Nr. 134
Sommersbeginn.
Von Nikolaus Lenau.
An ihren bunten Liedern klettert Die Lerche selig in die Luft;
Ein Jubelchor von Sängern schmettert Im Walde voller Blut' und Dust.
Da sind, so weit die Blicke gleiten, Altäre festlich aufgebaut, Und all die vielen Herzen läuten Zur Liebesfeier dringend laut.
Der Lenz hat Rasen angezündet An Leuchtern von Smaragd im Dru" Und jede Seele schwillt und mündet Hinüber in den Opferstrom.
Vergiftet das Auto die Luft?
wieviel Menschen sterben in der Garage? — Auch in der Unfallstatistik zeigt sich die Trunksucht der Amerikaner. — Interessante Untersuchungen der Berliner und Dresdener Luft.
Don Dr. L. H. Kramer.
Infolge der Unsallverhütungsvorschristen und der durch die Preise geförderten Aufklärung ist die Anzahl der Vergiftungen durch Auspuffgase in der letzten Zeit erheblich zurückgegangen, wenn auch genauere Angaben hierüber leider nicht vorliegen. Angeblich sollen im Jahre 1925 in Preußen 259 Todesfälle in Garagen, davon vier Fünftel durch Einatmen von Auspuffgasen, vorgekommen sein, ein« Zahl, die sich 1926 um 17 verringert«, ober keiner Nachprüfung standhielt. Die 1927 vom Reichsverb, der Berufskraftfahrer veranstaltete Umfrage, die sich räumlich auf 600 Orte, sachlich aus alle im Automobilbetrieb vorkommenden Vergiftungen erstreckte, stellte nur noch 81 Unfälle dieser Art fest, davon 26 mit tödlichem Ausgang. Schließlich hat das Reichsversicherungsamt sämtliche gewerblichen Berufsgenossenschaften ausgefordert, über die in den Jahren 1927-28 gemeldeten Unfälle durch Auspuffgase oder Treibstoffdämpfe zu berichten. Danach ereigneten sich während dieser Zeit« 175 Unfälle dieser Art; in 21 Fällen führte das Einatmen von Auspuffgasen zum Tode.
Von einer restlosen oder gar statistischen Erfassung von Vergiftungen dieser Art kann also kein« Rede sein, und die vielfach recht hohen Zahlen, die oftmals über Unglucksfälle durch Treibstoffdämpfe verbreitet werden, darf man ohne weiteres als Uobertreibungen betrachten. Daß solche Schädigungen zweihundertmal oder noch häufiger zum Tode gefichrt hätten, muß als eine jeder Grundlage entbehrende Behauptung zurück- gewiesen werden. Das gilt auch von den amerikanischen Meldungen, die für den Winter 1930=31 über 200 Vergiftungen durch Methylalkohol festgestellt sehen wollen. Wahrscheinlich hat in der Mehrzahl dieser Fälle kein Einatmen von Automobiltreibstoffen stattgefunden, sondern die biederen Pankees haben dieses Zeug eben — getrunken. In dieser Form fft der anderswo so beliebte, dort verbotene Sorgenbrecher natürlich Gift.
Das Einatmen von Dämpfen der Automobiltreibstoffe, also Benzin, Benzol, Spiritus und Methylalkohol, führt jedenfalls nur dort zu erkennbaren Schädigungen, wo die Flüfsigkeiten zum Verdampfen gebracht werden. Dabei erweist sich der Methylalkohol als das gefährlichste Gift, da fein« narkotisierende Wirkung verhältnismäßig schnell erhebliche Störungen des Nervensystems und nicht selten Erblindung im Gefolge hat. lleberdies liegt sein Schmelzpunkt so niedrig, nämlich bei 65 Grad, daß dieses Gas sehr rasch in die Atem- luft eintritt. Dom Benzin sind die am wenigsten flüchtigen Bestandteile am giftigsten. Benzol hat als Lösungsmittel für Farbe schon hin und wieder Unheil angerichtet. Vom Spiritus sind nur die ihm beigemengten Verunreinigungen giftig, wenn sie eingeatmet werden.
Recht interessant sind die Untersuchungen über di« Frag«, welche Schädigungen durch bi« von Auspuffgasen verunreinigte Luft in den Straßen der Städte
Beilage
entstehen. Wie Dr. W. Liesegang von der Preußischen Landesanstalt für Wasser-, Boden- und Lufthygiene in der angewandten Chemie berichtet, ist bisher von Auspuffbestandteilen in freier Luft allein das Kohlenoxyd mengenmäßig nachgewissen worden. Aber selbst in verkehrsreichen Straßen der Großstadt kommt diesem Gift nur geringe schädigende Bedeutung zu. Die Abgase steigen vermöge der ihnen innewohnenden Wärme schnell in die Höhe, und der Wind tut ein übriges, diese von unserem Riechorgan wenig angenehm empfundenen Stoffe möglichst gsschwinde zu ver- treiben. Untersuchungen der Lust in Berliner Hauptverkehrsstraßen haben in nur 6 von 101 Fällen einen Gehalt von mehr als 0,015 vom Hundert ergeben. Der Gesundheitsdienst der Vereinigten Staaten hat in 14 Städten 141 Bestimmungen ausgeführt; im Mittel ergab sich ein Gehalt von 0,008 vom Hundert Kohlen- oxyd, im Viertel der Fälle 0,01 v. H. und nur einmal 0,02 Prozent. Darm ist auch di« Dresdner Luft untersucht worden. Dabei stellte man unter 194 Einzelbestimmungen einen Höchstgehalt von 0,004 v. H. fest.
Der Gang mi
„Uebrigens, ich will nachher mal nach einem Rehbock gehen, da können Sie gut mitkommen", sagte der Förster und legte die Gabel hin, denn wir waren chm während des Wendessens ins Haus geschneit.
Damit hatte ich nun nicht gerechnet, war nur so in der Strickjacke und barhäuptig daheim weggelaufen, um an dem schönen Juniabend ins Freie zu kommen, und an einen Rehbock hatte ich beileibe nicht gedacht. Andererseits aber: bei der Jagd aus den Dock war ich mich nie mttgewesen, und das hätte ich schon gern mal mitangesehen. Zu Abend gegessen hatte ich aber auch noch nicht, und es konnte bis zu unserer Rückkunft immerhin 10 Uhr werden.
Aber die Förstersftau zerstreute alle meine Bedenken: „Sie kriegen einen Lodenmantel von meinem Mann, und ein Brot mache ich Ihnen, das können Sie draußen auf dem Anstand essen."
„Und eine vernünftige Zigarre kriegen Sie auch wegen der Mücken und ein Fernglas für die Langeweile", sagte der Förster. „Was wollen Sie mehr?"
Ja, was wollte ich mehr! „Also gut, ich gehe mit", sagte ich zu dem Förster, der mittlerweile mit dem Esten fertig war und am Gewehrschrank stand. „Da muß ich Ihnen doch mal etwas Feines zeigen", sagt« er, indem er mir ein Gewehr hinreichte. „Guk- ken Sie sich mal das Büchschen an. Daraus will ich heut« Wend den ersten Schuß tun."
Ms alter Krieger versteht man schon immerhin etwas von Gewehren. Ich nahm die Waffe mit dem stahlschimmernden Laus, ging in Anschlag und schaute durch das Zielfernrohr, das alle Gegenstände erstaunlich nahe herbeiholle. „Wer damit vorbeihauen will, der muß sich schon allerhand dumm anstellen", sagte ich und gab das Gewehr zurück.
„So einfach ists nun doch nicht", sagte der Förster. „Mit dem Fernrohr, da wackelts auch ganz gefährlich, und man muß schon den rechten Augenblick erwischen." Während er nun erzählte, wie er zu dem Gewehr gekommen war, hantierte die Förstersftau in der Küche, der Förster gab mir ein Fernglas und sagte: „Stellen Sie es auf Ihr« Augen ein, ich bin schon etwas kurzsichtig, da stimmt die Einstellung nicht für Sie. Hier haben Sie einen Lodenmantel, und hier einen Jagdstuhl. Bist du fertig, Mutter?"
,-Eben wickel« ich ein," rief die Frau aus der Küche. „Da Fanns losgehen", sagte der Förster. Im Hausflur gab mir die Förstersfrau das eingewickelte Brot und fragte, ob ich noch eine Gurke mitnehmen wolle. „Nehmen Sie nur eine," mahnte sie, als ich noch mit der Antwort zögert«, schlug st« schnell in weißes Papier und drückt« sie mir in die Hand. „Stellen Sie nur alles in den Lodenmantel, der hat große Taschen. Und nun Waidmannsheil, Vater!" Die Hunde jaulten und sprangen an uns in die Höhe, als wir an den zwei grüngestrichenen Hütten vorbeigingen. „Ihr bleibt daheim, euch können wir heut« nicht brauchen", sagte der Förster, und die beiden Drahthaar-
t Fuldaer Zeitung
Die vielfach beklagte Verpestung der Luft durch das Kraftfahrzeug verursacht also so gut wie gar keine akuten Schädigungen, während die chronische Wirkung der Abgase noch der genaueren Untersuchung bedarf.
Vergiftungen durch Autotreibstoffe ereignen sich hauptsächlich beim Reinigen und Jnstandsetzen von Behältern, also an den Stellen, wo Kraftstoffe aufbewahrt werden und umgefüllt werden. Die besonders seit dem Streit um den Einheitstreibstoff erörterte Frage nach der Giftigkeit der Motorentreibstoffe kann nach Ansicht der bekannt gewordenen UntersuchungsergebnUe dahin beantwortet werden daß es weniger auf die Zusammensetzung des Gemisches als auf die Bedingungen ankommt, unter denen es im Motor verbrannt wird. Außer dem Kohlenoxyd enthalten die Auspuffgas« keine erheblichen Mengen von Stoffen mit akuter Giftwirkung. Maßgebend ist also lediglich, für eine möglichst vollständige Verbrennung der Kraftstoffe Sorg« zu tragen, damit sich jenes schon in starken Verdünnungen tödliche Gas in denkbar geringer Menge entwickeln kann.
dem Förster.
rüden wurden still und schauten uns mit wedelnden Stummelschwänzen noch. —
Als wir auf der Höh« hinter dem Dorfe waren, blieb der Förster stehen, deutete mit dem Jagdstock in die Runde und sagte: „Hier muß ich mich immer erst einmal umschauen, wenn ich in den Wald gehe. Schauen Sie sich nur einmal diese Berge an. Einen schöneren Blick gibt es in der ganzen Rhön nicht. „Ja, er mochte recht haben. Da lag die Wasserkuppe zum Greifen nahe und mit ihr die Bergwelt der Rhön, alles in der kraftvollen Frische des beginnenden Sommers, überglänzt von dem schrägen Goldschimmer der abendlichen Sonne.
Ein Mann kam uns entgegen. Eine schwarzscheckige Kuh führte er am Strick, zwei grau« Geiser, liefen hinterher. „Da haben wir ja schon zwei von her Art, die wir suchen", sagte der Förster und deutete auf die Seifen. „Aber da hinten auf Auchs Wiese steht auch schon ein Reh", sagte der Mann, und der Förster horchte auf und fragte: „Geis oder Bock?"
„Das kann ich nicht sagen, dafür wars doch zu weit". Der Mann zog mit feiner Kuh weiter, und der Förster meinte: „Es wird sicher eine Geis gewesen fein, die Böcke haben es nicht fo eilig."
Eine Waldwiese tat sich vor uns auf, dehnte sich weithin, von Drahtzäunen durchschnitten. Wir gingen an ihrem Runde, d,e Wiese und den jenseitigen Waldrand scharf im Auge haltend. Ein« Menge von Rehfährten kreuzte unseren Weg, alte, schon verwachsene, und uagelftffche. Während der Förster noch nach den Spuren sah, erblickte ich wieder nach dem jenseittgen WaDrand. Schon hielt ich den Förster am Arme ftst und deutete hinüber. Drüben äste verttaut ein einzelnes Reh.
„Es ist eine Geis", sagte der Förster und ließ das Glas sinken, „man sieht deutlich das ©einige. Wir gehen weiter unten hin, dort werden wir mehr sehen".
Ein Stück weiter gabelte sich die Waldwiese. Der Förster hob das Glas an di« Augen. „Schade", murmelte er nach einer Weile, „dort drüben in der Ecke sollten Sie sitzen. Run sind aber schon zwei Rehe dort ausgetreten. Da machen wir das Ding anders. Gleich hier rechts habe ich mir gestern einen Stand ausgeschnitten, da bleiben Sie. Auf dem Wiesenstück davor treten immer drei Rehe aus, die werden Sie sicher zu sehen bekommen. Ich will dann dort hinüber und wills mit dem Pirschen versuchen. Kommen Sie nur mit."
Einige Schritt hn Dickicht war ein Raum ausgeschnitten, wo ein einzelner Mann sitzen formte. „So, hier lassen Sie sich häuslich nieder", sagte der Förster. „Essen Sie erst, bis die Rehe kommen, dauert es noch eine Weil«. Von hier aus können Sie schön beobachten. Ich hole Sie dann wieder ab. Wenn Sie aber einen Schuß von mir hören, kommen Sie sofort darauf zu. Und nun: Guten Anblick und lassen Sie sichs nicht langweilig werden." —
Der Förster ging. Ich stieß den Iagdstock in die
12. Juni
Erde und versuchte, darauf zu sitzen. Das war nicht fo einfach, das Ding drohte fortwährend zu kippen. Schließlich saß ich aber doch fest und ganz bequem. Nun das Brot aus der Tasche, Hunger hatte ich schon lange. Kauend sah ich durch den grünen Blättervorhang nach dem Förster. Der schritt geräuschlos Über die Wiese und verschwand im Walde auf der anderen Seite. Die beiden Rehe dort waren ebenfalls verschwunden.
Rundum war es still. Nur Amseln und Drosseln flöteten den Abendchoral. Ein verspäteter Falter taumelte weiß über die Wiese. Ich biß abwechselnd in das Brot und die Gurk« und spähte zwischendurch angestrengt nach der Wiese, wo die drei Rehe austreten sollten. Einstweilen kamen sie noch nicht. Aber drü- ben, wo der Förster hingegangen war, standen wi« hingezaubert nun drei Stück Rehwild. Ich hob das Glas an die Augen, aber es war doch zum genauen Sehen auch für das gute Glas zu weit, sechshundert Schritt mindestens, und das Blättergewirre des Bu- chenlaubes vor mir störte zu schr. So schaute ich denn ohne Glas den Rehen zu, die wie braune Flecke in dem grüngoldenen Grasmeere schwammen, um das hochstämmige Fichten einen dunklen Rahmen zogen.
Aufdringlich umsummten mich inzwischen die Mük». ken und erinnerten mich an die Zigarre in meiner Tasche, die mir der Förster beim Aufbruch gegeben hatte. Möglichst leise sttich ich das Zündholz an und begann zu rauchen. Der Dampf zog rückwärts, der Wind stand also gut, und ich brauchte nicht zu fürch- ten, die Rehe zu vergrämen, die hier austreten sollten.
Aber einstweilen waren sie immer noch nicht da. Ja, wenn ich drüben an der Ecke säße, wo ich nach dem Plane des Försters hingesollt hätte! Dort waren fortwährend Rehe, manchmal ruhig äsend, dann wieder aufmerksam irgendwohin sichernd, manchmal wie übermütige Kinder in ausgelassenen Sprüngen umher» tollend. Es hätte mir leid getan, wenn ein Knall aus des Försters Büchse den Frieden dort gestört hätte.
Irgendwo schmält« laut und anhaltend ein Reh. Das klang fast wie das Blaffen eines Hundes, aber das äsende Wild störte sich nicht im mindesten daran. Immer noch sangen die Drosseln. Wie spät mochte es ei« genttich sein? Meine Rehe schienen nicht zu kommen, und in einer Viertelstunde war es wohl dunkel. Ich sog an meiner Zigarre und sing an, vor mich hinzuduseln.
Da peitschte jäh ein Büchsenknall auf, daß ich zu- sammenschrak. Dann aber raffte ich Mantel und Iagdstock auf und kroch aus dem Dickicht. Drüben auf der Wiese schritt der Förster auf etwas zu. Auf mein „Hallo!" winkte er mir, und im Laufschritt gings hinüber durch das taunasse Gras. Da stand der Förster bei dem erlegten Bock und lachte übers ganze Gesicht: „Sehen Sie sich den Schuß an, genau Blatt, und der Bock lag im Knall. Der hat den Schlag nicht gehört. Bmi der Waldecke da drüben her, mindestens achtzig Schritt und freihändig, das macht Freude. Und noch der erste Schuß aus dem Gewehr, das schießt wahrhaftig gut."
Und während er fein Jagdmesser zog und di« „rote Arbeit" des Jägers begann, wi« er es nannte, erzählte er von feinem Pirfchgang, zeigte mir die von der Kugel zerfetzte Lunge, trug das Gescheide des Bockes ins nächste Gebüsch für den Fuchs, und während der Bock zum Ausschweißen an einer Tanne hing, wusch der Förster seine Hände im nahen Graben.
Dann nahm ich trotz des Widerspruchs des Försters den Rucksack mit dem Bock auf den Rücken, und wir gingen durch die spät« Dämmerung heimwärts.
Als wir die Treppe zum Försterhaus hinanfttegsn, hörten wir die Försterssrau mit jemand sprechen. Wir standen im Husflur einen Augenblick still und hörten drinnen sagen: „Das fft sicher mein Mann. Die zwei kommen so leicht, ich glaube kaum, daß sie einen Bock haben".
„Oho!", rief der Förster und machte di« Tür auf. „Hier ist der Bock", und die Förstersftau schlug die Hände zusammen und sagte: „Aber Vater, da hast du wirklich Glück gehabt, sicher, weil du dir jemand mitgenommen hast."
„Habe ich auch", sagte der Förster und hängte den Rucksack ab. „Wenn ich allein gewesen wäre, hätte ich mich an die Ecke gesetzt, an der mein Jagdgenosse
Station „Eismitte".
Aus der Geschichte der letzten deutschen Grönland- expedition.
Trotz der großen finanziellen Schwierigkeiten gelang es der Notgemeinschast der Deutschen Wissenschaft noch, die große Grönlandexpedition unter der Leitung Alfred Wegeners in den Jahren 1930/31 zu finanzieren. We- geners Plan war kühn. An der Ost- und an der Westküste Grönlands sollten bei etwa 72 Grad nördlicher Breite zwei wissenschaftliche Stationen errichtet werden, und in der Mitte des Landes, 400 Kilometer von jeder der beiden Küstenstationen entfernt, die Station
„Eismitte"
in einer Höhe von 3000 Metern über dem Meeresspiegel. Und diese Stationen sollten nicht nur im Sommer über arbeiten, sondern sie sollten überwintern und gerade^die Verhältnisse des Polarwinters zu erforschen suchen. Der kurze grönländische Sommer ging fast ganz mit den Vorbereitungen für die Einrichtung der Stationen drauf, die eigentliche Forschertätigkeit sollte im Winter geleistet werden. Unsäglich waren selbst im Sommer die Mühen, unter denen die Transporte nach der Station „Eismitte" ftattfanben, und fast wäre der Plan an ber Unmöglichkeit ihrer Bewältigung gescheitert. Am 13. September, also nach Ablauf des Sommers erst, gelangten die ersten Transporte nach Eismitte, und erst am 1. November traf Wegener selber dort ein. Er feierte am 1. November dort noch seinen 50. Geburtstag, dann machte er sich mit seinem grönländischen Begleiter Rasmus auf, um mit zwei Schlitten und 17 Hunden nach ber Weststation zurückzukehren, wo er zu überwintern gebuchte. Er ist auf ber Weststatton niemals eingetroffen.
Die Erlebnisse und Ergebnisse dieser letzten großen deutschen Polarexpedition sind nunmehr in einem umfangreichen und doch billigen Werk, das soeben im Verlage von F. A. Brockhaus in Leipzig erscheint und den Titel „Alfred Wegeners letzte Grönlandfahrt" trägt, gesammelt und der Oefsentlichkeit zugänglich gemacht worden. Die menschlich ergreifendsten Kapitel des Buches
sind wohl die, die von der Ueberminterung auf den Stationen handeln — einer Ueberminterung, die durch die Ungewißheit um bas Schicksal bes Führers eine eigene Note erhält. Wir geben im folgenden einen Tagebuchbericht der Weststation auszugsweise wieder.
„winternachk an der weststation."
Wir hatten uns eine warme Wohnstätte in der frosterstarrten Polarwelt geschaffen. In ben ersten Tagen, als bas Haus eben erst gebaut war, bot es mit feinen hellerleuchteten Fenstern einen traulichen Anblick, wenn man abends in der sternhellen Nacht über die weiße Schneefläche heimging. Die Hunde kamen entgegengesprungen, mühsam im Schnee watend und doch voller Freude, bellend und keuchend, Hände und Gesicht mit Pfoten und Zunge umkosend.
Später aber fegte der Wind den frisch gefallenen Schnee, unzählige, hartgefrorene kleine Eiskristalle, unablässig über die weite Fläche. Bei Tage, in ben Dämmerstunden, die uns die Polarnacht schenkte, rieselte der Schnee eilig dahin, bei Nacht im Mondenschein lief er silbern wie tausend Sterne funkelnd dem Meere zu. Um das Haus aber häufte er sich immer höher, und um Weihnachten war unsere trauliche Hütte bis zum Dach eingeweht. Sie war eine Ebene geworden mit der großen Schneefläche des Inlandeises, nur noch erkennbar durch die schwarze Dachfläche, über die der Schnee hinwegrollte, ohne ein Hindernis zu finden. So lebten wir gleichsam unterirdisch wie in einem Stollen, waren dadurch aber auch geschützt vor der Kälte bes unerträglichen eisigen Windes. Unser braver Primusofen — ein mit Heizrohren versehener Petroleumkocher — erwärmte ben Raum zu meist behaglicher Wärme. Es war wohnlich ba unten im Schnee, während über uns ber Sturm- roinb wütend brauste, ber Schnee unablässig dahinrie- selte, um unser Ofenrohr oben herumreifte und in tiefen Tönen eine uns allmählich bekannte Melodie orgelte, die uns in Schlaf wiegte.
Doch eins lag bleiern über uns, bas war die quä= tenbe Sorge um unfern Führer Alfred Wegener und feinen treuen Begleiter. Sein ernster letzter Brief hatte uns klar gezeigt, daß feine Reise uml Tod und Leben ging. Unsere Entsatzgruppe war allein wiedergekommen, ohne
uns Gewißheit über ihr Schicksal zu bringen. Unter allen traurigen Möglichkeiten war ber einzige tröstliche Gebaute, baß Wegener in „Eismitte" verblieben war, bie Unmöglichkeit einer Rückreise einsehend. Aber auch das war nicht vollkommen beruhigend; hatte doch noch nie jemand in der Mitte Grönlands Überwintert, und die Lebensmittel in „Eismitte" waren knapp.
Zunächst hieß es, trotz ber Niedergeschlagenheit die wissenschaftlichen Arbeiten mit aller Kraft zu betreiben. Dies war nicht einfach in unserer engen Behausung, in ber alles bei Lampenlicht getan werben muhte, in einem Raum von etwa neun Meter Länge unb sechs Meter Breite, in bem zehn Leute alle ihre verschiedenen Arbeiten oorbereiten, besprechen unb zum Teil ausssühren mußten. Trotzdem konnten wir viele schone Erfolge erringen.
In der Zeit nach Weihnachten schufen wir in anstrengender monatleanger Arbeit einen Eisschacht und stellten darin die Temperaturen bis in 20 Meter Tiefe fest. Aus bem Fußboden — unser Haus stand auf dem Gletscher, unmittelbar auf der glatten Eisfläche — hoben wir eine ein Geviertmeter große Holzplatte heraus unb legten barunter einen 20 Meter tiefen Schacht an, etwa so, wie man einen Keller unter seinem Hause baut.
Diese Schachtanlage war eine mühsame Arbeit. Ja, wenn man vernünftig zuhauen, sich so richtig austoben bürste! Doch ber Raum ist nur 1.20 Meter lang unb 1,10 Meter breit. Schwingt man orbeutlich bie Picke, so schlägt man in dem engen Raum statt unten zu seinen Füßen oben aus der steilen, senkrechten Wand Eis heraus unb bekommt es auf feinen Kopf, fo baß man diese Technik rasch ändert. So dauert es ungefähr drei Stunden, bis man etwa ein Kubikmeter Eis herausge- hackt hat.
In den Schachtwänden brachten wir bann in Abstän- ben von einem Meter von oben nach unten 50 Zentimeter tiefe Locher an unb steckten in jebes ein Thermometer; wir verstopften bann bie Locher wieder mit Watte, um auch hier bas Eindringen der Luft zu verhindern. Das Ablesen der Thermometer, bas täglich geschehen mußte, ergab neue Schwierigkeiten. Schon bas Herab- und Heraufklettern auf der Strickleiter nahm den Atem weg in diesem tiefen Schacht in 1000 Meter Hohe.
Man mußte sehr ausdauernd sein, um diese Anstrengungen auszuhalten, außerdem aber auch behend, um die Thermometer rascheftens abzulesen. Zögerte man nur einige Sekunden — und wie leicht geschah das, wenn man auf der vereisten Strickleiter um seinen Halt kämpfen mußte — so gab das Thermometer, sofort durch die Wärme des Körpers beeinflußt, eine falsche Zahl an.
Es ist im Innern des Eises viel wärmer als draußen. Draußen eine Temperatur von — 25 Grad, und in 20 Meter Tiefe im Eise nur fast — 5 Grad! Es geht eben vom Innern der Erde ständig ein Wärme- ström aus, und außerdem wird durch die Reibung der einzelnen Eiskristalle gegeneinander beim Gleiten des Gletschers Wärme erzeugt. Diese wird im Winter noch durch den frisch gefallenen Schnee im Gletscher zurückgehalten, da er die Abgabe ber Wärme wie auch das Eindringen der kalten Außenluft verhindert.
Eines Tages int Februar rief Kraus, der am Morgen wie täglich durch die enge Dachklappe ins Freie gestiegen war: „Die Sonne ist da!" Wirklich stand die lang nicht mehr gesehene, strahlende Sonne lächelnd im Süden am Horizont und beleuchtete mit feinem, zartem Rot bie weißen, silbernen Schneehänge ber Nordwand. Da herrschte eine Fröhlichkeit in dem engen Raum wie selten. Kraus holte eine neue, unsere letzte Fahne hervor, stieg damit ins Frei« und befestigte sie am Dach. Da fächelte nun das breite schone Tuch im Spiel bes Windes, und die deutschen Farben leuchteten weithin in ber weißen Landschaft.
Jetzt erschien uns unser Haus nicht wehr so furchtbar eng. Alles war jetzt leichter zu ertragen. Wir waren so hossnungsfreudig, bah wir bereits im Geiste eine Hundeschlittenkolonne sich oormärtsbemegen unb im Osten unfern Blicken entschwinden sahen, in der Richtung, in der wir unsere Kameraden in „Eismitte" wußten. Die Rettung der Station „Eismitte" war in diesen Tagen so hoffnungsvoll nahegerückt, daß unser ganzes Denken und Handeln davon erfüllt war, wie wir den Kameraden Hilfe bringen könnten.
Aber erst am 23." April konnten mir aufbredjen. Für unsere sieden Schlitten hatten wir 81 Hunde, aber ber tiefe, weiche Schnee hemmte die Fahrt sehr. D>-otz langer, anstrengender Märsche kamen wir über c Tages«