Anzeiger für die Staöf Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblakk.
Nr. 176
(Srfdjeint ledjsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift-
' eitung 3153. Fuldaer Actiendruckerei 3151 und 3152. ::
Dienstag, 2. August 1932.
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WS. 59.
Der deutsche Reichstag ist gewählt.
Hiller und Hugeuberg können das Zentrum nicht entbehren. — Das taktische Ziel unseres Wahlkampfes ist damik erreicht. — Run aber Burgfrieden.
An offiziöser Stelle in Berlin stellt man folgende Wahlbetrachtung an:
Der einer Wahlbeteiligung von insgesamt rund 83 5 Prozent gegen 82 Prozent bei der vorigen Reichstagswahl und einem Zuwachs von etwa 1900 000 Stimmberechtigten war mit einer Erhöhung der Abgeordnetenzahl um etwa 30 Man- bate zu rechnen. Die bisher als gewählt festgestellte Zahl von 607 Abgeordneten entspricht dieser Erwartung. Den Nationalsozialisten fallen davon 230 Mandate zu. Aber auch mit den 37 Deutschnationalen, dem Abgeordneten des Landbundes, den beiden Abgeordneten des Bauern- und Weingärtnerbundes, den 7 Volksparteilern, den 2 Wirtschaftsparteilern, den 4 Christlich-Sozialen und Pen beiden Bauernbündlern verfügen sie immer erst über 285 Abgeordnete, also nicht über die absolute Mehrheit.
Eine parlamentarische Mehrheitsbildung ist, wie in Preußen, so auch im Reich, nur mit Hilfe des Zentrums möglich.
Die Nationalsozialisten haben 37,3 Prozent aller gültigen Stimmen auf sich vereinigt und damit ihren bisherigen Höchstand beim zweiten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl von 36,8 Prozent um etwa 300000 Stimmen verbessert. Verglichen mit der Reichstagswahl 1930 haben die Nationalsozialisten ihre Stimmen mehr als verdoppelt.
Einen beträchtlichen Stimmenzuwachs haben auch die Kommunisten zu verzeichnen und zwar um 300 000 gegenüber dem ersten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl und um 600 000 gegenüber der vorigen Reichstagswahl.
Die Sozialdemokraten haben den BesitzstGid aus der preußischen Landtagswahl be h a u p t e t.
Sehr beachtenswert erscheint der Stimmen- und Mandatsgewinn des Zentrum (575000 bezw. 8 Mandate). Gut behauptet hat sich auch die Bayerische Dolkspartei.
Der langsame Abbröckelung? pro z eß der Deutschnationalen Volkspartei hat sich fortgesetzt.
Eine katastrophale Niederlage haben alle übrigen bürgerlichen Parteien, namentlich die Wirtschaftspartei und das Deutsche Landvolk erlitten. Die Deutsch-Hannoversche Partei ist zum erst^ Male seit ihrem Bestehen im Reichstag ni ' t mehr vertreten.
Oie Nationalsozialisten haben in Schleswig- H o l st e i n mit 54,9 Prozent aller gültigen Stimmen die absolute Mehrheit überschritten. Der absoluten Mehrheit nahegekommen sind sie in O st - Hannover (49,5 Prozent), Frankfurt a. d. Oder (48,2 Prozent), Liegnitz (48,0 Prozent) und Pommern (47,9 Prozent), während sie i n den Zonen des Zentrums und der Bayerischen Volkspartei (d. h. in den katholischen Bezirken Deutschlands) die geringsten Stimmanteile erzielten, B. in Köln-Aachen 20,2 Prozent, in Oppeln 25,6 Prozent und in Niederbayern 20,4 Prozent.
Der Stimmenzuwachs des Zentrums ist besonders auffallend in einzelnen überwiegend protestantischen Landesteilen, so vor allem in D r es- den-Vautzen, Leipzig, Chemnitz- Zwickau und Hamburg und Mecklenburg. (Es rührt wohl daher, daß gläubige evangelische Christen in der Zertrumspartei den Hort gegen das Neuheidentum zu suchen beginnen. D. Schrift!.)
Die Sozialdemokraten haben gegenüber d e r l e tz t en Reichstagswahl absolut und anteilmäßig nur in den Wahlkreisen Potsdam H, Merseburg und Köln-Aachen zugenommen. Die Kommunisten haben mit 3 Ausnahmen (Breslau, Merseburg und Hamburg) allenthalben Fortschritte gemacht.
Der „Völkische Beobachter" schreibt zu dem Wahlausgang u. a.: Zwei Ergebnisse der Wahl zum 31. Just seien es, die vor allem in die Augen fallen: Das unaufhaltsame Vordringen der NSDAP., dann aber die Tatsache, daß es den übrigen Parteien, die sich zur „Nationalen Opposition", rechnen, in keiner Weise gelungen sei, auch ihrerseits ein Sammelpunkt zu werden, um zu den 37,4 Prozent, die die NsDAP. heute darstellt, noch 14 Prozent hinzu - Mugen. Es stehe dem Nationalsozialismus die Niesenaufgabe bevor, ihre 13,8 Millionen Tücher nun organisatorisch zu ersa ssen. ^(Das ist sicherlich eine Riesen-Ausgabe! Die «chriftl.) Dies sei um so wichtiger, well das starke Anwachsen der KPD. auf die zahlreiche Arbeiterin gend zurückzuführen sei. Es ergebe sich, daß es einer eisernen Hand, zugleich ober einer kompromißlosen, sozialgerichtete n Staatsmission bedürfe, um die kommunistische Gefahr zu bannen. Weiter schreibt das Blatr: Aein technisch und arithmetisch sei auf Grund des Wahlergebnisses eine einheitliche Regierungsbil-, °ung auch nur in bezug auf große'Fragen ^>cht möglich. Es würden wohl zweifellos Ver- luche unternommen werden, um den Reichstag , g'erun g sf äh ig zu machen. Die National- wzialrsten hätten keine Ursache, diese Möglichkeiten zu vereiteln, obgleich die Aussichten dazu denkbar gering seien.
Reichstagswahl
1932
Deutsche Zenlrumsparlei
Deutschnationale Voltspartei
Radikaler Mittelstand
Volksrechtspartei
Deutsche Staalsparkel
zz
Christlich-Sozialer Volksdienst
339 07Z
Splitterparteien
ttn Rundfunk al§ Redner des
ums
guenz, wenn Dr. Brüning seine damaligen Gründe
ZI ZI 16
kanzler bedient. Eine rein parteipolitische Benutzung des Rundfunks habe der frühere Reichs»
den Verzicht Brünings auf die Rundfunkrede damit, daß Dr. Brüning sich während seiner AmtszeltalsReichskanzlerimmerge- gen die Politisierung des Rundfunks
1,536149
1,360 585
1.3ZZ 608
1,058 556
1,56Z 843
863 333
Deutsche volksparlei
Reichspartei des Deutschen
Mittelslandes(wirtschastspart.)
zuletzt im alten Reichstag
136
110
38
69
Der Reichswahlleiter teilt mit: Infolge nachträglicher Meldungen einiger Sreiswahlleiter (insbesondere durch Eingang der Ergebnisse aus den Bahnhofswahllokalen) Hal sich die Slimmenzahl vermehrt. Dies wirkt sich auch in der Mandatszahl
Bayerische Volkspartel
Deutsches Landvolk (Christl.- Rat.Sauern-u. Landvolkpart.)
Folgerichtig gehandelt.
Warum Brüning nicht im Rundfunk sprach. ’’
Die Tatsache, daß Reichskanzler a. D. Dr. Brüning nicht, wie ursprünglich vorgesehen war,
607 Reichstags-Abgeordnete
Richt unwesentliche Berichtigung des ersten Ergebnisses
kanzler unb 'seine Regierung jedoch immer abge> tehnt. Es ser deshalb eine begreifliche Kons«
Deutsche Bauernpartei
württembergischer
Bauernbund
Deutsch-Hannoversche Partei
Sozialistische Arbeiterpartei
Deutschlands
gewandt habe. Er selbst habe sich des Rundfunks lediglich in seiner Eigenschaft als Reichs-
gesprochen hat, ist in der Oeffentlichkeit sehr lebhaft erörtert worden. Die „Germania" erklärt
Möglichkeiten, ihre Stimme loszuwerden. Da der Rückstrom der Feri en reisenden schon wieder in vollem Gange ist, war es durchaus gerechtfertigt, daß man ttt den Bahnhöfen eine Gelegenheit zur Abgabe der Stimmen schuf. Da weiterhin, wenn man sich dazu einmal entschloß, den Reisenden m den großen Durchgangszügen diese Gelegenheit nicht genommen werden durfte, konnte man sich auch nicht ängstlich an die sonstigen Wahlzeöt- ______________________ ,___________
bestimmungen halten. So erschienen Eisenbahn- - auch heute noch respektiere.
3,951 Z45 13.33Z 369
5.Z38 094 4,586 501 Z.13Z 941
8 333
40 883
434 548
146 061
331 338
1,190 453 91Z84
364 349
46 833 3Z 569
133 081
96 859 1ZZ Z46
Zusammentritt des Reichtags.
DDZ. Berlin, 1. Aug. (Gig. Meld.) Der neue Reichstag muß nach der Verfassung spätestens am 30. Tage nach der Wahl, also am 30. August, zu seiner 1. Sitzung zusammentreten. Eine Entscheidung darüber, wann der Reichstag einberufen wird, ist noch nicht getroffen und wird auch erst nach der Feststellung des amtlichen Endergebnisses durch den Reichswahlausschuß getroffen werden. Man nimmt an, daß erst nach dem Burgfrieden, also nach drem 10. August, das der Fall sein wird. Der Termin der 1. Sitzung des neuen Reichstags bestimmt die Regierung, während die Einberufung durch den Präsidenten des alten Reichstags, L ö b e, der bis zum Zusammentritt die Reichstagsgeschäfte führt, erfolgt.
Sitze
133 Z30
89
35
33
Amerika und die Dahl.
wtb. Rewyork, 1. Aug. (Eig. Meld. Die ameri- konischen Zeitungen betonen, daß die Nationalsozialisten außer Stande gewesen seien, eine Mehrheit zu erlangen.
„Herold Tribüne" schreibt, daß das Wahlergebnis unparteiische Zuschauer enttäusche. Die Wahlen hätten weder einen entscheidenden Hitler- Sieg noch eine Niederlage gebracht. Klar sei nur, daß Hitler und seine Anhänger nirgends ihrem Ziel näher gekommen seien, obwohl sie ihre Vertreterzahl im Reichstag mehr als verdoppeln konnten. Dieses fei jedoch kein Trost für eine Parei, die sozusagen vom deuschen Volk beaufragt sein wolle, eine Diktatur zu errichten. Bemerkenswert erscheine, daß die na t i o n a lf o zi a I ist i sch e Bewegung nicht mehr über den Umfang der Frühjahrswahlen hinaus gewonnen habe.
Reichstagswahl 1930
8.53Z 016
6,401 Z10
4,583 308
4.1Z8 9Z9
Z.458 493
Sozialdemokratische Partei Deutschlands
Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (Hitl.-Pelvegg.)
Kommunistische Partei
Deutschlands
Der Endkampf in Berlin.
Berliner Stimmungsbild vom Wählt« g.
Unruhige Dorwahlnacht.
Wenn man den Flaggen- und Flugblätteraufwand zur Grundlage einet Schätzung über die voraussichtliche Wahlbeteiligung in Berlin hätte nehmen wollen, so wäre man wahrscheinlich — ttn Vergleich zu den letzten Wahlen dieses Jahres — mit 100 Prozent gar nicht auskommen. Da Polizei und Regierung rechtzeitig und nachdrücklich genug chre Entschlossenheit demonstriert hatten, sich unter gar keinen Umständen ins Bockshorn jagen zu lassen, blieb es aber bei dem verwirrend bunten Bild der Straßen und Plätze, beschränkten sich die immerhin erwarteten Krawalle auf Einzel- aktionen geringeren Umfangs, deren die Berliner Polizei allein vom Samstag abend bis Sonntag früh acht Uhr rund drei Dutzend liquidieren muhte, wöbet 287 Sistierte in die Liquidationsmasse kamen. Und zu einer größeren Auseinandersetzung kam es eigentlich nur in der sonst so stillen Spandauer Waldsiedlung, wo sich zwei ungefähr gleich starke Haufen verschiedener Organisationen begegneten. Ehe die Polizei am Kampfschauplatz erschien, waren die Kämpfer allerdings schon unter Hinterlassung von vier Verletzten in alle Winde zerstoben.
„Wer recht mit Freude« wandern will" — — —
Wer an diesem Schicksalstag des deutschen Volkes als guter Staatsbürger unbeschwerten Gewissens und" recht mit Freuden in die sommerliche Landschaft hinauswandern wollte, mußte selbstverständlich zuvor seiner Wahlpflicht genügt haben. Eindringlich genug hatten die immer aufs neue vom Rundfunk wiederholten Mahnungen der Reichsregierung, daß Wahlrecht — Wahlpflicht sei, allen Staatsbürgern das Bewußtsein eingehämmert, daß es diesmal noch weniger als je zuvor zu verantworten sei, sich dieses Rechtes zu begeben. Infolgedessen erlebten die Berliner Wahllokale schon in den ersten Morgenstunden nach Beginn der Wahlzeit ein« ausgesprochene
, angestellte, Mitropa-Leute und Reisende schon bald nach vier Uhr dreißig in dem Wartesaal des Anhalter Bahnhofs, wo man ein behelfsmäßiges Wahllokal eröffnet hatte. Auf den übrigen Bahnhöfen begann dieser außeretatsmäßige Wahlakt nach Maßgabe des Fahrplans gegen sechs Uhr; auf dem Anhalter und Stettiner Bahnhof konnte man sogar noch bis um Mitternacht seine Stimm« loswerden. Daß diese Maßregeln durchaus angebracht waren, ergab sich aus der Tatsache, daß während der Tagesstunden, wo die Bahn- hofsstimmlokale zeitweise geschlossen wurden, in den den Bahnhöfen benachbarten Wahllokalen bis zu 50 Prozent der Stimmen auf Stimmschein« abgegeben wurden. Bedauerlicherweise mußten nur allzuviele wieder umkehren, weil sie es versäumt hatten, zu dem Stimmschein auch die vor geschriebenen Personalausweise mitzubringen.
Flugfsuer der Gerüchte.
Welch tiefe und starke Erregung sich hinter dem im allgemeinen doch recht ruhigen Bild des Wahltages verbarg, ergab sich vielfach sehr eindringlich aus der Geschwindigkeit, mit der di« tollsten Gerüchte um sich griffen und aus der Hartnäckigkeit, mit der man sie kolportierte. Viel mag auch dazu beigetragen haben die — wahrscheinlich vorbeugenden Zwecken dienende — Geschäftigkeit der Polizei, deren Streifenwagen reichlich häufig auftauchten. Insbesondere erregte schon am Nachmittag des Samstag ein schwerbewaffneter, mit Maschinengewehren bestückter Lastkraftzug der Polizei wohl mehr Unruhg, als das vermutlich beabsichtigte Gefühl, in sicherem Schutz zu stehen. Wie leidenschaftlich bi« Anteilnahme der Bevölkerung am Ausgang der Wahlen tst, zeigte sich vor allen Dingen in der mächtigen Empörung, mit der in weiten Kreisen zeitweise das Gerücht verbreitet wurde, daß jegliche Verbreitung von Wahlergebnissen, auch durch den Rundfunk, verboten worden sei. Die Quelle dieses Gerüchtes .dürfte eine nicht ganz unmißverständlich formulierte Bestimmung des Berliner Polizeipräsidiums gewesen sein, die die Verbreitung von Wahlergebnissen „durch Lautsprecher" — selbstverständ- llch nur an Straßen und Plätzen — verbot.
Hausse, und wer geglaubt hattg, das Wahlgeschäst rasch erledigen zu können, wenn er möglichst früh wählte, sah sich vielfach getäuscht und mußte sich am Ende einer langen Schlang« von ebenso Eifrigen anftellen.
। „Sn einem kühlen Grunde"---
Einige Wahllokale waren natürllch Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit. Das schon renommierte „Ministerwahllokal Cafe Rudloff" im Herzen der City allerdings blieb diesmal verödet. Die dort harrenden Berichterstatter und Fotografen haschten nur kurz nach neun Uhr den stellvertretenden Reichskommissar in Preußen, Oberbürgermeister Dr. Bracht, und — wenn sie ganz genau auf- paßten — den ehemaligen preußischen Justizminister Dr. Schmidt. Die übrigen Minister, die sonst hier zu erscheinen pflegten, befanden sich auf einem mehr oder minder freiwillligen Urlaub. Gewitzte Leute hatten rechtzeitig festgestelst, daß Reichskanzler von Papen noch in den Stimmlisten feines früheren Wohnbezirks ,Jn den Zelten" eingetragen sei, da er erst in diesen Tagen ins Reichskanzlerpakais übergesiedelt ist. So stand vor dem für ihn noch zuständigen Wahllokal ein ein ganzes Bataillon Fotografen und Filmoperateure aufmarschiert, und da sich dieses Wahllokal ttt einem Restaurant mit dem schönen Namen ,Jm kühlen Grunde" befand, tobte sich der Berliner Volkswitz alsbald an diesem Namen und bald auch daran ans, daß sich dieses Wahllokal ausgerechnet am Kronpringenufer befindet.
Don fünf Uhr früh bis Mitternacht.
Für die, die sich im Besitz von Stimmscheinen befanden, gab es diesmal alle nur erdenklichen
aus. Die Gesamtzahl der Mandate beträgt nach dem jetzigen Stande 607. Davon entfallen auf:
Bet der Verrechnung der Sitzzahlen ist hierbei von dem Wahlabkommen ausgegangen worden, die zwischen einzelnen Parteien hinsichtlich der Verrechnung ihrer Reststimmen getroffen worden sind.