NIL
Vellage zur Fuldaer Zeitung
Ar. 163
t
•r-
Abendfrieden.
Abendglocken klingen, Klingen sanft und sacht Wie mit Engelsschwingen Durch die stille Nacht;
Läuten wieder «inen Müden Tag zur Rutz' — Ruh' auch, Herz, weit deinen Leid und Freuden du!
Laden doch die Glocken Sanft dich himmelwärts — Folg' dem süßen Locken, Ruh' in Gott, o Herz!
Heinrich Stadelmann.
Arbeitslose.
Tag für Tag, um zehn Uhr vormittags, belobt sich die breite Straße. Zwischen hastig ausschreitenden Fußgängern mit Mappen unter dem Arm, eilig trippelnden Hausangestellten, die an den vorgebundenen Schürzen kenntlich sind, und einkausenden Hausfrauen bewegen sich langsam schreitende Männer, die Zeit zu haben scheinen. Ach, nur zu viel Zeit! Sie bleiben an den Straßenecken stehen, schauen aus den Strom von Wagen und Menschen, der an ihnen vorüberzieht. Wie Strandgut säumen sie die Straße ein, gehen dann langsamen Schrittes in die klein« Nebengasse und schließen sich an den zähen trägen Fluß von Menschen, der sich nach und nach in das rote Gebäude de» Arbeitsamtes schiebt, und der an der anderen Seite wieder das Gebäude verläßt, um in die breite Straße zu münden.
Mehrere Tage schon hatte der Zufall mich mit denselben Menschen in das Gebäude hinein- und wieder aus ihm heraus geführt. Nun standen wir wieder an der Straßenecke, unter einem mächtigen grünen Baum, der über uns die Zweige im Winde schüttelte.
„Das ist nun das Loben!" sagte bitter >ber lange Eisendroher, der seine breiten Hände stet, so hilflos an den eckigen Hüften hängen ließ. Er griff mit der Hand in die Tasche und holte ein paar Münzen heraus. „Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Wenn man's nicht brauchte, man macht'» im großen Bogen auf di« Straße werfen." Er machte eine bezeichnende Bewegung der rechten Hand über die linke hinweg. „Glatt abhacken kannst dir da» da, wirst es in Ewigkeit nicht mehr brauchen. So fleht'» aus in der Welt."
Er spuckte aus und lehnte sich dann gegen den Baum.
Der kleine Chauffeur stand breitbeinig da, hielt di« Hände in der Rocktasche und sah trübselig den vielen Fahrzeugen nach. „Man sollte gar nicht glauben, wie viele Räder sich noch drehen. Ich zähle sie jeden Tag. Es sind immer gleichviel. Und trotzdem 2000 Chauffeure arbeitslos."
„Jetzt fahren eben viel« selbst", warf der dicke Schlosser ein. Er wies auf eine Dame, die in einer blauen Limousin« vorüberfuhr. „Meinst du, daß die auch früher selbst gefahren ist? Keine Idee, sonst würd' sie nicht eine Limousine, sondern ein Cabriolet fahren."
„Das ist ja überhaupt da» Wunder", ereiferte sich der Chauffeur, sich den andern zuwendond. „Habt ihr euch das schon mal überlogt? E- sind genau fo viel Menschen zu nähron, zu kleiden, zu beliefern, zu fahren, wie früher. Wie kommt er, daß sechs Millionen im Ar- beitsprozeß mit einem Mal überflüssig sind?"
„Wir haben eben früher zu viel gearbeitet", sagte der Dreher und löste sich vom Daum, „wir haben für etliche Jahre vorgeforgt."
„Aber dann muß doch einmal ein Ende kommen, dann kann das doch nicht ewig so weitergehen."
„Ende? Wird schon kommen, gewiß. Fragt sich bloß, was für eins." Damit schritt der lange Dreher, den anderen flüchtig zunickond, davon.
„Man könnte rein glauben, der Teufel habe von der Welt Besitz genommen", zeterte der Chauffeur und folgte ihm.
„Hat er auch!" lachte der Schlosser, schob die Mütze zurecht und entfernte sich nach der anderen Richtung »Hat er ganz gewiß!"
Uebrigblieb der junge Mechaniker, von dem man
munkelte, daß er seine unfreiwillige Muhe mit Verse- machen ausfüllte. „Nur ein anderer Ausdruck dafür, daß wir Menschen eben «im Spiel irgendeiner feindlichen Macht sind, die wir nicht kennen, und der es ganz gleichgültig ist, ob wir zugrunde gehen oder nicht. Ich habe neulich mal wieder den Schopenhauer gelesen. Der Mann hat ganz recht. Die ganze Welt ist ein einziger Beweis für das Unvollkommene und Schlechte. Das Gute —" er machte eine Handbewegung durch die Lust — „gehört zu unseren lächerlichen Träumen, mit denen wir uns belügen und betrügen."
Er ging.
Ich stand allein unter dem grünen Daum. Dor mir lag der Asphalt der Straße. Er glänzte wie gewichst unter den Sonnenstrahlen. Nun aber schob sich eine dunkle Wand heran, der Schatten einer Wolke kroch darüber hinweg, kroch langsam den Asphalt entlang, so daß er mit einem Mal grau und matt aussah. Und tms blinkende Spiel der Sonnenstrahlen im Blattwerk de- Baumes hatte ein Ende.
Ich hätte dem „Dichter" nachrufen mögen: „Komm her! Sieh dir das an!" Und allen anderen hätte ich das Gleiche nachrufen mögen. „Ist die Sonne nun nicht mehr da, weil eine Wolke vor ihr steht und der Wolken- fchatten über die Erde kriecht? Und bewegen sich di« Blätter des Baumes nicht weiter in ihrem freundlichen Spiel, auch wenn man den Widerschein davon nicht am Boden sieht?"
Wir würden die Sonne nicht schätzen, wenn nicht der Schatten wäre. Wir würden das Glück nicht tragen, wenn nicht das Unglück droht«. Wir würden die Arbeit
nicht lieben, wenn wir nicht wüßten, wie schwer die Arbeitslosigkeit zu tragen ist. Wir würden all«, alle unbarmherzig wie die Steine fein, wenn nicht die Not und das Elend wären.
Manchem ist es bestimmt, Opfer de« Weltplaner zu sein. Aber wo Opfer ist, da ist auch Weihe. Und wo Opfer und Weihe sind, da ist — Gott! Niemand ist Gott näher als die, die seinem Weltplan zum Opfer fallen. Sie sind er, durch bi« er die Menschheit erzieht.
Die Wolke war vorüber. Hell erstrahlte wieder die Sonne. Ich ging weiter. Es ist schon, in der Sonne zu gehen und zu wissen: die Sonne wenigstens ist allgemeines Gut. Das Grün der Bäume, das Blau des Himmels, das Blühen der Blumen, das Lied der Vögel legen Zeugnis ab von der Güte und sind Zeugen des Schönen.
Nicht draußen sind die Dämonen. In unserm eigenen Innern sind sie und flüstern uns in Verblendung und Torheit hinein, wenn die Aufforderung zum Opfergang für un» ertönt.
Warm strahlt die Sonne nieder. Wir sind nicht in di« Nacht, wir sind in den Tag hineingeboren. Freilich, es gäbe nicht di« lichte Seligkeit de» Tages, wenn wir die Nacht nicht könnten. Aber wer wär« fo verblendet, zu jagen, daß in der Nacht der Sinn des Zeitoblaufs zu sehen sei!
Neue Mengen von solchen, die Zest haben, kamen mir entgegen. Ja, graue Schatten lagern über ihnen, lagern über der ganzen Welt. Doch Schatten wandern, Schatten gehen. Und hinter ihnen leuchtet dennoch eine Sonne! Z.
Leuchttürme schwinden. ♦.
vom Leuchtturm zum Atmkkurm. — Neuartige Orientierungsmethode« auf See.
Ein gutes Stück Seeromantik knüpft sich an die Leuchttürme, die auf hoher Uferböschung oder auf vorgeschobener Klippe, von der Brandung umspült, ihres treuen Amtes walten und ihren Lichtkegel als rettenden Willkommensgruß über die Wasser senden, — seit langem schon unerhörte Lichtstärken sinnreich zum Dienst zwingend.
Mag aber di« Lichtfülle eine» der neuzeitlichen Rie- senscheinwerfer noch so blendend fein, sie findet doch ihre Grenzen. Diese sind einerseits durch di« Erdkrümmung und die Höhe des Leuchtturmes, also durch seinen Horizont, gegeben, andererseits bilden di« an den Küsten häufig oorkommenden Nebel eine oft undurchdringliche Wand; der grellste Strahl wird schon nach wenigen hun» d«rt Metern von einem dichten Nebel verschluckt. Hörbare Zeichen, wie Sirenen oder Nebelhörner, haben nur eine geringe Reichweite, auch ist die Feststellung der Schallrichtung nicht mit genügender Sicherheit möglich. Jede genaue Ortsbestimmung wäre bei Nebel also ausgeschlossen, da der Schiffer mit dem Kompaß allein oder auch durch Lotungen seinen Standort nicht genau feststellen kann. In seichten oder klippenreichen Gewässern und in engen Fahrttinnen, z. B. in Hafeneinfahrten, ist der Nebel also der gesährlichst« und gefürchtetste Feind der Seeleute, und viele Schiffe ziehen es vor, in Küstennähe vor Anker zu gehen, bl» wieder klares Wetter eintritt.
Die drahtlose Telegraphie gibt nun der Schiffahrt ein Mittel in di« Hand, dies« Schwierigkeiten zu umgehen, und zwar führen mehrer« Weg« zum Ziel. Bei allen Schifsortsbestimmungen, sei e» nach den Gestirnen, nach Landmarken oder auf drahtlosem Wege, spielt ein Lehrsatz der Geomettie eine Rolle, der besagt: Ein Dreieck ist durch drei Bestandteile bestimmt, unter denen mindestens eine Seite vorkommen muß. Dies« eine Seite ist bet der Ortsbestimmung j. B. noch zwei Leuchttürmen bekannt, sie ist die Entfernung zwischen diesen Türmen, die der Seemann, in seiner Karte eingezeichnet, findet. Die Verbindungslinie der beiden Türme gibt aber noch eine weiter« wichtige Größe, nämlich den Winkel, den sie gegen di« Nordrichtung bildet: dieser Winkel ist als Hilsswinkel zur Feststellung de» Dreiecks notwendig. Die dritte Größe endlich kann der Seemann leicht feststellen: es ist der Winkel, unter dem ihm die beiden Leuchttürme erscheinen. Mit Hilfe der bekannten und der gemeßenen Großen ist es dann nicht mehr schwer.
das Dreieck in die Kart« «inzuzeichnen, und die Spitz« dieses Dreiecks ist dann der gesucht« Schiffsort.
Dies« Art der Messung findet auch bei der funken- telegraphischen Ortsbestimmung in zum Teil abgeänderter Form Anwendung. Schon bald nach der Entdeckung des Nichtempfangs durch Rahmenantennen wurde ein Peilverfahren ausgearbeitet, das es gestattet, den Standort der Sendestelle durch zwei mit Rahmenantennen ausgerüstet« Empfangsstellen ausfindig zu machen. Im Kriege hat man dieses Verfahren mit großem Erfolge angewendet, um feindlich« Funkenstationen und rhren Standort feftzustellen. E» beruht daruf, daß eine Rahmenantenne dann am lautesten empfängt, wenn die Rahmensbene in der Richtung der ankommenden Wellenzüge steht: der Empfang setzt dagegen völlig au», wenn die Wellen senkrecht aus di« Rahmenebene auftreffen. In der Praxis ist das Aussetzen des Empfangs besser hörbar als die größte Lautstärke: deshalb wird die Antenne so lange gedreht, bis die anzupeflende Station nicht mehr zu hören ist. Sie liegt dann um 90 Grad gegen den von der Nordrichtung gemessenen Winkel. Die zweite Empfangsstation perlt nun in der gleichen Weise. Aus der bekannten Lage der beiden Peilstationen und den beiden gemessenen Winkeln läßt sich das Dreieck leicht in die Karte einzeichnen und damit der Ort der gesuchten Station sestlegen
Zur Schiffsortsbestimmung sind nun längs der Küste eine Reihe von Peilstationen verteilt; ein Schiff, das feinen Standort festgestellt haben modjte, ruft zwei der Stationen an und gibt eine Zeitlang ein bestimmtes Zeichen. Die beiden Stationen peilen nun da» sendende Schiss an, verständigen sich untereinander über fcie gemessenen Winkel und teilen dem Schiff dann den gefundenen Ort mit. Dieses Verfahren dauert eine gewisse Zeit, etwa fünf Mlnnuten, und erfordert für dar Schiff eine Sendestation.
Neuerdings hat man einen anderen Weg beschritten, ber geeignet erscheint, auch die letzten Schwierigkeiten, au» dem Wege zu räumen, wobei da, Schiff keine' Sende-, sondern nur eine Empfangsstation benötigt. Die Grundlage dafür bilden ganz kurze drahtlose Wellen mit einer Länge von nur wenigen Metern. Jrn Gegensatz zu den sonst üblichen langen Wellen lassen sich die kurzen Wellen richten und zu einem dünnen Strahlenbündel vereinigen, genau so, wie ein Hohlspieaelschein- werser das Licht nur nach einer Richtung wirft. Die
Das Rätsel des Tushintang.
Roman von Kurt Martin.
«advrigbt bl, verlas Neue» Lebe». Yavr. Bmaiu.
41 ----------
2.
Als Jörgen Bollander auf dem Deck des „Tushin- tang" stand, sah er sich suchend um.
Wo war Kiru-Iosai?
Er ließ den Strahl von Brahusen» Scheinwerfer- lampe über da» Schiff hingleiten. Weiter vorn sah er den Steuermann laufen. Kiru-Iosai wandte sich um und schrie:
„Ich sehe niemand! Das Schiff ist verlassen. Wir müssen eilen. Es sackt immer mehr zur Seite."
Er riß eine Türe auf und verschwand in der Finsternis.
Jörgen Bollander sah sich unschlüssig um. Da» Licht seiner Lampe eilte wieder über die Blanken. Er stieß mit dem Fuß an irgend etwas und sah, daß es ein Revolver war. Rasch hob er die Waffe auf und schob sie in die Tasche.
Und was war dort? Diese dunklen Flecken? Da» war doch Blut! Es hatte einen Kampf an Bord gegeben!
Das Licht feiner Lampe irrte dahm und dorthin. Er kam zu einer Tür, stieß sie auf. Eine schmale Treppe führte abwärts.
Da war wieder Blut!
Unten lagen ein paar Kisten, die Deckel ausgerissen.
Bollander hielt sich nicht auf. Er schritt in dem Gang weiter; ober seinen eigenen Revolver hatte er nun doch aus der Tasche gezogen. Er hielt hin schußbereit in der Hand.
Er trat in einen kleinen Salon. Da sah es wüst aus. Die Deckenlampen waren zerschlagen, di« Spiegel zertrümmert. Gläser und Flaschen lagen auf dem Boden. In der Wand links stak ein Dolch.
Jörgen Bollander wandte sich wieder in den Gang und drang weiter vor. Da mündete Tur an Tür: die Kabinen der Fahrgäste. Kleider lagen wirr umher, Koffer versperrten den Weg, ausgesprengt, entleert.
Was war das? Lief da nicht jemand? Wo war Kiru- Iosai?
Er blieb stehen und lauschte. Aber es war nicht» zu hören als das Rauschen de» Meere» und das Aechzen de» wunden Schiffsleibes.
Der Tod! Ja, hier lauerte der Tod! Der hatte hier gewiß schon reiche Beute gesunden, und nun wollte er wohl noch nach ihm greifen!
Jörgen Bollander strebte nach vorwärts. Da war noch eine letzte Kabine. Die Tür war eingeschlagen. Er warf einen Blick in den kleinen Raum. Ein Koffer stand dort, und eingeklemmt zwischen den Deckel lugte das Ende eines grünen Schals hervor.
Er wollte weitergehen. Da fiel das Licht feiner Lampe in eine Ecke der Kabine, und dort sah er etwas Dunkles liegen, scheinbar ein Buch. Hastig trat er hinzu und hob es auf. Er los, was auf dem Deckel in schlichten, blauen Buchstaben stand: „Ingeborg. Mein Tagebuch."
Er öffnete das Buch und las: „Hamburg, am läge meiner Ausreise nach Japan."
Eine Deutsche hatte e» geschrieben! Wo war die, der da» Buch gehörte? Toi, gleich allen denen, die sich an Bord dieses Schisse» befunden hatten?
Er sah sich suchend in der Sabine um. E» war nicht» zurückgeblieben von der, die hier geweilt hatte.
Der Koffer!
Er schob da» Tagebuch in feine Brusttasche und versuchte den Deckel des Koffers zu heben. Da» gelang ihm ohne weiteres. Der Koffer war leer, bas Schloß aufgesprengt. Nur eingeklemmt hing da ein Stück grünen Schals. Er griff danach und nahm auch diesen Fund mit sich.
Ein Zittern lief durch den „Tushintang". Es gab «inen merklichen Ruck nach der Seite. Da sprang Jörgen Bollander rasch vorwärts, und jäh stand er vor Kiru- Iosai, der etwas golden Glänzendes in der Hand hielt.
„Was haben Sie da gefunden? Stießen Eie auf Menschen?"
Der Japaner schüttelte lebhaft den Kopf: '
„Niemand an Bord! Alles fort, alle» tot! Nur Blut, Waffen— und das da!"
„Was ist das? " ,
„Ein goldene» Kästchen, vergessen! Doch rasch! Wir werden kaum noch hinabkommen. Wenn da» Schiff versinkt, sterben wir wie die acht Mann im Boote mit un»."
Bollander folgte dem voraneilenden Japaner treppauf, über das bedenklich zur Seite geneigte Deck, hin zu der Strickleiter. Die See sprühte ihm entgegen. Er sah eine gähnende Tiefe unter sich.
Wo war da» Boot?
Ein Schrei über ihm drängte zur Eile. Er fühlte Hände, die sich um seine Knöchel klammerten. Er ward ins Boot gerissen und hinter ihm sprang Kiru-Iosai herab. Die Matrosen arbeiteten mit aller Kraft. Die Strömung rollte ihnen entgegen und schob sie wieder und wieder an den „Tushintang" heran,
Der Japaner hob den Arm:
„Jetzt!"
Drüben sackte der schwarze Schiffsleib zusehends weg. Kiru-Iosai trieb die Matrosen zur äußersten Eile. Plötzlich rauschte es wild auf durch die Nacht. Es rollte drohend gegen das kleine Boot heran und schien den zehn Menschen den Untergang zu bringen. Der „Tushintang" war verschwunden. Da» Meer hatte ihn hinabgerissen und über alle Geschehnisse, die sich auf ihm zugetragen hatten, ewige» Schweigen verhängt.
Kiru-Josais geschickter Steuerung war ts zu verdanken, daß sich da» Boot au» dem Strudel glücklich heraus- fand. E» hielt scharf auf den „Kweipautu" zu. Auf Deck sah man die Menschen sich drängen. Brahusen» Befehle klangen durch die Nacht. Sie konnten ohne Schwierigkeiten das Boot feftmadjen, und alsbald stand Jörgen Bollander wieder auf Deck. Man umdrängte ihn; ein Schwall aufgeregter Fragen fiel über ihn her:
„Waren Sie auf dem Schiff?"
„Was ist mit den Passagieren?"
„Was haben Sie gesehen und gehört?"
„Sind Menschen ertrunken?"
Jörgen Bollander sah sich nach Kiru-Iosai um; er gewahrte ihn oben auf der Kommandobrücke bei dem Kapitän. Erregt bat er die ihn Bedrängenden:
„Gedulden Sie sich doch! Es gab ja gar nicht viel zu
Ausstrahlungsantenne wird im Brennpunkt eines großen Parabolspiegels aufgestellt: die Wellenzüge werden dann von der Spiegelwanderung all« nach einer Richtung zurückgeworfen.
Wird nun der Spiegel gedreht, so wandert der Strahlenkegel im Kreis« herum und bestreicht den gan- jen Horizont. An Stelle der Leuchttürme worden als» Richtfunkstationen ausgestellt, die ihre Strahlenkegel, z. B. einmal in der Minute, umlaufen lassen. Ein Schift auf hoher See empfängt dann von jeder Station einmal in der Minute ein kurzes Zeichen, und bi« zwischen zwei solchen verschiedenen Zeichen liegende Zeit gibt unmittelbar den Winkel an, unter dem die beiden Stationen vom Schiff aus gesehen, liegen. Das genügt jedoch noch nicht zur Bestimmung des Orte», da der gleiche Winkel von den verschiedenen Standorten aus gemessen werden kann. Die Sendestationen geben daher jedesmal, wenn der Strahlenkegel nach Norden geht, ein kurzes Zeichen auf einer anderen Wellenlänge oder auch mit gedämpften Wellen. Der Beobachter auf dem Schiff hat eine Stoppuhr zur Hand, deren zwei Stoppzeiger durch einen gemeinfamen Druck ausgelöst werden können, von denen aber jeder für sich stillgesetzt werden kann. Wenn das Nordzeichen der beiden Stationen, di« ihren Strahlenkegel genau gleich umlaufen lassen, ankommt, gibt der Peilfunker die beiden Zeiger seiner Uhr frei. Beim er- ften Zeichen des bei ihm vorbeistreichenüen Strahlen- kegels stoppt er den einen, beim Zeichen des zweiten den anderen Zeiger. Zeigt die Ausgangsstellung der Zeiger nach Norden und machen diese in der Minute «ne Umdrehung wie der Sekundenzeiger einer Uhr, so geben die beiden stillgesetzten Zeiger nicht nur die Richtung, sondern auch den Winkel an, au» denen die beiden Stationen empfangen wurden. Die weitere Auswertung ist die gleiche wie bei der Ortsbestimmung nach Leucht- seuern. Die Empfangseinrichtungen können sogar vollkommen selbsttätig eingerichtet werden, so daß Fehler, wie sie bei menschlicher Beobachtung leicht eintreten, vermieden «erden.
Die neuzeitlichen „Funkentürme" scheinen berufen ,u fein, die alten Seudittürme allmählich abzulösen. Selbst bei schwierigstem Wetter sind sie die zuverlässigsten Wegweiser, es gibt kein Versagen, und ff« lassen sich auf Entfernungen auswerten, bie auch da» stärkste Leuchtfeuer nicht erreicht.
Das Asyl der Getreuen.
Von Paul A. Schmitz.
Der Herrensitz in Sainte Genieve des Bois, einem Dorf bei Paris, ist ein aristokratisches Asyl. Aristokratie und Asyl, das scheinen Begriffe, die nicht zu verbinden sind. Aber in Sainte Genieve sind sie verbunden. Hier haben mehr denn zweihundert russische Adelige, ehemals Angehörige des Zarenhofes, die durch den Sturmwind der russischen Revolution in alle Welt hinausgewirbelt wurden, ein Ruheplätzchen fürs Alter gefunden. Hier haben zweihundert Menschen, denen das Lebensgebäude jäh zusammenstürzte, versucht, dn neues auszubauen. Ihm Inhalt und Sinn zu geben. Hier leben Menschen in einem Asyl, die sich einst am siirstl. Hof Europas, am Zarenhof, nie einen Wunsch zu versagen brauchten, und richten sich ein — wie man sich eben in einem Altersasyl einrichtet.
Jedem der Bewohner wurde ein Posten zu gewiesen, den er recht und schlecht auszufWen sucht. Dankbar, unter dem Dach des Herrensitzes von Sainte Genieve einen Ruhesitz gefunden zu haben. Hofkavaliere hantieren als Köche, Kammerfrauen der Zarin als Aufwärterinnen. Fürsten hacken Holz für die Küche, Generäle und Mini- fier, vor denen einst Rußland zitterte, hantieren tm Dunkel des Kellers als Heizer. Ein Adjutant des Zaren verwaltet die Meierei, und der ehemalig« Direktor der technischen Hochschule in St. Petersburg zimmert bie Särge. Jeder fügt sich in das Allag-leben des Asyls em, das jedem feine Pflichten gibt, am Abend ist Zeit genug zu nutzlosen Träumen, di« das Leben am Tag« nur schwer machten.
Alles ist vorhanden im Asyl der letzten (Betreuen des Zaren, alles — sogar eine Kapelle und ein Friedhof. Auf dem Friedhof finden die, für die der Direktor der technischen Hochschule die Särge zimmert, die letzte Ruh« fern der russischen Heimat. Und in der Kapelle betet man für die Opfer der Revolution, deren Gedächtnis ver
sehen. Das Schiff war menschenleer. Ich sand nur Blutspuren und Waffen."
Nun riefen sie erst recht schrill durcheinander:
„Ein Ueberfall!"
„Meuterei!"
„Entsetzlich!"
„Erzählen Sie doch mehr!"
„Was soll ich denn noch wissen? Wir mußten uns beeilen, wieder in» Boot zu kommen; sonst hätte uns der „Tushintang" mit in bie Tiefe gerissen."
Mr. Broth schob feinen Arm unter den Jörgen Boi- lanber$:
„Sie müssen uns alles Im einzelnen berichten, Mr. Bollander! Kommen Sie mit in den Salon! Wir bleiben natürlich wach. Wir denken diese Nacht nicht mehr an Schlaf."
Aber da stand unversehens der Kapitän neben Jörgen Bollander. Er schob Mr. Broth energisch beiseite:
„Erlauben Sie! Für die nächste Stunde muß ich Herrn Bollander mit Beschlag belegen, u. hinterher wird er schlafen wollen. Gedulden Sie sich also bis zum Morgen."
Man widersprach, man bestürmte nun den Kapitän mit Fragen, und er hatte seine liebe Not, die aufgeregten Menschen endlich dahin zu bringen, daß sie sich wieder in Ihre Kabinen zurückzogen. Etliche setzten sich im Salon zusammen, verlangten Kognak und Wein. Die einen wollten die aufgeregten Ereignisse noch einmal durchsprechen, und andere wieder hatten die Angst in allen Gliedern sitzen und sürchteten, es möchte jeden Augenblick ein neues, schreckliches Ereignis eintreten .
Auf der Kommandobrücke blieb Kiru-Iosai zurück. Der „Kweipautu" fuhr mit Volldampf Schanghai entgegen.
Als Kapitän Brahusen mit Jörgen Bollander allein in feiner Kajüte war, schob er ihn hin zum Sri»:
„Setzen Si« sich und trinken Sie erst mal etwa», och bin doch heilfroh, daß Sie mit hinübergefahren waren zu diesem verdammten Kasten."
Er sank in feinen Sessel und sprach in Hast weiter:
„Der Steuermann berichtet, das Schiff sei menschenleer gewesen: kein Passagier, kein Mann der Besatzung