Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
Nr. 149
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Freitag, 1. Juli 1932.
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lahrg. 59.
z Dekllms in Agilalionsanlrügen.
Der Wahlkampf für die am 31. Juli stattfindenden Reichstagswahlen hat im vollen Umfange eingesetzt. Ein deutliches Beispiel hierfür geben die Landtagsverhandlungen in Preußen. Hier findet ein direkter Wahlwettlauf zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten statt, die sich gegenseitig zu übertrumpfen suchen durch Anträge, von denen sie zwar selbst überzeugt sind, daß ihre Annahme und Durchführung im Interesse der Gesamtheit des Volkes, aber besonders im Interesse der Finanzen unmöglich ist. Das macht aber diesen Parteien durchaus nichts, wenn sie nur erreichen, dem Volk möglichst viel Sand durch große Versprechungen in die Augen zu streuen.
Ein typisches Beispiel für die Methoden, die hier beliebt sind, ist der nationalsoziali- stische Antrag vom 24. Juni über ein umfassendes Steuerprogramm. Die Kommunisten hatten einen Antrag eingebracht, alle Einkommen über 12 000 Reichsmark restlos wegzu- stenern und sie zur höheren Unterstützung aller Unterstützungsempfänger und zur Arbeitsbeschaffung zu verwenden usw. usw. Als dieser Antrag am 24. Juni im Preußischen Landtag behandelt und darüber abgestimmt werden sollte, beantragten die Nationalsozialisten plötzlich Verweisung an den Hauptausschuß. Das mußte umso mcijr überraschen, als ja auch die Nationalsozialisten dafür eintreten, daß niemand im Deutschen Reiche mehr als 12 000 Mark Einkommen hoben darf. Man munkelte, daß ihre Geldgeber höchst ungehalten über diesen kommunistischen Antrag waren und deshalb die Nationalsozialisten gegen diesen Antrag sein mußten.
Es zeigte sich aber, daß die Nationalsozialisten inzwischen schon einen eigenen Antrag ausgearbeitet hatten, der noch viel weiter ging. Sie wollten also lediglich nicht den kommunistischen Antrag unterstützen, weil sie befürchteten, daß er ihnen Wahl wind aus den Segeln nehmen würde. Daß ihre Vorschläge, mit denen sie die kommunistische Partei übertrumpfen wollen, völlig indiskutabel sind, und daß dieses Steuerprogramm, mit dem sie „die Grundlage für die Aufbauarbeit der kommenden nationalsozialistischen Dolksregierung sicherstellen" zu wollen behaupten, eine volkswirtschaftliche und staatswirtschaft- liche Unmöglichkeit darstellt, ist ihnen wohl auch selbst klar. Sie wissen genau wie alle anderen. daß die Erhöhung des Grundbetrages für das steuerfreie Existenzminimum von 720 auf 2400 Mark, die sie in diesem Antrag verlangen, die ganze Einkommensteuer und damit ein Rückgrat der öffentlichen Finanzen aushöhlen. Ihre Durchführung würde unter Hinzurechnung der sonstigen freien Einkommensteile die Folge haben, daß nur noch eine geringe Anzahl von Personen Einkommensteuer zahlen müßte. Und auch die starke Erhöhung der Sätze für die höheren Einkommen, die sie fordern, die bis zu 80 Prozent gehen, würde bei der sehr beschränkten Zahl hoher Einkommen in Deutschland nur sehr wenig einbringen. Außerdem ist diese Art der Besteuerung schon deshalb unmöglich, weil niemand mit dem größten Teile seines Einkommens lediglich für den Fiskus arbeiten will. Auch ihre Forderung, das Vermögen der Ostjuden sofort zu beschlagnahmen und das der Parteibeamten „sicherzustellen", würde dem Spitzelwesen und der Denunziation Tür und Tor eröffnen, ohne daß finanziell wesentliches dabei her- auskäme. Auch die anderen Punkte dieses Steuerprogramms zeigen lediglich, daß damit eine wüste demagogische Agitation getrieben werden soll, und daß es den Nationalsozialisten nicht darauf an« kommt, ehrliche Arbeit zu leisten, sondern den Mal- sen Opium zu geben, um so ihre Anhängerschar zu rcrmehren.
Merkwürdig muß aber auch ihr plötzliches Vorgehen gegen die letzte Notverordnung berühren, wo sie doch bisher über diese Kürzungen der Rentenbezüge der Kriegsopfer, Sozial- und Kleinrentner, der Erwerbslosen usw. so still hinweggegangen sind, weil sie der Regierung Papen um ihrer Verdienste um der Aufhebung des Uniformverbotes willen zu so großem Dank verpflichtet waren. Aber ihr Antrag mit diesem Steuerprogramm kommt fa vor dem Termin der Reichstagswahlen nicht mehr zur Beratung, und fo kann dem Volke das Unsinnige und das Unmögliche nicht mehr vor Augen geführt werden. Auf das gleiche Gebiet rücksichtslosester Agitation ist auch die übrige Flut von Anträgen gerade der Nationalsozialisten zu setzen, mit der sie zur Zeit den Preußischen Landtag geradezu überschwemmen.
Was die Nationalsozialisten noch vergessen oder verschämt verschwiegen haben, bringen ihnen die Kommunisten in einem noch weitergehenden Abänderungsantrag schnell zum Bewußtsein, in dem sie noch die Beschlagnahme der Vermögen „aller Kapitalisten und Großgrundbesitzer" und „der ehemaligen Fürsten und Standesherren zugebilligten Abfindungen und Vermögenswerte" fordern. Das ist natürlich für die Nazis eine bewußte Bosheit und bittere Pille, die sie um ihrer vielen fürstlichen Gönner und Anhänger, Prin,zen usw. nicht schlucken können. Man sieht hieraus, man soll auch in der Politik nicht mit Steinen werfen, wenn man selbst in einem Glashause sitzt, sei es nun im Braunen Hause, sei es in einem fürstlichen oder prinzlichen Palais oder dem Besitztum eines Großgrundbesitzers oder Schwerindustriellen.
* Auch Bremen führt die Schlachtsteuer ein. Wie vo nzuständiger Seite verlautet, hat sich der Senat entschlossen, für das bremische Staatsgebiet die Schlachtsteuer durch Notverordnung mit Wirkung ab 4. Juli einzuführen.
Aeue Ueberraschung in Lausanne
Deutscher Vorstotz gegen den Versailler Vertrag.
Wie jetzt in Deutschland bekannt wird, sind die Reparationsverhandlungcn in Lausanne im Laufe der Besprechungen am Dienstag von deutscher Seite auf eine völlig neue und überraschende Basis gestellt worden. Wie die französische und englische Presse Mittwoch früh in großer Ausmachung berichtete, hat Reichskanzler von Papen die Leistung einer bestimmten Summe in Aussicht gestellt, wenn gewisse Klauseln des Versailler Vertrags, die eine Diskrimination Deutschlands darstellten, beseitigt würden. Es handelt sich vor allem um Gleichberechtigung auf dem Gebiet der Rüstung. Nach Meldungen ausländischer Blätter soll der Kanzler außerdem verlangt haben, daß Frankreich seine Währung devalorisiere, d. h. den Goldstandard aufgebe und daß die Bestim- mimgen über den polnischen Korridor revidiert würden. Von Seiten der deutschen Delegation sah man sich daraufhin veranlaßt, den Vertretern der deutschen Presse, denen man bisher keine Informationen über den wirklichen Gang der Besprechungen gegeben hatte, ein Dementi auszuhändigen, in dem die Darstellung der ausländischen Blätter als irreführend bezeichnet, aber zugegeben wird, daß die deutsche Delegationen die bisherige Reparationslinie verlassen hat. Die offizielle Erklärung hat folgenden Wortlaut:
Schon in seiner ersten Rede in der Plenarsitzung hat der Reichskanzler betont, daß es im Interesse der Wiederherstellung normaler Wirt- schaftsverhältnisse unumgänglich sei, mit dem System der.Reparationen Schluß zu machen, und daß aus demselben Grunde eine wie immer geartete Schlußzahlung Deutschlands nicht in Frage kommen könnte. Als in den privaten Besprechungen zwischen den Delegationsführern der englische Herr Premierminister den Reichskanzler darauf hinwies, daß die Forderungen einer Anzahl von Delegationen auf die Zahlung einer Entschädigung hinauslaufe, hat der Reichskanzlei, am 20. Juni Herrn Mac Donald erklärt und auseinandergefetzt, weshalb und warum Deutschland einer solchen Ab. schlußzahlung nicht zustimmen könne. Die Begründung der deutschen Haltung ist Herrn MacDonald im Anschluß daran noch schriftlich übergeben worden. Die gleiche Haltung bezüglich Streichung der Reparationen und Unmöglichkeit einer Schlußzahlung hat die deutsche Delegation in den unmittelbaren Auseinanderset- jungen mit der fran.zösischen Delegation am 27. Juni eingenommen.
In der gestrigen stattgefundenen Verhandlung zwischen der britischen, französischen und deutschen Delegation richtete Herr MacDonald die Frage an den Reichskanzler, ob er seinerseits nicht irgend etwas tun könne, um eine Endlösung herbeizuführen. Der Reichskanzler hat daraufhin ausgeführt:
Das Vertrauen der Welt könne nur dann wiederhergestellt werden, wenn die Sieger« möchte f i ch enfi schließ en würden, die Diskrimination des Versailler Vertrages zu beseitigen. Wenn somit die Gleichberechtigung Deutschlands und die Sicherheit hergestellt werden, dann würde der Reichskanzler es für möglich halten, daß Deutschland an der allgemeinen Anstrengung zur Wiederaufrichtung der Weltwirtschaft seinen Anteil in Form eines Beitrags zahle, der selbstverständlich die vollkommene Wiederherstellung des wirtschaftlichen Gleichgewichtes in Deutschland und der Welt zur Voraussetzung hat." e
Die deutsche Erklärung hat bei den Franzosen eine starke Erregung hervorgerufen. Man legt auf französischer Seite die Worte Papens so aus, als wenn Deutschland entgegen seinen bisherigen Behauptungen einen Restbetrag leisten könne, aber es nicht wolle, es sei denn, daß man ihn mit der totalen Revision des Versailler Vertrages honorierte. So abwegig dieser Vorwurf ist, so schwer wird es sein, den Franzosen diese Auffassung auszureden. „Niemand wird behaupten können," so meint die „Germania/', „daß die Wiederherstellung der vollen deutschen Gleichberechtigung auf dem Rüstungs- wie auf den anderen Gebieten der Wirtschaft und Politik nicht von uns seit langen Jahren auf das nachdrücklich st e get orbert worden wäre, aber wir sehen nicht ein, wieso mir für diese Gleichberechtigung mit einem Beitrag bezahle n s o l l e n, da wir sie auf Grund der Verträge zu s o r d e r n haben und in Gens seit fünf Monaten mit Nachdruck fordern. Wir würden uns durch irgendein Handelsgeschäft unsere Rechts- basis ebenso untergraben wie durch das Projekt einer deutsch-französischen Militäralliance. In Lausanne ein Junktim zwischen Reparation en und Rüstungen zu schaffen, kann nicht im deutschen Interesse liegen. Was die psychologische Wirkung dieser Erklärung angeht, so kann fein Zweisel darüber fein, daß sie ähnlich derjenigen sein wird, welche Schacht auf
der Pariser Reparationskonferenz mit seinen Formulierungen über die Kolonien und die Ostrevi- ston erzielte." Auch die der Regierung Papen nahestehende „Deutsche Allgemeine Zeitung" bezweifelt, ob die kaum zu übertreibende Aufrichtigkeit dieses deutschen Spieles die diplomatische Situation Deutschlands oder auch nur die Streichung der Tribute erleichtern könne. Der Haupteinwand des Blattes richtet sich gegen das Z u - fällige und Unsystematische dieser Aktion, die auch auf die „S ch u ld frage" eine ungünstige Wirkung haben werde.
Heute abend Entscheidung?
cnb. Lausanne, 30. Ium. (Eig. Meld.) Das Bild der Konferenz von Lausanne scheint sich wie folgt darzustellen: Die Bemühungen um eine Verständigung über die Annullierung der Reparationen sind mit großem Eifer fortgeführt worden. Formulierungen wurden vorgeschlagen, aber eine Einigung bisher nicht gefunden, hauptsächlich, weil die Franzosen den Unsicherheitsfaktor Amerikas ins Gewicht führen, der dadurch gegeben ist, daß Washington es bis nach den Präsidentenwahlen wiederholt und entschieden abgelehnt hat, sich irgendwie in diese finanzielle Auseinandersetzung Europas hineinziehen zu lassen. Die wiederholte Bezugnahme Mac Donalds auf Amerika in seinem gestrigen Resume vor den 6 Mächten zeigt, daß auch er sich von dem französischen Einwand hat beeindrucken lassen.
Herr rot kämpft um eine Formel, die die vollständige Annullierung der Reparationen gewissermaßen von dem künftigen amerikanischenVerhalten abhängig macht und steht damit im Gegensatz mit dem Ziel der Konferenz, eine endgültige Regelung zu erreichen und zu demselben Bedürfnis nach dem coup d'eponge, der die grundlegende Bedingung für die Wiederherstellung von Vertrauen und wirtschaftlicher Wohlfahrt ist und deshalb nicht aus egoistischen Gründen von deutscher Seite unverändert gefordert wird.
Der Ausgang dieses Ringens bleibt im Augenblick noch offen, doch scheint die Entscheidung nahe bevorzustehen.
. rotb. London, 30. Juni. (Eig, Meld.) Der Ti- mes-Korrespondent meldet aus Lausanne, daß das Schicksal der Konferenz wahrscheinlich bis heute abend entschieden werde.
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rotb. Lausanne, 30. Juni. (Eig. Meld.) Die beiden Ausschüsse der Konferenz tagten gestern bis in die späte Nacht — bezw. in die frühen Morgenstunden. Der Wirtschaftsausschuß ist dabei bereits zu einem Abschluß der ihm übertragenen Arbeiten gelangt, indem er das Material von Lausanne vorbereitet hat, das einem großen von allen Staaten einschließlich Amerikas zu bildenden Vorbereitungsausschuß für die im Herbst vorgesehene Weliwirtschaftskonferenz als Grundlage dienen soll. Die Arbeiten des B ü r o s d. h. des wesentlich mit der Reparationsfrage befaßten Ausschusses haben bisher kein wie immer geartetes Ergebnis erkennen lassen; sie sind heute vormittag von neuem aufgenommen worden. Von deutscher Seite nehmen Reichsfinanzminister Gras Schwerin von Krosigk und Staatssekretär von Bülow daran teil.
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rotb. Paris, 30. Juni. (Eig. Meld.) Havas will auf Grund der gestrigen Verhandlungen in Lausanne eine günstige Wendung feststellen können. Macdonald habe die Vertreter der Gläubigermächte befragt, ob sie bereit wären, auf die ihnen zukommenden Doungplanannuitäten zu verzichten, damit Deutschland eine Pauschalsumme leisten könne. Sämtliche Gläubiger hätten sich für diese Lösung ausgesprochen.
Die Sitzung am Mittwoch.
Die offizielle Sitzung der sechs einladenden Mächte der Lausanner Konferenz, die kurz nach 17 Uhr begann, war bereits um 18 Uhr abgeschlossen. An der Sitzung nahmen die führenden Mitglieder sämtlicher sechs Delegationen Deutschlands, Englands, Frankreichs, Italiens, Belgiens und Japans teil. Unmittelbar nach Schluß der Sitzung wurde das Gesamtbüro der Konferenz, das aus den Chefs der Delegationen der sechs einladenden Mächte besteht, zu einer Sitzung in das Hotel Beau Rivage, dem englischen Hauptquartier, einberufen.
Der offiziellen Sitzung der sechs einladenden Mächte ging eine einstündige Unterredung zwischen Macdonald, Papen und Herriot voraus, lieber den Verlauf der einstündigen offiziellen Sitzung wird folgende amtliche Verlautbarung bekanntgegeben:
Die Führer der Delegationen der sechs einladenden Mächte sind heute nachmittag im Chateau d'Ouchy zusammengetreten. Der Präsident der Konferenz, Macdonald, berichtete über den gegenwärtigen Stand der Konferenzarbeiten. Es ist beschlossen worden, ein Büro, das sich aus dem Präsidenten und je einem Vertreter der sechs einladenden Mächte zusammensetzt, einzusetzen. Das Büro soll die gegenwärtige Lage der Reparationsbesprechungen im Lichte der bisherigen Unterhandlungen prüfen. Es ist beauftragt worden, einen B e r ich t mit Empfehlungen den Führern der sechs Mächte in möglichst kurzer Frist vorzulegen.
Die Führer der Delegationen der sechs Mächte haben ferner die Handelsminister der sechs Mächte ersucht, zusammenzutreten, um diejenigen Fragen zu prüfen, die mit der zweiten Aufgabe der Lausanner Konferenz,
den Maßnahmen zur Ueberwindung der finanziellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Weltkrise Zusammenhängen, und zwar in Vorbereitung einer weitergehenden Konferenz, die diese Fragen näher prüfen soll. Der Präsident der Konferenz ist ermächtigt worden, einen Vertreter der BIZ. aufzufordern, nach Lausanne zu kommen, wenn die technischen Arbeiten der Konferenz dies wünschenswert erscheinen lassen.
Außerdem ist der Präsident ermächtigt worden, falls er es für wünschenswert hält, die Zuziehung von Vertretern von Ungarn und Bulgarien zu veranlassen.
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lieber die weitere Arbeit der Konferenz oerlau* tet nunmehr, ohne daß bisher ein amtliches Kommunique ausgegeben worden wäre, daß das neugebildete Büro aus je einem Mitglied der Delegationen der sechs einladenden Mächte die Aufgabe gestellt bekomm t,möglichst schon bis Freitagabend einen Ueberblick über den Stand der Reparationsfrage zu geben und deren Lösung zu betreiben. Dieses Büro, das man zugleich mit einem Ausschuß für die Rep arationsfrage bezeichnen könnte, steht unter dem Vorsitz Macdonalds. Ein besonderer handelspolitischer Ausschuß wird aus den Handels- bezw. Wirtfchafts- miniftern der sechs einladenden Mächte ober ihren Vertretern gebildet und steht unter dem Vorsitz des bilgifchen Ministers Hymans. Er soll die Aufgabe haben, die weltwirtschaftliche Rekonstruktionsarbeit, die hier begonnen wurde, weiterzuführen bis zum Zusammentritt der vorgesehenen Welt- wirtschaftskonferenz im Herbst.
Reichskanzler reist für einige Tage nach Berlin.
cnb. Berlin, 30. Juni. (Eig. Meld.) Wie wir erfahren, ist damit zu rechnen, daß Reichskanzler von Papen morgen ober übermorgen für einige Tage nach Berlin zurückkehren wird, um betrt Reichsprä'identen und dem Reichskabinett über den Stand der Dinge in Lausanne zu berichten. Ein genauer Termin für die Reise ist noch nicht festgesetzt.
Auch H e r r i o t beabsichtigt, vorübergehend nach Paris zurückzukehren.
Die neue Notverordnung verkündet.
Die feit mehreren Tagen vorbereitete, stark umstrittene Uniformverordnung des Reichspräsidenten ist am Mittwoch verkündet worden und tritt sofort in Kraft. Sie hat folgenden Wortlau:!
8 1.
1. Versammlungen unter freiem Himmel und Auszüge dürfen von den Landesbehörden wegen unmittelbarer Gefahr für die öffentliche Sicherheit verboten werden
1. allgemein nur für bestimmt abgegrenzte Ortsteile, 2. im übrigen nur im Einzelfalle.
Weitergehende allgemeine Verbote treten außer Kraft.
2. Das Tragen einheitlicher Kleidung, die die Zugehörigkeit zu einer nicht verbotenen politischen Vereinigung kennzeichnet, darf von den Landesbehörden nur tm Einzelfalle bet unmittelbarer Kefahr für die öffentliche Sicherheit verboten werden. Bestehende allgemeine Verbote dieser Art treten außer Kraft.
3. Hat der Reichsminister des Innern gegen ein Verbot nach Abf. 1 Nr. 1 Bedenken, so kann er die oberste Landesbehörde um Aenderung oder Aufhebung ersuchen. Entspricht die oberste Landesbehörde dem Ersuchen nicht, so kann er das Verbot aufheben.
§ 2.
Der Reichsmini st erdes Innern kann allgemein für das ganze Reichsgebiet oder einzelne Teile Versammlungen unter freiem Himmel und Auszüge sowie das Tragen einheitlicher Kleidung, die die Zugehörigkeit zu einer politischen Vereinigung kennzeichnet, verbieten und für Zuwiderhandlungen Gefängnisstrafe ober Geldstrafe allein oder nebeneinander androhen.
§ 3.
Plakate, Flugblätter und Flugschriften, in denen zu einer Gewalttat gegen eine bestimmte Person oder allgemein zu Gewalttätigkeiten gegen Personen oder Sa- chen aufgefordert oder angereizt wird, können polizeilich beschlagnahmt und eingezogen werden. Zuständig sind, soweit die oberen Landesbehörden nichts anderes bestimmen, die Ortspolizeibehörden.
Gleichzeitig erläßt der Reichsinnenminister eine Verordnung „über Versammlungen und Auszüge" auf Grunb bes § 4 ber ersten Verordnung des Reichspräsidenten gegen politische Ausschreitungen vom 14. Juni. Danach sind öffentliche politische Versammlungen und Ber- 'ammlunaen unter freiem Himmel mit 4 8stün, b i g er Frist anzumelden. Sie können verboten ober unter Auflagen genehmigt »erben. Wird dagegen verstoßen, so können sie aufgelöst werden. Zuwiderhandlungen werden mit Gefängnis bedrohte Teilnahme an einer vorschriftswidrigen Veranstaltung mit Geldstrafe bis zu 150 Mk.
* Das Mrfeil gegen von Bomhard aufgehoben. Das Metzer Erricht hatte, wie gemeldet, in ber vergangenen Woche ben deutschen Oberforstmeister vorn Bomhard wegen angeblicher Zuwiderhandlung gegen einen Ausweisungsbefehl zu einem Monat Gefängnis verurteilt. In zweiter Instanz wurde dieses Urteil, gegen bas von Bomharb Berufung eingelegt hatte, aufgehoben.
* Besuch des italienischen Luftfahrlministers Bfllbo in Berlin. Der italienische Luftfahrtrnini- ster Dalbo flog Mittwochfrüh von Hamburg nach Warnemünde, um sich dort mit dem Direktor der Zweigstelle ber Deutschen Verkehrsfliegerschule von Gronau über Fragen bes Transatlantischen Luftverkehrs zu unterhalten. Im Laufe bes Vormittags erfolgte ber Weiterflug nach Berlin, wo das italienische Flugzeug gegen Mittag eintraf.