A/ILS
26. Juni»
Beilage zur Fuldaer Zeikung
Nr. 146
»iE
T i < . Vj
Ausflug.
Blauer Himmel, ferne Gipfel — Ach, wie wird das Herz beschwingt. Wenn der Bäume grüner Wipfel Freundlich in die Weite winkt.
Täler blühen, Wasser springen, Alles lockt zu neuem Fund, Und wir treten mit Entzücken In der Wiesen saft'gen Grund.
Tages Wirrnis schloß die Seele In lichtlose Kammern ein, Hier erstrahlt in Sonnenhelle Und das Glück, ein Mensch zu sein.
Und am Abend, wenn die Sonne Fern im West zur Ruhe geht, Schlafen still auch unsre Wünsche — Unser Innrer wird Gebet.
E. A. S t e i n.
Vom Nakurgefühl.
Mensch und Natur.
Es ist etwas Eigenartiges um das Verhältnis des Menschen zur Natur. Die Sonne scheint mit uns zu lachen, die Wolken scheinen mit uns zu trauern, der Sturm rast mit unfern Leidenschaften, die Blumen lachen selig unserm Glück. In immer neuen Wandlungen besingen die Dichter dieses Gleichgestimmtsein des Menschen und der Natur. Und doch werden auch andere Stimmen laut, Stimmen, die, gescheitert bei dem Versuch, in der Natur eine Freundin zu finden, in ihr nichts als tote Erde, kalte Steine und leblose oder halb- lebendige Dinge sehen, die weder um Schmerz noch um Freude wissen. Vom großen Selbstbetrug des Menschen reden sie, wenn dieser wo anders als bei Seinesgleichen Trost und Verstehen sucht. Und eine Steigerung dieses Fremdgefühls bis zum Abscheu deckt uns Hebbel auf, wenn er die Betrachtung anstellt: Wessen Augen die furchtbare Kraft haben, daß sie bis ins Innerste der Erde dringen und die verwesenden Leichname sehen, kann der sich noch der Blumen freuen, die den Grund bedecken?
Meist ist die Bitterkeit gegen die Natur aus übergroßen Anforderungen an sie entstanden. Allerdings, eine Sprache hat die Natur nicht, um in Worten zu uns zu reden, eine warme Brust desgleichen nicht, um in Freude oder Mitleid überzuwallen: wir müssen uns damit begnügen, unfern eigenen Jubel in ihrem Prangen und Leuchten wiederzufinden, vielleicht in demselben Augenblick, wo ein anderer seine Trauer und seinen Kummer in die gleiche Natur hineinzulegen weiß. Das ist es ja gerade, was die Natur so befähigt, das begleitende Saitenspiel zu jeder beliebigen Empfindung abzugeben in gleichviel welchem Augenblick, daß sie die ganze Mannigfaltigkeit dessen, was wir Leben nennen, in einem lückenlosen Nebeneinander in sich schließt. Und darin liegt ihre „Mütterlichkeit" für den Menschen ein- bsschlossen, daß sie ihn nicht nur in seiner naturhaften Erscheinung umfaßt, sondern auch alle seine über das Naturhafte hinausgehenden Stimmungen und Gefühle; zwar nicht in wirklichen seelischen Wallungen, aber doch in der Weise, daß sie ihm immer wieder vor Augen stellt: er ist es nicht allein, der unter Bedingungen lebt, die ihm Freude und Schmerz erwecken; die Bedingungen des Daseins sind für alle Lebewesen die gleichen, nur der Grad der Beseelung ist verschieden. So wird in dem Menschen nun das Gefühl verscheucht, daß nur gerade ihm mitsamt der Gabe der Beseelung auch die äußeren Bedingungen beschieden sind, die die Seele zu einem Kampfplatz widerstreitender Empfindungen machen. Müßte die Pflanze, wenn ihr Gefühl gegeben wäre, nicht ganz nach Menschenart trauern über den heißen Wind, der ihr das Köpfchen welk werden läßt? Müßte die Blüte nicht erschauern, wenn sie den frostigen Hauch eines tötenden Nachtwindes herannahen fühlt?
Wir nennen Bäume, Sträucher, Tiere, ja selbst Berge und Felsen so gern in dichterischer Schwärmerei
unsere Brüder. Ja, das sind sie, und das ist es, worin der letzte geheimnisvolle Grund unseres Naturgesühls liegt: wir flüchten zu der Mutter, aus der wir alle entstanden sind, die uns trägt und nährt und der wir auch endlich wieder anheimfallen sollen; über die wir durch unsere Beseelung hinausgewachsen sind, und die uns doch mit elementarer Kraft an sich zu fesseln weiß. Und das Naturgefühl ist demnach nicht nur eine Eigentümlichkeit, die dichterischem Ueberschwang entspricht, sondern es ist etwas, was uns wesenhaft zu eigen ist von jenem Akte her, da wir dem dunklen Mutterschoß der Natur entstiegen, um, über sie hinausgehoben, ein Mensch zu sein.
Als Knabe und als Mann.
Don Carl Zuckmayer.
Don Leuten, die den Rhein nicht kennen, werden wir immer als „Rheinländer" bezeichnet und generalisiert, ganz gleichgültig, ob wir kölsch, mainzerisch oder badenstsch reden. Dabei kann es kaum größere Unterschiede geben, schon im Landschaftlichen, als etwa zwischen der Gegend von Bacharach und der von Königswinter, zwischen der Rheinpfalz und dem Niederrhein.
Meine Heimat ist Rheinhessen, das bedeutet, daß sie landschaftlich überhaupt nichts mit dem zu tun hat, was man gemeinhin unter der „Romantik des Rheines" versteht. Diese Gegend Hat in ihrer starken besonnten Fruchtbarkeit ein äußerst einfaches, fast nüchternes Gesicht. Di« Weinhügel bei Nackenheim, die weit geschwungene Obsthalde zwischen Ingelheim unb Mainz, die sandigen Spargelfelder, der rötliche Lehm, die gleichmäßige Breite des flachufrigen Stromes, — in welcher anderen Landschaft tut eine starke, Üppig wuchernde, reich besiedelt« Natur ihr Bild so still und behutsam dar?
Kinder erleben vor allem den Mikroskosmos ihrer Jugendlandschaft, selten ihre große Symphonie. Tüm
pel, Schilfwälder, Fallobst an zottigen Hecken, kleine Wiesen, eine Kiefernschonung mit dem lockenden Schild „Hege, betreten verboten!", Steinhaufen, Zäune, Sandkühlen, ein Stückchen Hof mit etwas Kies und Rasen, das Eisengeländer einer Keller-Waschküche, in der es kühl und seifig riecht —, das ist die unerforsch- lich weite Landschaft der Kinderzeit.
Der Rhein war unser Alltag. Verhaßte Spaziergänge an Sonntagnachmittagen kennzeichneten ihn als notwendiges Familienübel. Was er uns gab: das Wasser zum Schwimmen, zum Rudern, zu heimlichen Ausfahrten, wurde ihm als selbstverständliche Pflicht angerechnet.
Aber dann kam der Krieg.
Wie war das doch, als wir zum erstenmal in Urlaub fuhren, nach dreioiertel Jahren in der Westfront: St. Quentin — Charleville — Metz — Saarbrücken — Kreuznach — Bingen — die Rhein —, da stockte das Herz!!
Kamerad, wir waren so abgebrüht gegen tönende Heimatworte, so hart int Ohr und widerborstig gegen Liedertexte und feierliche Reden. Wir hatten in unserer Brust keinen Raum für angelernte Gefühle. —
Aber als wir nach dieser elenden Holperfahrt hn Dummelzugtempo, die uns in qualvollen Haltezeiten mehr als dreißig Stunden von unserem Urlaub stahl, stehend zusammengepfercht aus dem Gang des überfüllten Wagens dritter Klasse, die herbstlich angerostete Rheinau sahen, da fingen mir an zu fingen: blöde Lieder, den Fastnachtsmarsch, die „Holzhacker", die „Heidelbeeren", — wir haben gesungen wie die Narren, weil wir uns schämten, ganz still zu werden.
Später begriffen wir: daß der Rhein ein Schicksal ist, eine Weltmitte, ein« Länderbrücke, ein Zukunftsstrom.
Damals spürten wir nur: daß hier unsere Mütter lebten.
ollen Sie bitte die
Uhr verschenken
Ich hörte gestern abend Radio. Ich muß meine Gesundheit und meine materiellen Verhältnisse berücksichtigen, aber besonders die materiellen Verhältnisse. Nun und das Programm war gerade auch nicht schlecht. Sogar fabelhaft. Jazzband. Erstklassige Jazzband. Temperamentvolle Musik, übermütig bis zur Fessellosigkeit. Das war fortreißender Rhythmus, sprühendes, kribbelndes Leben, nur ab und zu gedämpft durch seltene, glühend« Klänge, die wie aus einem afrikanischen sonnendurchsickerten Palmenhain zu bringen schienen. Ich war begeistert. Restlos. Bin Fortschrittler. Und hier pfefferte man endlich veraltete Musiktraditionen, die nicht mehr in unserer Zeit passen, mit einem respektablen Fußtritt vor die Tür . . . adio! Kurz und gut: man kann sich mit einem Radiohörer oft glänzend mokieren über die eigene Jahrtausende alte Kultur. Gerade plumpste und schluchzte ein Saxophon mit nilpferdartigen, schwerfälligen Synkopen noch alte Niggersongs und schon verulkte sprunghaft in einer anderen Oktave eine Klarinette die soeben gespielten Songs mit den witzigsten Kapriolen — da höre ich eine Klingel, und hat verblüffende Klangähnlichkeit mit meiner elektrischen Wohnungsklingel. Richtig, sie ist es auch. Gerade jetzt. Aergerlich.
Ich öffne die Tür. Und vor mir erkenne ich Herrn Hans Dörr vom vierten Stock. Kriegsinvalide. Angeblich bettelt er irgendwo, ober man hat ihn noch nie dabei gesehen. Und ich hätte mich bestimmt nicht mehr gewundert, wenn der neue tschechische Scharfrichter mich besucht hätte. Auch sehe ich den alten Dörr zum ersten- mal so richtig knapp vor mir. Abgesehen von den blauen Augen erscheint fein zusammengekniffenes Gesicht häßlich, sehr häßlich sogar, aber seine Augen sind sonderlich klar erkennbar und leuchten. Also so sieht der Bettler Hans Dörr aus. Er steht vor mir und ist scheinbar verlegen wie ich. Und im Stiegenhaus ist es schon dunkel und still, und der Alte stammelt etwas, scheint einen
Wunsch zu haben, der sich aber nicht so leicht mitteilen läßt. „Entschuldigen Sie, Herr!" sagt er. „Entschuldigen Sie . . . Ich wollte nur . . . Und er zeigt mir etwas, das er in der verkrüppelten Hand hält und stammelt weiter: „Eine Uhr . . . Eine alte Tffchuhr . . ." Ich sehe ihn verständnisvoll an. Da saßt er Mut und belehrt mich:
„Diese Tffchuhr gehört mir, ich habe aber noch eine andere! Wollen Sie vielleicht bitt« die Uhr verschenken, ich brauche sie nicht mehr . . . und . . . kenne aber niemand . . ." Und er drückte mir einfach die Uhr in die Hand und raschelt zurück in den vierten Stock. „Gute Nacht!" hatte er mir noch zugerufen.
Nicht wahr, Sie werden wohl verstehen, daß ich nun nicht mehr so einfach Radio hören könnt«. Trotz der fabelhaften Jazzband. Denn meine Verblüffung wollte sich noch immer nicht lösen. Im Gegenteil. Und ich beschaute mir eingehend die Uhr. Es war eine wirklich schwere schöne Tischuhr. Der Mechanismus in weißem Marmor eingelassen. Mit geschliffenem Glas. Gut über siebzig Jahre alt und auch noch mehr. Mit zwei blanken Zeigern, dessen größerer dem kleinen wie mit Spinnenbeinen daoonzulaufen versuchte. Und die Uhr tickte. Tickte.
Ein« halbe Stunde später lag ich zu Bett. Natürlich tickte die Uhr noch immer. Aber nun auf dem Nachttischchen und ich habe dazu nachgedacht, lieber Hans Dörr. Den sonderbaren alten Hans Dörr. Genau so lange wie ich wohnt Hans Dörr schon im Haus. Mutterseelenallein im vierten Stock. Spricht mit niemand. Er muß einmal im Leben etwas gewaltig krumm genommen haben; mag sein, daß ihn doch vielleicht einer irgendwo gesehen hat und ihn so unwissentlich aus dem Gleichgewicht brachte, oder seinen durchaus begründeten Kriegerstolz an empfindlicher Stelle, die ja jeder besitzt, verletzte. Auch grüßt er nicht. Denn man vergaß feinen
Smnspruch.
Achtung willst du erwerben? Es soll dich Liebe beglücken?
Achtung erwirbt, was du tust, Liebe verschaff, was du bist!
Richtest du Rühmliches aus, schaffft Nützliches: hast du Achtung.
Bist du ein liebendes Herz: bist du der Liebe gewiß.
M a h l m a n n.
Gruß zu erwidern. Mein Gott, was wollen Sie, ein Bettler . . .!
Der Regen klapperte gegen di« Fenster. Die Augenlider wurden mir schwer. Was geht mich auch schließlich der schrullenhafte Alte an. Ausreichender Nachtschlaf ist gesünder und wichtiger. Die Uhr tickte um die Wette mit dem Regen und ich schlies ein. Das war gestern abend.
Heute ftüh wurde ich geweckt. Sonst weckt mich niemand. Von einer Melodie wurde ich geweckt: eine Melodie wie aus den Träumen meiner Kindheit heraus» gezogen. Sonnenstrahlenhaft. Himmlische Erschrockenheit stürzte in mein Herz. Oder war es wirklich meine Kindheit? „. . . lieb’ tm .. mer Treu und Red.. sich , leit, bis an dein küh .. les Grab.." — Aber meine Mutter — ach, die, die saß doch nicht neben mir. Sondern die Quelle der Melodie floß aus der Uhr auf meinem Nachttffchchen. Ich wurde verschüttet von kristallenen Tönen, von seidigen Noten, weich und schwingend wie klein« Schmetterlinge. Da waren die klaren Abende in Westfalen, die Märchen meiner Mutter, die abgeroon- neuen Tonkügelchen meiner Freunde, mein Vater, der in den großen Krieg zog . . . wie Dörr . . . —
O, alter Hans Dörr im vierten Stock, was hast du mir für eine Uhr geschenkt! Und warum nur? Warum?!
Und nun sagen Die selbst, ist es nicht sonderbar genug, daß es Menschen gibt, die über zehn Jahre in ein und demselben Haus wohnen, ohne im vierten Stock gewesen zu sein?! Daß es Menschen gibt, die nur durch ein Stockwerk getrennt sind und doch zehn Jahre hindurch kein Wort gewechselt haben?! Ich schäme mich. —
— —. Soeben erzählt mir meine Schwester, der Schnorrer über uns müsse erkrankt fein: der Arzt aus unserer Gasse sei zu ihm hinaufgegangen. Und so bin auch ich jetzt hinauf in den vierten Stock und muß meinen Besucher von gestern abend besuchen.
Wilhelm Aufsermann.
Kolportage im Trödelladen
Das Ergebnis eines Besuches. — Etwas, das sich nicht geändert hat: die Unterwelt der dreißigseitigen Schmöker, Blutrünstige Hintertreppenromantik rote vor 50 Jahren. Stilbtüten. — Der Knabe und der singende Blenschen- bruder.
In der Auslage eines Trödelwarenhändlers sah ich im Vorbeigehen einige alte Bekannte meiner frühesten Jungenzeit: Percy Stuart, Frank Allan, Sir Ralf Elts- fort), Wildtöter und andere Anstifter verbummelter Schulstunden.
chm, dachte ich, gibt es denn das auch noch?. Welcher Junge glaubt denn heute im Zeitalter des Motorrades und der Hochantenne noch an Büffelherden, Indianer- kämpfe und Trapperleben? Wem will man in einem demokratischen Staat das Märchen vom armen Mädchen und dem schönen Grafen weismachen? Muß da nicht auch in den Zeilen der gehefteten Schmöker eine gewaltige Aenderung zum Zeitgemäßen vor sich gegangen sein? Was ist an Stelle der blutrünstigen Hmtertrep- penromantik getreten? . .
Meines Vorhabens kaum bewußt, schritt tch schon zur Tür des Ladens. Trat ein. Muffiges Halbdunkel umfing mich. Der ganze Raum war mit Trodelwaren aller Art gefüllt, alten Möbeln, Stühlen mit drei Bei»
Junglehrer Hans Deutsch /
Endlich hatte Hans Deutsch von der zuständigen Regierung die Mitteilung erhalten, er möge sein derzeitiges Arbeitsoerhältnis lösen unb sich bereithalten, um in den nächsten Wochen eine Hilfslehrerstelle antreten zu können. Endlich, endlich! Wer kann das Hans recht nachfühlen, was es für ihn, der so mit der ganzen Seele an dem selbstgewählten Berufe hing, bedeutete, nach langen Jahren bitteren Wartens nun dem ersehnten Ziele nahe zu sein? Und die Mutter! Welche tiefinnerliche Freude wird sie haben! Schade, daß der Vater das nicht mehr erlebte. Die Guten, wie hatten sie in den Jahren des Studiums mit beispiellosem Optimismus immer und immer wieder neue Möglichkeiten gesucht und gefunden, um von dem kärglichen Einkommen eines kleinen Handwerkers das Geld für Präparandie und Seminar, für Bücher ufro. abzu- fparen. Für „ihren Jungen".
Wenn dazumal einmal ein Bekannter recht übellaunig zu Meister Deutsch bemerkte, er wolle doch mit seinem Jungen etwas „zu hoch hinaus", dann gab der alte biedere Mann stets mit der Ueberlegenheit philosophischer Ruhe zur Antwort: „Es ist nun einmal das Schulmeistern meines Jungen Berus. Beruf kommt von Berufensein. Und das ist etwas Göttliches. Gott selbst aber hat uns — wie Ihr in der Bibel lesen könnt __ gelehrt, daß jeder mit dem ihm gegebenen Talent wuchern solle."
Diese und ähnliche Gedanken gingen dem Junglehrer durch den Kopf, als er zu seinem Chef, dem Besitzer der großen Textilfabrik, ging, um die Stellung in dessen Büro zu kündigen.
Herr Wohlmut hörte dem jungen Mann aufmerksam zu, als er ihm fein Anliegen vortrug. Ein warmer Schein von Herzensgüte leuchtete ihm dabei aus den Augen. Dann drückte er Hans fest die Hand.
„Ich beglückwünsche Sie herzlich zu diesem ersten Schritt auf einem neuen Weg, Herr Schulmeister. Mögen Sie einer im wahren Sinne des Wortes werden. Sie waren mir eine tüchtige Kraft, die ich ungern vermisst. Aber ich kann Sie nicht halten; denn hier hat wohl Ihr Herz entschieden. Da fällt mir ein, daß sich neulich Heinz Bergers, den Sie ja auch kennen, bei mir um einen Posten in meinem Büro bewarb. Seien
von Josef Gnkberlek
Sie doch so freundlich und richten Sie nachher in der Schustergasse aus, er möge morgen vormittag um 9 Uhr einmal zu mir kommen. Vielleicht können Sie ihn dann in den nächsten Tagen ein wenig in die Arbeiten Ihres Postens einführen. Und nun, Gott befohlen. Glückauf, mein lieber Deutsch!"
Bewegt durch diese aufrichtigen Worte seines bisherigen Chefs, der zu seinen Angestellten und Arbeitern von jeher in einem feinen, patriarchalischen Verhältnis stand, dankte Hans mit wenigen schlichten Worten und ging dann heimwärts.
Vorerst richtete er in der Schustergasse feine frohe Botschaft aus und ließ da eine glückliche Familie zurück. Trotzdem Heinz Bergers sehr tüchtig war, hatte er bisher keine Stellung finden können. Auch die kleine Stadt Ruhdorf, deren beide Textilfabriken neben dem Filialwerk der Crkener Metallwaren-A.-G. das wirtschaftliche Rückgrat des Städtchens bildeten, verspürte langsam die Folgen der Weltkrise. Ja, die Zahl der Erwerbslosen und Wohlfahrtsunterstützten stieg allmählich auf eine Höhe, die den Stadtvätern ernstliche Sorge machte.
Hans' Mutter hörte mit Tränen in den Augen von ihres Jungen Lippen die Wendung seines Geschickes. War doch fein Herzenswunsch auch i h r Herzenswunsch.
Doch bald wurde ihre Freude durch eine Hiobspost getrübt. Durch die Heimatzeitung erfuhren sie von der Notverordnung, die sich so verschärfend im Schulwesen auswirken sollte. Auch Hans Deutsch bekam die amtliche Bestätigung, daß er vorläufig auf keine Anstellung irgendwelcher Art im Schuldienst rechnen könne. Das traf ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Er fuhr zur Regierung, schilderte das ihm widerfahrene Unrecht, konnte aber nichts weiter erreichen, als daß man ihm wegen der besonderen Sage seiner häuslichen Verhältnisse den Höchstsatz des Fortbildungszuschusses für Junglehrer von monatlich 80 Mark zubilligte.
Niedergeschlagen kehrte er zur Mutter heim. Doch diese, die stets bereit war, die Wechselfälle des Lebens als Gottes Fügung zu betrachten, wurde auch jetzt nicht entmutigt, und es gelang ihr auch noch, ihren Sohn auszurichten.
„Nur nicht den Kopf hängen lassen! Das ändert an der ganzen Sache durchaus nichts. Laß uns überlegen, was nun zu tun ist. Zu Wohlmut kannst du nicht zurück, da dort zurzeit keine Stelle frei ist und du anderseits auch Heinz Bergers die neugewonnene Existenz nicht erschüttern willst und darfst. Ich werde versuchen, was sicher nicht schwer fallen wird, in unserer Bekanntschaft mir etwas Näharbeit zu verschaffen, und dann werden wir schon mit deinem Zuschuß und meinem neuen Verdienst durchkommen. Komm, Junge," sie faßte ihn zärtlich unters Kinn, „Gott verläßt die Seinen nicht. Du aber kannst dich jetzt wieder mehr deinen Studien widmen und manches nachholen."
Hans ließ sich das nicht zweimal sagen. Ihm kam zugute, daß er Vaters festen Willen und Mutters Zuversicht geerbt hatte. Zudem war er ja glücklicherweise in feiner Jugendzeit, so lieb sie ihm auch in der Erinnerung stand, nie auf Rosen gebettet gewesen. Er hospitierte bei seinen älteren Kollegen in der Stadtschule, vertrat hier und da auch schon einmal einen von ihnen und kam so in ein inniges Verhältnis zu den Kindern, von denen es ihm besonders die des dritten und vierten Schuljahres angetan hatten.
Bald fummelten sich des Nachmittags einige um ihn, welche ihn auf feinen Spaziergängen begleiteten. Er befaßte sich etwas mehr mit ihren häuslichen Verhältnissen und merkte, wie viele von ihnen mit ihrer Freizeit nichts Rechtes anzufangen wußten. Bei den einen waren Vater und Mutter tagsüber in einer Fabrik beschäftigt, während wieder anderen ihr elterliches Haus kein wirkliches Heim bieten konnte. So bestellte sich denn Hans Deutsch bald die Kinder regelmäßig des Nachmittags, ging mit ihnen, sofern das Wetter schön war, draußen vor der Stadt auf die Wiesen oder in den nahegelegenen Wald und fpielte mit ihnen. Da erschlossen sich ihm die kindlichen Herzen bald schneller als in der Schule. Er lauschte mit Interesse den verschiedenen Regungen ihrer Seelen und baute sich langsam ein System auf, nachdem er sich planmäßig bei den Zusammenkünften in Gottes freier Natur mit den Kindern beschäftigte.
Seine Art, die einem wirklichen Pädagogenherzen entsprang, gefiel den Kindern ungemein. Ihnen waren diese Nachmittage Festtage, und immer mehr aus der Schule sanden sich dazu ein. Neben den armen auch solche aus bessergestellten Kreisen Ruhdorfs« Und wenn
einmal einem Kinde zu Hause die Teilnahme versagt wurde, dann gab es so lange Tränen, bis die Einwilligung erzielt war.
Selbstverständlich war das Wirken dieses Pestalozzi- jüngers im Städtchen bald bekannt geworden und sand Anerkennung und auch Ablehnung. Die erstere aber überwog, da einsichtige Leute bald die Fruchtbarkeit seines Wirkens an ihren Kindern verspürten.
Der Schulrat nahm sich den jungen Mann einmal beiseite und fragte ihn ernst: „Sind Sie sich Ihrer Verantwortung auch voll bewußt? ,©tauben Sie nicht, daß Ihre Nachmittage die Kinder ihrer Familie entfremden und daß sie ihre Schularbeiten vernachlässigen könnten?"
„Auch ich, Herr Schulrat," gab Hans zur Antwort, „habe mir diese Fragen schon vorgelegt. Besonders zu Beginn meiner Tätigkeit, wenn man es so nennen will, als ich noch kein anderes Ziel kannte, als den Kindern und auch mir eine Freude zu bereiten. Doch mit der Zeit ist das anders geworden, seit ich erkannte, was man aus solchen Zusammenkünften an erziehlichen unb unterrichtlichen Werten schöpfen kann. Nun kommt keiner dieser Nachmittage, auf den ich mich nicht ordnungsgemäß vorbereitete, und meine Präparationshefte stehen Ihnen gern zur Einsicht zur Verfügung. Es ist selbstverständliche Pflicht der kleinen Mitglieder unseres Kreises, daß sie ihre Schularbeiten gründlich machen müssen, und meine Kollegen in der Schule haben schon manches erreicht, wenn sie mit dem Verbot der Teilnahme an unseren Nachmittagen drohten. Mein ganzes Streben aber geht dahin, die Kinder in der Gemeinschaft, in erster Linie in ihrer Familie, mit dem Herzen zu verhaften. Ganz ungezwungen erhalten sie Anregungen für die Gestaltung eines echt christlichen Familienlebens, und es ist schon in mancher Familie unserer Stadt besser geworden, da bas Familienleben bekanntlich oft stark von den Kindern beeinflußt wird."
Der Schulrat ließ sich leicht überzeugen, kannte er doch den Junglehrer schon aus den Arbeitsgemeinschaften junger Lehrer und Lerhrerinnen, wo er einen Einblick in seine erzieherische Begabung, in sein ernstes Streben und sein gesund? Verantwortungsgefühl gewonnen hatte.
In der nächsten Elternoersammlung hielt der Schulrat einen kleinen Vortrag über das Wirken des jungen Mannes und gewann die Leute für dessen Werk so stark«