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FuldaerZertung
Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
Nr. 143
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt tm Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift- :: leitung 3153, Fuldaer Actiendruckerei 3151 und 3152. ::
Donnerstag, 23. Juni 1932.
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Wg. 59.
Gens—Lausanne. Lausanne—Gens.
Die Schwierigkeiten beginnen erst. — Reichskanz- ler bleibe fest.
Seit Sonntag, seit dem politisch bedeutsamen Telefongespräch des amerikanischen Präsidenten Hoover mit dem Hauptdelogierten der amerikanischen Abrüstungskommission in Genf, Gibson, sind plötzlich die wechselseitigen Beziehungen zwischen Abrüstung und R e pa r a t i ons- Problem bezw. Abrüstung und Schuldenproblem sichtbar in die Erscheinung getreten. Genf und Lausanne stehen im engsten Zusammenhang, das zeigt die Entwicklung der Lausanner Konferenz, das zeigt Macdonalds Zwischenaufenthalt in Genf. Zwar weigern sich die Amerikaner, nach Lausanne zu kommen, weil vor der amerikanischen Präsidentenwahl die amerkanische Regierung das Schuldenproblem nicht aufrollen will. Auf der anderen Seite aber wünscht man in Amerika zu Beginn des amerikanischen Wahlkampfes am 1. Juli einen sichtbaren Erfolg in der Abrüstungsfrage. So auch ist das Telefongespräch des amerikanischen Präsidenten nach Genf hin zu verstehen. Es war ein energischer Appell, endlich mit den Debatten Schluß zu machen und zu einer Lösung zu kommen. Auch in Amerika gilt heute mehr denn je das Wort Mussolinis und des Reichskanzlers Brüning in seiner letzten Reichstagsrede, daß die Welt der Konferenzen müde sei und einen Fortschritt der Verhandlungen und eine Erlösung sehen und erleben wolle.
In der amerikanischen Oeffentlichkeit bricht sich der Gedanke auch immer mehr Bahn, daß das S ch u l d e n p r o b l e m die Weltwirtschaft belastet, und daß mit diesen Schulden auf irgend eine Weise Schluß gemacht werden muß, um endlich die wechselseitigen Handelsbeziehungen und Wirtschaftsbeziehungen der Völker untereinander wieder in Fluß bringen zu können. Rur so kann man die Welt aus dieser Krise befreien zum Nutzen aller Völker. Die Nachgiebigkeit bezüglich des Schuldenproblems bereitet sich in Amerika immer mehr vor. Aber um diese Frage aufzurollen, verlangt Amerika ein sichtbares Fort schreiten in der Ab- r ü stun g s fr a g e. Die Rüstungen bedrohen nicht nur dauernd den Weltfrieden und verhindern den neuen friedlichen Aufstieg, sondern sie belasten gleichzeitig auch die Etats der Nationen, und Amerika vertritt nach wie vor den richtigen Standpunkt, so lange die Nationen genügend Geld für Rüstungen haben, so lange können und müssen sie in erster Linie ihren Schuldverpflichtungen nachkommen. England, das den amerikanischen Standpunkt kennt und billigt, versucht darum mit aller Energie zu einem Kompromiß zu kommen, weil England unter dem Schuldenproblem, dem Reparationsproblem und der Weltwirtschaftskrise nach Deutschland wohl am meisten in Mitleidenschaft gezogen ist. Und da setzen erst die Schwierigkeiten ein, die jetzt in ihrer ganzen Schwere in Genf-Lausanne in dem ganzen Fragenkomplex zutage getreten sind.
Zu einem Kompromiß zu kommen, der die Zustimmung von Frankreich und Deutschland gleichzeitig findet, scheint heute bei dem unversöhnlichen Standpunkt Deutschlands und Frankreichs noch vollständig ausgeschlossen zu sein. In der Abrüstüngsfrage wie in der Reparationsfrage spielt Frankreich immer wieder den Gedanken der Sicherheit hinein. An und für sich wäre es bereit, schon weil das Kabinett Herriot sich auf die Unterstützung der Sozialisten verlassen muß, etwa 10 Prozent seiner militärischen Ausgaben zu streichen, wäre auch vielleicht bereit, dem amerikanischen Verlangen Rechnung zu tragen in der Frage der Herabsetzung seiner Mannschaftsbestände und ebenso bezüglich eines Rüstungsstillstandes der im Versailler Vertrag aufgeführten schweren Angriffswaffen. Aber diese Bereitwilligkeit will Frankreich, das tritt immer mehr zutage, nur zeigen, wenn die neue deutsche Regierung den vom Kabinett Brüning so geschickt aufgeworfenen und vertretenen und von Amerika gebilligten Standpunkt der Gleichberechtigung in der Rüstungsfrage aufgibt. Ferner strebt Frankreich immer sichtbarer darauf hin, diese Abrüstungsfrage mit einem politischen Waffenstillstand, sei es nun für 5> 10 oder 15 Jahre zu verquicken, der letzten Endes die Anerkennung des Status quo von Versailles und das schon häufig in die Debatte geworfene „Ostlocarno" durchsetzt. Beides ist für Deutschland völlig unannehmbar-
In der Reparationsfrage tritt Herriot immer energischer für Frankreichs Rechte aus seinen Verträgen, besonders aus dem Poung- plan, auf. Selbst nach Erlaß der amerikanischen Schulden will Frankreich nicht auf Reparationsleistungen verzichten, sondern drängt immer deutlicher auf eine Abschlußzahlung. Herriot hat hier bereits auf die selbst nach amerikanischem Schuldennachlaß noch verbleibenden Iahreszahlun- gen von 360 Millionen Goldmark aus dem Poung- plan hingewiesen. Diese Restzahlungen will man kommerzialisieren, sei es durch Ausgabe von Eisenbahn- oder Jndustrieobligationen. Und hier zeigt sich das ganze Verhängnis unseres von der Rechtsopposition so lebhaft begrüßten „Systemwechsels" durch den Sturz der Regierung Brüning. Das harte „N e i n", das für Lausanne eine Angrisfs- position gab, ist v e r w ä s s e r t. Die deutsche Regierung von Popen, die sich außenpolitisch nicht mit derselben Schärfe ausgesprochen hat, ist in die Defensive gedrängt worden und Horriot in die Offensive übergegangen. England, das im Grunde seines Herzens mit Italien für deutsche Auffassung der Annullierung aller Reparationszahlungen eintreten möchte, will aber aus begründetem Eigeninteresse einen Erfolg in Lausanne, eine Lösung der Reparationsfrage und damit der Weltwirtschaftskrise. Nun hat Herriot geschickt den Gedanken in die Debatte geworfen, daß Deutschland viel besser dastehe und sich viel schneller erholen könne, wenn es von allen Zahlungen befreit wäre. Also auch hier wieder die „S i - ch e r h e i t" Frankreichs mit im Vordergründe,
kerrl bleibt preußischer Laudlagspräsideul Das Zentrum übt Stimmenthaltung. — Die Wahl des Ministerpräsidenten wird vertagt.
Der Mittwochsitzimg des Preußischen Landtags sieht mau mit großer Spannung entgegen. Aus der Tagesordnung stand ursprünglich neben der endgültigen Abstimmung über das Land- tagspräsidinm auch die Wah 1' desMini- sterpräsidenten. Im letzten Augenblick ist aber die Wahl des Ministerpräsidenten von der Tagesordnung abgesetzt und bis nach der Reichstagswahl vertagt worden. Der Wunsch ging von den Nationalsozialisten chis, in deren Auftrag Landtagspräsident Kerrl einen Brief an den Vorsitzenden der preußischen Zentrumsfraktion richtete, in dem er die Hoffnung aus sprach, daß sich das Zentrum der Anregung anschließen werde. Die Zentrumssraktion erklärte sich in ihrer Sitzung am Dienstagabend mit dem Vorschlag des Land- tagspräsidenten Kerrl einverstanden, womit eine Mehrheit für die Hinausschiebung der Wahl des Ministerpräsidenten für die Plenartagung am Mittwoch gegeben war.
Im weiteren Verlaus ihrer Sitzung am Dienstagnachmittag beschäftigte sich die Zentrumsfrak- tton des Preußischen Landtags mit der für Mittwoch vorgesehenen endgültigen Wahl des Landtagspräsidenten Es wurde in dieser Frage ent Beschlüß nicht gefaßt, sondern die Entscheidung auf Mittwoch vertagt. — Wie in Zentrums kreisen verlautet, ist die Stimmung der Fraktion, die ursprünglich für die endgültige Wahl des Präsidenten Kerrl war, im Lause bet Verhandlungen umgeschlagen, und zwar hauptsächlich wegen der gemeinen Schmährede, die der nationalsozialistische Führer im Preußischen Landtag Abg. Kube kürzlich gegen das Zentrum gerichtet hatte.
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VDZ. Berlin, 22. Juni. (Gig. Meld.) Die Sitzung der Zentrumssraktion des Preußischen Landtags, der hinsichtlich der Wahl des endgültigen Präsidiums die größte Bedeutung zugemessen wurde, war bet Beginn der Beratungen des Ael- testenrats in den Mittagsstunden noch nicht zu einem Beschluß darüber gelangt, ob das Zentrum für die Wiederwahl des nationalsozialistischen Präsidenten Kerrl stimmen werde obepT nicht, am Raum für weitere Fraktionsbesprechungen zu gewinnen, beschloß das Zentrum im Aeltestenrat die Vertagung der heutigen Plenarsitzung um eine Stunde zu verlangen. Mei das Nachrichtenbüro des VDZ. weiter melbejt, beschloß die Zentrumspartei, noch einen Bries an die nationalsozialistische Fraktion zu richten, worin der Wunsch des Zentrums aus Vertagung der Wahl des Landtagspräsidenten damit begründet wird, daß die Nationalsozialisten Gelegenheit bekämen, ihre Stellung zum Zentrum zu revidieren gegenüber den
schweren Angriffen, die Abg. Kube im Landtagsplenum gegen das Zentrum gerichtet hatte.
Nach einer abermaligen Sitzung nach dem Aeltestenrat beschloß die Zentrumsfraktion, bei der endgültigen Wahl des Landtagspräsidenten werße S t im men th altung s z e 11 e l abzugeben, womit die Beschlußfähigkeit des Hauses gesichert ist. Da die Naiiionalsozialfften und Deutschnationalen mit zusammen 193 Stimmen für den Abgeordneten Kerrl als endgültigen Landtagspräsidenten stimmen werden, ist durch den Beschluß des Zentrums die endgültige Wahl des Abgeordneten Kerrl gesich ert.
Sitzung des Aeltestenrats.
Der Aeltestenrat des Preußischen Landtages setzte bei Beginn seiner Verhandlungen die heutige Plenarsitzung, die um 13 Uhr beginnen sollte^ auf 14 Uhr fest.
Einem Antrag der Sozialdemokraten, die endgültige Wahl des Landtagspräsidiums von bet Tagesordnung des Landtags abzusetzen, wurde nicht entsprochen.
Im übrigen beschloß der Aeltestenrat, die Redezeit für die heute beginnende Aussprache über eine Reihe von Schul- und Kulturanträgen auf zwei.Stunden zu bemessen. .Die dritte Beratung und die Abstimmung über die A m - nestievorlagen soll am Freitag stattfinden. In einer aus Freitag vormittag anberaumten neuen Sitzung des Aeltestenrats soll die weitere Geschäftslage des Landtages, insbesondere die Frage erörtert werden, wann der Haushaltsplan für 1932, Hessen Nachtrag dem Landtag, immer noch nicht zugegangen ist, zur ersten Lesung im Landtag gestellt werden soll.
Arn Donnerstag soll auch der sozialdemokratische Antrag gegen den Landtagspräsidenten Kerrl auf die Tagesordnung gesetzt werden. Im Anschluß an den Aeltestenrat fanden wieder Fraktionssitzungen statt. » 1 ■
Kamps gegen die Arbeitslosigkeit.
Reichshaushültsplan und Arbeitsbeschaffung.
cnb. Berlin, 22. Juni. (Eig. Meld.) Wie von zuständiger Stelle mitgeteilt wird, sind für Arbeitsbeschaffung im Reichshaushaltsplan für das Jahr 1932 eingesetzt: für landwirtschaftliche Siedlung 50 Millionen, für freiwilligen Arbeitsdienst 40 Millionen und für die Gesellschaft für öffentliche Arbeiten rund 50 Millionen.
Eine Wendung in der Abrüstüngsfrage?
Scharfer englisch-amerikanischer Druck aus Frankreich.
Die amerikanischen Hauptdelegierten auf der Genfer Abrüstungskonferenz, Botschafter Gib - f o n und Norman Sanis, statteten Dienstag nachmittag dem englischen Premierminister M a c - donald in Lausanne einen eineinhalbstündigen Besuch ob, in dem nach der Aussage Gib- sons lediglich das Abrüstungsproblem besprochen wurde. Dieser Besuch soll eine direkte Folge der Zusammenkunft zwischen Herriot und Gibson gewesen sein und man soll sich bemüht haben, für die nächste Einberufung des Hauptausschusses der Abrüstungskonferenz eine Form zu finden.
Es besteht jetzt allgemein kein Zweifel mehr, daß die amerikanische und die englische Regierung gegenwärtig auf die französische Regierung den stärk st en Druck ausüben, damit sie in der Abrüstungsfrage ihren bisherigen Standpunkt auf gibt und durch Zugeständnisse eine Einigung ermöglicht. Die fortgesetzt stattfindenden Abrüstungsbesprechungen in Lausanne und Genf werden in Lausanne allgemein als eine neue starke Belebung der Abrüstungs- frage aufgefaßt, die neue Entscheidungen in der allernächsten Zeit heranreifen läßt.
Einer englisch-französischen Abrüstungsformel entgegen?
Von englischer Seite wird festgcstellt, daß die Besprechungen zwischen Herriot und Macdonald weitergehen, und zwar angesichts der Schmierigkeiten mit gutem Fortschritt. Es scheint, daß man sich, wenn auch mit großer Mühe, allmählich einer Formel nähert. In diese Formel sollen, wie verlautet, die Fragen der Luftfahrt, der budgetären Beschränkung der Heeresstärke und der chemischen und bakteriologischen Abrüstung einbezo-
und wenn England das auch nicht offiziell zugeben will, so ist ihm natürlich auch nicht unwillkommen, wenn Deutschland niedergehalten wird. So tritt denn Macdonald mit aller Energie an die Frage des Kompromisses heran, das aber nur Erfolg verspricht, wenn er dem französischen Gedanken Rechnung trägt. Hier häufen sich also für den bisherigen deutschen Standpunkt „keine Reparations.zab- lungen mehr" und das „wirtschaftlich unmöglich" für weitere deutsche Zahlungen Schwierigkeiten über Schwierigkeiten. Mit größer Sorge verfolgen wir die Beratungen unserer deutschen Delegation und haben nur den einen Wunsch: „Reichskanzler bleibe fest!"
gen werden. Ferner hört man, daß Amerika sich augenblicklich nicht an europäischen Finanzfragen interessiere, aber ein sehr reges Interesse an den Abrüstungsproblemen zeigt. Die Gespräche werden in Lausanne und in Genf in diesem Sinne fortgesetzt.
Amerika erwartet rasche Entscheidung.
wtb. Washington, 22. Juni. (Reuter.) Wie aus den Kreisen des Staatsdepartements verlautet, ermattet man hier, daß die Abrüstungskonferenz innerhalb zwei oder drei Tagen zu einer Entscheidung kommt, entweder in negativem oder in positivem Sinne.
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wtb. London. 22. Juni. (Eig. Meld.) Die Blätter sind — trotz des Washingtoner Dementis — davon überzeugt, daß Gibson tatsächlich Herriot gegenüber darauf hingewiesen hat, daß die ösicnt- liche Meinung der Vereinigten Staaten kein Zugeständnis in der Schulden frage dulden werde, wenn nicht seitens Europas e in Beweis guten Willens in der Abrüstungsfrage erfolge. In Leitartikeln erklärt eine Anzahl Blätter die Auffassung Amerikas für durchaus berechtigt
Hauptausschuß der Abrüstungskonferenz tritt zusammen.
wtb. Lausanne, 22. Juni. (Eig. Meld.) Wie verlautet, soll der Hauptausschuß der Abrüstungskonferenz für heute nachmittag 4.30 Uhr in Genf auf besonderen Wunsch des Präsidenten Hoover zu einer Vollsitzung einberufen werden. Er wird zu den Sckrit- ten Stellung zu nehmen haben, die von Gibson gestern und vorgestern hier unternommen worden sind. An dieser Sitzung wird Rcichsaußenrninister Frhr. von Neurath teilnehmen.
Auf der Tagesordnung steht als einziger Punkt: Erklärung der amerikanischen Delegation. Man nimmt an, daß Gibson die Gelegenheit benutzen wird, um die Gesamthaltung der amerikanischen Regierung zur Abrüstungsfrage und zum jetzigen Stand der Abrustnngsvcr- handlungen darzulegen. Man sieht in allen Konferenzkreisen der in Aussicht gestellten Erklärung mit großer Spannung entgegen.
Die „Bayerische Staatszeitung" schreibt zu der Ministerkonferenz in Berlin, es wäre ganz fehl am Platze, wallte der Reichsinnenminister den Vertretern der Länder gegenüber, die eine eigene Regelung in der Uniformfrage für zweckmäßig befunden haben, den scharfen Ton anschla» gen, der ihm von den Nationalsozialisten und neuerdings auch vom R e i ch s w e h r m i n i st e r i u m her s o d r i n- genb empfohlen werde. Mit militärischem Ton oder gar mit Zwangsmaßnahmen gegen die Länder sei schwerlich dort etwas zu erreichen, wo das Recht stehe und die Pflicht, das zu tun, was den eigenen Ländern den Frieden sichere. Der bayerische Innenminister befinde sich in einer Lage, die allen anderen eher als der Rolle eines Angeklagten gleiche. Die Zusammenstöße mit unifor- mierten Parteigängern in Norddeutschland hätten ihm eher dieRolleeinesMahnersandis Reichsregierung zugeteilt. In der Bekämpfung dieser blutigen Ausschreitungen sei die Energie der Reichsregierung weit besser verwendet,' als in einem Kampf gegen die Länder, die mit besseren Maßnahmen das schon erreicht haben, was in Nord» deutsch! and leider noch in weiter Ferne zu stehen scheine.
Bayerischer IHinifferrat
CNB. München, 22. Juni. (Eig. Meld.) Vor der gestern abend erfolgten Abreise des bayerischen Innenministers Dr. Stütze! und der ihm beigegebenen juri- stischen Berater nach Berlin fand ein Ministerrat statt, in dem über die bei der Konferenz der Innenminister einzuhaltenden Richtlinien Beschluß gefaßt wurde. Bayern wird, wie verlautet, an seinem Rechte, ein Uniformverbot aus eigener Machtbefugnis zu erlassen, und seine Dauer selbst zu bestim- men, unbedingt festhalten. Gegen anders gerich- tete Meinungen würde es das Urteil des Staatsgerichtshofes beim Reichsgericht anrufen. Auf dieser Rechtsbasis könne seiner Auffassung nach ein Konflikt vermieden werden.
3nnenminiffertonferen$ zusammengelrelen.
CNB. Berlin, 22. Juni. (Eig. Meld.) Die für heute vormittag 11 Uhr einberufene Konferenz der Innenminister der Länder, ist, wie wir erfahren, zur angegebenen Zeit im Reichsinnenministerium unter Vorsitz des Reichsinnenministers Frhr. von Gayl zusammengetreten.
Die Besprechungen sollen ohne Unterbrechung zu Ende geführt werden. Man hofft, in der drit, ten Nachmittagsstunde zu einem Abschluß zu gelangen,
Der Konflikt mit den Ländern.
Am das Aniformverbol. — Die neue Länderkonfe- renz. — Die Pläne des Reichsinnenministers.
In politischen Kreisen sieht man mit großem Interesse Ö6r auf Mittwochvormittag 11 Uhr an- gesetzten Konferenz des Reichsinnenministers mit den Vertretern der Länder entgegen. Man rechnet mit einer eingehenden Aussprache über die innenpolitischen Spannungen, die in dem Verhältnis zwischen Reich und Ländern wegen der Durchführung der Notverordnung über das Uniformtragen eingetreten sind. Die Situation hat sich zudem durch die kommunistischen Ausschreitungen verschärft, die auch heute wieder namentlich aus Rheinland und Westfalen gemeldet worden sind.
Den Auftakt zu dieser Besprechung bildete der Besuch Hitlers und seiner engeren Mitarbeiter am Montag beim Reichsinnenminister, demgegenüber die nationalsozialistischen Führer mit Nachdruck die Aufhebung des Uniformverbotes auch in Süddeutschland gefordert haben sollen. Der Reichsinnenminister soll Hitler zugesagt haben, seinen Wünschen nach Möglichkeit Rechnung zu tragen. Die unter dem Einfluß Hilgenbergs stehende Telegraphenunion berichtet über die Pläne der Reichsregierung folgendermaßen:
„Man ist auch in den Kreisen der Reichsregierung der Ueberzeugung, daß die allgemeinen Uni« formverbote in Bayern und Baden über das, was den Ländern im Rahmen ihrer Polizeihoheit zu- steht, hinausgehen und glaubt, in der morgigen Besprechung die Länder auch von dieser Tatsache überzeugen zu können. Es ist beabsichtigt, den betreffenden Ländern eine kurze Frist für die Aufhebu ng der Uniformoerbote zu stellen, damit sie Gelegenheit haben, evtl, nötige Uebergangsmaßnahmen zu schaffen. Sollte auf dieser Grundlage ein Einverständnis mit den Ländern nicht erzielt werden können, hat man die Absicht, die Frage des Uniformtragens allgemein reichsgesetzlich zu regeln, u nb zwar durch eine Notverordnung des Reichspräsidenten auf Grund des Artikels 48. In dieser Notverordnung würde zum Ausdruck kommen, daß allgemeine Uniformverbote nur vom Reich erlassen werden können. Für die Länder wird im einzelnen bestimmt werden, wann und in welchem Umfange sie in einzelnen Fallen selbständig vorgehen können."
-• Die der Regierung nahestehende „Deutsche Allgemeine Zeitung" schreibt, daß als dritte Möglichkeit, die Verhängung des Ausnahme- zu st and es über das Reich erwogen werde. .
„Seltsamerweise", so meint die „Germania zu den.oben angegebenen Lösungen, „scheint der naheliegende Gedanke, den früheren Zustand durch Wiedereinführung des Verbotes wiederherzu st eklen, nicht erwogen zu werden. Dieser Weg würde voll und ganz der Tatsache entsprechen, daß Reichspräsident und Reichsregierung die Aufhebung des Uniform- Verbotes nur mit größtem Bedenken vor« genommen und für den Fall schädlicher Wirkungen mit großem Ernste neue Mgßnahmen angekündigt haben. Die Bedenkender Reichsregierung haben sich mit einer Schnelligkeit und in einer so drastischen Form als gerechtfertigt heraus- geftellt, daß sie verpflichtet sein sollte, im Sinne ihrer Ankündigungen zu Han- d e l n." i