Nr. 131
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VeUage zur Fuldaer Zeitung
9. Juni.
Blühende Wiese.
Bon Rosa Hamacher- Boppard.
Die Wiesenblumen hab' ich gern!
Ihr Schmuck gleicht Krongeschmeid und Stern In schlichter Einfalt — welche Pracht: Die hat der liebe Gott erdacht.
Vergißmeinnicht und Hahnenfuß Entbieten froh den Wandergruß: „Sei unverzagt, du Menschenkind, Sieh' doch, wie wir behütet sind."
Die „braue“ Hausfrau.
Don Irma B r ä u n i g, Nürnberg.
Wer von einer „braven" Hausfrau spricht, der will damit gewöhnlich keine Wertung im positiven Sinne ausgesprochen wissen, es schwingt im Gegenteil ein Unterton mit, der besagen soll, daß die betreffende Frau eben lediglich nur Hausfrau, als solche ja gewiß schätzenswert, im übrigen als Persönlichkeit aber wenig zu zählen ist. Cs schwingt ein Unterton mit von einer leichten Mißachtung, zugleich ein Klang von eigener Ueberlegenheit.
Es wäre nun zu untersuchen, ob das Hausfrauentum, als Beruf und Lebensaufgabe aufgefaßt, nicht doch einer ganzen Reihe von anderen weiblichen Berufen mindestens gleichzustellen ist, wenn dasselbe in allen seinen Zweigen richtig ersaht und erfüllt wird. Es gibt sehr viele Büroberufe, die, monoton, einseitig und unselbständig, weit weniger Initiative und Umsicht und Straft verlangen als die Leitung eines gut geführten Hauswirtschaftsbetriebes mit seinen hunderterlei Verpflichtungen und Möglichkeiten, die aufzuzählen sich er» Ihrigen dürfte. Kein bezahlter Beruf aber, und fei er der untergeordnetste, muß sich so häufig eine geringe Einschätzung gefallen lassen, wie der der Hausfrau.
Wieviel Nerven- und damit Schaffenskraft wird täglich und stündlich vergeudet in einem schlecht organisierten Haushalt, in dem alles Wesentliche zur Nichtigkeit gemacht und alle Nebensächlichkeit zum Ereignis wird, in dem ewig Unruhe brodelt und Harmonie und Friedlichkeit unbekannte Gäste sind! Wieviel körperliches und seelisches Wohl ist unabhängig von einer geschickten und durchdachten Einteilung und Führung eines Familienhaushaltes!
Gewöhnlich erfährt die Leistung einer Hausfrau erst ihre völlig gerechte Würdigung im Augenblick ihres Versagens, im Falle einer Erkrankung oder Abwesenheit. Erst wenn die „brave" Hausfrau nicht mehr wirken kann, wird man überrascht gewahr, welch ein gehäuftes Pensum von Obliegenheiten sie tagtäglich zu bezwingen hat. Erst bann bequemt man sich dazu anzuerkennen, wie vielseitig der Beruf einer Hausfrau ist, was die- selhe alles wissen, denken, organisieren und schaffen muß, um die anscheinend ganz von selbst rotierende Maschinerie eines Familienhaushaltes ohne Stockung in Gang zu halten.
Die Gefahr „hausbacken" zu werden, und das will gewöhnlich mit der „Bravheit" der Hausfrau zum Ausdruck gebracht werden, ist selbstverständlich für die Frau, deren Beruf sich lediglich innerhalb der Grenzen ihres Hauses abspielt, größer als in jedem anderen Beruf, der in die Öffentlichkeit zwingt und täglich vielerlei Berührung mit anderen Menschen mit sich bringt, wodurch sich ganz von selbst der Jnteressenkreis erweitert. Diese Gefahr zu bannen aber liegt zum großen Teil im Möglichkeitsbereich des Hausherrn!
Wenn die Frau im öffentlichen Berufe geistig vielseitiger und reger ist als die Hausfrau gleichen Niveaus, so ist das nicht ohne weiteres als Verdienst zu buchen, die Umstände bringen es ganz von allein mit sich.
Jede Frau im öffentlichen Berufe verfügt, in welchem Berufe sie auch stehen mag, täglich über eine festgesetzte Freizeit, die sie ganz nach Wunsch und Neigung verwenden kann, fei es für ihre geistige Förderung, für Lektüre, Studium oder Musik, Theater, Geselligkeit. Sie ist jeden Tag beruflich endgültig fertig, wenn sie ihr Büro oder die sonstige Arbeitsstätte verläßt und kann die Erholungsstunden losgelöst von Arbeitsverpflichtung und Berufsgedanken verbringen. Wie wenigen Hausfrauen und erst Müttern aber ist die Wohltat einiger täglicher Enifpannungsstunden gegönnt. Sehr, sehr viele Frauen, die ohne Hilfskraft sind, müssen schon froh sein, wenn sich am Sonntag einige Stunden für den Spaziergang mit Familie erübrigen lassen. Fer-
DieGesandttn Gottes
Don Liane von Gentzkow.
Copyright 1932 by Prometheus-Verlag Dr. Eichacker. 491 Gröbenzell bei München.
„Es gibt ja noch andere Wege, als die der seligen Bettler des heiligen Franziskus. Es gibt auch Ritterorden. Da könnt Ihr in Euren geliebten Waffen ge- ges Die Heiden reiten und könnt dabei dem höchsten Herrn in feinen Kranken dienen. Ist der Hochmeister der Herren vom Deutschen Orden, ist Herrmann von Salza nicht ein wahrer Fürst und adliger Ritter? Weil Ihr nun einmal noch an goldene Kronen glaubt," schließt sie mit einer Stimme, die zärtlich ist wie die einer Mutter, die einen Fehler ihres Lieblings lächelnd zugibt.
Von diesem Klang ersaßt, sagt er leise: „Bitte für mich---"
„Ich soll für dich beten? Du willst es? Es fei. Aber damit dir Gnade wird, mußt du suchen mit derselben Kraft um dein ewiges Hell zu bitten, wie ich es tue, und um den Weg, den du zu gehen hast."
Mit ganz in sich geschloffenem Gesicht, sehr bleich, schreitet sie vor ihm her. Einige hundert Schritt vom Hospital entfernt, steht die kleine fteinere Kapelle der Franziskaner. Ein eingezäuntes Rasenstück, ein Gärtchen, in dem Lilien blühen, umgibt das Gotteshaus; zwischen zwei alten knorrigen Eichen hebt sich ein großes Kruzifix. Sie deutet:
„Hier bleibt, hier kniet--" und verschwindet in
der Tür. —
Kaum eine halbe Stunde später geht ein Aufschrei durch die Mittagsstille. Elsbeth, die Magd, die der Landgräfin sonderbar leuchtendes Antlitz im Vorüberschreiten gesehen, hat sich in der Ahnung von irgend etwas Wunderbarem beklommen atmend in der Nähe des Zaunes gehalten. Nun ruft sie laut nach Irmengard,
tig, endgültig mit allen, auch gedanklichen Derpflichtun- gen, wird eine Hausfrau selten oder nie. Denn es genügt nicht, die Pflichten des gegenwärtigen Tages zu erfüllen, es will oorgeforgt fein, soll eine Hauswirtschaft keine Stockung erleiden.
Zugegeben, daß für einen nicht geringen Prozentsatz von Hausfrauen die Dienstrnädchenfrage. Küchen- und Wäschegelegenheiten und schließlich noch Kleidersorgen so ziemlich die Gebiete darstellen, auf denen sie zu Hause sind und um welche ihre Gespräche kreisen. Ader nur für den oberflächlichen Beurteiler kann diese Tatsache befremdlich fein. Die überlastete Hausfrau wird ja zumeist zurückgedrängt in die Grenzen dieser beschränkten Gebiete.
Ein Ehemann, der von Anbeginn der Ehe an schon bestrebt ist, die Gefährtin an seinen Interessen — vorausgesetzt, daß diese über Stammtisch und Kartenspiel hinausragen — teilhaben zu lassen und ihr, der Frau, nicht trotz, sondern wegen ihrer häuslichen Vielbeschästig- keit Ablenkung und geistige Anregung als Gegengewicht zu schaffen, ein solcher Ehemann also wird jene Stagnation des Geistigen an der Ehekameradin nicht konstatieren müssen.
Mit gelegentlich kleinen Verzichten auf persönliche Bequemlichkeit, manchmaliger Nachsicht bei vereinfachten
Mahlzeiten und ein wenig Rücksichtnahme und Förderung kann jeder Hausfrau, auch der vielbeschäftigten, von feiten des Mannes soviel Freizeit und Freiheit eingeräumt werden für ihre persönliche Weiterentwicklung, daß sie Schritt zu halten vermag mit dem ewig wandelbaren Leben und, ohne abgestumpft zu sein, ihre Zeit mit verstehenden Augen und offenen Sinnen betrachten kann.
Treue.
Treue ist fein Traum, kein Trug, sondern nüchterne idealisierte Wirklichkeit und Wahrheit.
Treu» schätzt das welke Blatt der Rose höher als den künstlich gewonnenen, wohlriechenden Duft.
Treue ist Hingabe ohne Selbstaufgabe: wie im Spiegel das eigene Bild in den Hintergrund tritt, ohne durch die Unebenheiten desselben zerstört oder von dem Rahmen verwischt zu werden, ist sie unantastbar.
Treue ist — unabhängig von äußeren Umständen — die Frucht der innersten Ueberzeugung: sie glaubt da, wo sie nicht begreifen kann. Loreley.
Mutterliebe bei den Negern.
Bon Viktor Kutter.
Der Schotte Mungo Park, der im Auftrage einer englischen Handelsgesellschaft in den Jahren 1793 bis Ende 95 eine Forschungsreise von der afrikanischen Westküste zum Niger unternahm, schildert in seinem Tagebuch allerhand Sitten und Gebräuche von Stämmen, die er dort kennen lernte. Hierbei berichtete er nicht bloß von den Fährnissen und Schwierigkeiten seiner Odysee, sondern auch von der mitleidigen Uneigennützigkeit und von der zärtlichen Teilnahme, die ihm bei verschiedenen Gelegenheiten von den Negern am Senegal und Gambia erwiesen wurden, wobei sie ihn halb sterbend in ihre Hütten aufnahmen und pflegten.
„Dieses schöne MitgefiM", schreibt er, „trat allerdings vorwiegend bei Frauen auf. Die Männer haben mich wohl hie und da freundlich ausgenommen, manchmal aber auch schleckst behandelt, teils aus Geiz, teils weil ihr blinder Glaubenseifer kein Mitleid litt. Die Frauen gaben mir nicht ein einziges Mal Beweise von Gefühlslosigkeit."
Auf allen seinen Reisen, selbst im tiefften Elend, fand er sie gut und voll Teilnahme, so daß er mit Recht die beredten Worte'seines Vorgängers Ledyard wiederholt: Ich habe mich nie auf eine anständige und freundliche Weife an eine Frau gewendet, ohne eine freundliche und anständige Antwort zu erhalten.
„Es ist vorauszusetzen, daß dieses sanfte und wohltuende Mitgefühl, welches diese armen Leute in meinem Unglück gegen mich an den Tag legten, sich gelegentlich gegen ihre Landsleute und Nachbarn noch stärker äußern wird, und daß namentlich die Gegenstände ihrer Liebe, welche durch Bande des Blutes mit ihnen vereinigt sind, besondere Anrechte aus ihre Teilnahme besitzen müssen.
Eines Tages geriet M. Parks schwarzer Diener mit einem anderen Neger, der sie zufälligerweise einige Tage begleitete, wegen irgendwelcher Nichtigkeiten in einen heftigen Streit, in dessen Verlauf der andere seine gehässigen Schimpfreden auch auf die Angehörigen seines Gegners ausdehnte. „Schlage mich", rief da der schwarze Diener feinem Gegner zu, „aber beschimpf» meine Mutter nicht." Die gleiche Besinnung hat unser Forschungsreisender überall gefunden und in ganz Afrika bemerkt, daß man einem Schwarzen keinen größeren Schimpf antun kann, als wenn man von der Frau, die ihn geboren hat, mit Verachtung spricht. Heber die Ursachen dieser eigenartigen Erscheinung äußert er sich folgendermaßen:
Man darf sich nicht wundem daß die kindlickre Liebe der Neger weit mehr ivr Mutter, als dem Vater gilt. Die Sitte der Vielweiberei, welche die väterliche Liebe schwächt, indem sie dieselbe auf die Kinder verteilt, sammelt die eifersüchtige Zärtlichkeit der Mutter um einen Pankt: die Beschützung ihrer eigenen Sprößlinge. Ich hab» mit wahrer Freude bemerkt, daß
nach dem Hospttalmeisier, nach Bruder Heinrich — — denn vor dem Kreuz am Boden liegt Landgraf Konrad. Liegt mit zuckenden Gliedern, von Frost geschüttelt und doch mit glühendem Haupt, um sich schlagend wie in Krämpfen.
„Höre auf zu beten--ich verbrenne! ---"
Die Herbeigeeilten halten ihn an den heißen Händen ffest, sie sprechen ihm zu, sie streichen ihm die nassen Haarsträhnen aus dem roten Gesicht. Sie kennen das. Das Unheimliche, daß die Herrin durch ihr Beten nicht nur auf die Seelen und Gedanken, daß sie auch auf die Körper einwirkt. Dclß alles Böse, was in solchen Menschen lebt und webt und wirkt, wie in tausend Flammen jäh aus ihnen aufschießt. Daß sie für Augenblicke die ganze Hölle zu spüren meinen . . . „Neulich erst," flüstert Elsbeth der Irmgard zu, „der junge Gefolgsmann der Frau Gertrude von Leimbach, der so weltlich ist und um ihr Gebet flehte . . "
„Hör auf zu beten, du tötest mich! . . ."
Da tritt Elisabeth unter sie. Hoch steht sie über dem Liegenden.
„Ein starkes Fieber," flüster Irmgard scheu, „und war doch eben noch ganz gesund".
Elisabeh neigt sich zu ihm:
„Ruht noch ein wenig unter den Bäumen aus. Bald werdet Ihr zur Marburg gehen können . .
Ein wilder Blick flackert zu ihr auf.
„Was — was bist du — für — ein Weib?" stammelt er, indes feine Zahne aufeinanderschlagen, „das ist ja, als wenn — als wenn — eine Drude — einem Krankheiten anhext . . ."
Sie lächelt eigen zu der Lästerung, die die frommen Mägde erstarren läßt, sie zeichnet ihm das Kreuz über das wirre Haupt.
„Gott segne deinen Weg, Konrad, mein Bruder."
Und geht schweigend, langsam, ohne umzublicken, davon, zu ihren Kranken . . .
*
Noch einmal sieht er sie. Den Tag über haben die Freunde ihn kopfschüttelnd auf der Burg umsorgt.
die mütterliche Sorgfalt sich nicht bloß auf das Wachsen und Gedeihen des Körpers erstreckt, sondern bis zu einem gewissen Grade selbst die sittliche Entwicklung des Kindes zum Ziele nimmt. Eine der ersten Lehren, welche die Madingoftauen ihrer Nachkommenschaft ein- schärfen, ist Achtung vor der Wahrheit. Ich erinnere mich noch lebhaft der unglücklichen Mutter, deren Sohn von maurischen Viehdieben ermordet wurde. In ihrer äußeren Verzweiflung sand sie keinen anderen Trost als den, daß ihr armes Kind im Lause seines unschuldigen Löbens niemals eine Lüge gesagt habe. Dieses Lob, das eine liebende Mutter bei einer solchen Gelegenheit aussprach, muß auf die jungen Leute, welche unter den Zuschauern standen, einen tiefen Eindruck gemacht haben. Es war zu gleicher Zeit ein ehrendes Zeugnis für den Toten und eine ermunternde Lehre für die Lebenden.
Ein andermal schildert M. Mark die rührende Freude einer Mutter bei der Rückkehr eines ihrer Söhne nach langjähriger Abwesenheit. Ein Neger, der von Berus Schmied war und nach vielen Jahren in der Fremde nun in feine Heimat Jumbo in Jnnerasrika zuriukkchrte, diente dem Forschungsreisenden Park aus diesem Weg als Führer. Die Rückkehr des Schmiedes war für fein Heimatdorf ein großes Ereignis.
„Sein Bruder war durch irgend einen Reisenden von seiner Ankunft benachrichtigt worden und kam uns, von einem Sänger begleitet, entgegen. Er führte ein Pferd, damit der Schmied seinen Einzug mit Anstand halten könne und bat uns, unsere Flinten tüchtig mit Pulver zu laben.
Als wir Jumbo näher kamen, fteltle sich der Sänger an die Spitze und die beiden Brüder folgten unmittelbar. Bald daraus stießen viele Einwohner zu uns und legten durch Gesänge und Sprünge ihre Freude an den Tag, ihren Landsmann wieder in ihrer Mitte zu haben. Als wir' den Ort selbst erreichten, begann der Sänger ein Loblied auf den Schmied, indem er dessen Mut und Gefahren feierte. Der Schluß war eine Aufforderung an alle Freunde, dem Zurückgekehrten ein tüchtiges Mahl zu bereiten. Als wir bei dem Haufe des Schmieds ankamen, stiegen wir von den Pferden und feuerten unsere Flinten ab.
Der Schmied wurde von seinen Verwandten mit großer Zärtlichkeit empfangen und verriet selbst viel Gefühl. Diese schlichten Naturkinder legen sich keinen Zwang an und überlassen sich ihrer Rührung auf die stärkste und ausdrucksvollste Weise. Mitten in dem allgemeinen Entzücken erschien die Mutter des Schmieds, eine alte blinde Frau, die sich auf einen Stock stützte. Jedermann machte ihr Platz, als sie auf den Schmied zuging, ihm die Hände entgegenstreckte, ihm zu seiner Rückkehr Glück wünschte und ihm darauf Hände, Arme und Gesicht betastete. Sie schien entzückt
„Du hast zu lang in der Mittagssonne gestanden," meint der Grüningen „Du hast dich angesteckt bei den Spitalleuten," zürnt der Heldrungen. Am Abend befiehlt Landgraf Konrad den Aufbruch, es wird eine klare Mondnacht werden, und man wird besser reiten als in Staub und Hitze des Tages. Und — und er braucht nicht noch zwölf Stunden länger in dieser unheimlichen Nähe zu atmen, über — dem Hexenhaus da unten.
Wie sich der Zug der Brücke nähert, starrt Konrad auf den dunklen Grasfleck am Fluß. Da steht wieder eine Frau, bückt sich und hebt sich, faltet Linnen in einem Korb. Und jetzt wendet sie sich gen Westen, sieht nach der von rosigen und violetten Schleiern des Abends verhangenen Burg auf der Höhe, sieht seitwärts, wo über dem schwarz-blauen Lützelberg eine letzte, kleine, feurige Abendwolke wie ein Sonnmenbfeuer brennt. Sieht in den opalfarbenen Himmel, sieht vielleicht durch ihn hindurch.
Die Reiter sprengen über die Brücke; dumpf dröhnen die Hufe auf den hölzernen Bohlen. Landgraf Konrad reitet an der Spitze des Zuges und blickt geradeaus in jenen graublauen Osthimmel, in den sie nicht sieht, auf die jenseitigen waldigen Höhen, über denen groß und rot der Vollmond hängt.
Nur fort, weit fort von der Frau, die mächtiger ist als sein ganzes Haus . . .
*
Landgraf Konrad tobte um Fritzlar herum. Um die Stadt des Erzbischofs von Mainz. Er führte diese Fehde maßlos und verbissen. Aber Fritz, gelagert unter den schützenden IDtaffe seines St. Peterdomes, trotzte widerstand. Vergeblich waren die Versuche, Tore und Mauern zu stürmen, vergeblich nächtliche Usbersälle und heimliche Listen . . . Nach drei Monaten war der Landgraf so wett, die Belagerung aufzugehen. Man fing an, das Lager abzubrechen. Und die Leute von Fritzlar, die sich in Siegerlaune vor liebermut nicht zu lassen mußten, sannen sich einen kleinen Scherz aus: sie zündeten rings auf ihren Mauern und Tortürmen
zu sein, daß ihrem Alter noch einmal der Trost seiner Gegenwart werde und ihr Ohr noch einmal seine Stimme höre. Diese rührende Szene überzeugte mich vollständig, daß Europäer und Neger, welche Verschiedenheit in ihren Zügen und ihrer Hautfarbe auch liegen mag, doch in den sanften Gefühlen und Empfindungen, welche die Natur den Menschen einflößt, einander ganz gleich sind."
Set Kampf mtt den Krankhettskelmen.
Von Stadtarzt Dr. Seile- Erfurt.
Hausputz, Desinfektion und Sterilisation sind die Waffen, die uns im Kampfe gegen Staub und Schmutz und die mit ihm in Verbindung stehende, uns feindliche Umwelt der Krankheitserreger zur Verfügung stehen. Durch den Hausputz und die Schmutzbeseitigung, das sogenannte Reinemachen, wird den Keimen der Boden, teilweise der Nährboden entzogen, obwohl sich hierin im Laufe der Zeit eine Umstellung vollzogen hat. Anfänglich sah man die Hauptgesahr für d:e Ausbreitung ansteckender Krankheiten in den Keimen, die an toten Gegenständen sich befinden. Heute wissen wir, daß dort die kleinere Gefahr liegt, und daß im Gegenteil der erkrankte Mensch oder das erkrankte Tier während feiner Krankheit die Hauptgefahr darstellt.' Z. B. wird jede Wurmkur bei einem Kind erfolglos bleiben, wenn der Haushund feine Wurmeier auf dem Teppich verliert und abftreift, auf welchem das Kleinkind um- herkriecht und spielt. Da würde der Hausputz, die Desinfektion und selbst die Sterilisation des Teppichs feine Aenderung herbeiführen. Nur die Behandlung und die Entfernung des Tieres aus der menschlichen Behausung im Verein mit einer gründlichen Säuberung aller verschmutzten Gegenstände wird den gewünschten Erfolg bringen.
Ferner wissen mir heute im Gegensatz zu früher, daß die für uns gefährlichen Mikroben sich vorw egend im erkrankten Menschen oder Tier vermehren können. Mit den Ausscheidungen des Kranken in die Außenwelt gelangt, vermögen sie sich zwar eine Weile am Leben und ansteckungsfähig zu erhalten, können sich aber nur unter besonders günstigen Bedingungen vermehren. Früher fürchtete man aus Unkenntnis der Dinge die schweren Erkrankungsfälle als besondere Gefahrenquelle für die Ausbreitung einer Seuche, heute wissen wir, daß umgekehrt die leichten Fälle die größte Beachtung verdienen. Der Schwerkranke liegt in-feinem Bett; die von ihm evtl, ausgehende Gefahr ist gebannt durch unsere Abwehrmaßnahmen, aber auch der Leichtkranke, sich gesund fühlende, lebt unerkannt als solcher unter der gesunden Bevölkerung und verbreitet so die Erreger. Der gesunde Bazillenträger unter Mensch und Tier ist die größte Gefahr! — Kennen wir doch Fälle, in denen ein Keimträger jahrelang z. B. immer wieder von neuem Typhuserkrankungen verursacht hat, ohne es selber auch nur zu ahnen. Mit viel Recht nimmt man heute an, daß diese Keimträger den Herd bilden, in dem sich ein Krankheitsstoff in einer Bevölkerung am Leben erhält, und daß von ihnen die gehäuften Erkrankungen von Zeit zu Zeit ausgehen, die wir als Seuchen kennen und als Epidemien bezeichnen und fürchten.
Aus alledem ergibt sich, daß das Betätigungsfeld der Desinfektion im Laufe der Zeit einen gewissen Wandel erfahren hat. Don vornherein will man jetzt nicht nur durch die Schlußdesinfektion, sondern auch durch die „lausende Desinfektion" die Keime sofort vernichten, fodald sie den Kranken verlassen haben. Diese laufende Desinfektion muß ja mehr Erfolg versprechen, da der Weg der Krankheitskeime, wenn sie einer Desinfektion entronnen und in die Außenwelt gelangt sind, für uns kaum zu ermitteln ist.
Aufgabe der Gesundheitsbehörde ist es, diesen gesunden und kranken Jnsektionsirägern die höchste Beachtung zu schenken, sie, wenn irgendmöglich, krankheitskeimfrei zu machen und, wenn dies nicht gelingt, sie als Bazillendauerausscheider unter strengster Beobachtung zu halten, aus Nahrungsmittelbetrieben, Schulen usw. zu entfernen, über ihre Gefährlichkeit aufzuklären und mit einer selbst auszuführenden „laufenden Desinfektion" vertraut zu machen.
Wenn wir durch Sauberkeit auf der Straße, in der Wohnung und an unserem Körper auch nicht alle Infektionen bannen können, so vermögen wir doch durch besondere Maßnahmen und persönliche Reinlichkeit die Entstehung von Krankheiten sehr erheblich einzudämmen.
Fackeln und Feuer am hellichten Tag« an, um dem jungen Herrn „heimzuleuchten".
Da nahm Landgras Konrad Fritzlar im Sturm. Der Hohn hatte nicht ihn allein rasend gemacht, hatte auch bei den Seinen das gleichgültige Gefühl einer Fehde gegenüber, die wie hundert andere war, in ein ganz persönliches Racheverlangen gewandelt. Jetzt waren sie alle beleidigt worden, nicht nur die Führer.
Landgraf Konrad war der erste auf der Sturmleiter, dreimal herabgeworfen, dreimal wieder hinauf, war der erste auf der Mauer, der erste, der den noch nicht verlöschten Feuerbrand, ihm zum Hohn entzündet, in weitem Schwung ins nächste Strohdach schleuderte--
Er hemmte auch nicht di« Scharen, die sich gierig und wie im Rausch in die Straßen stürzten. Er stand dabei, als sie sich gegen die Stiftskirche warfen, in der die Fritzlarer Asyl zu finden hofften. Er jauchzte auf, als die Lohe das Dach durchschlug: „Wie gefallen meine Feuer den Fritzlarern?" und grüßte höhnisch die Ge- fangenen, den Propst von St. Peter und den Bischof von Worms--
Der Flammenschein des brennenden Fritzlar, der den ganzen Horizont in Röte tauchte, betrachtete er am Abend vom Lager aus, jenseits der steinernen Brücke, die sich über die Eder spannte. Er stand neben feinem Pferd, sein Waffenrock über dem Panzerhemd war staubig, blutig und stellenweise versengt. Den Topshelm hatte er seinem Knecht gegeben, die Haube aus Kettenringen herabgelassen, daß sie bauschig wie eine Kapuze im Nacken lag. Sein Gesicht war müde, schmutzig und bleich und die Augen matt. Er sah nicht wie ein Sieger aus. lieber die Brücke, schwarz gegen die Lohe im Hintergrund, ritt langsam der von Heldrun- 8 en:
„Den Bann haben wir uns mit diesem Tag geholt." sagte er nachdenklich, indem er sich rasselnd herabschwang und neben dem Freunde stehenblieb.
„Der fromme Ludwig, mein fast heiliger Bruder, hak sich auch mit dem Mainzer herumgeschlagen," kam die spöttische Antwort.
Fortsetzung folgt