Anzeiger für die Stadk Julda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblakt.
Ilr. 138
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Silb* und Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe:. Schrift. :: leitung 3153. Fuldaer Actiendruckerei 3151 und 3152. ::
Freitag, 17. Juni 1932.
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laljrg. 59.
Sie Eröffnung der Lausanner Konferenz.
Eine bedeutsame Rede Macdonalds.
tot6. Lausanne, 16. Juni. (Eig. Meld.) Die feierliche Eröffnungssitzung der Lausanner Konferenz begann heute vormittag um 10 Uhr in dem Renaissance-Saal des Hotel Beaurivage. An einem hufeisenförmigen Tisch hatten zur Linken pon Macdonald die Mitglieder der englischen Delegation., Chamberlain, Samuel, Simon und Atunciman, anschließend die deutschen Delegierten, Reichskanzler von P a p e n, Reichsaußenminister Freiherr von Neurath, Finanzminister Graf von Schwerin-Krosigk und Wirtschafts. Minister W a r m b o l d, zur Rechten die französischen Delegierten, Ministerpräsident Herriot,, Finanzminister Germain-Martin, Handelsminister Julien Durand, Unterstaatssekretär für Auswärtige Angelegenheiten Paganon und Sonnet, ferner die italienische Delegation mit Grandi, Mosconi, Beneduce und Pirelli Platz genommen. An den beiden Längsseiten schlossen sich zur Linken die Abordnungen Japans, Australiens, Kanadas, Griechenlands, Portugals und Jugoslaviens, zur Rechten die Belgiens, der Tschechoslowakei, Neuseelands, Polens und Südafrikas. Eine große Zahl von Journalisten aller Länder und eine beschränkte Anzahl Zuhörer aus dem Publikum vervollständigen die umfangreiche Versammlung.
Nach Begrüßungsworten des schweizerischen Bundespräsidenten Motta, der neben Macdonald Platz genommen hatte, ergriff Macdonald das Wort. Er wies darauf hip, daß die
Konferenz im Schatten der bedenklichsten Wirtschaftskrise
zusammentrete, die jemals die Welt in Friedenszeiten betroffen habe. „Die ganze Welt sieht auf uns," so führte er aus, „und hat niemals von einer internationalen Konferenz früher so dringend Ab - mach ungen erwartet, die zur Beseitigung der bestehenden Notlage beitragen können. Vor kurzem hat das Wirtschaftskomitee des Völkerbundes uns darüber unterrichtet, daß der Wert des internationalen Handels heute nur noch d>ie Hälfte oder vielleicht weniger als dl« Hälfte dessen ausmacht, was er anfangs 1929. betrug, daß die Zahl der Arbeitslosen sich mehr als verdoppelt hat und 20—25 9111I I i o n en Menschen heute ohne Arbeit sind, und Hatz diese Lage täglich schlechter wird. Ich lege Wert darauf, zu betonen, daß es sich um
eine Weltkatastrophe
handelt. Es kommt nicht auf die Richtung der Regierung an, die an der Spitze steht. In jedem Falle verfällt der Staat in Armut und das Einko mnten der Völker geht zurück. Die Fürsorgemaßnahmen müssen eingeschränkt werden, wenn Bankrotte vermieden werden sollen. Die Hilfe, die die Gemeinschaft im einzelnen geben kann, muß vermindert werden. Die Lebenshaltung, di« der Zivilisationsstufe entspricht, sinkt ab, und um seine Finanzen zu schützen, hat ein Staat nach dem anderen Einschränkungen des Außenhandels vornehmen müssen, die unvermeidlich dazu beigetragen haben, die Abdrosselung zu verschlimmern, in der sich 'die Völker befinden. Macdonald betonte, daß es
keinen Unterschied zwischen Frankreich, Italien, Deutschland, Amerika oder Großbritannien und der übrigen Welt in diesem Mißgeschick gebe. Es handele sich um ein System, das unter unseren Füßen zusammenbreche. Niemand könne bei dem Wiederaufbau sich fern halten. Wenn man feststelle, daß eine Politik betrieben worden sei, die die einfachsten Wirtschaftsgesetze verletzt habe, von denen die Wohlfahrt und der internationale Güteraustausch, die Aufrechterhaltung vernünfttger Preise und die Konsumfähigkeit abhängen, so müsse man sich entschließen, vorübergehend den Preis zu zahlen, der eine Um- kehr von allem fordere. 9Hit klarem Blick und ruhigen Nerven sei das zu erreichen.
Man habe heute einen Teil der Ursachen dieser Notlage zu behandeln. Eine dringende Frage:
die finanzielle Erbschaft des Krieges, ihre Wirkung auf die Weltwirtschaft müsse durch ein Abkommen liquidiert werden.
Dies könne nicht das Ende der staatsmännischen Arbeit sein, aber ein wirksamer Beginn.
Macdonald dittierte aus dem Baseler Gutachten die bekannten Ermahnungen an die Regierungen, ohne Verzug zu Entscheidungen zu kommen, um das Vertrauen als Grundlage der wirtschaftlichen Stabilität und des wirtschaftlichen Friedens wieder herzustellen, und unterstrich seinerseits diesen Appell, dessen Dringlichkeit in der Zwischenzeit so verstärkt worden sei. Im weiteren legte der Premierminister die politischen und psychologischen Wirkungen des gegenwärtigen Zustandes dar und erklärte, daß die Aufgabe nicht nur eine technische, sondern eine solche der Grundsätze sei.
Ein Grundsatz sei sicherlich sehr klar der Konferenz unterbreitet: Feierlich e i n g e g a n- Sene Verpflichtungen könnten nicht urch einseitige Verleugnung beseitigt werden. Aber dieses Prinzip werde, wie er überzeugt sei, von niemand angefochten. Diesem Prinzip stehe aber die Notwendigkeit gegenüber,
Verpflichtungen, die sich als unerfüllbar erwiesen hätten, durch Uedereinkunft zu revi- > dieren.
Beide Teile eines Abkommens müßten immer bereit sein, die Tatsachen in Erwägung zu ziehen,
und unter diesen Tatsachen sei nicht zu ermitteln, ob die bisher aufgestellten Pläne unmögliche Lasten geschaffen hätten, sondern ob eine wirtschaftliche, finanzielle und handelsmäßige Unvernunft zu dem beklagenswerten wirtschaftlichen Mißstand beigetragen habe, in dem sich die Welt jetzt befinde.
Die Einladung, so fuhr Macdonald' fort, der mir hier Folge geleistet haben, legt uns eine Arbeit großen Maßstabes auf. Wir müssen die destruktiven Einflüsse im ganzen beseitigen. Wenn wir das tun, so kann
Europa nicht allein handeln. Die Einheit der Menschheit ist heute mehr als ein Schlagwort, und es hat eine außerordentliche praktische Bedeutung. Wir können deshalb alle die Zusicherung willkommen heißen, daß nach Ueberwindung der gegenwärtigen Phase die Vereinigten S t a a- t e n uns ,’u dem Glauben ermutigt haben, daß sie bei der Prüfung einiger dieser weiter gesteckten Probleme Mitarbeiten werden, und sich mit uns vereinen werden, um eine Politik für die Aufrechterhaltung der Zivilisation zu schaffen, die auf der Wohlfahrt aller Nationen, auf ihrer fleißigen wirtschaftlichen Tätigkeit, ihrem internationalen Güteraustausch und auf einem glücklichen Dasein der Massen beruht.
Der Erfolg in Lausanne kann nicht voll geerntet werden ohne Erfolg in Genf.
Wenn Staatsmannskunst die wirtschaftlichen Schwierigkeiten überwinden soll, die uns hier hauptsächlich beschäftigen, so muß eine Periode wirtschaftlicher Ruhe gewährleistet werden, in der die Völker ihre wirffchaftlichen Angelegenheiten in Ordnung bringen können, ohne durch Krieg und Kriegsgeschrei gestört zu werden.
Macdonald schloß mit warmen Wünschen für die Erfüllung der Aufgabe, deren Schwierigkeiten er nicht verhehlt bähe. Die Größe dieser Aufgabe müsse Mut und Entschlossenheit für ihre Lösung schaffen. Die Rücksicht auf die öffentliche Meinung kann bei großen Aufgaben den Völkern zu- muten, daß sie, statt sich zu entrüsten, heroisch und edelmütig mitgehen. „Mein Appell an diese Konferenz ist", so schloß Macdonald, „nichts außer Schwäche zu fürchten und aus den Beratungszimmern, von denen unsere künftige Arbeit ausgeht, k ü hn x P o r sch l.ä g e hervorgehen zu lassen, die durch ihren bloßen Charakter die Unterstützung der ganzen Welt sich sichern."
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Dor Ser Ansprache des schweizerischen Bundespräsidenten war auf Vorschlag Herriots, den Grandi
Das Wolfbüro verbreitet folgende Meldung:
Entsprechend ihrer Erklärung bei der Ueber- nahme der Geschäfte hat die Reichsregierung dem Herrn Reichspräsidenten Vorschläge für Milderung der feit März 1931 erlassenen politischen Ausnahmevorschriften gemacht, die in der Verordnung gegen politische Ausschreitungen vom 14. Juni 1932 enthalten sind. Reichspräsident und Reichsregierunq lassen sich bei den neuen Vorschriften von der Absicht leiten, die durch die früheren Notverordnungen erhablich eingeschränkte politische Freiheit, namentlich für die wichtige bevorstehende Wahlentscheidung teilweise wieder herzustellen.
Die Reichsregienlng wollte an den einzelnen bisherigen Notverordnungen keine Streichungen, Ergänzungen und Aenderungen vornehmen. Sie bat vielmehr die D o r j ch r i s t e n, die nunmehr in Kraft find, in einer neuen Verordnung zusammengestellt um sowohl der Bevölkerung einen klaren Ueberblick über die Bestimmungen zu geben, die gelten, als auch den Behörden die richtige Anwendung zu erleichtern.
Ein Vergleich der aufgehobenen Verordnungen mit der neuen ergibt, daß die bisherigen Vorschriften weitgehend gern i I. b e r t sind. Auf dem Gebiete des Der- sammlnngsrechts find die Bestimmungen über die Anmeldung und das Verbot von öffentlichen, politischen Versammlungen, von Versammlungen und Aufzügen unter freiem Himmel und von den sogenannten Lastwagenfahrten gestrichen. Ein vorheriges Verbot von solchen Versammlungen und Aufzügen ist auf Grund der neuen Verordnung nicht mehr gegeben. Diese Erleichterung ist im Hinblick auf den bevorstehenden Wahlkampf getroffen. Sollte jedoch die Wiederherstellung der Versammlungsfreiheit zu Störungen der öffentlichen Ruhe führen, so fft dem Reichsminister des Inneren die Erleichterung gegeben, erneut für das Reichsgebiet oder einzelne Teile Bestimmungen über die Anmeldung und das Verbot der Versammlungen zu treffen. Die Besugnis der zuständigen Landes- und Ortspolizeibehörden, Versammlungen un. ter freiem.Himmel wegen un mittel* barer Gefahr für d ie öffentliche Sicherheit auf Grund desArt.2 3, Abs. 2 der Reichsverfassung zu verbieten, ist durch die neuen Vorschriften selbstverständlich n ich t berührt.
Die Befugnis der Polizei, öffentliche, politische Versammlungen sowie Versammlungen und Auszüge unter freiem Himmel aufz u l Öfen, ist aus dem bisherigen Recht übernommen, mit der Ein
unterstützte, durch Handaufheben Macdonald zum Präsidenten der Konferenz gewählt worden.
Zusammenkunft zwischen Papen und Herriot.
wtb Lausanne, 16. Ium. (Eig. Meld.) Heute mittag findet eine Zusammenkunft zwischen Reichskanzler von Papen und dem französischen Ministerpräsidenten Herriot statt. Nachmittags werden die Delegationsführer zufammentreten, um noch wettere Fragen der Konferenztechnik ,zu regeln. Im übrigen finden heute keine eigentlichen Konferenzarbeiten statt. Die nächste Sitzung, die jedoch nicht öffentlich sein wird, ist auf morgen vormittag 10 Uhr anberaumt.
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Die verantwortlichen deutschen Minister auf der Lausanner Konferenz gaben am Mittwochabend vor der deutschen Presse Erklärungen über die Konferenz ab.
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wtb. London, 16. Juni. (Eig. Meldung.) Der parlamentarische Korrespondent der Financial News, schreibt, er erfahre aus sicherer Quelle, daß die britische Regierung beschlossen habe, daß mit oder ohne Zustimmung der anderen Gläubiaer-Re- gierungen ihre Delegierten Lausanne nicht verlassen werden, ohne zu verkünden, daß Groß- Britannien keine weiteren Reparationszahlungen von Deutschland und anderen vormals feindlichen Ländern fordert.
wtb. London, 16. Juni. (Eig. Meld.) Der Lausanner Sonderberichterstatter der „Times" schreibt, es könne kein Zweifel über Macdonalds Entschlossenheit herrschen, alles zu tun, was in feiner Macht liegt, um alle in Betracht Kommenden dazu zu bringen, endlich den Tatsachen der Reparationen und der allgemeinen Wirtschaftslage ins Gesicht zu sehen. Die deutsche Delegation sei anscheinend in einer zurückhaltenden Stimmung eingetroffen, und man neige dazu, die Anzeichen einer günstigeren Stimmung in Frankreich gegenüber Deutschland als zu gut, um wahr zu sein, anzusehen. Niemand erwarte natürlich eine völlig durchgreifende Regelung von dieser Konferenz. Aber eine angemessene Vorbereituna für endgültige Taten werde nicht als außer Frage stehend angesehen. Schulden st reichung ist dasA und das O jederUnterHaltung in Lausanne. „Times" weist in diesem Zusammenhang darauf hin, daß in Deutschland radikale Abzüge an Pensionen und Unterstützungszuwendungen soeben einem Volke auferlegt sind, von dem ein großer Teil bereits Schwierigkeiten habe, das nackte Leben zu fristen.
schränkung, daß der Auflösungsgrund der Gefährdung der öffentlichen Sicherheit oder Ordnung weg- gefallen ist. Die Klagen über die zu weitgehende Fassung dieser Bestimmung und ihre zu sehr in das Ermessen der überwachenden Polizeibeamten gestellte Anwendung waren so lebhaft geworden, daß die Reichsregierung glaubte, die Auflösungsbefugnis der Polizei auf bestimmte, abgegrenzte Tatbestände einschränken zu sollen. Im übrigen unterliegen unfriedliche Versammlungen ohne weiteres der Auflösung durch die Polizei.
Vollständig aufgehoben werden durch die neue Verordnung sämtliche einschränkenden Bestimmungen über Plakate und Flugblätter politischen Inhalts. Die Möglichkeit, gegen Plakate, Flugblätter und sonstige Druckschriften der kommunistischen Gottlvfen- Bewegung vorzugehen, ist jedoch nach wie vor durch die in Geltung befindliche Verordnung des Reichspräsidenten über die Auflösung der kommunistischen Eottlosenorganisation vom 3. Mai d. Js. weiterhin gegeben.
Im übrigen sind die Vorschriften über die B e- schl'agnahme und Einziehung von Druckschriften einschließlich periodischer Druckschriften (Zeitungen) weggefallen. Dagegen haben die Bestimmungen über das Verbot p e r io- discher Druckschriften tm wesentlichen aufrecht erhalten werden müssen. Der, bisherige Verbotsgrund der Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, der wegen seiner weir- gehenden Fassung besonders zu Beanstandungen Anlaß gegeben hatte, ist jedoch durch einen neuen Verbotsgrund ersetzt worden, nach welchem das Erscheinen einer periodischen Druckschrift bann auf gewisse Dauer unterlagt werden kann, wenn in ihr eine Veröffentlichung enthalten ist, die l e - benswichtige Interessen des Staates dadurch gefährdet, daß unwahre oder entstellte Tatsachen behauptet oder verbreitet werden. Gedacht ist hier etwa an unwahre Behauptungen, durch welche die Währung oder Interessen der Landesverteidigung gefährdet werden. Die Höchstdauer des Verbotes einer Tageszeitung ist von 8 auf 4 Wochen herabgesetzt worden. Bleibt sonach die Presse gewissen Auflagen und Beschränkungen unterworfen, so wird der Reichsminister des Innern durch Ausfuhrvorschriften dafür sorgen, daß Entgegnungen knapp gehalten werden, und daß vor der Anordnung eines Verbotes nach Möglichkeit zunächst der Weg der Verwarnung, einer von der Zeitung abzugebenden Erklärung, oder einer von ihr zu veröffentlichenden amtlichen Entgegnung beschritten wird.
Zu der früheren Notverordnung, an deren stelle die neue Notverordnung tritt, gehört auch
die Verordnung vom 13. April 1932, durch welche die militärähnlichen Or ganifationen der NSDAP, ausgelöst wurden. Der Herr Reichspräsident hatte schon alsbald nach dem Erlaß dieser Verordnung den Wunsch geäußert, daß allgemeine und gleichmäßig anzuwendende Vorschriften für alle Verbände solcher Art erlassen werden möchten. Als Ersatz für die Bestimmungen, die daraufhin zunächst in der Verordnung vom 3. Mai 1932 über politische Verbände getroffen worden waren, sind in die neue Verordnung Vorschriften aufgenommen worden, nach denen politische Verbände, deren Mitglieder in geschlossener Ordnung öffentlich aufzutreten pflegen, auf Ber» langen des Reichsministers des Innern verpflichtet 'sind, ihm ihre Satzungen und sonstigen, Bestimmungen über ihre Organisation und Tätigkeit vorzulegen. Die Verbände sind ferner verpflichtet, an diesen Bestimmungen und an ihrer Satzung jede Aenderung vorzunehmen und jeder Auflage nachzukommen, die der Reichsminister des Innern zur Sicherung der Staatsautorität für erforderlich hält. Nach der Festlegung dieses weitgehenden, sich auf alle Verbände solcher Art erstreckenden Aufsichtsrechts, war es vom Standpunkt der gleichmäßigen Behandlung geboten, auch der NSDAP, bei der Neubildung solcher Verbände keine besonderen Schranken aufs u erlegen.
Schließlich ist auch das sogenannte Uniformverbot in die neue Perordnung nicht wieder a ufgenommen worden. Die Reichsregierung hat sich zu seiner Aufhebung ni ch t ohne Bedenken entschlossen. Sie erwartet, daß gerade die Wiederzulassung der Uniform die Führer in die Lage versetzen wird, unbedingte Disziplin unter den Mitgliedern der Verbände zu halten. Sollte sie sich hierin getäuscht sehen und die Wiederzulassung der fogenannten Parteiuniformen Zusammenstöße zwischen den Anhängern der geg- nerifchen Verbände zur Folae haben, so würde sie genötigt sein, mit scharfen Bestimmungen, zu denen ihr das oben erwähnte Aufsichtsrecht die Handhabe bietet, gegen die schuldigen Verbände einzuschreiten.
Haben sich somit Reichspräsident und Reichsregierung entschlossen, eine weitgehende Milderung der bisher bestehenden Ausnahmevorschriften ein» treten zu lassen, so haben sie gerade deswegen geglaubt, politische Gewalttaten mit strengen Strafen belegen zu müssen.
Wer glaubt, die im weitem Umfang mteber berge ft eilte politische Freiheit zu Gewalttaten gegen den polr- tischen Gegner mißbrauchen zu fön# nen, beit soll die ganze Schärfe des Gesetzes treffen. Die Reichsregierung er- wartet von den Polizei- und Strafverfolgungsbehörden, daß sie mit Strenge gegen derartige Gewalttätigkeiten vorgehen und die Täter rascher und fühlbarer Bestrafung zuführen werden.
Der Reichspräsident, und die Reichsregierung erwarten von dem deutschen Volke und insbesondere von den politischen Parteien und Verbänden, daß die größere Freiheit des politischen Lebens, welche durch die neuen Vorschriften gewährleistet wird, nicht erneut zu einer Verbildung der politischen Sitten führt, und daß sich die polittschen Führer aller Grade ihrer Verantwortung für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung in Deutschland bewußt sind und das Ihre tun, die politischen Kämpfe in einem Rahmen zu führen, der einer gesitteten Nation würdig ist. Reichsre- gierung und Reichspräsident Taffen andererseits keinen Zweifel darüber, daß, falls sich diese Erwartungen als t r ü g e r i sch erweisen sollten, n e ue und scharfe Ausnahmevorschrrften die unvermeidbare Folge sein müßten.
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Die politische Notverordnung der Reichsregierung trägt das Datum des Mittwoch mit der Unter f d) r i f t des Reichspräsidenten. Den Vertretern der Länder wurde der Inhalt der Verordnung am Nachmittag im Reichsinnenministe- rium mitgeteilt. Die Verordnung erscheint Donnerstagnachmittag im Reichsgesetzblatt', sie tritt am Freitag in Kraft.
Mederaufsiellulm der Kamps-Formationen der Eisernen Front.
Am Mittwoch nachmütag fand in Hamburg in der Geschäftsstelle der Eisernen Front eine Führerbesprechung statt, in der die Stellungnahme zur Aufhebung des S. A. - Verbots betanntgegeben wurde. Man teilte mit, daß automatisch mit der Aufhebung des S.A.-Verbots auch die Schufo» F ormationen wieder aufgefteltt würden, die man bei Gelegenheit des S. A.-Verbots ausgeschaltet habe.
Ein Hindenburg Brief.
wtb. Berlin, 16. Juni. (Eig. Meld.) Der Reichspräsident hat an den Reichsminister des In- nern Freiherrn von Gayl, im Zusammenhang mit dem Erlaß der politischen Notverordnung fol- genbes Schreiben gerichtet:
„Sehr geehrter Herr Reichsminister!
Anbei übersende ich Ihnen die von mir vollzogene Verordnung gegen politische Ausschreitungen zur Veröffentlichung. Ich habe die mir von der Reichsregierung vorgeschlagenen weitgehenden Milderungen der bisherigen Vorschriften in dem Vertrauen darauf vorgenömmen, daß der politische M e i n u n gs» kampf in Deutfchland sich künftig in ruhigeren Formen abspielen wird, und daß Gewalttätigkeiten unterbleiben. Sollt« sich diese Erwartung nicht erfüllen, so bin ich entschlossen, mit allen mir verfassungsmäßig zustehenden Mitteln gegen Ausschreitungen jeder Art vorzuqehen. Ich ermächtige Sie, diese meine Willensmeinung bekanntzugeben.
Mit freundlichen Grüßen
bin ich Ihr ergebener gez. v. Hindenburg"
Die neue politische Verordnung erlassen.
Verden sich die daran geknüpften Erwarkungen erfüllen?