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Nr. 169

Beilage zur Fuldaer Zeitung

NILS

24. Juli.

IIU.

10. Sonntag nach Pfingsten.

Eingangslied (Df. 54. 17, 18, 20 u- 23.)

Ich schrie zum Herrn, und er erhörte meinen Hilfe­ruf gegen meine Angreifer und demütigte sie, er, der da ist vor aller Zeit und bleibt in Ewigkeit. Wirf deine Sorgen auf den Herrn, er wird dich nähren (Pf. ebd. 2.) Erhöre mein Gebet, o Gott, verschmähe nicht mein Flehen. Schau auf mich und erhöre mich.

Epistel (1 Kor. 12. 211.)

Brüder! Ihr wißt, daß ihr euch, solange ihr noch Heiden wäret, zu den stummen Götzen führen ließet, wie man wollte. Darum tue ich euch kund, daß niemand, der im Geiste Gottes spricht, sagt: Verflucht sei Jesus; und niemand kann sagen: Herr Jesus, als nur im Heiligen Geiste. Es gibt zwar verschiedene Gnadengaben, aber es ist ein und der­selbe Geist. Es gibt verschiedene Aemter, aber es ist ein und derselbe Herr. Es gibt verschiedene Wunderkrafte, aber es ist ein und derselbe Gott, der alles in allem wirkt. Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes zum gemeinsamen Nut­zen verliehen. Dem einen wird durch den Geist das Wort der Weisheit verliehen; einem andern durch denselben Geist das Wort der Wissenschaft: einem dritten der Glaube durch denselben Geist; wieder einem andern die Gabe der Teilungen durch den nämlichen Geist; diesem die Gabe, Wunder zu wirk"n, jenem die Gabe der Weiesaguna; diesem die Gabe der Unterscheidung der Geister, ienem die N>a^" *< hi» A"s(eauna

der Sprachen. Dies alles bewirkt ein und derselbe Gott, der jedem zuteilt, wie er will-

Evangelium: Luk. 18. 914.

Das Gleichnis von dem Pharisäer und Zöllner.

Pharisäer und Zöllner.

Betrachtungen zum Sonnlagsevangelium.

Wir müssen uns schon einmal gründlich fragen, zu welcher der beiden Gruppen wir gehören. Es geht bei dieser Auseinandersetzung einfach um das letzte: um unsere Rechtfertigung vor Gott.

Aber dies Urteil haben wir nicht selbst zu fäl­len. Es steht dem böchsten Richter zu, nicht un­serer Einsicht Daran scheiden sich schon die Men­schen. Wenn wir über andere in sittlichen Dingen urteilen, dann überschreiten wir bereits die Grenze. Denn durch das viele Reden über die Schwächen und Fehler unserer Mitmenschen wird meist noch eine Sünde mehr begangen: die eigene Eitel­keit wird genährt. Die Menschen reden ja des­halb so gerne über andere, weil es ihnen eine Ge­nugtuung ist, den von dem anderen begangenen Dehler nicht selbst getan zu haben. Und das ist Ueberbeblicbkeit und Eitelkeit. Es tut dem eige­nen Gewissen so gut, vor sich gerecht zu erscheinen.

Man kann aber doch nicht die Fehler anderer Menschen immer stillschweigend hinnehmen" wen- d'st du ein.Ich habe im Umgang mit anderen zu tun und muß auch einmal mein Urteil über einen Mitmenschen zu einem anderen äußern."

Dagegen ist auch gar nichts einzuwenden. Men- schenkenn'nis und Blick für die Art eines anderen sind im Leben erforderlich. Vielleicht geht man so­gar in der Rechtfertigung vor ben schlechten Taten anderer zu weit Aber unser Pharisäer­tum beginnt sofort da. wo wir unser Urteil im Ton der eigenen Ueberheb- H dj f e i t aussprechen. Das ist der Kern der Sache. Cs mag schon fein, daß wir den einen oder anderen Fehler nicht begehen. Dafür haben wir aber vielleicht Fehler, die in den Augen Got- tes häßlicher sind als die. welche wir verurteilen. ..Achte dich nicht besser als andere, denn sonst möch­test du im Auge Gottes noch viel schlechter fein als

andere, und Gottes Auge kann nicht unrecht sehen, sieht, was im Menschen ist". (Nachfolge Christi.)

Das Pharisäertum steht uns oft viel näher als wir wahr haben wollen. Wie schnell und leichtfer­tig sind oft unsere Urteile! Es ist immer ein Mes­sen am anderen. Aber wer sagt uns, daß unsere Ansicht unbedingt die richtige ist? Wir können so wenig über uns hinaus. Weil dem so ist, deshalb sollen wir eben nicht richten, wo wir nichts zu verantworten haben. Und wenn wir nun mit einem Menschen zu tun haben, der anderer Art ist, wie wir, dann müssen wir eben sehen, wie wir recht und schlecht miteinander fertig werden. Da bleibt nichts anderes übrig. Das soll man auch gar nicht durch eine unehrliche Form bemänteln. Aber zur eigenen Überheblichkeit darf es nicht kommen. Der Pharisäer prahlt dann, der Zöllner

Wo stehl der Feind

Immer wieder nehmen die Nationalso- z i a l i st e n für sich in Anspruch, die eigentliche Ab­wehr des Bolschewismus in Deutschland darzustel­len. Sie gehen sogar so weit, den Katholizismus und das Zentrum für das Anwachsen der kom­munistischen Gottlosenbewegung verantwortlich zu machen.

Die beste Antwort auf diese immer wiederhol­ten Vorwürfe gibt Adolf Ziegler in seinem Buch von derrussischen Gottlosenbe­wegung" (Verlag Kösel u. Pustet, München, Preis 4,50 Rm.) Diese mit zähem Fleiß aus ersten Duellen erarbeitete Darlegung enthüllt den We- senskern des Bolschewismus, den materia­listischen Atheismus, das Geheim­nis der Bosheit. Erst aus dem Anwachsen der Gottlosenbewegung, die von Anfang an da war und später planmäßig in den Fünfjahrplan eingefügt wurde, ergibt sich mit letzter Deutlich­keit, daß der Bolschewismus feinem innersten We­sen nach Kampf gegen Gott ist. Wirtschaft, Po­litik, Technik, Kunst und alles, was der Bolsche­wismus treibt, kann nur von diesem Wesen her verstanden werden.

Sucht man zu diesem Pol den Gegenpol, so kann er nur dort sein, wo der Gottesgedanke, d i e Religion, das übernatürliche Geheimnis die Haltung des gesamten Lebens bestimmt. Das aber ist der Katholizismus. Das ist unsere ur­eigenste Auffassung von Religion und Leben. Da­her auch der entschlossene Kampf des Bolschewismus gegen den Kaitholi- z i s m u s. Er ist womöglich noch schärfer als der gegen die russische orthodoxe Kirche, obgleich grund­sätzlich jedes Christentum und überhaupt jede Re­ligion, die sich auf den Gottesglauben gründet, ab» gelehnt wird. Indem der Nationalsozjia- l i s m u s ebenfalls die übernatürliche Religion ablehnt und durch eine Rasfenreligion er­setzt, fteflter f i d> geistig auf die gleiche Stufe mit dem Bolschewismus. Beide entwickeln darum einen ganz ähnlichen Radikalis­mus, jene blindwütige Tätigkeit, die nicht mehr mit der göttlichen Schöpferkraft verwandt ist, die nichts erwartet vom ruhigen Wachsen, vom orga­nischen Aufbau, von den inneren Kräften, sondern alles nur von der Propaganda, von der Bear­beitung der Masse, von Terror und Gewal».

3n feinem tiefsten Wesen ist darum bet Na­tionalsozialismus, obwohl viele idealistisch qe- sinnle Mitläufer das gar nicht ahnen, dem Bolschewismus fo wesensverwandt, wie ein nationaljozialistischer Messerheld einem Kom­munisten.

Der Kampf gegen den Bolschewismus muß dar­

über trägt durch Mitleid an der Unvollkommenheit der sündhaften Erde mit.

Aber das Selbstbewußtsein des einzelnen Men­schen gehört doch zum Wert eines Menschen. Es ist die Grundlage der Selbstachtung. Und diese führ' doch auf den Weg zum Vorwärtsstreben".

Gewiß, mein Freund. Ich halte die Selbst­achtung auch für einen bedeutsamen Wert. Und mer recht auf sich achtet, der ist auf keinem schlech­ten Weg. Denn das fordert Besinnlichkeit. Wer aber in sich hinein schaut, entdeckt seine eigenen Schwächen. Und die bewahren ihn vor der tieber- heblichkeit. Ihm genügt auch nicht ein äußeres kirchliches Gesetzerfüllen. Er sinnt auf den rech­ten Geist. Da gibt es für ihn noch fo viel zu hm, daß ihm ein demütiges:Herr, fei mir armem Sünder gnädig" nicht mehr schwer fällt.

des Bolschewismus?

um vor allem geführt werden von dem wesenhaf­ten Gegenpol her, von den Mächten des Glaubens und der gottverbundenen Lebensauffassung. So will es die letzte Enzyklika vom Hl.Vater, die freilich auch die na­türlichen Mittel nicht verschmäht, die in der Ge­samtheit der Gottesordnung vorgesehen sind. Wer hier allein Gewalt gegen Gewalt setzen wollte, der hätte die Tiefe des Problems nicht erkannt und würde selber zum Radikalen, indem er den Radikalismus zu unterdrücken sucht. So stellt

Ser Kampf gegen Gott u

Untier dieser Überschrift beschäftigt sich das ,Jatholische Kirchenblatt für das Bistum Berlin" vom 10 Juli 1932 mit dem gegenwärtigen Stand der Gottlofenbswegung und ihrer Bekämpfung. Es weist darauf hin, daß die Notverordnung des Reichspräsidenten vom 3. Mai 1932 über die Auf­lösung der Kommunistischen Gottlosenorganisatio­nenein weithin sichtbares Zeichen dafür war, daß die Regierung Brüning gewillt war, mit al­ler Macht dafür zu sorgen, dast christliche Kultur und Sitte in einer ihrer Bedeutung für das Staatsleben entsprechenden Weile geschützt wurde". Dann aber fährt dasKatholische Kirchenblatt" kritisch fort:

Infolge des Rücktritts des Kabinetts Brüning ist der beschritten« Weg nicht -fortgeführt worden. Eine ganz« Reihe von Notverordnungen und Ausführungs­verordnungen zu den Notverordnungen sind von der neuen Regierung bereits erlassen worden. Es hat aber den Anschein, als ob die Reichsregierung in ihren Be­strebungen, die Forderungen radikaler Parteien auf Freigabe der Straßen für Demonstrationen und Uni­formen gegen die ernstlichen Bedenken einzelner Länder­regierungen ,zu erfüllen, keine Zeit gefunden hat, sich mit den Dingen zu befassen, die uns so sehr am Herzen liegen. Wo bleiben die Ausführungsbeftimmungen zu der Notverordnung des Reischpräsidenten über die Auf­lösung der kommunistischen Gottlchenorganisationen, mit deren Erlaß nach § 3 Hbf. 2 der Reichsinnenminister beauftragt wurde? So fragen wir heute, nachdem in­zwischen zwei Monat« leit der Verkündigung der Not­verordnung vergangen sind. Wenn wir richtt gunter- richtet sind, dann ist von den Polizeibehörden in Deutsch­land noch nichts unternommen worden und es konnte infolge des Fehlens der Ausfüh runqsbestimmungsn wohl nichts unternommen werden das ausgesprochen« Verbot der kommunstischen Gottlosenorganisationen zur Durchführung zu bringen. So geht es nicht!"

Im weiteren Verlauf des Austatzes legt das Kirchenblatt bann im einzelnen bar, welche Schleich­wege die Kommunistischen Gottlosenverbände ge­hen, um ihre Tätigkeit trotz bes Verbotes aufrecht- zuerbalten. Es haben sichK a m p f k o m i t e s

Adolf Ziegler mit Recht an den Schluß seines Bu­ches bas Wort:Seien wir echte und ganze Christen." Entwickeln roh bann aus diesem Christentum heraus eine gerechtere soziale Ordnung, bann haben mir bas Veste getan, was sich tun läßt. Unter biefer Voraussetzung können wir bann sogar vom Gegner lernen; benn ähnlich wie Hitlers BuchMein Kampf" interessante Stu» bien über Massenpfychologie enthält, so erst recht bas Ziegler'sche Werk, das uns besonders in den Kapiteln von der Organisation des Verbandes ber kämpfenden Gottlosen, von den Formen der anti­religiösen Arbeit in Presse, Literatur, Kino, Klub usw., von der Zellenbildung und von den interna­tionalen Bemühungen ein überaus anschauliches Bild planvoller Tätigkeit entwirft.

Diese kurzen Darlegungen zeigen,

bas Radek Recht hatte, wenn er kürzlich in Moskau sagte, baß man alle Kräfte, die bie deutsche Volksgemeinschaft zersetzten unb ins- befonbere ben Hitlerianismus als seine Ver­bündeten betrachten müsse, unb baß es nur einen Feind bes Bolschewismus in Deutsch­land gebe, nämlich den deutschen Katholizis­

mus.

Wir hören dieses Wort unb empfinden die Ver­antwortung, die es uns auferlegt. Wir erwei­tern es auch gern dahin, daß unsere natürlichen Verbündeten in diesem Kampf alle jene sind, die sich noch in Ehrfurcht vor Christus und überhaupt vor dem lebendigen Gott beugen.

Friedrich Muckermann S. I.

die Kirche gehl weiter,

für den Sirdjen aus tritt gebildet, 6te nichts anderes barstellen, als eine Fortsetzung der verbotenen Kommunistischen Gottlofenorgamfatio- neu. An der Spitze steht ein Reichskomitß, hinter dem die bisherige Reichsleitung des Verbandes proletarischer Freidenker steckt. Das Reichskomit« hat neuerdings ein Flugblatt herausgegeben, das die UeberfchriftHeraus aus der Kirche" trägt und folgende Parolen ausgibt:Gegen Konkordat und Kirchenverträge",Für kostenlosen Kirchen­austritt",Gegen radikale Kriegs- und Faschisten­hetze im Rundfunk, Presse und Kino",Gegen Schulverpfaffung und Gewissenszwang!",Gegen § 218!",Fort mit dem Verbot des Verbandes Proletarischer Freidenker!",Für eine sozialistische Kultur in einem befreiten sozialistischen Deutsch­land!".

Dieser Aufsatz desKatholischen Kirchenblattes des Bistums Berlin" ist ein Alarmruf. Die Kommunistischen Freidenker- und Gottlosen. Organisationen treiben unter einem Deckmantel ihr frivoles und gemeines Spiel weiter. Don der Reichsregierung Brüning ist der Kampf gegen die Gottlosenverbände durch zwei große Notverordnung gen ausgenommen worden. Die Kreise, die heute die Regierung Papen-Schleicher tragen, hielten es für angebracht, selbst an diesen vom christlichen Standpunkte so notwendigen Maßnahmen der Re­gierung Brüning Kritik zu üben. Heute herrscht Schweigen im Blätterwald der Rechten. Die neue Reichsregierung hat sich in ihrer Regierungserklä. rung als eine christliche angetünbigt. Sie hat ihre Maßnahmen in Preußen mit ihrer antikom­munistischen Einstellung begründet. Bis heute ist noch nichts geschehen, Brünings Werk zur Bekämp- fung der Gottlosenverbände fortzusetzen. Nicht einmal die Ausführungsbestimmungen zur letzten Notverordnung Brünings über die Auflösung bet Kommunistischen Gottlosenorganisationen sind er­schienen.

Bon deutscher Not.

Die sittliche und kulturelle Gefahr der Arbeltslosig. keit.

Die Existenz des deutschen Volkes ist in Gefahr. Der ,.b laue Brie*" ist fast zum unwiderleg­lichen Nachweis der Exiftenzlosiakeit geworden. Einer dumpfen Verzweiflung bat mit der Zeit eine innere Leere Platz gemacht. Das Schlimmste ist nicht die äußere Arbeitslosigkeit und die harte Not ein Mensch kann viel ertragen das Schlimmste ist bie innere Er i ft e n z l o f i g k e i t, bas lang» fgme aber stetige Abstumpen jener Kräfte, die den Kampf um die Existenz führen. Mit der langen Dauer der Arbeitslosigkeit schwindet immer mehr ber Mut zum Existenzkampf und das Bewußlsein zum Leben überhaupt. Zu zahlreich und zu erfolg­los waren die bereitwilligen und energischen Ver­suche des aus dem Produktionsprozeß Ausgeschie­benen um Arbeit um Existenzmöglichkeit. Jeder Wille hat eine Grenze und jede Energie erlahmt einmal. Und wenn alle noch fo energischen Versuche erfolglos bleiben, wenn alle Hoffnungen und Ver­sprechungenEs wird besser" trügen, dann ist ber Mutlosigkeit Tür unb Tor geöffnet. Diese Mutlosigkeit wird zur inneren Not unb Hoff­nungslosigkeit. Viele verzweifeln und gehen daran zu Grunde. Die Selbstrnordziffern der letzten Jahre beweisen das mit erschreckender Deutlichkeit. Der G'aube an die eigene Kraft wird zermürbt, das Bwußlsein zum Leben untergraben. Lethargie unb Gleichgültigkeit allem gegenüber schleicht als furcht­bares Gespenst burch die Millionen der Arbeitslo­sen. Der Wille zum Leben und Mitleben erlahmt und das steuerlose Lebensschiff treibt willkürlich auf ben Wellen einer unbewußten Gleichgültigkeit unb inneren Eristenzlofigkeit Wohin? Keiner weiß es. Nur treiben lassen! Es ist ja alles gleich! Man hat ja kein Recht auf Arbeit mehr, man braucht sich nicht mehr zu schämen, keine Arbeit zu haben. Man tröstet sich mit bem Schicksal ber Millionen unb wartet. Aus roas

man wartet, weiß niemanb , sagen, aber man wartet, weil nichts anderes übrig geblieben ist.

Das ist ber burnps-unbewußte, furchtbare Zu- stand, in bem heute Millionen leben. Es gab ein­mal ein Ethos ber Arbeit heute ist Arbeit eine Ware geworden, um die mit Neid und Haß ge­feilscht und gekämpft wird. Was soll ein Men ich ohne Ausgabe? Diesen Millionen aber ist die Aus. gäbe genommen, unb das zerstört den Lebens­wert. Kein Mensch kann von dem leben, roas er nicht hat. Alle jene aber haben keine Ausgabe unb damit auch keine Verantwortung. Moral und Sitt­lichkeit sollen das Leben formen und ihm Gestalt geben, jene Millionen aber verlieren den Glauben daran, daß sie überhaupt ihr Leben zu formen ha­ben, dessen äußerste Notdurft sie kaum bestreiten können. Ein Leben ohne Ausgabe wird auf die Dauer auch dem Primitivsten zum Nichts, zur Langeweile, die jeden Willen und jeden Wert in ihre Hohlheit einschluckt

Innere Not und Langeweile das sind die Gespenster, die heute umgehen, die alle Werte, die Sittlichkeit und den kulturellen Bestand des deutschen Volkes ernsthaft bedrohen. Wohin wir blicken, grinsen uns diese Gespenster bohnla- dienb an. Gehen wir in die Zentren der Arbeit. Wo früher Schlote rauchten und Maschinen lärm­ten, ist es heute gespenstisch still wie auf einem Friedhof. Millionen von Tonnen Schiffsinhast lie- gen ungenutzt und rostend in den Häfen. Kinder wachsen auf in den Korridoren ber Arbeitsämter. Private und öffentliche Wohlfahrtspflege wird ohn­mächtig angesichts ber Unmöglichkeit, tatkräftig hel­fen zu können. Leihhäuser, bie sich früher voll Scham in versteckten Hinterhäusern verkrochen, spreizen sich heute laut auf offenster Straßenfront. In Parkanlagen, auf Straßen unb Plätzen untä» iae Menschen mit gleichgültigen Gesichtern. Sie reben über bies und jenes, sie hören auf (eben, weil sie nicht wissen, roas sie tu.n sollen. Von ber Langeweile zum Nichts ist nur ein Schritt unb vom Nichts zum Chaos ist kein weiter Weg Das Leben und ber Bestand der Na­

tion ist in Gefahr. Nur wenn alle Sonderinter- effen einer einheitlichen Entschlossenheit Platz ma­chen, ist diese Gefahr zu bannen. Das Maß ber Not ist voll. Nur aus der bewußten und prak­tischen Schicksalsgemitinschaft aller kann neue Kraft erstehen. Dafür verantwortlich fein, ist ern­steste Pflicht eines jeden. Adolf Meuer.

«Das Licht unter dem Scheffel."

vom Dirken der Vinzenzvereine.

Der Vinzenzoerein liebt es nicht, über feine Tätigkeit zu berichten. Der persönliche Dienst am Armen, der bas Wesen bes Vinzenzvereins aus­macht, läßt sich auch in Zahlen schwer fassen. Da- durch hat sich bie Ansicht verbreitet, der Vinzenz- verein genüge nicht mehr den Anforderungen der modernen Wohlfahrtspflege. Da seine Bedeutung oft nicht erkannt wird, muß einmal auch in der Oeffentlichkeit darauf verwiesen werden, welch große Bedeutung der Vinzenzoerein für die Ent­wicklung der kirchlichen Liebestätigkeit besitzt.

Nach dem Jahresbericht 1931 des Vinzenzver­eins Deutschlands bestehen in 21 deutschen Diö­zesen 858 Vinzenzkonferenzen mit 13 576 tätigen Mitgliedern Im letzten Jahre sind allein 64 neue Vinzenzkonferenzen mit über 800 neuen tätigen Mitgliedern hinzugekommen. Im gesamten Deutschen Reiche wurden 221555 Arme von den Vinzenzkonferenzen be­treut. Die Zahlen der beitragenden Mitglie­der unb Wohltäter bes Vinzenzvereins finb in­folge der wirtschaftlichen Verhältnisse von 63 000 auf 44 822 zurückgegangen. Trotzdem sind die fi­nanziellen Aufwendungen der deutschen Vinzenz­konferenzen um rd. 100 000 Rm. auf 1 267791,71 Rm. gestiegen. Rund 172 500 Rm. wurden hiervon durch bie Vinzenzbrüder selbst vermittels ber in jeder Sitzung ftattfinbenben Hutsammlung aufgebracht. Zusammen mit den realen Unter­stützungen (Kleider, Wäsche, Schuhwerk, Brenn­material usw.) kann man die fürsorgerische Lei­stung ber deutschen Vinzenzkonferenzen auf rund

2 Millionen Mark beziffern. Neben ben reinen Fürsorgefällcn (6371) wurde von den deutschen Vinzenzkonferenzen noch in 4481 Fällen praktische Seelsorgearbeit geleistet durch Ermöglichung der Eheschließung, Taufe von Kindern usw. 30 An­stalten befinden sich heute noch im Besitze von Vinzenzkonferenzen, davon allein 15 in der Erz­diözese München-Freising. Die Zahl ber Anstal­ten, bie von den Vinzenzkonferenzen gegründet» aber bann auf eigene Vereine ober religiöse Ge­nossenschaften übertragen wurden, ist weit großer. Neben der Jugendarbeit haben die Vinzenzkonfe­renzen sich auch der Männerfürsorgearbeit gewid­met, wobei zu bemerken ist, daß der Katholische Männerfürsorgeverein im Jahre 1924 vom Köl­ner Vinzenzoerein gegründet wurde.

Die Entwicklung des Vinzenzvereins bewegt sich somit, nicht zuletzr dank der aufopfernden Tä­tigkeit des derzeitigen Generalsekretärs Hochwür­den Herrn Pater Wahl CM., in auffteigenber Linie. Durch bie karitative Aktivierung ber ka­tholischen männlichen Ingen bversine hoffen die Vinzenzkonferenzen weitere wertvolle Vinzenzhel- fer zu erhalten. Um ben ersten Zweck des Vin- zenzoereins, bie Selbstheiligung, durchzuführen» werden seit einigen Jahren in allen Gegenden Deutschlands für die Vinzenzbrüder Einkehr- unb Schulungstage abgehalten. Für die fachliche Schu­lung ber Vinzenzbrüder wird außerdem durch die Zeitschrift der Vinzenzkonferenzen, dieVinzenz- blätter", außerordentlich viel getan. Die Schrift­leitung derVinzenzblätter" hat feit dem Jahre 1925 ehrenamtlich Direktor Dr. Bolzau inne, der durch feine literarischen Beiträge zur sozialen Frag» die Vinzenzarbeit mächtig angeregt hat. Dir Dr. Bolzau ist nach bem Tobe bes langjährigen Prä- fibenten der deutschen Vinzenzkonferenzen, Ober­studiendirektor Dr. Kortz, im Frühjahr dieses Jahres Erster Vorsitzender des Zentralausschusses ber Vinzenzvereine Deutschlanbs. Es ist zu hof­fen, baß unter seiner Führung bie Vinzenzarbeit sich in den nächsten Jahren weiter günstig entwickelt zum Seelenheile der Vinzenzbrüder und zum Be­sten der Armen. R. Knobloch-Köln.