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irr. 181

Nachlese in Feld.

Der schwere Rechen hat mit krummen Zinken verstreute Halme weggefegt aus spröden Stoppeln.

Durch kahle Felder streifen arme Kinder mit nacktem Fuß, zur Erde hin gebückt, Nachlese haltend.

Die letzten Aehren sammeln sich zum Bündel, ein karger Rest des großen Ueberflufses, der Scheunen füllt.

Ist nun das Letzte scheinbar weggetragen, so finden auch die flüggen Sänger noch manch winzig Körnlein. -ll.

Urlaub vom Ruhm gesucht.

Berühmte Männer im Bade.

Der Ruhm hat auch seine Schattenseiten. Ja, diese sind mitunter so groß, daß der davon Betroffene, wenn er Licht- und Schattenseiten gegeneinander abroägt, nicht selten erklärt, ihm wäre lieber, nicht berühmt zu sein. Eine dieser Schattenseiten, und zwar ein« der größten, ist die, daß er, um mit einem berühmten Manne zu sprechen, seine Visitenkarte stets auf seiner Stirn gedruckt herumträgt. Und das ist mitunter ein« wahr« Qnal. Ein jeder hat das Bedürfnis, einmal wo hinzukommen, wo er, allen unbekannt, mit keiner Vergangenheit belastet, wie von neuem anfängt, Mensch zu sein. Das ist wie ein Jungbad, aus dem man wie neu belebt wieder emporsteigt. Und dies« Wohltat ist dem berühmten Manne versagt. Wo er auch hm- kommt, gleich drängt sich sein Name aus der Liste der gewöhnlichen Sterblichen hervor, und er ist mit allem belastet, was er je gedacht, getan, ausgesprochen hat. Vergeblich hat er versucht, sich selber zu entfliehen. Wahrlich, man kann es verstehen, daß Goethe sich inkognito auf dis- Badereise begab und selbst feine vertrautesten Freunde mitunter nicht den Ort seines Aufenthaltes wissen ließ; daß andere berühmte Männer die «ntlegendsten Gegenden aufsuchten, um nur der Neugier der Zeitgenossen zu entgehen.

Ganz schlimm fft es aber, wenn ein Berühmter nicht jene Unnahbarkeit aufzubringen weiß, die die Zudring­lichen wenigstens in einiger Entfernung hält. Davon konnte Schiller ein Lied singen. Es liegt vor uns ein Bericht über einen Badeaufenthalt Schillers in Lauch st edt vor, der geradezu Mitleid mit ihm er­regen muß. Schon lange vor seiner Ankunft hatte sich das Gerücht verbreitet, daß er komme, und so wurde er denn bei seinem Eintreffen von ziemlich sämtlichen Badegästen empfangen. Ungezählte Händedrücke mußte er austeilen, die Kinder haschten nach seinem Rockzipfel, die Damen suchten wenigstens eine Stelle seines An­zuges zu berühren. „Die bunte Menge beängstigte ihn förmlich, die Ehrenbezeigungen wurden ihm unheimlich", so berichtet der Weimarer Schauspieler Genast, der sich damals auch in Lauchstedt aufhielt. Und das wieder- holte sich nun all« Tage. Vergeblich suchte Schiller die einsamsten Wege auf. Sobald es sich herumsprach: „Er ist dahin oder dorthin angegangen", dann wählt« jeder gewiß den Weg, wo er ihm begegnen mußte. Und Schiller vermocht« nun einmal nicht, abweisend und kühl zu sein wie Goeth«, der „stolz wie ein König, mit hocherhobenem Haupte, dasselbe bei einem Gruß nur gnädig neigend," durch die Menge ging.

Heute bestehen dies« Schattenseiten der Berühmtheit womöglich noch in verstärktem Maß«. Di« be­rühmten Männer sind noch mehr als früher jedermamm bekannt und in jedermanns Munde. Es dürft« für sie kaum noch die Möglichkeit bestehen, inkognito zu reisen. Wenn sie einmal sich selbst gehören wollen, so bleibt ihnen kaum eine andere Möglichkeit, als einen weltent­legenen Ort aufzusuchen, wohin weder ihr Name noch ihr Bild gedrungen ist und wo sie vor Touristen ziem» lich sicher sind. Tatsächlich findet man denn auch, wenn man die Besucherlisten der bedeutenden Kurorte und Seebäder durchsieht, selten einmal einen berühmten Namen darin verzeichnet. Die berühmten Männer ziehen offenbar weniger bekannte Orte vor. Wenn sie sich einmal in ein vielbesuchtes Bad begeben, dann

Beilage zur Fuldaer Zeitung

7. August.

müssen sie darauf gefaßt sein, daß ihnen die vielgeschäf­tige Fama und di« noch gefährlicher« Kamera der Photographen auf Schritt und Tritt folgt. Und schließ­lich hat jeder einmal Momente, wo er nicht gern photo­graphiert sein will; z. B. wenn er ttn Badekostüm zum Strand hinabsteigt. Bismarck mußte sich in Biarritz ge­fallen lassen, daß es hinter ihm her erklang: „Doila un fou furieux!" (Siehe den roiittaben Narren!)

Freilich, gegenüber den direkten Zudringlichkeiten des Publikums haben die Berühmtheiten heutzutage einen Vorteil auf ihrer Seite: di« Etikette fft strenger geworden, die Formen des gesellschaftlichen Lebens ver­pflichten! Heute muß man wenigstens „vorgestellt" fein, wenn man sich einem anderen nähern will. Und so müssen denn die modernen Neugierigen — besonders die Damen sollen sich darin auszeichnen —, schon gewisse kleine Tricks ausfinden, um die Bekanntschaft einer Be- rühmthett zu machen. Einer der bedeutendsten noch le­benden Schauspieler erzählle, daß er einmal auf einem Spaziergang in einem Schwarzwaldbad nicht weniger als ein halbes Dutzend Gegenstände, die zu der Aus­rüstung einer Dame gehören, wie Handtäschchen, Ta­schentücher, Medaillons, Armbänder, vor sich habe auf den Boden fallen sehen. Aber er sei herzlos an all den Sächelchen vorübergegangen, und im Geiste habe er sechsmal hinter sich her erklingen hören: Unge­schliffener Kerl . . . Den Bogel abgeschossen aber hat entschieden eine Dame, die derselbe Mime einmal bei der Rückkehr von einem Spaziergang in seinem Zimmer häuslich eingerichtet fand. Sie begrüßte ihn, als er eintrat, aufs freundlichste mit den Worten: „Ah, Sie kommen wohl Ihren Koffer abholen?" und wollte ihm weiß machen, das Zimmer sei ihr von dem Wirt wohl irrtümlicherweise als unbewohnt zugewiesen wor­den. „Ich unterließ es leider, nachzuforschen, wie fie sich den Schlüssel dazu verschafft hat . . ."

Andererseits aber gibt es unter den Berühmtheiten auch Persönlichkeiten, denen es keineswegs unangenehm ist, Mittelpunkt eines großen, ewig belebten Kreffes zu fein; die sich den Sturm der Mitwelt auf ihr« Person gern gefallen lassen und sogar eine gewisse Anregung für ihr Schaffen daraus entnehmen. „Den Ruhm füh­len, treibt zu neuen Ruhm-Derdiensten an". So wird von einem modernen Dichter erzählt, daß ihm solche Stunden des „E « r c l e - H a l t e n s" geradezu iment- behrlich sind. Selbst di« besten Krttiken können chm nicht die lebendig« persönlich« Berührung mit einem Publikum, das sich an ihn herandränyt, ersetzen. Und er spürt das Bedürfnis, immer neue Gesichter um sich zu sehen. Da HW allerdings nichts anderes als — der Badeort.

Grotzstadtspiel.

Zwischen hohen Mietskasernen an einem Bahn­damm im Osten Berlins steht ein alter verlassener Eisenbahnwagen 4. Klasse ohne Räder. Di« Fenster sind fast alle herausgefallen und das Dach ist an man­chen Stellen beschädigt. Die Lust fft dunstig. Ein fei­ner Regen fällt hernieder. Alles ist grau und diesig. Ein Güterwagen fährt auf dem nahen Bahlchamm vor­über. Die Bremsen kreischen. Es quietscht furchtbar auf den feuchten Schienen. Ein Schaffner springt von einem Viehwagen herab und pfeift schrill. Die Loko­motive antwortet noch lauter. Der Zug setzt sich rat­ternd in Bewegung.

Im zweiten Stock eines grauen Hauses der benach­barten Straße zanken sich zwei alte Weiber. Man hört deutlich ihre geifernden Stimmen. Die eine geht aus den Hof hinunter und schimpft nach oben. Von oben wird ein Eimer Wasser heruntergeschüttet, deffen Inhalt sich klatschend über den Hof ergießt. Kleine Kinder ma­chen Geschrei und Grammophone kreischen.

Das fft Sonntagsstille.

Man erkennt den Sonntag hier nur an dem fernen leisen Glockenläuten.

Da kommen vier Kinder auf den Hof. Zwei Mäd- chen und zwei Knaben. Ihre Kleider sind zerlumpt und schmutzig. Die kleinen, nackten Füßchen sinken bis zu den Knöcheln in den Morast ein. 3ebes der Mädchen trägt eine kleine, alte Puppe im Arm. Sie klettern über einen niederen Zaun und verschwinden hn alten

Eisenbahnwagen. Nach einer Weile kommen sie wieder heraus und rufen laut: „Margot! . . . Mar—go—ot!"

Da steigt aus dem schwarzen Kellerhals des grauen Hauses eine schmächtige Mädchengestalt, die auch im Arm eine klein«, nackte Puppe trägt. Liebevoll um­fassen di« Minnen Kinderfingerchen den Leib der Puppe.

Nachdem st« alle versammelt sind, fangen fie an zu spielen: Die Männer gehen zur Arbeit. Die Mädchen machen Me Wohnung, ihren alten Eisenbahnwagen, etwas sauber. Dann spielen sie „Abend". Sie machen mit einem roten Kleiderfetzen an einer Stange einen Umzug. Die Knaben bestehen darauf, daß eine Puppe von den Schupo erschaffen werden muß. Dann wollen sie die Puppe begraben. Der eine der Jungen holt einen verrosteten Spaten und gräbt ein kleines Loch. Gluck­send steigt das Waffer bis zum Rand des Puppen­grabes. Schon vorher haben die kleinen Mädchen ge­weint. Man steht di« Spur der Tränen auf ihren schmutzigen, schmalen Kinderwangen. Als die Puppe in das Gr«Ä> gelegt werden soll, bricht das eine Mäd­chen in Tränen aus, entreißt sie dem Jungen und schluchzt laut auf: „Sie ist nicht tot, sie fft nicht tot!"

Da fomnti ein schwer betrunkener Mann über den

Hof. Er brüllt: „Margot!" Das Kind stürzt erschreckt auf den Vater zu. Er empfängt es mit einem Faust­schlag. Mit einem Fußtritt befördert er das Kind die Kellertreppe hinunter. Unten brüllt er es an: „Was, du hast gespielt, anstatt zu betteln? Verflucht« Göre!" Er würgt das Mädchen und schleudert es in eine Ecke. Seife wimmernd bleibt es liegen.

Der Mann geht die Treppe hoch in die nächste Ka­schemme, um feinen letzten Heller in Wisky umzusetzen.

Als der Laternenanzünder durch die im Dunkel lie­gende Sttaße fährt, kommt eine blaffe, schwangere Frau ip den Keller. Sie sieht das Kind in der Ecke. Zit­ternd hebt und senkt sich die kleine Brust in unregel­mäßigem Schlag. Die Frau sieht auch die Würgmale am Hals des Mädchens. Langsam steigt sie die Keller­treppe hinauf und lehnt sich an einen Betonpfeiler und über ihr eingefallenes, vom Fieber glühendes Gesicht rollen Tränen.

Es hat draußen aufgehört zu regnen. Der Himmel fft klar. Der Mond wirft seinen bleichen Schein auf das graue Haus. Die Sterne stehen blaß am nächtlichen Himmel, denn das Licht der Großstadt will sie über­strahlen. O. W.

Bauern ziehen in die Staöt

Von Johannes von Kunowski.

In der Gemeindeschule des Dorfes drückten die drei dieselben Bänke. Auf der Mädchenseite Gabriele, mit strohblonden Zöpfen, die unwahrscheinlich bunte Schlei­fen zierten, bei den Jungen Thomas, der mit den schwar­zen Locken, und Werner, der ftüh schon die Brille trug.

Bauern, die Eltern aller drei. Möglich, daß dieser oder jener eine Hufe Landes mehr oder weniger besaß, ihr Leben aber war einander gleich wie der Duft von den warmen Ställen, der abends hinüberdrang zu den kleinen Häusern mit den zerkerbten Tischen . Nur Tho­mas, dessen schwarzes Gelöck ihn unterschied, trug in seinem Mut ein Geschehen der Voreltern, von dem die Schwätzer im Dorfe munkelten. Nichts wußten. Nein. Aber doch sprachen. Mit breiten Mündern, die ein wenig feucht waren vor Behagen über die alte Geschichte.

Die Kinder wuchsen. Schon war die Zeit vorüber, daß ans tfyrem Ranzen an einer Schnur der Schwamm hing, jetzt trugen fie Joppen und Mieder mit blanken Knöpfen, die Mädchen hakten sich ein und hatten immer­während zu lachen miteinander, und die Jungen taten sich vor ihnen groß mit Schleudern von Steinen ober einer Balgerei, diesen ritterlichen Turnieren der Jung- mannen. Und wenn die Jungmädchen zusahen, bann tönte beiden, dem Thomas wie dem Werner, Gabrieles Lachen aus dem hellen Geläut all der Mäbchenkehlen heraus. Damals begann es. Thomas, ber Schwarzge­lockte, war einer, der schnell begriff und mit wildem Schwung die Aufgaben meisterte, die das junge Beben ihm stellte. Werner blinzelte bedächtig erst durch die Brille, dann aber griffen seine guten Bauernhände zu, hart, ohne Lassen, und taten sich solange mit dem Ding, bis es gefügig, auch ihm erlag.

Doch Thomas, der Spieler, dem leicht alles glückte, hatte noch etwas, was ihn über die Kameraden erhob, — das war feine Stimme. Er fang zu des Lehrers Freude und der Mädchen offenem Entzücken. Die Locken im Nacken, — und wenn sich feine Hand unter dem Zwang ber Töne bewegte unb sich auf fein Herz legte, bann glänzten die Augen ber Mädchen ihm zu. Es war das Fremde in ihm, von dem die Alten lästerten, das er wie eine seltsame Frucht zwischen die rotbäckigen Aepfel der Bauerngärten trug. Gabriele liebte den Tho­mas um dieses Außergewöhnlichen willen, trenn man ihr jähes Erröten unter feinen Augen und Worten so deuten wollte. Thomas war der erste in ihrem sich öff­nenden Herzen, und weit, weit hinten erst erhoben sich nebelhaft die Züge des anderen. Werner l'tt viele ein­same Stunden um dieser Mädchenröte willen; er saß sommers dort, wo die Heide sich dehnte, hie Fäuste in­einander, und dachte mit schmerzendem Kops an die beiden, winters hockte er im Stall bei den warmen Kühen, und er lernte den Fremden hassen, wie er ihn nannte. Was ihm in langer Zeit mühsam gelang, flog jenem zu. Um was er rang, verschenkte bis Mädchen für einen Blick dieses anderen!

Als die drei groß geworben, schien es, als trennten sich ihre Wege. Werner blieb, wo schon bie Wiege ber Vater geftanben. Thomas ging in die Stadt, Künstler zu werden, und ließ ein Mädchen zurück, das um ihn wemte.

Wieder gingen die Iahte Die Dinge im Dorre aber liefen ab, wie »s sich für -ie gehörte zwischen den nie­deren Häusern und den guten Tieren. De; Mädchens Tränen versiegten, ihre Augen hielten Umschau, und als Wei ner endlich vor sie t'rfrat, da nahm fie ihn.

Sie fuhren, als ihre Reife zur Hauptstadt fällig war, die ein jeder Bauer einmal in feinem Leben macht, um für fein Alter davon -u sprechen, zu dem Meer der grauen Häuser. Wuchtig und schwer, ein Paar, wie es fremd auf dem glatten Boden solcher Städte ist. Zwei Menschen, bet deren Anblick manch einen der Gehetzten Sinnen und Neid überkam.

Groß waren die Plakate, leuchtend, für Menschen wie Werner erdacht. Die Operette und — Thomas Reuter! Da war er wieder, der Name! Sie gingen, es zwang sie, dorthin zu gehen. Und der Mann zog unwillkür­lich Gabrieles Arm fester unter den seinen, als sie die Helle des Theaters betraten.

Thomas fang. Er war voller geworden in den Jah­ren, und das, was früher köstlich an ihm gewesen, ge­wichen dem Handwerk gleißenden Scheins.

Der biederen Leute Plätze waren nicht danach, dies zu erkennen. Sie hörten nur seine Stimme, die ihnen noch um vieles schöner erschien als damals. Und er war ein Prinz mit funkelndem Schnürrock und klingen­den Sporen, schwang ein Glas Champagner und küßte eine Frau, die ein Fabelwesen schien, das nichts gemein hatte mit den braven Frauen hier auf den Plätzen. Doch als Werner die Nachbarn musterte, sah er, daß der Frauen Augen an Thomas hingen, daß sie verzückt ihre Köpfe seiner Stimme neigten. Und Gabriele — Wer­ner erschrak, als er auf ihren Wangen die Röte von einst wiedererkannte und ihr Blick über ihn hinweg zu dem Verhaßten, dem Fremden, ging.

Außerordentlich schien es, daß der Mann Werner noch ein zweites Mal zur großen Stabt fuhr. Seine Brille unb die treuen Hände hatten ihn erwählt zum Vorsteher der anderen. Pflicht rief ihn. Gabriele aber war mit ihm. Sie war nun eine alte Frau. Werner wußte nicht unb fragte sich, was fie in der Stadt wolle.

Doch es lockten nicht wieder Plakate. Er ging feine Wege, die ihm so wichtig waren, und über die die Städter nur lächelten. Am Abend aber zogen die Leute Werner, wie es sich gehört, in eine Schänke. So eine kleine, mit Bauernhumor unb groben Spässen. Der Mann war fröhlich. Trank. Tanzte einmal mit Ga­briele, im Zweitakt, steifbeinig, auf unb nteber, wie ba- heim die ungelenken jungen Pferde springen. Er pru-

Das Raffel des Tushintang.

Roman von Kurt Martin.

Eovdrigbt bb Verlag Neuer Leben. Bavr. Gmain.

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Särgen Bollander ließ Ingeborg Bergners Tagebuch sinken. Er sprach leis:

»Ein ©onnenfonntagsglürf hast du wohl auch für dich erträumt, Ingeborg, unb du wärst wohl bas rechte Weib gewesen, in eines Mannes Leben wahres Glück hinein­zutragen. Gewesen? Soll das nicht mehr geschehen können? Ist alles vorbei, was du erhofft hattest? Bist du tot, bist du gefangen, in schlimmer Gewalt, der Tier eines Menschen ausgeliefert, der in tierischer Roh­heit nach dir greift, der —?"

Er sprang auf. Er rief ganz laut:

„Wenn ich doch wüßte, wo du weilst, Ingeborg, wenn ich doch den Weg zu dir fände! Mir wollte ich hich erringen!"

Und er erschrak über sich selbst.

3a, liebte er denn dieses Mädchen? Siebte er eine, Oie er nie sah, mit der er nie sprach? Nie sah — nie sprach? Was galt denn ber äußere Mensch! Was galt es, ob Ingeborg Bergner schön oder nicht schön war von ^"gesicht, ob ihr Haar blond oder braun ober schwarz ®ar’ sie — was galt bas alles! Er hatte ja ihre eele gesehen! Da in bem Buche offenbarte sich ihm igre Seele, unb wenn er bie kannte, dann kannte er 'ingeborg. Sie war ihm keine Unbekannte, sie war ihm "nhe, ganz nahe. Nahe unb — unerreichbar!

IV.

Der Flußbampfer, mit dem am nächsten Morgen ' »gen Bolland-r seine Fahrt aus tem Jmattekiang aufwärts begann, war nur schwach besetzt. In der Hau;tsache waren es Chinefm tie in ba? Innere des tanbes fuhren, etliche Engländer aus Hankou, dic dort eruflich tätig waren, in Schanghai dies und jenes zu ju erledigen hatten unb nun zurückfuhren.

Sorgen Bollander hatte Kapitän Holms die Grüße «rahusens ausgerichtet, und der war sichtlich erfreut, n>as von feinem alten Freunde zu hören, vor allem

über die Abenteuer, die dem„Kweipautu" während seiner letzten Fahrt begegnet waren, über den Untergang des „Tushintang" und die Rätsel, bie bamit zusammen- bingen. Sobald es fein Dienst erlaubte, zog er Särgen Bollanber in feine Kajüte unb ließ sich alles haarklein erzählen, was sich in jener Nacht zugetragen hatte. Er schüttelte roieber unb wieder den Kopf, und als er alles erfahren hatte, murrte er:

„Satansbrut! Unb bas Schicksal des Mädchens liegt Shnen besonders am Herzen? Sst ja auch schauder­haft! Aber wissen Sie: Es wird fein Mensch noch etwas über dieses Mädchen erfahren. Sie fft verschwun­den und wird verschwunden bleiben; ihr Glück, wenn fie gleich in jener Nacht getötet wurde, denn was sonst ihr Schicksal ist —."

Der chinesische Boy mar lautlos eingetreten und brachte einen Imbiß, den Knut Holms für sich und seinen Fahrgast bestellt hatte. Sorg Bollanber hatte das Kommen des Dieners nicht bemerkt, er sprach er­regt:

„Alle Fahrgäste des „Tushintang" sind bestimmt nicht getötet worden. Da ist ein Dr. Sm! Er lebt, er schickt mir sogar einen Drohbrief. Warum droht mir dieser Mensch?"

„Haben Sie dem chinesischen Polizeichef in Schang­hai etwas von dem Fetzen grünen Schals gesagt, den Sie auf dem „Tushintang" fanden, Herr Bollander?"

Da flirrten hinter ihnen zwei Tassen zusammen, unb Särgen Bollander wandte rasch den Kopf. Er sah den Chinesen, schaute in dessen fragende Augen, die für einen Augenblick den seinen begegneten. Dann brachte der Boy dienstbeflissen bas Tablett unb bot es dem Kapitän dar. Der aber wies auf Särgen Bollanber:

„Zuerst meinem Gast!"

Als sie hernach roieber allein waren, sagte Bollanber:

„Shr Diener hat vorhin manches gehört, was wir sprachen. Ist er schweigsam?"

„Sch bente schon. Er steht erst furze Zeit in meinem Dienst. Mr. Liü-Fu-Tang in Wentschou, bem ja Ihre Reise gilt, hat ihn mir empfohlen. Der Bursche wollte so gern aufs Schiff. Da nahm ich ihn. Bisher hat er mich nicht enttäuscht."

„Was ist Mr. Liü-Fu-Tang für ein Mann?"

„Er ist überall geachtet, gerabe wie es Rung-Kü- San war, fein Bermanbter, ber befannte Edelsteinhänd­ler, den man kürzlich erwürgte."

„Man kennt den immer noch nicht, ber Rung-Kü- San tötete?"

„Nein! Wissen Sie, es ist da manches sonderbar. Seit bem Tage, an dem Rung-Kü-San erwürgt wurde, ist sein Diener spurlos verschwunden. Wenn ich mich nicht irre, hieß dieser Mensch Schü-Seing. Manche sagen, er habe seinen Herrn aus Geldgier erwürgt und sei mit vielen Juwelen geflohen; andere wieder schwären auf feine Treue und behaupten, er belauere heimlich den Mörder. Wer weiß das Rechte! Dann redet man auch viel von Shetton, von Henry Shelton, ber als Vertreter der Londoner Juwelenfirma Ribber u. Black in Tschong- jing lebte."

„Was ist mit dem?"

„Shelton soll am Ende der Mörder Rung-Kü-Sans fein."

„Um der Juwelen dieses Chinesen willen?"

„Ach nein, aus Eifersucht!"

„Was Sie nicht sagen!"

„Rung-Kü-San soll Sheltons Frau sehr verehrt ha­ben, und das ist Shelton wohl nicht mehr angenehm gewesen. Man hat nie viel über sein Eheleben gehört, wissen Sie. Er soll seine Frau sehr von der Welt ab­geschlossen gehalten haben. Ja, und nun ist er wohl auf Rung-Kü-San eifersüchtig gewesen. Seine Ge- schästsverbindungen mit bem reichen chinesischen Händler brachte es mit sich, daß Rung-Kü-San ziemlich oft in Sheltons Haus weilte, und er soll da eben weniger aus geschäftlichen Gründen als vielmehr der reizenden Frau Lilith zuliebe gekommen sein."

Jörgen Bollander richtete sich jäh auf.

„Lilith? Lilith, sagen Sie —?"

„Sheltons Frau heißt Lilith."

„Das ist allerdings sonderbar! Ich kenne ein kleines, goldenes Kästchen, das an Bord des sinkenden „Tushing- tang" gefunden wurde —."

Und er erzählte Knud Holms von diesem Fund, von der Gravierung im Inneren des Deckels, von den Worten heißer Liebe, die aus den feinen Verzierungen des Käst­

chens zu enträtseln waren. Der Kapitän pfiff leise vor sich hin.

„Also haben die doch recht, die von der Liebe Ruvg- Kü-Sans flüsterten! Und der hitzige Shelton. Der Mann ist mir nie sympathisch gewesen, wissen Sie."

„Gewesen."

„Ja, er ist nicht mehr in Tschongjing. Sein Londoner Haus hat ihn nach Mandallay gerufen; er ist jetzt dort für seine Firma tätig. Sein Nachfolger in Tschong­jing ist ein Mr. Bilms*

„Shelton ist erst kürzlich aus Tschongjing abgereift?"

„Ja. Er hat mir aber nicht die Ehre erwiesen, mit meinem Schiff zu fahren. Er besitzt ein elegantes Mo­torboot, unb mit bem ftnb er unb feine Frau rach Schanghai gefahren. Er wollte bas Boot in Schanghai verkaufen."

„Unb biefer Shelton wird also verdächtigt. Aber hat sich denn irgendein Beweis der Täterschaft gegen ihn gefunden?"

„Nein. Man hat ihn wohl in keiner Weise behelligt. Mir wurde erzählt, Mr. Liü-Fu-Tang in Wentschou habe sich besonders dafür verwendet, daß man Shelton in keine Untersuchung zog."

Ein Mattose rief den Kapitän an Deck, und Särgen Bollander folgte den beiden. Er zog sich einen Stuhl an die Reeling, ließ sich darauf nieder und sah hinaus auf die weite Fläche des Jangtfekiang, dieses längsten aller chinesischen Ströme, dessen schmutzig trübe Wasser an ihm do rüberglitten.

Mit einem Mal war ihm, als ob eine Hand in seine Jakettasche glitt. Er griff hastig zu, fühlte in die Tasche, faßte ein Papier unb zog es heraus. Staunend ent­faltete er es.

Wie tarn das Papier in seine Tasche?

Er sah sich um, aber es war niemand in seiner Nähe zu erblicken. Nun prüfte er das Blatt genauer. Schein­bar war es leer; aber ganz oben am inneren Rande standen etliche chinesische Zeichen.

Galt bas wirklich ihm? Was sollte bas bebeuten? Wer hatte ihm hier auf bem Schiff eine Nachricht zu­zustecken? Was besagen biefe Zeichen?

Seine Kenntnisse des Chinesischen waren nicht aus­reichend, den Sinn dieser Zeichen zu entjiffer Er er«