Das doppelte Gesicht.
Roman von Max Real.
Copyright by Knorr u. Hirih G. m. b. S)., München.
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Der Herzog trat zu ihr uni) ergriff ihre beiden Hände, die sich kalt und starr anfühlten. „Bettina, wir wollen das Peinliche der Situation abkürzen. Ich -bin nicht mehr der Jüngst«. Mer gerade in meinem Alter, wo man einen Lebenskameraden am nötigsten hätte, ist es für einen Mann hart, allein zu stehen. Kein Mensch, und sei er durch Bluts- oder Familienbande noch so eng mit uns verknüpft, kann diesen ersetzen. Das kann nur eine Frau, mit der man seine innersten Geheimnisse, seine Freuden und Leiden teilt. Ich sehn« mich nach einem solchen Kameraden. Können Sie das verstehen?"
Bettina ftüsterte, den Blick immer noch zu Boden gesenkt, ein leises Ja.
Der Herzog hatte sich in ein Gefühl hineingsspro- chen, daß er beinahe Mitleid mit sich selbst empfand. „Ich will Sie durchaus nicht zur Vorspiegelung eine? Ge- sühis für mich veranlassen, das vielleicht gar nicht vorhanden sein kann," fuhr er mit großer Wärme fort. „Aber ich will Ihnen sagen, daß ich Sie liebe ... so innig liebe, wie ich noch nie geliebt habe."
Seine Augen erfüllten bei diesen Worten ein selt- sorner Glanz. Seine Züge schienen sich zu verjüngen.
Ein leises Zittern hatte Bettina befallen. Ihr Herz pochte in hastigen Schlägen.
Johann Georg ließ ihre Hände los. „Die Liebe eines älteren Mannes kann nie so himmelstürmend sein, wie die eines Jünglings. Aber sie ist dafür um so tiefer, und ein Verrat an ihr würde um so bitterer schmer- zen." .
Er hielt einen Augenblick inne und betrachtete seme Hände, als suche er Zeit zu gewinnen für das, was er noch auf dem Herzen hatte. „Verzeihen Sie mir die Frage, Bettina . . ." sagte er dann zaudernd, „hegt Ihr Herz Liebe zu einem andern?" , ,
Bettina erschrak heftig. Sie wußte nicht gleich: sollt« sie die Wahrheit gestehen oder verschweigen. Aber es widerstrebte ihr, dem Herzog, der offen sein Innerstes vor ihr ausbreitete, zu belügen. „Hoheit, als wir noch in Rußland lebten, war ich mit einem jungen rufsi- schen Offizier namens Iwan Taschew verlobt. Aber er hat mich schon vor fünf Monaten verlassen und ist nie wieder zurückgekommen."
Johann Georg preßte die Lippen aufeinander. Ein sonderbares Gefühl stieg in ihm auf bei dem Gedanken, daß dieses liebe, reizende Geschöpf bereits einmal vom Hauch der Liebe berührt worden war. Und daß es ein anderer war, dem diese Liebe gegolten, daß ein anderer die roten Lippen Bettinas geküßt hatte. Aber dann trat diese Anwandlung von Eifersucht wieder zurück vor dem heißen Verlangen, sie fein Eigen zu nennen.
„Werden Sie ihn vergessen können?" fragte er mit verhaltener Stimme.
„Er verdient «s nicht, daß man sich seiner erinnert," erwiderte Bettina mit großer Festigkeit, während in ihrer Seele di« offene Wunde brannte.
Und wieder ergriff der Herzog ihre Hand. „Wollen Sie mir dann die Hand fürs Leben reichen, Bettina?"
In Bettina rief die Stimme, die sie so oft gemahnt hatte: sage Nein! Aber sie fand nicht die Kraft und den Mut, dieser inneren Stimme zu folgen. Sie hauchte ein dünnes, flatterndes Ja.
Der Herzog führte ihre Hand an seine Lippen und küßte sie innig. „Ich danke Ihnen. Sie machen mich sehr glücklich. In acht Tagen soll unsere Verlobung feierlich begangen werden. Und nun gestatten Sie, daß ich Ihre Frau Mutter von dem freudigen Ergebnis unserer Unterredung verständige."
Er wollte zur Tür, als Joachim von Erken eintrat.
„Melde gehorsamst, das Aktenstück ist von mir persönlich in der Staatskanzlei übergeben worden."
"Bettina starrte Erken mit weit ausgerissenen Augen an. Es verschlug ihr fast den Atem. Dann stieß sie heiser hervor: „Iwan??!!
Der Rittmeister richtete erst seinen Blick erstaunt auf die Komtesse, dann sah er fragend aus den Herzog, der
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Freitag, den 24. Juni 1932.
Fuldaer Zeitung (Amtliches SrelsblaM
Nr. 144
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Feriensorgen der Eltern.
Die Landesverwaltung (Landeshauptmann Hessen) Kassel teilt uns mit:
Nach der neuen Notverordnung her Reichsregierung Dom 14. Juni soll den Gemeinden ein Jahresbetrag von 672 Mill. Mk. zur Erleichterung ihrer Wohlfahrtslasten zur Verfügung gestellt werden. Die Auswirkungen dieser Hilfe lassen sich vorläufig noch nicht übersehen, da die verschiedenen Verteilungsschlüssel noch unbekannt sind und vor allem auch die wichtigen Ausführungsbestimmungen noch fehlen. Natürlich ist man bemüht, die Auswirkungen der neuen Notverordnung als besonderen Vorteil für die Gemeinden darzustellen. Es ist aber nicht so zu verstehen, als ob die zur Verfügung gestellten 672 Mill. Mk. den Gemeinden durch die neue Reichsregierung in vollem Umfang erst neu erschlossen worden wären. Es bleibt zu beachten, daß das Kabinett Brüning bereits den Gemeinden eine Reichshilfe von 230 Millionen Mk. zur Verfügung gestellt hatte. Weiterhin ist zu berücksichtigen, worauf von sachverständiger kommunaler Seite besonders hingewiesen wird, daß diese 230 Millionen Mk. den Gemeinden für ein halbes Jahr, d. h. für die Zeit vom 1. Oktober 1931 bis zum 1. März 1932 überwiesen waren, so daß man — rein rechnerisch gesehen — für den Jahresbetrag nicht mit dem Betrag von 230 Millionen Mk., sondern mit dem doppelten Betrag — also mit 460 Millionen Mk. — den Vergleich ziehen muß.
Don den 672 Millionen Mk. werden dazu 7 0 Millionen M k. für in den Monaten April bis Juni bereits gezahlte Beträge und noch 20 Millionen Mk.
bedürftig und wohl mancher würde auch eine verdiente Ferienreise unternehmen, wenn nicht die Sorge um die Kinder wäre. Nicht jede Familie besitzt Verwandte oder Bekannte im Land, die einmal für ein paar Wochen die Kinder aufnehmen können und wollen.
Auch für diese besorgten Mütter und Väter, wenn sie einigermaßen über Geldmittel verfügen, ist Hilfe vorhanden. Im Bezirk Kassel allein befinden sich eine größere Anzahl Kindersolbäder: in Bad Soden (Kreis Schlüchtern), Bad Orb, Carlshafen und Sooden-Allendorf, die für verhältnismäßig geringe Tagesvergütung Kinder aufnehmen, ärztlich und gesundheitlich betreuen und
frisch und munter nach den Ferien ins Elternhaus zurücksenden. Aber auch für nochnicht schulpflichtige Kinder besteht die Möglichkeit der Unterbringung in den Heimen des Bezirksverbandes, und zwar in dem schön gelegenen Kindererholungsheim Berg-Haus S ch o ck e t a l bei Ihringshausen und in der Kinderheilanstalt R e i n - Harbshausen bei Bad Wildungen. Diese Heime nehmen Kinder von 2 bis zu 14 Jahren auf. Die Kinder werden ständig ärztlich überwacht, von geprüften Kindergärtnerinnen tagsüber betreut und beschäftigt: sie haben Spiel und Ruhe, je nach dem Gesundheitszustand des Kindes, und beide Heime bieten volle Gewähr, daß die Kinder braun gebrannt und gesund wieder in das elterliche Heim zurückkommen.
Gerade in diesem Jahre, wo jede Familie mit jedem Pfennig rechnet, und weite Ferienreisen kaum unternommen werden können, bieten die im Bezirk gelegenen, von Wald umgebenen und mit allen modernen Einrichtungen ausgesteuerten Heime eine günstige Gelegenheit zur Unterbringung der Kinder während der Schulferienzeit. Auskunft über die Unterbringungsbedingungen erteilt jedes Jugendamt, aber auch die Leiterinnen der beiden Heime und die Mteiluna G->- sundheitsfürforge beim Herrn Landeshauptmann.
In früheren Jahren waren diese Heime vollauf belegt durch hilfsbedürftige Kinder. Noch im verflossenen Jahre sind durch die Entsendestellen
Eine Schwester des Klosters St. Maria-Stern beim Unterricht in der Waldschule, die das Kloster ebnrMete, um 400 kränklichen oder schwächlichen Kindern des bayerischen Lech Bezirkes Unterricht in der gesunden WaMuft zu geben.
Die großen Ferien nahen heran und wohl jedem Haushalt werden Pläne geschmiedet, was während der Ferren geschehen soll. So manche Mutter und mancher Vater ist dringend erholungs-
Die neue WohlfahrkshUfe für die Gemeinden
Worte und Wirklichkeit.
des Landesfürsorgeverbandes über 1200 Kinder aus unserem Bezirk in Sol- und Seebäder sowie Erholungsheimen untergebracht worden. In diesem Jahre ist angesichts der Beschränkung der Mittel der öffentlichen Körper- schäften, die Entsendung von Kindern in solche Heime auf ein Drittel des Vorjahres zurückgegan- gen, so daß nur noch Selbstzahlerkinder Aufnahme in all den oben genannten Anstalten finden können. Für wohlhabende Menschen bietet sich hier auch eine Möglichkeit, einem gesund- heitlich gefährdeten Kinde minder- bemittelter Eltern zu helfen, in« dem sie die Kur kosten für ein solches Kind ganz oder teilweise uberneh- men Da sich der Gesundheitszustand der Kmder der minderbemittelten Bevölkerung, aber auch des sogenannten Mittelstandes, offensichtlich verschlech- tert, müßte gerade der Gesundheitsfürsorge verstärkte Aufmerksamkeit geschenkt werden und müßten alle Kreise darin wetteifern, das wertvollst? Gut unseres Volkes, die Heranwachsende Jugend, gesund und frisch zu erhalten!
— Cercle srancais. (Entgegen her letzten Verabredung findet der heutige Unterhaltungsabend um 20.30 Uhr irn Hochzeitszimmer .des Burgerverems statt. Zahlreiches Erscheinen erwünscht, Gaste wcll- kommen.
Fulda, den 23. Juni 1932.
Der Johannistag.
der in diesem Jahre aus einen Freitag fällt und der die Zeit der sommerlichen Licht- und Sonnenwende mit sich bringt, ist einer der volkstümlichsten Feiertage, wenn er auch nicht mehr gesetzlich gefeiert wird. Seit dem vierten Jahrhundert ist der Johannistag, der Geburtstag des heiligen Johannes (Baptist) des Täufers, von der christlichen Kirche an die Stelle des heidnischen Sommer- sonnenwendsestes gesetzt worden. Das Hauptmerkmal des Johannistages — andere Bräuche smd inzwischen verschwunden — sind noch immer die Höhenfeuer, die bis zum 12. Jahrhundert zurückreichen. In vielen Gegenden wird vor dem Sonnenwendtag von der Jugend Holz zusammengebettelt, gesammelt und zu einem Stoß geschichtet, und die Jugend springt, wenn die Feuerglut langsam erstirbt, unter fröhlichen Liedern der Umstehenden und dem Herfagen von Sprüchen über die glimmende Lohe, und in einigen Gegenden hat sich auch noch die Sitte des Johannistrunks erhalten. In Franken ist der Johannistag auch ein Gedenktag der Toten. In treuer Dankbarkeit und Liebe werden nach alter, schöner Sitte die Gräber der Verstorbenen mit den Blumen des Sommers geziert. Auch den Buchdruckern gilt der Johannistag als Ehrentag. Sie gedenken ihres Altmeisters Johannes Gutenberg, dem die geniale Erfindung der Buchdruckerkunst zu danken ist. — Nach den Bauernregeln soll am Johannistag schönes Wetrer sein: „Regen am Johannistag, nasse Ernte bringen mag" — „Vor Johannis bitt' um Regen, nachher kommt er ungelegen".
für den freiwilligen Arbeitsdienst abgezogen, in dem allerdings solche Arbeitslose beschäftigt werden sollen, die nicht aus der Arbeitslosenversicherung oder Hufen« fürforqe Unterstützung beziehen. Fernerhin ist den Ländern das Recht eingeräumt, 10 Prozent von den 672 Millionen Mk. für ihr« Spezialfonds abzu- ziehen, insbesondere für ihren Ausgletchsstock. Wie verlautet, beabsichtigt Preußen nicht, diese 10 Prozent in Abzug zu bringen. Berücksichtigt man all diese Be- träge so bleibt an Mehrüberweifungen für die Gemeinden auf Grund der neuen Notverordnung gegenüber der bisher vorhandenen Reichshilfe zwar noch etn großer Betrag übrig, der aber dennoch bei weitern nicht zur Deckung eines kommunalen Defizits von rund 750 Millionen Mk. ausreicht.
Beteiligt werden an der Verteilung nur die B e- z irksfürforgeverbände. Als Voraussetzung für eine Beteiligung ist vorgeschrieben, daß alle gesetz- lich zugelasfenen ober vorgeschriebenen Steuern in der „erforderlichen Höhe ausgenutzt" worden sind. Was unter der „erforderlichen Höhe" zu verstehen ist, ist tm Gesetz nicht gesagt. Dafür aber einheitliche Satze aufzustellen, ist bei dem außerordentlich verschiedenen Bedarf der einzelnen Gemeinden wohl kaum möglich. Außerdem ist bestimmt, daß der Person al auf. wand im angemessenen Verhältnis zu dem tatsächlichen Bedarf stehen muß. Weiterhin dürfen die laufenden Unterstützungen in der gemeindlichen Wohl- fahrtspslege, auf die einzelnen Parteien gerechnet, das Maß des Erforderlichen und Angemessenen" nicht überschreiten. Diese Vorschrift dürfte unter den heutigen Verhältnissen und nach der neuen Kürzung der Unter- stützungssätz« wohl kaum irgendwie verletzt fern. Eine völlig neue Bestimmung besagt, daß nur dann die Be- zirksfürsorgeverbönde eine Beteiligung an der Reichs» wohlfahrtshilse zu erwarten haben, wenn sie eine Haushalts-Kassen- und Rechnungsart), n u n g satzungsgemäß festgestellt haben, soweit das Lau- desrecht eine solche Bestimmung noch nicht vorgeschrie- den hatte. , _ . , _
Für die Verteilung der auf die einzelnen Be» zirksfürsorgeverbände entfallenden Summe ist von der Zahl der Wohlfohrtserwerbslofen an bestimmten Stichtagen auszugehen, wobei der Stichtag von vornherein beweglich gedacht ist und wahrscheinlich monatlich oder alle zwei Monate neu festgesetzt werden soll. Di« näheren Bestimmungen hierüber werden noch in den Durchführungsvorschriften zu treffen sein.
Interessant ist die Begriffsbestimmung, wer als Wohlfahrtserwerbsloser für bte Berechnung der Zahl der Wohlfahrtserwerbslosen gelten soll. Wohlfahrtserwerbslos im Sinne dieser Vorschrift ist nur ein Arbeitnehmer (nicht also ein unterstützungsbedürftig gewordener bisher Selbständiger), der arbeitsfähig, arbeitswillig und unfteiwillig arbeitslos geworden ist, nicht älter als 60 Jahre ist und in dauernder Kontrolle des Arbeitsamtes steht, der weiterhin eine laufende Unterstützung aus der öffentlichen Fürsorge bezieht.
Für die Verteilung der Wohlfahrtslasten aus die einzelnen Bezirksfürsorgeverbände sind zu unterscheiden die städtischen und die ländlichen Bezirksfürsorgever- bände. Dabei ist eine Vorschrift besonders zu berücksichtigen, daß die Zahl der Wohlfahrtserwerbslosen in den städtischen Bezirksfürsorgeoerbänden und solchen Gemeinden der ländlichen Bezirksfürsorgeverbände, bie in ben Ortsklassen A unb B eingereiht finb, künstlich er- höht wirb. Für bie Verteilung her für bie städtischen Bezirksfürsorgeverbände zur Verfügung stehenden Beträge werden diese Verbände in fünf Gruppen einge-
Stadtschule.
Die erste Sitzung des neugewählten Eltern- betrats findet statt Freitag, den 24. Juni, abends 7.30 Uhr, nicht 8 Uhr, im Lehrerzimmer (Zimmer 17) der Anstalt. In chr wird u. a. der Vorstand gewählt. Zuvor soll eine Besichtigung der Schute vorgenommen werden. Da dies nur bet Tageslicht geschehen kann, wird um pünktliches Erscheinen der ElternbeiratsmitAieder gebeten.
Aus dem Jahresbericht des Rhönklubs.
Wie aus dem Jahresbericht des Rhönklubs hervorgeht, zählt der Rhönklub 74 Zweigvereine mit 8394 Mitgliedern. Trotz der Wirtschaftsnot konnte die erfolgreiche Arbeit im Sinne der Förderung des Heimatgödankens wsi- tergeleistet werden. Es wurden allein 1000neue Wegweiser aufgestellt. Freudig begrüßt wird di« Errichtung einer Jugendherberge in Dermbach Nach der Jahresrechnung betragen die Einnahmen 17 069 Mk. und die Ausgaben 17 979 Mk., so daß eine Mehrausgabe von 910 Mk. zu verzeichnen ist. Die Rechnung des Verkehrsausschusses schließt mit einem Ueberschuß von 364 Mk. Di« Hauptversammlung findet diesmal im Süden des Rhöngebietes, in Hammelburg, statt. Zur Beratung stehen neben den Gefchäfts- angelegenheiten Anträge auf Unterstützung der in Not geratenen Zweigvereine, die Hütten gebaut haben. Den erwerbslosen Mitgliedern sollen die Beiträge für die Dauer der Erwerbslosigkeit gestundet werden.
Umzüge und Versammlungen unter freiem Himmel.
Die Pressestelle der Regierung teilt mit: Der Regverungspräfident in Kassel hat die Landräte und selbständigen PÄizeiverwalter seines Bezirkes ermächtigt, Ausnahmen von dem gemäß Anordnung des preußischen Ministers des Innern vom 31. Oktober 1931 bestehenden Verbot von Versammlungen und Umzügen unter freiem Himmel für völlrg unpMtische Veranstaltungen unpolitischer Vereinigungen (Schützen-, Gesangs-, Turn- und Sportvereine u. dergjl.) in seinem Namen zu- Mlaffen. Für unpolitische Veranstaltungen poli>- tischer Vereinigungen sowie für solche mit größerer Teilnehmerzahl und einer ihrer Natur nach über den Veranstaltungsovt hinausgehenden Bedeutung hat sich der Regierungspräsident die Erteilung der Genehmigung Vorbehalten. Sämtliche einschlägigen Anträge sind bei den in Betracht kommenden Ortspolizeibehörden einzureichen, _ die sve der zuständigen Genehmigungsbehövde weiter- lleiten. Zur Behebung von lautgewordenen Zwei- feltt macht der Regierungspräsident darauf aufmerksam, daß das im preußischen Staatsgebiet gMende Verbot von Versammlungen und Umzü- aen unter freiem Himmel durch die Notverordnung
des Herrn Reichspräsidenten gegen politische Aus- chreitungen vom 14. Juni dieses Jahres nicht aufgehoben worden ist.
Die Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes läßt nach.
Die Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes hat merklich nachgelassen. Wahrend in der vorigen Berichtszeit, nach den Feststellungen des Lan- desarbeitsamtes Hessen, die Zahl der Arbeitsuchenden in Hessen und Hessen-Nassau um 3039 zurückgegangen ist, ist vom 1.—15. Juni nur ein Abgang von 715 zu verzeichnen,, so daß jetzt 322 864 (269 480 männliche und 55 384 weibliche) bet den Arbeitsämtern gemeldet sind. In 6 von 18 Arbeitsamtsbezirken ist die Arbeitsuchendenziffer bereits wieder (um 1640) gestiegen. Auch rn den meisten Berufsgruppen ist schon wieder eine leichte Zunahme zu beobachten. Die Zahl der Unterstützten m der Arbeitslosenversicherung ist um 4940 auf 48002 zurückgegangen, die der Krisenunterstützten um 1135 auf 85 609 gestiegen.
Kennzeichen für gehörlose Radfahrer.
Die gehörlosen oder schwerhörigen Radfahrer smd den Gefahren der Straße in weit höherem Maße ausgesetzt als andere Wegebenutzer. Sie dürfen die gelbe Armbinde mit den drei schwarzen Punkten tragen, aber diese Armbinde hat sich für Radfahrer nicht so gut bewährt wie bei Fußgänger. Dce Haltung der Arme beim Erfassender Lenkstange bringt in den meisten Fällen die Armbinde aus dem Sehkreis der dem Radfahrer folgenden Fahrzeuglenker. Auf Wunsch der Vereine taubstummer Radfahrer hat der Bund deutscher Radfahrer ebn dreieckiges Schild geschaffen,, das auf 'gelbem Grunde die drei schwarzen Punkte zeigt. Dieses Schild wird am hinteren Rahmen angebracht. _______________
mit zusammengezogenen Brauen ben Ausruf Bettinas vernommen hatte, unb sagte in höflichem, ruhigen Ton, während ein bünnes Lächeln seinen Mund umzuckte: „Mademoiselle scheinen mich zu verwechseln . . . mein Nam« ist Jochaim von Erken."
Bettina stand in namenloser Verwirrung dem Rittmeister gegenüber. Eine Blutwelle hatte ihr Gesicht übergossen. Langsam strich sie mit dem Rücken der Hand über ihre Stirn«, als wollt« sie einen bösen Traum verscheuchen.
„Sie kennen also die Dam« nicht?" fragte der Herzog, und ein leiser Unterton von Zweifel schwang in seiner Stimme mit.
„Nein, Hoheit. Ich seh« bie Gnädigste heute zum erstenmal in meinem Leben", antwortete Erken unb blickte dem Herzog gerade unb offen in bas Gesicht. „Es wird wohl eine gewisse Aehnlichkeit meiner Person mit jenem Iwan Schuld an der Verwechslung sein."
Das junge Mädchen bebte am ganzen Körper. Sie war nah« daran, Erken ins Gesicht zu schreien: „Du bist Iwan ... so täuschen kann ich mich nicht! Warum verleugnest du dich!" Aber bann besann sie sich. Mit Aufbietung ihrer ganzen Kraft riß sie sich zusammen unb sagte, mühsam ihre Erregung bemeifternb: „Es wirb wohl so sein, baß mich eine frappante Aehnlichkeit bes Herrn von Erken mit bem russischen Offizier irregeführt hat."
Der Herzog maß dem Zwischenfall jetzt, wo er ja feine Aufklärung gesunden zu haben schien, keine weitere Bedeutung mehr bei. Wie sollte ein russischer Offizier als deutscher Rittmeister Adjutantendienst bei ihm versehen. Schon diese Tatsache allein bewies, daß Bettina von einer zufälligen Aehnlichkeit zwischen ben beiden Männern getäuscht worden war. Völlig beruhigt wandte er sich an den Rittmeister und erklärte mit sichtlichem Stolz: „Hier stelle ich Ihnen di« Komtess« von Hauenstein vor, meine Braut."
Erken antwortete mit militärischer Verbeugung:
„Meinun untertänigsten Glückwunsch, Hoheit."
Fünftes Kapitel.
In bem kleinen Rokokopalais, bas der durch Napoleon vertriebenen Familie Schmetiow gehört hatte, und
das durch (eine fein gegliederte Architektur, durch feine elegant profilierten Linien und bas prächtig geschnitzte Eingangstor bem Hauptplatz bes Städtchens besonderen Reiz verlieh, war um bie gleiche Zeit Vicomte be Semour mit ber Abfassung eines Berichtes an Napoleon über bie Spionageaffäre beschäftigt.
Der nicht sehr große, mit kostbaren Wand- und DeckengemAben geschmückte Ballsaäl bes Palais, bas jetzt Eigentum der ftanzöstschen Regierung war, war zum Arbeitszimmer des Gesandten umgeroanbelt worden. Nahe einem der hohen Fenster, vor dem jetzt bie Vorhänge zugezogen waren, um bie hereindringenden Sonnenstrahlen abzuhalten, befand sich ber große, breit ausladende Schreibtisch des Vicomte.
Semour hat den linken Ellenbogen aufgestützt und den Kopf auf die Hand gelegt und starrte unschlüssig auf das vor ihm liegende Papier, wahrend er mit bet rechten Hand ben oberen, beseberten Teil der Steife« ber nachdenklich an den Mund drückte wie jemand, bet sich besinnt, was er eigentlich schreiben sollte.
Irgend etwas Sicheres vermocht« Semour bezüglich der Spionageaffäre bem Kaiser nicht zu melden. Er mußte sich daher auf Vermutungen beschränken, bi« er durch eine geschickte Darstellung und durch eine eingehende Schilderung ber zarten Beziehungen zwischen bem Herzog und der Komtess« von Hauenstein zur Gewißheit umzustempeln suchte.
Eben wollte er die Feder wieder ansetzen, als an ber Tür geklopft würbe. Er war etwas ärgerlich über bte Störung, hatte er doch ausdrücklich befohlen, jetzt niemand vorzulassen. Auf fein ungehaltenes „Herein erschien ber Geheimsekretär Poffson.
„Was wollen Sie? Sie wissen, ich habe zu arbeiten", sagte ber Vicomte ein bißchen brüsk.
Poisson entgegnete beinahe etwas feindselig: „Unb ich habe gearbeitet, Herr Vicomte." Er zog einen Stoß Papiere aus der Brusttasche und breitete sie vor Semour auf bem Tisch aus.
Fortsetzung folgt.