Ilr. 157
Beilage zur Fuldaer Zeitung
AHLS
10. Juli.
Ilie sollst du ....
Von Franz Cingia.
Nie sollst du ganz verzagt An deiner Straße stehn, Wer über alles klagt Wird keine Sonne sehn.
Nur immer tatbereit
Urri) fröhlich durch die Welt. Dann hat auch dir die Zeit So manches Glück bestellt.
Wer immer ohne Lust Das Leben rings erschaut, Dem ist auch in der Brust Die Liebe nicht vertraut.
Ein Sträußchen Edelweiß.
Don Lucius.
Freund Heinemann war ein begeisterter Alpinist. Und ein ebenso begeisterter Junggeselle, der die Frauen nach dem altväterlichen Muster Nietzsches und Schopenhauers immer noch für Lebewesen zweiter Klasse hielt. Wir, meine Frau und ich, waren weder das eine noch das andere, trotzdem machten wir eines Sommers auch eine Gebirgspartie! Wenn man sich so ausdvückt, dann weiß ja ein jeder, was daran ist! Man fährt mit der Bergbahn auf den Wendelstein und stellt im übrigen fest, daß sich das Gebirge von unten weit imposanter als von oben macht. Aber schließlich kann ja auch der geübteste Alpinist nicht immer oben bleiben: auch er muß sich in die Niederungen herabbegeben, um einen Ausgangspunkt für seine Hedentaten zu gewinnen. Und so kam es denn, daß wir eines Tages mit Freund Heinemann am Fuß der Zugspitze zusammenstießen. Er kam von oben, und wir hatten soeben einige harmlose Gehversuche in den unteren Partien des Berges unternommen. Und stehe da, er war nicht allein. Er war in Gesellschaft einer jungen Dame, in kurzem Lodenrock, mit einem kecken Hütchen auf der Stirn und, was besonders auffällig war, mit einem Sträußchen Edelweiß in der Hand.
Wir freuten uns unbändig. Am meisten meine Frau. Ob das Pärchen wollte oder nicht, es mußte mit. Wir nahmen auf einer Hotelterrasse gerade gegenüber der Zugspitze Platz, und da es Ab*-:b war, hatten wir ge- nügend Zeit, diese unerwartete Begegnung zu klären.
Zunächst einmal wunderten wir uns, daß das junge Fräulein so gar keine Verlegenheit erkennen ließ. Sie plauderte so harmlos und unbefangen, als hätten wir sie in der natürlichsten Situation der Welt entdeckt. Und dabei war sie — ich las den Gedanken meiner Frau von der Stirn — als junges Mädchen allein in Gesellschaft eines zwar nicht mehr so ganz jungen, aber doch immerhin unverheirateten Herrn!
Glücklicherweise begriff Freund Heinemann, was die Situation von ihm forderte. Er nahm dem jungen Mädchen den Strauß aus der Hand.
„Wo glauben Sie wohl, daß er gepflückt ist?"
„Nun, auf der Zugspitze natürlich."
„Richtig. Aber wo?"
„Ja, lieber Freund", griff ich nun ein, „Du mußt nicht denken, daß uns die verschiedenen Staffeln Deiner Zugspitze so bekannt sind wie Dir."
„An dem Höllentalferner!" rief er aus, und ein begeistertes Leuchten kam in seine Augen. „Und wer hat ihn gepflückt?"
„Na, Sie natürlich!" bemerkte meine Frau wegwerfend, als wollte sie andeuten: wozu noch die Frage?
„Was, ich?", er starrte uns an, als begriffe er gar nicht, wie wir auf den Gedanken kommen konnten.
Und das junge Mädchen schlug eine Lache an. Lacht«, lachte, wie nur ein junges Mädchen lachen kann, wenn es feinem Glück zusteuert.
„Also da haben Sie's!" schloß es endlich. „Nun stnd Sie gar noch der Kavalier und haben diese Blumen unter Lebensgefahr für mich gepflückt!"
Das war allerdings der naheliegendste Gedanke. Und daher war uns dies Lachen ziemlich unverständlich.
Er aber, Freund Heinemann, begann nun auch wenig- stens zu lächeln. Er schüttelte den Kops.
„Die hat das Fräulein ganz eigenhändig von der Höllentalwand heruntergeholt."
Nun waren wir jedoch nahe daran, empört zu werden.
„Was", rief meine Frau. „Und das haben Sie zu- gelaffen?"
Er lächelte halb verlegen. „Das Fräulein wollte doch durchaus."
„Also kurz und gut", sagte das Fräulein, „wir sind eine Art Wette eingegangen. Es galt, wer von uns beiden auf unserer Zugspitzentour die größte Leistung vollbringen würde . . ."
Wir sahen einen nach dem andern fragend an.
„Ja", fuhr sie leiser fort, mit einem halb zornigen Blick auf Freund Heinemann, der ganz zufammengesun- ken war, „dem sollte der andere nicht mehr mit jener Ueberoorsicht und jenem Vorurteil kommen dürfen, dem anderen Geschlecht keine Tapferkeit — und auch sonst nichts Gutes zuzutrauen . . ."
Wir waren alle still. Der Gipfel der Zugspitze ragte fahl vor uns in die Nacht. Er trug eine Kappe von Schnee, die sich deutlich gegen den Himmel abzeichnete. Ich bemerkte das, während ich krampfhaft über die Worte nachsann, die ich nun zu sprechen hatte. Mir schien, als ob von denen etwas abhinge. Ich fühlte mich etwa in der Rolle eines Schiedsrichters, der den Preis zu verteilen hat.
Aber es kam mir jemand zuvor. Nämlich das Licht der elektrischen Birne, die plötzlich über unserer Terrasse aufflammte. Da sah ich, wie Freund Heinemann seiner Partnerin im Schutz des Tisches bittend die Hand entgegenstreckte und wie die ihre schon auf halbem Wege war, seiner zu begegnen.
Es brauchte keiner oorstchtigen Rede mehr!
Und was dann weiter geschah —? Wir gingen am nächsten Tage alle — jawohl, wir auch — zu der Hölleritalwand hinauf und sahen uns von fern die Edelweiße an, die das Fräulein hatte stehen lassen. Denn so etwas, meinte meine Frau, muß man gesehen haben. . . .
Und dort oben machte uns dann Freund Heinemann, sehr stockend und verlegen, mit der Tatsache seiner Verlobung bekannt.
3m Schatten eines Gasometers.
Norddeutsches Märchen von Heinz Eider.
Der Schleuslemvärter Jan Torem lebte mit dem Gasometer, der braun und dick hinter seinem Häuschen wuchtete, in beständiger Feindschaft. Die Landschaft hier war einsam und bot nicht viel an Widern. Grau war die Schleuse, blau darüber der Himmel; das Wasser grün und manchmal arg schmuddelig. Nur der kleine Garten, den Jan sich hinter seinem Haus angelegt hatte, war ein bunter Teppich in dieser grauen Evdenstube. Aber Jan litt an einer Trauer; denn dem Mauen Geist des Gases, der zwar fest verschlossen m der eisernen Tonne wohnen muhte, gelang es doch, vc» Zett zu Zeit ein paar seiner giftigen Atemzüge dem Vaden ein- zuhauchen. Uni) dann starben alle die kleinen Blumen, die Jan sich in kindlicher Freude gepflanzt hatte. Jan liebte Blumen sehr. Manchmal blickte er aufs Wasser und dachte sich: „Wenn du doch diese Tonne ersäufen könntest!" Gut, daß die Fuchsten sicher aus dem Fensterbrett in der Stube standen, sonst hätte Jan gemeint vor Verlalenheit und Todesstimmung . . .
Er dachte oft an ftüher, als er noch Knabe war. Seine Eltern besaßen damals am User der Elbe einen schönen Garten. In seiner kindlichen Ausdruckssorm hatte er sich ein seltsames Gebilde über diesem Garten zurechtgebaut: Der gange Garten erschien ihm als ein langer dürrer Mann, der sich mebergelegt hatte, um ein wenig zu ruhen. Sein Haar bestand aus Büschen und seine Bartstoppeln waren die dünnen Gräser der Wiese. Mit den Füßen konnte er in der Elbe plätschern. Und viele Augen hatte er: Tulpen, Nelken, Veilchen, und später, wenn er etwas älter wurde, wurden auch die Augen schöner, dann waren es Rosen, weiße und rote, die so schön blicken konnten ....
Jan lächelte leise. Vorbei. Er Holle die Pseise heraus, entzündete sie und setzte sich aus die ©arten- bank, dabei schaute er bissig auf den Gasometer. Und je länger er zu ihm hinsah, desto schneller platzten die
kleinen Bläschen seiner Wut. „Warum mußten die Städter unbedingt hier draußen solch Faß mit Treppen und Stahlgelenken Hinsehen", dachte er. Plötzlich wurde er ruhiger. Ihm war eingefallen, daß heute seine Tochter mit ihrem kleinen Mädchen zu Besuch kam. Er hatte das Kind zwar erst einmal gesehen und es doch gleich geliebt. Es war blond und schmal. Wenn es lachte brachte es Freude; wenn es weint«, meinte alles mit ihm; die Möbel im Zimmer, die Bäume auf der Straße Dieses wußte er von Ellis. Er sah aus seine Taschenuhr und tief ins Häuschen, um Kaffeewasser auszusetzen.
Das Kind und die Mutter kamen in einer Taxe. Ms Jan das Mädchen hochhob, um es liebevoll zu begrüßen, gewahrte er eine starke gelbe Tüte auf feinen Armen. „Na, was hast du denn da drin?" fragte «r neugierig. Das Kind lächelte und di« Sonne lächelte auch; nur der Gasometer blieb trotzige Eisenmasse. „Frühlingsblumen für deinen Garten", sagte das Kind. „Nanu," Jan blickte seine Tochter, eine blonde herbe Frau an, „ihr wißt doch, daß hier draußen alles hinüber geht!" Die Frau lachte: „Ja, Papa, (Elite drängte mich so sehr, daß ich ihr erlaubte, dir Frühlingsblumen mit Wurzeln zu kaufen; sie meinte, wenn man sie sorgsam einpflanzte, müßten sie gut gedeihen!" Jan kratzte sich den Kopf und fluchte leise: „Dem alten, eisernen Teufel wird das doch nicht passen!"
Nach dem Kaffee gingen die Drei in den Garten. Elli« erbat sich vom Großvater einen kleinen Spaten und grub ein paar Löcher. Dann nahm das Kind ganz zart und behutsam die Blumen aus der Tüte und setzte sie feierlich in das schwarzbraune Fleisch der Erd«. Die Frühlingsblumen ließen zunächst tief die Köpfe hängen, aber Klein-Elli« meinte: „Das macht nichts, Groß
papa muß sie gut begießen, dann stehen sie wieder grade!" . . .
Der Himmel lächelte blau, verziert von den Schneegebirgen der Wolken. Jedoch drinnen im Gasometer zog der Geist des Gases hämische Fratzen , . .
Seit dem Besuch waren acht Tage vergangen. Jan lief kopfschüttelnd umher: die Blumen blühten, herrlich und stark. Jan guckt« den Gasometer an, aber von dem war nichts zu entnehmen, der stierte braun und roh gen Himmel. Am Schleusentor knallte das Wasser hoch und in Jan schallte das Herz. Er saß auf der Bank und beschaute immer wieder die Blumen, dachte an die feinen zarten Kinderhände und fand des Wunders Löfung:„Ein Kind, das berufen war, Freude zu schenken, pflanzte in einfachster Liebesgeste Blumen und gab ihnen menschliches Gefühl mit, ein Stückchen Herz. Dagegen konnte selbst die klobige Armee der Technikriesen nichts ausrichten. In wilder Erbost- h«it biß nun der blaue Geist ins Eisen, aber das ließ nichts mehr hindurch. So glaubte Jan im Sinne alter Märchen. Und die Blumen blühten ihre natürliche Zeitspanne . . .
Eines Abends hotte Jan seine Schnapsflasche hervor, prostete gegen di« Blumen und den Gasometer, dabei sprach er ein paar einfache Worte: „Nu lot uns Free- den moken, Hein, op bat de feuten lütten Blomen noch lange nun beeten Leben verscheunt; denn gegen een Kind kannst doch nech an!"
Wasser knallte gegen das Schleusentor, der Himmel rötete sich sehr abendlich und der Gasometer trug ein friedliches, erhabenes Aussehen.
(Jan hat nie erfahren, daß gerade zu der Besuchszeit des Kindes die schadhaften Stellen im Gasometer ausgebessert wurden) , . ,
Der Ölefant im Leben der Inder.
Interessantes von den langlebigen Dickhäutern.
Von Hannah Asch.
Indien und der Elefant sind zwei untrennbare Begriffe. Die bedeutende Rolle, die der Elefant im Leben der Inder spielt, wird nur dem, der Indien selbst sieht, ganz klar. Im Straßenbild der großen Hafenstädte Bombay, Kalkutta oder Madras ist der Elefant allerdings eine ebenso seltene Erscheinung wie im Strahenbild von Berlin oder Leipzig. Doch in den vielen kleinen Staaten der indischen Fürsten, die sie, wenn auch mit von England stark beschnittener Macht, nach den Bräuchen ihrer Vorfahren weiterregieren, lebt auch der Elefant wie in alter Zeit mit ihnen, für sie und für das Volk.
Den Hindus fft der Elefant heilig. In der Anbetung des „Ganefha" bezeigen sie dem (Elefanten göttliche Verehrung. Dieser Elefantengott, ein Sohn Sivas, erfüllt vielfettige'Aufgaben. Er gilt als Gott der Gelehr- famiteit und der Weisheit, aber er fft auch der Gott des Handels. Zu Beginn aller Handelsabmachungen steht der Nam« „Ganeshas". In fast allen Läden und Büros der Hindus ist fein Bild vorhanden, ja sogar auf die innere Tür der Geldschränke fft er zuweilen ausgematt.
Es gibt kaum einen Tempel, eine Hohle, eine Kult- statte der Hindus, in der nicht „Ganefha" in irgendeiner Form angebracht fft.
Dargestellt ist der Elefantengott als ein grotesk aussehender dickbäuchiger Mann mit Elefantenkopf. Meist sieht man ihn mit angezogenen Beinen auf einer Lotosblume sitzen, oft auch auf einer Ratte reitend oder eine Ratte zu feinen Füßen angebracht. Eine der heiligsten „Ganesha"-Statuen aber, die in dem berühmten Tempel von Madura in Südindien, stellt ihn sichend mit einer Mitraförmigen Kopfbedeckung dar. Zu dieser Statue kommen jährlich Hunderttaufende von Pilgern und verrichten chre Andacht.
Die Heiligsprechung des Elefanten stammt erst aus der Zell der Einführung des Hinduismus. In den meisten, besonders südindischen Tempeln, werden lebende Elefanten gehalten und angebetet. Die Kostspieligkeit ihrer Ernährung wird reichleich aufgewogen durch die Opfergaben der Pilger und Besucher, denn diese Elefanten sind zu geschickten Bettlern abgerichtet. Niemand kann ihnen widerstehen, wenn sie ihr« kleinen
Kunststücke zeigen, und niemand geht weiter, ohne seine Münze in die Oeffnung am Ende des verlangend ausgestreckten Rüffels versenkt zu haben. —
Das Halten von Elefanten war früher ein Vorrecht der Fürsten. In Hinterindien hatte im alten Königreich Birma der König das alleinige Jagdrecht auf Elefanten, von denen er damals 6000 gezähmt besessen haben soll, mtt deren Hilfe er wilde Elefanten fangen ließ. Der hochtönende Titel des birmanischen Königs noch um 1800, der mit „Herr der Erde und der Luft, Bruder der Sonne" ufro. begann, lautete weiter „fjerr aller weihen Elefanten und aller Elefanten des Erdbodens"-
Das birrnanffche Königreich fft längst dahin, und niemand wird sich wohl jemals wieder erkühnen, sich als „Herr aller Elefanten des Erdbodens" zu bezeichnen. Aber in Borderindien gehört der Elefant noch heute genau so zum höfischen Fürstenprunk wie in alten Zetten. Jeder Maharadscha hat feine (Elefanten- ställe und (Elefantengärten. Bei allen Festlichkeiten religiöser und privater Art, bei Prozessionen und Schaustellungen erscheint der modernste Mahardascha, der schon einen großen Autopark fein eigen nennt, immer noch hoch zu Elefant. Bei solchen Anlässen werden die Elefanten mit einer Pracht und einer Kostbarkeit geschmückt, von der der Abendländer sich kaum eine Vorstellung machen kann. Eine Fülle von Gold und Edelsteinen, schwere, mit echtem Gold gestickte Decken, prächtig« Thronfessel aus Gold, aus Silber und geschnitztem Elfenbein zieren die Parade-Elefanten. Erstaunlich ist es, mit welcher Geduld und Langmut die grauen Ungeheuer sich das Schmücken und Bemalen gefallen lassen. Sie schretten mit einer Würde und Ruhe in der von Hunderttausend en umdrängten und umjubelten Prozession, als wüßten sie genau, welche Rolle sie dabei zu spielen haben.
(Elefanten zum Privatvergnügen zu hallen, fft wegen der enormen Futtermengen, die jedes dieser riesenhaften Tiere täglich konsumiert, ein« sehr kostspielige Angelegenheit. Außerdem fft mindestens ein „Malhout" für den Elefanten nötig, der ihn leüet und ihm in der Gefangenschaft die notwendige sorgfältige Körperpflege angedeihen läßt.
So sehr nun auch der Inder in dem Elefanten eine
Das Rüffel des Tushinkang.
Roman von Kurt Martin.
3! ---------
„Man kommt nicht weiter, wenn man über derartige Gerüchte spottet und sie kurzerhand als Lügen bezeichnet. Wissen Sie denn, wo dieses und jenes Schiff geblieben ist, das als verschollen gemeldet wird? Ist es gestrandet? Ist es durch eine Katastrophe zugrunde gegangen? — Ober ist es versenkt worben? — Nichts steht fest. Ich habe so meine eigene Ansicht über diesen und jenen Vorfall."
Sie bestürmten ihn:
„Erzählen Sie doch!"
„Was denken Sie?"
„Haben Sie einen Verdacht?"
Der Kapitän wehrte energisch ab:
„Lassen wir bas, meine Herren! — Im übrigen, — Sie entschulbigen mich wohl, ich habe verschiedenes Wichtiges zu schreiben. Ich werde mich jetzt zurückziehen."
Er erhob sich und verließ mit hastigem Gutenachtgruß den Saal.
Jörgen Bollander aber benutzte die erste günstige Gelegenheit, sich gleichfalls zu entfernen. Als er an i3ie Tür zu des Kapitäns Kabine pochte, ward diese rasch geöffnet, und Brahusen zog ihn in den kleinen Raum.
„Kommen Sie! Da sind Zigarren. Machen Sie es fid; bequem Wir haben noch lange Zeit; bas heißt, ®enn es Ihr Wunsch ist, wirklich mit mir zu wachen."
-.Aber selbstverständlich! Ich bin beim doch gewannt —“
„Erwarten Sie nicht zu viel! Wir wissen nicht, was if*1 'ont)erbare Funkspruch an Sie zu bedeuten hat. Es ! lehr leicht möglich, daß ein offensichtliches Ereignis “Dert>aupt nicht eintritt. — Sehen Sie, bas will ich eben rausbekommen!"
trommelte aufgeregt mit ber Rechten auf der
Saa’®6 geht irgend etwas vor. Und bann ist ja . . . bchangh^ maI: wer weiß um Ihr Kommen nach
„Meines Wissens niemanb. Ich reife mit befonberen Aufträgen, meine Ankunft ist nicht vorgemelbet. Es müßte benn sein, daß mein Hamburger Haus plötzlich ohne mein Wissen anders disponiert hat. Gemeldet bin ich nur Mr. Liü-Fu-Tang in Wentfchou und feinem Verwandten, Mr. Rung-Kü-San in Tschonjing, — aber der ist nun tot. Ich erfuhr bas vorhin zufällig burch Mr. Broth. Rung-Kü-San ist getötet worben."
„Den Namen habe ich auch schon gehört. Und diesen Chinesen hat man ermordet? — Wer? — Das ist nicht bekannt?"
„Wie Mr. Broth sagt: nein."
„Und nur diesen beiden vornehmen Chinesen in Tschongjing und Wentschou wußten um Ihr Kommen?" „3a."
„War ihnen auch mitgeteilt worden, mit welchem Schiff Sie fahren?"
„Allerdings." >
„Dann ist es immerhin erklärlich, wie man in Schanghai zu Ihrer Adresse kam. — Aber was soll die- fer rätselhafte Spruch?"
„Es ist bestimmt eine irrtümliche Nachricht, — oder die Botschaft gilt mir nicht."
„Gilt Ihnen nicht! — Jawohl, daran werden wir festhalten müssen: so wie damals die andern Funksprüche, die an Mr. Wright kamen, diesem auch nicht galten."
Brahusen griff sich plötzlich an die Stirn:
„Tschongjing, — sagten Sie! — Wie war denn das? — Mr. Wright sagte doch auch etwas von Tschongjing!"
Er starrte Bollander in jähem Mutmaßen an.
„Wright schwor damals, es wisse keine Seele in China um fein Kommen, außer den Beamten der Londoner Iuwelenhändlerfirma Ribber u. Black, die in Tschongjing eine Niederlassung haben. — Was ist das nun? Wright und Sie erhalten Funksprüche, die Ihnen nicht gelten. (Es weiß fein Mensch in Schanghai um Ihre Anwesenheit an Bord des „Kweipautu", — aber beide waren Sie nach Tschonjing gemeldet!"
Jörgen Bollander schüttelte den Kopf.
„Da weiß ich keine Aufklärung. Vielleicht fft es Zufall, daß beide Male Tschonjing —“
„Aber es ist verdächtig! — Wer von meinen Leuten aber weiß, was diese rätselvollen Nachrichten bedeuten? Sollte Kiru-Josai —"
„Ihr Steuermann?"
„Er ist ein durchtriebener Geselle! Wenn der etwas damit zu tun hat, bann habe ich nicht viel Hoffnung, hinter die Geschichte zu kommen."
Der Kapitän stützte den Kopf in die Hand und grübelte vor sich hin:
„Damals, als die Sache mit Wriht passiert war, da unterhielt ich mich auch mit Kiru-Josai über diese rätselvollen Funksprüche. Wissen Sie, was er da sagte? — Es klang spöttisch! — Ich legte gar keinen Wert darauf, ich fuhr ihn noch grob an, er solle solche Albernheiten in Zukunft für sich behalten. — Ob der Mensch das gar nicht spöttisch meinte, ob er gar etwas weiß —"
„Was soll er wissen?"
„Wenn das wäre! — Verdammt: wo wollte das hinaus?"
„Wollen Sie mir nicht erklären?"
„Ja, also hören Sie! Kiru-Josai sagte damals, als ich ihm meine Ratlosigkeit anbeutete: „Die beiben Funksprüche schließen mit einem T. Sollte es gar Tai- Tschung fein, ber sich mit uns einen Spaß macht?"
„Süßer ist Tai-Tschung?"
„Der Satan selbst ist er! Er ist nicht greifbar; niemanb sah ihn, keiner weiß, wo er lebt, keiner hat ihn je gehört. Aber boch ist sein Name hier überall bekannt, unb man spricht ihn nicht gerne lauf aus. Sie wissen: niemanb ist abergläubischer als ber Seemann. Wer feinen Namen in ben Mund nimmt, der soll — es auch mit ihm zu tun bekommen."
„Wie aber?"
„Tai-Tschung soll das Haupt einer großen Bande von Seeräubern sein. — Soll! Ob dieser Mann tatsächlich existiert, weiß niemand; auch nicht, wie er sich etwa sonst noch nennt, wie er lebt. Aber wenn Sie da und dort hinhören, wo von einem rätselvollen Schiffsuntergang gesprochen wird, von einem verschollenen Segler, einem gestrandeten Dampfer, — da taucht der Name Tai-Tschung auf. Wer ihn zuerst nannte, weiß wohl keiner. Der Name ist da, — er ist ein Begriff."
„Und eben diesen Namen nannte damals Ihr Steuermann?"
„Ja! Ich ärgerte mich über feinen blöden Hohn. Aber heute, — nachdem Sie diese sonderbare Nachricht erhielten, — ich bin schauderhaft mißtrauisch geworden!"
„Sie befürchten irgend etwas?"
„Befürchten? — Ach, Unsinn! Ich laste mir doch fein Mätzchen vormachen! Da habe ich denn boch schon zu viel erlebt. — Aber es ist nun mal —"
Brahusen sah nach ber Uhr:
„Halb zwei! Warten Sie hier! Ich will einmal ben Maschinenraum kontrollieren. Sehen, ob alles klappt. Dann hole ich Sie, unb mir gehen an Deck."
Er ließ Jörgen Bollanber allein. Der bachie in- besten noch einmal über bie Erlebnisse ber letzten Stun« ben nach.
— Was wollte man von ihm? — Wer hatte ben Funkspruch an ihn veranlaßt? — Was sollte bas bedeuten? — Zwei Uhr nachts? — Plante jemanb etwas gegen ihn? Er hatte boch aber keine Feinbe. Die paar Menschen, die er hier im fernen Osten kennengelernt hatte, begegneten ihm mit mehr ober weniger fteunb- schaftlichen Gefühlen. Auch in Manila hatte er keinen Wiberstand gefunben. Hofmann, ber bort schlecht gewirtschaftet hatte, war tot, unb fein Nachfolger sah es sehr gern, baß bas Hamburger Haus ihn, Jörgen Bollanber, fürs erste an bie Seite gestellt hatte. —
Der Kapitän trat »Uber ein:
„Es geht alles feinen richtigen Gang. Kommen Sie!"
An Deck war es jetzt still. Die See ging weit ruhiger; ber „Kweipatu" schnitt rasch burch bie anrollen- ben Wogen. Die Sicht war freilich nicht gut. Wenn ber Nebel sich auch gelichtet hatte, so war eine halbwegs weite Fernsicht boch nicht möglich. Es war eine tief finstere Nacht. Ringsum gähnte schwarze Unenb- lichkeit.
Auf ber Kommandobrücke stand Kiru-Josai unb gab eben einige Befehle nach bem Maschinenraum hinunter.