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Nr. 128

Beilage zur Fuldaer Zeitung

NILS

S. Iuni.

Künftiger Frühling.

Wohl blühet jedem Jahre Sein Frühling mild und licht, Auch jener große, klare, Getrost! er fehlt dir nicht; Er ist dir noch beschieden Am Ziele deiner Bahn, Du ahnest ihn hienieden. Und droben bricht er an.

Ludwig Uh land.

Brillanten.

Don A. I. Kuprin.

Heißer, dunkler Südwind. Die verstaubten Akazien über dem glühenden Asphalt der Bürgersteige erwachen allmählich aus dem schweren Schlummer des Tages. Eine festlich gekleidete Menschenmenge flutet in zwei ununterbrochenen Strömungen vor- uni) rückwärts.

An einer Stelle hat sich ein Strudel gebildet. Man kommt näher, bleibt stehen, drängt aneinander vorbei, hält sich ein wenig auf, verdichtet den allgemeinen Trubel und entgleitet ihm wieder. Im Fortgehen wirft man einen letzten, abschiednehmenden Blick hinter sich . . .

Manche aber verweilen lange, mit Brust und Ellen- bogen auf die runden Stäbe des Eisengeländers gestützt, welches das Schaufenster eines Kaufladens umgibt. Da stehen sie mit blassen Gesichtern, mit weitoffenen, un­beweglichen Augen!

Auf weißen Sammetschildern glühen dort, Reihe an Reihe, erhellt von den verborgenen Scheinwerfern, die verschiedenartigsten Feuertropfen. Wie erfreut, wie ent­zückt ihr zauberhafter Glanz im nächtlichen Dunkel un­ser Auge.

In der Mitte liegen zwei Brillanten von der Größe einer Haselnuß. Schliff und Umriß werden nicht deut­lich sichtbar. Rein, dies sind nicht Steine sondern zwei sonderbar geheimnisvolle Flammen! Sie gluten, zittern, spielen, schimmern, verschenken tausendmal ihr unergründliches, blitzendschlauss Lächeln; sie locken, ver­heißen und--lügen...

Da jetzt sprüht eine blaue Strahlengarbe auf! Solch eine Farbe gibt es weder am Himmel noch dem Meer ... Es gibt sie nur in Märchen. Sie flammt auf, erhebt und verschwindet wieder. . . Und nun er­gießt sich von den Scheinwerfern her blutroter Wider­schein eines ungeheuren Brandes, irgend eine sinnlos trunkene Freude, irgend ein rotes, triumphierendes Fa­nal! Und einen Augenblick später du hast vielleicht gerade mal flüchtig den Kopf gewendet oder das Pfla­ster hat unter einem vorüberrasselnden Wagen gezittert hat sich ein grünes Leuchten entsacht, ein stilles, tie­fes, rätselvolles, ähnlich dem Geflimmer von Johannis­würmchen im dichten Grase. Und eine Sekunde her­nach: heiterer Goldglanz von Sonne strömt herein, und in tanzendem Wirbel erscheinen sämtliche Töne des Re- genbogens.

Die Menschen dagegen! Wie gesammelt, finster und bleich erscheinen sie in diesem reflektierten, zerstreuten Licht! Wieviel Trauriges, Böses und Dummes reden sie! Begehrlich blähen sich die Nasenflügel der Frauen; feucht glänzen die Zähne zwischen ihren halbgeöffneten Lippen hervor. Sie werden gedrängt, gestoßen, doch das spüren sie nicht, gebannt von wunderbarem Glanz, hingerissen alle vom gleichen Trieb.

Jüngling und Mädchen. Beide schön, schlank, bieg­sam Wahrscheinlich haben sie sich soeben erst an ver­abredeter Stelle getroffen. Einer von beiden hat sich vielleicht ein wenig verspätet. Eine kleine Szene ge­heuchelter Kälte, Eifersucht und Feindschaft hat sich ab­gespielt. Und jetzt stehen sie hier, haben alles vergessen, sind nur noch gebannt von dem listigen Spiel der Bril­lanten, und haben sich in absonderlich krankhafte Träu­mereien verloren.^.

Ein Ehepaar. Ein Greis. Zwei vorüberhuschende, fein gekleidete Gauner mit hungrigen Augen. Ein Bote, der atemlos eine Sekunde lang stehen bleibt. Ein Ko­kotte. Ein Ehepaar. Nein, eigentlich ist es kein Ehe­paar . . .' Doch das ist jetzt nebensächlich. Schon ha­ben sie sich vergessen, verloren, fühlen einander nicht mehr, obwohl ihre Hände sich noch berühren.

Und in all diesen Gesichtern, in all diesen Augen,

3n sibirischer Gefangenschaft.

Don Richard Hof, Eckweisbach.

8] ---------

Ich war mit dem dampfenden Eimer auf dem Rückzug und noch ein gutes Stück von dem Zuge entfernt, als sich dieser in Bewegung setzte. Da hieß es, die Beine brauchen, denn es war, wie ich wußte, höchst mißlich, allein zurückzubleiben. In einem solchen Falle gab es zuerst langwierige Verhöre, bei denen man vor Miß­handlungen nicht sicher war. Dann wurde man in einen Personenzug gesteckt und dem Transport nach­geschickt. Es konnte aber dabei leicht vorkommen, daß man für einige Tage von dem Transport getrennt und also ohne Verpflegung blieb. Dem mochte ich mich nicht ausfetzen. Ich lief daher, so schnell ich konnte nub mußte leider meinen guten Tee weggießen, weil er mich in der Bewegung hinderte. Es gelang mir auch, gerade als der Atem versagen wollte, den letzten Wagen zu errei­chen. Dieser besaß glücklicherweise am Ende eine Platt­form, auf der der Bremser feinen Stand hatte. Mit einer letzten Anstrengung fprang ich hinauf. Der Russe, mit dickem Pelz und hohen Filzstiefeln bekleidet, stand zwischen Heubündeln und zeigte mir den Rücken. Er fuhr mit einem lauten Schreckensschrei herum, als ich plötzlich unter dem Gerassel des leeren Eimers hinter ihm erschien. Dann aber grinste er gutmütig und bot mir nicht nut eines der Heubündel als Sitz, sondern auch eine Zigarette an, die ich natürlich nicht verschmähte, -i suchte auch eine Unterhaltung in Gang zu bringen, doch gab er den Versuch bald wieder auf.

Weil das kurze Wechselgespräch zwischen dem Bremser und mir typisch ist für die Unterhaltungen, die die Ge­fangenen mit den einfachen Russen führten, so lasse ich es fo'gen.

Er: Germanski?

Ich: Baba. Ruski?

Er: Saba!

Ich: Ruski charafcho?

Er: Jest. Germanski njet charafcho.

Ich: Germanski otfchen charafcho.

Er: Njet, njet Germanski plocho. Germanski kaputt.

bie sich minutenlang verfärben, grundlos und verlogen werden, lese ich immer von neuem das gleiche begehr­liche Wort:

Wenn doch!

Wenn doch ein Wunder geschähe . . . Wenn man es auf der Straße fände . . . Wenn irgend jemand un­erwartet märchenhafte Freigebigkeit . . . Wenn doch . . Wenn man es stehlen könnte, doch so, daß niemand es jemals erführe . . .

Wer weiß, was man selbst in einem her besten Men­schen entdecken würde, wenn man ihn unvermutet er­gründen die allergeheimsten, allerverborgensten Schleichwege feines Gemüts beobachten könnte? Wie vieleStützen der Gesellschaft", wie viele charakterstarke Männer und ehrbare Bürger sich wohl als Diebe, Mör­der, Ehebrecher erweisen würden! Und wer kann ent­scheiden, was verwerflicher ist, Gedanke ober Tat, und wo bie Grenzen liegen?!

Das Allersonderbarste, Lächerlichste, Ungereimteste und Außergewöhnlichste in der Welt sind bie menschli­chen Konventionen. Da liegen zwei Stückchen verdichte­ten Kohlenstoffes, zwei glitzernbe Nichtigkeiten! Doch haben sich in ihnen, wie in einem Brennpunkt, bie Be­griffe: Reichtum, Luxus, Würde, Frauenliebe, Macht gesammelt.

S o ist das Leben geartet, so hat bie menschliche Ge­sellschaft es stillschweigenb unter sich vereinbart.

Insbesondere Macht! Oh, wie gut begreife ich, wa­rum selbst in der Geschichte als blutdürstig gerühmten Tyrannen der Menschheit zu gleicher Zeit so feine Ken­ner, Würdiger und Sammler von Edelsteinen waren! Ihnen, den von grenzenloser Macht und von Genuß Ueberfättigten, erschienen Kleinodien wie brennende, vorerst noch geheime Symbole eines feineren unendli­chen Wachstums ihrer Persönlichkeit. Darin bestand sie ja, jene gewaltige, fürchterliche Herrschaft des einzelnen über Millionen, eine Herrschaft, wunderbar verdichtet

in einem so geringen Gegenstand, daß man ihn in der Faust bergen konnte. Hier war die Macht in ihrem gesteigerten Ausmaße zusammengeballt.

Um kostbarer Steine willen gab es Krieg und Blut­vergießen. Die Gewaltigen der Erde trennten sich nicht von ihren blinkenden Anhängseln. Die gleichnisreiche Weltgeschichte hat uns die Anekdote aufbewahrt, wie die Kaiserin Kleopatra einen Diamanten, dem an Größe und Schönheit keiner der Welt gleichkam, in einem Becher Weines auflöste und den Trunk schlürfte . . . Doch weiß wohl niemand, was unmittelbar nach jenem unsinnig-üppigen Gastmahl sich weiter ereignet hat.

Das aber ereignete sich: Nachdem Bacchanal in ihr Schlafgemach zurückgekehrt, befahl Kleopatra, daß man sie entkleide. Die Sklavin berührte aus Versehen mit der Hand leicht die entblößte Schulter der Kaiserin. Die, gereizt auffahrend, stieß die Zacken des Haar­kamms, den sie in der Hand hielt, in die schwarze Brust der Nubierin und, da diese schmerzvoll aufftöhnte, zischte sie zwischen bleichen Lippen hervor:Wage es nicht, ei­nen Laut von dir zu geben!"

Gerade in diesem Augenblick betrat der Eunuch bas Gemach, beugte das Knie und fragte die Kaiserin nach ihrer Entscheidung über das Geschick des gefangenen griechischen Philosophen. Kleopatra, die den ehrgeizigen Plan gehegt, mit diesem Gelehrten in Gegenwart hoch- gestellter römischer Gäste eine Disputation zu veran­stalten und, nachdem sie den ganzen Glanz ihres Ver­standes und ihrer Beredsamkeit entfaltet, dem Gefan­genen großmütig die Freiheit wiederzugeben Kleopa­tra blickte auf. Und, indem ein bitterer Geschmack auf der Zunge sie wieder an den Trank dieser Nacht erinnert und nun plötzlich der unersetzliche Verlust, wie ein Feuerbrand, vor ihren verschwimmenden Augen auf- stieg, wankte sie, brach in Tränen aus und schrie:Man töte ihn?" (Deutsch von Irmela Linberg.)

Oer unheimliche Mitreisende.

Der Zug hielt in Rheinbach. Ich war bisher allein im Abteil gewesen und hatte geschlafen. Nun stand ich auf und streckte mich ärgerlich, als die Tür geöffnet wurde. Ein Herr kroch herein, schob einen länglichen Koffer vor sich her, brachte ihn vorsichtig im Netz unter, setzte sich und sagteGuten Morgen".

Es war noch nicht Tag. Die Luft, die durch die ge­öffnete Tür drang, war rauhkalt. Mich überlief ein Schauer. Ich setzte mich wieder in meiner Ecke bequem zurecht, meinem Mitpassagier gerade gegenüber.

Weiter raffelte der Zug. Die Lampe an der Decke spendete nur spärlichen Schein. Der Wagen war ein elender Rumpelkasten alter Konstruktion. Die Gegend draußen öde und traurig. Ein langsam aufdämmerndes fahles Licht ließ unfruchtbare Sandhügel erkennen, Kiesgruben, taufeuchte Wiesen. Es war eine kalte, un­gemütliche Reise.

Nachdem mein Mitreisender eine ganze Weile still dagesessen hatte, wie in tiefe Gedanken versunken, nahm er einige kleine Pakete hervor. Als er seinen Mantel öffnete, um fein Taschenmesser hervorzuholen, glitt sein wollener Halsschal und ich sah, daß er einen Frack trug.

Also ein Musiker und in dem länglichen Koffer sein Saxophon ober sonst irgend ein größeres Instrument. Der Mann fing an zu essen. Mit dem Messer schnitt er ziemlich große Stücke Brot und sastiges, rotes Fleisch ab. Es sah etwas brutal aus, aber manche Menschen essen nun einmal so.

Ich mußte ihn wohl dauernd beobachtet haben, ohne darüber nachzudenken, denn es schien ihm aufgefallen zu sein. Er mochte wohl denken, daß ich auch Appetit habe und ihn um sein Essen beneide, denn er bot mir freundlich von seinen Speisen an.

Als er fertig gegessen hatte, reinigte er das Messer sorgfältig h-rn rrnnnf» e«. zu­

sammen. Wieder sah ich sein weißes Manschettenhemd, die weiße Krawatte, den schwarzen Frack, und wunderte mich, daß ein Musiker so viel auf sich hielt in dieser ländlichen Gegend.

In Euskirchen mußten wir umfteigen. Ja, mein Mitreisender wollte auch weiter mit dem Kölner Zug.

Da er sich mir gegenüber freundlich gezeigt hatte, wollte ich ihm behilflich sein und nahm den langen Koffer aus dem Netz. Sein Besitzer dankte und lächelte. leise, ein gutes und doch sonderbar heimliches Lächeln.

Wir mußten durch den Tunnel hinüber zu einem anderen Bahnsteig, ein verhältnismäßig weiter Weg. Mein Begleiter nahm den Koffer aus einer Hand in die andere. Es war augensichllich, daß er ihm schwer wurde. Resolut nahm ich ihm den Koffer aus der Hand. Er sah mich beinahe ängstlich an.

Nanu", dachte ich belustigt,er glaubt doch nicht etwa, ich will mit seinem Koffer verschwinden?" Wir stiegen wieder in das gleiche Abteil, und ich hob den schweren Koffer wieder ins Netz.

Ein kostbares Instrument?" fragte ich, um eine Un­terhaltung einzuleiten. Der Mann nickte nur verson­nen. Gesprächig war er offenbar nicht. Nun, ich dränge nicht gern meinen Mitmenschen ein Gespräch auf, wenn sie selber offenbar mehr Lust haben zu schweigen. So verstummte auch ich.

An einer kleinen Station stieg mein Gefährte aus. Er reichte mir die Hand, drückte die meine herzlich, bot mir ein Lebewohl und murmelte einen Namen, der mir aber entging.

Aus dem Bahnsteig stand eine Frau und ein etwa ackstjähriger Junge. Der Mann stellte seinen Koffer hin, küßte seine Frau und seinen Jungen, winkte mir noch einmal zum Abschied zu dann rollte der Zug weiter. Das kleine Familienidyll auf dem Bahnsteig schmolz zu einem Punkt zusammen.

Endlich lief der Zug in den Hauptbahnhof Köln ein. Das Erste, was wir am Ziel meiner Reise beim Aussteigen in die Augen fiel, war eine Zeitung auf dem Wägelchen des Zeiffchriftenverkäufers, die neueste Morgenausgabe mit der fettgedruckten, schreienden Ueberschrift:

Die Hinrichtung des Mörders heute morgen vollzogen."

Wie gebannt blieben meine Blicke an der Zeitung hän­gen. Unter der Ueberschrift sah ich die plumpe Zeich-

Jch: Njeto. Ruski kaputt!

Er: stößt einen fürchterlichen Fluch aus.

Auf deutsch heißt dieser geistreiche Dialog:

Er: Du bist ein Deutscher?

Ich: Ja, ja! Du ein Russe?

Er: Ja, ja.

Ich: Ist der Russe gut?

Er: Jawohl. Die Deutschen sind nicht gut.

Ich: Die Deutschen sind sehr gut.

Er: Nein, nein! Die Deutschen sind böse. Die Deut­schen sind kaputt.

Ich: Nein, die Russen sind kaputt.

Er flucht.

Dieser Fluch, den die Russen bei jeder Gelegenheit brauchten, ist so niederträchtig, daß es unmöglich ist, ihn wiederzugeben. Man erzählt darüber eine nicht uninter­essante Anekdote.

Die letzte Zarin, die ja eine deutsche Prinzessin war, empfand über diesen Fluch die tiefste Empörung und drängte ihren Gemahl, ihn zu verbieten. Der Zar kam ihren Bitten nach. Der Befehl, der den Fluch sämtlichen Bewohnern des Riesenreiches bei schwerer Strafe verbot, war ausgefertigt und wurde dem Herrscher vorgelegt. Dieser setzte im Beisein der Zarin die Feder an, um ihn zu unterzeichnen. Da fiel ein Klecks auf das Schrift­stück, und zugleich entfuhr ihm selbst der verbotene Fluch. Er legte die Feder nieder und sagte kopfschüttelnd zur Zarin:Du siehst selbst, es ist unmöglich. Kein Russe könnte diesen Besetz! aussühren."

Auf dem Bremserstand, zwischen Heubündeln sitzend, fuhr ich in den Ural hinein. Anfangs gefiel mir die Sache, war es doch eine nette Abwechslung gegen den dauernden Aufenthalt im Wagen. Bald aber wurde es höchst ungemütlich. Das Schneetreiben nahm zu und verhinderte jeden Ausblick. Ein wütender Sturm fauchte durch das schluchtähnliche Tal und warf ganze Wolken Schnee auf unseren Stand. Vor Kälte klapperten mir die Zähne, und die Glieder schlotterten unter der dün­nen Kleidung. Trübselig starrte ich in den leeren Eimer, den ich krampfhaft festhielt. Wie gut hätte jetzt der heiße Tee getan; aber der lag verschüttet auf dem Bahnhof in Ufa. Mit Sehnsucht dachte ich an meinen Pritschenplatz

im warmen Wagen; doch es dauerte lange, endlos lange, bis sie gestillt wurde. Erst in Slatoust, also nach mehr­stündiger Bahnfahrt, konnte ich, fast zum Eisklumpen erstarrt, das Heubündel verlassen und auf meine Pritsche kriechen.

Von Slatoust waren des Schneegestöbers wegen nur Umriffe zu sehen; aber auch diese verrieten, daß dort In­dustrie vorherrschen muhte. Der Ort war ein Mittelpunkt für die Gewinnung und Verarbeitung von Eisen und Edelsteinen. Besonders interessant war es uns zu erfah­ren, daß sich in Slatoust schon feit langem eine deutsche Schule befand.

Bevor ich mich aber mit diesen Feststellungen befaßte, nahm ich den Kypjatok in Anspruch, um durch einen heißen Tee mein Inneres zum Auftauen zu bringen. Zwar war es nur der gewöhnliche Ziegeltee, ober ich empfand ihn als wahre Wohltat.

Als wir weiterfuhren, schneite es nicht mehr. Im frischen Wintergewand lag das Bergland da. Langsam quälte sich der Zug in unaufhörlichen Windungen durch Täler zur Höhe empor. Einsam und wild ist die Ge­gend. Düstere Wälder und schroffe Felsen, von engen Schluchten zerrissen, wechseln ab. Kein Ort mehr, keine Spur von Menschen.

Da plötzlich nach einer Windung erhebt sich auf der rechten Seite der Bahn einGebild von Menschenhand", ein behauener Steinblock in etwa dreifacher Manneshöhe und in der Gestalt eines abgestumpften Segels. Im Vor­beifahren lesen wir auf der einen Seite das ausgemei­ßelte Wort: Europa und auf der entgegengesetztenAsia". Die Grenze zweier Erdteile. Europa liegt hinter uns und ganz fern dahinten die Heimat. Vor uns Asien, das ungeheure und eine Zukunft, dunkler als die dunkelste Nacht. Ein unbeschreibliches Gefühl beschleicht uns. Wer­den wir diesen Stein, der eben hinter einem Bergvor- fprung verschwindet, Wiedersehen. In unsere Gedanken dröhnt das Poltern des Zuges, der sich von der Höhe hinabwindet Sibirien zu.

*

Hinter uns verblassen die Berge. In Tscheljabinsk am Ostfuße des Ural trifft die zweite Bahnstrecke, die über Perm und Iekaterinnburg das Gebirge durchquert, mit der unseren zusammen. Ein Zug mit Kriegsgefangenen

nung einer Richtstätte und daneben, in einem Medail­lon, das Bildnis des Mannes im Frack und weißer Binde, mit dem merkwürdig geformten Koffer, den er vor wenigen Stunden vor sich in mein Abteil geschoben hatte, als b^r Q"rr in '"heinlm in Rheinbach, wo das große Zuchthaus ist, wo heute im ersten Frühdäm­mer der Gerechtigkeit Genüge geschehen war!

Verwirrt und erschüttert stand ich vor dem Zeitungs­stand. Die Bilder und Buchstaben verschwommen vor meinen Augen. Nur diese eine Ueberschrift, dies eine Bild stand in greller Klarheit da. Menschen rannten mich an. Der Zeitungsverkäufer hielt mir ungeduldig ein paar Blätter hin. Dann horte ich eine mir wohl­bekannte Stimme:

Guten Tag willkommen! Gott wie bist bu bleich! Bist doch nicht krank?"---

Axel Rudolph.

Ein vuchskabe mehr oder weniger.

Don H. van Wermeskerken.

Zwanzig Jahre hatte Hankes als Autohändler auf «Sana gearbeitet und es dank feinem rastlosen Fleiß zu ansehnlichem Wohlstand gebracht. An seinen Schläfen waren die Haare vielleicht etwas zu früh für seine vier­zig Jahre ergraut, aber sie gaben seinem jungen, aufge­weckten Gesicht Distinktion. Und nun ging er zum er­sten Male auf Urlaub nach Holland, das ihm fast fremd geworden war. Er wollte etwas für feine Gesundheit tun und sich gründlich erholen, er hatte angefangen, sich einsam zu fühlen und vor allem schien eine ferne Ju- genderinnerung ihn zu rufen. Diese Erinnerung hatte ihn einmal überwältigt, als er nach anstrengender Ta­gesarbeit auf der Terrasse seines Hauses ausruhte und fein Blick auf die braune Hand des javanischen Dieners fiel, die den Tee einschen'te anstatt der weichen, weißen Hand einer lieben Frau. Und im selben Moment war die zarte Gestalt eines Mädchens mit goldbraunem Haar vor ihm aufgetaucht, der er die Schulmappe ge­tragen hatte, die auf der Eisbahn eine weiße Pelzmütze trug, die große, grüne Augen hatte, die des Abends braun schienen und in denen sich am Tage der blaue Himmel widerspiegelte, und mit der er noch bis zu sei­ner Ausreise nach Niederländisch-Jndien korrespondiert hatte. Seitdem hatte er nur indirekt von ihr gehört, daß sie geheiratet habe und ihr Mann gestorben sei und sie mit einem Kinde zurückgelafsen habe. Das war alles. Aber nun war mächtig das Verlangen in ihm aufgestiegen, Marie wiederzusehen.

Gleich nach seiner Ankunft auf europäischem Boden fuhr er nach dem Haag, wo Marie und er zusammen zur Schule gegangen waren und wo sie noch wohnen sollte. Es war ein schöner, sonniger Morgen, als er mit feinem Auto zu ihrem Hause fuhr. Ihm klopfte das Herz, und tausend Gedanken wirbelten ihm durch den Kopf. Es würde eine große Ueberraschung sein. Ob sie ihn noch erkennen würde? Ob sie noch die wun­dervollen Augen hatte? Ob ihr Haar seinen goldbraunen Glanz behalten hatte? Ob sie ihm wieder ihren lieben,

kosmel-isehe Fußpflege

. P.ßreidbaeh

lachenden Mund reichen würde? Sie sollte neben ihm am Steuer feines Wagens sitzen ... Er wollte ihr alle Sorgen nehmen und ihr Leben mit Luxus um­geben ....

Er las an der Tür des Eckhauses den fremb klingen­den, banalen Namen Jansens von ihrem verstorbenen Mann. Dann läutete er. Beim Klang der elektrischen

verläßt, als mir einfahren, den Bahnhof. Wir haben langen Aufenthalt.

Von Tscheljabinsk zieht die Bahn eingleisig weiter über ungeheure Entfernungen bis nach Ostsibirien in bie Nähe der Mandschurei. Dort teilt sie sich und sührt als Amurbahn nördlich und mandschurische Bahn südlich hin zum Gestade des Stillen Ozeans.

Westsibirien. Durch schier endlose Ebenen rollt der Zug. Dünner Schnee deckt bas Land. Ost zeigen sich Seen und Sümpfe zu beiden Seiten der Strecke. Ein kah­les Steppengebiet dehnt sich aus. In der Einöde liegt Petropawlowsk, eine Stadt, deren Einwohner zu einem Drittel Mohammedaner sind. Was die Steppe hervor­bringt, kommt hier zusammen und wird verarbeitet und ausgeführt, besonders Leder und Holz. In großen Schlächtereien wurden jährlich bis zu einer halben Mil­lion Rinder geschlachtet.

Bei Omsk fuhren wir über den Jrtysch, den bebeu- tebften Nebenfluß des Ob und bald darauf über diesen, den größten Strom Westsibiriens, selbst. Auf beiden Flüssen bildete sich bereits die Eisdecke, die die Wasser fast ein halbes Jahr in Banden hält. Von Tag zu Tag wurde es kälter, wir fuhren geradezu in den Winter hin­ein Trotzdem verschwand das stille Grauen, bas uns anfangs beim Gebanken an Sibirien erfüllt hatte, im­mer mehr. Gewiß, bas Land war öbe, vielfach trostlos, aber es gefiel uns besser als bas europäische Rußland. Vor cttem schien alles uiel sauberer und gepflegter zu sein. Während dort die Bahnhöfe, vor allem die kleine­ren, schrecklich vernachlälfiat waren, befanden sich in Si­birien die einfachen Stai-.snsgebäube meist m guter Ord­nung. Das Bahnhofsgelände war reinllch gehalten und die Gebäude, durchweg Blockhäuser, waren mit Delfarbe sauber gestrichen.

Die stetig zunehmende Kälte zwang uns, tüchtig Brennmaterial herbeizuschasfen. Das mußte natürlich heimlich geschehen, aber auf den größeren Bahnhöfen war es in Menge zu haben. Dort lagerten entweder Kohlen zu ganzen Bergen getürmt ober ungeheure Sta­pel von Holzblöcken, denn auf manchen Strecken der Bahn werden die Maschinen mit Holz geheizt.

Von den Russen wurden wir selten einmal am Holz­mehlen gehindert. Unsere Posten griffen vielmehr ge-