Sie."
.. .Sehr nett gesagt! Für jemand anders. Mein Schiff J5nt also als Nachrichtenapparat für irgendwelche ""scheu, die —. Ich zweifle jetzt keinen Augenblick daran, daß das Motorboot vorhin einzig und r/,n hierherkam und den „Lushang" umkreiste, um Aus- nach diesem Zeichen zu halten. Es ist jetzt nur »e ^rage; Wer sandte dies Fahrzeug? War es Ltü- UU-Taug? Oder geschah diese Fahrt ohne sein Wissen? Q,n es aber in seinem Auftrag, — was wollte er dann ur* dieses Zeichen erfahren?"
kleinen Menschenbündel, das in [einer Wiege den träum- losen Schlaf der Unberührtheit schlief. Das Licht der Laterne brannte schon rötlich; er mußte mit der Batterie sparsamer umgehen, wenn sie für den Heimweg noch reichen sollte.
Der Wind blies steif und hohl von Norden heran, er orgelte im Schilf. Eine Kette von Wildenten stieg vor Krojitsch mit rasselndem Schlage empor. Und Frösche, Myriaden brauner Frösche hockten, je weiter die Nacht hereinbrach, stumm und furchtlos in feinem Weg. Und bann kam ein Anblick, der ihm das Gefühl nahenden Unheils schauernd einjagte: Eine große Ringelnatter sah er neben den Schienen liegen, und rings um sie hockten die Frösche und glotzten an ihrer Todfeindin vorbei, als wäre die Feindschaft der Kreatur ausgelöscht, — als ruhe wieder der Löwe neben dem Oechslein und der Tiger neben dem Jungen der Hirschkuh ... Und auch vor ihm, dem Menschen, floh die Natter nicht, flohen die grünen Echsen nicht, floh nichts, was das Moor in dieser unruhvollen Nacht an kaltblütiger Kreatur auf seinen Weg gesandt hatte.
Eine unerklärliche, namenlose Angst schleicht Krojitsch ins Herz. Die Wolken jagen zersetzt über den Himmel, und durch seine schwarzen Tiefen segelt in unheimlicher Stille der Schwan. Das Schilf biegt sich nieder, und die Pappelzweige klappern wie böse Kastagnetten. Krojitsch stapft vom Entsetzen gepeitscht vorwärts. Flüchtet wie die Kreatur des Sumpfes zum Lande hin und will nicht wissen, wohin er tritt . . . Flieht zu den Höhen jenseits der alten Brücke, wo die Türme von Peterwardein hinter dem schmalen Föhrenstrich stehen. Und gleitet aus, stürzt nieder, die Laterne zerschellt am eisernen Schienenstrang, erlischt . . . seine Hände suchen einen Halt, finden einen feuchtkalten Amphibienklumpen ... er springt in furchtbarem Entsetzen empor und rennt, stolpert, stürzt vorwärts.
Endlich umklammert er das Brückengeländer, zieht sich weiter durch eine Dunkelheit, die bas phosphoreszierende Moorwasser milchig auffärbt, schaut mit wild klopfendem Herzen zu dem grauroten Schein am Himmel. Das ist Peterwardein, ist die Stadt, Menschen, Sicherheit . . . Und da erfüllt ein Brausen die Lust und
nert und saust. Das Wass-r! Der Damm ist geborsten! __ Die Brückenpfeiler erbeben, das Holzwerk kracht und knirscht, die Brücke schwankt wie ein Schiff auf See.. . , hält . . . hält noch immer. Krojitsch taumelt vorwärts, kriecht wie ein Reptil auf das feste Land, küßt die Erde, die kalte Erde und schaut hinter sich, wie das heran- braufenbe Wasser roilb am Eisenbahnbamm empor- schäumt und steigt und schwillt, Balken und Bäume wie Mauerbrecher in seinem rasenden Sturz mit sich führt und — den Damm überrennt! Und in dieser Minute fein Haus fand Weib und Kind fortreißt, sein Haus mit Weib und Kind, Krojitsch taumelt vorwärts, hat kein Herz mehr, seit über ihn das Wissen um sein Schicksal hereingebrochen ist, seit er weiß, baß bie verfluchten Wasser alles gefressen haben, woran seine Seele hing, die Rosenstöcke, die' sich zum Blühen anschickten — und den Apfelbaum, der heuer seine ersten Früchte tragen wollte. —
Ein roter, böser Mond steigt wie ein Brand über den Horizont und klettert durch die schwarzen Wolkenberge; spiegelt sich in schäumendem Wasser, soweit bas Auge reicht; leuchtet in ein schwarzes Loch, das die Fluten mitten in die Brücke hereingerissne haben.
Da hineinspringen! denkt Krojitsch und starrt in bie Finsternis. Längst haben die Wolken den Mond ver- schluckt. Sein Stern will mehr leuchten. Nichts begleitet seine Gedanken als das Rauschen der Wasserstrubel, das Bersten nachstürzender Brückenpfeiler — und irgend- umher der verzweifelte Schrei eines Bogels, der um seine Jungen klagt.
Krojitsch beugt sich über die gurgelnden Fluten herab, tränenlos, versteinert vor Schmerz. . Sieht bas Kind in der Hand des nassen Todes und sein Weib im grünen, gläsernen Sarge treiben.
In feinem Rücken dröhnt es heran. Krojitsch fährt wild herum. Der Orientexpreß mit feiner Menschen- fr acht! Mit einer Stunbengeschwinbigkeit von hundert Kilometern — und niemand ahnt, baß er ins Verderben fährt Haben Peterwardein verlassen, ehe der Telegraph warnen konnte.....Halt!" brüllt Krojitsch und
schwenkt die zerbrochene Laterne durch die Luft. Wirst sie fort, rennt dem Zuge entgegen: „Halt! halt. — Niemand bemerkt den Mann. Mit unverminderter Ge- fchwindigkeit donnert die Lokomotive heran. Krosltsch neben den Schienen brüllt, winkt mit beiden Armen — weiß, daß fein Rufen ungehört, er selbst ungesehen bleibt. Vierzig, dreißig Meter noch trennen ihn von dem Zuge, dessen Laternen ihr Licht nur kurz vor den Fahrweg streuen. Hundertundsechzig Menschen schlafen, wachen, spielen, sprechen und ahnen keine Gesahr. Hun- dertunbsechzig Menschen rasen in den Tod l — — Unb da bleibt denn nur eines übrig, das Letzte, Schwerste: Serge Krojitsch springt mitten ins Gleis, mitten in die Lichter hinein. Und der Zug hält . . .
Das Opfer des Serge krojttfch . Skizze von Horst Biernath.