Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt
Ws. 59.
Samstag, 11. Juni 1932
*♦* 111 im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag JlV« der Fuldaer Actiendruckeret in Fulda. Fernrufe: Schrift-
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FuldaerZertung
Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblakk.
Die süddeutschen Mnifler bei Hindenburg
Sine bedeutsame Zusammenkunft am Sonntag.
«Freiheit ist Luxus."
w3ttr Armut eines Boltes gehört die Diktatur". Offene Sprache eines französischen
Wirtfchaftspolttikers.
Der französische Wirtschaftspolitiker Romier beschäftigt sich im „Paris Midi" mit d er inner- politisch en Lage Deutschlands. Er bezeichnet das-Kabinett v. Papen als eine „Reaktion", bi**1 ne offizielle Diktatur vorbereiten könne. Es mache wenig aus,sagte Romier, ob die eventuelle Diktatur sich mit einem m o n a r ch i st i s ch e n Gewände umgebe, wesent- Uch sei, daß Deutschland heute Diktaturphase erreiche, weil damit der Unordnung gesteuert werde. Diese innere „Reaktion" werde für das Ausland auch nicht gefährlicher sein, als der bisherige Zustand, und man müsse daran zweifeln,, daß das Aufkommen eines Diktators in Deutschland die Unruhe in Deutschland vermehren würde. Das Gegenteil könne der Fall sein. Die Diktaturformel greife übrigens immer mehr in der Welt um sich, und vielleicht würden ihr nicht einmal mehr die Vereinigten Staaten entgehen. Es handele sich nicht darum, welche Formeln man vorziehe, sondern um die F e st st e c - lung historischer Tatsachen. In der Geschichte der Völker sei die Freiheit eng mit den materi eklen Bedingungen eines jeden Luxus, mit einer wachsenden Prosperität und einem leicht zu verdienenden Reichtum verbunden. Solange R ei ch tu m s r e serv en vorhanden seien, könne die Freiheit sich erhalten, aber mit den neuen Bedürfnissen der Menschenmassen, die heute die Welt bevölkerten, würden die Reserven durch Erschöpfung des öffent- Uchen oder privaten Kredites schnell auf- gezehrt, und „dann stürze die Freiheit brutal zusammen, wie jeder andere Luxus". Vor zwei Zähren sei 'Amerika noch das Land der erstwun- Uchsten Freiheiten gewesen, heute spreche man dort von Faschismus. Die beiden letzten Horte der Freiheit, England und Frankreich, müßten sich das gesagt fein lassen. i
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Diese Darlegungen des französischen Wirtschaftspolitikers werden vom WTB. verbreitet. Sie zeigen, welche Gedankengänge heute bereits offen ausgesprochen werden dürfen.
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wtb. London, 10. Sunt. (Eig. Meld.) „Times" widmet den „Aussichten in Deutschland" einen Leitartikel, in dem es heißt: Freiherr von Neurath, der deutsche Außenminister und vormalige Botschafter, der. während der letzten Tage in geschickter Weise seine neuen mit seinen alten Pflichten vereinigt hat, wird nach der Rückkehr nach Berlin innere und äußere Fragen von ungeheurer Wichtigkeit vorfinden. Die Probleme, die dem deutschen Volke als die dringendsten erschienen, seien innerer Natur. Es ist natürlich, schreibt das Matt, daß Deutsche Ausländern gegenüber darauf beharren, daß die Zahlung der Reparationen und die Bedingungen des Versailler Vertrages die Ursache aller Schwierigkeiten sind. Zweifellos hat die Bezahlung der nichtkommerziellen Schulden zu der beklagenswerten Finanz- und Wirtschaftslage be>- getragen, in der Deutschland sich befindet. Aber im wesentlichen sind die liebel Deutschlands die Hebet, an denen alle Länder der Welt leiden, nur daß sie in Deutschand in noch stärkerem Grade auftreten. Die inneren Gegensätze sind schärfer als anderswo. Die soziale und wirtschaftliche Unzufriedenheit ist erbitterter. Die Anhänger Hitlers haben sie geschürt und ausgenutzt. Aber sie haben keine Maßnahmen vorgeschlagen, die wirkliche Abhilfe versprechen. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, aus denen Präsident Hindenburg einer Klasse von Männern mit größerer Erfahrung den Vorzug gegeben hat. (Also Kabinett v. Papen statt Hitler!)
Die neue Reichsregierung hat, entgegen der bisherigen Hebung, diesmal keinen Beschluß über das Amt des Vizekanzlers aefaßt. Als Stellvertreter des Reichskanzlers v. Papen gilt der d i e n st - älteste Reichsminister, das ist der gegenroärtige Reichsminister des Aeußern Frh. o. Neurath.
ßnnhgetemg dsr Eisernen Front.
Die Kampfleitung Berlin der Eisernen Front veranstaltete im Clou einen Führerappell der Eisernen Front, zu dem auch als Gäste verschiedene Vertreter dos Snternationalen Gewerkschaftsbundes erschienen waren. Nach einer kurzen Begrüßung der Dersammlung durch den Abgeordneten Künstler sprach Reichstagsabgeordneter und Vorsitzender des Afa-Bundes Aufhäuser über die politische Lage und die Aufgaben der Eisernen Front.
Der Redner führte u. a. aus, der Aufstieg der Nationalsozialisten habe nur den Zweck gehabt, einen Staat der Großgrundbesitzer und Generale zu schaffen. Er wandte sich dann gegen die neue Regierung und erklärte, der jetzige Wahlkampf sei der Kampf um die Seele des Volkes. Die Ar - beitermasfen seien auf alles gefaßt; ober die Eiserne Front brauche auch den außer- parlarnontarischen Kampf nicht zu fürchten. Am 31. Juli gelte es, dem Sozialismus zum Siege zu verhelfen. *
wtb. Dessau, 10. Juni. (Eig. Meld.) Der Vorstand des Anhaltischen Landesverbandes der Deutschen Volks Partei hat den sofortigen Austritt des Landesverbandes aus dem Gesamtverband erklärt.
Am Donnerstag abend wurde von der Bayeri- chen amtlichen Pressestelle folgende Mitteilung ausgegeben:
„Die in Karlsruhe versammelten Ministerprä- identen und Staatspräsidenten der Länder Bayern, Württemberg und Baden haben an den Herrn Reichspräsidenten von Hindenburg nach- tehendes Telegramm gerichtet:
„Die unterzoichneten Ministerpräsidenten und Staatspräsidenten der Länder Bayern, Württemberg und Baden bitten den Herrn Reichspräsidenten um einen Empfang anläßlich der Konferenz der Ministerpräsidenten am nächsten Samstag oder Sonntag, gez. Dr. Heldt, Dr. Bolz, Dr. Schmitt."
Der Reichskanzler wurde von dem Telegramm verständigt. *
wtb. Berlin, 10. 3uni. ((Eig. Meld.) Der Herr Reichspräfidenl hal den Ministerpra. fidenken und Staatspräsidenten der Länder Bayer n, w ü r i k e m b e r g und v a d e n auf die telegraphisch an ihn gerichtete Bitte um Empfang geantwortet, daß er gern bereit sei, die Herren zu der gewünschten gemeinsamen Besprechung zu empfangen und zwar in Gegenwart des Reichskanzlers o. Papen. Als Zeitpunkt hierfür hak der Herr Reichspräsident Sonntag, den 12. 3uni, 11 Uhr vormittags, festgesetzt.
Die Ditte der süddeutschen Staatspräsidenten, vom Reichspräsidenten empfangen zu werden, wird von einem Teil der Blätter stark beachtet.
Die „Voss. Zig." sieht darin einen Beweis, wieweit die Bestrebungen auf eine Zusammenarbeit Ber süddeutschen Länder gediehen seien- Der Wunsch, vom Reichspräsidenten gemeinsam empfangen zu werden, zeige aber auch, daß die drei Staatspräsidenten das Entstehen brennender Gesichtspunkte durch einen Appell an den Reichspräsidenten verhindern wollten.
Das „Berliner Tageblatt" glaubt, daß die drei Minister das Bedürfnis haben, den Reichspräsidenten über die politischen Besorgnisse zu unterrichten, die der Kurswechsel in Berlin allenthalben in Süddeutschland erweckt habe.
Nach Ansicht der D. A. Z. sei es unschwer zu erraten, daß die Demonstration der süddeutschen Lander sich gegen die durch Reichskommissar, plane ausgelosten Reichsreformerörterungen richten solle.
Der „Lokalanzeiger" nennt die Sorgen, die die süddeutschen Länder hinsichtlich der Reichskommissarfrage offenbar hätten, deshalb völlig unnötig, weil die Form, in der die Einsetzung eines solchen in Preußen erfolgen würde, nicht etwa einen Ein- griff in die Verfassung und damit eine Verletzung der föderalistischen Grundlagen des Reiches bedeuten würde.
Die „Deutsche Zeitung" spricht von einem „unverantwortlichen Spiel" des Zentrums, durch das die Reichsregierung gehindert werden sollte, in Preußen den ersten 'Schritt zur Beseitigung des schwarz-roten Systems zu unternehmen.
Ganz wohl scheint es den Herren aus dem für Diktatur geeigneten Osten jedenfalls bei dem Schritt der Fiibrer der süddeutschen Demokratien nicht zu fein.
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Auf eine sozialdemokratische Anfrage im Sächsischen Landtag, wie sich die Regierung zu einer Einsetzung eines Re ichskomm issars in Preußen stellen würde, erklärte Ministerpräsident Schieck u. a., daß die Einsetzung eines Reichs- kommissars in einem Lande immer ein Vorgang sei, der auch für andere Lä nd er von Bedeutung sei. Was Sachsen angehe, so klebe weder er noch seine Ministerkollegen an ihren Aemtern. Er müsse aber erklären, daß die sächsische Regierung auch als geschäftsführende R e- gi er un g nach Reichs- und Landesverfassung verpflichtet sei, die Selbständigkeit des Landes zu wahren. Die geschästsführende Regierung sei bei gewissen Voraussetzungen verfassungsmäßig vorgesehen, und die Tatsache, daß eine Regierung nur geschäftsführend sei und als
Coolidge Gegenkandidat Hoovers?
wtb. Newyork, 10. Juni. (Eig. Meld.) Die Bewegung, Cookidge als Gegenkandidat Hoovers aufzustellen, ist in ständigem Wachsen begriffen. Wie Herald Tribüne aus Chicago meldet, will die Bewegung durch den Hinweis auf die Coolidge'fche Prosperität das öffentliche Vertrauen wieder Herstellen. *
wtb. Washington, 10. Juni. (Eig. Meld.) Der amerikanische Senat hat den Heeresetat für 1932 in Höhe von 389 Mill. Dollar angenommen.
* Prügelstrafe für jugendliche Deliquenken in England. Aus London wird gemeldet: Bei der Cinzelberatung des Gesetzentwurfs über die Iu- gend-Fürsorge wurde ein von der Regierung bekämpfter Zusatzantrag angenommen, der besagt,
wenn dem Reiche durch ein Land schwere Gefahr drohe.
Areiherr v. Gayl spricht.
Der R e i ch s r a t hielt am Donnerstagnachmittag seine übliche wöchentliche Vollsitzung ab, der diesmal! aber deshalb besondere Bedeutung zukam, weil der neue Innenminister Freiherr von Gayl die Gelegenheit benutzte, um sich als neuen Vorsitzenden des Reichsrates vorzustellen. Er hatte dabei den Vorteil, sich in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Reichsrats zugleich unter Berufung auf seine langjährige Mitarbeit im liebenswürdigen Tone kollegialer Vertrautheit einführen zu können. I
Die ,M. D." bemerkt zu den Ausführungen: Herr von Gayl verw ährte sich dagegen, ein Reaktionär zu sein; für die Arbeiterschaft hatte er sogar betont freundliche Worte. Er bekennt sich als Monarchist, aber zugleich als v erfas^sungstreuund weist für sichund das gegenwärtige Kabinettjeden Gedanken an einen Umsturz der Staats- form ab. Reformbedürftigkeit der Verfassung und Notwendigkeit der Reichsreform werden zwar betont, aber zugleich, da die gegenwärtige Zeit dringlichere Finanz- und wirtschaftspolitische Ausgaben habe, zeitlich noch ein bißchen zurückgestellt ober, sagen wir richtiger, in jenes Halbdunkel gerückt, das schon die erste Erklärung der neuen Regierung kennzeichnete. Alles in allem sehr verbindlich in der Form — ob aber auch verbindlich in anderem Sinne, das heißt verpflichtend und programmatisch sichergestellt durch die Gesamtheit des Kabinetts? j
Dieses hat selbst gewünscht, man möge es nach seinen Taten Beurteilen. Wir müssen unserseits hieran festhalten, da auch die schönsten Worte und die freundlichsten Gesten erst ihre tatsächliche Bedeutung entschleiern, wenn man sieht, was nach ihnen kommt. Das gilt für alles das, was Freiherr von Gayl heute gesagt hat; so u. a. für die Bestreitung einer sozial ober politisch reaktionären Haltung des neuen Kabinetts, für die Betonung der,Verfassungstreue, hinsichtlich der Reichsreform — wie steht's mit dem Reichskommissar für Preußen? — und nicht zuletzt auch für die außenpolitischen Wege der Regienrng. Die Worte, die Herr von Gayl für die nationale Bewegung besonders in der Jugend gefunden hat, klingen leider allzusehr nach einer einseitigen Verbeugung vor dem Nationalsozialismus, als daß sie uns eine Gewähr geben könnten für eine wahrhaft große und umfassende Stützung der deutschen Politik auf den einheitlich en nationalen Willen der Nation! Hier, wo gerade Brünings Politik wirklich bahnbrechend gewesen ist, sehen wir vorerst leider nur einen tiefen Riß, eine Scheidung, die es den neuen Männern nichts weniger als leicht machen wird, als Sachwalter des ganzen deutschen Volkes so wie Brüning vor der Welt zu sprechen und zu handeln! 1 j
Nun wird von Popen sprechen.
CNB. Berlin, 10. Juni. (Eig. Meld.) Sn der morgigen Sitzung des Reichslandwirtschaftsrates wird nicht nur der neue Reich s- emäbrungsmimfter Freiherr von Braun eine Rede halten, sondern auch Reichskanzler von Papen wird sprechen. Reichskanzl. v. Papen wird außerdem die morgige Sitzung der Vereinigten Reichsratsausschüsse mit einer kurzen Ansprache einleiten.
Kombinationen über das Reichsarbeitsminiskerium.
CNB. Berlin, 10. Juni. (Eig. Meld.) Z,u den Presseerörterungen über eine geplante Zerschlagung des Reichsarbeitsministeriums wird aus Kreisen dieses Ministeriums mitgeteilt, daß alle diese Behauptungen aus der Luft gegriffen find. Ebenso handelt es sich bei den Namen für die Neubesetzung des Staatssekretärposten« lediglich um Kombinationen.
wtb. Berlin, 10. Suni. (Eig. Meld.) Der Reichslandbund hat den Reichsernährungs- minister telegraphisch ersucht, die Inkraftsetzung des deutsch-russischen Handelsabkommens zu verhindern.
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wtb. Berlin, 10 Suni. (Eig. Meld.) Der Vorstand des Deutschen Beamtenbundes protestierte in einer Entschließung gegen jede Sonderbelastung der Beamtenschaft.
daß gegen jugendliche Deliquenten männlichen Geschlechts auf Prügelstrafe erkannt werden kann. Es wird für diesen Fall bestimmt, daß die Schläge mit einer Birkenrute zu erteilen sind und daß ihre Zahl nicht mehr als sechs betragen darf.
♦ Alfons III. lehnt monarchistische Umtriebe ab. Wie Havas aus Madrid berichtet, verlautet von gut unterrichteter Seite, daß vor einigen Tagen spanische Monarchisten ein Schreiben an den ehemaligen König Alfons gesandt haben, in dem sie um die Erlaubnis baten, in Spanien eine monarchistische Verschwörung in die Wege zu leiten. Auf diese Aufforderung habe der Exkönig geantwortet, er habe den Thron verlassen, weil das spanische Volk durch die Wahlen seinen eindeutigen Willen zum Ausdruck gebracht habe. Er werde nur wieder zurückkehren, wenn das spanische Volk ihn mit gleichem Nachdruck fordere«
Herriots Standpunkt.
Herriot hat am Dienstag in der französischen Kammer eine Mehrheit v on 2 38 Stimmen erhalten, also ein ganz respektabler Erfolg :ür sein Kabinett. Dieser Erfolg ist wohl vor allem zu gründen auf die außenpolitische Einstellung der neuen Regierung. Hier mußte Herriot auf der ganzen Linie der französischen Mentalität Rechnung tragen. Er durfte auf der einen Seite nicht von Versailles abrücken, mußte aber auf der anderen Seite den Sozialisten, auf deren Vertrauenszustimmung er für fein Kabinett das größte Gewicht legen mußte, gewisse Chancen offen. halten.
Herriot hat diese glänzend verstanden, denn der Passus über die außenpolitische Haltung seiner Regierung entspricht ganz der gesamtfranzö- Üscheu Auffassung, läßt aber immerhin einige Möglichkeiten für Erleichterungen beziehungsweise Entgegenkommen in der Reparationsfrage offen. Zwei Dinge sind es, die außenpolitisch das größte Interesse in Anspruch nehmen, die Reparationsfrage und die Frage der Abrüstung. In beiden Fragen sagt uns Herriot absolut nichtsNeues. Er bewegt sich ebenso wie sein Vorgänger Driand in Allgemeinplätzen, vielleicht nur mit dem einen Unterschied, daß'er noch stärker den formaljuristischen Standpunkt Frankreichs hervorkehrt. Frankreich kann sich in keiner Weise die Rechte bestreiten lassen, auf denen es nicht nur aus dem Vertrage von Versailles und den nachfolgenden Abmachungen Anspruch hat, sondern es glaubt noch ein größeres Recht zu haben durch die sog. freiwillig unterzeichneten Abkommen wie Dawes- Plan und Young-Plan. Herriot übersieht eben mit dem Eigensinn jedes Franzosen die völlig veränderte Weltwirtschaftslage und die durch sie hervorgerufene Lage der deutschen Zahlungsfähigkeit beziehungsweise deutschen Zahlungsunmöglichkeit.
Gleichzeitig unternimmt er aber in seiner Regierungserklärung den Versuch, die stark in Mitleidenschaft gezogenen Sympathien der Welt für Frankreich nach Möglichkeit wieder zurückzuerobern und Frankreich, das sicb durch seine starre Haftung m einer vernünftigen Mitarbeit in der Reparationsfrage so sehr isoliert hatte, wieder m die Zufam- menarbeit der Großmächte einzugliedern. Deshalb die große Geste der Ableugnung irgend welcher „egoistischer Vorrechte" und die besondere Urtterftreidjauig der gemeinsamen Verteidigung der Interessen. Frankreich bietet wiederum seine Hilfe zur Wiederherstellung einer „aufrichtigen Versöhnung" und zur Wiederherstellung des „Friedens an.' Daß dieses Anerbieten von rein egoistischen französischen Interessen getragen ist, das will er und die Kammermehrheit nicht wissen. Aber immerhin trägt er den Sozialisten insofern Rechnung, daß er für seine Regierung der Bereitwilligkeit Ausdruck gibt, „jeden Plan zu erörtern und sede Initiative zu ergreifen, die zum wirtschaftlichen Wiederaufbau und zur größeren Stabilität für die Welt führen können". Dieser Hinweis sollte chm im übrigen dazu dienen, nicht nur die Sozialisten zu befriedigen, sondern vor allem ihm ein freundliches Echo in den angelsächsischen Sandern einzutragen. Denn nichts fällt nach der bisherigen Haltung Frankreichs für England und Amerika so stark ins Gewicht wie die Bereitwilligkeit in der Reparationsfrage im Interesse der Losung der Weltwirtschaftskrise praktisch mitzuarber- ten. Wie weit sich dabei die gegenseitige Auffassung einer praktisechn Mitarbeit einander mlhern oder voneinander entfernen, das ist eine ytag£, die ja erst Lausanne ober sogar eine spätere Kon. serenzerklärung klären können.
Was Lausanne anlangt, so hat Herriot dieser Konferenz keinerlei Erwägung getan, und auch gegenüber Deutschland bat er die Politik des großen 'Schweigens beschritten. Er konnte dies umso leichter, als er ja in allgemeinen Zügen der Haltung Frankreichs und der Einstellung ferner eigenen Regierung auf das deutsche „Nein genügend Ausdruck verliehen hat. Und er konnte sich umsomehr mit dieser allgemeinen Erklärung vom Bestehen auf dem Rechtsstandpunkte und den Der- trägen begnügen, als inzwischen ihn der deutsche Regierungswechsel einer stärkeren Antwort überhoben hatte. Herriot hat das gesagt, was im Interesse Frankreichs zu sagen notwendig war, und er brauchte nicht weiter in seiner Erklärung zu gehen weil der Sturz der Regierung Brüning und die durch ihn erfolgte Infragestellung des deutschen starren „Nein" Frankreich immerhin neue Wege öffnen können. Herriot hatte bet der neuen deutschen Regierung gegenüber insofern etn leichteres Spiel, als er sich ihr gegenüber in der Angriffsstellung befand, während er der vorher- aehenden Regierung Brüning gegenüber m der Abwehrstellung gewesen wäre. Deshalb wohl auch die immerhin außenpolitisch nicht ungeschickten Allgemeinwendungen in seiner Erklärung, dte auch in feiner Weise die geringste Andeutung auf dte Ereingnisse in Deutschland und den durch sie erfolgten Regierungswechsel enthalten.
In der Abrüstungsfrage hatte es Herriot noch leichter, den alten Standpunkt Frankreichs hervor- zukehren, denn hier gehen ja die Auffassungen auch der Sozialisten mit denen jeder Regierung einig, die das Problem der Sicherheit Frankreichs an die Spitze stellt. Die großen friedensfreundlichen re- torischen Ranken, das große Gerechtigkeitsgefühl Frankrichs für gleiches Recht für alle Völker ob klein, ob groß, konnte ihm nur noch größeren Beifall der Kammer sichern. Für Deutschland ist die Schlußfolgerung aus Herriots Regierungserklärung die, es bleibt alles beim alten: Frankreich beharrt auf feinem Schein. ' 1
solche bestehe, genüge nicht, sie durch einen Reichskommissar zu ersetzen. Die Einsetzung eines Reichskommissars sei nur bann gerechtfertigt,