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Beilage zur Fuldaer Zeitung

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Das Kirchlein.

Liebes Kirchlein an der Straßen, wer dich einsam hier erbaut, hat in Sehnsucht ohne Maßen, hat, wie ich, hinausgeschaut m die Fernen, in die Weiten, in ein unbekanntes Land, wo die Nebelgeister schweifen auf der alten Berge Rand. Kirchlein, aus des Lebens Mitte ohne Rast und ohne Ruh lenken täglich meine Schritte durch die Felder dir sich zu.

. Max v. Schenkendorf.

Sturm.

Don Stefan Musius.

Schweigend steht der Wald, still ruht der See. Nur die kleinen Ringlein, die emportauchende Fische machen, kräuseln seine Oberfläche. Ein blinkender Tropfen springt dann auf, versinkt, und ganz leise ziehen ein paar schwache Kreise, um gleich wieder im glatten Spie­gel zu ertrinken. Reglos, in sich versunken, stehen dunkle Tannen da, kein Wipfel will sich rühren. Birken lassen dazwischen ihr mattgrünes Laub von den Zwei­gen hängen, resigniert, als predigten sie Ergebung in das Schicksal.

Plötzlich kommt ein erster Windeshauch. Die Birken­zweige ersaßt er und schlägt die locker hängenden Blätter wie im Scherze gegeneinander. Doch sie beben vor die­sem Schmerz und klagen mit klapperndem Laut. Das Weh der Welt erzittert in ihnen .

Und di« Tannen schrecken aus ihrem Sinnen empor. Ihre Wipfel schwanken leise und halten Ausschau nach dem, was kommt. Und in der Ferne sehen sie ihre Brü­der, -roie sie sich beugen, als fahre etwas über sie hin. Und näher, immer näher ?ommr das Beugen; es er­faßt den Wald, es zieht sieghaft darüber hinweg. Nun, nun ist es am See, und plötzlich wankt der yrüne Wall, der das Wasser rahmt.

Verwundert schaut der See empor. Doch auch ihn erfaßt es schon. Er spürt eine Hand, die aufwühlend, hier dvückenü, dort hebend über feinen Spiegel fährt, und er muß sich fügen.

Nun beginnt es' wie ein leiser Orgelbraus. Aus tief­sten Waldesgründen quillen Töne auf, hie und dort, ein ganzes Heer, und aus den Lüften zieht pfeifend und heulend ein zweites Heer heran. Sie vereinen sich und hüllen Wald und See in Schrecken.

Nacht wird's Wolken schieben sich heran und be­lagern das himmlische Licht. Don allem Guten scheint die Welt verlassen. Aufjauchzend stürzt des Sturmes Macht herbei und begräbt die Welt---die Birken

haben's vorgeahnt.

*

Doch kommt sie wieder, die heilige Stille und sän-ftigt olle Unruhe, alle Schmerezn. Und wir wissen: nicht das Laute das Stürmische, das Gewaltsame wird Sieger sein im letzten Kamps. Sie­gen kann immer nur bis Stille.

Der Kursaal des Galeuus.

Der Chirurg der römischen Gladiatoren und sein Sur- betrieb. Neue Ausgrabungen der Deutschen in Perga­mon. — Wo der Kaiser Hadrian seinen Sräuchen- bronnen trank.

Don Dr. L. H. Kramer.

Deutschland kann auf den üppigen Kran,; seiner Heil­stätten und Kurbetriebe stolz fein, die alljährlich zur schönen Sommerzeit den orbeits- und pflastermüden Großstädter mit neuem Lebensmut und frischer Schaf­fenskraft erfüllen. Man weiß den Erholungsbedürftigen nicht nur von der medizinisch-wissenschaftlichen Seite zu

erreichen, sondern die Heilung auch durch Erquickung von Geist und Gemüt zu vervollkommnen. Aber gerade diese letzten Erkenntnisse, die sich hauptsächlich erst in der jüngsten Zeit durchgerungen haben und auch heute noch nicht überall die richtige Würdigung finden, sind älter, als wir glauben. Diese Tatsache konnte durch die Aus­grabungen nahe der kleinasiatischen Stadt Pergamon sestgestellt werden, über die Geh.-Rat Dr. Th. Wiegand- Berlin in der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift" intressante Aufschlüsse mitteilt.

Der überraschende Erfolg der Forschungen, die der Gelehrte in diesen Tagen mit Hilfe der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft zu einem gewissen Abschluß gebracht hat, besteht in der Freilegung des ganzen gro­ßen, im ganzen Altertum weit und breit berühmten Heiligtums des Asklepios, dessen Bedeutung auch die Münzprägung der Stadt Pergamon zeigt, der einstigen Hauptstadt des zur Großmacht emporgestiegenen Per­gamenischen Reiches und späteren Hauptstadt der römi­schen Provinz 21'fia.

Aus Pergamon stammte Galenus, der bekannteste Arzt des römischen Altertums, der als Chirurg der Gladiatoren begann, es dann zum Kaiserlichen Leibarzt brachte und uns „ in der Heilstätte zu Pergamon ein beredtes Zeugnis feiner Kunst hinterlassen hat.

Nicht weniger als ein Kilometer ist die aus Trachyt bestehende Säulenhalle lang, die zu dem Heiligtum des Asklepios führt. Dann empfängt ein gewaltiger, auf einem quadratischen Unterbau von 50 Meter Seiten­länge errichteter Rundbau den Besucher. Im kreisför­migen Innern des Tempels bergen sieben Nischen die Standbilder der Gottheiten, die über die Gesundheit des Menschenlebens walten. Diolette Adern durchziehen den Fußboden aus gelblicheib phrygijchen Marmor. Das Ganze wird von dem bunten Glasmosaik der Kuppel gekrönt.

Gewaltiger noch in seinen Ausmaßen als der Kult­bau ist der andere Rundbau, der eigentliche „Kursaal". An mehreren Stellen wurden Lausbrunnen mit Steig­rohren gesunden. Im nördlichen Teil, der keinerlei Fen­ster und Türen aufwies und daher in einem ewigen

Dämmer lag, dürften die Inkubationen stattgefunden haben. Hier schliefen die Genesung Suchenden auf der Haut eines Opfertieres, um im Traum Heilung oder Rat zu finden. Ucbrigens hat auch die christliche Kirche des Mittelalters eine solche Art von Kuren aus­geübt.

Treppen führten von dem Oberbau in das Unter­geschoß, und ein unmittelbarer Zugang verband ihn mit der Wandelhalle der Kurgäste. Diese bestand aus weißem Marmor und bildete eine hufeisenförmige schattige Promenade von 350 Meter Länge. Sie um­schloß den mit weißen Marmorplatten bedeckten Fest­platz des Asklepios.

Mit der Freilegung des Raumes, der die Heilquelle umschloß, sind die Forscher noch beschäftigt. Das Was­ser floß dann unter den Marmorplatten des dunklen, un­terirdischen Ganges dahin, der vom Untergeschoß des „Kursaals" zur Mitte des Festplatzes verlies und sicher­lich ebenfalls eine Rolle bei den Suggestionskuren spielte, die in die Inkubation mündeten. Wie Geh.- Rat Wiegand hervorhebt, kann jedoch hier von einem Kurschwindel der heidnischen Priester keine Rede sein. Vielmehr wurde hier nach wissenschaftlichen Grundsätzen verfahren. Dagegen spricht auch nicht das Vorhanden­sein des marmornen, fünf- bis sechstausend Besucher fas­senden Theaters, das jetzt überraschenderweise festge- stellt werden konnte. Die reizvolle Ausstattung mit Ni­schen und Standbildern, die Mannigfaltigkeit der spitzen und runden Giebelformen beweisen, wie sehr der Arzt des Altertums auf feine Kranken in seelischer Beziehung einzuwirken bemüht war.

Die ausgegrabenen Kaiserstandbilder und Infchnf- ten lassen darauf schließen, daß auch Hadrian und an­dere Cäsaren im Heiligtum des Asklepios zur Kur ge­weilt und sich durch Stiftungen darum verdient gemacht haben. Hierher flüchteten sie, „vor den Händeln dieser Welt", wie es ein Jahrtausend später Karl der Große tat, als er die heißen Quellen von Aachen auf'uchte, und ein weiteres Jahrtausend später König Wilhelm, da er „friedlich, wie er gesonnen", in Ems seinen Krän­chenbronnen trank.

A-Vook auf dem Meeresgrund.

Nach Tagebüchern wiedererzühtt.

vom Unctütf verfolgt.

Dee Morgen hämmert. Sie Lust ist verbraucht, muß durch frische erfetzi werden, um so mehr, als auch diesmal nach späterem Angriff mit einer längeren Fluchtfahrt unter Wasser zu rechnen ist.

„Auftquchen!" erläßt der Kommandant den Befehl.

Aber einer schaut den anderen an: das Boot erzittert, hebt sich nicht.

Die Pumpen saugen den letzten Tropfen Waffer aus den Tauchtanks. ^Preßlüftflaschen werden angesetzi. Zischend strömt die Luft in die Tanks. Diesmal erzittert das Boot stärker. Unb endlich, Zentimeter um Zenti­meter, kaum wahrzunehmen, bann schneller unb schnel­ler. Das Boot steigt.

Einer der Matrosen wollte seinem Nachbar, der ihn vorhin unsanft berührt hatte, einen Tritt geben. Mitten im Gebenwollen war er auf einem Bein erstarrt. Jetzt erst landet die Fußsohle beim Nachbar. Der Tritt wird nicht roiebergegeben. Beide sehen sich an unb lachen. Alles lacht. Atmet auf. Meter für Meter steigt das Boot. Der Oberfläche, der würzigen Seelust entgegen.

Dann wird es allen bewußt, daß es mit dem Boot doch nicht mehr ganz feine Richtigkeit hat. Je höher es kommt, desto mehr neigt es sich nach vorne. Vorlastig. Das Gleichgewicht ist gestört.

Der Kommandant tut, als ob nichts los. märe. Gibt ruhig seine Befehle.

Die Mannschaften tun, als merkten sie nichts. Füh­ren ruhig die Befehle aus.

Sind wie immer.

Jener!

Je höher das Boot steigt, desto mehr verläßt es dir normale Lage, desto mehr vergrößert sich der Neigungs- winkel. Plötzlich sausen mit donnerndem Gepolter alle Gegenständ«, die nicht niet- unb nagelfest sind, aus einer Ecke in die andere. Das Boot hatte sich fast senkrecht aufgestellt. Während die Matrosen durcheinander zu einem Haufen kollern, folgt das zweite und schlimmere Unglück unmittelbar hinterher.

„Feuer im Boot'"

Eine Stichflamme gibt blendende Helle. Qualm wälzt sich hinterher. Die Lust ist augenblicklich verpestet von Rauch und giftigen Dämpfen übergelaufener Schwefel­säure der Akkumulatorenbatterien.

Lähmendes Entsetzen lastet einen Augenblick auf Mann unb Offizier.

Keine Panik bricht aus. Die Zähne aufeinanderge­bissen, wird der erste Schreck überwunden. Dann stol­pert und klettert die Wache in die schwarze Wolkenwand mitten hinein. Sie arbeitet sich mühsam vor zu jener Stelle, wo es knistert. Wo der Widerschein der Flam­men die Rauchwolke gespenstig erhellt. Die Augen tränen unb blinzeln unter bem beißenden Rauch. Und während das Zischen der in Tätigkeit gesetzten Lösch­apparate ertönt, der Feuerschein schwächer wird, kom­men die Maschinisten ihrer Aufgabe ganz unb voll nach. Mit einer Hanb klammern sie sich an, mit ber anderen Hand bedienen sie die Hebel und Schaltbretter.

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Am ein Haar....

Die gefährlichsten Augenblicke berühmter Sportler.

Don Hans Morgan.

Die schweren Unglücksfälle, die kürzlich den Fürsten Lodkowicz unb ben Meistersahrer von Morgan aus ihren Rennwagen schleuberten unb tot auf ber Strecke liehen, bewiesen roieber einmal, baß ber Mensch noch immer nicht völlig Herr über bie Maschine ist. Autorennfahrer, Flugzeugführer und andere Männer, deren Beruf sie ge­wissermaßen mit irgend einem maschinellen Objekt ver­bindet, haben mehr als einmal die Erfahrung machen müssen, daß ihr Leben in kritischen Augenblicken; in denen dies Objekt seine Tücken zeigt, an einem Faden hängt unb oft um Haaresbreite nur am Tobe vorbei- .llhrt.

Wir haben uns an eine Anzahl führenber Sports­leute gemanbt mit ber Bitte, uns etwas über bie ge­fährlichsten Augenblicke ihres Lebens zu erzählen. Hier finb ihre Säuberungen:

Carracciola,

ber volkstümlichste beutsche Autorennfahrer: „Wer ben Nürburgring kennt mit seinen Kurven, seinen Steigun­gen unb hunbert anberen Tücken, weiß, baß er un­zählige Gefahren birgt, mit benen ber gewiegte Renn­fahrer zu rechnen gezwungen ist unb an benen er wirk­lich oft nur um ein Haar vorbeigleitet. Gefährliche Augenblicke habe ich in meiner langen Laufbahn als Autorennfahrer mehr als genug erlebt. Ja, jebes Ren­nen, möchte ich sagen, ist überhaupt nur eine Kette von gefährlichen Augenblicken, bie einen ungeheuren Nerven- verbrauch beanspruchen und in jeder Sekunde gespann­teste Aufmerksamkeit erfordern. Ich erinnere mich eines Trainingsmorgens auf dem Nürburgring. Mein da­maliger „Stallgefährte" von Mercedes-Benz, Stuck, und ich hatten bereits mehrere Runden einwandfrei zurück- gelegt. Wir plauderten einige Minuten am Ersatzteil­lager, bann schwang ich mich roieber ans Steuer, um noch einmal meinen Motor fingen zu lassen. Ich sauste banon unb hatte im Nu meine Maschine auf Hochst- gefchroinbigkeit gebracht. Der Winb knatterte links unb rechts an mir vorbei, bas Donnern bes Motors war vertraute, geliebte Melobie. Ich raste im Hundertfünf­zigkilometertempo vorwärts, bog, nur wenig abstop-

pend, in eine Kurve ein unb — sah unmittelbar vor mir einen Wagen quer über ber Straße liegen, ber einem italienischen Fahrer gehörte. Er hatte Reifen- defekt gehabt unb einen, kleinen Rundtanz aufgeführt. Durch mein Gehirn fünften in diesen Bruchteilen von Sekunden wahnsinnigste Gedanken: Bremsen war aus­geschlossen, ich hätte meinen Wagen nicht mehr zum Stehen bringen können. Ich sah ein furchtbares Un­glück herankommen: Ich hinein in den andern Wagen in unerhörtem Tempo — Fetzen zertrümmerter Wa­gen, Krachen, Splittern, Schreie — aus! Rechts des querliegenben Wagens erkannte ich heranfaufend einen schmalen Durchschlupf. Meiner Schätzung nach viel zu schmal, um mich hindurchwinden zu können. Trotzdem blieb mir nichts anderes übrig. Der Italiensahrer schrie, gestikulierte — da war ich schon heran, saß dicht über mein Steuer gebeugt, die Zähne in die Unterlippe ge­graben — entweder oder! Meine Nerven zitterten. Ein Zischen, ein Ratschen — jetzt mußte es geschehen. Ich kam vorbei! Wie, ist mir heute noch ein Wunder. Auf den Millimeter genau stimmte der Durchschlupf mit der Breite meines Wagens überein. Als ich zwei Minuten später hielt, mußte ich das Blut von meiner Unterlippe wischen. Meine Zähne hatten sich förmlich festgekrollt darin. Ader, wie so oft schon, es war gut abgelaufen — um ein Haar'"

Chiron,

der beliebte lronzÜ-i'che Bugattifahrer. schörll'er Konkur­rent Carracciolas in vielen internationalen Rennen: „Daß ich noch lebe, ist tatsächlich ein Wunder. Sie ha­ben sicher von meinem Sturz vor ein paar SBodjen im Großen Preis von Monaco gehört? Das war eine tolle Sache. Der Große Preis von Monaco Hais in sich. Bergrennen auf unb ab, durch vor Hitze kochende Stra­ßen, an Abgründen vorbei, die schauerliche Ahnungen wecken. Ich lag an aussichtsreicher Stelle unb fuhr auf Sieg. Auf Sieg um jeden Preis! Deshalb fährt man ja nur. Wenn man immer von vornherein wüßte, baß man unter ben „Ferner liefen" ist, hätte so ein Rennen hundert Prozent weniger Reiz. Langsam, aber sicher arbeitete ich mich an bie Spitze. Sah sie schon vor mir unb wollte gerabe zum letzten Angriff vorgehen . . . auf einmal ein eigentümliches, bas Donnern bes Mo­tors übertönenbes Knacken, das doch aus weiter Ferne zu kommen schien, im selben Augenblick machte mein schwerer Wagen einen komischen Sprung, schwebte auch

schon in ber Lust, überschlug sich einmal, landete und überschlug sich — vorwärtsgerissen durch bie ungeheure Geschwindigkeit ber Fahrt — ein zweites Mal ... Was ich in dem Augenblick bachte? Das kann ich ihnen wirk­lich nicht sagen. Ich glaube, gar nichts! Ich fühlte mich nur herausgeschleubert, fiel, lag auf ber Erbe unb hörte bedenklich nahe das Knattern anderer Maschinen herankommen, die unweigerlich über mich Hinwegrasen würden. Ich wälzte mich zur Seite, umklammerte die am Rande ber Straße aufgebauten Sandfäcke, krallte mich fest baran, weil alles um mich her zu tanzen unb zu summen begann. Die anbern Wagen jagten an mir vorbei. Ihr Zugwinb pfiff über mein Gesicht hin. Als ber letzte vorüber war, erstarrten meine Finger, sie glit­ten ab von ben Sanbfärfen — ich sank zusammen und wußte bann nichts mehr. Als ich roieber zu mir kam, lag ich irgendwo, Menschen waren um mich bemüht unb — es war mir nichts geschehen!"

fiäte Schirmer,

bie bekannte deutsche Fallschirmabspringerin, erzählt: „Bei einem Flugfest in Böblingen bei Stuttgart wars. Ich sprang aus achthundert Meter Höhe. Unter mir bas schöne, schwäbische Sanb, Stuttgart im Talkessel, das Schonbuch mit feinen herrlichen Waldungen, schräg hinten der Flugplatz mit seinen Menschenmengen. Pfeil­geschwind sauste id) in die Tiefe. Jetzt mußte sich der Schirm öffnen, um mich zurückzureißen und in sanftem Sd)wingen hinabzutragen. Ein Erstaunen erst, ein Lauschen, der Wind pfiff an mir vorüber — mein Schirm öffnete sich nicht! Ich siel zweihundert, dreihundert, vierhundert Meter. . . Der Druck der Lust drohte mir die Brust zu zerreißen. Blitzschnell zogen Ahnungen durch mein fieberhaft arbeitendes Gehirn. Aus acht­hundert Meter Hohe — unten an — zerschmettert! Meine Hand suchte fiebernd vor Hast im Kopfübersturz die Fangleine. Im buchstäblich allerletzten Augenblick er­faßte ich sie . . . ein Rauschen über mir . . . ich wurde so heftig zurückgerissen, daß ich glaubte, es müsse mir die Schultern zerfleischen. Ich schwebte! Knapp zweihundert Meter über ber Erbe. Glitt zu Boben unb würbe vom Winb auf einen Schutthaufen getrieben, in bem ich lan­dete. Arge Schnittwunden an ben Hänben und im Gesicht von Glassplittern in diesem Schutthaufen — so kam ich noch glimpflich davon. Zufall, baß ich zum ersten Male aus einer Hohe von achthunbert Metern [prang? Wäre ich wie sonst aus einer Hohe von fünf­

ter Brand ist gelöscht. War durch Kurzschluß am Sehrohr entstanden.

Zwei Mann brechen zusammen. Ein längeres Der­weilen unter Wasser bedeutet den Tod. Das Boot muß an die Oberfläche. Die große Dorlastigkeit, die eine Bedienung des Sehrohrs, eine Orientierung über den Feind unmöglich macht, kann vorher nicht mehr behoben werden. Auf gut Glück muß das Boot nach oben. Die ganze Mannschaft rümpft bereits mit Erstickungsansäl- ien. Aus zwanzig Menschengesichtern sind angstver- zerrte Grimassen geworden.

Der Wasserspiegel schäumt und brodelt. Ein selt­samer Riesenfisch aus Eisen und Stahl durchbricht bie Oberfläche. U-Boot 41.

Mit einem Schlag fliegt bas Turmluk auf.

Tief atmen die fast Verlorenen, die als erste er­schöpft an Deck klettern, bie reine, die würzige Luft der See.

Die englische Küste vor ihnen liegt zum Greifen nahe. Und der Lichtschein eines Leuchtturms verblaßt in ben Strahlen ber aufgehenden Sonne.

Dom Feind umkreist.

Kommandant Krause schreit: „Luken schließen!"

Alarmglocken schrillen. Schäumend schlagen die Wel­len über dem völlig manövrier- unb verteidigungs- unfähigen U-Boot zusammen.

Tauchen! Tauchen!

Von U-Boot 41 ist nichts mehr zu sehen.

Mit gewaltiger Erschütterung stößt bas Boot auf Grund. Mit einer Erschütterung, die es unbedingt leck­schlagen mußte ober bie Mannschaft an ein Wunber glauben läßt. Sämtliche Maschinen, selbst Kompaß und Wanduhren, werden abgestellt, um jede Horchveriolgung durch den Feind unmöglich zu machen. Die Abhorch- apparate sind besetzt. Es herrscht Totenstille . . .

Unb schon werden bie Schraubengeräte ber feind­lichen Motorboote hörbar. Nähern sich. Brummen über ihren Köpfen vorbei. Nähern sich nochmals. Lauern auch weiterhin. Geben bie Suche nicht auf.

Die Wache, ein bärtiger Matrose mit vor Aufmerk­samkeit zusammengekniffenem Gesicht, horcht bauernd bie Geräusche ber feindlichen Suchboote am llntcrroaffer» schallapparat ab und meldet jedesmal flüsternd, ob sie sich nähern ober entfernen. Wie auf Spinnenbeinchen kriecht der große Zeiger der Wanduhr dem kleinen vor. Die Zeit ist ausgefüllt von banger Erwartung. Wilk nicht vergehen.

Der Tod gehi vorüber.

Halb neun. Die Uhr schlägt nicht. Noch immer atemlose Stille. Der Bärtige am Horcher und Ausguck meldet: „Zwei Fahrzeuge loten mit Sprengstoffen in unmittelbarer Nähe."

Der Bärtige stellt seine Meldungen ein. Sind über- flüssig geworden. Jeder der Matrosen hort deutlich unb klar die Schraubengeräusche. über sich. Schlimm! Schlimm! Die Herzen klopfen zum Zerspringen. Leben ober Tod. eine Frage von Sekunden unb Metern. Im nächsten Moment kann bas Lot unb Sprengmittel an- schlagen und das U-Boot in Stücke reißen.

„Mein Gott, mein Gott . . ." stammelt der'Jüngste. Und niemand macht ihm einen Vorwurf. Ein anderer hält sich krampfhaft die Ohren zu, hat die Augen ge­schlossen, erwartet so den letzten Augenblick.

Der Tod geht vorüber. In die unerträgliche Span­nung meldet nun der Kommandant statt der Wache: „Glück gehabt, Jungens! Fahrzeuge entfernen sich."

Stunden werden zu Ewigkeiten.

Sd|on kamen sie wieder. Plötzlich setzen heftige Er- schütterungen ein. Explosionen durchwühlen die Wasser- massen der See. Wasserbomben. Die Detonationen bringen bas Boot ins Schwanken, ohne ihm ernsthaften

Ihr Radio-Fachmann nur Funkhaus Leibold r«.lenken K-r'straS« r>

hunbert Metern gesprungen, hätte mich keine Macht ber Welt zu retten vermögen!"

Sir Malcolm Campbell,

ber weltberühmte 400-Stunbenkilometer-Fahrer, lachte, als ich ihn an einem Trainingsmorgen aus ber Berliner Avus nach seinem gefährlichsten Augenblick fragte: „Sie glauben natürlich, baß man, bevor man zu einer Re- kordfahrt im Vierhundertkilometertempo startet, sein Testament machen muß? Halb so schlimm! Die ganze Fahrt in diesem Tempo dauert nicht allzuviel Sekun­den . . . Sekunden allerdings, bie wie Ewigkeiten wir­ken. Aber wenn's vorüber ist, gewohnt man sich schnell roieber an bie veränderten „Luftverhältnisse". Gefahr? Die Maschine ist vor bem Start bis in bie kleinsten Ein­zelheiten untersucht worben unb ein Versagen mensch­lichem Ermessen nach ausgeschlossen. Natürlich gibt «s Faktoren, die nicht in Rechnung gesetzt werden können, weil man sie nicht kennt. Aber wenn man von Anfang an damit rechnet, daß es schief geht, hat bas ganze Fah­ren keinen Zweck. Man ist hundertprozentig vom Ge­lingen überzeugt; darum gelingt es! Den gefährlichsten Augenblick meines Lebens habe ich als — Fußgänger erlebt! Unb zwar war jene ganz simple Bananenschale schuld daran. Ich überquerte den Trafalgar Square in London. Plötzlich rutschte mein rechter Absatz, ich ver­lor den Halt unter den Füßen und flog ber Länge nach hin. In berfelben Sekunde tarn ein Auto (also doch ein Auto!) in ziemlich schneller Fahrt angefaurz, geradeswegs auf mich zu. Ich erkannte sofort, daß de- Fahrer nicht ausweichen.und auch nicht mehr bremsen konnte. Aus­weichen schien ausgeschlossen, weil er selbst gewissermaßen links und rechts eingekeilt, bremsen konnte er nicht, weil die Entfernung zu gering war. Ich nahm deutlich das bleiche, aufgeregte Gesicht des Fahrers wahr, hörte Men­schen entsetzt schreien ... sah den Wagen heranbrausen mit knirschenden Bremsen, die das Unheil doch nicht ver­hüten konnten. Und war ganz ruhig. Ganz hoch konnte ich nicht mehr, aber ich richtete mich auf, packte mit bei­den Händen die Kühlersiaur bes Wagens unb wurde mit- geschleift. Fünf, sechs Meter weit. Dann stand das Auto. Und ich auch. Mir war nichts geschehen. Mein Anzug sah ein wenig beschmutzt aus unb hatte von ber Stoßstange bes Autos einen tüchtigen Riß bekommen. Sie werden danach verstehen, daß ich seitdem lieber im Vierhundertkilometertempo dahinjage, als eine Straße zu.Fuß überquere, auf der — von leichtsinniger Hand geworfen — eine Bananenschale liegt!"