Beilage zur Fuldaer Zeitung
1s. Juni.
Fünfter Sonntag nach Pfingsten.
Eingangslied: pf. 26, 1 und 9.
Erhöre, Herr, mein Flehen, ich rufe so laut zu dir. Hilf mir, verlaß' mich nicht, verschmäh' mich nicht, o Gott, mein Heil. (Ps. ebb. 1.) Der Herr ist mein Licht, mein Heil, wen soll ich fürchten?
Epistel: 1 pekri 3, 8—15.
Geliebteste! Seid alle einmütig im Gabele, mitleidig, brüderlich, barmherzig, bescheiden, demütig. Vergeltet nicht Böses mit Böscrn, nicht Schmähung mit Schmähung; vielmehr segnet einander, wie ihr ja auch dazu berufen seid, den Segen zu erben. Denn wer das Leben lieb hat und gute Tage leben will, der bewahro feine Zunge vor dem Bösen, und seine Lippen, daß sie nichts Trügerisches reden. Er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes. Er suche den Frieden und jage ihm nach. Die Augen des Herrn sehen ja auf die Gerechten, und seine Ohren merken auf ihr Gebet. Die liebe liäter aber trifft der Zornblick des Herrn. Wer kann auch schaden, wenn ihr eifrig seid im Guten? Wenn ihr aber um der Gerechtigkeit willen leiden müßtet, dann Heil euch! Laßt euch nicht von Urnen erschrecken und nicht irre machen. Haltet nur Christus, den Herrn, heilig in euren Herzen.
Dein Bruder.
Betrachtung zum Sonntagsevangelium.
„Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder zürnt, verfällt dem Gericht. Wer zu seinem Bruder sagt „Raka" — du Taugenichts —, den soll man dem Hohen Rate überliefern; und wer zu ihm sagt „du Gotiloser", der soll dem höllischen Feuer verfallen sein. Wenn du daher deine Gabe zum Altäre bringst und dich daselbst erinnerst, daß dein Bruder etwas (üaen dich hat, so lasse deine Gabe dort vor dem Altar, geh hin und versöhne dich mit deinem Bruder; dann erst komm und opfere deine Gabe."
Hätte her Heiland klarer und deutlicher sprechen sollen? Hier hast du den Prüfstein deines praktischen Christentums An deiner Haltung zu deinem Bruder wird man dich erkennen. — Wir müssen uns einmal diese Dinge ganz ohne Umschweif vor Augen stellen. Wir wollen sie hineinstellen in unseren gleichdleibenden Jahreslauf. Es ist Sonntag. Die Glocken rufen zum Hochamt. Bon allen Seiten strömen die Gläubigen herbei. In den Händen tragen sie schöne Gebetbücher mit Gold- oder Rot- fchnitt. Sie vergessen auch nicht ihre rechte Hand ins Weihwasserbecken zu tauchen und sich mit dem Bußwasser zu besprengen. Sie gehen zu ihrem Plaß, machen andächtig eine Kniebeuge und knien sich in den Bänken nieder.
Nun stelle dir vor, diese Gemeinde würde sich Christi Wort ehrlich zur Richtschnur machen: Wenn du zum Altäre trittst und weißt, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, so geh lieber wieder hinaus aus der Kirche, geh hin zu deinem Bruder, sprich dich mit ihm aus und versöhne dich mit ihm. Was meinst du, wie es um das religiöse Leben jener Gemeinde stände, wenn alle Gemeindemitalieder sich ehrlich vor dem Gottesdienst so prüfen würden? Der Geistliche könnte gewiß sehr ruhig in seinem Gewissen fein; denn daran „daß ihr einander liebet, soll die Welt erkennen, daß ihr meine Jünger seid". Der Sonntagsgottesdienst ist nicht nur als Opferhandlung des Einzelnen gedacht, er soll der Ausdruck einer Brüdergemeinde fein. Deshalb das klare Wort des Heilandes. Ohne die Hinordnung auf die gegenseitige Liebe ist alles leere Form. Der kann Gott nicht zum Vater haben, der seine Mitmenschen nicht in Wahrheit zu Schwestern und Brüdern hat. Wirkliche Gottesliebe erstrahlt erst offensichtlich aus der spürbaren Nächstenliebe.
Wohlgemerkt, der Heiland nennt die Dinge sehr genau beim wirklichen Namen. Es heißt bei ihm: „W e n n dein Bruder etwas gegen dich hat!", es heißt nicht bloß: „Wenn du gegen deinen Bruder gesündigt hast!" Daran ist nichts mißMverstehen. Du kannst dich nicht damit herausreden wie die kleinen Kinder: Ich bin nicht schuld an dem Mißverständnis. Nein, auch wenn
du voll Unschuld bist und dein Bruder wirklich die Ursache des Streites oder des Zerwürfnisses ist, auch dann sollst du einen Versuch zur Versöhnung machen. Ob es freilich zur Versöhnung kommt, das ist nicht allein deine Sache. Aber Gott will keinen Dienst von dir, ehe du einen Bersöhnungs- versuch gemacht hast. Wenn das Opfer der hl. Messe einen Sinn haben soll, dann will also Gott, daß du dich vorher mit deinen Feinden ausge- söhnt hast, oder wenigstens mit bestem Willen versucht hast, es zu tun. Wenn du das nicht tun willst, bann ist es Gott lieber, du kniest dich nicht vor feinem Altar nieder.
Auch diese Rede des Heilandes ist hart. Wollt auch ihr gehen? — Aber wir brauchen uns nur einen Augenblick eine Gemeinde zu denken, die das Heilandswort wirklich sinngenau nimmt und ausstihrt. In dieser Gemeinde wird Ruhe, Friede und Ordnung wohnen, es wird herrlich fern, Glied einer solchen Gemeinde zu fein. Das Evangelium ist in ihr wirklich Botschaft vom frohen Leben. Wie not täte unserer Zeit ein solcher Geist! Denke dir einmal, alle Christen ständen in solcher Einmütigkeit zusammen! Welch eine Kraft und welch eine Hoffnung auf eine Gesundung der Welt! Und doch kann ein jeder von uns daran bauen helfen, wenn er das Wort Christi ganz ehrlich meint und in feinem kleinen Wirkungskreis in spürbare Tat umzusetzen sucht.
„Löschet den Geist nicht ans!"
In ernsten Ausführungen auf biblisch-dogmatischer Grundlage behandelt Domkapitular Msgr. Reinhard die Stellung des „Laien im über- natürlichen Organismus der Kirche" (Freiburg i Br., Verlag der Freien DereiniMng für Seel- sorgehilfe); er kommt zu folgendem Schluß feiner beachtenswerten Schrift:
„Es geht nicht an, Geiftbegabung und Geist- erweckung für den Dienst des Reiches Gottes nur dem Klerus zuzuteilen. Das Charisma macht nicht hast an den Schranken des kirchlichen Amtes, sondern Gott der Herr hat es der ganzen Kirche verliehen und zu allen Zeiten auch über die Laienwelt ausgegossen. Es ist daher Wider st and gegen den Heiligen Geist, wenn der Grundsatz vertreten oder nach ihm gehandelt wird: Apostolische Arbeit ist nur Sache des kirchlichen Amtes. Wenn wirklich das Wehen des Heiligen Geistes sich tn einer Seäle zeigt, wenn auch ein Laie, mag er wer immer nur sein, aufsteht aus der Gemeinde und fein Können, sein bestes und edelstes Wollen in den Dienst des Reiches Gottes zu stellen bereit ist, und die kirchliche Amtsgewalt läßt chn sich nicht entfalten, mißachtet sein Wort und seinen Willen, verurteilt chn vielleicht zu völliger Tatenlosigkeit, dann muß ihr Träger es vor Gott verantworten, daß eine Kraft gefesselt und das Wort Gottes in feinem Laufe gehemmt wird. Wohl ist der Laie in seiner apostolischen Betätigung zum Gehorsam gegenüber der Hierarchie und ihren amtlichen Organen verpflichtet. Aber nicht darf er grundsätzlich 3um Schweigen und zur Tatenlosigkeit verurteilt werden, als überschreite er seine Zuständigkeit und begebe sich auf einen Bo- den, auf dem ihm die Betätigung überhaupt versagt sei. Das würde heißen, den Geist aus löschen, der von Gott gegebenen übernatürlichen Ordnung zuwiderhandeln und dem göttlichen Wirken unberechtigte Schranken ziehen wollen."
Aus eigener Kraft.
Don Friedrich Muckermann S. J.
Die Erregung über den plötzlichen Regierungswechsel im Reich hat sich noch nicht gelegt. Im Gegenteil ist dem anfänglichen Erschrcchen eine steigende Erbitterung gefolgt. Hätten, wie es ritterlich gewesen wäre, diejenigen, wolche das Kabinett gestürzt haben, die Verantwortung übernommen, so wären wenigstens klare Zustände geschaffen worden. Nun aber ist da nichts Ganzes und nichts Halbes, wo noch vor kurzem Brüning stand, die starke in sich geschlossene, vom christlichen Geiste durch und durch geprägte Persönlichkeit. Die Dunkelheit der Vorgänge gibt den wildesten Gerüchten freie Bahn. Sicherheit und Zuversicht sind dem Zweifel und der Angst gewichen. Wenn die neuen Mämkr verkünden, sie müßten die Politik Brünings fortsetzen, wenn auch ihnen nichts anderes übrig bleibt, als der Not der Zeit mit Notverordnungen zu begegnen, warum denn dieses ganze Theater? Die Kluft zwischen Ost und West, zwischen Süd und Nord klafft unheimlich auf. Uniformierte Prätorianer verschiedener Parteihäupter beleben schon wieder das Straßenbild.
Der Katholizismus fühlt sich besonders betroffen. Die Schuld daran trägt nicht nur die merkwürdige Eigenart der Entlassung Brünings, der aus unfern Kreisen hervorgegangen war, obgleich auch dieses Gefühle tieffter Entrüstung aus. gelöst hat. Wir könnten es immerhin noch dulden, hätte man nur den katholischen Einfluß, den nun einmal gewisse Leute in Deutschland nicht ertragen können, zurückdrängen wollen. Was uns hier eigentlich schmerzt, ist die Erkenntnis, daß man uns bei der Lösung der großen nationalen und sozialen Ausgaben, die wir auf unsere Fahne geschrieben hatten, und in denen wir die Rettung der Ration sahen, so plötzlich in dm Arm gefallen ist. Geschähe es von Leuten, die ein besseres soziales und nationales Programm vorweisen könnten, so I fänden wir uns gern damit ab und wären die er-
sten, die dabei mitarbeiten. Aber wir sehen keine neu aufbrechende nationale Begeisterung, wir sehen nur wachsende Verwirrung und Verzweiflung.
Wer den nächstliegenden Gründm der augenblicklichen Weltnot nachgcht, der stößt immer wie. der auf das Unbefriedigende unserer wirffchastlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse. Aus der un- gerechten Güterverteilung zieht der Radikalismus seine Nahrung. In der Vermachtrlng von Wirtschaft und Finanz sehen Millionen von Menschen ihren Feind. In der Hoffnung auf einen „System"-Wechsel in dieser Richtung halten sie sich aufrecht. Gerade der Katholizismus hat dieses Problem erkannt. Die letzten Kundgebungen des Papstes zielen auf eine Aenderung der Wirtfchasts- und Gesellschaftsordnung hin. Gerade im deuffchen Katholi- zismus hat man alle diese Gedanken mit besonderem Eifer aufgegriffen. Man spürte es schon weiter über die Mauern unserer Kirche hinaus, daß da neue, vom Christentum her gespeiste Kräfte am Werke seien, um die menschliche Gesellschaft von Grund aus zu erneuern. Ja, wir waren mit dem Programm unserer berufsständischem Gesellschaftsordnung auf dem Wege zu neuen Strukturen und zu neuer Volksgemeinschaft. Was aber mußten wir erleben!
Jene Miächta, die bei der Bildung der neuen Regierung sichtbar geworden sind, kann man sie anders bezeichnen als bie typischen Träger der Reaktion und der Verneinung alles dessen, was an gesundem Fortschritt aus den geänderten Verhältnissen der Menschheit emporwach- sen will? Es geht uns hier nicht um einzelne Persönlichkeiten, deren guten Ruf und besten Willen wir nicht antasten möchten: es geht uns vielmehr um das Typische der jüngsten Vorgänge. Der- tretet des Großgrundbesitzes im Osten, kommandierende Militärs und gewisse Teile der Schwerindustrie, man sagt ihnen wirklich.nichts Verleum-
DerRoman der modernen Fran.
Die Emanzipation der Frau ist vollendet. Frauenwahlrecht. Frauenstudium. Gleichberechtigung der Frau im Berufsleben und in der Gesellschaft. Alles Dinge, die modernen Menschen heute selbstverständlich erscheinen. Gewiß, manches ist gut. Vieles ist wünschenswert und kann als Fortschritt verzeichnet werden. Aber . . . Es muß ein einschränkender Nachsatz folgen: lieber all diesen Errungenschaften der Neuzeit läuft die Frau Gefahr, ihre wichtigiste. wesentlichste, gottgewollte Sendung rn verlieren: ihre Weihe und Bestimmung zur Mutterschaft.
Ueber dieses Thema schreibt Iosefine Widmar zwei wundervolle Bücher. Als das erste, „Die Kameradin" 1931 (im Tyrolia-Verlag, Innsbruck) erschien, horchte man auf. Hier waren brennende Fragen der Gegenwart mit Freimut, mit tiefem Verständnis und mit echter Liebe zu den Menschen angeschnitten. Hier sprach außerdem eine Dichterin, eine Frau, die, selbst allem Mütterlichen nahe, das Leben bewußt erlebt hatte und seinen Pulsschlag fühlte. Hier hatte eine Frau Wesentliches zu sagen. Wesentliches über das Gebiet des rein Literarischen, Künstlerischen hinaus. Dichtung ist eine wundervolle Sache, — wenn sie im Leben wurzelt. L'ort pour l'art: eine bloße Fiktion. Hier war Lebensdichtung, meinetwegen — um den abgenutzten Ausdruck hier erneut zu gebrauchen: — Zeitdichtung. Denn ein Buch, das sich wie „Die Kameradin" um solch wichtige Zeitfragen mit Erfolg bemüht, darf als Muster einer wesentlichen Zeitdichtung angesprochen werden.
Man war auf die Fortsetzung gespannt. (Schade, daß der Verlag sie nicht ankündigte. Manchem Leser mag das Buch unabgeschlossen, abgebrochen oorgekom- men sein, wenn er nicht kritisch und einsichtsvoll genug war, die Notwendigkeit einer Fortführung der Gedanken aus dem Wesen des Buches zu erraten.) Nun liegt dieser zweite Band vor: „Die E h e p r 0 b e" (1932, Tyrolia-Verlag, Innsbruck). Wohlbemerkt: die Eheprobe,
nicht die Probeehe, wie sich modern aufgemachte „Zeit", bücher so gern nennen. Hier liegt die Lösung, der Abschluß der angeschnittenen Gedanken vor. Hier wird dem Werk die Reife zuteil, die man ihm nach Lektüre der ersten Bandes wünschte. Hier liegen zuglei Lösungsmöglichkeiten, die für unsere Gegenwart praktische Bedeutung zu gewinnen vermögen. Die beiden Frauen des ersten Bandes stehen im Vordergrund: die beiden Be- rufstätigen: die Chemikerin Dr. Hedwig von Roffi und die Aerztin Dr. Rita Grabsky. Die Generalstochter Hedwig heiratet ohne rechte Zuneigung den Fabrikbesitzer Richter. Die Aerztin Rita verbringt nach schweren Fehltritten und bitteren Erlebnissen sechs einsame Jahre in dem Krankenhause, dem sie ihre Arbeit widmet. Dann heiratet sie den Mann ihrer Liebe, den Bruder der schönen Hedwig, und geht einer glücklichen Mutterschaft entgegen. Wundervoll ist geschildert, wie sich alles Verkrampfte und Verbitterte langsam in dieser Frau löst. Wie es hell und heiter in ihr wird. Wie sie unter ein paar lieben, spärlichen Worten des alten Landpfarrers sich plötzlich wieder auf ihren Glauben besinnt. Wie sie selbst vor der unendlich schweren Frage der Abtreibung steht, die sie bei anderen Frauen so oft rasch und mit leidenschaftlicher Anklage gegen „Schicksal" oder „Versklavung der Frau" entschieden hatte. Nun, da es sich um ihr eigen Fleisch und Blut handelt, besinnt sie sich auf ihre Sendung und bringt tapfer, wenn auch unter furchtbaren Schmerzen, ihr Kind zur Welt. Hedwig aber bleibt zur Kinderlosigkeit verurteilt. Sie findet jedoch schließlich nach schweren inneren Kämpfen einen guten Ausgleich, indem sie andern blutfremden Kindern Mutter wird. So scheint eine „Weltmutterschast" Ausweg für die ungezählten Frauen, denen das Lebben nicht die echte Mutterschaft schenkte. Seht fein gesehen auch die sozialen Unterschiede, besonders ihre Angleichung und Verschmelzung zwischen Rita und Hedwig, auch wohl noch zwischen Richter und den beiden Frauen. Alle Figuren des Buches find vorzüglich geschildert. Alle seelischen Lösungen als durchaus gelungen zu bezeichnen. Eine kraftvolle und lebendige Gestalt der alte Landpfar
rer. Eine äußerst sympathische Erscheinung die alte Generalin. »
Schade, daß der Verlag das Buch nicht im gleichen Gewände herausgab wie „Die Kameradin". Aber auch in der vorliegenden Form verdient es Lob, — rein äußerlich gesprochen. F. H. Schwank-Telfan.
Helden und Heilige.
Don den Helden und Idolen des Tage», an denen die Gegenwart dank der Rekordsucht in Technik und Sport so überreich ist und ihren Hunger nach Sensation zu stillen sucht, bis zum Heldentum vorbildlicher, aufopfernder Tat. etwa jenem Heldentum des Krieges, liegt ein weiter Weg der Dedeutungswandlung. Freilich das Opfer, möglichst in der absoluten und äußersten Folgerung der Hingabe des eigenen Lebens für eine große sittliche Idee, ist das wesentliche Merkmal wirklich wahren Heldentums. Das Opfer für eine Nation ist groß, doch das für die Menschheit — man denke nur an das meistens stille Heldentum wissenschaftlicher Forschung, der Kunst und auf allen Gebieten einer die ganze Menschheit erfassenden Geisteskultur — zum mindesten in der Wirkung größer. So bestehen Grade der Unterscheidung, aber in jedem Kreise eigener Bedeutung leuchtet das Heldentum wie ein Gestirn am Himmel der Schöpfung, erhaben über alle Grenzen der Zeit. So wird die zeitlose Bedeutung neben dem wesentlichen und sinnfälligsten Merkmal des Opfers ein weiteres Kennzeichen des Heldentums.
Ein drittes und letzthin entscheidendes Zeichen liegt in der Unabhängigkeit des Heldentums von jeder Ordnung, die der Mensch durch die Verteilung irdischer Güter oder im Sinne geistiger Rangordnung sich selber gesetzt: Der ärmste Bettler wie der Aermste im Geiste vermag ein Held zu sein, wenn er den Sinn des Opfers im rechten Augenblick der Tat erfüllt, gleichviel ob aus leidenschaftlichem Gefühlsantrieb oder aus tiefer Erkenntnis.
derifches nach, wenn man behauptet, daß sie im allgemeinen Bewußtsein des Volkes die a u s - gesprochensten Vertreter der Reaktion sind. Nicht einem einzigen Gedanken finden wir bei ihnen, der ein wirkliches Verstehen für jene vielen Millionen zeigte, die in unserem Jahr, hundert in die menschliche Gesellschaft ganz neu eingc-igliedert werden müssen. Es geht hier nicht um karitative Gefühle, die selbstverständlich ihren hohen Wert haben. Es geht vielmehr um den Gedanken einer neuen gerechten Ordnung, um die Anerkennung gewisser wirklicher Rechte, die sich der früher aus der Verantwortung für Staat und Wirtschaft herausgehaltene Arbeiter und Angestellte in schweren Ringen erworben hat,
Man liest schon in der ersten Regicrungserklä- rung vom Kamps gegen den Kulturbol- sche w i sm u s, der nun im Namen des Christentums mit frischer Kraft eknsetzen solle. Es wollen also Junker, Genorale und Schwerindustrielle im Namen des Christentums den Bolschewismus nie- derringen. Wir brauchen nicht zu bemerken, daß her Bolschewismus auch unser Feind ist, unser Todfeind. Während alle Mächte der Welt mit ihm paktieren rmd das Gefchäft machen, lebt allein Rom mit ihm in erklärtem Kriegszustände. Aber wir haben uns gehütet, die Schlacht gegen den Bolschewismus im Namen der ungerechten Güterverteilung von heute zu schlagen. Ja, wir haben uns gehütet, in dieser Sache das Christentum mit jenen Mächten zu verbinden, die in dar bolschewistischen Agitation so gern als die Schutzmächte des Christentums bezeichnet werden. Froh waren wir, als wir es endlich erreicht hatten, diesen Kampf rein auf den Boden des Christentums zu stellen und ihn weit zu distanzieren von Jnteressenkämpfen irdischer Machtgelüste. Nun aber können die bol- 'schewisffschen Agitatoren sich ihre Hände reiben. Junker, General und Schwerindu- strieller ziehen die Fahne des Chri- stentums auf und verkünden den Kreuzzug gegen den Bolschewismus. Nein, meine Herren, auf solche Weise, geht es nicht. Wer den Bolschewis- mus überwinden will, der muß auf die tiefen Ur« farfjen gehen, durch die er hervorgerufen ist. Rücksichtslos muß er die Schäden der heutigen W i r t scha f t s 0 r d n u n g an den Pranger ftc-1- len. Es gibt für ihn kein Bündnis mit Rüftungs- induftrien' und dergleichen. Unmöglich ist es, das leidende Volk noch weiter zu täuschen. Was chm ein selbstloser, deutscher und christlicher Mann wie Dr. Brüning zutrauen darf, das dürfen bestimmt ni<Ä jene, die uns einstweilen den Beweis noch schuldig geblieben sind, daß sie mit dem Christentum nun auch wirklich das Christentum meinen, nicht aber ihre eigene Macht, ihren Reichtum, ihre Güter und Gruben, ihrem praktisch vom Christentum längst gelösten Liberalismus.
Tragikomisch ist es in der Tat. Aber man soll sich nicht selbst betrügen. Es führt kein anderer Weg in eine bessere Zukunft als der von „Quadragesimo anno", und es gibt keine andere Macht, die schöpferisch eine neue Wirtschaftsordnung hervorbringen könnte, als das Christentum. Das wissen wir. Darum erheben wir heute unsere Fahnen. Darum kämpfen wir in der Opposition für das gleiche Ziel, das wir im Besitze der Macht erstrebt haben. Der Glaube an diese unsere Idee macht uns stark. Weil sie richtig ist, vertrauen wir der eigenen Kraft. Eins freilich ist notwendig, daß wir in einer Wehen Stunde, wo der Angriff von allen Seiten auf uns erfolgt, in Einigkeit zusammen st ehe». Interessengegensätze, wie sie in weniger bedrohten Zeiten so leicht das Leben beherrschen, müssen zurücktreten vor den großen sozialen und nationalen Ideen, die wir heute vorzutragen haben. Arbeiter und Bauern, Hausbesitzer und Hausmieter, Ange- stelltenschaft und freier Mittelstand, Männer und Frauen, junge unb alte Generation, Laie und Klerus, sie alle werden sich in dieser Stunde um die Fahne des Christentums scharen, die die Fahne der Freiheit, der Kufti.r, dco Geistes und der Religwa ist. Dann wird Gott mit uns sein, wie er in den großen Suhu-Jümpfen der Geschichte mit uns gewesen ist.
Einesoziologische Rangordnung des Geistes mag Me- luren und Paria, Bürger und Edelleute, Fürsten und Monarchen des Geistes erkennen und geflissentlich unterscheiden. Das Heldentum aber entzieht sich dieser Rang- ordnung, weil es nicht an der Oberfläche sichtbarer Grenzen und Unterscheidungen fein eigenes Wesen erkennt und empfängt, sondern aus der Urtiefe der Menschheit, ihrer großen Sehnsüchte nach Erlösung und Ueberwin- dung des Menschlichen, ja selbst alles Irdischen, auf dem Wege zum Ewigen und Göttlichen. Der Held steht immer innerhalb aller Schichten, gleichsam im Querschnitt des Daseins, er ist allen alles und gemeinsam verbunden. So vereinigen sich die einzelnen Wesenszüge des Heldentums zum Antlitz einer Gemeinschaft, die durch ein gemeinsames Schicksal aller Glieder sich bewahrheitet. Hier, im Zeichen der Gemeinschaft, deckt sich die Tat der Heiligen und Seligen der römisch-katholischen Kirche mit dem Heldentum, und zwar mit dem größten Heldentum des Opfers für eine weltumspannende Gemeinschaft des Kathvlon.
Hans Sauerland hat „Ein Heldenbuch der Kirche" geschrieben (Verlag Hermann Rauch G. m. b. H., Wiesbaden. Preis 12 RM,), das weit über den üblichen Raum der Heiligenlegenden zu einem großen (Erlebnis für jeden werden muß, der es zur Hand nimmt. Daß er „Zweitausend Jahre lebendiges Christentum aus der Perspektive unserer Zeit" gesehen hat, ist ein rein praktisches Verdienst um allgemeinverständliche Wirkung und gegenwartslebendige Darstet- lung. Doch das größere Verdienst ist, in der Interlinearversion feiner Darstellungsweife und Folge Sinn und Begriff des Heldentums am Leben der Heiligen unmittelbar veranschaulicht zu haben, eine erstmalige und kühne Tat, die Achtung erzwingt. Die vorzügliche Ausstattung des Buches mit Text begleitenden Reproduktionen nach Bildwerken berühmter Meister religiöser Kunst steigert feinen äußeren und Inneren Wert. „Heldenbuch der Kirche" ist kein blendender Titel, sondern die sachliche und nüchtern klare Bezeichnung für ein Buch, dessen tiefer Inhalt dem Theologen und Philosophen wie dem Säten ein unerschöpflicher Quell der (Erbauung ist.