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Ilr. 128.

Fuldaer Zeitung (Amtliches Kreisblatt)

Sonntag, den 5. Juni 1932.

Fulda den 4 Juni 1932

Sie Wallfahrk zum Vouifatiusgrab.

Am Feste des heiligen Bonifatius betet die Kirche:Sott, du hast durch den Eifer deines heiligen Märtyrers und Bischofs Bonifatius zahl­reiche Völker huldvoll zur Erkenntnis deines Na­mens berufen: verleihe uns gnädig, die wir sein Fest begehen, daß wir auch die Macht seines Schutzes erfahren."

Jeder, der mit klaren Sinnen und mit offe­nen Augen die heutige Lage des deutschen Volkes betrachtet, wird die Empfindung haben, daß wohl noch nie so drängende Veranlassung bestand, die Hilfe unseres Slaubensvaters aus innerstem Her­zensgründe anzurusen wie in diesen Tagen dro­henden Unheils. Wie die Fuldaer Katholiken wäh­rend der harten Kriegsjahre, die täglich und stündlich so unendlich viel Menschenopfer ver­schlangen und bitteres Leid über unzählige Fami­lien gebracht haben, Bonifatius besonders eifrig anriefen, so wollen wir auch in diesen unheilvollen Tagen wieder unsere Zuflucht in verstärktem Maße zu dem mächtigen Apostel der Deutschen nehmen, zu dessen Gruft in der Fuldaer Stiftskirche schon über tausend Jahre hindurch bedrängte und sorgen­volle Christen gewallfahrtet sind, um seinen Bei­stand am Throne des allmächtigen Gottes in Ge­bet und Lied zu erflehen.

So zieht auch morgen wieder zur Eröffnung der Bonifatiuswoche die Stadt Fulda, an­knüpfend an die geheiligte Ueberlieferung der Väter, zur Grabeskirche des Slaubensvaters, und sicherlich werden alle Kreise der Fuldaer Katho- kken es als eine Verpflichtung betrachten, an diesem Zug teilzunehmen und sich in die Schar der Pilger einzureihen, die durch die Jahrhunderte hindurch zu dieser Gnadenstätte in gläubigem Ver­trauen ihre Schritte gelenkt hat. Die Jugend soll m freudigem Glauben auf göttliche Hilfe, die uns St. Bonifatius erwirken wird, den Zug eröffnen, die Männer, deren Lebenserfahrung ihnen das Bild der Not und die drohenden Verhängnisse besonders deutlich zeigt, dürfen nicht fehlen. Je tiefer sie durch ihre Stellung und ihre Gei­stesbildung in die chaotischen Wirrnisse unserer Zeit Einblick gewonnen haben, um so mehr werden sie den innersten Drang empfinden, am Grabe des Heiligen in Leid, Sorge und Not aufrichtenden Trost zu finden. Wer wollte in solchen unerhört schweren Zeiten allein auf Menschenhilfe bauen? Wie armselig ist der Mensch ohne Gottes- Hilfe! Wie töricht ist er, wenn er sich brüstet, ohne Gottes Beistand irgend etwas Bedeutendes schaffen zu können. Wenn aber St. Bonifatius für uns bittet, dann dürfen wir hoffen, daß wir, di« wir in diesem Tränental ringen, Erleichterung unserer Lage erlangen werden. Das ist die erhebende Weihe unserer Donifatiuswallfahrt, daß wir emp­finden, wie in uns demüttgen Prozessionsteilneh­mern das Wort der heiligen Schrift wirksam wird: Lasset uns loben die ruhmwürdigen Männer, unsere Ahnen in ihren Geschlechtern. Andere, die find vergessen, sie gingen dahin, als ob sie nie gewesen. Sie kamen ins Leben, als wären sie nie geboren worden, und so auch ihre Kinder. Jene dagegen waren Männer der Begnadigungi, nie ward vergessen chre Tugeno. Ihre Kinder werden ewig bleiben um ihretwillen, nie wird untergehen ihre Nachkommenschast und ihr Ruhm. Ihre Leiber sind in Frieden bestattet, i h r Name lebt von Geschlecht zu Geschlecht. Ihre Weisheit rühmen die Völker, und ihr Lob verkün­det die Gemeinde."

Promotion.

Zahnarzt Karl Schulz aus Fulda wurde von der Medizinischen Fakultät der Bayern Ju- lius-Maximirians-Universität zu Würzburg zum Dr. med. deut, mit dem Prädikatmagna cum laude" promoviert. Dr. Schulz war Schüler des hiesigen Gymnasiums.

Einstellung in das Reichsheer u. die Reichsmarine.

lieber die Einstellung zum 12jährigen Dienst der Wehrmacht herrschen vielfach unzutreffende Ansichten, die zu unnötigem Schreiboerkehr und zu Enttäuschungen führen. Sowohl das Reichsheer, wie die Reichsmarine, stellen alljährlich Anfang April und Anfang Oktober den Ersatz für die im Laufe des HaMahres ausgeschiedenen Sol­daten ein. Meldungen von Bewerbern haben zweckmäßig mehrere Monate vor diesen Einstel­lungszeiten zu erfolgen; für das Heer bei den Ba­taillonen und Abteilungen, oder bei den Kom-

pagnien, Eskadronen und Batterien der einzelnen Waffengattungen; für die Reichsmarine: Rur bei der Schiffsstammdivision der Nordsee oder bei der Schiffsstammdivision der Ostsee. Meldungen bei den höheren Diensfftellen sind zwecklos, da die Trup­penteile in der Annahme von Freiwilligen selb­ständig sind und allein übersehen können, ob Stellen frei sind. Den Meldungen ist zweckmäßig ein ausführlicher Lebenslauf mit Lichtbild beizufugen. Die sonst noch erforderlichen Ausweispapiere wer­den von den Truppenteilen bei den Bewerbern an­gefordert. Zur Einstellung gelangen in erster Linie 1320jährige. Die Einstellung geschiebt nach ärzt- licher Untersuchung und eingehender Prüfung der Bewerber. Bei dem außerordentlichen Angebot, das den Bedarf um das 50lOOfache übersteigt, ist es leider unvermeidlich, daß zahlreiche Bewerber ohne vorherige Prüfung abgewiesen und auch solche Bewerber abgelehnt werden müssen, die an sich voll diensttauglich sind.

Skadtverordneken-Sitzung.

Nachdem die F i n a n z k o m m i s f i o n des Stadtparlaments den vom Magistrat vorgelegten Haushaltsplan bereits durchberaten hat, wird sich in der kommenden Woche das Plenum der Stadtverordnetenversammlung mit dem Etat für das Jahr 1932-33 beschäftigen. Die Sitzung der Stadtverordneten ist auf Donnerstag, den 9. Juni, einberufen.

Die Tagesordnung lautet:

1. Festsetzung der Fluchtlinie für die Kleine Marktstraße. (B. E. Herr Grosch). 2. Beratung des Haushaltsplanes für 1932 und zwar: Allge­meine Verwaltung (B. E. Herr E. Schmitt). Poli­zeiverwaltung (B- E. Herr Dr. Willms). Schul- und Bildungswesen kB. E. Herr E. Schmitt). Kirchliche Zwecke, Kunstpflege (B. E. Herr Schön­herr). Bauverwaltung (SB. E. Herr Wißler). Ge­meindeanstalten und. Einrichtungen (SB. E. Herr Vogt). ^Betriebe und Unternehmungen (SB. E Herr F. Schmitt). Wohlfahrtswesen (B- E. Herr Schönherr). Finanzverwaltung (SB. E. Herr E. Schmitt). _______________

Neue Meister.

Vor der hiesigen Meisterprüfungskommission bestanden ihre Meisterprüfung die Schreiner: August F r o h n a p f e I in Weyhers, Aloys Klim­in e'l in Ebersberg, Jos. Link in Thalau und Franz Jos. Schlag II in Rönshausen.

Einheitliche Kennzeichnung der Krankenautos.

Der Zentrakrat für internationalen Fremden­verkehr hat während seiner Pariser Tagung An­regungen zur einheitlichen Kennzeichnung von Krankenautos angenommen. Krankenautos sollen durch aufgemalte rote Kreuzzeichen und eine Rote- Kreuz-Fahne, die über dem Dach des Fahrzeuges weht, kenntlich gemacht werden und als solche Vorfahrtsrecht und Ueberhollingsrecht haben und keiner Vorschrift über Höchstgeschwindigkeiten im Verkehr unterliegen.

Die Hauptversammlung des Rhönklubs

findet in diesem Jahre in Hammelburg statt und zwar am 2., 3. und 4. Juli. Mit der dies­jährigen 54. Hauptversammlung ist das lOjährige Stistungsfstst des Zweigveveins Hammelburg verbunden. Auf der Tagesordnung steht auch eine kunstgeschichtliche Führung durch Hammelburg und Umgebung durch Herrn Eugen Mehler aus Fulda.

FlerschverbMigung.

Die Ausgabe der Reichsbezugsscheine für ver- bMgtes Frischfleisch für den Monat Juni erfolgt für die Stadtarmen, soweit dies nicht schon mit der Auszahlung der Unterstützung am Freitag, den 3. 6. 1932 geschehen ist, am Montag, den 6. d. M., von 8.30 Uhr bis 12 Uhr beim städt. Wohlfahrts­amt, Stadtschloß, Zimmer 13 (Ausgaberaum). Die Bezugsscheine für die Klein-, Sozial- und Zu­satzrentenempfänger werden zusammen mit Der Unterstützung für den Monat Juni ausgegeben. Die Auszahlungstage werden noch bekannt gege­ben. Gleichzeitig werden die Fleischverkaufsstellen darauf aufmerksam gemacht, daß die nicht ftist- gemäß abgelieferten Abschnitte des dritten, vierten und fünften Bezugsscheines auf Antrag nachträg­lich eingelöst werden, sofern der Antrag bis fpä- testens zum 9. Ium gestellt ist.

Erhöhte Schülerzahl tn den Volksschulen.

Die Reichsschulstatistik für das Schuljahr 1931 hat ergeben, daß im Deutschen Reich 7 589 000 Schüler die öffentlichen Volksschulen besuchen, wäh­rend die vor fünf Jahren durchgeführte Erhebung nur eine Schülerzahl von 6 662 000 Schülern er­

gab. Allerdings ist die Zahl der Volksschüler im Schuljahr 1921 mit 8 894 000 noch nicht erreicht. Die Zahl der an den öffentlichen Volksschulen unterrichtenden hauptamtlichen Lehrer Betrug im Reich 187 704 gegen 186 853 int Schuljahr 1926 und 195 946 int Schuljahr 1931. Im Reichsdurch­schnitt entfielen 1931 auf 100 000 Einwohner 1174 Schüler und 29 Lehrer. Auf einen Lehrer entfielen im Schuljahr 1931 durchschnittlich 40,4 Schüler.

Hebernd Kurzarbeit.

Nach den Berichten des Instituts für Konjunk­turforschung aus der Industrieberichterstattung be­trägt die durchschnittliche Arbeitszeit der Arbeiten in der gesamten Industrie 6,92 Stunden. In der

letzten Zeit ist eine Verlängerung der Arbeitszeit eingetreten, und zwar von 6,51, also von 6V3 Stünden int Januar aus 6,92, also auf fast 7 Stunden im April. Die Steigerung ist so­wohl in den Produktionsgüterindustrien rote auch in den Verbrauchsgüterindustrien eingetreten. In den .Produktionsgüterindustrien war die tägliche Arbeitszeit im Durchschnitt 6,65 Stunden im Ja­nuar und ist int April auf 7,01 Stunden gestiegen. Innerhalb der einzelnen Industriegruppen ist nur bei den Nahrungsmittelindustrien ein ganz gerin­ger Rückgang in der täglichen Arbeitszeit einge- tteten, aber in dieser Industriegruppe liegt sie auch heute noch über 7,25 Stunden. Die stärkste Steigerung in der Arbeitszeit hat der Saison ent-

wie haben wir uns gegenüber der Krise einznsiellen.

Ein Aussprache in der Frankfurter Handelskammer. Gegen Inflation und Autarkie.

In einer Aussprache, die in der Industrieabteilung und dem Ausschuß für allgemeine wirtschaftliche Ange­legenheiten der Industrie- und Handelskammer Frank­furt a. M.-Hanau stattfand, machte der Vorsitzende, Kommerzienrat Adolf H a e f f n e r, Ausführungen über die Wirtschaftslage, die jetzt unter dem TitelWie ha­ben wir uns der gegenwärtigen Krise gegenüber ein­zustellen", in denMitteilungen der Industrie- und Handelskammer Frankfurt a. M.-Hanau" veröffentlicht werden. Die Ausführungen gehen davon aus, daß die Wiedereinreihung der Millionen Arbeitslosen das Problem ist und daß mit einer einigermaßen befrie­digenden Lösung dieser Frage auch alle anderen uns so sehr bedrückenden Sorgen einer Lösung zugesührt werden können. Sie untersuchen sodann die Forderun­gen die von verschiedenen Seiten zur Lösung des Pro­blems aufgestellt werden, und zwar die Kaufkraft- t h e 0 r i e, die von der SPD. vertreten wird, den von volkswirtschaftlichen Theoretikern vertretenen Gedanken, die Krise von der G e l d s e i t e her lösen zu können, und schließlich die in erster Linie von der NSDAP, gestellte Forderung, auf dem Wege der Autarkie eine Lösung der Dinge herbeiführen zu können.

Was die Kaufkrafttheorie anbelangt, so wür­den sich die von sozialistischen Kreisen geforderten Maß­nahmen sehr bald in einer Steigerung der Löhne aus­wirken. Das Lohnniveau würde im Verhältnis zu den Löhnen der Nachbarlländer steigen und unsere Wett­bewerbsfähigkeit erschweren, wenn nicht unmöglich ma­chen. Damit fiele aber von selbst auch das Problem der hohen Löhne in sich zusammen; der Export würde sinken und die Arbeitslosigkeit wieder zunehmen.

Die Lösung der Frage von der G e! d s e i t e her könnte vorübergehend wohl zu einer gewissen Belebung des Arbeitsmarktes führen, der Katzenjammer werde aber dann unfehlbar früher oder später doch ein­treten. Die autarken Bestrebungen seien zu bekämpfen, da sie bei keinem Lande zum Erfolg führ en würden.

Alle diese Anschauungen und Forderungen würden versagen, soweit man sich davon eine unmittelbare-

Rhabarber,

sung der Krise erhoffe. Der gute Kern, der in diesem oder jenem Vorschlag stecke, müsse aber herausgeschält werden und als solche müßten folgende Punkte ange­führt werden, die zu einer allmählichen Beseitigung der Krise beitragen könnten: Zurückführung un­serer Industrie von ihrem aufgeblähten Umfange, den sie infolge falscher Beurteilung der Verhältnisse angenommen hat, auf eine Vernünftige Ba­sis; Verstärkung der Leistungstätigkeit, und zwar durch eine teilweise Umwandlung des verschul­deten Großgrundbesitzes in Bauerngüt er (damit wird es, solange das Kabinett der Barone be­steht, wohl nichts werden. D. Schrift!.); durch eine Um­gestaltung der Arbeitslosenhilfe, durch eine Verein­fachung der Verwaltung, auf die wir schon seit Jahren warten, durch eine Vereinfachung des Steuer­systems und Herabsetzung einzelner Steuerarten muß das Vertrauen zur Staatssührung gestärkt werden. Auf allen Gebieten muß wieder eine einfachere Lebensweise Platz greifen, und schließlich muß die Reparations­frage gelöst werden, und zwar in einer endgültigen Form.

Der Ausblick, den man zu geben vermag, sei ge­wiß nicht rosig, aber er sei doch auch nicht so, daß man verzweifeln oder sich völliger Apathie hingeben solle. Wir mühten die feste Zuversicht in unserm Innern wach­halten, daß auch einmal wieder bessere Zeiten kom­mest werden. Es könne mit Bestimmtheit erwartet wer­den, daß, wenn erst einmal die Krankheitsursachen be­seitigt sind, die die Weltwirtschaft gegenwärtig erschüt­tern, und das Vertrauen in unsere Wirt­schaft im Inland wi e im Ausland einiger« maßen wieder hergestellt sei, auch der Kapi­talstrom wieder zu fließen beginne, der jetzt künstlich unterbunden und an einzelnen Stellen nutzlos festgehal­ten werde, ohne seine natürliche Funktion zu erfüllen. Dann könne umso eher wieder eine Belebung erwartet werden, als gegenwärtig alle Läger erschöpft seien, selbst die notwendigsten Aufgaben zurückgestellt würden und das Mißtrauen aller gegen alle jede Un- ternehmungslust lähme.

Rhabarber.

Landarbeiterinnen beim Bündeln der Rhabarber-Stengel.

Auf allen Märkten wird jetzt in großen Mengen der Rhabarber angeliefert, der ein so beliebtes und billiges Kompott ergibt.

AeGesandlln Gottes

Von Liane von Gentzkow.

Eopyright 1932 by Prometheus-Verlag Dr. Eichacker, 46] Gröbenzell bei München.

Sie fragt nichts, sie bringt sie in ihr eignes Gemach, sorgt für Essen und Nachtlager.

Die Fahrende sieht um sich in dem armen Raum:

Die Herrin wohnt wie eine Hörige, und Die Hörige endet als Bettlerin. Es ist ein Fluch über uns." Dann zeigt sie staunend nach dem Lager Elisabeths, von dem sich ein blondes Kind, aus dem ersten Schlaf gestört, aufgerichtet hat.

Elisabeth, die ihr eben eine Brotscheibe reicht, lä­chelt:Mein drittes Kind hier zu Marburg ist der kleine Heribert, und Gott hat ihn mir gelassen. Mein erstes starb mir fort, mein zweites, ein Mägdlein," sie seufzte, ward mir genommen und zu den Aussätzigen getan. Aber dies dritte durfte ich von bösen Ausschlägen heilen und behalten."

Zum erstenmal lächelt auch die Fahrende:Habt Ihrs mit der Ringelblume und der Sonnenrose geheilt? Als ich in der Nähe Eurer Wartburg streifte, pflückten Frauen Kräuter und Blumen und suchten eifrig nach den Sonnenröschen, die nennen sie jetzt dort der Eli­sabeth Blume. So berühmt ist meine Königstochter unter dem Thüringer Volk. Aber auf den Burgen sprechen sie anders."

Ein paar Tage hielt die Fahrende aus und half bei den Kranken. Dann nahm sie ihr Bündel und stand wieder auf der Schwelle.

Ich kann die Arpadtochter nicht dienen sehen Ich muß wieder auf die Straße", sie wies das Geldstück ab, das Elisabeth ihr reichte, und das sie soeben als Lohn für gesponnene Wolle vom Altenberger Kloster bekommen hatte.

Warum gingst du von Preßburg fort?" fragte Eli­sabeth,ich ließ dich dort, weil ich meinte, du wärest gern am Königshof."

Das tft eine lange Geschichte und nicht für Eure Ohren," sie lachte auf,es war schön, einst durch viele

Lande zu schweifen. Es war schön, in Burgen und Schlössern zu spielen und zu fingen um blanken Lohn und um schimmerndes Geschmeide. Aber der Wind ging kalt--Meine Stimme ist hin, meine Jugend ist hin

ich muß auf der Straße enden."

Elisabeth sah sie unverwandt an:Du täuschest dich. Schwester. Du suchst den Frieden, aber du suchst ihn an unrechter Stelle."

Worin liegt der Frieden?"

3m Opfer."

Ich habe nichts zu opfern."

Dich selbst

Nicht zu den Reuerinnen," schrie sie auf,die ich zu Worms sah, ewig eingesperrt in dumpfen Mauern und sprechen nur durch eine eiserne Platte mit denen, die draußen sind."

Ich dachte nicht an die armen Frauen von St. Magdalena," erwiderte Elisabeth,aber du, die durch viele Städte kam, weißt noch besser als ich, daß auch Frauen in der Welt sich zusammentun und miteinander arbeiten, beten und den Armen nach ihren Kräften hel­fen. Sie sind nicht eingeschlossen und sehen die Sonne und gehen im Wind. Warst du nie in einem Beginen­haus?"

Die Fahrende drehte an ihrem Bündel.Allein und aus mir selbst kann ich dies Leben, dies elende und grau­same, das ich dach gewohnt bin, nicht ändern. Aber wenn Ihr für mich betet . . . Ihr könnt viel . . . Und manchmal denke ich, dies fei die Kaiserkrone, die der weife Farkas über Eurem Haupt sah." Und als Elisa­beth unwillig abwehrte, fuhr sie mit einem schlauen Lächeln fort:

Zwei Fahrende haben mich hergewiefen, waren noch verstört und verängstigt wegen dem, was Ihr könnt. Die Frau des Spielmanns lag hier in Kindesnöten, und Ihr habt sie verpflegt und um sie gesorgt, indes der Mann nach einem Mond sie holen wollte. Aber als sie genesen war, und Ihr in der Kepelle mit den grauen Schwestern weiltet, ging sie auf und davon, ließ Euch den Säugling zurück und nahm noch von Sachen mit, was sie greifen konnte. Doch, so sagte sie mir, nach zwei Stunden konnten sie und der Mann nicht einen Schritt mehr tun, standen gebannt mitten im Wald, waren m großer Angst. Bis sie merkten, daß sie m

einer einzigen Richtung gehen durften, zurück nach Mar­burg. Sind in zitternder Furch zu Euch gekommen, ha­ben vor Euch geweint und ihr Kind mit sich genommen. Und dies geschah, so meint die Magd Irmengard, weil Ihr darum gebeten habt, daß die Leute ihr Unrecht ein­sehen möchten. Euer Gebet bannt in der Ferne und zieht die Menschen heran. Der Spielmann und das Weib scheuen sich seitdem zu stehlen, denn sie fürchten die starke Frau zu Marburg . . . Also Herrin, bittet auch für meine Füße, die müde sind--" Und an der Tür

wandte sie sich noch einmal:Wenn Ihr gefrönt wer­det, komme ich wieder."

*

Sie saß auf einer schmalen harten Bank unter dem kleinen Fenster und spann. Die letzten Tage war sie sehr schwach gewesen und hatte nicht einmal einige kranke Kinder vom Lager heben und betten können. Das Kloster Altenberg hatte neue Wolle zum Spinnen ge­schickt, und so konnte sie in der Stille, die ihr gut tat, sitzen, ohne Furcht, zu nichts nütze zu sein. Es war sonnig und warm, und vom Hof her kam das Lachen des Knaben, den sie geheilt und der den Frauen beim Wassertragen half. Aber dann ist da plötzlich Stamp­fen und Wiehern von Pferden, fragenbe fremde Stim­men. Ein heiserer Wachhund bellt. Eine Regung jener Raschheit und Neugier, die sie in sich zu bekämp­fen suchte, wollte sie zur Tür führen, um hinauszuspä­hen. Aber sie bezwang sich und veffuchte ihre Gedanken zu der Bettachtung zurückzulenken, die sie vorhin begonnen hatte.

Die Magd Irmengard hastete herein mit weit auf- gerissenen Augen.

Es sind fremde Herren da aus Hungernland vom König, Eurem Vater, Herrin," stotterte sie.

Elisabeth sah sie mit leisem Vorwurf an:Ich bir keine Herrin, ich bin deine Schwester, warum nennst du mich heut mit Dem kalten Ihr?"

Sie saß und spann im grauen Gewand; das weiße Kopftuch umgab gradlinig und streng das Gesicht, das schmäler und herber geworden. Die Gesandten tra­ten herein, füllten den engen Raum, Pelze und wei­cher Samt glänzten, Goldblech schimmerte an Mantel­spangen und Gürteln.

Graf Panyas beugte das Knie vor ihr. Seine ra­schen Blicke streiften den geringen Hausrat, die Magd, die sich an die Wand drückte, ftreiften die kleine Hand, verarbeitet und rauh--und fast gegen seinen Wil­

len brach er in feinem harten Deutsch in die Worte aus:

Nie sah man eine königliche Tochter von Ungarn Wolle spinnen."

Sie lächelte ihn freundlich an, neigte sich jedem ein­zelnen, empfing die Grüße aus der Heimat, fragte und ließ sich erzählen. Es war säst wie auf der Wartburg, dachte bewundernd die Magd Irmengard, die manchmal eine leise sündige Sehnsucht nach ihrem früheren Leben empfand. Dann richtete Graf Panyas den Aufttag sei­nes Königs aus, er bäte feine Tochter heimzukehren, denn er habe gehört, daß die Thüringer Grafen sie im Elend verkommen ließen. Ein junger Edelmann unterbrach hier mit Leidenschaft den Aelteren; er war von einem Zauber berührt worden, von dem er vor einer Stunde noch nichts gewußt hatte. Mit raschem Anstand neigte er sich:

Prinz Bela legt Euch fein Schwert zu Füßen. An wem soll er Eure Schmach rächen? Welchen Thron verlangt Ihr? Prinz Bela ist bereit."

Meinen Dank dem Bruder. Aber er irrt, wie auch mein Herr, der König, irrt. Landgraf Heinrich gab mir, was mir zustand, und wies mir meinen Witwen- sitz an."

Diesen hier!" grollte der Ungar.

Er ist so, wie ich ihn mir ersehnt. Geht, ich bitte, zum Hospitalmeister, laßt Euch weisen, was uns an Land gehört, und Ihr werdet zugeben, daß meine Mor­gengabe so gering nicht ist. Laßt Euch nennen, wieviel Silber ich an jene verteilt habe, die es nötiger brauch­ten als ich. Die Landgrafen haben ihre Pflicht erfüllt, laßt mich die meine tun. Berichtet meinem Vater, wie Ihr mich sandet: nicht gezwungen im Elend, freiwillig im Glück lebe ich hier."

Vergeblich versicherte der Gesandte, daß Der König ihr ein Kloster bauen wolle, würdig der königlichen Tochter vergeblich auch blieb das letzte, das er, nach­dem sie das übrige Gefolge verabschiedet hatte, ihr allein sagen durfte.

Fortsetzung folgt.