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Ar. 169

Beilage zur Fuldaer Zeitung

NIL

24. Juli.

Mondlicht.

M« liegt im Mondenlichte Begraben nun die Welt. Wie selig fft der Fried«, Der sie umfangen hält!

Die Winde müssen schweigen. So sanft ist dieser Schein; Sie säuseln nur und weben Und schlafen endlich ein.

Und was in Tagesgluten Zur Blüte nicht erwacht, Es öffnet seine Kelch« Und duftet in die Nacht.

Theodor Storm.

Spionage wider Willen .. .

Schicksal des Bauern Mathis Marcel. — Eingeschlossen in Belgien. — Flucht über die Nordgrenze. — Der To- derzaun: Hochspannung von der Nordseeküste bis Aachen.

— Sonderbarer Dank seines Vaterlandes Frankreich.

Brüssel im November. Anschlagsäule: „Avis. Durch feldgerichtliches Urteil wegen Kriegsoerrats, Zuführung von Mannschaften an den Feind über die Nordgrenze, wurden verurteilt: fünf Personen zum Tode, vier Per­sonen zu fünfzehn Jahren Zuchthaus. Der Generalgou- verneur von Belgien, von Bifsing." Die Leute stehen Schulter an Schulter, sechs Reihen hintereinander. Auch Marcel, der französische Dauer, der in Belgien billiges Saatgut kaufen wollte, dem der Krieg plötzlich di« Grenze sperrt. Noch war er nicht interniert. Stumm liest jeder die erschütternde Lektüre. Keiner spricht ein Wort. Dann machen sie Platz den Nachdrängenden, schlürfen still m die Seitenstraßen und sehen sich nicht mehr um. Diele tapfen unsicher, wie Marcel.

An diesem Abend durchkreiste eine Legion von Ge­danken und Vorstellungen Marcels Gehirn, die Nord- grenze. Flucht über die Nordgrenze nach Holland, über den Kanal zurück nachFrankreich, zurück nach Pourdriere, zu Sichel und Pflug. Ja, die Nordgrenze ... Er schnappte vor Aufregung nach Lust. Er streckt« seinen Bauernbuckel, „Dien eft avec nous", und machte sich auf den Weg.

Tagsüber verbarg sich Marcel in Scheunen oder Ge­strüpp. Nachts schleifte er seinen schmutzigen Leib durch Furchen und Straßengräben. Mehr Tier Äs Mensch. Getrieben vom urelementaren Notinstinkt der geängstig­ten Kreatur, du oder ich. Und dann ist di« Grenz« da, Gott sei Dank, die Grenze . .

Wie ein weiches Quallentier räkelt sich di« Dunkelheft durch den Wald, legt sich breit über Hügel und Felder. Regen setzt ein. Die Wasserbündel wollen nicht alle werden. Marcel kennt das und ist stoh. Den Mund auf den Boden gedrückt, kriecht er vorwärts. Wi« ein nasses Segel flattert das zerrissene Halstuch im Wind. Die Grenze . . .

Deutlich, wie Schattenbilder, erkennt er di« Umrisse von Soldaten. Sie nähern sich einander, entfernen sich wieder, das Gewehr um die Schulter gehängt. Wacht­posten, die jeden ohne Anruf niederfchiehen, der zur Stunde diese Zone betritt. Er spricht sich selbst mit hei­serer, verzückter Stimme Mut zu. Weint vor Freude. Er will und wird es schaffen.

Aber er schafft es nicht. Diese Nacht und auch di« anderen Nächte nicht. Ist um Tage zu spät getont- men: Acht Kupferdrähte schlingen sich von Mast zu Mast, zwei Meter hoch. Don der Nordseeküste bis Antwerpen, non Antwerpen bis Aachen. Elektrisch geladen. Hoch­spannung. Di« Tore und Uebertritte sind lebendig von Soldaten. Die Schaltvorrichtungen verborgen und streng bewacht Dor dem Todeszaun zieht sich niedriger Stacheldraht. Nur ein Schnitt: und irgendwo gellen die Warmglocken. In den Drähten suselt die fteizie- hende Lust, klappert, wie ein knöchernes Gespenst. Und Marcel weint. Deutlicher treten die Backenknochen in seinem Gesicht hervor. Hunger reißt am leeren Magen. Da kriecht er zu einem nahegelegenen Gehöft, bis zur Stalltür, kann nicht weiter. Er legt die Hand über die Äugen gegen ein Licht, das gar nicht da ist. Eine weiche Welle löscht ihn langsam aus.

So findet ihn die Bätierin. Hat ein häßlich listiges Gesicht. Aber ein gutes Herz.

Das Rätsel des Tufhinkang.

Roman von Kurt Martin.

Sovvright bv Verlag Neuer Leben. Bavr. Gmain.

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„Richt so ohne weiteres. Ob er für das Schiff eine Gefahr bedeutete, weiß ich nicht; sicher ist aber, daß er für di« Tagebuchschreiberin eine Gefahr bedeutete."

„Es macht nicht den Eindruck auf mich, als ob diese Befürchtung grundlos niedergeschrieben wurde. Darf ich das Tagebuch an mich nehmen und versuchen, aus den Aufzeichnungen Näheres über die Person der Schreiberin zu erfahren?"

„Selbstverständlich! Sie nehmen mir damit eine er­hebliche Arbeit ab. Bitte, stecken Sie das Buch zu sich; aber verwahren Sie es recht gut! Es könnte doch viel- leicht noch irgendeine Bedeutung erlangen."

„Ich will es sorgsam behüten."

Jörgen Bollander hielt das schmale Buch wieder in den Händen, und seine Augen ruhten erneut auf den schlichten Buchstaben „Ingeborg".

Er ft-gte: „Die Schreiberin war wohl noch unverhei­ratet; denn sonst hätte sie nicht so aus einem Derlassen- heitsgefühl heraus geschrieben, sie hätte dann doch irgendwie den Gatten erwähnt."

„Kann schon fein."

„Was ist cus ihr geworden?"

„Tot! Oder — was noch schlimmer wäre — fort« schleppt."

Jörgen Bollander furchte die Stirn:

„Was mag sie erlitten haben! Wir müssen alles oer- uchen, Klarheit zu schaffen, zu erfahren, ob das Mäd- chkn noch lebt. Und nötigenfalls ihrer Spur folgen!"

^rahusen lachte zornig.

„Spur! Sie haben noch nicht solch reiche Erfah- nmgen gesammelt wie ich hier in all den Jahren. Der finden " W unglaublich schlau. Sie werden keine Spur S*$r°r0Cn Bullutider dachte an den Fetzen grünen hn;?;5' d°ii er bei sich trug; aber er schwieg auch jetzt

über. Sinnend meinte er:

Eine Gruppe Landstürmer liegt im Gehöft. Vier Kilometer entfernt die nächst« Gruppe. Beide zweihun- bert Meter vom elektrischen Zaun. Dom Schlafzimmer der Bäuerin hört Marcel alle fünfzehn Minuten ein paar Soldaten den Zaun abfchreiten. Sie plaudern. Oft ein Anruf, dann steigen Leuchtkugeln durch die Nacht empor, senken sich als lichtschimmernde Trauben. Don unten und von den Nebenzimmern bringt bas Geräusch ber Essenden zu ihm. Als es still wird, kommt die Bäuerin herein und bringt auch ihm zu offen. Sagt nur: „Guten Abend, du brauchst vor mir keine Angst haben." Marcel nickt. Dann beraten .sie. Man hört den Sekundenzeiger ticken.

Drei Uhr morgens verläßt Marcel auf demselben Weg, wie er gekommen, das Gehöft. Es regnet noch immer. Vor sich her rollt er ein leeres Faß ohne Bo­den, außen mit Gummistücken dicht umwickelt. Er wun­dert sich selbst, wie ruhig er dabei bleibt. Mit zuge- knfffenen Augen kriegt er vorwärts. Bei einem Strauch hält er an. Wartet. (Eine dunkle Silhouette kommt näher, ihr folgen zwei andere, gehen vorbei, verschwin­den im Gehöft Erst in fünfzehn Minuten werden sie das Haus wieder verlassen. Er kriecht weiter. Zeit­weise drcht er seinen Kopf zurück. Wenn im Schlafzim­mer der Bäuerin das Licht aufflammt, und ihr Schatten das Fenster kreuzt, dann heißt es: Vorsicht. Doch das Fenster bleibt dunkel.

In wenigen Minuten tft er beim Stachelzaun. Aber es dauert lange, bis er das Faß zwischen die Drähte gezwängt hat. Dann kriecht er durch. Zieht das Faß nach. Kein Draht ist zerrissen. Die Hauptarbeit ist getan, aber nicht die gefährlichste. Wird der Gurnrnibe- lag ihn vor dem Starkstrom der nächsten Drähte genü­gend schützen?

Seine Fäuste zittern, als er das Faß den Kupfer­drähten nähert. Es schüttelt ihn die Angst wie Fieber. Er hält den Atem an, fein Kopf ist zum Platzen. Er schließt die Augen — und stößt das Faß bis jur Hälfte durch den Todeszaun. Flach wie ein Fisch schiebt er sich durch das Faß. Gerettet!

Unermeßlicher Jubel durchstürmt seine Brust . . . gerettet! . . . gerettet! ... Er stürzt vorwärts, la­chend, seine Arme tanzen rudernd in der Luft ... ge­rettet! Da schlägt ihm etwas gegen die Seine, Knie und Brust. Er fällt, sinkt vornüber ... hängt im Stacheldraht, den er auf dieser Seite nicht mehr ver­mutet: „Verdammt!" Wie Feuer sind ihm die Spitzen ins Fleisch gedrungen. Aber kein Strom, der ihn le­bendig verbrannt hätte. Erst bleibt er regungslos lie­gen, hört van weither das metallische Älinren eines Läutewerkes, sieht Licht im Fenster des Gehöftes aus-

flammen, von einem Schatten durchhuscht, dann refft er mit aller Kraft den rechten Arm aus den Drähten los und tastet nach der Drahffcher«, bi« ihm die Bäuerin für jeden Fall mit gegeben. Noch nicht sterben, noch nicht sterben!

Leuchtkugeln blinken auf, das Feld wird laut und lebendig. In wenigen Minuten sind di« Wachen da. Auf der belgischen Seite finden si« nichts. Auf der hol­ländischen sehen sie ein Faß und im Stacheldraht eine regenverdünnte Blutlache. Zu spät. Wie ein weicher Samtmantel breitet sich langsam wieder di« Dunkelheft aus. Blind abgegebene Schüsse verrollen, warnen die Wachen, an anderer Stelle vorsichtiger zu fein. f

Ein prachtvoller sonniger Spätherbsttag. Drüben schauten sie Marcel an, als wäre er ein Geist oder ein Teufel. Gratulierten ihm lachend. Verhalfen ihm mit Geld über den Kanal. Zurück in die Heimat, nach Pour­driere, zu Scholle und Pflug. (Er würde mit. seinem Nuckel ja nicht einrücken brauchen, sagten die Holländer, und auch «r dachte so. Ließ sich nochmals gratulieren.

Tatsächlich brauchte er nicht einrücken. Dienstun­tauglich. Aber es kam doch anders. Drei Tage nachdem er einen Brief, den ihm die Bäuerin mttgegeben hatte, an die Anschrift, Militärbehörde, abgegeben hatte, lud man ihn nach Fleury ein. Der Brief mußte wichtige Mitteilungen «nthaüen haben, denn man war sehr freundlich mit ihm und bewirtete ihn gut. Zeigte ihm auch den Flugplatz. Auf den Genuß eines Glas Wei­nes verlor er plötzlich das Bewußtsein. Stunden ver­gingen.

Hefttger Lustdruck schlug ihm um di« Ohren, da öff­nete er wieder die Augen, weit und entsetzt. Er wand sich, brüllt«, wimmerte. Ungehört. Seine Stimme er­trank im Geräusch der donnernden Motors. Bevor er noch Zeit hatte, sich von den beengenden Leberriemen zu befreien, gab plötzlich ber Boden unter seinem Sitz nach. Er fiel. Wie kaltes Wasser strömte die Luft in ihn hinein. Die Augen wollten brechen. Dann ein kräftiger Ruck . . . und er schwebte . . . schwebte am Falschirm zur Erde ... auf ein ödes Feld . . .

So wurde ber französische Bauer Mathis Marcel zum Spion in Belgien. Man hatte ihn, mit Dokumen­ten gut versehen, ohne sein Wissen und Wollen zurück nach Belgien gebracht. In seinen Taschen war Geld, viel Geld . . . Aber die Todesstrafe wog es doch nicht auf. Beim neuerlichen Versuch, die Nordgrenze zu über­schreiten, wurde er ertappt. In seinem Rockfutter wa­ren wichtige Mitteilungen über deutsche Militärgeheim- niss« eingenäht. Mit ihm wurde, laut feldgerichtlichem Urteil, auch die Bäuerin Edith Racine hingerichtet. 46 Jahre all. Belgierin. W. Aufderheide.

Alles für eine Mark.

Von Werner OellerS.

Der ManeS wird alt. Es läßt sich nicht mehr der- heimlichen. Ganz dürr und klapprig fft er geworden, der Atem wird kurz, und die Haare werden immer weißer. Schlimmer als dies und alles aber ist es, daß feine Hand nicht mehr ficher ist, daß sie manchmal sogar leise zittert. Das macht ihm das Herz schwer und bange Sorgen für den Abend seines Lebens. Was wird werden, wenn die Leute dahinterkommen, wenn er wirk­lich anfängt, ihnen die Gesichter zu zerschneiden, wenn am Ende gar — was Gott verhüten möge! — so ein junges Bürschlein aus der Stadt sich hier ins Nest setzt und das Monopol zerschlägt? Manes, was bann? So quält er sich, der arme, alte Kerl, und strengt sich an, di« handwerklichen Mängel durch erhöhte Liebens­würdigkeit und Geschwätzigkeit wettzumachen. Natür- sich haben die Leute längst heraus, was los ist, ab« wer wird denn schon dem alten Manes davonlaufen? Eher läßt man sich das Gesicht zerschneiden.

Manes zieht auch Zähne. Er ist der einzige im Dorf, der etwas von Zähnen versteht. Er hat eine sehr komplizierte, geheimnisvolle Maschinerie, mit der reißt er die Quälgeister kurz und bündig heraus. Kinder 70 Pfennige, Erwachsene eine Mark. Manchmal geht das Geschäft, manchmal geht es nicht. Am SamStag vor 14 Tagen ging es. Wir werden schon sehen.

Manes hatte einen feinen Herrn aus der Stadt unterm Messer. Grade hatte Manes „Bittäh" ge-

sagt und kamst, bedeutet, daß die «ine Gesichtshälfte blank wär« und der Delinquent den Kopf umlegen sollte, grade wollte Manes auf die Reparationen zu sprechen kommen, als die Tür wild aufgestoßen wurde und mit rotem Kopf und dick angeschwollener Backe der Herr Pfarrer hereinstürmte. „Manes, Manes", schrie er, „mach voran, sofort, ich halt es nicht mehr aus!" Er lief gleich durch die Rasierftube nach draußen auf den Hof, wo derlei Exekutionen stattzufinden pflegen. Denn es dient nicht dem Renommee des Geschäfts wenn lautes Schmerzensgeschrei aus der Rasierstube auf di« Straße bringt.

Wie von Sinnen saust« Manes durch das Haus. Er lief hierhin, lief dorthin, rief nach seiner Frau, rief nach feinen Kindern, suchte dies, suchte das, und war ganz außer sich. 9luf dem Hof hörte man sein« fassungslos« Stimme: „Sogleich, Hochwürden, sogleich!" „Einen Augenblick, Hochwürden, einen Augenblick!"

Nach zehn Minuten war man soweit. Man konnte zur Sache schreiten. Dor dem Krankenstuhl, den der Pastor mit beiden Händen am Sitz fest umklammert hielt, stand Manes und verbarg die Maschinerie ge­heimnisvoll auf seinem Rücken, Ihm zur Seite seine treu« Gattin. Ein großes Becken mit Wasser in den Händen, meinte und schluchzte sie, daß es einen er­barmen konnte, daneben assistierten, ebenfalls tief er­schüttert, die beiden erwachsenen Töchter, eine mit

Wasserglas und Karaffe, die andere mit einem Haufen von Handtüchern. Alles für eine Mark.

Es wurde Ernst. Der Pastor legte den Kopf zurück und sperrte den Mund auf. In diesem entscheidende« Augenblick schallte über den Hof eine schneidend scharfe Stimme: „Was ist das für eine Schweinerei hier! Ich verpasse ja meinen Zug! Das ist doch unerhört!" In der Hoftür stand der Städter, die eine Gesichtshälft« voll getrocknetem, grauem Schaum, die andere glü­hend rot vor Zorn und Erregtheit. Manes ließ bi« schon halb erhobene Maschinerie sinken. So wütend rot ber Gast war, so wütend blaß wurde er. „Hatten Sie gefälligst Ihr ungewaschenes Maul, Herr", bornierte er ihn an, „sonst verbiete ich Ihnen mein Haus, Herr! Sehen Sie berat nicht, was hier vorgeht?" Dem anbcnt blieb bie Lust weg.

Manes sprach bem Pastor Mut und Trost zu. Manes begann wieder zu arbeiten. Die ganze Mund­öffnung wurde von seinem Apparat ausgefüllt. ManeS setzte an. Manes zog. Manes zog, als gelte es sein Leben. Langsam, mitsamt dem Stuhl, erhob sich der Pfarrer. Manes zog. Der Pfarrer röchelte. AIS er fast gerade stand, war es vollbracht. Ein schreckliches Blutbad. Dem Pastor schien es, der ganze Himmel würde rot. Die Frauen bemühten sich.

Bei den beiden Zähnen, die Manes mit einem Schlage erledigt hatte, war auch der richtige. Trotz des Doppelerfolges liquidierte er nur eine Mark. Sa ist er. Der Pfarrer lachte ttotz allem Blut.

In ber Rasierftube aber tobte ber Städter. Das sei ihm in seinem Leben noch nicht vorgekommen, das sei eine Schweinerei sondergleichen, und in zehn Minuten ginge fein Zug. Kodes, der Nachbarssohn, gerade zum Rasieren gekommen, Hände in den Hosen­taschen, hörte sich mit großem Erstaunen das Spektakel an. Manes, leichenblaß, ein wenig zitternd, wies zur Tür: „Bittäh!" „Was?" riß der Fremde Maul und Augen auf. „Verlassen Sie,“ sagte Manes mit Hal­tung, „sofort mein Haus. Menschen wie Sie rafiere ich nicht!" „Aber ich bin doch erst halb fertig, ich kann doch nicht---" „Gehen Sie," sagte Manes

drohend, den Arm mit (Eäfarengefte zur Tür gereckt, „sonst — —Kodes, Hände in den Hosentaschen, erhob sich wie von ungefähr. Blickte, Beine gespreizt, den Mann von unten her an. Da riß der Fremd« seinen Hut vom Haken und rannte, was er rennen konnte. Er hatte die eine Wange voll getrocknetem, grauem Schaum, die andere war kirschrot vor Zorn und Wut.--

Das ist, wie gesagt, mehr als zwei Wochen her. Jetzt liegt beim Amtsgericht der Kreisstadt eine An- zeige des Kaufmanns Wohlgemuth aus Aachen gegen den Friseur Hermann Gerhards aus Knippenberg. Di« betaillierte Anzeige stützt sich auf insgesamt 22 Paragraphen. Uebermorgen beginnt der Prozeß. Zuerst ber Strafprozeß. — Manes kann nicht mehr rasieren. So zittert ihm bie Hand. —

Die Tigerklaue.

Don E. van Lidth be Ieude.

„Das ist ja ein Riesending von einer Tigerklaue", sagte ich bewundernd zu meinem alten Freund Bram Sorbert, dem ehemaligen Gummipflanzer aus Java, als ich eines Abends bei ihm zu Besuch war und meine Aufmerksamkeit gefesselt wurde van einer vorzüglich präparierten, schwarzen Tigerpranke, bie als Briefbe­schwerer auf seinem Schreibtisch lag.

„Ja, es ist ein schönes Exemplar und ich häng« sehr daran," sagte Dorbert lächelnd.

„Hast du den Tiger selbst geschossen?" erkundigte ich mich.

„O nein. In unserer Gegend kamen Tiger schon lange nicht mehr vor. Ich habe beinahe fünfundzwan­zig Jahre auf indischen Pflanzungen zugebracht, aber selbst nie einen Tiger geschossen."

„Also dann gewiß eine Erinnerung an einen Freund, der Tigerjäger war?"

„Auch das nicht. Ich habe das Ding auf einer Auktion gekauft, als ich erst kurze Zeft in Java war."

„Aber du sagtest doch, daß du sehr daran hängst?"

„Das tue ich auch", sagte Dorbert, „weil es mir

„Man sollte auch der Spur dieses Dr. Sm nach­gehen."

„Unb sich in eine ganz falsche Richtung verirren! Der Mensch ist ja wohl gleichfalls längst tot, und seine Ver­wandtschaft kann Ihnen nichts nützen."

„Und wenn er nicht tot ist? Wenn er irgendwie beteiligt war an den Ereignissen, die sich an Bord des „Tushintang" abspielten?"

„Dann — dann werden Sie diesen Mann nie finden. Nirgends wird man einen Dr. Sm kennen."

„Sie geben jede Hoffnung auf?"

„Es wird nie geklärt werden, was sich alles auf dem „Tushintang" zutrug und wer der treibende Geist bei den Geschehnissen war."

„Warum können wir nicht ber Spur folgen, bie uns am nächsten liegt?"

„Was für eine Spur?"

„Ist bie Tatsache, baß Ihr Steuermann Kiru-Josai darum wußte, was diese Nacht kommen würde, daß er sich in den Dienst des oder der Menschen stellte, die das Verhängnis über den „Tushintang" hereinbrechen lie­ßen, — ist das keine Spur?"

Brahusen gab keine Antwort. Er grübelte finster vor sich hin. Erst nach einer Weile klang feine Stimme durch die Stille des kleinen Raums:

„Nein, das ist keine Spur! Solange wir Kiru-Josai nicht beweisen können, daß er etwas gewußt hatte, so­lange ist es keine Spur. Er wird uns heute unb stets entgleiten."

„Es ist boch aber Tatsache —"

„Nichts ist Tatsache! Er rcbet mir ja ein, ich habe mich getäuscht, ber „Tushintang" fei uns führerlos ent­gegengetrieben."

„Das ist nicht wahr!"

„Wenn es auch nicht wahr ist, was nützt uns bas? Er beweist Ihnen haarklein, baß feine Steuerung, feine Befehle nur bem Schutze bes „Kweipautu" gegolten ha­ben, baß er alles versuchte, an bem „Tushintang" vorbei- zukommen. Nein, nein!"

„Man muß ihn beobachten."

„Das sagen Sie so leicht! Sobalb wir in Schanghai einlaufen und er an Land geht, ist er uns entglitten."

Der Kapitän erhob sich:

„Ich muß an Deck, Kiru-Josai ablösen." Da stand auch Jörgen-Bollander auf: „Und ich gehe zu meiner Kabine." „Sie werden reichlich müde sein."

„Gar nicht! Ich will sogleich in bem Tagebuch wei­terlesen."

„Jetzt?"

„Ja, es läßt mir keine Ruhe."

„Also gut! Sehen Sie zu, ob Sie etwas Näheres über bie Schreiberin erfahren können. Vielleicht hat sie auch noch irgenb etwas Wichtiges über ihre Mitreffen- ben an Borb bes „Tushintang" geschrieben. Sie er­zählen mir bann alles."

Jörgen BoIIanber suchte seine kleine Kabine auf unb warf sich auf bas schmale Bett. Er begann zu lesen, was auf ben ersten Seiten ftanb:

„Am Tage meiner Ausreise aus Hamburg. Nun ist es so weit. Die Brücken finb abgebrochen. Es geht einer neuen Welt entgegen, einem ganz neuen Leben. Tat ich recht, baß ich Agathens Wunsch erfüllte? Was [affe ich beim in Deutschland zurück? Nur Erinnerun­gen! Keinen Menschen, der mir nahe steht, innerlich nahe steht, kein liebes Wesen, von dem ich sagen könnte: Ich und du, wir sind eins! Seitdem Mutter vor drei Jahren starb, war niemand mehr, der in der Heimat zu mir gehörte, kein Verwandtes, und zu einer herz­lichen Freundschaft fehlte mir die Gelegenheit, oder mein zurückhaltendes SB eien ließ es nichr dazu kommen. Das liegt aber nun einmal so in mir. Ich kann nicht wie so viele andere kurzerhand Freundschaft schließen, auf ein bloß äußerliches Gefallen hin, aus irgendeinem oberflächlichen Grunde, der es ratsam erscheinen läßt, diese oder jene Beziehung anzubahnen. Ich schließe mich da zu schwer einem Menschen an, unb wem ich mein Innerstes offenbaren soll, ben muß ist erst ganz unb gar kennen, unb ich muß wissen, baß wirklich ein Gleichklang ber Seelen mich mit biefem anbern Wesen verbindet.

(Es kam bisher nicht dazu. Ich hatte ja auch so wenig Umgang mit Menschen, die vielleicht für solch enges freundschaftliches Verhältnis in Frage gekommen

wären. Erst die langen Jahre des Studiums, bann ba unb bort als Hauslehrerin unb Erzieherin, und wäh­rend der letzten Zeit in Gleschendorf, — da fehlte es an Zeit und Gelegenheit, wahrhafte Freundschaften zu schließen. Nur Agathe steht mir nahe, die Schwester, die in Shimonoseki mit Dr. Jusoka verheiratet ist. Wie seltsam doch das Leben uns führt! Wir zwei Mädel, die einzigen Kinder unserer Eltern, werden durch Aga­thens Heirat schier unerreichbar weit voneinander ge­trennt. Sechs Jahre ist es nun her, daß Agathe Dr. Jusoka nach Japan in feine Heimat folgte. Es war damals schwer für Mutter, der Abschied von Agathe. Aber es war uns Gewißheit, Agathe würde glücklich werden. Und die Jahre, die diesem Abschied folgten, bestätigten, daß Agathe an der Seite ihres Gatten bas rechte Glück gefunben hat. Nun hat sie sich längst voll unb ganz in bie neue Umgebung eingelebt. Auch bie Derwanbischast ihres Gatten begegnet ihr mit herz­licher Zuneigung. Wenn etwas in Agathens Leben fehlt, so ist es vielleicht bas Kinb. Ja, unb nun hat Agathe schon so lange gebeten: Komme zu uns nach Japan, lebe hier bei uns! Willst bu Betätigung, so wirst bu sie finben. Es ist mir aber weit lieber, bu lebest hier nur als bie, bie ich um mich haben möchte: als bas liebe Schwesterlein, bie Vertraute ber Kind­heit, als die, die ja nun doch einmal zu mir gehört. Nun folge ich Agathens Ruf, ich reife zu ihr. In die­sen Tagen unb Wochen, bie vor mir liegen, wird es manche Stunde geb»x da ich den Wu-zfch in mir fühle, dies und j-w- aufzuzeichnen. Deshalb nehm' ich mir dies Büchlein mit auf die Fahri. Es soll meist treuer Begleiter auf der Reise in die neue Heimat sein, in eine Zukunft, die vielleicht auch für mich Erfüllung meines Schicksals bringen wird!"

Jörgen BoIIanber schlug ein neues Blatt auf Da ftanb:

„Aus See. Wir fahren nun schon acht Tage. Cs gibt so vieles zu hören unb zu sehen, an Borb bes Dampfers, unb erst recht in den Hafenstöbten, wo wir anlegen. Wie viele Schicksale kreuzen sich boch ba Tag um Tag wieviel Hoffnung unb Zuversicht ”•'>( Za­gen unb Verzagen schreitet nebeneinanber! C neben