NILS
Ar. 151
Beilage zur Fuldaer Zeitung
3. Iuli.
Siebter Sonntag nach Pfingsten.
Eingangslied: pf. 46, 2.
Ihr Völker alle, klatscht in die Hände, singt Gott Jubellieder mit fröhlichem Schall. (Ps. ebb. 3.) Der Herr ist hocherhaben, furchtgebietend, ein großer König, herrschend über alle Welt.
Epistel: Rom. 6, 19—23.
Brüder! Ich rede nach Menschenweise um der Schwachheit eures Fleisches willen. Wie ihr einst eure Glieder in den Dienst der Unreinigkeit und Zuchtlosigkeit gestellt und zuchtlos gelebt habt, so stellet jetzt eure Glieder in den Dienst der Gerechtigkeit und lebet heilig. Als ihr Knechte der Sünde wäret, wäret ihr aller Gerechtigkeit bar. Aber welche Frucht hattet ihr damals von den Dingen, deren ihr jetzt euch schämt? Das Ende von all dem ist ja der Tod. Nun aber, da ihr, befreit von der Sünde, Knechte Gottes geworden sei, habt ihr als Frucht Heiligkeit und am Ende das ewige Leben. Denn der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist ewiges Leben in Christus Jesus, un- ferm Herrn.
Evangelium: Matth. 7, 15—21.
An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.
„Falsche Propheten-.
Betrachtung zum Sonntagsevangelium.
Es liegt sehr nahe, bei diesem Heilandswort an die heutige Zeit zu denken, in der sich so Viele als Propheten gebärden und Anspruch darauf machen, für solche gehalten zu werden. Vor allem in der Politik, die sa für weite Kreise mehr und mehr zu einer Art Religionsersatz zu werden scheint. Wir wollen uns heute nicht weiter mit diesen Dingen befassen. Das Heilandswort: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen" gibt uns den Maßstab zur Beurteilung, wenn wir Augen haben zum Sehen und Ohren zum Hören.
Wichtiger für uns ist die Besinnung darauf, daß wir alle auch Propheten in einer Hinsicht find. Freilich nicht im Sinne jener Männer des alten Bundes, welche als besondere Beauftragte Gottes walteten, Wunder wirkten und Zeugnis gaben von ihm, mitten in einer gottabgewandtcn Welt. Auch wir find Künder Gottes und geben Zeugnis
von ihm, weniger durch unser Wort, als vielmchr durch unser Wesen und unsere Taten.
Es ist so leicht, bei dem Worte von den falschen Propheten auf diese und jene Männer der Oeffentlichkeit hinzuweisen und zu sagen: „Seht, das sind die falschen Propheten", und sich dann zu beruhigen und zu denken: „Gott sei Dank, ich bin keiner" So ähnlich hat der Pharisäer im Evangelium auch gedacht, und der Heiland hat uns klar genug gesagt, was er von einer solchen Denkart hält. Nein, das Wort von den falschen Propheten geht jeden von uns an, und wer es wirklich hört, tut gut, sich ein wenig zu besinnen, ob er nicht vielleicht auch zu ihnen gehört.
Da ist deine Familie. Wenn du dein Amt als Vater recht austaßt, bist du in ihr so etwas Aehnliches wie ein Prophet, bist Gottes Beauftragter und Künder in chr. Bist du es wirklich? Denke an deine Kinder und deine Frau und vergiß nicht, daß man an deinen Früchten dich selber erkennt. Da ist weiter deine Nachbarschaft. Gibt es vielleicht da auch falsche Propheten? Hetzer, Großmäulige, Streitsüchtige? Da gibt es auch Männer der Ordnung, der Ehrlichkeit und der persönlichen Sauberkeit, und du mußt dir schon überlegen, zu welchen du gehörst.
Da ist deine Gemeinde, und auch du spielst in ihr eine Rolle, auch wenn du nicht Bürgermeister oder Gemeindevertreter bist. Denn du wirst sein ein Mensch des Friedens oder der Zwietracht, des Hasses oder der Liebe unter den Menschen deiner Gemeinde, bist damit ein wahrer oder ein falscher Prophet.
Familie, Nachbarschaft, Gemeinde, das alles sind wohl kleine Menschengruppen, aber sie sind die Bausteine der Welt. Auf sie kommt es in allererster Linie an, wie die Well ist, nicht auf die großen Redner und Schreiber. Und auf dich kommt es an und auf den Menschenkreis, in dem du stehst und wirken sollst und darauf, wie du wirkst. Das ist das kleine, das geheime Prophetenamt, zu dem der Herr jeden von uns berufen hat.
Und du darfst es gewiß glauben: Wenn jeder dieser kleinen, geheimen Propheten ein wahrer Prophet wäre, ein wirklicher Künder Gottes — die falschen Propheten in der Politik, in der Oes. fentlichkeit würden samt und sonders tauben Ohren predigen. Daß sie das tun, dazu kannst du auch mithelfen. Du mußt es sogar, wenn du nicht auch einer von den falschen Propheten sein willst.
Der weg des deutschen Katholizismus in den wirren der Zeit.
Von Friedrich M u
In Frankfurt an der Oder sagte der Regierungspräsident bei seiner Begrüßung der märkischen Katholiken auf der Festwiese: „Wir sehen bei diesem Auftreten des Katholizismus in der Oeffentlichkeit, was eine Idee vermag." Dieser Regierungspräsident ist nicht katholisch, wurde aber doch zu einer solchen Aeußerung veranlaßt durch das gewaltige Schauspiel, dessen Zeuge er mar. Sie 10 000 und mehr Diaspora- Katholiken, die da versammelt waren, erweckten den Eindruck geschlossener Kraft. Sie waren voll Begeisterung für ihren Glauben, voll schöner Festfreude, ein Bild der Einheit, ein Vorbild echter Volksgemeinschaft. Der päpstliche Nuntius sagte mit Recht, daß eine solche Veranstaltung einer Ooase gleiche, die freundlich in die Trostlosigkeit der Gegenwart hineinwirke. Nuntius Orsenigo sagte das im Stadion, selber tief ergriffen von der Schönheit einer Riesengemeinde, die sich in der herrlichen Natur um den Altar des Christus Königs versammelt hatte.
Daß es heute im öffentlichen Leben vor allem auf die große leuchtende Idee ankomme, hot man auch in andern Lagern begriffen. Man erlebt ja, wie alles zerstreut und kraftlos wird, was nickt mehr einer inbrünstig geliebten Idee folgt. Alle Versuche, aus rein praktischen Erwägungen heraus eine Mitte zu bilde n, sind bis jetzt fehlgeschlagen, weil diese Mitte keine Fahne hat Wo ober der Radikalis-
ckerm ann S. I.
mus am Werks ist, wo er Millionen und Millionen sammelt, da arbeitet er wenigstens mit dem Schein einer Idee, mit einem Ersatzglauben. In einer mitteldeutschen nationalsozialisti- schon Zeitung war dieser Tage die Todesanzeige zu lesen: „Nach langem schweren Leiden verschied mein lieber Bruder Werner im festen Glauben an unsere A'doff Hitler und fein drittes Reich". Das ist sehr bezeichnend. Man macht sich in den mehr katholischen Landesteilen kein Bild von dem „gläubigen" Enthusiasmus, mit dem diese neueReli- g i o n die Massen der Dauern in Mitteldeutschland und weiter im Osten erfüllt. Uns kann es eine Lehre sein, mit einer wirklichen und greibaren Idee der Sehnsucht des heutigen Manschen entgegenzukommen.
Es sind vor allem zwei Gedankengängc, die heute unfern Weg bestimmen müssen. Der erste kommt einfach aus der Erkenntnis heraus, daß der ganze Kampf gegen das Zentrum nicht zuletzt aus dem bekannten anti- römischen Affekt hervorgegangen ist. Es gab eben Kreise in Deutschland, die einen Einfluß, wie ihn die Ideen des Katholizismus im öf- fentliche-n Leben ausübten, einfach nicht mehr ertragen konnten. Sie wollten ja auch den Papst- frieden nicht, den wir 1917 hätten haben können. Sie entsetzten sich über ein paar neue katholische Dörfer in Mecklenburg, obwohl sie doch wissen, könnten, daß ohne katholische Hilfe große Teile
des deutschen Ostens unweigerlich verloren gehen müssen. Es sieht wahrhaftig so aus, als gönnten diese Kreise den deutschen Boden des Ostens lieber den Polen als den deutschen Katholiken. Hugenbergs Rom- Haß ist bekannt und hat in den letzten Jahren wahre Orgien gefeiert. Selbstverständlich denken nicht alle Protestanten so, wahrscheinlich nicht einmal der größte Teil. Diese fühlen wie wir Katholiken die Notwendigkeit, daß man alle Kräfte, bei denen de r Glaube an Gott und das Bekenntnis zu einer sittlichen Weltordnung noch besteht, zusammenfassen und gegen Gottlosigkrit und Unmoral einsetzen müsse . . . Das hindert aber nicht, daß der antirömische Affekt heute in Deutschland umgeht und uns zwingt, zusammenzustehen, wenn nicht alles wiader verloren gehen soll, was wir für die Konfessionsschule, für die christliche Kultur überhaupt, in den letzten Jahrzehnten erreicht Haben. Daß es unter diesen Verhältnissen, die völlig klar und durchsichtig sind, noch „nationale" Katholiken neben kann, die sich d i e Spaltung des Katholizismus im öffentlichen Leben zum Ziel fetzen, erscheint unbegreiflich. Unbegreiflich ist auch der Ruf dieser „nationalen" Katholiken: man solle sich die Ausgaben für die Katholikentage sparen . . . Nun, der märkische Katholikentag hat diesen Herrschaften die Antwort gegeben, und der Essener Katholikentag wird das noch in einem ganz andern Ausmaß tun.
Der zweite Gedankengang kommt vom Sozia- l e n her. Welch eine hoffnungsvolle Entwicklung ist durch die iiingsten Ereignisse unterbrochen worden! Das Ziel einer neuen Volksgemeinschaft schien schon sehr in die Nähe gerückt. In allen Ständen war die Erkenntnis am Wachsen, daß an die Stellen des Klassenkampfes eine friedliche Ordnung treten müsse. Mit ungewöhnlicher propagandistischer Kraft wurden die großen Ideen der letzten päpstlichen Enzykliken in alle Schichten getragen. Und heute? Die „uniformierte Zwietracht" wird durch den Staat selber unterstützt. Deutschland wird von einem Kabinett der „nationalen Konzentration" in alle möglichen Lager auseinandergesprengt. Die großen Fragen, wie wir zu Brot und Arbeit kommen, treten zurück hinter den Feldwebelsorgen des Kasernenhofdrills. Knöpfe putzen, Griffe üben, Geländeererzie- ren — das hat man auf die Tagesordnung gefetzt. Glauben diese Kommandeure wirklich, daß einer Bergarbeiterfamilie mit solchen miltärischen Spielereien gedient ist? Glaubt man dem Bolschewismus gegenüber sich mit solchen Mätzchen sichern zu können? Gibt es wirklich keine bessere Verwendung für die Unsummen, die diese neuen Uniformen und alles, was drum und dran hängt, kosten? Wir sind nicht gegen gewisse Notwenigkeiten der Landesverteidigung. Aber es ist gerade im Osten doch ein offenes Geheimnis, wer die eigentlichen Träger der nationalen Notwehr sind und wer mit Bürgerkriegsideologien die bcittfehe Einheitsfront der Landesverteidigung sabotiert! Der Katholizismus ist sich darüber klar, daß die Landesverteidigung in einer treu zusammenhallenden Volksgemeinschaft ihre notwendige Voraussetzung hat. Die Volksgemeinschaft ist aber eine Opfergemeinschaft, und es sollen die gehobenen Schichten sich nicht dadurch auszeichnen, daß sie am lautesten kommandieren, sondern dadurch, daß sie ein Darbt! !d der Opfergesinnung sind.
Wir haben es leicht in den kommenden Wahlkämpfen. Die Kernideen des Zentrumsprogrammes sind auch die Sernibeen der
Die Fuldaer Zeitung
'st auch den Fuldaern, die in der Ferne wohnen, als Bote aus der Heima« ein lieber Freund Sie ist
das Fuldaer Heimat-Slall!
letzten Enzykliken. Es kann und muß sich leder Katholik ba^u bekennen. Wie nie zuvor wird die Zentrumsfahne zu einer katholischen Fahne. Wir heben sie auf. Wir tragen sie mutig in den Kampf. Wir dürfen hoffen, daß hinter ihr stehen wird ein einiger Katholizis- m u s.
Das Christentum am Ende?
Die wachsende Bedrohung der abendländischen Christenheit durch den aus dem Osten kommenden Bolschewismus läßt diese Frage mit begründeter Bedeutung aufstehen. Die Dinge liegen heute so, daß zwischen Hakenkreuz und Sowjet st ern das Kreuz in einer bedrängten Stellung steht, deren Situation sich von Tag zu Tag ändert. Ob zugunsten des Kreuzes, das hängt ganz von der Treue, dem Glauben und der Opferbereitschast derer ab, die sich zum Kreuze bekennen.
Unter dieser Gegenwartssituation gewinnt ein Buch geradezu aktuelle Bedeutung, das der Engländer R o - bert Hugh Benson 1907 schrieb und das längere Zeit in der deutschen Ausgabe vergriffen war: „D e r Herr der Welt" (deutsch von H. M. von Lama, 8. Auflage, 26.—35. Tausend, 304 Seiten, Preis in Ganzleinen 4.80 RM., 1932, Verlag Joseph Kösel u. Friedrich Pustet, München). Dieser Zukunftsroman schildert in großen Zügen das Ende des Christentums im Jahre 2000. Vieles ist (man muß das Jahr 1907 im Gedächtnis behalten, in dem das Buch entstand) geradezu prophetisch gesehen, zum Teil heute bereits verwirklicht. Benson sieht nicht nur einen Staatenbund von Europa, wie er den Politikern der Gegenwart vorschwebt, er sieht die Welt geeint unter dem Vorsitz eines Diktators. Dieser Weltherrscher ist ein Mann von den Ausmaßen eines Stalin. Von Rußland könnte sehr gut dieser Felsen- burgh des Romans gekommen sein, um mit seinem Machtwort den Erdkreis zu beherrschen. Was seine Macht vor allem gefahrvoll für das Christentum macht, ist die Tatsache, daß er einen Kult der Humanität einführt, der sich zur Welt„religion" erhebt. Jeder Staatsbürger wird zur Anbetung der neuen Gottheit gezwungen. Alle Christen, die sich weigern, werden auf eine neue, moderne, „humane" Weise schmerzlos hingerichtet. So kommt es, daß unter dem Zwang dieser Verfolgung der Kreis um das Kreuz immer kleiner wird. Nachdem der Papst einen modernen Orden des Gekreuzigten Heilandes stiftet, wird Rom von der Luftflotte der Weltmächte zerstört. Der Papst und alle Kardinäle bis auf drei kommen um. Einer von diesen dreien, ein englischer Priester, wird nun Papst, der zweite Kardinal, stirbt bald darauf in Deutschland den Martertod, der dritte wird Apostat. Der Sitz des Papsttums wird nach Nazareth verlegt. Als Felfenburgh von der weiteren Existenz des Papstes und des Christentums Nachricht erhält, beschließt er die Zerstörung von Nazareth in der gleichen Weise, wie Rom zerstört wurde. Aber als die Luftflotte über der Geburtsstadt des Welterlösers auftaucht, geht die Welt unter; als der letzte Papst die letzte Messe liest, versinkt unter den Klängen des Tantum ergo die Schöpfung und das Christentum geht somit am gleichen Ort unter, aus dem es Jesus Christus in die Welt trug.
Dieser Zukunftsroman ist in außerordentlich fesselnder Weise geschrieben, flott und eindrucksvoll in den Schilderungen, gut gesehen in der Charakteristik der einzelnen Personen, die ihn beleben. Eine etwas größere Vertiefung in psychologischer Hinsicht, vorzüglich was die Gestalt Felsenburghs anlangt wäre zu wünschen gewesen. Die Uebertragung H. M. von Lamas ist sprachlich ausgezeichnet. Was das Buch neben andern Momenten so aktuell macht, ist der Gedanke der Gründung eines modernen Kreuzfahrerheeres zum Kampfe gegen die zersetzenden Einflüsse einer übermodernen Gegenwart. Diese Männer und Frauen, die in diesen Orden eintreten, sollen sich durch nichts von den andern Staatsbürgern unterscheiden: weder ein Habit, noch eine Tonsur, noch eine Regel, noch irgendeine sichtbare Gemeinschaft verleiht ihnen den Charakter einer Ordensgemeinschaft. Nur der Gedanke allein ist das Band, das alle Zusammenhalt, der Gedanke: die Welt für Christus wieder zu gewinnen. Sehnsucht nach dem Martertode verbürgt rückhaltloses Einsetzen der eigenen Persönlichkeit für die Sache Christi. Dieser Orden, den Benson in seinem Roman prophetisch sah, ist eine der vielen Notwendigkeiten, die unsere Gegenwart erheischt. Möge darum das Buch in weitesten Kreisen das Bewußtsein der Lage wecken, aber auch das Verständnis, das die Zeit und die Notlage der Gegenwart für kommende außerordentliche Entschlüsse der kirchlichen Behörden erfordert. F. H. Schwan k-Telfan.
vom Eucharistischen Kongreh in Dublin.
(Don unserem besonderen Berichterstatter.)
Nicht nur Dublin, ganz Irland erlebt jetzt die „Herrgottswoche", wie es seinen Kongreß nennt. Hier handelt es sich nicht um den offiziellen Empfang fermder Gäste (obwohl der päpstliche Legat mit unerhörter Begeisterung begrüßt worden ist und fremde Priester und Prälaten über ihr Willkommen staunen), sondern vielmehr I um den spontanen Ausbruch der Liebe und Freude eines ganzen Volkes. Nicht nur in der Stadt, wo immer man quer über Land fährt, findet man die winzigen, kaum mannshohen Häuschen frischgetüncht und schmuckbeladen. In dem einzigen kleinen Fenster sind die Bilder des Fa- milienaltares und die Kongreßkerze aufgestellt. Es ist eine alte irische Sitte, in der Christnacht eine brennende , Kerze ins Fenster zu stellen und die Haustüre zu öffnen, I um Josef und Maria eine Herbege zu bieten. So machte man es nun auch in der Nacht zum 22. Juni. Nie werde ich die Fahrt in die Mitternachtsmesse des Kongresses vergessen, vorbei an all diesen hunderten still wachender Kerzen und gastlich geöffneter Türen. Das ganze Land atmete Erwartung.
*
Die Messe selbst, der ich in einer der kleineren Dorortskirchen beiwohnte, erfüllte diese Erwartung. „Heute ist Er wieder unter uns", sagte die junge Irländerin an meiner Seite. Die Volksmenge war so groß, daß man, . um den draußenden Stehenden den Eintritt in die Kirche 3u ermöglichen, direkt von der Kommunionbank durch I und Sakristei ins Freie mußte. Und welcher Anblick vor der Kirchentüre! Da die Leute aus Andacht seit Mittag nichts gegessen hatten, waren viele ohnmöch- j iig geworden und lagen nun im Grase hingestreckt. Dem
ungeachtet knieten ringsum überall die Menschen in einer Haltung, die völlige Hingabe an das Gebet ausdrückte. Es war vielleicht der eigenartigste Anblick, den ich je gesehen: mitten in der Großstadt, von schwirrenden Autos umgeben, dieser stille Kirchhof, gegen die lange graue Mauer die hingegossenen schwarzen Gestalten, das Gesicht gegen den Stein gedrückt, rechts in einer Reihe nebeneinander die Ohnmächtigen und über allem der bleiche Mondenschimmer.
Eine Viertelstunde später war, mit dem Umschwung, der das keltische Temperament auszeichnet, alle Mystik vergessen, die jungen Leute zogen lustig in die laue Sommernacht hinaus, die Straßen der Stadt füllten sich mit buntem, fröhlichem Treiben.
Zum Glück wird in diesem Augenblicke wenig über das Lieblingsthema, Politik, gesprochen. Alles wird, mit bewunderungswürdigem Verzicht, dem Kongreß untergeordnet. Kein Mensch würde glauben, daß sich in diesem Lande zwei Heere feindlich gegenüberstehen, daß zurückgetretene Minister, von Privatdetektiven umgeben, herumfahren, daß entscheidende Verhandlungen im Gange sind. Höchstens hört man lächelnd von der schwierigen Lage des englischen Kardinals sprechen, der taktvoll zwischen dem englischen Statthalter, den die Irländer nicht wollen, und de Valero, der den Engländern ein Dorn im Auge ist, seinen Weg steuern mußte.
Es liegt ein wunderbarer Friede in der Lust. Die Millionen aus allen Erdteilen leben wie eine große Familie zusammen. Nie hat sich die Gastfreundschaft und erstaunliche Selbstlosigkeit des Iren besser bewährt. Von allen Seiten strecken sich einem hilfreiche Hände entgegen. Die dichten Menschenmengen sind sanft und folgsam, daß man kaum fassen kann, wie diese Menschen politisch so aufrührerisch sein sollen. Aber es ist eben Herrgottswoche!
Eines dürfte jedem Besucher auffallen: das vollkommene Fehlen der englischen Fahne, selbst bei offiziellen Gelegenheiten. Die englische Univer- lität Trinity College hat ihre eigene Fahne gehißt, die zufällig schwarz ist, was den Irländern Stoff zu manchem Witze bot. Bedenkt man, daß die Gründungsurkunde dieser Universität die Worte trägt: „Eingesetzt, um durch ihre Lehre dieses unglückliche Land vom Wahn des römischen Aberglaubens zu befreien", so scheint es wahrlich für sie Zeit, die schwarze Flagge zu hissen, während das irische Volk zu ihren Füßen in beinahe leichtsinniger Freude frohlockt, weil heute endlich die Hoffnung in Erfüllung geht, die es gegen alle menschliche Wahrscheinlichkeit in den finstersten Jahren seiner Geschichte aufrechterhalten hat. .
Welcher Anblick für dieses Volk, das am Abend des 21. Juni nicht nur die Straßen füllte, sondern von allen Dächern und Gesimsen dem päpstlichen Legaten entgegenjauchzte, als es feine eigenen Vertreter einfahren sah durch das Schicksalstor des Dubliner Schlosses, hinter dem bis vor kurzem die Fremdherrschaft wohnte, als der Gesandte Roms in jenen Räumen thronte, von denen die furchtbaren Verfolgungsedikte ausgegangen waren, als das alte Verließ nicht mehr zum Tode verurteilten Patrioten, sondern eine im Glauben vereinte, friedliche Gesellschaft beherbergte. Welch eigenartigen Hintergrund bliden heute für dieses echte Volksfest die herrlichen, aber finster strengen Gebäude, welche in früheren Zeiten eine fremde Aristokratie dem geknechteten Volke aufdrängte. Die wogende, johlende Masse unter den herb-schönen klassischen Säulen des alten Parlaments bildet ein friedliches Gegenstück zu gewissen Revolutionsszenen in Paris.
Ueberhaupt ist Paris die einzige Stadt, mit der sich ein Vergleich aufdrängt: in beiden jene Mischung von
Heiter und Finster, von Großartigkeit und Vernachläsii- gang, von Vornehmheit und Schmutz; über beiden jener unbeschreibliche zartblaue Dunst, der dem Ganzen Zauber verleiht. Nur ist leider in Dublin die Sonne seltener und der Schmutz häufiger als in Paris.
Unbeschreiblich ist das Elend in den Armenvierteln. Und doch find es gerade diese Stadtteile, welche sich für den Kongreß am buntesten geschmückt haben. Wohl mancher muß sich das Brot am Munde erspart haben, um fein Fähnlein vor die Tür zu hängen. Ich habe manches rosenumkränzte Fenster gesehen, hinter dem sich ein Elend versteckte, vor dem ich zurückschauerte. Groß ist die Seelenkraft, die aus solchen Tiefen den Blick nach oben richten kann!
Dieser Kongreß hat weniger Internationales und mehr Volkscharakter als andere, denn die Mehrzahl der Gäste sind Irländer aus andern Ländern. Gegen diese verschwindet sozusagen das Häuflein der Kontinentaleuropäer. Einzig die Holländer erergen, dank ihrem großen Dampfer, ihren bunten Trachten und strammem Auftreten überall Aufsehen. Ein Dubliner sagte mir, man sehe in den Straßen keine Einheimischen, aber was man in diesen Straßen hört und sieht, ist doch irisch. Von Australien und Neuseeland, von Asien und Afrika und Amerika kommen sie zurück, die Söhne des hl. Patrizius, die feine Glaubensbotfchast hinausgetragen haben bis an das äußerste Ende der Welt. Die Geschichte Irlands ist Religionsge- schichte. Das fühlt wohl jeder, denn immer wieder höre ich die Leute rings um mich sagen: „Dies ist die größte Woche in der Geschichte unseres Landes."
Dr. E. Raybould.