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irr. 181

Beilage zur Fuldaer Zeitung

7. Auguü.

12. Sonntag nach Pfingsten.

(Eingangslieb (pf. 69, 2—3).

Sott, hab acht, send Hilfe mir: Herr, eile, mir ?u helfen. Zu Schanden sollen werden und sich schämen meine Feinde, die mir nach dem Leben streben (Pf. ebd. 4). Es sollen zurückweichen und schamrot werden, die mir Unheil zugedacht.

Epistel: (2 Kor. 3, 4—9.)

Brüder! Ein solches Vertrauen haben wir durch Christus zu Gott. Nicht als ob wir imstande wären, aus eigner Kraft etwas zu denken, sondern unsere Fähigkeit kommt von Gott. Er hat uns auch befähigt, Diener des Neuen Bundes zu sein, nicht dem Buchstaben, sondern dem Geiste nach. Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig. Wenn nun der Dienst des Todes, der mit Buch­staben und Stein eingegraben wurde, mit einer solchen Herrlichkeit umkleidet war, daß die Söhne Israels das Angesicht des Moies nicht anschauen konnten wegen des Glanzes auf seinem Antlitz, der doch vergänglich mar, wie sollte dann nicht viel­mehr der Dienst des Geistes voll Herrlichkeit sein. Denn wenn dann der Dienst der Verdammung schon so herrlich war, um wievielmehr muß dann der Dienst der Rechtfertigung reich an Herrlichkeit sein! ,

Evangelium: (£ut. 10. 23—37.)

Der barmherzige Samaritan.

Dein Nächster.

Betrachtung zum Sonnfagseoangelium.

Heute ist wieder eine der schönsten Geschichten daran, die wir von den Kindheitstagen an kennen und die wir lieb gewonnen haben. Denn daß sich der Samariter des armen Mannes, der unter die Räuber gefallen war, so mit ganzem Herzen an­nahm, gefällt uns.

Aber damit darf für uns die Geschichte nicht abgetan sein Es ist mit dem Evangelium, m'.t der Frohbotschaft, ganz anders wie mit einer an­deren Geschichte. Die dürfen wir lesen und uns daran erfreuen. Hier aber spricht Gott. Und es wäre für dich als Leser und mich als Schreiber schlimm, wenn wir dies vergessen würden. Das Wort würde statt zur Heilsbotschaft, zum Gericht. Auch hier ist es wie mit dem Leib des Herrn, die einen essen ihn zum Heile, die anderen zum Un­tergang. Wo die Ehrfurcht mangelt, da sollte lie­ber alles stumm bleiben. Auch bei mir, der ich mit dir davon spreche.

Gott spricht durch die Frohbotschaft, kein ande­rer. Er hätte freilich auch andere Wege wählen können und er tut es auch. Aber für den Chri­sten hat er als menschgewordener Gott durch die Frohbotschaft gesprochen Wer sie mit anderen Au­gen betrachtet, der tut Unrecht, entweder, daß ihm das Unterscheidungsvermögen fehlt, oder daß er bewußt Mißbrauch treibt.

So ist es also heute wieder. Und wir müssen beide auf den Sinn hinhorchen, wie er sich uns er­schlossen macht. Du sagst, das ist doch ganz ein­fach: Christus erzählt das Gleichnis und fügt ja wortwörtlich hinzu: „Geh hin und tue desgleichen."

Ja, so ist es. Aber ich bin darob doch er­schrocken und möchte dich nun gleich mir zum Nach­denken bringen. Gewiß ist es die Liebe, die der Heiland wie so vielerorts auch hier wieder ver­langt. Aber es 'oll eine handelnde Liebe sein, die in der Tat ihren Ausdruck findet. Ein frem­der Mensch ist es, der unter die Räuber ge« Een ist. Keiner von den vorübergehenden kennt ihn, auch der Samariter nicht. Aber er nimmt Uch doch des Fremden an und feine Handlung er» kennt der Heiland allein von allen an. Die an­deren— auch der Pharisäer darunter, der gewiß

Katholizismus und Dichtung.

Zur Veranstaltung des AlerkkreUes für katholische Dich­tung der Zeit auf dem Katholikentag in Essen.

(Freitag, den 2. September, 15 Uhr im Vortragssaal des Folkwangmuseums. Die Veranstaltung ist jedermann

zugänglich.)

P. F. Muckermann schreibt im Juliheft des „Gral": „Wir sind uns im deutschen Katholizismus darüber klar, daß das wichtigste Problem der Zeit in der z e r r ü 11 e» ten gesellschaftlichen Ordnung liegt die wie­derum mit der ungerechten Verteilung der Güter zusam­menhängt. Hier hat ein großes Schassen und Bauen be­gonnen." —

Wirtschaftsführer, Politiker, Philosophen, Publizisten Md am Werk, kämpfen gegen die Not, suchen nach einem Ausweg. Einer stand bisher kaum beachtet abseits: der katholische Dichter.

Und doch haben wir ihn und fein Schaffen ebenso notwendig wie die anderen. Denn wir wissen und er­leben, daß Hilfsmaßnahmen und Lösungsversuche nutz- trfv Hoheiten bleiben, wenn sie nicht in der Tiefen- 'H'chk einsetzen, aus der allein die neue Ordnung kom­men kann: aus der Erneuerung des Menschen.

Die aber kann nicht aus Wirtschaftsverträgen und politischem Systemwechsel kommen, sondern einzig aus dem Glauben und der Verwirklichung des göttlichen Weltgesetzes.

. Und darin erfüllt sich der Sinn der heutigen katho- /scheu Dichtung, daß sie vor die Zeit das k a t h o l i s ch e Weltbild und Gesetz hinstellt, — nicht in Theorien und Schlagworten, sondern in lebendigen Gestalten und ^schehnissen, daß sie fordernd und verkündigend, rück­sichtslos und eindeutig die Wahrheit sagt und dos Mahre Iestaltet. Der Dichter hat wie kein anderer die Gnade °es Wortes und die Macht des Ausdruckes empfangen.

hat heute wieder den Willen, durch fein Wort das "den zu formen, das Neue anzubahnen.

Und das ist Wille und Aufgabe des Werkkretfes und lewer Veranstaltung am Katholikentag, soweit das in "er kurzen Stunde geschehen kann, den katholischen

niemals gegen das Gesetz sündigt — gehen vor­über, weil ihre Liebe eingefroren ist.

Ein ganz Fremder ist es, der hier in einer Not­lage anderen Menschen begegnet. Er ist dem Sa-, maritan so fremd wie dir ein Handwerksbursch, ein Zigeuner oder ein Mann auf der Straße, der dir zum erstenmal begegnet. Nicht mehr und nicht minder. Und nun wirst du mein Erschrek- ken über mich selbst verstehen. Wie oft sind uns schon Menschen begegnet, denen ein Anliegen auf dem Gesicht gestanden hat — aber wir schickten sie weiter, vielleicht mit einer Kleinigkeit, die nicht mehr als ein Tropfen Wasser auf einen heißen Stein bedeutete.

Wer das ist nicht einmal das Tiefe, das mir heute beim Gleichnis klar geworden ist: der Hei­land zeigt die mangelnde Liebe des Pharisäers und die hilfsbereite Liebe des Samariters an einem Fremden. Wenn wir schon ihm gegenüber eine volle, eine ganze Liebe an den Tag legen sollen, wie viel mehr sind wir dann den Menschen verpflichtet, die uns nahe stehen! Da ist die eigene Familie, da sind die Nachbarn, die Verwandten. Und wie herzlos ist manchmal unser Verkehr mit ihnen. Kaurn, daß wir uns ihrer er­

innern. Unsere Kälte macht die Liebe gefrieren. Vielleicht sagst du: ich bin doch verträglich und gut mit jedermann. Das mag schon recht sein. Der Pharisäer hatte gewiß keinen Groll zu dem Mann, der da am Wege lag — aber ihm fehlte doch die Liebe. Jeder Mensch, der dir einmal in einer Notlage begegnet, ist ja dein Nächster. Halt mir Umschau in deinem Kreise und erwidere mir nicht, daß es nicht an dir liege, wo das Verhältnis nicht überall gut ist. Du weißt, wie vielmal du Betrei­ben sollst: siebzig mal sieben mal, d. h. dem Sinne nach immer.

Ich will dich mit meinen Gedanken gewiß nicht ängstigen. Es liegt auch eine ganz große Freude in diesem Evangelium. Wer im Sinne des Hei­lands in der Liebe lebt, der muß innerlich voll Reichtum fein, lieber Nacht werden aus uns keine Heilige. Aber der Frohbotschaft öffnen, müssen wir uns, wenn wir als Christen nicht umsonst gelebt haben wollen, was schrecklich märe. Laß uns des­halb wenigstens etwas sicherer auf dem Wege ge­hen, vielleicht zuerst liebevoller zu unseren Haus­bewohnern und Nachbarn sein. Denn auf den gu­ten Willen allein kommt es nicht an, sondern aufs Tun.

w Hflmpfesroeife der russischen Gottlosen

Von Adolf

Dem Autor des im Verlag I. Köse! u. Fr. Pustet, München erschienenen, schnell bekannt gewordenen Buches „Die russische Gottlosenbewe­gung" (248 Seiten. Gebunden Mk. 4.50) stand bei Abfassung ferner Schrift umfangreiches Ma­terial aus der russischen Gottlosenprefse zur Verfügung. Jeder, der den Bestand von Glaube und Sitte in Deutschland gewahrt wissen will, sollte sich über die Organisation und Methoden der Gottlosen in Zieglers Schrift unterrichten. Mit Genehmigung des Verlages geben wir nach­stehend eine Probe aus dem Werk wieder:

Für besondere Anlässe und Ereignisse des Le­bens hat die Kirche ihre religiösen Gebräuche und Zeremonien, ihre Sakramente und Sakramenta­lien. Gegen diese kämpft der Gottlose, wie bei den Feiertagen, mit Ersatzformen und Abschaf­fung. Da der Kommunist wenig für private An­gelegenheiten übrig hat, so ist er geneigt, jegliche, auch Ersatzformen abzulehnen. Wichtig sind ihm bloß die Kollektivereignisse. Don den Radikalen werden die E r s a tz f o r m en bloß als lieber« gangsformen, die besonders unter der länd­lichen Bevölkerung notwendig sind, aufgefaßt. Et­was gemäßigter ist die Ansicht (Kriwochatski 18): „Sie Dftobrinen und Roten Hochzeiten als eine Sawjetform des revolutionären Lebens zu ver­ewigen. ist nicht nur nicht nötig, sondern auch schädlich. Die neuen Lebensformen werden von selbst herauswachsen. Man braucht sie nicht künst­lich zu schäften. Die Dftobrinen und Roten Hoch­zeiten können nicht für solche Formen gelten. Sie sind fast schon vollständig in der Stadt abgekom­men."

Die Dftobrinen, oktobriny, oktobrjonok zum Andenken an die Oktoberrevolution, sind der Ersatz für die Taufe, für die Beschneidung, für die mohammedanische Geburtsfeier. „Dabei wird kein höheres Wesen herbeigerufen, sondern die Pio­niere, die Komsomolzen, das Fabrikkomftee. Man wendet sich nicht an Gott,- sondern an die edelsten genossenschaftlichen und gesellschaftlichen Gefiihle der Arbeiter. Diese Dftobrinen müssen die Po- penfampffront durchbrechen."

Auch die Kindernamen bekamen revolu­tionären Anstrich. Die Oktoberrevolution brachte manchem Mädchen den Namen Dftobrina. Lenin wird umgedreht zu Ninelj, sein Vorname Wladi­mir wurden vielen Knaben gegeben; das Anden­ken der Rosa Luxemburg wird in den Namen ■■MOisaÄmHeeeeeeeeeeeeeeeeeHeeeeeHeHHoeeee

Ziegler.

Rosa fortleben. Ein kleines Krokodil ließ der Vater in seinem Hause umherspringen, der wahr­scheinlich von der bekannten russischen Zeiftchrist .Krokodil" begeistert war; das Kind, das den Namen Sovnarkomk („Rat der Volkskommissäre") bekommen hat, wird sich feines hochpolitischen Va­ters ebenso gefreut haben wie das Prokodilkind.

Die Roten Hochzeiten haben bereits in der staatlich vorgeschriebenen Registrierung der Ehen etwas Zeremoniell. Das andere, Reden, Musik, Essen, Trinken, Tanz, ist dann der welt­liche Teil.

Bei Todesfällen haben sich die zivilen B e - erdigunge n eingebürgert; das find Leichen­züge unter Vorantritt der Musik, mit roten Fah­nen; am Grabe Reden über die Verdienste des Verstorbenen um die Gesellschaft und Gesänge, die von einem Chore vorgetragen werden. Die Frage der Leichenverbrennung spielt trotz der großen Zahl der Gottlosen eine ganz nebensächliche Rolle und wird selten erörtert.

An einigen Orten sind auch die Gräber re­volutioniert. An Stelle des Kreuzes ein Eichen­pfahl, schwarz und rot gestrichen, mit einer eiser­nen Tafel, die einen roten Stern und die Lebens­daten des Verstorbenen tragen. Es gibt auch rote Friedhöfe, wo überhaupt kein Kreuz mehr zu se­hen ist.

In den Häusern find an den Platz, an dem die Ikonen hingen, die kommunistischen Ikonen ge­treten, die Bilder Lenins, Karl Marx', Engels und anderer kommunistischen Größen. Die Linin-Ecke gehört zum Bestand des roten Hauses und Zim­mers, wenn sie auch bei weitem nicht überall die Heiligenbilder verdrängen konnte, selbst in den Häusern der Vollblutkommunisten nicht. Trotz aller Kampagnen: Werft die Ikonen hinaus! ist die Bilderstürmerei, die zum massenhaften Ver­brennen und Vernichten der Ikonen geführt hat, nicht an ihr Ziel gelangt. Und wie dort, wo die kompakte Gottlosigkeit herrschen soll, des Nachts heimlich gebetet wird — das berichtet die Gottlo­senpresse ausdrücklich mehrmals —, so haben sich die Ikonen in geheime Verstecke, unter das Bett, unter den Kasten flüchten ntüffen.

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Dichter der Gegenwart als den Führer zu erweisen, als den Vorkämpfer um eine gerechte Welt- und Wirtschafts­ordnung. Im Buch allein kann er seine Mission nicht erfüllen, erst im gesprochenen Wort, das von einem Menschen zum anderen bringt, im Ansprechen und Wider-tönen erfüllt sich seine Sendung.

P. F. Muckermann wird in dieser ersten Veranstal­tung des Werkkreises, die sich an die katholische Oeftent- lichkeit wendet, selbst sprechen. Katholische Be­rn fstünftIer werden Dichtungen von Reinhard Joh. Sorge, dem ersten wahrhaft sozialen katholischen Dichter, von Franz Herwig, dem viel zu früh verstorbe- neu, von Kneip und Karl Borromäus Heinrich, Worte von Karl Sonnenschein aus seinen „Weltstadtbetrach­tungen" sprechen, ferner Prosa- und Versdichtungen der Jüngeren: Friedrich Demls, Werner Heinens, Andreas Radlingers, August Wunrams.

Diese Stunde bildet den Auftakt der diesjährigen Winterarbeit des Werkkreises, die zahlreiche Veranstal­tungen ähnlicher Absicht und Gestalt versieht.

Reinhold Konrad Muschlers Dichtung.

Zu stimm 50. Geburtstag.

Von Georg Maria Hofmann.

Lange Zeit hindurch galt die Nichts-alS-Sachlichkett als äußerste Kunstübung. Die Phrase der Nüch­ternheit feierte peinliche Triumphe, und das Ver­dikt .unkünstlerisch" traf jeden, der den Mut hatte, auch nur von fern so etwas wie „Seele" anzudeuten. Was über Nur-Begriffliches hinauswies, galt als Kiftch, und wer es gar wagte, an religiöse Gedanken zu rühren, den begrub mitleidloses Gelächter.

In diesem Chaos der Unbeseeltheit schuf Reinhold Konrad Muschlet in seinen Romanen und Novellen di« tief deutsche Welt sehnsüchtiger Der- sonnenheit und seeloffener Sinnen­freude, die in ihrem Zweiklang jene Gedoppeltheit lebendig werden läßt, darin deuftches Wesen von je sich offenbarte. Auf dem festen Boden unverrückbarer Rea­lität fabuliert Muschler in straffer Beherrschung der künstlerischen Mittel. Unter seiner Hand aber wandeln

sich die alltäglichen Gegebenheiten zu unergründlichen Mysterien, der nüchterne Gang des Lebens wird auf eine höhere Ebene projiziert, bleibt durchaus Wirklichkeit und scheint doch sternenüberglänztes Märchen. Diesem Dichter sind die Dinge nicht Ziel, sie sind ihm Anlaß, indem er sie ihres Scheins entkleidet, um ihr Sein zu deuten. Die Landschaft menschlicher und geographischer Breiten ist ihm nicht zufälliges Schicksal oder beliebige Anhäufung geophysischer Kulisse, vielmehr sucht Muschler die Ord­nung int Kosmos und gibt in vertiefter Wesensschau den Blick stei für di« hinter der Schöpfung wirkende Schöpfertat. Im Erfühlen überzeitlicher Zusammen, hänge weist der Dichter in die sphärischen Gefilde meta- physischen Seins und sagt „ohne Religion sind wir nichts" (Douglas Webb), wobei das Wort Religion in seinem Ursinn als Ehrfurcht gefaßt sein will. Diese Ehrfurcht ist es, die im gleichen Roman den Astrono­men Douglas Webb zu dem Bekenntnis treibt: Blinde sind wir, die einem Mysterium nachtasten!

Diese immer wieder gestaltete Erkenntnis ist dem Dichter auf weiten Reisen geworden, die ihn u. a. in alle Winkel des Orients führten. Muschlers breit aus­ladende Phantastik, die doch nie den Boden realer Tat­sächlichkeit verliert, mag nicht zuletzt dort ihre schwelge­risch malende und dabei sehnsuchtschwer herbe Sprache gefunden haben, deren zuweilen preziös scheinende For­mung Bilder von unerhörtem Reichtum und prägnan­tester Geistigkeit zu gestalten vermag. In „der Hei- landsgrötze des Erlebens von Tag und Nacht" (Der lachende Tod) — wie das die kurze Dämmemng des Orients besonders verdeutlicht — ist vielleicht die Ur­sache zu finden für das scharfe Gegeneinander haltloser Begierde und seedurchleuchteter Keuschheit in der dichte­rischen Welt Muschlers.

In die tödlichen Brände zügelloser Erotik klingen versöhnend die Schalmeien einer reineren Welt, da ,wir es immer eiliger mit dem Verurteilen haben, als mit dem Verstehen' (Basil Bmnin). Im Heillosesten sieht der Dichter noch den verglimmenden Funken Gött- lichkeit und weiß um die Untiefen der Menschenseele nicht weniger, als um den unstillbaren Hunger nach Liebe, .weil uns so wenig Liebe umgibt' (Weg ohne Ziel). Seine künstlerische Zartheit bewahrt ihn vor dem Abgleiten in unwirkliche Abstraktionen, und sein münn-

Leligionsslunde in der Sowjekchule.

Von Dr. Walter P e i n s i p p.

An einem Frühwintertag war Genosie Grigory ins Steppendorf gekommen. Der Sowjet in der Kreisstadt hatte ihm den Auftrag gegeben, aus dem konservativen Nest baldigst eine kommunistische Musterzelle zu schaffen.

Den Bauern wurde bekanntgegeben, daß sie ihre Kin­der täglich vier Stunden zum Genossen in die Schule zu schicken hätten. Später bann, wenn die ehemalige Kirche eingerichtet sei, würden die Kinder die ganze Woche dort behalten. Nur ungern ließen die Eltern ihre Kinder in die Schule des schielenden Genossen. Aber er verstand es, die Kinderherzen zu gewinnen. Sie be­kamen Brot und Tee und Bilderbücher und hingen bald mit Verehrung an ihrem Lehrer.

Da fragte er sie eines Tages, ob sie auch beten. „Ja, Genoftel" rief die Kinderschar. „Zu wem betet ihr denn? — „Zu unferm Herrn und seiner Mutter." — „Worum betet ihr denn. Genossen?" — „Damit der Herr uns zu essen gebe; damit er unfern Eltern helfe und die Ernte nicht mißrate", so antworteten die Kinder nacheinander.

Da fragte sie der Lehrer: „Sagt, Genossen, habt ihr auch schon Hunger und Durst gehabt?" — „Ja, Ge- noffel" — „Und dann habt ihr gebetet?" — „Ja, Ge­nosie!" — „Und wer hat euch dann zu essen gegeben?" — „Unsere Eltern oder die Nachbarn." — „Der Herr selbst, dem ihr Kerzen und Del in die Kirche getragen habt, hat der euch nichts gegeben?" — Da schwiegen die Kinder.

Ein andermal fragte er die Kinder, ob sie den Herrn und die heilige Jungfrau schon gesehen hätten. Die Kinder bejahten es. Da war der Lehrer verdutzt: „Wo habt ihr sie denn gesehen?" — „In unferm Bethause. Dort war früher ihr Bild. Und in der heiligen Ecke, wo die Lampen brennen." „Hat der Herr auf den Bil­dern mit euch schon gesprochen? Was hat er euch für die Kerzen geschenkt?" Da sagte ein Bub: „Aber Ge­nosse Lehrer, das Bild sit doch aus Holz und kann nicht reden. Es ist doch nicht der Herr selber."

Der Genoss« wurde böse: „Da seht ihr, was für Dummköpfe ihr und eure Eltern seid! Ihr kniet vor hölzernen Bildern und friert dabei, ihr opfert ihm Oel und Kerzen und euer Herr gibt euch nicht einmal dafür zu essen. Das ist nicht schön von ihm."

Die Kinder erzählten es zu House. Und die Eltern rissen das Unkraut, das der Lehrer am Tage gesät hatte, abends wieder aus. Da begann er mit anderen Methoden. Er ließ in der Kirche den heiligen Ikon wieder aufftellen. In die Schule brachte er schöne und große Honigkuchen, die er eigens hatte zubereiien lasten. Und da fragte er sie: „Habt ihr Honigkuchen gerne, • Genossen?" — „5a", riefen die Kinder erfreut. — „Dann wollen wir einmal zum Herrn beten, daß er euch Honigkuchen gibt." Und er betete mit den Kindern. Dann wartete er eine Zeitlang. „Habt ihr vom Herrn noch keine Honigkuchen bekommen?" Die Augen der Kinder waren dem Weinen nahe. „Viel­leicht habt ihr noch zu wenig gebetet. Wir gehen nun in eure frühere Kirche hinaus und bringen ihm Ker­zen und Lichtlein. Wenn er so allmächtig sit, wie eure Eltern immer sagen, bann muß er euch doch Honig­kuchen geben können." Sie gingen zur früheren Kirche und beteten. Der Lehrer hatte eigens Kerzen und Lich­ter mitgebracht, die er anzündete. Dann trat er vor das Bild und betete mit scheinheiliger Miene: „Herr, du bist doch allmächtig. Diese Kinder bitten dich um Ho­nigkuchen. Sie haben dir Kerzen und Lichter mitge­bracht. Erfülle doch ihren Wunsch."

Lange ließ er die Kinder in der Kirche. Dann führte er sie hinaus und tat erstaunt, weil sie nichts bekommen hatten. Er führte sie zur Schule, spottete über ihre Dummheit: „Seht ihr, euer Herr kann euch keinen Kuchen geben, weil es überhaupt keinen Herrn gibt. Die Kinder im Lande drinnen glauben schon lange nicht mehr an ihn, darum haben sie zu essen, soviel sie wollen. Jetzt bittet einmal euren Genossen Lehrer um Kuchen!"

Einig« taten es. Und er verteilte sein Lockwerk. „Seht ihr, wie dumm ihr seid, wenn ihr die Kerzen vor ein Götzenbild tragt. Die Sowjets brauchen keine Kerzen und keine Gebete und sie geben euch doch zu essen und lasten euch nicht frieren!"

liches Ethos lehnt den verschwommenen Begriff allge­meiner Menschenliebe — bi« meist gar keine ist — ener­gisch ab. Muschler weiß, daß nur aus Kampf jenes letzte Ziel sich cmssteilt, das Ueberwindung heißt. DaS gibt dem Gesamtschaffen Muschlers seine besondere Prä­gung. In der klingenden Musik seiner Bianca Maria, in der versonnenen Sommerlichkeit des .lachenden To- des', in der zart verklingenden Wüstenphantasie seines „Douglas Webb", auf dem Kreuzweg zur .Insel der Jugend' und der herb-schwermütigen Phantastik des „Basil Brunin" wie auch den dichterisch gesehenen Charatterbildern des .Philipp zu Eulenburg' und.Fried­rich des Großen' — immer und überall erschüttern die;« mit menschlichen Hemmungen reich beladenen Gestalten in ihrem Willen zur Vollendung und der schmerzbeseelten Sehnsucht nach Ueberwindung.

Mit leisen und scheuen Sttichen zeichnet Muschler diese verborgene Tragik und gibt damit dem Inhalt deutscher Romanttk zarteste Gestatt, ohne jemals senti­mentalen Ausschreitungen zu verfallen. Ihm ist .Ro­mantik der Sinn für die geistige Substanz' (Der lachende Tod). In edler Verhaltenheit der Sprache zaubert Muschler die unwägbaren Stimmungen und den weh­mütigen Glanz deutscher Seele und Sehnsucht um Men- scheu und Landschaft «m Nil, in Arabien, der wald­reichen Mark Brandenburg oder den Eiswüsten Grön­lands und jubelt in ftcmziskanischer Hingenommmheit: .Gott sei ein Verschwender, deshalb ist er erst Gott' (Douglas Webb).

Die tiefe Erkenntnis eines Dichters aus Wissenschaft, die Wissenschaft eines Erkennenden aus Dichtung. Denn Muschler kommt von der Forschung, die ihm erster An­laß war, aus dem Einzelnen in das Ganze vorzu- stohen. Nur das Ganze gilt ihm, und im Ganzen sieht er das Wirken der Schöpfung. Des Schöpfers! Wenn her Dichter am 9. August 1932 sein fünfzigstes Le­bensjahr vollendet, wird ihm das Wissen um den Sinn seines Werkes, daß ,im Grunde genommen alles Reli­gion sei, Leben, Wissenschaft und vor allem die Kunst die schöne Bestätigung dafür fein, daß et seine starke künstlerische Kraft in den Dienst alles dessen gesteltt hat, was im deutschen Volke an reinem und edlem Wollen lebendig und über den Tag hinaus wirksam ist.