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Samstag, den 11. Juni 1932

Fuldaer Zeitung (Amtliches kreisblatt)

M. 133

Soldaten spielen mit Soldaten

hat

Die Stimmlisten und Stimmkarteien für die 31. 7. stattsind ende Reichstagswahl sind vom bis 17. Juli aufzulegen.

Vom Wohnungsbau.

Unterricht am Sandkasten: Kampf um einen strategisch wichtigen Punkt. Kleine bunte Arnn« soldaten mit winzigem Stahlhelm, ausgerüstet mit fingerhohen Maschinengewehren, dienen bei der Reichswehr zu Unterrichtszwecken. Wo für richtige Uebungen die Mittel fehlen, werden diese Ma­növer mit Zinnsoldaten und Kampfwagen aus Holz ausgeführt.

Betreuung der Kinder. Wir erwarten für diese Arbeit aus Elternkreisen nicht nur opferwillige Helfer, sondern auch Bereitstellung von Mitteln. Herr Rektor Heurich ist bereit, diese entgegen zu nehmen. Den Schluß des Abends bildeten An« fragen und Wünsche aus Elternkreisen.

Das Pfarrelfesi der Sf. Iosephsgemeinde

findet am kommenden Sonntag, nachmittags 3 Uhr, im Garten desWaldschlößchen statt. Hierzu sind die Einwohner Fuldas, insbeson­dere die Pfarreiangehörigen herzlich eingeladen. Für Unterhaltung und Kurzweil ist bestens gesorgt. Die Kapelle Bioneck wird konzertieren. Die Klei­nen sollen durch eine Kinderbelustigung hinrei­chend beschästigt werden. Am Abend wird das Fest mit einem Lampionzug und mit einer stüvol- len Gartenbeleuchtung seinen Abschluß finden.

Statt Mieke Umsatzbeteiligung.

Da in Berlin zahlreiche Läden unvermietbar sind, sind die Eigentümer dazu übergegangen, statt einer Festmiete eine Umsatzbeteiligung verttaglich festzulegen. Gegen diese Art von Mietserhebung läßt sich rechtlich nichts einwenden, doch sind bei sol­chen Vertragsabschlüssen die Vermieter verpflichtet, Hauszins st euern in der alten Höhe abzu führen.

Wiedersehensfeier ehemaliger Stadtschüler.

Die m den Jahren 18871888 geborenen ehe- maligen Schüler der Stadtschule, die zumeist vor 30 Jahron die Schule verlassen haben, geben sich am Samstag und Sonntag in Fulda ein Stell­dichein. Es werden dazu außer den hier ansässigen

am

10.

Skadtpfarrkirche.

Um den Katholcken der Stadtpfarrkirche den Besuch der hochbedeutsamen Versammlung im Stadtsaal, welche um 8% Uhr beginnt, zu ermöglichen, wird die Herz-Äesu-Andacht zum Abschluß der Sühneoktav schon um 7% Uhr (sieben einhalb) gehalten. Zahlreiche Teilnahme an den beiden Veranstaltungen ist zu erwarten.

Auflegung der Stimmlisten für die Relchskagswah- len vom 10. bis 17. Juli.

Der Umbau großer Wohnungen . zugenommen. 1929 und 1930 betrug er etwa 3 v. H. aller Neubauwohnungen, 1931 aber schon 5 v. H., im letzten Kalendervierteljahr sogar 8 v. H. Das Institut für Konjunkturforschung beziffert den Aufwand für Neubauten in 1930 noch

Fulda den 10. Juni 1932

Gemeindefinanzen und Regierungswechsel

Wie das Nachrichtenbüro des V. D. Z. meldet, empfing Reichsfinanzminister Graf Schwerin von Krossik am Freitag den geschäftsführenden Präsi­denten des Reichsstädtebundes Dr. H e k e l, der ihm im Hinblick auf die kommenden Reichsnotver­ordnungen di« besonders schwieritze Lage der kleineren und mittleren Städte darlegte. Auch Präsident Mulert vom Stäütetag ist in gleicher Angelegenheit empfangen worden.

In kommunalen Kreisen hört das Nachrich­tenbüro des V. D. Z- noch, daß die Gemein­den Anlaß zu der Vermutung zu haben glauben, daß auch die Regierung v. Papen min­destens die 700 Millionen für die Gemeinden be­reitstellen wolle, tie das Kabinett Brüning vor­gesehen hatte. Noch ungeklärt ist, wie sich die Beteiligung der Kommunen an der Arbeitslose nversicherung nach den Reformen der Reichsregierung gestitttet.

Also das Kabinett v. Papen weiß auch den Städten gegenüber nichts Neues und geht so vor, wie es von dem Kabinett Brüning ausgedacht wor­den ist.

auf 7 Milliarden Mk. während er in 1931 auf 4 Milliarden Mk. gesunken ist und für 1932 auf nur 2 Milliarden angenommen wird.

Line Wallfahrt zum Bonifakiusgrab.

Gestern weilten zahlreiche Mitglieder der Orts­gruppe des katholischen Frauenbundes aus dem altfulüischen Städtchen Ham­me l b u r g hier, um das Grab des heil. Bo­nifatius zu besuchen. Die Gäste wohnten dem fei­erlichen Hochamt bei und vereinigten sich dann in der Bonifatiusgruft zu einer stimmungsvollen An­dacht. Der hiesige katholische Frauenbund hatte für gastliche Aufnahme Sorge getragen.

Die zweite Elternversammlung der Stadtschule erfreute sich eines guten Besuchs. Nach Worten der Begrüßung gab Herr Rektor Heu r i ch die amtl. Bestimmungen über die Elternbeiräte be­kannt. Danach schritt man zur Bildung des Wahl­vorstandes, der die Vorschläge für den neuen El­ternbeirat entgegennahm. Unter stärkerer Berück­sichtigung der Frauen kam man erfteulicherweise zu einer einheitlichen Liste. Herr Lehrer Becker legte dem Elternbeirat zwei dringende Aufgaben vor. Angesichts der starken Inanspruch­nahme der städtischen und staatl. Etats für die Zwecke der Wohlfahrtspflege waren Sparmaßnah­men notwendig. Schul- und Stadtverwaltung haben aber deren Auswirkung auf die Volksschule bis zum äußersten eingeschränkt. Notzeiten lassen öffentlich und privat viele Wünsche offen. Darum möge sich der Elternbeirat ganz besonders bemü­hen, durch besonnene Haltung für harmonisches Verhältnis zwischen Eltern, Schule und Verwal­tung zu sorgen. Dringend erwünscht ist seine Mitarbeit bei der für die Sommerfenen geplanten

Schafen in frischem oder zubereitetem Zustand in das Gebiet des Freistaates Preußen für eigene Rechnung einführt oder einführen läßt. Dem zubereiteten Fleisch stehen Fleisch- und Wurstwaren gleich. Die Steuer ist für das über eine in Preu­ßen gelegene Zollstelle aus dem Zollausland ein- gesührte Fleisch bei der Zollabfertigung zu zahlen. Das aus einem andern deutschen Lande einge- sührte Fleisch hat der Steuerpflichtige spätestens binnen einer Woche nach der Einfuhr unter An­gabe der Art und des Gewichts des Fleisches bei der Schlachtsteuerstelle anzumelden, die für den Bestimmungsort des Fleisches zuständig ist. Di« Ausgleichssteuer beträgt für Fleisch in frischem Zu- stände 10 Pfennig, für Fleisch in zubereitetem Zu- stand« 12 Pfennig und für Fleisch- und Wurst- waren 15 Pfennig für ein Kilogramm.

Die Schlachtsteuer beträgt:

1- für einen Ochsen mit einem Lebendgewicht von 500 Kilogramm an bis zu 750 Kilogramm (ausschließlich) 30 Reichsmark; von 750 und mehr Kilogramm 36 RM.;

2) für ein Kalb (Jungrinder unter 3 Monate alt bis zu einem Höchstgewicht von 100 Kilo­gramm) 4 RM.;

3) für eine Magerkuh mit mehr als drei Horn- nngen, unabhängig vom Gewicht 7 RM., für etn sonstiges Stück Rindvieh mit einem Lebeno- gewuht bis zu 350 Kilogramm 10 RM,, von 350 Kilogramm an bis zu 600 Kilogramm 16 RM., von 600 und mehr Kilogramm 22 RM.;

4) für ein Schwein mit einem Lebendgewicht von 30 Kilogramm an bis zu 75 Kilogramm 5 RM., von 75 Kilogramm an bis zu 125 Kilo­gramm 8 RM., von 125 und mehr Kilogramm 10 RM.;

5) für ein Schaf mit einem Lebendgewicht von 20 und mehr Kilogramm 1,50 RM.

Die Inhaber von Läden und sonstigen Der- kaufsstellen, in denen Fleisch oder Fleisch- und Wurstwaren gewerbsmäßig verkaust werden, sind verpflichtet, bis spätestens 30. Juni 1932 den neuen Steuertarif nebst Anmerkungen an einer leicht sichtbaren Stelle und in einer für je­den Käufer lesbaren Schrift im Laden oder in der Verkaufsstelle anzuschlagen. Die Schlachtsteuer darf dem Erwerber des ausgeschlachteten Flei­sches nicht gesondert neben dem Entgelt in Rech­nung gestellt werden.

Der Finanzminister wird ermächtigt, für Fleisch, das gewerbsmäßig aus Preußen ausgeführt wird, eine E r st a t t u n g oder Befreiung von der Steuer von Schlachtungen vorzusehen.

Die preußische Notverordnung.

Die neue preußische Notverordnung liegt jetzt int Wortlaut vor. Zur Ergänzung der bis­herigen Mitteilungen ist chr noch folgendes zu ent­nehmen: t

Dem Gehaltsabzug von 2V» und 5 Prozent un- terliegen nicht nur die Bezüge der Beamten und Staatsangestellten, sondern auch die der Pen- stonäre, dagegen nicht Kinderbeihilfen, Auf­wandsentschädigungen usw.

lieber die Aenderungen bei der Hau s z t n s- st« uer bestimmt die Verordnung u. a.: Die Vor­schriften über die Stundung und Niederschlagung der Hauszinssteuer für hilfsbedürftige Mieter wer­den mit Wirkung vom 1. Juli 1932 an a u f g e - hoben. Zur Deckung der erhöhten Unkosten, die den Bezirksfürsorgeverbänden infolgedessen ent­stehen, wird mit Wirkung vom 1. Just 1932 an der Eemeindeanteil an der Hauszinssteuer von 47 auf 60 Prozent erhöht. Von dem Gemeindeanteil an der Hauszinssteuer erhallen die Stadt- und Land­kreis« ein Zehntel nach Maßgabe des örtlichen 2htf» Kommens; der Rest wird nach Abzug eines Be- kkages in Höhe von 36 Prozent, mindestens aber von 128 Millionen Reichsmark, auf die Stadt- und Landkreise unter Zugrundelegung der Zahl der in der Arbeitslosenversicherung und der Krtsensürsorge sowie der laufend in öffentlicher Fürsorge befind- Uchen Hauptunterstützungsempfänger fchlüsselmäßrg verteilt.

Die Verordnung über die Schlacht­steuer umfaßt 16 Paragraphen.

Der Steuer unterliegt nach § 1 ine Schlachtung von Rindvieh, Schweinen und Schafen. Die Ein­fuhr von Fleisch von diesen Tieren sowie von Fleisch- und Wurstwaren in das Gebiet des Frei­staates Preußen unterliegt einer Ausgleichs­steuer. Steuerpflichtig ist, wer Tiere der genannten Art aus eigene Rechnung schlachtet oder schlachten läßt. Der für die amtliche Schlacht­vieh- und Fleischbeschau oder Trichinenschau be­stellte Beschauer hat die steuerpflichtige Schlach­tung vor der Tötung des Schlachfftückes zu ver- anlagett.

Für die Ausgleich ssteuer ist steuerpflich- itg, wer Fleisch von Rindvieh, Schweinen und

GKWM

Heute, Freitagabend 8'1« Uhr, berichtet im Stabtjaal

Keirhstagsabgeorbnetor Schwarz - Frankfurt a IN.

Ober die polilifdio Lage!

Die Mitglieder der Zenkrumsparkei und die übrigen ZenkrumsanhSnger, Männer und Frauen, sind höflichst eingeladen.

Der Vorstand bet Zentrumspartei, Ortsgruppe fnlba.

jn sibirischer Gefangenschaft.

Bon Richard Hof, Eckweisbach.>

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Das also war der Ort, an dem wir die langersehnte Rast halten sollten. Ein Schauder überlief mich, und mancher sank fassungslos auf die Prische. Bald aber kam der Gefangenenkommandant mit seinem Gefolge zurück, um die Verhältnisse in der Barocke zu ordnen. Zuerst wurden unsere Namen in Listen eingetragen. Das war nicht so einfach, denn viele'der deutschen Namen mach­ten dem russischen Schreiber große Schwierigkeiten. Bei den Namen mit H. war er völlig hilfslos bis Professor Dodonoff selbst eingriff. Die seltsamsten Namen kamen zustande, und aus mir selbst wurde ein Ritschert Gof. Aus diesen Umgestaltungen der Namen erklärt sich auch, daß viele Gefangene lange Zeit hindurch keine Nachricht aus der Heimat erhielten. Endlich war das schwierige Werk zu Ende geführt. Nun ernannte mich der Herr Kommandant zu seinem Kollegen, nämlich zum Kom­mandanten der Ouarantänestation I. Als nächst höhere Instanz stellte er einen älteren Russen vor, unseren Star­schi. Ihm waren wir mit Haut und Haar verschrieben. Sein Wohlwollen konnte uns Erleichterungen und kleine Vergünstigungen verschaffen, sein Zorn aber das Leben zur Hölle machen. Glücklicherweise war unser Starschi ein ruhiger Mann, dem ein gutmütiges Herz unter dem dicken, verlausten Schafspelz schlug.

Schließlich wurden wir noch mit der Lagerordnung bekannt gemacht. Diese enthielt nur einen Paragraphen: Solange wir uns in Quarantäne befanden, war jeder Verkehr mit den Bewohnern der Kasernen strengstens verboten. Ein Posten wurde zwecks Durchführung des Befehls an unsere Tür gestellt. Die Vorschrift ließ sich aber wegen der allgemeinen Verhältnisse im Lager, selbst wenn man gewollt hätte, nicht durchführen und wurde noch am selben Tage übertreten.

Nachdem wir noch die ttöstliche Versicherung erhalten hatten, daß am Nachmittage die Oefen geheizt würden, verließen uns die Russen. Wir aber begannen wie ge­fangene Wölfe im Käfig eine ruhelose Wanderung durch

die Gänge, um der erstarrenden Kälte entgegenzuwir- ten. Das Weingeistthermometer zeigte 34 Grad C. un­ter Null. Gern wären wir in den Sonnenschein draußen gegangen, doch der Posten wies jeden unerbittlich zurück. Selbst unserem Schweden gelang es ttotz aller Bered­samkeit nicht, ihn umzustimmen.

Endlich kam der Mittag heran. Der Starschi erschien und holte neun Mann, die Teeeimer und Schüsseln empfangen und das Essen holen sollten. Ich benutzte die Gelegenheit und ging mit, um aus dem Eisloch herauszukommen und etwas Umschau zu halten. Da­bei machte ich meine erste Beute, einen Ziegelstein, der mir als Kopfkissen dienen sollte. Das Mittagessen be­stand aus dem schon öfters erwähnten Nationalgericht, Krautsuppe und Kascha und war annehmbar.

Die heißen Speisen hatten uns zwar innerlich etwas erwärmt; aber trotzdem zwang uns die Kälte, unsere Wanderung in der Baracke wieder aufzunehmen. Des­halb ging ich nachmittags zum Brotempfang mit. Wir hatten etwa zwanzig Minuten zur Ausgabestelle zu gehen. Dort versammelte sich eine riesige Schar von Brotempfängern, denn es wurde Brot für 11000 Ge­fangene und 5000 Russen ausgegeben. Ich erhielt für meine Baracke neun riesige Laibe, je einen für zehn Mann. Das Brot war ganz ftisch und dampfte noch. Als wir aber zum Schuppen zurückkamen, war es stein- hart gefroren. Mit den Taschenmessern, die der eine ober andere gerettet hatte, war ihm nicht beizukommen. Der Starschi, der den vergeblichen Versuchen eine Zeit- lang zugesehin hatte, kam endlich zu Hilfe. Er brachte eine Säge, mit der das Zerlegen gelang. Bald hielt jeder einen etwa 2 Pfund schweren Klumpen in der Hand, aber einen Eisklumpen. Das Brot war nämlich nicht ausgebacken und deshalb zu Eis gefroren. An ein Genießen war daher vorläufig nicht zu denken.

Mittlerweile war auch das Brennmaterial herbei- geschafst worden. Für jeden Ofen gab es drei oder vier Scheite Kiefernholz und einen Eimer voll Stein­kohlen. Bald prasselten auch die beiden Feuer, bald waren Holz und Kohlen verbrannt, aber die Oefen waren nicht einmal warm geworden. Mit Grauen dach­ten wir an die kommende Nacht. Es war unmöglich, die langen Stunden auf den Beinen zu bleiben, aber eben­

so war ein Ruhen auf den Pritschen der zunehmenden Kälte wegen ausgeschlossen.

Also mußte Brennstoff herbeigeschafst werden, koste es, was es wolle. Aber wie? Wir krochen unter die Pritschen in der Hoffnung, dort Holzabfälle zu finden oder entbehrliche Stützen herausbrechen zu können. Es war vergebliche Mühe, nicht ein Spänchen fand sich. Also mußten wir unser Heil draußen suchen. Wir muhten hinaus auf irgendeine Weise.

Es war inzwischen dunkel geworden. Die Abend­kascha war verzehrt, und der Starschi hatte sich mit einem Gutnachtgruß, der gewiß gut gemeint war, uns aber wie Hohn klang, verabschiedet. Bald war auch zu unserem Erstaunen der Posten verschwunden. Er und seine Kameraden hatten in einem warmen Brunnen­häuschen in der Nähe einen Unterschlupf gesucht. Der Weg war frei.

Auf dem Gange zum Brotempfang war mir ein Blockhaus aufgefallen, das teilweise abgebrochen war. Dorthin eilten wir uns fanden bereits Kameraden dort. Ohne Zögern gings an die Arbeit. Bretter und Balken wurden abgebrochen und zur Baracke geschleppt. Ein Zimmermann, der zur Baukommission gehörte, lieh uns Säge und Beil, und nun wurde rastlos gearbeitet. Die Oefen verschlangen ungeheure Mengen Holz, bis sie selbst heiß wurden. Endlich aber strömten sie Wärme aus, und allmählich wurde es in dem Raum behaglich. Ge­gen Mitternat schoben wir die letzten Brocken Holz ins Feuer und suchten dann todmüde die Pritschen auf. Ich legte meinen Ziegelstein als Kopfkeil zurecht. Auf ihn kam meine Feldmütze, die mit dem einzigen Taschentuch und den Resten meiner Strümpfe ausgepolstert wurde, als Kopfkissen. Dann zog ich Arme und Beine recht dicht an den Leib, um mit dem Waffenrock, der als Decke dienen muhte, soviel als möglich zu bedecken.

Ich schlief schnell ein, wurde aber nach wenigen Stunden durch die Kälte wieder geweckt. Die Oefen waren zwar noch warm, gaben aber keine Wärme mehr von sich. Gegen Morgen nahm die Kälte stark zu, und als es Tag wurde, waren alle wieder auf der Wan­derung durch die Gänge.

Alle, bis auf einen. Der tag starr und tot auf der Pritsche. Der Unglückliche hatte seinen Platz neben der

Tür. Während der Nacht waren zahlreiche Leute, di« sich Blasen- und Darmleiden zugezogen hatten, gezwun- gen, die Baracke zu verlassen. Das hatte ein fortgesetz­tes Oefnen der Türe zur Folge, und der eindringende Kältestrom das Thermometer stand am Morgen auf 43 Grad hatte den Armen, der diesem Strom am meisten ausgesetzt war, getötet. Der Starschi nahm die Meldung über den Vorfall mit Bedauern, aber ohne Aufregung hin. Der Tod eines Gefangenen war nichts von Bedeutung. Im vorhergehenden Winter waren die Gefangenen zu Dutzenden erfroren.

Die Leiche wurde fortgebracht. Ich ging mit. Bei dem steinhart gefrorenen Boden war natürlich eine Be- erbigung unmöglich. Deshalb wurden die Toten in ein leeres Gebäude gebracht, um im Frühjahr, wenn die Erde aufgetaut war, bestattet zu werden.

Als wir die Totenhalle betraten, bot sich uns ein furchtbarer Anblick. In langen Reihen lagen die Lei- chen schichtweise übereinander, zum Teil mit dem Hemd bekleidet, zum Teil ganz entblötzt. Rattenschwärme sto- ben auseinander und verschwanden int Dunkel des licht­losen Raumes.

Und nun erfuhren wirs. Der Tod war im Lager und forderte reiche Opfer. Ruhr, Typhus und Fleck­fieber schlichen umher. In jenen ersten Monaten starben täglich 60 bis 70 Gefangene. Und es gab kein La­zarett, keine Krankenstube. Mehr als zwanzig kriegs­gefangene Aerzte waren im Lager, aber sie dursten nicht helfen. Eine Apotheke war da, mit Arzneien ge- füllt, aber für die Gefangenen blieb sie verschlossen. Wir waren sehr still, als wir von der Halle der Toten zu unserem Schuppen zurückgingen.

Dort beklagte ich mich bei dem Starschi wegen der ungenügenden Heizung. Er untersuchte die Oefen und machte uns auf einen Fehler aufmerksam. Wir hallen vergessen, die Oefen abzusperren, nachdem die Kohlen ausgebrannt waren. Er zeigte uns, wie die Türen luft­dicht abzuschließen waren und außerdem eine doppelte Klappe, die ein Entweichen der Wärme durch den Schornstein unmöglich machte.

Fortsetzung folgt