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Mrg. 59.

Sonntag, 19. Juni 1932.

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FuldaerZertung

| Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Rreisblaft._____

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt 41*» 1AA >m Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag «Fit» -i-der Fuldaer Actiendruckerei In Fulda. Fernrufe: Schrift- :: leitung 3153, Fuldaer Actiendruckerei 3151 und 3152. ::

Gefahrenmomente in Lausanne

Die Konferenz von Lausanne hat mit einer Erklärung der fünf gegnerischen Großmächte be­gonnen. Diese Erklärung besagt, von welcher Seite man sie auch betrachten will, nicht allzu viel Gutes. Das deutsche Volk erfährt aus ihr, was sich ein jeder in Deutschland und in der Welt von Anfang an sagen konnte, daß vor­läufig keine weiteren Tribute zu zahlen sind. Es erfährt ferner, daß die Mächte von der Dringlichkeit der Probleme überzeugt sind, die eine endgültige und präzise Lösung verlangen, und daß diese Lösung unverzüglich und im Rah­men einer allgemeinen Regelung gesucht werden müsse. Aber hier ist schon eins der Gesahren- momente. Geht doch aus diesen Zeilen deutlich hervor, daß man in Lausanne’ noch zu keiner endgültigen Lösung kommen wird. Und um diese Vertagung der Tributsragen zu verschleiern, ver­längert man diese Lausanner Konferenz. Was will aber der Ausdruck „im Rahmen einer all­gemeinen Regelung" besagen? Hier kommt schon deutlich Frankreichs Wille hervor, mit der Lö­sung der Tributsragen politische Ziele zu verknüpfen. Wenn Reichskanzler von Papen diese Erklärung begrüßt und ihr eine sehr gün­stige Deutung gibt, so kann er dies nur aus einem gewissen diplomatischen Höslrch- k e i t s a k t heraus getan haben, um nicht von Anfang an die Konferenz zu beschweren. Wir können aber dieser günstigen Deutung keines­wegs folgen und möchten deshalb von Anfang an besonders mt Hinblick auf die Rede Herriots unseren größten Befürchtungen Ausdruck geben. Auch in der nachfolgenden Rede des Reichs­kanzlers vermißt man vor allem die moralische Ueberzeugungskrast der Darlegungen, durch die Brüning so starken Eindruck machte. Allzu sehr ist der ausgleichende Standpunkt des Aus­wärtigen Amtes, der Umgangston nach dem diplo­matischen Knigge, wie man behauptet, in die Haltung und die Worte der deutschen Delegation e'.ngeslossen. Der Reichskanzlei: ist nicht als mo­ralischer Ankläger gegen den Wahnsinn der Re­parationen vor die Welt getreten. Er hat auf den Resonanzboden der leidenden Völker in der ganzen Welt verzichtet und dem gegenüber im Jargon der Diplomaten gesprochen. Er hat sich, wie man betont, die Verhandlungswaffen des Völkerbundes in die Hand drücken lassen und nicht die geistigen Waffen Deutschlands geführt, btt allein der Bedeutung des Augenblicks ent­sprachen.

Es zeigt sich hier schon gleich zu Beginn der Konferenz, tote verhängnisvoll, es für Deutsch­land war, daß die neue Regierung sich m ihrer Regierungserklärung bei Erwähnung der außen­politischen Ziele das unbedingte harte „Nein" des Kanzlers Brüning nicht zu eigen gemacht hat. Hierdurch sind, wie das auch vor Lausanne in der französischen und sogar in der englischen Presse zum Ausdruck kam, auf der Gegenseite Hoffnungen geweckt worden, daß die neue Regierung von Papen sich in der Re- parattonsfrage nicht so unbedingt schroff ablehnend verhalten würde wie die Regierung Brüning. Eine direkte energische Abschwächung dieser ausländischen Deutung ist ja leider auch nicht erfolgt.

Wenn die Erklärung der Mächte auch für den Augenblick einen Aufschub der Zahlungen bedeu­tet, also der Gesamtzahlungen, was immerhin schon eine Besserung gegenüber dem Zustande des Moratoriums bedeutet, so ist hiermit aber noch keineswegs viel gewonnen. Es bleibt die Tatsache bestehen, daß theoretisch eine Nachfor- derung für die nichtgezahlten Tribute erhoben werden kann. Es bleibt aber vor allem die Tatsache bestehen, daß Frankreich entgegen dem englischen Vorschlag eines wirklichen Verzichtes auf die Tribute auf eine vorübergehende Rege­lung gedrungen hat, um so die Möglichkeit zu haben, die ^Verhandlungen von Lausanne auf lange Zeit hinauszuschieben, um so noch letzten Endes die Reparationssrage mit der Schulden­frage verknüpfen zu können. Deutschland hat zwar durch den Mund seines Kanzlers die so­fortige und endgültige Streichung der Tribute verlangt, erhalten hat es aber vorläufig nur ein augenblickliches, kurzes Totalmoratorium. Und wie die endgültige Lösung des Reparations­problems aussehen wird, kann noch niemand sagen, denn vorläufig ist zwischen der deutschen Auffassung und der sranzösischen eine tiefe Kluft.

Auf französischer Seite besteht, und das geht aus Herriots Rede ganz klar hervor, nach wie vor die Absicht, auf dem Vertrage zu bestehen, das heißt Frankreich besteht auf Tributzahlungen und besteht ferner darauf, bei endgültiger Er­ledigung der Tributfrage von Deutschland eine Gegenleistung zu fordern. Seine Beweisführung ergibt klar den schon früher an dieser Stelle ausgesprochenen Verdacht, d.aß es Frankreich nach wie vor um seine Sicherheit zu tun ist, und daß im Bereich seiner Befürchtungen die Nie­derhaltung Deutschlands bezweckt ist. Und gerade der Hinweis auf die Sicherheit scheint die An­meldung von politischen Forderungen zu enthalten. Wie wäre anders der Hinweis auf das Gleich­gewicht in Europa zu verstehen und der Hinweis auf den politischen Frieden und das Eintreten für die Ansprüche seiner europäischen Bunves- genossen? Sollte das vielleicht sogar auf eine Bindung für Deutschland im Osten hinauslaufen, um auf diesem Umwege doch noch das „O st - locarno" zu erreichen?

Was er Deutschland schließlich zubilligen will, darüber hüllt sich §errior in völliges Schweigen. Dagegen gibt er, dem Bericht der „D. A. Z." zu­folge, Deutschland den Rat, sich mit den fran­zösischen Donauplänen zu befreunden, mit Deren । Hilfe die deutsche Wirtschaft wieder einen schönen Aufschwung nehmen würde. Wir befürchten, daß Reichskanzler von Papen in seinen Bestrebun-

Vorläufige Bilanz von Lausanne Nächste Vollsitzung am Dienstag.

In der geheimen Nachmittagssitzung der Kon­ferenz am Freitag gaben die Vertreter von Bel­gien, Japan, Rumänien, Südslawien und Au­stralien Erklärungen über den Standpunkt ihrer Regierungen zu der Reparationsfrage ab, Die mt allgemeinen Die bekannten Auffassungen Der einzelnen Länder wiedergeben.

Ohne weitere Aussprache wurden sodann die Verhandlungen auf Dienstag vertagt.Die sechs einladenden Großmächte treten am Mon­tag zu einer vertraulichen Besprechung zusam­men. Die Zeit bis zu der nächsten Vollsitzung am Dienstag soll ausschließlich Den privaten Dec- handlungen zwischen Den Ministern gewidmet sein.

Herriot ist für einige Tage nach Paris ab- gereist, während sich Macdonald nach Genfs be­gibt. Die deutschen Kabinettsmitglieder bleiben in Lausanne, um die am Montag beginnenden sachlichen Einzelbesprechimgen vorzubereiten.

Reichskanzler und Presse.

Reichskanzler von Papen gab am Freitag vor zahlreichen Vertretern der internationalen Presse eine Erklärung ab, in der er u. a. die persönliche Berührung mit der Presse begrüßte. Der Reichskanzler unterstrich die Erklärung Mac­donalds m seiner Eröffnungsrede, daß alle Mächte der feste Wille beseele, aus dieser Kon­serenz zu einem Erfolg zu gelangen. Die deutsche Regierung teile die Auffassung Macdonalds, daß die Reparationsfrage nur eine Teil­frage der Weltkrise darstelle, und daß heute niemand mehr allein das Elend und die Not der Gegenwart überwinden könne. Es sei heute nicht mehr möglich, die Völker noch länger durch ewige Berhandlungsbeschlüsse und schlep­pende Verhandlungen hinzuhalten.

*

Die Verhandlungen Der Lausanner Konferenz, Die Fünfmächteerklärung sowie Die Rede des Reichskanzlers werden in der Berliner Presse lebhaft erörtert. Der „Berliner Abend" steht auf dem Standpunkts, daß die Rede v. Papens viel weniger energisch und deutlich ge- wesen sei, als es die Reden des, Reichs­kanzlers Brüning waren. Die Voss. Ztg. gibt ihrem Erstaunen Ausdruck, daß der Reichs­kanzler stch damit begnügt habe, die Erklärung der fünf Mächte „mit größtem Interesse" zur Kenntnis zu nehmen und sie als einen „sicht­baren Beweis" für den festen Willen der betei­ligten Staaten anzusehen, die Arbeiten der Kon­ferenz zu einer endgültigen Regelung zu führen. Man fei anf eine entschiedenere Sprache vorbereitet gewesen. Wir wollen hoffen, so schreibt sie, daß der Kanzler des Kabinelts Der „nationalen Konzentration" nicht an jenem Punkte Halt machen und sich abwartend verhalten will, an dem sein Vorgänger vermutlich einzusetzen beabsichtigte. Die der Regierung nahestehende

„D. A. Z." führt zu den Reden des Kanzlers und Herriots aus, nientanD kann bezweifeln, daß keine Brücke zu sehen sei, auf der man sich vereinigen werde. Wir können uns der Auf­fassung nicht anschließen, die es bedauert, daß Herr v, Papen die Rechtsmäßigkeit der Unter­zeichnung des Poung-Plans nicht bezweifelt hat. Ein anderer Ausgangspunkt war für den Chef der deutschen Regierung gar nicht möglich. Die deutschnationale „Deutsche Tageszeitung" sagt: Die Rede Papens enthält zweifellos richtige und gute Gedanken und manche wirksame For­mulierung. Man vermißt aber die klare Feststellung, daß die wirklichen Reparatio­nen längst geleistet, ja überbezahlt sind. Hugen- bergs Lokalanzeiger schreibt: Die Rede des Reichskanzlers kann den Eindruck erwecken, daß Die anDeren ein Recht auf Tribute haben, Daß Deutschland aber nicht in Der Lage ist, seinen rechtlichen Verpflichtungen nachzukommen.

Grandi bei Papen und Neurath.

wtb. Lausanne, 17. Juni. (Eig. Meld.) Der italienische Außenminister Gran di stattete heute vormittag dem Reichskanzler und Dem Reichsau­ßenminister Besuche ab. Andere offizielle Zusam­menkünfte fanden heute vormittag nicht statt.

Französische Stimmen.

wtb.Paris, 18. Juni. (Eig. Meld.) Die franzö­sischen Blätter erklären sich einmütig über die Er­klärung in Lausanne und ziehen die Bilanz Der ersten Tage der Lausanner Konferenz. Das Jour­nal schreibt, die Reparationskonferenz sei zu Ende. Die Konferenz zur wirtschaftlichen Wiederherstel­lung Der Welt beginne. Auch müsse man frei­mütig zugeben, daß der Poungplan wirk­lich tot sei.

Der radikale „QuotiDien" schreibt, wirb man ei­nes Tages erleben, daß trotz Der formal. Vorbehalte Frankreich eines Tages gezwungen fein werbe, fei­nen Gläubigern Zahlungen zu leisten, ohne von feinem Schuldner Gelb bekommen zu haben? Ein Hinweis auf diese nur allzuwahrscheinliche Hypo­these genüge, um Die ernsten Schwierigkeiten her­vorzuheben, mit Denen Herriot gegenwärtig zu kämpfen habe.

Der Lausanner Korrespondent des „Figaro" erklärt, er befürchtet sehr, daß diesmal die Re­gelung Der Reparationen eine voll­st ä n d i g e und endgültige sei und daß Frankreich von Deutschland keinen Pfennig mehr erhalten werde.

„Avenir" erklärt, man habe Deutschland, das zugestanden, was es sonst geholt hätte. Brüning wußte, was er sagte, als er erklärte, Deutschland stehe' 10 0 Meter vor dem Ziel. Deutschland habe jetzt gewonnenes Spiel.

Brüning spricht in Mainz.

Ein Musterbeispiel von Oppositionspolitik. — Alles persönliche zurückstellen, das Vaterland über alles.

Am Freitagabend fand in Mainz eine große Zentrumskundgebung statt. Sie erhielt einen besonderen Charakter durch die Anwesenheit des Reichskanzlers a. D. Dr. B r ü n i n g, der hier zum ersten Mal feit Dem Regierungswechsel öffent­lich sprach. Er wurde von der Versammlung mit einem ungewöhnlichen Enthusiasmus begrüßt. Seine Rede am Vorabend Der Hessenwahl wuchs sich zu einer großen programmatischen Erklärung Der Zentrumspartei zu Der politischen Lage aus und gab so auch bereits Richtlinien für Den W a hl- aufmarsch Des Zentrums bei der kom­menden Reichstagswahl. Die „Franks. Ztg." bemerkt in ihrem Bericht über die Kundge­bung, daß der Kanzler mit jener Entschieden­heit gesprochen habe mit Der feine Partei von Der Entstehung des Kabinetts Papen an Der neuen Regierung gegenüber sich verhalten habe. Er machte es glaubhaft, daß in Dem Augenblick, wo das Kabinett Papen in Lausanne Die von der Regierung Brüning inaugurierte Außenpolitik des Deutschen Reiches zu vertreten hat, der unbe­strittene Führer der Oppositions­partei in keiner Weife d i e Autorität der amtieren denRegierung zu fckwä- ch e n gedenke, im Gegensatz zu dem unrühmlichen Verhalten der „Svftem"-Schreier. Es unterliege keinem Zweifel daß es Herrn Brüning gelingen werde, der deutschen Oefsentlichkeit ein Muster­beispiel von Oppositionspolitik in den kommenden Wochen vorzuführen. Er habe ferner mit aller Deutlichkeit zu verstehen gegeben, daß der ihm zu gemutete Verzicht auf feine S i e d l u n g s p o l i t i k das Maß vollgemacht habe. Mit einer schonungslosen Schärfe habe Herr Brüning die Interessen- Politik geaeißelt. die hier sichtbar geworden fei,

gen zunächst einmal1 überhaupt eine diplomatische Basis für die Verhandlungen zu schaffen, den deutschen Standpunkt nicht scharf genug heraus­gestrichen hat und er sich insofern auf eine Verteidigungslinie begeben -hat, die niemals so vielversprechend ist, wie die Angriffslinie, in Der Herriot vorgegangen ist. Gerade wenn man den Beginn dieser Lausanner Konferenz einer schar- fen Kritik unterzieht, so erkennt man sofort Den schweren Stand Deutschlands und die großen Gefahren, die chm von dorther drohen können.

eine Jnteressenpolitik, Die über die Köpfe Der Ar­beiter, Angestellten, Beamten, Des Mittelstandes und der Industrie hinweg darauf ausgehe, „eine schmale, aber mächtige Schicht von ihren Schulden zu befreien".

Am Schluß seiner Rede, Die von einem außerordentlichen Ernst und einer bemerkenswer­ten Entschiedenheit getragen war, zeigte Brüning in wirkungsvollster Form den inneren Gegen- s a tz auf, der zwischen einer Jnteressenpoli­tik und wahrem Christentum besteht.

Nachstehend geben wir die Kerngedanken der Rede Brünings wieder:

Wenn ich mich nach Dem Rücktritt Der früheren Reichsregierung auf einige Wochen Der Erholung ge- wiDmet habe — unD Die Erholung.besteht für Politiker besonDers Darin, Daß sie nicht gezwungen stnD, zu reden — so bin ich Doch sehr gern Der EinlaDung Der Main­zer Zentrumspartei nachgekommen, um vor Ihnen an Derselben Stelle wie vor 7 ober 8 Monaten zu spre­chen. Ich freue mich aufrichtig, Daß Sie mich auch heute mit unverminderter Herzlichkeit begrüßt haben, unD ich Danke Ihnen von ganzem Herzen Dafür. Aber weshalb ich nach Mainz gekommen bin, liegt auch Darin, Daß ich zeigen will. Daß ich an Kraft unD Kamp- fesmut ungebrochen bin. Man roirD von mir nicht annehmen, Daß schmerzliche und bittere Erfahrun­gen, Die mich persönlich unD menschlich betroffen haben, mich körperlich ober seelisch so weit erschüttern konn­ten, Daß ich nicht bereit bin, außerhalb Der Regierung weiterzukämpfen, Daß Der Weg eingehalten roirD, in­nerpolitisch unD außenpolitisch, Den ich in Den langen zwei Jahren begonnen habe.

Es gibt eine Berantroortung innerhalb Der Regierung, außerhalb Der Regierung unD auch in Der Opposition. UnD wir roerDen Dem deutschen Volke zei­gen, welche Pflicht der Verantwortung es außerhalb der Regierung innerhalb einer Oppositionsstellung gibt, und wir werden ihm auch zeigen, wie es möglich ist, eine Regierungspolitik auch außerhalb der Regierung zu beeinflussen. Aller­dings werden wir uns von allen denen grundsätzlich auf das schärfste unterscheiden, die meine Politik in den vergangenen zwei Jahren so schars bekämpft baben. Wir treten niemals vor das deutsche Volk unD jagen, nor Dem SluslanDe, Diese Re- gierung, Die in Lausanne verhanDelt, hat keine Mehrheit im Deutschen Volke hin­ter sich, so wie man es mir gegenüber in Dem schwer­sten Augenblick vaterländischer Geschichte getan hat. Nein, in der Außenpolitik kennen wir nur ein einziges Deutschland. Kein Wort wird über unsere Sippen kommen, das die Stellung unserer

Regierung in den Verhandlungen schwächen könnte. Alles werden wir gerne tun, um sie zu stärken, auf dem Wege fortzugehen, den ich bewußt und klar überlegt in den letzten zwei Jahren gegangen bin. Alles kommt darauf an, daß unter allen Umständen ganze u. schnelle Lösungen von den Staatsmännern der Welt gefunden werden, und ich habe die Hoffnung, daß, genau wie ich es getan habe, die jetzige Reichsregierung in den außen­politischen Verhandlungen nicht um Prestigeerfolge eine ganz große Politik im letzten Augenblick aufgeben wird. Heute sind die Dinge so in der Welt, daß man bei aller Mäßigung der Formen und des Ausdrucks mit mehr Ruhe sprechen kann, als es früher der Fall gewesen ist. Wenn wir heute von den Forderungen Deutschlands sprechen — das ist meine feste Ueberzeu- gung — bann dienen wir nicht nur Deutschland, son­dern auch der Welt. Es ist interessant, daß mit einem Mal die Tonart der Presse, die mich jahrelang als Schwächling ober Verräter hinge ft eilt hat, auffallenbe Milbe in ber Vertretung außen- politischer Belange an ben Tag legt. Für mich ist bas nichts Neues, unb wenn bie Stunbe einmal ba ist, wo ich ohne Schädigung für die Außenpolitik spre­chen kann, dann werde ich allerdings darüber reden, und bann wirb sich bas beutsche Volk boch eines Tages über biejenigen rounbern, bie glaubten, für sich ben na­tionalen Gedanken pachten zu können.

Ich werbe auch nicht über bie Vorgänge, bie zum Rücktritt bes Kabinetts geführt ha­ben, in ber Oefsentlichkeit sprechen, nicht, weil ich etwas zu verbergen hätte von mir aus. Aber nichts kann an meiner Auffassung, baß ein Politiker, in welcher Sage er auch sei, Die 21 u t o r i t ä t des Staa­tes, soweit es an ihm liegt, ft ä r t e n muß, etwas ändern. Ich kenne auch in meiner jetzigen Aufgabe und in meiner jetzigen Stellung nur eins, dem sich alles unterzuordnen hat, das ist das Vaterland. Ich kann allerdings der neuen Regierung nicht zugestehen, Geschmacklosigkeiten zu begehen, wie sie es in dem Aufruf getan hat, der sich gegen die alte Re­gierung richtete. Es ist immerhin selbst in dem ver­wilderten politischen Leben Sitte gewesen, einer vor- angegangenen Regierung einige Beachtung und Dank­barkeit zu bezeigen. Dieser Aufruf war nur auf das Klischee abgestimmt, man fände einen Trümmerhaufen vor, infolgedessen dürfe das deutsche Volk der neuen Regierung nichts übel nehmen.

„Ich habe ein kaum zu deckendes Kasiendestzit über- nommen und in zweijähriger schärfster Krise dafür ge­sorgt, daß das Kassendefizit nicht gestiegen ist, und daß keine neuen schwebenden Schulden gemacht worden sind. Der Plan war fertig, wenn auch in anderer Form als wie es jetzt geschehen ist, um das zu erwartende Destzit von Reich, Ländern und Gemeinden für das kommende Jahr ebenfalls abzudecken, weil ich es für meine Pflicht hielt, nach Lausanne zu gehen mit einer absolut siche­ren unb einwandfreien Finanzgebarung der öffentlichen Hand, so wie es das Prinzip der vergangenen zwei Jahre geroefen ist, unter härtesten Opfern zwar, aber mit S icherheit im Rücken."

Nach der Bildung des neuen Kabinetts konnte man in Zeitungen die Uederfchrift vorfinden: 'Keine neuen Notverordnungen mehr!" Da diese Uederschrist in einem offiziellen Sprachorggn der jetzigen Regierung zu lesen war, so habe ich mir Dabet gedacht: Mit welchem Dilettantismus muß hinter den Kulissen in den letzten zwei Monaten die Vorbereitung für die neue Regierung getroffen worden fein? Oder bezog sich diese Weisheit noch auf etwas anderes? Hatte man vielleicht die Absicht, die frühere Regierung zu stürzen und eine neue hinzustellen, weil man einen Punkt in der Politik der alten Regierung unter allen Umständen unterminieren wollte?

Im deutschen Wirtschafts- wie im Bankwesen, tn großen Unternehmungen und in einem großen Teil der deutschen Landwirtschaft hat sich Ungesundes angesammelt, das geheilt werden muß, und wo man vor der Operation, wie wir es getan haben, nicht zu­rückschrecken darf, um allen übrigen Existenzen Die Bahn und den Weg zum Wiederaufstieg überhaupt erst wieder einmal frei zu machen. Unser Ziel ist ver- standen worden von denjenigen, die nachgedacht hasten, und von denen, die gegen die frühere Regierung kämpf­ten, weil das Krisengewinnmachen auf Kosten der gan­zen übrigen Bevölkerung nun zu Ende gekommen war.

Ich habe diesen Kampf dauernd geführt, und schließ- lich ist der Schleier gerissen. Kann ich es verantwor­ten vor dem ganzen übrigen Deutschland, den lebens­fähigen Grundbesitz im deutschen Osten au retten mit Aufbietung aller gesetzlich nur denkbaren Möglichkeiten unb gleichzeitig darauf verzichten, ben nicht le­bensfähigen Grunbbefitz im Osten ber Sieblung zu erschließen? Das war eine Zu- m u t u n g, bie i ch nie unb nimmer akzeptie­ren konnte. Es sieht fast so aus, als ob man nur ben Beamten Abzüge über Abzüge zumutet, den Arbeitern Kürzung der Lohne und Sozialleistungen und auch Dem Mittelstand Steuern aufbürdet und nur einer ganz kleinen Schicht keine Opfer abverlangt. Damit war für mich etwas geriffen, was nicht wie- der heilen konnte. Wenn nun die neue Regie- rung kommt und einen Teil des Gesamtplanes der alten Regierung in veränderter Form veröffentlicht, aber mit anderen Dingen, wie z. B. mit dem freiwilligen Ar­beitsdienst, Arbeitsbeschaffung und ähnlichem wartet, wenn wir nichts davon hören, was mit der Siedlung gemacht wird, bann barf es uns bie Regierung nicht Übelnehmen, wenn wir solches Stückwerk ableh­ne n. Wenn man sich weigert, bie Sieblung durchzu­führen, wie mir sie gewollt haben unb bas mit Chn- ftentum verbrämt, so mürbe ich mich schämen, meine Unterschrift unter einen solchen Ausruf überhaupt lei­sten zu müssen. C h r i st e n t u m i st n i ch t d a z u b a, bie Interessen einer befttmmten Schicht irgenbwie staatspolitisch zu Decken.

Zum Schluß betonte Dr. Brüning, Daß Die Zen- trumsportei auch in Zukunft Das Interesse Des VaterlanDes allen anDeren voranstellen roerDe und im Verein mit allen Parteien und Konfessionen, die r-.ten Willens seien, die Zukunft Deutschlands aufbauen helfen wolle.

Vor der Rede Brünings sprach Reichstagsab- geordneter Dr. Hofmann - Ludwigshafen über die jüngsten politischen Ereignisse. Die Kundge­bung fand ihren Abschs"ß mit einem begeistert aufaenommenen Hoch auf Dr. Brüning und das deutsche Vaterland sowie den Gesang des Deutsch- landliedes. _____________

Gewerkschaften und Notverordnung.

CNB. Berlin, 17. Juni. (Eig. Meld.) Wie wir erfahren, bereiten die Spitzengewerkschaften eine gemeinsame Erklärung zu der Not­verordnung vor. Ihre Vertreter kommen heute zu einer Konferenz zusammen, in der man sich über die weiteren von Arbeitnehmerseite zu ergreifen­den Maßnahmen aussprechen will. Es wird ein einheitliches Vorgehen der Spitzengewerkschaften angestrebt.