Beilage zur Fuldaer Zeitung
^NILS
d.
gath. Zungvolk, auf zum Lud Kampf!
Briefkasten der SchriftleUnng.
Armer Junge! Du willst mich verklagen? Aber warum denn?
und ihrer „weitgereisten" Genossen keinen aus ihrer Mitte vor die Schranken bringen konnten, wollten einen vollen Trumpf ausspielen, indem sie ihre berüchtigte „Kanone" vorsührten. Und gerade deshalb — ihr Nazi: habt Ihr verspielt. Gerade dieser edle Nazijüngling hat uns das volle Bild des Dritten Reiches vor die Augen gezaubert. In Reulbach habt ihr verloren, selbst wenn ihr mit eurem Hitler einen dritten „Sturm" machen solltet!! Wir haben Euch jetzt in vollem Maße erkannt. Denn, was Euer erhabener Bezirksleiter bot, war politisch so hochaktuell, daß selbst der Dümmste nicht wußte, was das mit Politik zu tun hatte. Alle Anwesenden mit Ausnahme derjenigen, die unter dem Nazikoller leiden, haben sich das Nötige über das Benehmen des Herrn Bezirksleiters gedacht. Eigentlich wollte man seinem ungebührlichen Benehmen ein Ziel setzen, indem man ihn an die Luft setzte. Doch auf Bitten des zweiten Redners, Herrn Dr. König, der noch nicht, die Ehre hatte, diesen vom psychiatrischen Standpunkt aus sehenswerten Prophetn des Dritten Reiches zu kennen, verlängerte man seine Redezeit aus % Stunde unter der Bedingung,
Die heftigen Angriffe, die die Nationalsozialisten in letzter Zeit gegen den politischen Katholizismus erheben, geben dem W i n d t h o r ft - bund Hilders Beranlassung, in folgendem offenen Brief zu den von nationalsozialistischer Seite gemachten Verdrehungen Stellung zu nehmen.
Lieber Tilbert! In Deinem «^lugblättchen vom 17. Mts. rufst Du nicht nur den Katholiken die Parole
Wit Stampfen mit Vrißningr Gegen jede Diktatur und Kastenherrschaft! Für den ditifilidten, sozialen und fseiSteiilidie» VolKspaat. Für die Freiheit der Kirche und unserer großen Volksverbände. Für die Freiheit und Gleichberechtigung unseres Volkes in der Welt, für eine wahrhaft christliche Gemeinschaft der Völker! Freunde, sorgt dafür, daß am 31. Juli in jedem Dorf der letzte Wähler für die Volksfront Brünings mobil gemacht wird. Die WindttroLpbnnKe im San ffnlds.
ternehmen. Crsolg: Katastrophale Niederlage. Feige Flucht vor Rechenschaft. Die paar Reulbacher Nazi-Anhänger, die trotz ihres „Intelligenten" Führers
schamlosen Angriffen der Nazis auf Kardinal Faulhaber, Bischof Kumpfmüller und viele andere geistliche Würdenträger, denen man im Dritten Reich den Galgen angedroht hat?
Rettet die Kirche? In Nr. 144 des nationalsozialistischen „Angrif f" bezeichnet Joseph Göbbels, der sich einbildet, seine Kindertrompete sei die Posaune des Weltgerichts, das pflichtgemäße Berhalten eines katholischen Geistlichen als ein schurkisches und schamloses Treiben, „wie man es nur bei Verbrechern, Mordbrennern, bolschewistischen Mördern und Zentrumsleuten sinde.
Diese Flegelei führte zum dreitägigen Verbot der Zeitung wegen Beschimpfung der katholischen Kirche!
Rettet die Kirche? In Bochum überfallen Nazis wehrlose katholische Jungmannen, entreißen ihnen das Christusbanner, zerreißen das Bannertuch und schlagen den Bannerträger blutig! Helden des Dritten Reiches!
Rettet die Kirche? In Darmstadt wird ein Ordensmann, der von einer Nachtwache heimkehrt, von „gebildeten" Herren, die mit dem Abzeichen des Dritten Reiches geschmückt sind, in frechster Weise angepöbelt und tätlich angegriffen.
Rettet die Kirche? In Mecklenburg wird auf An- trag der Nazis der geringe Staatszuschutz an die katholische Kirche unter gehässigster Begründung gestrichen. Dagegen wendet sich sogar die „Deutsch-evangelische Korrespondenz des Evangelischen Bundes". Der Evangelische Bund als Verteidiger der katholischen Kirche gegen die Nazis! Wir kondolieren!
Rettet die Kirche? Pg. Strasser läßt in Friedberg in Hessen die Maske fallen und erklärt wörtlich: Nach einem zwölfjährigen Kampf gegen das Geld, gegen Internationalismus, gegen Rom und gegen die Anwärter der Staatsfutterkrippe steht die Hitlerbtwegung auf der Vorstufe der Macht! Gegen Rom, lieber Tilbert!
Rettet die Kirche? Meinte das auch der Gauleiter Hermannsdörfer vom Gau Oberfranken, als er in Heppenheim ausrief: „Wenn wir an die Macht kommen, regieren wir nach lutherischen Methoden und jagen die schwarzen Psasfen aus Deutschland hinaus"?
Rettet die Kirche? Deshalb schreibt die nationalsozialistische Niedersächsische Tageszeitung zu dem Kultur
datz er bis zum Schluß der Versammlung anwesend bleiben werde. Die Zeit füllte er aus mit Schmähungen gemeinster Art. Kurz, seine provozierende Weise löste helle Empörung aus. Als eine gute halbe Stunde verstrichen war, entzog man ihm das Wort. Und nun hört und staunt: Dieser einzigartige deutsche Treuhänder bricht sein Wort und zieht mit seinen Kumpanen aus. Es war auch nötig, um sich größter Blamage zu entziehen. Denn auch keine der aufgestellten Behauptungen hätte er aufrecht erhalten können. Unter großem Jubel aller Anwesenden rechnete Dr. König in gebührender Weise mit ihm ab. Nach dem Auszug dieser einzigartigen Deutschen verlief die Versammlung in der ruhigen und anständigen Art, die wir lieben.
So viel möchten wir den Nationalbolschewisten nur zum Schluß sagen, wenn sie glauben, sie könnten uns Windthorstbündlern durch Frechbeit und Anmaßung imponieren, so irren sie sich gewaltig. Wer gegen uns die Faust erhebt, wird die Faust spüren. Wir provozieren nicht, aber wir werden, wenn es nottut, nach Rhönerart fest zupacken.
kampf der Loge in Spanien: „Wir beglückwünschen di« Spanier aufrichtig, aber nicht ohne Neid zur bevorstehenden Ausweisung der Jesuiten. Eine nationalsozialistische Regierung wird hofsentlich auch recht bald Deutschland von dieser Pest befreien."
Rettet die Kirche? Deshalb stimmten die Nazis geschlossen gegen das Konkordat, das der Kirche die Freiheit ihres Wirkens gerändert
Haft Du die Mahnung der Bischöfe nicht gelesen, nur Männer zu wählen, die eintreten für den Schutz der katholischenKirche? Verstehst Du darunter den Renegaten Göbbels, der wegen seiner Mischehe vor dem protestantischen Religionsdiener aus der Kirche ausgeschlossen ist, oder den Pg. Strasser, den Kämpfer gegen Rom oder Pg. Röhm, dessen schmutzige Neigungen und Gepflogenheiten bekannt geworden sind?
Deine Behauptung, die Bischöfe seien nicht maßgebend, solange nicht Rom gesprochen habe, ist eine Irrlehre! Die Weisungen der Bischöfe verpflichten jeden Katholiken im Gewissen! Man sieht, daß Du neben anderem auch Deinen Katechismus nicht recht gelernt hast. Zudem weißt Du auch ganz genau, daß das päpstliche Organ, der „Osservatore Romano" das Vorgehen der bayerischen Bischöfe gegen die Irrlehre der Nationalsozialistischen Weltanschauung in allen Punkten gutgeheißen und gebilligt hat.
Wir wissen, daß die deutschen Bischöfe Anhänger der Zentrumspartei und der Bayerischen Volkspartei sind und wir wissen auch, daß sie und die Führer dieser Parteien das volle Vertrauen des Hl. Vaters genießen. Wir besinden uns also in guter Gesellschaft, was man von Dir wahrhaftig nicht behaupten kann.
Wenn Du nicht so jung wärest, wüßtest Du auch, daß schon einmal in der Deutschen Geschichte die deutsche Zentrumspartei (nicht die Nazis!) das Vaterland vor dem Bolschewismus gerettet und die Rechte der Kirche verteidigt hat. Das war nach dem Zusammenbruch von 1918. Damals schrieb das Evangelische Sächsische Kirchenblatt: „Wenn am 9. November 1918 und am 11. August 1919 keine Zntrumspartei gewesen wäre, welche die kirchlichen Interessen (auch der protestantischen Kirche) hätte vertreten können, so hätte die evangelische Kirche ohne Zweifel Konkurs anmelden können ... Es war allein das Zentrum, das der erdrückenden Macht einer politisch zufarn» mengesaßten Masse in religiösen und kirchlichen Fragen Achtung und Zurückhaltung gebot."
Das mag für heute genügen!
W i r stehen zu unseren Führern und verteidigen Öte unveräußerlichen Rechte der Kirche gegen Nazis und Gottlose!
Wir machen deshalb das Zentrum stark.
Magst Du immerhin int bezahlten Dienste einer Par- tei bleiben, deren Kirchen- und Katholikenhaß wahrhaftig nicht mehr unter Beweis gestellt zu werden braucht, wir stehen wie unsere VäterfestzumZentrum, dem ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht und dem sichersten Bollwerk im Kampfe gegen alle Feinde der Katholischen Kirche!
~ Am 31. Juli wird das nicht nationalsozialistische, aber treu katholische Ulstertal und das Ful- daer Land auf die gehässigen Angriffe eine eindeutige Antwort erteilen!
Windthorstbund Hilders.
Das ..positive Christentum" der Nazi
Ein offener Brief des Hilderser Windlhorstbundes.
3ff das national?
Ein Windthorstbündler aus Reylbach schreibt uns zum zweiten „Sturm" der Nationalsozialisten auf Reulbach:
Wir Reulbacher wollten eine Zentrumsversammlung, in der wir aus dem Munde des gerade von uns Rhön- bauern hochgeschätzten Landtagsabgeordneten R h i e l eine sachliche Darstellung der gegenwärtigen, schwer übersehbaren politischen Lage erhofften. Wir kamen trotz des kindischen Benehmens der „nationalen" Leute aus unsere Kosten. Und die Nazi — wollten nach dem ersten total mißlungenen Sturm aus Reulbach unter Führung des Pg. Etzel II, auf Anstiften eines Reulbacher „intelligentem" SA-Mannes, unter dem Kommando des Bezirksleiters Pg. Etzel I einen zweiten un-
Worum es geht.
Die junge Volksfront gegen Hakenkreuz und Sowjetstern im Kampf.
Wenn man sich in früheren Wahlkämpfen um Steuerprozente und andere ähnliche Angelegenheiten stritt, so treten heute diese sicher sehr wichtigen Dinge ganz zurück. Alle, die sich nicht haben benebeln lassen, wissen: am 31. Juli geht es um den Bestand des Staates! Siegt der Faschismus, bann wird eine Entwicklung angebahnt, deren Ende nicht abzu- sehen ist. Dann wird es um die Freiheit geschehen sein und die Schergen des Staates werden in alles hmeinreden. Die „Herrenmenschen" werden die breiten Schichten in eine Opposition gegen den Staat und gegen die Gesellschaft treiben, die schließlich den Kommunisten zugute kommt.
Wir jungen Katholiken haben deshalb die Aufgabe, in diesem Wahlkampf dafür zu sorgen, daß unserem Volk der Leidensweg über das Dritte Reich zum Kommunismus erspart bleibt. Wir kämpfen mit Brüning für die Freiheit, für die Gleichberechtigung aller gefunden Kräfte im Staate, für die Rechte der Kirche und der großen Dolksverbände und gegen Terror und Diktatur. Männer von der Art eines Heinrich Brüning müssen Führer im Staate bleiben. Line Herrsch -st der Barone wird ähnlich wie 1918 mtt einem Zusammenbruch enden.
zu: Zerschmettert das Zentrum, rettet die Kirche! sondern wagst es auch, an den Hl. Vater in Rom das Ersuchen zu richten, die Kirche vom Zentrum zu erlösen, damit Glaube und Religion in Deutschland nicht der Vernichtung durch den vom Zentrum betriebenen Bolschewismus anheimfallen.
Wenn auch wir, die wir Dich und Deinen Werdegang von Jugend auf kennen, nicht alles tragisch nehmen, was Du redest und schreibst, so zwingt uns doch diese unglaubliche Anrempelei zu einigen Worten der Erwiderung:
Wie steht denn die NSDAP, zur katholischen Kirche?
Jeder politisch geschulte Deutsche weitz doch, daß die Partei antirömifd) eingestellt ist und daß ihre Führer keine Gelegenheit versäumen, ihrem Haß gegen Rom Luft zu machen.
Seit den Tagen des Kulturkampfes ist nicht in so gehässiger Weise gegen die Kirche und ihre Diener gehetzt worden wie von der NSDAP. Fast kein Tag vergeht, an dem nicht katholische Geistliche beschimpft, verleumdet oder tätlich angegriffen werden von Nationalsozialisten. Den Haß, den die Führer in ihren Büchern und Zeitungen predigen, wird bann von ben Pg. in bie Tat umgesetzt.
Rosenberg „Mythos des 2 0. Jahrhunderts" ist eine einzige Gemeinheit gegen die Kirche. Rede Dich doch nicht damit heraus, daß das eine Privatarbeit und nicht die Meinung des Führers sei.
Hitler ist nicht von diesem Buche abgerückt, sondern hat es im Gegenteil warm empfohlen. Das nimmt nicht Wunder, wenn man die Einstellung Hitlers z u- R o m aus feinem Bekenntisbuche „M ein Kampf" kennt. Aus jeder Zeile des Kapitels von der „Los-oon- Rom-Bewegung" spricht das Bedauern des Führers, daß diese Bewegung nicht zum Ziele geführt hat.
Rettet die Kirche? Weiht Du nichts von den
Empor zum Licht!
Wir wollen nicht in dumpfer Gruft Verlohen wie ein Brand.
Wir wollen Licht, wir wollen Lust, Wir wollen freies Land.
Wir wollen starke Feuer fein Im Wind, im freien Wind. Wir wollen in die Welt hinein. Wo unsere Brüder sind.
Und treffen wir im fernen Land
Die gleichgesinnte Schar, Dann brennt begeistert Hand in Hand Und tilgt, was früher war.
Und tilgt den Hatz und tilgt die Wut, Die einst bk Welt zerriß — Nun ist auch unserm jungen Blut Ein neues Licht gewiß.
Robert Seitz.
Die Offiziere fluchen.
In Deutschland hat heute groß und klein Gefallen am „Soldatenspielen". Von gewissen Seiten wird der Krieg bewutzt in ein romantisches Licht gestellt, und man verschreit denjenigen, der den Mut hat, die nackte Wirklichkeit zu zeigen, als „Pazifisten" und ®aterlanbs»erräter. Dabei sollte es Pflicht jedes vaterlandsliebenden Erziehers sein, in der deutschen Jugend den Willen zu stärken, für ihr Volk auch die Leiden eines Krieges auf sich zu nehmen, obwohl man den modernen Krieg als bas furchtbarste, was es geben kann, kenitt. Dann wird sich ein Volk auch nicht in eine romantische Soldatenspielerei hinein verirren, sondern sich mit größter Sorgfalt auf alle Fälle oorbereiten und nicht mißbrauchen lassen. Wir bringen aus dieser Erwägung heute einen Abschnitt aus dem neuen Werk „Armee im Schatten — Die Tragödie eines Reiche s" von Bodo Kaltenboeck (320 Seiten. Ganzleinen S. 9.—, Rm. 5.50), das bei der 33er» lagsanftalt Tyrolia, Innsbruck-Wien-München, erschien und das österreichische Kriegsschicksal im persönlichen Erlebnis, aber in weitgespanntem Rahmen lebendig werden läßt.
Jeder junge Leser wird sagen:
Ist es nicht ergreifend, daß unsere Väter trotz der hier geschilderten furchtbaren Leiden agierten, so lange man es ihnen noch befahl?
Wochen sind vergangen. In einer aus Schnee, Heinen Baumstämmen und Reisern erbauten Höhle sitzen einige Offiziere. Ein rotglühender Schwarmofen strahlt starke Hitze aus. Draußen heult ein Karpathensturm. Außer den Posten und diensthabenden Offizieren drängt sich alles in ähnlichen Schneehütten zusammen. Kon- servenbüchsen sangen auf dem Feuer zu brodeln an und bas hart gefrorene Brot taut auf. Ein Zug von Zu- sriebenheit tfitt in die ausgemergelten Gesichter.
In der Hütte der Offiziere herrscht eine böse Stimmung. „Kratz dir nicht im Gesicht herum!" fährt Hauptmann von Kopenhagen den erschrockenen Törös an. „Du schaust bös genug aus!"
Leutnant Törös zieht einen kleinen Spiegel und be
tt acht et sich: „Weiß der Teufel, mir graust es vor mir selber! Ich schaue aus wie--"
„Das habt ihr nur eurem blödsinnigen Waschen zuzuschreiben!"
„Aber ich kann doch nicht immer so dreckig herum- laufen!"
„Warum nicht! — Ich weiß sehr wohl, daß ich wie ein Schwein aussehe. Hände, Gesicht, Ohren, Hals, alles eine dicke Dreckkruste. — Aber mich waschen? — Wäre reckt, wenn man sich trocknen könnte! Mein letzter Lmnpen fault längst in meinen Schuhen als Fußlappen. Ich glaube, ich stinke vor Schmutz: nur merkt es keiner, weil ihr alle stinkt. — Was hast du jetzt von der Wascherei! Ich hab« es ausdrücklich verboten! Ihr reibt euch euer gleichgültiges Gesicht mit Schnee ab. Die Feuchtigkeit gefriert auf der Haut. Die Haut wird rissig und springt. Daß Schmutz hineinkommt, läßt sich bei unserem Leben nicht vermeiden. Ihr kratzt euch, weil das Zeug verdammt beißt. Die Folg« ist Krätze, Eiterungen und Würmer. Die halbe Kompagnie ist versaut!" — Wütend stiert Kopenhagen vor sich hin.
„Das ist noch nicht das Schlimmste," sagt Terzy. „Ich habe heute mehr als zwanzig Leute der Kompagnie auf den Hilfsplatz geschickt, weil sie kaum mehr gehen konnten. Sie sagten, sie hätten so einen Schmerz in den Waden. Ich konnte es mir nicht erklären und ließ mir die Füße zeigen. Sie waren voll eiternder Entzündungen. Ich ging selbst mit auf den Hilfsplatz. — Komisch, es hängt mit der Ruhr zusammen.
Kopenhagens Nerven sind überreizt. Er schnauzt Terzy an: „Mach keine Witze! Ich bin nicht darnach aufgelegt! Was hat die Ruhr mit diesen Eiterungen zu tun?"
„Der Regimentsarzt sagte mir, zehn Prozent der Soldaten, Offiziere wie Mann, hätten diese Eiterungen. Und zwar von der Ruhr. Im ständigen Fieber spüre man das dünnflüßige Zeug aus dem Darm nicht mehr. Es fließe langsam den Körper hinab und sammle sich in den Hosen an der Wade. Das gebe zuerst Entzün- düngen, bann schmerzhafte Eiterungen mit Vergiftungserscheinungen "
„Pfui Teufel!" flucht Kopenhagen, „bas ist doch eine höllische Sauerei!"
„Der Regimentsarzt und die Sanitäter," fährt Terzy gleichgültig fort, ,banden sich Watte vor Mund und Nase, als sie die Leute untersuchten und mit irgend etwas einpinselten, weil es so stank. Dann schickte man sie wieder zur Kompagnie zurück. Sie wankten hoffnungslos hinaus. Acht waren darunter, denen zugleich Zehen, Finger und Ohren abgefroren waren. Sie mußten gleichfalls zur Kompagnie zurück!"
„Das ist eine viehische Schinderei!" brüllte Kopenhagen, wie wenn er körperlichen Schmerz empfände.
Terzy spricht weiter: „Als ich das hörte, wurde ich wie toll. Der Regimentsarzt bemerkte es. Er nahm mich auf die Seite. Er sah ganz alt und müde aus „Fähnrich", sagte er zu mir und seine flüsternde Stimme wurde unsicher, „Fähnrich, gestern hat sich mein Assistenzarzt erschossen. Weißt du warum? — Er konnte das Elend hier nicht länger mitansehen. Ein blutjunger Mensch — Fähnrich, ich fege, dir, wir sind hier regelrecht froh über jeden Verwundeten. Jede Ver- wundung fft doch menschlich. Was wir aber hier erleben --." — Noch immer wild vor Empörung schrie
ich ihn an: „Doktor, warum schickst du diese Menschen an die Front zurück! Was sollen wir mit diesen Leichen?" Da sagt er ruhig, aber seine Stimme ist heiser, während ich fassungslos stehe: „Fähnrich, glaubst du, es wäre nur bei deiner Kompagnie so? Beim ganzen Regiment, an der ganzen langen Karpathenfront stände kaum ein Mann mehr, wenn wir jeden in ein Spital schickten, der in ein Spital gehört. Weißt du, daß auf der Front auf zehn Meter nur ein Mann kommt, daß keine Reserven da sind, daß alle Augenblicke die Russen losschlagen können? Dreiviertel aller Soldaten, Offiziere wie Mann, haben böse (Erfrierungen: fünfzig Prozent haben die Ruhr, dreißig Prozent Angina mit einem Fieber, wo jeder ins Bett gehört. Zwanzig Prozent haben alles zusammen, Fähnrich", sagt er und sieht mich demütig an wie ein Hund, „wir dürfen nicht, wir dürfen nicht! Verwundungen gelten und Krankheiten mit unmittelbarer Lebensgefahr. Wer aber noch schießen kann, muß bleiben. Schießt doch", schreit er, „schießt doch! Das ist die Haupffache! — Fähnrich, wir brauchen keine Spitäler mehr. Sie werden bald leer stehen. Die schwe- ren Fälle, die wir zurückschicken, sterben unterwegs auf
den Schlitten. Die anderen aber schießen. Die ganz« Karpathenfront ist ein entsetzliches Spital «jit^ lauter lebenden Leichen". So spricht der RegimentMrzt zu mir und dann fing er wie ein kleines KiH..LU heulen an."
„Es ist eine höllische Schinderei!" flucht Hauptmann von Kopenhagen wiederum.
Leutnant Törös beginnt plötzlich zu rasen: „O wenn man nur einmal für eine einzige selige Stunde die Schweine in die Hände bekäme, die um des Geldes willen uns Schuhe mit Pappendeckelsohien geschickt haben. Sie verdienen Gold und uns faulen die Knochen ab, damit sie noch mehr verdienen. Ich möchte morden, möchte sie langsam zu Tode quälen, ihnen mit eigenen Händen die Gedärme aus dem Leibe reißen . . ." Törös ballt in ohnmächtigem Hasse die Fäuste; sein ganzer Körper beginnt zu zucken.
Kopenhagen schnuppert in die Lust. „Es riecht nach etwas Verbranntem." Gleich darauf entdeckt er, daß fein Mantel Feuer gefangen t>at. Er drückt den glimmenden Rand gleichgültig aus und rückt ein wenig vom Ofen ab.
Alle drei starren vor sich hin. Das Telephon summt- Kopenhagen läßt sich den Hörer geben. Er lacht spöttisch auf und gibt den Hörer zurück. Ein höhnischer Klang liegt in seiner Stimme, als er sich zu den anderen wendet:
„Wir bekommen Besuch, festlichen Besuch! Der beut- sche Schriftsteller Ludwig Ganghofer, der, um lebendig« Eindrücke zu sammeln, die Karparthensront bereist, wird heute nachmittag in Begleitung eines Herrn vom Kriegspresseauartier unsere Stellung besichtigen. Man lege oben Wert darauf, daß die Herren nicht, wie es sckon spaßhasterweise geschehen ist, in gefährdete Räume geführt werden und daß sie einen möglichst vorteilhaften Eindruck vom guten Geist der Truppe erhalten."
„Ich werde ihnen mit dem Hintern ins Gesicht sprin« gen!" schreit Törös voller Wut.
Hauptmann v. Kopenhagen aber beginnt tu lachen. Schließlich lachen alle drei. Doch ist es fein frohes Locken.