Ar. 159 Vellage zur Fuldaer Zeitung 13. Juli.
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Reue Jugend.
Ihr gebt der Stadt einen Sinn, Und all dem Gewirr entreißt ihr Gewinn. Da solche Straßen sich lärmend wanden und Mauern die Armen hielten in Banden, da tausend verlogener Flitter sehr um Schultern und Husten klebte schwer — ihr kommt schon frei einhergeschritten, habt leuchtenden Auges die Zeit zerlitten, an Straßenenden steht ihr da, grab, froh und rein, mit wehendem Haar im Sonnenschein, aufbruchbereit. Als ich such sah, da war mein Herz so froh und weit: Heil neue Jugend, neue Zeit!
Joseph Feiten.
Vom Wandern.
Das Wandern mein« ich, das dem Wandervogel den Namen gegeben hat, das zur Jugendbewegung gehört, das nicht ihr ganzes Wesen ausmacht, aber einen Teil ihies Wesens, und ihr Wesen zeugt wie zeigt, lehrt wie bewährt.
Dieses Wandern — oder die Fahrt — ist etwas ganz anderes als ein Spazierengehen oder einen Ausflug oder eine Reise machen; oder als ein Sport; mag es auch wie sie Erholung und Sehen und Kennenlernen mit abwerfen. Es ist auch noch etwas anders als das Dagieren der alten fahrenden Schüler, der Dagonten und Pachanten. Aber das kommt ihm am nächsten.
Robinson-Romantik und Räuber-Romantik? Die sind dabei, und Ungebundenheit, Abenteurerlust sind dabei. Und die sollen dabei sein, die geben dem neuen Wandern und der Fahrt Charakter und Reiz, Wirkung und Wert. Die Fahrt, das ist das neue, zünftige Wandern, ist mehr, ist die Kinderstube, die Schule, der Rekrutendienst, das Noviziat des neuen Menschen.
Die Zivilisation und Kultur mit ihren Fortschritten, Bedürfnissen, Genüssen sind die schleichenden Giftmischerinnen und die süßläch«lnden Mörderinnen der Menschheit und ihrer Gesundheit und Lebensfähigkeit. Die Fahrt reißt den jungen Menschen aus ihnen heraus ,aus ihren Bequemlichkeiten, Verzärtelungen, Verweichlichungen, Entkräftungen, Entmannungen. Nur das Allernotwendig sie darf er mitneh- m e n; sovieles muß daheimbleiben, ohne das der übliche Europäer nicht leben zu können glaubt. Und nun, befreit und bereit, stellt ihn die Fahrt in Sonne und Wind, in Regen und Sturm, in Frost und Hitze, in all die heiligen heilenden Naturkräste, stellt ihn der ganzen Gewalt der Natur entgegen und dazu braucht es Männer, das macht Männer. Er lernt wieder mit der Natur umzugehen, er muß sich richten und zurecht- sinden nach Sonne und Sternen, nach dem Wuchs der Bäume und dem Wuchs an den Bäumen; er muß wie- der von der Natur lernen, seine Nahrung, seinen Trank zu suchen, Feuer zu machen, sich ein Lager zu bereiten. Auf der Fahrt nimmt die Natur den Menschen in ihre rauhe, aber gesunde Kur.
Aus der Fahrt weist es sich aus, was in den Menschen steckt, ob Kraft in ihnen steckt, Opferbereitschast, Unterordnung, strengste Zucht und Selbstzucht, Treue, Gemeinschaftsgeist. Ob Wesentlichkeit in ihm steckt, d. h. ob ihm der Sinn dafür ausgeht für die Natur und ihre Art, ihr eins bis drei, oder ob er zu schmachtlappen und sammerlappen ansängt nach einer Conditorei, nach Poussieren, Bier, Zigaretten, einem weichen Bett, ob er entbehren kann oder ob er nicht ohne den Schwindel und die entselbstenden Dinge der Zivilisation auskommen kann.
Und als Ersatz lehrt sie singen und schweigen und führt zu Volk, zu seiner Sprache, Lied, Gebrauch, Ian,), und der echte Wandervogel ehrt und achtet das Volk, seine Art und sein Eigentum.
Wahrlich, die Fahrt ist kein Vergnügen, ist keine Erholung im spießbürgerlichen Sinn. Sie wirst Gesundheit ob, aber sie bringt vor allem noch die Gesundung des ganzen Wesens, des Sinnes, sie bringt den höchsten Genuß und Wert, sie befreit den Menschen von den Feinden und den Schmarotzern und Hutegeln seines wahren Wesens und bringt ihn zur Natur und sich selbst.
Die Fahrt braucht ganze Männer und Menschen oder sie macht ganze Männer und Menschen.
Und auch die Mädchen dürfen und sollen auf Fahrt
gehen — wie sie auch spazieren und reisen dürfen und sollen. — Sie sollen, fast noch mehr als die Jungen, gesund sein, und statt Puppen und Larven echte ganze, reine hohe vollmenschliche Menschen sein — denn sie sollen Mütter werden.
Gibt es etwas, was euch mehr zu strengster, frohester Zucht treiben kann, als der Gedanke an Vater- und Mutterwerden?
Macht, daß die Fahrt euch das alles bleibt. Wenn nicht, bleibt zu Hause.
Aber ihr anderen geht auf Fahrt. Und wenn ihr darum u n b f o, rote mir es sagten, auf Fahrt gehl, werden Fahrt wie Jugendbewegung nicht in Fahrtensucht und Familienflucht und Flucht der Häuslichkeit und des Berufes ausorten, sondern Schule des neuen Menschentums sein.
Was gibt uns Halt?
Lieber Klemens!
Dein letzter Brief war ja voller Weltschmerz. Es sei drum alles zurückgeftellt, wovon ich Dir eigentlich berichten wollte.--Du schreibst davon, daß wieder
einige von Deinen Kollegen entlassen worden seien; junge Menschen von besten Eigenschaften in ihrem Berufe und als Menschen. Dem einen standest Du näher und konntest ihn Jahre hindurch in seiner ernsten Lebensauffassung bewundern. Wie wird dieser junge Mann, der so voller Hoffnungen für seine Zukunft mar, fein arbeitsloses, zukunftdunkles Leben ertragen können? Dann machst Du Dir Gedanken über die gesamte Arbeitslosigkeit, über all das seelische Leid der Millionen. Dies alles nicht nur in Deutschland, sondern in allen Ländern. Und die Zukunft? Wird sie Besserung bringen . . .? Ich sehe Dich unsicher werden. Auch Dich könnte eines Tages das Gespenst der Arbeitslosigkeit erfassen. Freund, will es darum auch in
Dir dunkler werden? Will auch Dich die Furcht vor dem Leben packen? Diese Aussichtslosigkeit ist zu einer gefährlichen Zeitkrankheit geworden. Sie liegt rote eine Lähmung über der jungen Generation ober peitscht sie verzweifelt in den Radikalismus. Ihre Kräfte drohen mürbe zu fein, wenn einmal der Ruf zur Tat an sie ergehen wird.
Aber was soll ich Dir sagen? Wie kannst Du es fertig bringen, Dir Mut und Spannkraft zu bewahren? Es ist schwer, und mas sich für uns Christen als einziges Mittel darbietet, werden viele als schönes Gerede ablehnen. Da sich aber von heute auf morgen keine Lösung der entsetzlichen Krise finden läßt, werden sie an ihrer Not irgendwie zerbrechen. Doch was gibt uns Halt in dieser Not? Allein der Glaube, die ganz blinde Hingabe in Gottes Hand. Er allein ist in der Vergänglichkeit aller Güter der bleibende Wert. Die Freundschaft mit Gott ist für den Glaubenden der entscheidende Reichtum. Wenn er das erstrebte Berufsziel und so viele Lebenshoffnungen wegen der widrigen Zeitverhältnisse nicht erreicht, sein Leben wird niemals zwecklos. Denn er will ja nicht eigensinnig sein Leben selbst bestimmen. Vielmehr geht er den Lebensweg, den ihm die göttliche Liebe weist, mag er nun zur Führerschaft des Volkes hinaufführen ober durch bie untersten Schichten des Volkes sich durchroin- den. Entscheidend ist für den Christen nicht, wo er geht, sondern ro i e er geht. Es ist also letztlich wieder die „Torheit" des Kreuzes, die die Geister scheidet. Aber Zeiten der Not sind auch immer Zeiten des Großmutes. Es ist kein Zweifel, daß auch unsere gegenwärtige Notzeit an Heroismus reich ist, daß es viele Menschen gibt, die trotz bitterer Not aus vielem Glauben leben. So läßt die Gegenmart die Herrlichkeit Gottes vielleicht heller aufleuchten als die geruhfam-n Jahre der Vorkriegszeit. Der Ehre des Höchsten gelte auch unser Schassen!
Dein Winfried.
Das Jungvolk der Rhön auf der Vachk.
Dom Bezirkstag der Iungmännervereine in der vorderrhön am 10. Juli.
Heiß brennt die Sonne. Staubig sind die Straßen. Eine drückende Schwüle liegt über den der Reife entgegenharrenden Getreidefeldern. Als wir um die Mittagsstunde die Straße von Geisa nach Barsch gehen, saust eine Radfahrerkolonne an uns vorbei. „Treu Heil!" klingt ihr Ruf. Es sind Jungmänner aus dem Feldatal, aus dem alten Fuldaer Amt Dermbach. Die Straße von Buttlar herauf tönt lauter Trommelklang. Das Trommler, und Pfeiferkorps der D. I. K.-A btei(ung Oberufhausen rückt mit dem gewohnten Schneid heran. Dann kommen die Geisser, die Kapelle von Kranlucken; aus Schleid, Rasdorf und den anderen Dörfern der Umgegend kommen die Jungmänner und Gesellen mit ihren Bannern und Wimpeln. Einige Hundert füllen die schöne Barockkirche von Borsch. Wer hätte bas gedacht, daß zum ersten Jungmännertag in der Vor»
derrhön sofort einige Hundertschaften aufmarschieren würden?
Unter brausenden Orgelklängen tritt der Bezirkspräses, Pfarrer B e ck-Borsch, assistiert von Kuratus Haas- Bermbach und Kaplan Dr. Gärtner-Geisa, an den Altar. Tief beugen die Jungmänner bei der Aussetzung ihr Knie vor dem Allerhöchsten, dem sie zu Beginn der Bezirkstagung ihre Huldigung barbringen wollen. In einer von Herzen kommenden und auf jugendliche Herzen abgestimmten Ansprache entwirft der Bezirkspräses, in origineller Weise an den siegreichen Kampf Davids gegen den Riesen Goliath anknüpfend, ein Bild von den Aufgaben der Iungmännervereine. Mit zeitgemäßen Waffen und poll unerschrockenen Mutes müssen olle, deren Brust das Christuszeichen schmückt, für den Sieg des Welterlösers in einer gottentfrembeten unb daburch
Das Trommlerkorps der Deutschen Jugenbkrafl Oberufhausen.
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von verzweifelten Köe./psen durchtobten ÄS eit streiten. Dann werden die Christusnadeln geweiht, Oie den Barscher Jungmännern überreicht werden. Zum Zeichen, daß sie jetzt eingegliedert sind in die jungkatholische Front.
Es ist ergreifend und herzerhebend, als bie Jungmänner dann mit lauter Stimme das Fuldaer Bekenntnis ablegen. Das klingt anders als manches Gebet in der Kirche, bas vielfach leider so ganz gedankenlos mitgeredet wird. Diese jungen Männer meinen es ernst, man sieht es ihrer gesammelten Haltung an, daß die Bekenntnisformeln zu festen Vorsätzen werden.
Nachdem die Segensandacht beendet ist, stellen sich bie Jungmänner zu einem strammen Zug burch das Dorf auf. Die Banner wehen, Marschklänge brechen sich an den festlich geschmückten Häusern des Dorfes. Hinauf geht der Zug zu dem Feldkreuz, das über dem Dorf unter alten Linden steht. Weit schweift der Blick über den Ulftergrunb.
Dr. Gärtne r-Geisa heißt zu Beginn der Kundgebung alle herzlich willkommen. Dann spricht Diözesanleiter Gesang-Fulda. Er spricht vom Sinne des Sturmjahres 1932 des Jungmännerverban- des. Sturmwolken drohen über Deutschland, auch über unserem Heimatland. Da darf keiner in gewohnter Weise weiterschlafen, da muß der letzte Jungmann ein lebendiger Kämpfer werden in den Reihen der katholischen Jugend. Katholisches Jungvolk weiß um feine hohe Verantwortung in Deutschland. Katholisches Jungvolk weiß, daß es bas verzweifelnde und verhetzte Volk bewahren muß vor der Selbstzerfleischung durch ein Beispiel christlicher Lebensart und wahrer Volksgemeinschaft. Die katholische Jungmannschaft wird sich deshalb nicht überrennen lassen. Mögen uns vielleicht auch engstirnige Gewalthaber vorübergehend wieder verbieten und unterdrücken. Man wird uns nicht überwinden, wenn wir innerlich stark sind. Wir kämpfen immerbar für Christi Reich unb ein neues Deutsch- l a n b.
Ein brausendes „Treu Heil" zeigte, daß der Diözesan- fetter verstanden hatte, bie Gedanken aller in Worte zu prägen. Begeistert fangen einige Hundert bas Lied: „Heiligem Kampf sind wir geweiht."
Mit frischem Gesang zogen die Jungmänner von der Höhe zurück ins Dorf. Der Saal der Gastwirtschaft konnte sie kaum fassen. Obwohl eine drückende Hitze herrschte, hielten alle aus. Es herrschte eine vorbildliche Disziplin. Dr. Gärtner eröffnete die Tagung. Dr. Saue r-Fulda stellte in einer längeren Ansprache die staatspolitischen Ausgaben des kathof. Jungvolkes heraus. Die jungen Katholiken haben heute, da man überall in Deutschland Bürgerkriegsvorbereitungen sieht, den von Hetzern irre geleiteten Altersgenossen echte Vaterlandsliebe vorzuleben. Sie müssen sich zwischen bie Kämpfenden stellen und den Blick der Besten auf reine politische Führergestalten von der Art eines Heinrich Brüning wenden. In Deutschland wird heute der Entscheidungskampf um die Freiheit des Volkes und der christlichen Religion gegen den Machthunger kleiner Kreise geführt. Die katholische Jung- mannfchaft wird sich nicht über den Hausen rennen lassen. Sie wird ihre Heimat verteidigen gegen den Radikalismus, sie wird nicht dulden, daß die Einsatzbereit» schast der Jugend von unwürdigen „Führern" mißbraucht wird. Als der Sprecher mit einem Hoch auf die Heimat und 'das Vaterland schloß, stimmten die Anwesenden spontan das Deutschlandlied an.
In der Aussprache betonte ein junger Windthorft- bündler aus Arzell unter stürmischem Beifall, daß in den kommenden Wochen die Jungmannschaft in vorderster Linie für das Programm Brünings und gegen Hakenkreuz und Sowjetstern kämpfen müsse.
Mit erhobener Schwurhand und mit voller Begeisterung fang die Versammlung zum Schluß die Strophe: „Heiligem Kampf sind wir gewecht, Gott verbrennt in Zornesseuern eine Welt. Sie zu erneuern wollen machtvoll wir beteuern: Christus, Herr der neuen Zeit!
Unter den mitreißenden Klängen eines Marsches zogen bann die Banner aus. Mit Gesang zogen di« einzelnen Gruppen ihren Heimatdörfern zu.
Wenn zurückhaltende Bauernburschen am helle« Mittag fingen, so ist das ein Beweis, daß sie aufbruch- bereit sind, daß sie sich mit voller Hingabe eingeordnet haben in die jungkatholische Front
für Christi Reich und ein neues Deutschland.
Die Scholle wird zu eng.
Aus dem Buch „Dolt ohne Raum-. — Das flapitel lieft sich wie eine ErzLhlung aus dem Fuldaer Land.
Hans Grimm hat ein Buch geschrieben, bas jetzt im Albert Langen-Verlag (Ganzl. 1200 Seiten, 8.50 Mk.) in neuer Auflage erschienen ist. Das Buch hat weiteste Beachtung gefunben, da es die nationale Lebensnot Deutschlands aufzeichnet, wie sie schon vor Jahrzehnten anhub, aber nur von wenigen weitblickenden Menschen in der Vorkriegszeit erkannt und empfunden wurde. Wir lassen aus dem Buch ein Kapitel folgen, das genau auf bie Verhältnisse in Fulbaer Land paßt, obwohl es in bie Vorkriegszeit zurückführt.
Trotz dem Sommernachmittage dämmerte es im Raume und die offenen Fenster sogen den Rauch der Pfeifen und Zigarren nur wenig fort, er hing geschichtet zwischen den Köpfen und der Decke.
Görge Friebott (der Vater) beantwortete munter die freundlichen, kurzen Empfangsfragen. Da er den soviel Jüngeren (den Sohn) mit sich hatte, nahm er am leeren vierten Tische in der sehr dämmerigen Ecke seinen Platz. Cr bestellte Bier und zwei wohlbelegte Brote. Dem Jungen flüsterte er ins Ohr: „Du mußt beide essen, du bist ohne Mittag gewesen. Ich habe keinen Hunger." Dann wandte er sich ab in den Raum, unb Nelius (ber Sohn) horchte dem wiederaufflackernden unb halb lebhafter werdenden Reden mit wachsendem Eifer zu.
Nach kurzem Hin unb Her über bie Abrechnung °es Schützenhofes war ein ganz anderer Gegenstand aufgekommen. Der Bürgermeister hatte den Ball ins Rol- en gebracht durch eine Bemerkung zum Sippolbsberger mtsgenoffen hin. Er hatte gesagt: „Also mit G öt- e.n 5 Antrag auf Aufteilung eurer Do» mane ist b a 5 wieder nichts geworden?"
Die unlaute und fast spottende Nebenherfrage veranlaßte jeden sich zu straffen. Selbst der Lehrer-Gast
unb mehr noch ber Fremde spürten, daß etwas aufwalle in der schläfrigen Stube.
Der Hauptlehrer sagte noch spöttischeren Tones: „War es anders zu erwarten? Aber hier und in Jürgenshagen gab es viele, die in Gedanken schon ihren großen Happen mitbekommen hatten." Er machte die Bewegung des Mundwischens. Der Lehrer-Gast fragte: „Was ist denn mit ber Domäne?"
Statt des Hauptlehrers antwortete jetzt ber Lippolds- berger Bürgermeister mit lauter Stimme, wie wenn einer von notschwerer allgemeiner Sache vor ber Gemeinde Bericht erstattet: „Was das mit der Domäne ist, will ich Ihnen genau erzählen. Die Domäne ist so bei achthundert Acker groß, der Preuße (Domänenfiskus) bekommt von seinem Pächter elf Mark den Acker. Der Preuße bessert die Gebäude aus und zahlt noch dies unb jenes aus feiner Tasche. Der Preuße, rechnen wir, macht ein sehr schlechtes Geschäft; wo bei uns Pachten untereinander stattfinden, wird dreißig Mark gezahlt. Im übrigen fehlt der Gemeinde Land. Das Dorf liegt in der Domäne mitte n b r i n n e, wenn einer heiraten unb ein Haus bauen möchte, ist kein Bauplatz zu finden; wenn einer etwas zukaufen möchte, damit die Söhne im Dorfe Nahrung behalten, ist nichts zu haben. Was soll geschehen? Bei uns sind soviel Handwerker, als Brot finden, und vielleicht noch ein paar mehr; wo es Lohnarbeit gibt, bleibt keine Gelegenheit ungenützt. Kinder werden geboren, unb das Werk, das einer hat, kann er nicht kleiner als klein zerschneiden, unb bis es keinem mehr nützt. Weil das alte Pachtverhältnis aufhörte unb die Domäne wiederum zum Ausgebote stand, haben wir getrachtet, von der Regierung die Auflösung zu erlangen. Aber bie Herren in Kassel wissen's besser unb wol
len nicht bran." Die brei anberen Sippolbsberger nickten.
Der schwere Zimmermann sagte: „Wenn sie in Kassel nur kein Land hergeben müssen! Wie steht das zum Beispiel mit der Huteberechtigung? Der Forst möchte uns das Huterecht gern abnehmen. Was will er geben? — Geld. Wir wollen kein Geld, wir wollen das Eichholz und den Nonnenwald in Tausch. Sie haben nicht wieder geschrieben, aber der Förster meint, am Ende müßten wir doch das Geld nehmen."
Da erklärte der Bürgermeister: „David, das ist Unsinn, mir können sie nicht zwingen, und sie können uns nicht zwingen. Doch wie kriegen wir Land?"
Der Amtsgenosse von Hilwartswerder tat einen fast ärgerlichen Lacher. Er rief: „Ja, wie kriegen wir Land? Wir haben noch weniger als ihr auf dem Berge. Ihr hobt erst bei der Verkoppelung fünfzig Acker abbekommen von der Domäne. Und unsere Arbeitoleute laufen noch weiter, um Arbeit zu finden."
„Die Verkoppelung, das ist nun bald fünfzig Jahre her," sagten die beiden Sippolbsberger Bauern.
„Ihr habt wenigstens ordentliche Bauplätze, das Sand um das Dorf gehört euch selbst," sagte ber Sippolbsberger Bürgermeister.
Da ergriff der Hauptlehrer die vermeintliche Gelegenheit, klug und erzieherisch zu reden: „Die Sache ist doch wohl so, daß den Herren in Kassel der Vorteil der Allgemeinheit bedeutsamer fein muß als die unzweifelhaften Nöten von Hilwartswerder und Jürgenshagen und Sippolbsberg. Unb bie erzielte Pacht steht keineswegs im Vorbergrunbe, diese Beurteilung ist kurzsichtig, ihr Leute. Im Vordergründe stehen vielmehr die Möglichkeiten zu Versuchen unb zu Beispielen einer zeitgemäßen Bewirtschaftung, bie burch bie staatlichen Domänen mitgewährleistet sind. Im Vorbergrunbe steht enblich, daß allein bie großen Betriebe als Versorger unserer wachsenden Städte anzusehen sind. Man wird demnach nur in ganz besonders dringenden Füllen an die Aufteilung solcher Komplexe denken dürfen." Er bewegte die Hand sehr wichtig.
Der alte Deisel sagte trocken: „Ja, Herr Kanter, bat hewe roe in der Hessischen Post un’m Amtsblatt all manichmale läsen."
„Unb die zeitgemäße Bewirtschaftung kennen mir letztens," sagte der Bauer Fricke, „wenn nämlich ber Pächter weiß, daß die Pacht zu Ende geht, unb wenn das Land einem verhungerten, reubigen Hunbe zu gleichen beginnt!"
Sie lachten alle hart, und der Lehrer tat schnell den Rückzug, er habe nur zum vollen Verständnisse verhelfen wollen, bie besonderen unb zwingenden Verhältnisse an der Oberwesen seien ihm wohlvertraut, und auf diese eben müsse in Kassel immer wieder hingewiesen werden.
„Wenn Sie gestatten," warf der Fremde ein, „wenn Sie gestatten, ich habe gegen die Aufteilung Ihrer Domäne nichts einzurvenden; Fideikommisse und Rittergüter, die in Wahrheit auch unteilbare Größen sind, müßte man zum Beispiel längst zerschlagen haben. Man muß das Land parzellieren, man muß das Land mobilisieren, man muh bas ßanb überall in kleinen Stucken verkäuflich machen. Aber, ich weiß nun nicht, ob so ein Großagrarier unter Ihnen ist; bäuerliches Erbrecht darf es natürlich auch nicht geben, wo benn ein Kind erbt unb bie anbern Geschwister zu Hause nischt zu erwarten haben." Es klang beides anbiederisch unb irgendwie vom hohen Pferde unb klang, trotzbem es den meisten richtig schien, hier fremd und feindlich.
Der Bürgermeister von Hilwartswerder sagte in einem raschen Augenstreisen: „Wir haben kein bäuerliches Erbrecht." (Gott sei Dank haben wir es im Fuldaer Land noch. D. Schrift!.) Nelius dachte, was ist mit dem Fremden Mund verkehrt? Lacht er nicht links wie ein Händler, wenn er sich einschwätzen will, und rechts wie ein Händl?», wenn die Betragenen bas verkaufte Stück zurückbetteln?
Da rebete auch der Vater zum ersten Male. Er sagte: „Darum, daß wir kein bäuerliches Erbrecht haben, sind bie Höfe immer kleiner geworben, unb in vierzig ob er fünfzig Jahren ist es an ber Oberweser mit ridjtiger Bauernschaft ganz zu Ende.
Weber aus bem Tone noch aus ber Fassung war zu entnehmen, ob Görge Friebott solchen Schicksalsgang
Verantwortlich für „Das Blatt der Jugend": Dr. oec. pubL Joseph Sauer- Fulda. ____________