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Beilage zur Auldaer Zeitung
Gespann Im Gewitter.
Don Kurt Erich Meurer.
Fährt ein Bauersmann noch spät und allein fein Ackergespann in die Blitznacht hinein.
Sein Schimmel fügt brav sich in Sielen und Zaum, er trabt wie im Schlaf und umwittert von Traum.
Nur manchmal reißt es ihn ängstend empor, wenn die Lehmbahn gleißt Unterm Wettertor.
Dem Tier um das Fell huscht grell ein Geflirr, im Donner hell erklirrt das Geschirr.
Veltze Lilien leuchten dir. Madonna.
Don K. W. W.
Wenn man jetzt in die Bauerngärten blickt, in denen die weiße Lilie ihre kostbaren alabasternen Becher emporträgt, aus denen ein tropisch schwüler, betörender Duft in den Sommerabend strömt, fragt man sich, wie hat sich diese unnahbare, exotische Schönheit in diese einfache Umgebung verirrt? Sie, die, ein vollendetes Ebenmaß der Form mit dem reinsten Weiß vereinigend, bestimmt war, in Malerei und Dichtung zum Symbol der himmlischen Königin erhoben zu werden.
Aber vereinigt sie nicht mit ihrer stolzen äußeren Schönheit zugleich eine edle rührende Bescheidenheit des Ausdruckes und der Farbe, die sie auch hier hn einfachen Dorsgarten inmitten ihrer einfacheren Siu- menschwestern bestehen läßt?
Sie steht seit Generationen hier. Man hat darüber gestritten, woher sie zu uns gekommen ist. Heute weiß man, daß das Mittelmeergebiet ihre Heimat ist.
Früh, wie kaum eine andere Blume, ist sie in die Kunst eingegangen. Sowohl in der alltäglichen als auch assyrischen tritt dar Lilienornament auf Säulen der Paläste und Tempel, auf Grabreliefs und Thronses- seln auf. Bon da ging sie in die israelitische und griechische Über.
Daß Lilien in Palästina will» wuchsen, beweisen das Gleichnis Jssu und das Hohe Lied: wobei allerdings nicht die weiße, sondern, da das Hohe Lied den Mund der Geliebten mit ihr vergleicht, wahrscheinlich die rote Feuerlilie gemeint sein mag. In Griechenland war sie der Götterkönigin Hera geweiht.
In der christlichen Kunst wurde sie vor allem zum Attribut der Jungfrau Maria. So finden wir auf fast allen Bildern der Verkündigung die Lilie in der Hand des Engels Gabriel. Besonders zwei Maler: Fra Filippo Lippi und Boticelli nehmen sie in immer neuen Formen und Haltungen in ihre Madonnenbilder auf.
Die religiös« Mystik des Mittelalters, in der die Symbolik einen sehr breiten Raum einnahm, und die dabei auch die Pflanzenwelt in ihre Theologie einbezog, hat mancherlei Symbole mit der Lilie verknüpft. So hören wir in dem Gespräch Durtals mit dem Kaplan Plonib in dem Such „Die Kathedrale" von I. K. Huysmans, daß nach Petrus Cantor die Lilie die Tochter Joachims wegen ihrer Weiße, ihres lebenden Duftes, ihrer heilenden Kräfte fei; der heilige Eucherius vergleiche sie mit der Reinheit der Engel, und bei Rhabanus Maurus bedeute sie die himmlische Seligkeit, den Glanz der Heiligkeit, die Sollkommenheit.
In der Dichtkunst sind es besonders die Zeiten des Volkslieds und der Romantik, die die Lilie besungen haben. Sie wird zum Symbol der Geliebten. Die Farbe ihres todbleichen Antlitzes, der duftgesättigte, betäubende Atem ihrer Blumenseele und das Unbewegliche, Geisterhafte ihrer starren Haltung haben sie wohl in jene naiv- sentimentale Weise von Liebe und Tod verwoben, die die Jugend nicht müde wird zu singen:
Drei Lilien, drei Lilien,
Die pflanzt ich auf mein Grab;
Da kam ein stolzer Reiter
Und brach sie ab.
Geschichte Ralkhas, der Aerzlin von Slwa.
Sitten, Weisheit und Geselligkeit der wüste.
Don Anton
Dreihundert Kilometer von der nordafrikanischen Küste, tausend vom Niltal, bricht die Ebene der Wüste plötzlich ob, eine große Senkung liegt mitten im ödesten Sandmeer und darinnen drei große Salzseen, Pal- menhaine und Süßwasserquellen, die im dichten Grün klares Wasser für zwei bienenstockartig angelegte Wüstenstädte liefern, die SebuinenfieMungen Sima und Agourrni.
In Siwa lebt Raitha, die sechzehnjährige Tochter Sen Abd Arramans, des allbekannten Arztes. Jrn ganzen weiten Umkreis der Oase heilt er die Wunden der ewig kämpfenden Nomaden, seine Kunst ist groß, Allah läßt fast alle seine Patienten wieder gesund werden. Raitha hilft dem Alten, auch sie weiß genau, wie Kugelwunden zu behandeln sind, wie Stiche scharfer Dolche heilen, wie erkrankte Haut und unbrauchbar gewordene Mägen zu pflegen sind. Arraman und Raitha gehören keinem Wüstenstamme an. Trotzdem wird niemand sie berauben. Denn beide wissen zu schweigen, nie werden sie Feindschaft von Lager zu Lager tragen.
Raitha trägt um den Hals einen silbernen Ring und das silberne Zeichen ihrer Jungfräulichkeit daran. Sie könnte schon Mutter zweier Kinder fein wie alle anderen ihres Alter, Raitha aber hat noch nicht gewählt. Zwei Söhne mächtiger Scheichs wollen sie heiraten. Die Tochter des Arztes um 7 Taler, um 40 Mark, an irgend einen Mann zu verkaufen, das kommt gar nicht in Frage . . .
Ich bin bei Abd Arraman zu Gast geladen, er hat ein Zelt ans Ufer einer der kreisrunden, 15 bis 20 Me
lk. Zifchka.
ter tiefen Quellen stellen lasten, aus deren bläulichem Wasser phantastische Wasserpflanzen emporwachsen, und bereitet den Tee. Sehr heiß ist der, sehr süß, das halbe Glas voll Zucker. Der Arzt aus Siwa trinkt, bevor er mir den kleinen Becher reicht: Zarteste Höflichkeit, denn nur bei ganz wichtigen Persönlichkeiten ist das Sitte, nur bei ganz Mächtigen, denen man beweisen will, daß der Trank nicht vergiftet ist.
In einem Haus ganz in der Nähe hält Raitha Tee- geselstchaft. Lautes Girren bringt herüber, viele Araberinnen sind uneingeladen dazugekommen. Zwei gehen dicht vermummt am Zelt vorüber. Ihre Kleider starren von Schmutz: nicht ous Armut. Cs sind zwei reiche Frauen, Witwen aber, die vier Monate und zehn Tage sich nicht waschen, nicht ihre Kleider wechseln dürfen — zum Zeichen der Trauer. Der Koran schreibt tägliche Waschungen vor, die Schaambas aber haben nur dreimal im Leben: nach ber Geburt, am siebenten Le- bensiag und am Vorabend der Hochzeit. Aber auch dabei sind Ellenbogen und Kniescheiben mit Tüchern vor dem Wasser geschützt. Die zu waschen würde den Verlust des Erbteils, Verlust alter irdischen Güter herbei- führen . . .
In dieser so unromantischen Zeit wäre um ein Haar ein Krieg wegen eines kleinen schwarzhaarigen Arabermädchens ausgebrochen, wäre Raitha um ein Haar Anlaß eines Kampfes zwischen Siwa u. Agourmi geworden.
Es begann damit, daß Raithas Kamelstute beide Vorderbeine brach, daß sie auf dem Schimmel eines Feindes ins Dorf eines Kranken kam, daß gerade aus
Das Rätsel des Tushinlang.
Roman von Kurt Martin.
1.
Der „Kweipautu" hatte seit 24 Stunden mit schwerer See zu kämpfen. Er kam von Manila und hielt auf Schanghai zu. Es war kein großer Dampfer; aber er arbeitete sich tapfer vorwärts.
Kapitän Brahusen stand auf der Kommandobrücke und ließ die Blicke prüfend in die Ferne gleiten. Der Nebel verdichtete sich. Es war ein Wetter, wie Jochem Brahusen es nicht liebte, vor allem nicht hier in den chinesischen Gewässern, wo man ohnedies manche lieber- raschung erleben konnte.
Auf dem Vorderdeck hockten eine Menge Chinesen beisammen und unterhielten sich in einem schauderhaften Durcheinander von Rede und Gegenrede. Die chinesischen Matrosen liefen flink über die Planken, die Befehle ihres Kapitäns in Hast erfüllend. Dazwischen erscholl die scharfe Stimme Kiru-Josais, des ersten Steuermanns, eines Japaners, der eben an Deck auftauchte, um den Kapitän abzulösen.
Neben Jochem Brahusen stand Jörgen Bollander. Die wenigen andern europäischen Passagiere saßen im Salon und schlugen die Zeit mit Spielen und Trinken tot. Jörgen Sollander aber fand kein Gefallen an der Art seiner Reisegefährten. Er hielt sich lieber an den Kapitän, mit dem ihn obendrein viele Erinnerungen an die Heimat verbanden. Sie stammten beide aus Hamburg. Bra- husen hatte das Schicksal schon vor langen Jahren nach dem fernen Osten verschlagen; er war jetzt Kapitän des ..Kweipautu", war im großen und ganzen zufrieden mit feiner Stellung, wenn es auch manchmal nicht besonders angenehm war, als einziger Europäer mit dem chinesischen und japanischen Schiffspersonal auskommen Zu müssen. Jörgen Sollander aber war vor einem 2ahre als Vertreter des Hamburger Hauses A. W. Klarst» nach Manila gekommen; er hatte dort ziemlich zerrüttete Verhältnisse in Ordnung bringen müssen und ba-
die Erwartungen seiner Hamburger Chefs restlos be- stiedigt. Man hatte neue Aufgaben für ihn, und deshalb ward er von Manila abgerufen. Er sollte zunächst in
Schanghai verschiedene Geschäfte erledigen und sodann auf dem Jangtsekiang hinauf nach Tschongjing fahren und sich von da nach Wentschou begeben, um dort neue, für fein Hamburger Haus unter Umständen sehr wertvolle Verbindungen anzubahnen.
Kapitän Vrahusen rief Jörgen Sollander mit einem grimmigen Lachen zu:
„Feines Wetter, was? Fehlt nur noch, daß uns der Nebel während der Nacht noch dichter einfchließt!"
Eben rollte eine hohe See heran und warf sich mit ihrer ganzen Sreitfcite gegen den „Kweipautu". Das Schiff neigte sich stark nach Backbord. Klatschend stürzten die Fluten auf das Deck. Die chinesischen Passagiere drängten sich, wild gestikulierend, durch die Kajütentür unter Deck. Der Kapitän fluchte:
„Bande, verdammte! Sollte schon längst vom Deck verschwunden sein! Hört aber nicht!"
Er schrie dem Steuermann zu:
„Kiru-Josai, alle Passagiere unter Deck! Es kommt mir keiner mehr herauf!"
Er stand schon wieder am Maschinentelegraphen und erteilte Befehle.
Die Nacht kam rasch. Die See ward ruhiger, und der Nebel verzog sich ein wenig. Jörgen Sollander forschte:
„Ob's wirklich besser wird? Oder kommt es nun in ein paar Stunden erst recht schlimm?"
„Dem Nebel traue ich nicht. Aber sonst wird'? erträglich werden. Auf alle Fälle werde ich heute nacht das Schiff nicht Kiru-Josais Leitung überlassen. Ich werde wach bleiben. Dieser Nebel kann infam bösartig werden."
„Ist der Japaner nicht so zuverlässig, wie er es als Ihr erster Steuermann fein sollte?"
„Doch! Aber — ja, das ist nur so eine Ahnung. Ich weiß nicht, wo seine Zuverlässigkeit aufhört. — Still, da unten steht er!"
Kiru-Josai rief zu ihnen herauf:
„Kapitän, ich löse Sie jetzt ab. An Deck ist alles in Ordnung."
Sein gelbes Rauboogelgesicht verschwand um eine Ecke. Jörgen Sollander sann ihm nach.
„Seine Augen sind falsch."
Brahusen nickte.
diesem Dorf das Kamel stammte, das Raitha in der Wüste hatte töten müssen. Schlechtes Vorzeichen also.
Es kam dazu, daß der Kranke sehr krank, Raithas Kunst ziemlich aussichtslos schien. Und es kam dazu, daß dieses Dorf nahe von Agourmi gerade einen Raubzug gegen alte Feinde plante.
Man hatte das Raitha nicht erst zu erzählen brauchen. Die Gesänge der jungen Männer, das wilde Da- hinjagen auf ihren Pferden, die Versammlungen um die Feuer mitten in der Nacht, all das redete eine sehr deutliche Sprache. Raithas Gastgeber würden nach Chadar ziehen, Vieh stehlen, Pferde, Kamele . . . alles, was die Feinde befaßen. Chadars Frauen waren ebenso gut gewesen wie diejenigen, welche jetzt um sie herum saßen. Warnen aber war ganz ausgeschlossen . . .
Raitha zog am nächsten Tag weiter. Es traf sich, daß sie auch nach Chadar mußte. Salb sah sie, daß man in Chadar nicht ahnungslos war. Auch hier saß man um flackernde Feuer, schärfte die Waffen, aus geheimsten Verstecken tauchten geschmuggelte Gewehre auf. Und als wirklich die Männer Sullamlis, die Männer des Dorfes, aus dem eben Raitha kam, angriffen, wurden sie erwartet. Hinter Sanddünen versteckt, weit vor ihren Zelten lauerten die Chadars. Viele Tote ließen die Sullamlis und viele Kamele und Waffen ...
Nichts, gar nichts hatten die Angreifer erbeuten können. Als sie aber ganz langsam heim kamen, überholten sie eine einsame Reiterin: Raitha . . . Sie mußte den Plan verraten haben. Es war nicht zu glauben; aber die „Aerztin", zu der man alles erdenkliche Vertrauen hatte, mußte den Angriffsplan verraten haben. Anders konnte man sich die Niederlage nicht erklären. Und so nahmen die Männer Sullamlis das Mädchen mit in ihr Dorf, um sie für das ärgste Verbrechen der Wüste zu bestrafen, für den Verrat.
Die Nachricht von dieser Tat Raithas verbreitete sich rasch. Erbitterte Feinde vergaßen ihren Haß, ritten gemeinsam nach Sullamli, um zuzusehen, wie die Verräterin bestraft würde. Und natürlich kam die Nachricht auch nach Siwa. Raithas Vater glaubte nicht, daß seine Tochter geredet haben könnte.
Raitha also war in Sullamli an einen Pfahl gebunden worden. Man hatte ihr die Kleider vom Leib gerissen und sie von Kopf bis Fuß mit Schmutz beworfen. Nur ihr Leben konnte das Verbrechen sühnen.
Raitha beschwört ihre Unschuld. Niemand glaubt ihr. Trauer, Wut über die Niederlage, Wut über die Täuschung . . . Sullamli tobt. Da kommt die Nachricht, daß dreihundert Reiter das Dorf einzukreisen beginnen . . . Dreihundert! Und in Sullamli gibt es sechzig Männer. Die dreihundert werden von einem Manne geführt, der Raitha liebt. Und auch der zweite Verehrer kommt mit all seinen Freunden und Verwandten. Sullamlis Männer aber werden sich eher töten lassen, als daß sie dem feindlichen Heer draußen die Verräterin ausliefern.
Schon knallen Schüsse in die Lust. Die S«freier feuern, um zu zeigen, wie mächtig sie sind. Es kann sich nur noch um Minuten handeln, in wenigen Augenblicken muß das Dorf der Sullamlis vernichtet fein. Aber dann sollen sie auch Raitha nicht finden. Der Scheich hebt einen Dolch . . .
In diesem Augenblick meldet sich der wirkliche Verräter, ein Krüppel, ein Verunstalteter, einer, der nie an den Zügen der Sullamlis teilnehmen durste, der nur durch diesen Verrat geglaubt hatte, ein Mädchen der Chadars zu gewinnen . . .
Verbrüderungsfest daraufhin. Man wäscht Raitha die Füße, mit ihren Bärten trocknen die Alten sie ab, die Belagerer feiern mit den Männern von Sullamli den Sieg der Tugend.
Die Flugzeuge, die der nächste Posten alarmiert hatte, um das Gemetzel zu verhindern, treffen nur festliche, friedliche Menschen. Denn nicht nur Raithas Unschuld am Verrat wird gefeiert, sondern auch ihre Verlobung. Jetzt weiß sie, welchen der beiden Männer sie heiraten wird.
„Nie habe ich an Deine Schuld geglaubt", hatte der eine gesagt. „Drum brachte ich zweihundert Reiter zusammen, um Dich zu befreien."
Traurig war der andere gegangen. „Ich . . . ich war nicht sicher. Ich dachte, daß Du vielleicht doch ein Wort hattest fallen lasten, daß Du vielleicht doch die Chadars
„Weiß ich! Aber ich habe nur noch nicht heraus, was er heimlich treibt."
„Heimlich?"
„Lassen Sie jetzt! Wir reden später einmal in meiner Kajüte davon."
Eben als Jörgen Bollander die schmale Treppe hinabsteigen wollte, sprang ihm einer der Matrosen entgegen. Er hielt ihm ein Papier hin:
„Funkspruch für Mr. Bollander, an Bord des „Kweipautu"."
Jörgen Sollander staunte.
„An mich? — Von wem sollte das denn sein? Hat mein Hambuger Haus mir derart Wichtiges zu melden?"
Seine Augen glitten über die wenigen Worte.
„Was soll denn das? — Das ist doch ganz sinnloses Zeug! — Für mich soll das fein?"
Er wartete, bis der Kapitän mit Kiru-Josai alles Notige besprochen hatte und zu ihm herunter auf Deck kam.
„Da, lesen Sie mal! Was soll das bedeuten? — Ich weiß mit dieser Nachricht nichts anzufangen."
Brahusen griff nach dem Blatt.
„ftm! _ Wie ist das?: — Da hat der Stimmet am Apparat wieder geschlafen. — Gehen Sie einstweilen in meine Kajüte! Ich will gleich mal sehen, was da los ist."
Er lief schon davon. Als er jedoch nach zehn Minuten in seiner Kajüte erschien, in der Jorgen Sollander auf dem schmalen Ledersosa saß, gab er ihm achselzuckend das Papier zurück:
„Alles richtig! Der Text lautet so und nicht anders."
Ueberrascht griff Jorgen Bollander nochmals nach dem Blatt:
„Das soll richtig fein? — Dann ist es nicht für mich. Was soll ich denn mit dem Text anfangen? Wer hat mir aus Schanghai diesen Funkspruch geschickt?"
„Sie können sich also die Sache nicht erklären?"
„Nein, ganz und gar nicht."
„Sonderbar! — Diese Nachricht läßt eigentlich auf eine geheime Abmachung oder so was Aehnliches schließen. — Wie steht doch da?"
„Kommende Nacht zwei Uhr. S.W. 60. T."
„Verdammt! Sie müssen doch wissen, was man da von Ihnen will!"
gewarnt hättest. Ich habe trotzdem Dich befreien wollen und all meine Freunde dazu verlockt, Dich den Sullamlis zu entreißen."
Unschuld befreien, das war die Tat des Helden. Die Schuldige befreien, das konnte nur einer tun, der wahrhaft liebte. Und so kam Raitha als Frau eines sehr glücklichen Mannes nach Siwa zurück.
Der Professor.
Von Werner Oellers.
Im Schnellzug saß die Familie des Journalisten Eduard Becker zum Zwecke der Hochzeitsreise. Diese Familie war an diesem Morgen gegründet worden. In Köln war sie in den Zug gestiegen, nun hielt man in Koblenz. Die junge Frau war noch ein wenig blaß, wie das so Üblich ist, er sehr aufgeräumt, wie das so üblich ist. Kurze ehe der Zug den Bahnhöf verließ, kam ein alter Mann in das Abteil. Eine Fülle Haares, wie sie vor Zeiten einmal die nunmehrige Platte geziert haben mochte, prangte um Mund und Kinn und fiel schlohweiß auf die Brust herab. Auf der Nase wackelte ein altmodischer, aolbgeränberter Kneifer, und in der Hand hielt er eine Mappe. Er grüßte und setzte sich in ein« Ecke.
Der Mann kam Eduard Becker bekannt vor, unheimlich bekannt sogar. Becker musterte ausmerksam das Profil des Alten, der zum Fenster hinausguckte. Aber er fand den Kontakt nicht. Je mehr er sich anstrengte, je verzweifelter er sich mühte, desto leerer wurde es in feinem Kopf. Da nahm der Fremde ein Buch aus der Mappe, legte es sich auf den Schoß, zog ein Taschentuch hervor, schneuzte sich umständlich, ausführlich und mit großem Lärm, schob die durch die Bewegung unter den Aermeln hervorgerutschten Manschetten zurück, hustete ein kurzes, unnötiges Husten und schlug nach diesen Vorbereitungen das Buch auf, dem er sich nun offenbar, von keinen voraussehbaren Unterbrechungen bedroht, ungestört hoffte hingeben zu können.
Mitten in diesen Operationen war wie von einem Blitzstrahl das Dunkel in Beckers Hirn erleuchtet, war der Kontakt mit der Vergangenheit jäh wiederhergestellt worden. Auf seinem Gesicht lag mit einem Male ein jungenhaft versonnenes Lächeln. Der Blick verlor sich mechanisch, ohne zu sehen, an dem Alten vorbei ins Unendliche, das ihm Nahes und Fernes vertauschte. Vor seine Seele traten alte, wohlvertraute Bilder, die jahrelang unbesehen und überwuchert von den Forderungen des Tages im Abstellraum seines Gehirns verstaubt gelegen hatten und nun mit ihren echten, unvergänglichen Farben vor sein Bewußtsein gestellt wurden. Ein Schulsaal mit achtzehn jungen Leuten, eine Tafel, ein Katheder, ein Professor mit Röllchen und goldgerändertem Kneifer. Der Professor saß hinter dem Katheder und sagte: „Wer eine Uebevsetzung benutzt, versündigt sich an sich selbst!" Er sagte: „Sie müßten mehr Lebens» ernst haben, meine Herren!" Er ging, die Hände auf dem Rücken, mit leichtwippender Oberkörperbewegung und unnötigem, nervösen Husten durch den Mittelgang, blieb vor Becker stehen und sagte bekümmert: „Was soll aus Ihnen noch werden, Becker? Nicht einmal konjugieren können Sie!" Er sagte vor Ostern: „Fünf Mann bleiben auf der Strecke liegen, ohne Gnade und Wurmkraut. Allen voran der Becker!" Er sagte nach Ostern: „Na, Becker, ich habe noch einmal ein Auge zugedrückt!" Er sagte nach dem Abitur: „Na, Becker, das Abitur haben Sie, aber viel wird aus Ihnen nicht werden. Sie können noch immer nicht konjugieren!" Kurz daraus war der Professor nach dem Süden versetzt worden.
Tausend Gesichter standen vor Eduard. Ganz glücklich und versonnen lächelte er. Und wie er wieder zu sich kam, zwinkerte er seiner jungen Frau listig und schalkhaft mit dem Auge zu und flüsterte ihr etwas ins Ohr.
Dann sagte er laut, mit der würdigen, professoralen Stimme des Originals: „Meine Herren, wer eine lieber- setzung benutzt, versündigt sich an sich selbst!" Der Alte in der Ecke guckte auf, mit ganz großen Augen. Unbeirrt fuhr Becker fort: „Sie müßten mehr Sebensernft haben, meine Herren, besonders Sie, Becker!" Er sah seine Frau abgründig besorgt an, zwickte sie am Ohrläppchen und sagte bekümmert: „Was soll aus Ihnen
„Das weiß ich eben nicht."
„Da steht ja aber ganz deutlich Ihr Name!"
„Ich weiß nicht, wer mir aus Schanghai etwas zu melden hätte."
„Was soll das bedeuten: Kommende Nacht zwei Uhr?"
„Ich verstehe das nicht. Ich wüßte nicht, was ich um zwei Uhr dieser Nacht erleben soll, ober was da vor sich gehen soll."
Der Kapitän holte eine Kognakslasche aus dem Schrank und füllte zwei Becher bis zur Hälfte:
„Da! — Zum Wohl!"
Er ließ sich schwer in den Sessel fallen. Seine Augen starrten minutenlang auf das Glas vor sich auf dem Tisch.
Jörgen Bollander brach das Schweigen:
„Was denken Sie?"
Wütend schlug Brahusen auf den Tisch, daß die beiden Becher bedenkliche Sprünge vollsührten.
„Hunde, ver . . .! Ich sagte es Ihnen ja schon mal andeutungsweise: es geht etwas um mich herum vor! Aber ich komme nicht dahinter! — Sprechen Sie, auf Ehre und Gewissen: dieser Funkspruch ist Ihnen also ein Rätsel?"
„Ein vollkommenes Rätsel."
„So, — na, bann mirb’s nett!"
Er sprang auf, stürmte zur Tür, lies in den Gang hinaus unb schlug bte Tür hart hinter sich zu. Jorgen Bollanber aber sah ihm kopfschüttelnd nach. — Was benn