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Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Nr. 150

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen:Die Welt im Bild" undBuchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift- :: leitung 3153, Fuldaer Actiendruckerei 3151 und 3152. ::

Samstag, 2. Juli 1932.

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Mtg. 59.

Sie Führer des Zentrums im _..

Gewaltige Kundgebungen vorbereitet.

Das Zentrum beginnt am kommenden Sonn­tag, dem 3. Juli, den öffentlichen Wahlkampf mit gewaltigen Kundgebungen in allen Teilen des Rei­ches, Hunterttaufende werden schon in den ersten Tagen die Führer der Partei hören. Reichskanz­ler a. D. Brüning eröffnet den Wahlkampf im Rheinland, wo er am kommenden Sonntag i n vier Städten in Kundgebungen Ansprachen hält. Am darauffolgenden Montag und Dienstag spricht er an mehreren Orten des Rheinlandes, vom 10. Juli ab in Nieder- und Oberschlesien, dann in Süddeutschland (Pfalz, Baden, Württemberg, München) und ab 24. Juli in Westfalen

Der stellvertretende Parteivorsitzende Ivos, wird am Sonntag im Rheinland sprechen. In Westfalen eröffnet Reichsminister a. D. Dr Ste- gerwald den Wahlkampf in Oberschlesien Reichs­minister a. D. Dr. Wirth, in Süddeutschland Reichsminister a. D. Dr. Brauns.

Die Führer der Partei werden in den vier Wo­chen des Wahlkampfes neben den Abgeordne­ten der einzelnen Wahlkreise im ganzen Reichs­gebiete zum deutschen Volke sprechen. Weit über die Reihen der Parteianhänaer hinaus werden ihre Worte gehört werden. Der Ruf unserer begeister­ten Anhänger wird laut ertönen: Zurück zu Brü­ning! Zu seiner nationalen, kraftvollen außenpoli­tischen Linie, zu seiner Politik innerer Ordnung und inneren Friedens!

Der Reichshaushaltsplan 1932.

Die Notverordnung des Reichspräsidenten, durch die der Reichshaushalt in Kraft gesetzt wird, ist am Donnerstag unterzeichnet worden.

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In der inneren Politik Deutschlands ist zwei­fellos diese Inkraftsetzung durch Notverordnung das im Augenblick wichtigste Ereignis. Schon der Berichterstatter im Reichsrat, Ministerialdirektor

Dr. Brecht, hat darauf hingewiesen, daß der Etat besonders, was die Einnahmeseite anbetrifft, sehr viele Gefahrenpunkte enthält, so daß unangenehme Ueberraschungen mit ziemlicher Sicherheit erwartet werden müssen. In politischen Kreisen beachtet man stark die erheb­lichen Einsparungen beim Wohnungs- und S i e d lu n g s wes en, die fast 50 Prozent be­tragen. Man befürchtet, daß unter diesen Umstän­den die Siedlung in weit geringerem Ausmaße weiter getrieben wird, als ursprünglich beabsichtigt war.

In diesem Zusammenhang sind Aeußerungen des Direktors Uhlemann von der Landqemeinschast Eigene Scholle" in Frankfurt a. d. Oder von In­teresse. in denen nüchtern festgestellt wird, daß im Augenblick, wenigstens was Brandenburg anbe­langt, kein Land mehr für die Siedlungen frei zu bekommen ist. Der alte Landvorrat dürfte be­reits in zwei Monaten erschöpft sein, obwohl e i n großer Zu ström geeigneter Kräfte für die Siedlung fest zu stellen ist. Sehr energisch wehrt sich Uhlemann gegen die Behauptung, daß durch die bäuerliche Siedlung weniger Menschen untergebracht werden können, als früher der Großgrundbesitz in diesen Gegenden beschäftigte. Die von ihm genannten Beispiele zeigen das Ge­genteil. Die Zahl der Arbeiterfamilien hat sich auf den in Siedlungen aufgeteilten Gütern des Bran­denburger Bezirkes zum Teil mehr als ver­doppelt. Im Gegensatz zu anderen Behauptun­gen vertritt Direktor Uhlemann auch die Meinung, daß dis Landarbeiter ein ausgezeich­netes Siedlermaterial, darsteilen, das in keinem Falle zurückgewiesen werden sollte.

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Der englische Schatzkanzler gab im Unterhause den großen Konvertierungsplan für die englische Kriegs­anleihe bekannt, von der nunmehr zwei Milliarden Pfund (30 Milliarden Mark) ausstehen. Es ist dies die größte Finanztransaktion, die bisher je in der Welt oor- genommen worden ist.

3m Wirbel Menscher Außenpolitik.

Kompensationen und doch keine. Reparationen und doch keine. Die $tati30fen nennen als Restzahlung vorläufig 46 Milliarden Mark. Sonstige ganz bedenkliche Wünsche.

Das Regieren sieht sich von außen doch leich­ter und schöner an, als in der Praxis, das dürfte Herr von Papen und die ihn umgebenden Män­ner sowohl nach der mnen-, besonders aber auch nach der außenpolitischen Seite nun gründlich ge­fühlt haben. Selbst die eigenste wohlbegründetste Kritik schweigt in dem Augenblicke, wo es ans wirkliche Bessermachen geht/

Herr von Papen ist nach Lausanne gefahren tn der Ueberzeugung, daß es ihm gelingen wird, ja gelingen muß, mit einem guten Abschluß für Deutschland heimzukehren, einem Abschluß, der gleichzeitig den Schluß der Reparationen bringen sollte. Er konnte hinsahren mit dem starkenNein" des Reichskanzlers Dr. Brüning und bei diesem Nein" fußen nicht nur auf die fachmännischen Belege dieses seines Vorgängers, sondern auf die wohlbegründete Unterstützung Italiens und Eng­lands und das Sachverständigenurteil der BJZ- und Welt-Finanzsachverständigen. Diese außen­politisch gegenüber dem immerhin isolierten Frank­reich günstige Position hat Herr von Papen, wie immer offensichtlicher wird, nicht in dem Maße ausgenutzt, wie das im Interesse Deutschlands notwendig gewesen wäre. Er hat sich schon vor der Abreise zu dieser Konferenz insofern in eine schiefe Lage begeben, als er positiv in keiner Weise Stellung zu den außenpolitischen Problemen und besonders dem Problem der Reparationsfrage ge­nommen hatte. Dadurch hat er Frankreich von Anfang an in die A n g r i f f s st e ll u n g ge­bracht und sich selbst in die schwierige Lage der Verteidigungsstellung zwingen lassen. Frankreich hat seinerseits die günstige Position ausgenutzt und die deutsche Delegation immer mehr in die Enge getrieben und gezeigt, wie gefährlich es ist, Frankreich den kleinen Finger zu reichen, weil es dann gleich die ganze Hand haben will.

Wir wissen, wie sehr sich Reichskanzler von Papen gegen das vomMatin" veröffentlichte Interview und die Kompensationen gewandt hat, und heute steht man wirklich nicht mehr klar, ob nun dieses amtliche Damenti recht hat, daß keine Kompensationen angeboten worden sind, oder ob die französische Auffassung bezüglich der Kompensationen zutreffend ist. Denn was jetzt vom W. T. B. über den tatsächlichen Sachverhalt amtlich zugegeben wird, läuft auf dasselbe heraus, und genau ist es so in der Frage des endgültigen Schlusses mit Reparationen. Hier geht man ängstlich um den Ausdruck Reparatio- tionen herum, ersetzt ihn durch Schlußzahlung oder Restzahlung, was ja in Wirklichkeit dasselbe

Für das gesamte deutsche Volk und für jede deutsche Regierung stand das Brüning'sche:Un­möglich für weitere Reparationszahlungen" als EMäige Marschroute für Lausanne fest. DiesesUn­möglich" ist nach allem, was man jetzt aus Lau- mnne hört, durch von Papen freigegeben worden.

ihm ist die Möglichkeit weiterer Zahlungen in re Debatte geworfen worden, dazu noch unter eren Voraussetzungen. Und daß die Gegenseite

Umspringt und Herriot der Gegeneinwurf er- llllcht wird, daß Deutschland wohl zahlen

könne, aber nicht zahlen wolle, wenn nicht der Versailler Vertrag zerrissen werde, ist eine diplomatische Ungeschicklichkeit, deren Folgen im Augenblick noch nicht abzusehen sind, und die Deutschland noch viel kosten können. Wir hören nämlich merkwürdigerweise nichts von einer festen Endsumme, von deren Basis aus von Papen bei seinem Vorgehen ausgegangen wäre. Es kommt durch diese deutsche Zusage, und um eine solche handelt es sich für die Gegenseite, wenn auch bis­her nur die Möglichkeit einer Zusage in Aussicht gestellt wurde, eine gewisse unwahr­haftige und zwiespältige Haltung der deutschen Führung in die Verhandlungen, die sicherlich nicht zum Nützen Deutschlands und zu seinem Ansehen ausschlagen wird. Volle politische Gleichberechti­gung. dafür hat auch schon Reichskanzler Brüning gekämpft und hat das deutsche Volk vollauf hinter sich gehabt, und ihre Wiederherstellung ist der Wunsch auch heute noch jedes Deutschen. Aber die heute in Lausanne in diesem schweren diplo­matischen Kampfe unter solchen Voraussetzunaen plötzlich in die Debatte geworfene Wiederherstel­lung dieser Gleichberechtigung war, soweit man das von hier aus nach der spärlichen Unterrichtung der eigenen deutschen Presse in Lausanne beurteilen kann, einer jener diplomatischen Fehler, die das gute Recht Deutschlands vorzeitig preisgibt und die Weltmeinung, die bisher durchaus zu­gunsten Deutschlands und zu Ungunsten Frank­reichs war, in Verwirrung bringen und gegen uns stimmen muß.

Mit unklaren Zielen, wenigstens für die brei­teste deutsche Oeffentlichkeit, ist Herr von Paven nach Lausanne zur Unterhandlung gefahren, das hat die Gegenseite aeschickt erfaßt und ausgenutzt und ihn in einen Wirbel gebracht, aus dem her­auszukommen uns fast noch kaum möglich scheint.

keine Veränderung in Lausanne

Der äußere Verlauf der Dinge am Freitag­mittag ergab nach dem Besuch des Reichskanzlers und des Reichsfinanzministers bei M a c D o n a ld, der eine Aussprache brachte, eine Sitzung des Büros, an der Graf Schwerin von Krosigk kurze Zeit teilnahm. Eine Veränderung in dem Sinne, daß neue Pläne der Gegenseite vorge­legt worden wären, hat sich bisher nicht gezeigt.

Neben der Frage des ziffermäßigen Be­trags, den Deutschland sür den fonds commun bei der B. I. Z. leisten sollte und über dessen Höhe Donnerstag tn den späten Abendstunden von französischer Seite in vager Form Zahlen von 4 b i s 6 Milliarden genannt wurden, gehen die Ansprüche auf die Uebernahme einer Reihe von Derpfl'ichttz'ngen, die der Einfachheit halber uns gegenüber als selbstverständlich" bezeichnet werden- Nach­zahlung der Beträge aus dem Hooverjahr, aus dem Markabkommen mit Belgien usw.

Dazu kommt die H a u p t s ch w i e r i g k e i t in Gestalt der amerikanischen, Even­tualansprüche, falls die Vereinigten Staa­ten auch späterhin, d. h. nach der Präsidenten-

ein entsprechendes Entgegenkommen wegen interalliierten Schulden a b l e h n en sollten, diesen Fall, wenigstens nach den bisherigen Vorschlägen der Gegenseite, scheint das ganze Ab­kommen, das uns vorgeschlagen wird, gewisser­maßen in der Luft hängen zu sollen, ein Vorschlag, der schon deshalb ganz untragbar wäre, weil damit der Zweck der Konferenz, die endgültige Regelung der Reprationsfrage und ihre wirtschaftliche Zielsetzung vereitelt wäre. Ein klarer Gedankengang auf englischer Seite, der einen Ausweg aus dieser Sackgasse schaf­fen könnte, scheint auch jetzt noch nicht vorzuliegen.

CNB. Lausanne, 1. Juli. (Eig. Meld ) Die Vormittagssitzung des Büros, an der die deutschen Vertreter nicht teilnahmen, dauerte bis 1 Uhr und wurde auf heute nachmittag 3 Uhr vertagt. Es verlautet, daß die Vormittagsbesprechungen befriedigend verlaufen sind. Cs sei wahr­scheinlich. daß im Laufe der Nachmittagsoerhand- lungen die deutschen Vertreter wieder um ihre Teilnahme an den Arbeiten gebeten werden.

In der heutigen Vormittagsbesprechung sol­len, wie man hört, die Franzosen versucht haben, die deutschen Zahlungen höher zu treiben und so gewissermaßen eine Art Risiko­prämie für spätere amerikanische Forderungen zu erlangen. Man hätte ferner heute nachmittag den Franzosen den Standpunkt näher zu bringen, daß auf eine Verquickung der Reparationsfrage mit der amerikanischen Schuldenfrage verzich - t e t werden muß.

Herriot in Paris eingetroffen.

wtb. Paris, 1. Juli. (Eig. Meld.) Minister­präsident Herriot ist in Begleitung des Handels- mtnisters heute in Paris eingetroffen. Gleich­zeitig sind auch Kriegsminifter Paul Bon- cour und Marineminister Leygues aus Genf angekommen. Ministerpräsident Herriot erklärte, die französische Delegation ist sehr ruhig. Sie weiß, was sie will und die Franzosen kön­nen genau so ruhig bleiben wie wir. Um 9 Uhr hat ein Kabinettsrat begonnen.

Reichspräsident geht wieder auf sein ostpreußisches Landgut.

cnb. Berlin, 1. Juli. (Eig. Meld.) Reichs­präsident von Hindenburg wird im Laufe der näch­sten Woche nach Neudeck reisen. Wie von zu­ständiger Stelle betont wird, handelt es sich nicht um eine Urlaubsreife des. Reichspräsidenten. Der Reichspräsident wird im Gegenteil .seine Amtsgeschäfte von Neudeck aus unverändert weiter führen und durch stän­dige Kuriere über sämtliche Vorgänge auf dem Laufenden gehalten werden.

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wtb. Berlin, 1. Juli. (Eig. Meld.) Wie ver­lautet, ist für das Reich ein Ueberbrückungskredit tn Höhe von 125 Mill. RM. zustande gekommen.

Amnestie-Vorlage des Staatsrals.

VDZ. Berlin, 1. Juli. (Eig. Meld.) Her Verfassungsausschuß des preußischen Staatsrats beschloß mit allen Stimmen gegen die Kommunisten und bei Stimmenthaltung der Deutschnationalen, Einspruch einzulegen gegen die von einer Mehrheit des Preußischen Landtags beschlossene umfangreiche politi­sche und wirtschaftliche Amnestie. Da aber mehrere Fraktionen des Staatsrates der Auffassung sind, daß eine 21 m n e ft i e an sich angebracht ist, wurde weiter beschlossen, daß der Staatsrat seinerseits in Form eines Initia­tiv g e s e tz e s .einen Amnestievorschlag ansarbei- ten solle, der nicht vom iuristischen Standpunkt aus so bedenklich erscheine, wie die vom Landtag (von Kommunisten und Nationalso­zialisten) verabschiedete Fassung. Der Staatsrat will seine Amnestiefassung dem Landtag in der nächsten Wochen zuleiten, sodaß das Landtagspro­gramm noch int nächsten Sitzungsabschnitt in der kommenden Woche sich mit diesem Initiativentwurf beschäftigen könnte. Mit dem Einspruch des Ver­fassungsausschusses geaen die Amnestie­vorlage des Landtags, den der S t a a t s r a t noch heute bestätigen wird, muß der vom Landtag ver­abschiedete umfangreiche Entwurf als erledigt netten, weil er nicht die erforderliche zwei Drittel Mehrheit findet, die den Einspruch des Staatsrats beseitigen könnte. Man kann aber (so meldet WTB.) damit rechnen, daß der Landtag den ge­mäßigteren Amnestieentwurf annehmen wird, den der Staatsrat ausarbeiten will, weil insbesondere die Nationalsozialisten im Landtag durchblicken ließen, daß sie ihre Forderung nach Amnestie nicht an einigen juristischen Bedenken scheit?rn las­sen wollen.

Anscheinend ist den Nationalsozialisten über ihren ersten Amnestie-Vorschlag inzwischen selbst etwas Angst aufgestiegen bezw. haben befreun­dete Juristen ihnen einiges Aufschlußreiches zu der Frage gesagt.

kleine politische Nachrichten.

DieNationalsozialistische Parteikorrespondenz" for­dert, daß Ausnahmebestimmungen gegen Anhänger der NSDAP, insbesondere das Verbot für Beamte, sich zum Nationalsozialismus zu bekennen, unverzüg'ich durch das Reich mit Wixkyng für die Lander aufgehoben werden. Natürlich wird durch, dieses Verlangen aufs neue der föderalistische Charakter des Reiches berührt.

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wtb. Köln, 1. Juli. (Eig. Meld.) Im Verlauf einer politischen Auseinandersetzung ist heute morgen ein ver­heirateter Mann am Türmchenswall von einem Mo­torradfahrer durch einen Schuß so schwer ver­letzt worden, daß er auf dem Transport nach dem Krankenhaus starb. Nach der Tat sprang der Täter aus sein Mowrrard und fuhr in schneller Fahrt davon.

Agrarpolitik der neuen Reichsregierung.

Was in agrarpolitischer Beziehung von der Reichsregierung zu leisten ist, muß aufbauen auf dem, was die Regierung Brüning eingeleitet und durchgeführt hat. Agrarpolitische Fortset­zungsarbeit ist das Gebot der Stunde."

Aus demWestfälischen Bauer", Organ des Westfälischen Bauernvereins, Nr. 25/1932, S. 388.

In bestimmten Kreisen der deutschen Landwirt­schaft, die den Sturz Brünings mitbetrieben ha­ben, hörte man während der Regierungszeit Brü­nings, daß Brüning für die deutsche Landwirt­schaft keine entscheidende Wendung bringen könne, weil er imschwarz-roten System" haste. Dieses System" ist nun beseitigt, und mir, die wir Freunde eines größtmöglichen Schutzes der deut­schen Landwirtschaft sind, warten mit Ungeduld auf die angekündigteWende". Wir freuen uns darüber, daß ebenso wie die Regierung Brüning auch die neue Reichsregierung sich zu einerstar­ken, zielbewuß'en Agrarpolitik" bekennt. Wir wer­den die neue Reichsregierung bei diesem Bemühen unterstützen. Wir stellen aber fest, daß die neue Reichsregierung bisher nur tn derHolzzoll- frage Maßnahmen getrosten hat, die übrigens von der Regierung Brüning noch beschlossen waren.

Jeder Kenner der Agrarpolitik weiß, daß die Regierung Brüning alle Maßnahmen zum Schutze der deutschen Landwirtschaft getroffen hat, die unter Berücksichtigung der handelspolitischen Maßnahmen möglich waren: er w- auch, daß diese agrarpo'itischen Maßnahmen nicht abgeschlos­sen waren. Jeder Kenner der betrüblichen Lage der deutschen Landwirtschaft versteht auch, daß sie mit ihrer Lage unzufrieden ist und deshalb immer wieder Erleichterung und Besserung fordert. So­lange das Zentrum verantwortlich für die Reichs­politik war, hat es diese Notrufe wohl gehört und beachtet. Dabei mußte es allerdings auch immer wie­der darauf Hinweisen, daß die Not der Landwirt- fchast, mindestens in ihrem Ausmaß und in ihrer Dauer, eine Folge der ungeheuerlichen Weltwirt­schaftskrise ist, und daß ferner dke Preise für land­wirtschaftliche Produkte im Innern entscheidend von der Kaufkraft der breiten Maste abhängig sind.

Unter dielen Zwangsläufigkeiten wird auch die Politik der neuen Reichsregierung stehen. Mit ihr werden dann auch die Kreise der deut­schen Landwirtschaft die unüberwindlichen Schwie­rigkeiten einer sofortigen Besserung erkennen, die von der Aenderung desSystems" eine solche er­hofft haben. Der deutsche Bauer gibt sich ja nicht mit schönen Programmreden zufrieden, sondern ur­teilt nach Tatsachen. Diese Erkenntnis wird

für viele Landwirte hart sein.. Wir werden dabei die Genugtuung erleben, daß nachträglich eine ge­rechte Beurteilung der Agrarpolitik der Regierung Brüning sich ergibt. Es wird sich zeigen, daß die Agrarpolitik der neuen Reichsregierung, w i e derW estfä- lische Bauer" schreibt, aufbauen muß a ufdem, was die Regierung Brüning eing eleitet und durchgeführt hat"

Wir hosten, daß die kommenden Auseinander­setzungen über die Fortführung der Agrarpolitik nur von sachlichen Gesichtspunkten getragen werden, damit die deutsche Landwirtschaft nicht Schaden leidet. Wir werden aber nicht zulasten, daß die Arbeit Brünings verkleinert und verlä­stert wird. Die Zentrumspartei hat für die deutsche Landwirtschaft ihre Pflicht getan. Wenn man darüber streiten will, ob die Zollgesetzgebung des Jahres 1925 und die sich daran anschließende Handelsvertragspolitik richtig waren, so müssen wir darauf Hinweisen, daß für diese Politik die Rechtsparteien dieselbe Verantwortung tragen wie das Zentrum, weil sie verantwortlich in der Regierung waren (1925, 1927 bis 1928).

Wenn anderseits manche Maßnahmen nicht so rechtzeitig oder umfassend getrosten werden konn­ten, wie das die Zentrumspartei für nötig hielt und wollte, so laa das gerade an der rein n e g a- tiven und unfruchtbaren Opp^fition der Rechtsparteien. In diesem Sinne hat auch der Reichspräsident von Hindenburg in einem Schreiben an den Vorsitzenden des Reichs­landbundes. den Grafen Kalckreuth, vom 29. Mai 1932 festgestellt, daßbei einer weniger negativen Haltung der Rechtsparteien (worunter Hindenburg ausdrücklich die Deutschnationalen und die Natio- nalfozialisten versteht. D. R.l in den vergangenen Jahren manches in der Landwirtschaft sich besser ge­staltet hätte, als es heute ist".

Wir werden im kommenden Wahlkampf auf die Leistungen Brünings in der Agrarpolitik mit feststehenden Tatsachen Hinweisen und werden bald Fragen stellen, warum es der neuen Reichsregie­rung entgegen der Erwartung ihrer parteipoliti- fchen Anhänger nicht gelungen ist, Preise zu bes­sern, Steuern und Soziallasten zu senken, die Ein­fuhr einzuschränken, Handelsoertragsbestimmungen zu beseitigen, und wie sonst noch die leichtfertigen Versprechungen lauten, die die sogenannte natio­nale Opposition ihren Anhängern unentwegt ge­macht hat.