Nr. 175
Vellage zur Auldaer Zeitung
31. Juli.
Wasserspiegel.
In dem tiefen Bunb Sank die Welt zu Grund.
Und der Himmel liegt
Dicht darangeschmiegt.
Ach, ich find' sie nicht Droben mehr im Licht.
Und der Widerschein Schließt sie unten ein.
Richard von Schaukal.
Gefiederte Metsleuke.
Am meisten begehrt und besetzt sind die Wohnungen für die Stare. Sechs Parteien habe ich seit Jahren bei mir wohnen. Sie kommen pünktlich und regelmäßig, so bald der Schnee schmilzt. Wochenlang singen und dudeln sie, schlagen aus seltsam« Art mit den Mügeln und tun bisweilen wie närrisch, bis sie es auf einmal sehr eilig mit dem Nestbauen bekommen. Wenn dann die Jungen heranwachsen, haben die Stare ihre Not. Den lieben langen Tag geht der Mug fast ununterbrochen zwischen Nest und Wies« hin und her. Flatternd versinken die Stareneltern im hohen Gras«, das für sie schon mehr ein Wald sein mag, tauchen gleich darauf mit einem Wurm oder einer Schnecke im Schnabel wieder aus und fliegen aus dem kürzesten Wege dem Neste zu. Ost kommt der Herr Gemahl ans Nest, während die Frau Mama schon drin beim Füttern ist. Dann fliegt er als höflicher Mann zurück auf den nächsten Baumast und wartet, bis sie das Nest verlassen hat. Um diese Zeit schreien dann aus allen Kästen im Dorfe die jungen Stare, und die Alten sind immerzu unterwegs und haben kaum Zeit, das zerzauste Gefieder zu ordnen, vom Singen schon gar nicht zu reden.
Dann ist der Star wohl der mißtrauischste aller Bügel. So bald er einen Menschen in der Nähe seines Nestes sieht, läßt er «in heißeres Rätschen hören und geht nicht eher zum Nest«, bis er die Gefahr beseitigt glaubt. Wenn man sich unterfangen wollt«, dem Neste einen Besuch abzustatten, dann muß man in neun von zehn Fällen gewärtig sein, daß die Alten Junge oder Eier im Stich« lassen. Das ist eine merkwürdig« Besonderheit bei einem Vogel, der doch die Nähe des Menschen sucht.
Dies Jahr schien es, als ob alle jungen Star« int Dorfe an einem Tage ausgeflogen wären, natürlich auch die Kinder meiner Mietsleute. Es hatte die Nacht zuvor geregnet, das hohe Gras war naß, und am stützen Morgen schon liefen die jungen Stare zahlreich hn ®rNc umher, das Gefieder völlig durchnäßt und zum Fliegen ganz und gar unfähig. Wir wurden darauf aufmerksam durch eine Katze, die mit einem schreien- den Jungstar int Maul über den Hos lief. Wir machten uns daran, die durchnäßt« und zerzauste Gesellfchast zu fangen. Es gab ein großes Geschrei bei den Jungen sowohl, die uns herzhaft in die Finger bissen, wie auch bei den Alten, die auf den Bäumen Zeter und Mordio schrieen. Fast ein Dutzend dieser Gelbschnäbel fingen wir allein in unserem Garten und setzten sie auf die Bäume, wo ihr Gefieder trocknen mochte und sie dem Zugriff der Katzen zunächst entzogen waren, und die meisten Buben des Dorfes waren an diesem Tage aus der Starenjagd wie wir auch.
Dann war die Heuernte, und auf den gemähten Wiesen wimmelten schwärzliche Starenschwärme, ein lautes, hurtiges Volk. Abends bevölkerten sie die Drähte, und dann waren sie auf einmal verschwunden und sind es bis auf den heutigen Tag. Nickst einer von den Hunderten ist zu sehen, die int Frühsommer das Dorf bewohnten. Vielleicht sind sie in den Gegenden, wo jetzt die Kirschen reifen. Aber eines Tages werden sie plötzlich wieder da fein, wie sie jetzt verschwanden.
Etwa gleichzeitig mit den Staren hatte ein Paar Hausschwalhen einen Platz unter dem Dache gemietet und feinen Nestbau begonnen. Der schritt allerdings mir langsam vorwärts, die zwei schienen es nicht eilig zu haben. Jetzt erst sind die Kinder so weit, daß sre sich wohl auch bald selbständig machen werden. Eins ums andere guckt mit seinen schwarzen Perlaugen aus
Nest, das nur in doppelter Mannshöhe liegt, und
Ras Rüffel des TWukang.
Roman von Kurt Martin.
Sovdrigbt bi, Verlag Neue» Lebe«, vavr. »mein.
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»Schon möglich!"
„Sollte Dr. Sm bei all den sonderbaren Geschehnisien die Hand int Spiele haben?"
„Denkbar ist alles!"
„Ich habe auch an Dr. Kayosuki in Shimonoseki getrieben und an Frau Häfti in Hongkong, — Jngeborg Bergners wegen."
„Was wollen Sie dort erfahren?"
„Nichts, was mit dem Ende des „Tushintang" zusammenhängt. Aber über das Mädchen will ich mehr erfahren."
„Sie interessieren sich für sie? Das Tagebuch hat es Ihnen angetan, was?"
„Dies Tagebuch hat mir zum mindesten bewiesen, daß das Mädchen ein ganz anderes Los verdient hat, 019 hier auf diese oder jene Art unterzugehen."
„Hören Sie: da fällt mir noch etwas ein, weil Sie serade von dem Mädchen sprechen. Es steht noch ein ljang^enname mit bcm «Tushintang" in Zusammen-
--Wieso?"
. kleine, goldene Kästchen, das Kiru-Josai in ibm E". hielt, als Sie auf dem „Tushintang" wieder mit löste r*a‘nmentrofen' — ^e wissen doch, der Deckel geleit- ®’n hi^ger Goldschmied hat das Rätsel Knnnk- u 5incr Seitenwand befindet sich ein winziger habe m «rührt man ihn, so hebt sich der Deckel. Ich leer öl'° bas Kästchen von innen besehen; es ist träat ■ mnen giatte goldene Wände; der Deckel aber m.® ,etne Gravierung. Ein Name steht da: Lilith! Was sagen Sie nun?"
rni'' ie E°mmt dies Kästchen mit den chinesischen Zie- raten zu diesem Namen?"
b^rch Zufall! Der Name ist in irgendeinem ® tn °as Gold geschrieben worden, und die, deren e das Kästchen innen trägt, wird auch bestimmt
den Schwalben macht es schon gar^lkkchts aus, daß ich unten stehe und ihnen beim Füttern zuschaue. Sind stille, friedsame Leute, die nickst viel Aufhebens von sich machen, dafür aber abends, in der Dämmerung, wenn alle anderen Mietsleute längst schlafen, mit flüsternder Stimme allerhand Geschichten erzählen. Schade, daß ich sie nicht verstehen kann. Mit der Reinlichkeit ist es bei ihnen nickst weit her, der Weinstock unter dem Nest beweist deutlich, daß die Jungen eine sehr gesegnete Verdauung haben. Aber was will man machen, wenn die Leute sonst anständig sind?
Reichlich spät kam ein Paar Distelfinken, vielleicht war ihnen die erste Brut zerstört worden. Eines Sonntagmorgens saßen sie int Wipfel des Birnbaumes, quecksilberne Gesellen mit einem Herzen, das so fröhlich ist wie ihr buntes Federkleid. Wi« em feines Silber» glöcklein wob sich ihr Gesang in die blauen Sommertage. Ob sie nun bauten, brüteten ober fütterten, immer waren sie von einer herzerquickenden Fröhlichkeit. Baß) aus der Luft, bald aus dem Wipfel des Birnbaumes kam ihr Lied wie ein liebliches Geklingel, und es war mir leid genug, als die Jungen ausgeflogen waren. Möge der Himmel sie behüten vor den ÄraHeit des Sperbers und den Giften der Vogelfänger, auf daß sie int nächsten Jahre wiederkehren.
Gleichzeitig etwa mit den Distelfinken hatte sich ein Paar graue Hänflinge in dem Spalierbaum an der Ecke angesiedelt. Das sind heimliche Leute! Wenn ich fie nicht zufällig beim Bauen beobachtet hätte, Müßte ich heute noch nichts von ihrer Anwesenheit. Paarweise flogen sie ab und zu, aber nur das Weibchen baute, und während es sich am Neste zu schaffen machte, saß das Männchen auf dem Zweige eines benachbarten Baumes, fang sich eins und folg bann wieder mit dem Weibchen ab. Nie sah ich, daß das Männchen selber etwas zum Neste brachte, es flog nur zur Gesellschaft mit und sang dazu, uni) das Weibchen schien das ganz in der Ordnung zu finden. Weil es mir die letzten Tag« gar zu still um das Nest schien, auch-gar nichts von Jungen festzustellen war, die doch längst da sein müssen, holte ich heute eine Leiter und sah nach dem Nest. Fünf Eier liegen darin, wie es scheint, erfaßet. Ob der Sperber eins von den Tierchen schlug? Gestört habe ich sie doch gewiß nicht. Ich will morgen noch einmal genauer zuschen.
Im Frühjahr hatten wir zwei Meisenkästen ausgehängt, und trotzdem wir stets ein Auge aus sie hatten, konnten wir nicht bemerken, ob eine Meise eingezogen war. Desto größer war unsere Ueberraschung, als eines Tages aus dem einen Kasten ein feines Piepsen erklang, so fein, wie es eben nur kleine Meisenkinder können. Und dann konnten wir einem unermüdlichen Kohlmeisenpärchen beim Füttern zusehen. Ein Glück, daß in dieser Zeit Raupen und Ungeziefer aller Art so gut gedeihen, ich wüßte sonst nicht, wie die zwei Mei- feneltern den Hunger ihrer zahlreichen Kinder stillen könnten. Insgeheim hatte ich di« Hoffnung, es möchte mir gelingen, die Meisen beim Ausstiegen zu beobachten. Als Junge hatte ich einmal zugesehen, wie aus einem Kohlmeifennest nacheinander vierzehn Junge flatterten — starr vor Staunen war ich damals, daß die kleine Gesellschaft gar nicht alle werden wollte, und wenn ich heute ein Meisennest sehe, muß ich an die vierzehn Junge von damals denken. Wer meine Hoffnung war vergeblich. Nur das Nesthäkchen erwischte ich noch. Das flog an einem Nachmittag in unser Küchenfenster, saß dort auf dem Boden und guckte sich hilflos in der neuen Wett um. Es ließ sich gebulbig fangen, dann trug ich es auf den Baum neben dem Nest, auf dem schon einige seiner Geschwister um Futter bettelten. Und als der Meisenvater mit einem grünen Räupchen kam urtb feine Kinder zusammenrief, da kletterte das Nesthäkchen flügelzitternd den Ast hinan ihm entgegen, bekam das Räupchen und guckte bann zufrieden in die Welt. Am anderen Tag waren die Wen samt den Jungen verschwunden. Sie werden sich in den benachbarten Gärten oder im nahen Walde umhertreiben, und die Alten mögen sich wohl freuen, wenn ihre zahlreichen Kinder selbständig sind.
Von einem wäre noch zu erzählen: vorn Rotschwänzchen. Das kam auch erst spät, vielleicht hatte es ihm in der früheren Wohnung nicht gefallen, vielleicht war es gewaltsam vertrieben worden. Unter dem Dach hatte es gebaut, nicht weit von den Kohlmeisen, und die beiden hatten gute Nachbarschaft gehalten, wie
jene fein, der die rätselhaften Zeichen und Verzierungen an dem Kästchen heimliche Botschaft geben sollten."
„Botschaft?"
«Der Goldschmied ist nach langem Drängen mit der Sprache herausgerückt; ob er mir alles gesagt hat, weiß ich freilich nicht. Aus diesen sonderbaren Verzierungen läßt sich eine Art Liebesgedicht enträtfeln. Ich habe es mir ein wenig notiert. Hören Sie: „Köstliche Blumen fernen Landes, Schöne, die der lieblichste Morgentau küßte, denke des Mannes, der nichts als dein niedrigster Sklave fein will. Du schönste der Blumen aus allen Gärten, ich diene dir. Nie sollen deine Augen, die köstlicher leuchten als alle Gestirne, von Leid sich trüben. Dein Leben ist mein goldenes Licht."
Brahusen schob den Zettel wieder in feine Tasche.
„Also ein glühendes Siebesgeflüfter. Wem mag es gelten? Auch das dürste ein Rätsel bleiben."
„Rung-Kü-San hätte es uns wohl erklären können, wenn er nicht getötet worden wäre. Ob er nicht wußte, was es mit diesem kleinen Kästchen für eine Bewandtnis hat?"
„Vielleicht! Vielleicht ist er gar derjenige, der solch überschwengliche Liebesworte einer Schönen zuflüstert, zuflüstern wollte"
Brahusen wandte den Kopf:
„Hat es nicht geklopft?"
Jörgen Bollander rief „herein!" Es öffnete" aber niemand die Tür. Da schritt er hin und drückte auf die Klinke. Als die Tür sich einen Spalt auftat, fiel ein Brief zu Boden. Ueberrafdjt beugte er sich nieder und hob ihn auf. Es war ein weißer Umschlag, und darauf stand in Maschinenschrift fein Name.
Eine geschäftliche Mitteilung? Weshalb hat sich der Bote entfernt, ohne sich sehen zu lassen?
Jörgen Bollander riß den Umschlag auf. Er hielt einen Bogen in der Hand, auf dessen erster Seite nur zwei Zeilen standen:
„Sie fahnden nach mir. Wenn Sie keine Unannehmlichkeiten erleben wollen, dann lassen Sie von Ihrem Beginnen ab! Dr. Sm."
Das Blut schoß Jörgen Bollander in die Stirn:
„Das ist denn doch . . .! Da, lesen Sie, Kapitän, und sagen Sie mir, was bas bebeuten soll!"
sich das für rechtschaffen« Mietleute gehört. Nun ist außer der Hausschwalbe das Rotschwänzchen das einzige meiner einst so zahlreichen Mietsleute, und ich besuche es ab und zu und schaue nach den Kleinen. Das macht dem Rotschwänzchen nichts aus. Wenn ich gerade beim Nest bin und eins der Eltern kommt mit Futter, dann wartet es ein bißchen, und wenn es zu lange dauert, dann verschluckt es die Mücke selber und fliegt aus, eine neue zu suchen.
Bald werden all die Wohnungen für die gefiederten Leute leer stehen. Dann wird es bei mir wohl etwas einsam werden, und ich werde mich freuen aufs nächste Jahr, wo sie hoffentlich alle wiederkehren, denen ich dieses Jahr so gerne Herberge bot. an.
Die Parteiabzeichen.
Von Leo Hillmayer.
Zwei Männer sitzen sich in der Straßenbahn gegenüber. Die Röcke der Beiden sind gleich abgetragen, und in den blassen, abgehärmten Gesichtern ist gleichermaßen Hunger und Not eingegraben. Man könnte die zwei Männer für Kameraden deutscher Not halten.
Sie kennen sich nicht, haben einander noch nie gesehen, und dennoch werfen sie sich gegenseitig erbitterte, feindliche Blicke zu.
Auf den Rocken sind ja die Wzeichen zweier politischer Parteien befestigt, die sich auf Leben und Tod bekämpfen. Von diesen einfachen Rocknadeln geht also ein Haß aus, der blind einen bodenlosen Abgrund aufreiht und keine Ueberbrückung zuläßt.
Jeder der Männer hat ein Kind bei sich. Ruhig sitzt auf der einen Sette em kleiner Junge und auf der anderen ein kleines Mädchen neben einem mürrischen Bater. Die Kinder mögen so um vier Jahre herum sein. Sie wissen noch nichts von der hohen Polittk, auch nichts von Parteien, sie kennen nur den instinktiven Hang zu ihresgleichen und vertragen sich deshalb ohne weiteres gut.
Sie blicken einander eine Zeitlang treuherzig und verstohlen an, aber gar ball) überbrückt die natürliche Unschuß) der Kinder den Abgrund des väterlichen Hasses.
Das Mädchen macht plötzlich eine schelmische Miene und schlenkert mit seinen dünnen Beinchen gegen die Füße des Knaben. Dieser schaut schüchtern erst sein Gegenüber an, dann seinen Vater, und gibt hierauf den harmlosen Stoß zurück.
Helles, luftiges Lachen ertönt, und ein fröhliche» Hin und Her mit Beinen, Händen und Blicken beginnt Bald ist das Eine, dann wieder das Andere flinker.
Die Väter tragen stolz und herausfordernd ihr« Kennzeichen und werfen ab und zu erzürnte Blicke auf ihr« Kinder, die es wagten, den parteiamllich oorge- toriebenen Haß zu mißachten. Aber sie find ttotz ihre» mürrischen Tuns gute Väter und haben ihre Kinder lieb, ©ie wehren deshalb nicht ab. — Während die beiden Männer einander weiterhin kritisch prüfen, kreuzen sich plötzlich ihre Augen. Ertappten Sündern gleich drehen sie unwillig die Köpfe beiseite. Nach einiger Zeit begegnen sich die Blicke aber wieder, doch sie haben bereits etwas von dem anfänglichen Haß verloren.
Mit einem Male neigt sich das Mädchen vor und streichelt dem entgegengebeugten Bübchen zärtlich btt Wange. Da geschieht ein Wunder. Der letzte Rest von Haß auf den Gesichtern der Männer fällt wie Schlacke, und die beiden Väter lächeln sich freundlich zu.
Kurz daraus muß der Vater mit dem Jungen aus« steigen. Behutsam hebt er ihn von der Bant. Etwas mürrisch, mit der Mürrischkeit, die eine gewisse Scham verdecken soll, sagt er zu seinem Bübchen: „So, nun gib dem kleinen Fräulein schon die Hand!"
Während die Kinder sich herzlich voneinander verabschieden, glaubt der Vater des Mädchens, daß dies« freundlichen Worte in irgend einem Sinne auch ihn berühren. Etwas linkisch deutet er auf den Jungen und brummt: „Ein netter Bengel!" Dann nickt er dem anderen Mann« zu, von dessen Rock grell und aufreizend das Kennzeichen der feindlichen Partei leuchtet
Die Straßenbahn fährt weiter, und die Kinder winken sich noch gegenseitig zu. Der Knabe draußen auf dem Gehsteig und das Mädchen im Wagen.
Und die Väter lüpfen verschämt ihre abgetragenen Hüte und lächeln sich noch einmal an. Sie haben ihre Parteien, die sich auf Leben und Tod bekämpfen, und deren Wzeichen ganz vergessen.
Dfl liegt ein Kartenbries. verschmutzt, grau!
Ein Erinnerung anläßlich der Wiederkehr des kriegsiahreskages.
Don Werner Beuntelburg.
Wenn ich gelegentlich in meine Heimat komme, und wenn es einmal gelingt, einen ruhigen Abend zu erobern, dann ziehe ich die link« unterste Schublade meines Schreibtisches auf — und schon macht das Leben lautlos einen großen Schritt rückwärts. Schon fängt es wieder an, lebendig zu werden — das Wohnen in den Holz- barocken, die Lattenroste auf den verschlammten Sager- straßen, die dampfende Feldküche, der leise Regen abseits im Wald, drüben die Kompagnieschreibstube, aus deren Schornstein behaglich der weiße Dampf quirlt.
Vor der Schreibstubentür steht Ackels, Unteroffizier Ackels mit dem Apostelbart. Nebenan fchirrt der Ge- freite Gimpel, die Pferde aus, den dicken Grauschimmel namens Lisa und die sanfte Betty mit dem wiegenden Gang einer Kuh. Ackels aber putzt sich fporgfam die Füße vor der Schreibstube, fährt sich über den schonen, zweigeteilten Apostelbart, klopft an und tritt ein.
Nun weiß ich, was drinnen geschieht. Ackels steht drinnen vor Braschke, dem Spieß, und sagt seinen Vers: „Ich habe empfangen zweihundertdreiundvierzig Portionen Brot, frisches Fleisch für drei Tage, einen halben Zentner Kartoffeln, zehn Liter Schnaps, dreihundert Portionen Schmalzersatz und Marmelade, für jeden Mann sechs Zigaretten und zwei Zigarren, und die Feldpost befindet sich von morgen an in Romagne . s ."
Was dies mit der linken untersten Schublade meines Schreibtisches daheim zu tun hat? Dort liegen fein ge- bündelt und nach dem Datum geordnet alle meine Briefe aus dem Feld — und jeder einzelne von ihnen ist durch die Hand von Ackels gegangen, ober er hat doch wenig- ftens im Postsack hinter Ackels, dem Gefreiten Gimpel, hinter Lisa und Betty auf dem Wagen gelegen.
Da liegt ein Kartenbrief, verschmutzt, grau, am Rand schon vergilbt. Sind es meine Fingerabdrücke ober bi« von Ackels ober von sonst wem — er ist ja burch so viel« Hände gegangen.
„Liebe Mutter, Ihr braucht Euch nun wirklich nicht mehr zu beunruhigen. Wenn bei Euch daheim die Fensterscheiben zittern und wenn das gräßliche Rumpeln kein Ende nimmt, fo mußt Du doch vernünftig sein und bedenken, daß Ihr die Summe des Geschützfeuers von einem breiten Frontabschnitt hort. Der einzelne kleine Ausschnitt, auf dem wir uns befinden, braucht deshalb noch gar nicht fo unruhig zu fein .. ."
Datum: 23. Oktober 1916. Ort: Caplager vor Verdun.
Jetzt weiß ich es wieder deutlich.
Am gleichen Abend rückten wir zum Fort Douau- mont. In der Nacht noch erfolgte der große französische Angriff. Am nächsten Morgen waren die Franzmänner oben, und wir hatten furchtbare Verluftte.
Der Kartenbrief hat noch nichts davon gewußt — und wenn er es geahnt hat, so hat er es doch verschwiegen. Ackels hat es schon gewußt, als er den Brief am nächsten Tage nach Romagne brachte. Wie mag der Brief meine Mutter beruhigt haben — da war alles schön vorüber. «
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Da ist noch ein Brief, dessen Handschrift mich verwundert. Wo las ich sie doch?
„Lieber Freund! Du bist nun daheim bei Muttern — wie gönne ich Dir das. Ich komme über meinen letzten Urlaub und die Eindrücke daheim noch nicht herüber. Hier ist zur Zeit nichts los, Du versäumst nicht das geringste. Seit der Franzmann die verdammte Ecke bei F. wieder
Brahusen griff nach dem Briefblatt:
„Was denn?"
Aber rasch änderte sich der Ausdruck feines Gesichts. Er fuhr drohend auf:
„Verdammt nochmals! Da steht ja „Dr. 6m."! Das ist ja eben der Mann, den das Mädchen in feinem Ta- gebuch erwähnt!"
„Den sie mit Mißtrauen erwähnt, dessen Gesellschaft sie fürchtete, der fie mit feinen Blicken verfolgte!"
„Ja, wenn dieser Dr. Srn — wer weiß, wer sich hinter dem Namen verbirgt? —, wenn der lebt, dann halte ich es nun schon für möglich, daß das Mädchen noch am Leben ist, wenigstens daß fie lebend von Bord des „Tushintang" fortgebracht wurde."
„Sie glauben jetzt, daß Dr. Sm es auf Jngeborg Bergner abgesehen hatte."
„Hm, wenn einer der gelben Rasse sich in eine Europäerin verliebt, kann er von feiner Leidenschaft schon zu allerhand gewagten Unternehmungen verleitet werden. Aber wie nun: Der Ueberfall, das Blutbad auf dem „Tushintang", der Raub der Goldladung, das mußte alles wohl überlegt vorbereitet werden. Es konnte dann also nur der Zufall gefügt haben, daß Dr. Sm das Mädchen an Bord des Schiffes traf und sich sogleich in sie verliebte. Es ist bann aber Gewißheit, daß dieser Mann um die geplanten Vorfälle auf dem „Tushintang" wußte, daß er womöglich der Urheber des ganzen Verbrechens ist."
„Und ihm ist Jngeborg Bergner in die Hände gefallen!"
„Sie erschien ihm gleich der Goldladung begehrenswert."
Jörgen Bollander wanderte aufgeregt durch das Zimmer.
„Und es soll keine Möglichkeit geben, Jngeborg Bergners Spur zu finden?"
„Vielleicht liegen die Dinge auch ganz anders. Vielleicht wurde das Mädchen doch mit an Bord des „Tu- fhintang" getötet, und man befürchtet hier nur, daß Sie vielleicht mehr um die Ergebnisse wissen, als erwünscht ist. Man wird sich nicht erklären können, weshalb Sie gerade nach einem Dr. Srn so lebhaft forschen."
„Ich werde den Chef der chinesischen Polizei aufsuchen."
„Es wird Ihnen nichts nützen."
„Aber der Fall kann doch nicht damit abgetan fein, baß wir annehmen, bie Passagiere bes „Tushintang", bie an bem Verbrechen unbeteiligten Personen, feien ohne Ausnahme getötet worben!"
„Der Brief warnt Sie. Wenn Sie also weiterhin in biefer Sache tätig finb, müssen Sie mit allem Möglichen rechnen."
„Das soll mich nicht abhalten. Schlimm ist es je- doch, daß morgen früh mein Schiff Schanghai verläßt. Ich darf den „Lushang" nicht versäumen."
„Den fährt Kapitän Holms, ein Däne. Grüßen Sie ihn von mir! Wir sind alte Bekannte."
„Das will ich gern besorgen."
Brahusen griff zu feiner Mütze.
„Ich muß gehen, bie Pflicht ruft."
Sie verliehen gemeinsam bas Hotel. Jorgen Bol- lanber hatte sich bei bem Chef ber chinesischen Polizei telephonisch anmelden lassen und begleitete Brahusen zum Hafen. Sie hatten immer wieder eine Frage aufzuwerfen. Die Rätsel des „Tushintang" ließen sie nicht aus ihrem Sann.
Der Polizeichef, Dr. Kao-Tse, empfing Särgen Bollander außerordentlich liebenswürdig in seinem Arbeitszimmer. Er ließ sich von seinem Gast alles erzählen» was ber vorzubringen hatte, unb machte sich bes öfteren Notizen. Er unterbrach ihn mit keiner Frage. Seine unbeweglichen Mienen verrieten Jorgen Bollanber nicht, wie biefer Mann feinen Bericht aufnahm.
Als er geenbet haket, sah er gespannt auf Dr. Kao- Tse. Der begann:
„Ich bin selbstverständlich bereit, ben Singen nachzugehen, bie Sie mir bekanntgegeben haben, Mr. Bollanber. Sie argwohnen vor allem, Miß Bergner könne gewaltsam von bem „Tushintang" an einen unbekannten Ort verbracht worben fein und dort gefangen gehalten werden, preisgegeben den Wünschen eines Unbekannten, der sich Dr. Sm nennt."
„Sie denken also auch, es gibt in Wirklichkeit feinen Dr. Sm."
„Es wirb ihn nicht geben. Ich möchte Sie aber btt»