lllMM-NUMM
TT
irr. 125
Mutter und Mud.
Kindche-« denkt: „wie lang, Mama, bin ich eigentlich schon da?
War ich immer schon bei dir in dem weißen Bettchen hier?"
„In dem weißen Bettchen nimmer" denkt die Mutter „und doch immer, seit sich liebevoll Gedanken um dein kleines Seelchen ranken".
VeNage zur Fuldaer Zeitung
deren hilft, dem wird gleichfalls Hilfe und Gnade zuteil. Schließlich haben wir ja den Weltkrieg samt Hunger, Seuchen und Inflation überwunden. Also werden wir mit Frohsinn, Geduld und Tapferkeit auch diese Krisenzeit überstehen. Es sei gestattet, im Goethejahr — Goethe zu zitieren:
„Willst Du Dir ein hübsches Leben zimmern. Mußt Dich um Vergangenes nicht kümmern, Vor allem keinen Menschen hassen.
Und die Zukunft- Gott überlassen!"
Vorsicht am Platze, wenn man die häufig nach Obstgenuß auftretenden Magen- und Darmerkrankungen verhüten will. Dazu ist nötig, alles Obst, das nicht geschält werden kann, vor dem Genuß sorgfältig zu reinigen, am besten zu waschen. Man überlege nur einmal, durch wieviel, meist nicht gerade saubere Hände, die Iunikirschen vom Baume bis zum Mund des Verbrauchers zu gehen pflegen! Daß Obst und größere Mengen Wasser, Bier oder sonstige Flüssigkeiten sich nicht gut vertragen, gilt heute wohl als sicher, zumal wenn dabei das Obst nicht genügend zerkaut wird. Durch
2. Juni
neuere Untersuchungen wissen wir, daß in erster Linie Kirschen und Stachelbeeren, die ungenügend zertlemeri in den Magen gelangen, bei gleichzeitigem, reichlichem Trinken stark aufquellen und so schwer: Störungen, unter besonders unglücklichen Umständen sogar einmal den Tod herbeiführen können.
Wollen wir uns also in ungestörter Gesundheit des Juni und seiner Gaben freuen, so gilt es, ein wenig aufzupassen, um jene gesundheitlichen Gefahren zu vermeiden, auf die wir in Kürze hingewiesen Haden.
Dr. C. K.
M. Hohmann.
„Goethe war ein Lebenskünstler", sagte Maja ein
Leichter Sinn oder Leichtsinn.
Gespräch am Feierabend.
von Emmy Ficus.
Frau Maja betrachtete mißmutig ihre ältere Freundin und sagte vorwurfsvoll: „Wie vergnügt du bist, Inge! Daß Du immer noch lachen und scherzen magst! In solchen Zeiten —! Geht es Dir so viel besser wie uns abgerackerten, ewig im Gehalt gekürzten Beamtenfrauen? Oder — bist Du am Ende leichtsinnig?!"
Inge hatte eine schroff abweisende Antwort bereit Jedoch sie schaute Majas vergrämte Züge an und sprach gütig zu ihr: „Darüber muß ich etwas ausführlicher mit Dir reden. Euer Schlagwort von den schlechten Zeiten fällt mir ohnehin aus die Nerven. Die „Zeiten" müssen immer herhr'^n, um s ch l ech t e Laune zu entschuldigen, mit n her sich Jedermann eben das Leben verbittert".
„Wir haben aber doch wirklich genügend Anlaß zum Jammern und Klagen!" —
„Leider haben wir Deutschen ohne jede Ausnahme diesen Anlaß, Maja! Doch wir sollten unsere Not nicht immer im Munde führen. Unsere Feinde — glauben nicht an unser Elend. Unsere Freunde — werden abweisend,' sobald wir sie mit unseren Sorgen belästigen. Du selbst kommst ja nur deshalb so gern zu mir, weil meine Scherze Dich zerstreuen, mein Geplauder Dich ablenkt und meine Probleme Dich anregen. Du ahnst garnicht, daß es bei mir noch viel knapper hergeht als bei Euch. Dein Mann ist fest angestellt und pensionsberechtigt. Ihr wißt schließlich, mit wieviel festem Gehalt Ihr zu rechnen habt. Ich dagegen — bin eine Angestellte ohne bindenden Vertrag, ich kann also täglich gekündigt werden. Jedes Gehalt — kann das letzte sein! Was dann? Wie soll ich meine Miete bann bezahlen? Woher eine neue Stellung finden? Wovon meine vaterlosen Kinder ernähren, kleiden und sie lebenstüchtig machen?"
„Hör auf, Inge, Dein Zukunftsbild ist entsetzlich! Wie bringst Du es trotzdem noch fertig, Andere abzulenken und aufzuheitern? Woher nimmst Du Kraft und Mut zur inneren und äußerlichen Ausgeglichenheit?"
„Lebensmut, Kraft und Energie gehören freilich dazu!" erwiderte Inge: „Sie wurzeln nicht im Leichtsinn, sondern — in schwer erkämpftem Optimismus, Der Leichsinn lebt vom Augenblick, ohne sich Rechenschaft zu geben über Lebenszweck und Menschenpflicht. Der Leichtsinn denkt einzig an das eigene Ich, niemals an Andere. Wäre ich leichtsinnig, so ließe mich Deine Depression kalt, und ich dächte nicht an meiner Kinder Jugendfrohsinn und gute Nerven, die ich ihnen erhalten muß. Wir alle leiden unter der Zeitenkrise. Aus Liebe zu meinen Nächsten versuche ich energisch, ihnen über Not und Sorge hinwegzuhelsen, indem ich mir etwas „leichten Sinn" anzueignen suche!"
„Nenne also Deinen Optimismus nicht mehr leichten Sinn, Inge!"
„Ach, Maja, dieser Sinn ist recht schwer erlernbar! Er besteht aus dem Glauben an das Gute, aus der Hoffnung auf bessere Zeiten und vor allem aus Gottvertrauen, sehr viel Gottvertrauen! „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er führet mich zum frischen Wasser um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tale, so fürchte ich doch kein Unglück--—" Schon der Pfal-
mift hatte diesen „leichten Sinn", der eigentlich eine tiefe Zuversicht ist auf den Vater der Witwen und Waisen."
„Als ob uns mit dieser Zuversicht geholfen wäre!" seufzte Maja.
„Du Kleingläubige!" widersprach Inge. „Uns wird ja tagtäglich neu und wunderbar geholfen. Wer An-
Die Gesmdlin Gottes
Von 8 i a ti e von Gentzkow.
Copyright 1932 by Prometheus-Verlag Dr. Eichacker, 431 Gröbenzell bei München.
Der Meister war nach längerer Abwesenheit tm Frühsommer heimgekehrt und fand Anklagen gegen die Landgräfin vor. Die Witwe Hedwig jammerte, daß sie Arbeiten habe machen müssen, die ihr nicht zukämen, bloß weil Eliiabeth keine Zeit gehabt. Sie rief die gerade vorübergehende Frau Jrmentrud, die Gattin des Hospitalsmeister an, der die Küche unterstand und die als gutmütige Frau nur zögernd zugab, daß Elisabeth, der sie für einige Zeit ihre Kochtöpfe anvertraut habe, eingeschlafen fei, und daß der Geruch des verbrannten Essens sie zu spät gerufen hätte.
Wahrscheinlich wacht sie in den Nächten, dachte der Meister, was er ihr in Sorge um ihren allzu zarten Körper wiederholt verboten hatte. Schon dem Landgrafen hatte sie darin nie gehorcht.
Elisabeth kam aus dem Hospital, bleich und übernächtig, gefolgt von Elsbeth, die ihrerseits die Anklagen der Frau von Seebach mit gesenkten Augen und ängstlicher Stimme bestätigte. Die Frauen standen umher Und warteten darauf, ob er sie schlagen würde. Sie wünschten ihr gewiß nichts Böses, aber es war doch eine eigene Sache, daß auch die Landgräfin Schläge erhielt, wie es die Magd Elsbeth von einem betrunkenen Vater und die Frau Jrmentrud von einem jähzornigen hatten her einst gewohnt gewesen waren. Und die itotnme Hedwig faltete die dürren Hände und wartete Wt glitzernden Augen. Aber es geschah nichts. Meister Konrad fragte leise nach dem Grund ihrer Versäumnisse:
„Das Kind war krank, und ich hatte bei ihm gewacht. Doch ist es mit Gottes Hilfe wieder gesund und sroh . . . Sie lächelte bittend.
„Welches Kind?"
-Nun, Gertrud, mein Töchterchen."
wenig neidisch.
„Und doch war Goethe kein leichtsinniger Mensch, sondern ein schwer und ehrlich ringender Kämpfer, dem einzig fein Künstlertum ein wenig „leichten Sinn" schenkte. Damit er froh genießen sollte, was sich ihm an Schönheit bot in Welt, Kunst und Natur. Gibt es nicht noch genug des Schönen und Guten — auch f ü r u n s . . .?"
„Ja, auch für uns. Du hast mich überzeugt, Inge. So will auch ich versuchen, diesen Optimismus zu erlangen, um meinen Mitmenschen zu helfen. Die Geplagten und Bedrückten sollen wieder das Lachen erlernen. Und mit offenen Augen des Daseins Sonnenseite entdecken, selbst in wolkenschwerer Notzeit!"
Mit festem Handschlag trennten sich die Freundinnen, bleibenden Nutzen heimtragend aus dieser Feierstunde.
Gesundheitspflege im Juni.
Durch warme Tage und laue Nächte ist der Monat Juni ausgezeichnet. So angenehm wir dies auf der einen Seite empfinden, so bringt auf der andern dieser Witterungscharakter unserer Gesundheit auch gewisse Gefahren. Durch die sommerliche Wärme wird erfahrungsgemäß die Zersetzung wichtiger Nahrungsmittel, wie besonders Milch und Fleisch, begünstigt. Diese Zersetzungsstoffe sind zwar im allgemeinen belanglos, allein gelegentlich befinden sich unter ihnen auch solche, wie z. B. Paratyphus-»Bazillen. die Durchfälle und ernsthafte Vergiftungen hervorzurufen vermögen. Darum ist die Hausfrau im Juni vor besonders wichtige Aufgaben gestellt.
Als oberstes Gesetz hat habet zu gelten, daß man mit aller Restewirtschaft aufräumt und am Tage möglichst nur soviel Eßwaren einkauft, wie restlos verzehrt werden. Leicht verderbliche Speisen bewahre man an einem kühlen Orte, am besten im Eisfchrank auf. Vor allem verdient die M i l ch, die Nahrung des Säuglings gesteigerte Aufmerksamkeit. Am zweckmäßigsten wird man Milch im Sommer vor Verderbnis bewahren, wenn man sie sofort nach dem Einkauf aufkocht und dann dauernd kühl zu halten sucht.
Beim Fleisch fallen vorzugsweise die inneren Organe, Leber, Niere, Herz und Lunge, leicht der Fäulnis zum Opfer. Einen besonderen günstigen Nährboden für die Entwicklung von Krankheitskeimen bildet im Sommer das sog. rohe Fleisch, auch Schabefleisch ober Gehacktes genannt. Hier schützt man sich am besten dadurch, daß man nur frisch hergestelltes Hackfleisch einkauft, möglichst für sofortigen Verzehr sorgt, ober durch unverzügliches Kochen oder Braten das Hackfleisch vor Verderbnis zu bewahren sucht.
Sehr wichtig ist es, alle Speisen gegen Verunreinigung von außen zu schützen und der Uebertragung von Krankheitskeimen durch Fliegen wirksam entgegenzutreten. Hier gilt der Satz: „Die Speise, welche gut verwahrt, dir Krankheit und Arznei erspart."
Durch Fliegen, die in der Auswahl ihrer Leckerbissen gewiß nicht wählerisch sind, kann auf die dem Menschen zur Nahrung dienenden Speisen nicht nur Typhus, Paratyphus und Ruhr, sondern sogar Tuberkulose übertragen werden. Darum muß man in Stadt und Land die Fliegen vernichten, wo und rote man ihrer nur habhast werden kann. Im Haushalt wehre man ihnen den Zutritt durch Bedecken der Speisen am besten mit Glas- ober Gaze-Glocken. In ber Küche und in Schlafräumen empfiehlt sich bas Aufhängen von Fliegenpa- Pieren und bie Herstellung von Zugluft, namentlich nach Sonnenuntergang.
Der Juni bringt uns auch bas erste heimische O b st, dessen gesundheitlicher Wert nicht hoch genug veran- ffblaat werben kann. Allein auch hier ist eine gewisse
„Eine Frau, die sich dem Dienst an den Armen geweiht, hat kein eigenes Kind. Sie hat Kinder, soviel als Leidende um sie sind, und wird kein, um das andere versäumen . , ."
Und nach einer kurzen Pause: „Wer feinen Sohn ober feine Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert."
Während die Frauen sich zurückzogen und sich über die Milde im Ton Meister Konrads wunderten, ahnte Elisabeth, was jetzt kommen würde. Sie lehnte sich schwer gegen die Wand. Ihre Hände verkrampften sich wie zu einer stummen Bitte. Sie sah zum Erbarmen elend aus. Ein Funken von Mitleid entzündete sich auf dem Grund seiner Augen, aber sie merkte es nicht.
„Die Kleine", so fing er wieder an, „ist nach des seligen Landgrafen Willen zu den Prämonftratenserinnen ins Kloster Altenberg gelobt worden."
„So ist es," sie bewegte kaum die Lippen.
„Je früher das Kind dorthin kommt, um so besser wird es fein, denn dort ist feine Heimat."
Sie wehrte sich verzweifelnd: „Ein so kleines Geschöpf gehört zur Mutter."
„Es findet bessere Mütter zu Altenberg, Mütter, die nicht von fremden Krankenbetten zu ihm kommen, die es entweder vernachlässigen müssen oder ihre anderen Pflichten versäumen--"
„Bessere Mütter." wiederholte sie. Ihr Kopf schlug hart gegen die Mauer. „Hermann nahm mir der Landgraf. Sophie nahm mir Frau Jutta ... 5* habe sie aufgeopfert. Dies ist das letzte. Noch einen Monat, einen einzigen. Ich will nichts versäumen, ich--*
„Dies Versprechen könnt Ihr nicht halten. Ihr müßt Euch lösen, früher ober später. Ihr habt einen Rus empfangen, anders als andere Frauen, und anders als andere Frauen müßt Ihr leben.---Wem
gelten Eure Tränen, Elisabeth, Euch ober dem Kinde, bas in seine Heimat geführt werden soll? Ihr denkt an Euch selbst, nicht an das Kind."
Sie verhüllte ihr Gesicht. Und zum Abschied gab er ihr ein Wort mit, leise tröstend und tief:
„Laßt fahren menschlichen Trost, Gebt Euch Gott ganz mit Leib und Seele dahin. Bedenkt wie Ihr von
Etwas von d
Kaum eine andere Leidenschaft regt sich so früh im Kinde wie die Eifersucht und kaum eine verdient so sehr den Namen der Leidenschaft rote sie. Ist sie doch vor allem eine düstere Macht, die mit wahnsinnigem Eifer sucht, was Leiden schafft. Ueberbies finben wir außer dem offen betriebenen Hochmut nichts am Menschen, was mit solcher Deutlichkeit auf jenen Grundzug der menschlichen Natur hinweist, wie gerade die Eifersucht: Das Obenseinwollen.
Es wird häufig beobachtet, daß der ober die Aelteste unter Geschwistern besonders gern ber Eifersucht verfällt. Das erste Kinb bilbet gewöhnlich den ©egenftanb besonderer Zärtlichkeit. Es gewöhnt sich rasch an sie und nimmt sie bald als etwas Selbstverständliches, ihm von Rechts wegen Zukommendes hin. Ganz begreiflich darum, daß es das folgende Kind als unerwünschte „Konkurrenz" betrachtet. Bezeichnend ist hierin die Antwort eines kleinen Knaben, der wegen des bald zu erwartenden zweiten Kindes befragt wurde, ob er lieber noch ein Brüderchen oder ein Schwesterchen wünsche. „Lieber noch einen Hund", tarn es prompt zurück. Er hatte bereits einen, dem gegenüber er schon ganz fein den Herrn spielen konnte, dieser adamitische Gernegroß. Daneben wußte er sich einstweilen als Einziger auch „oben" in der Siebe seiner Eltern. Da konnte ihm also ein zweiter Hund nicht' gefährlich werden, wohl aber ein zweites Kind.
In Heimen, Instituten und dergl. nistet sich die Eifersucht mit Vorliebe ein und wird bann oft zu eigentlichen Hausbrachen. Bekanntlich haust sie auch recht häufig, Unfrieben, ja Fluch um sich verbreiten!), im Heim sonst glücklicher Eheleute. Es ist gut, baß wir uns klar bewußt bleiben: Jebe Eifersucht ist sehr viel mehr Eigenliebe als Liebe. Sie möge sich also nur ja nicht immer roieber zu rechtfertigen suchen mit bem Hinweis auf übergroße Liebe als ihren Entstehungsgrunb. Wo die Eifersucht als Anwalt auftritt, ist fo ein häuslicher Eheprozeß meistens zum vornherein schon verloren für den Teil des Eiferfuchtsanwaltes. Es gibt viel bessere, wirksamere Mittel zur Geltendmachung jener Eherechte und Forderungen.
Ein geheimes Bewußtsein sagt dem Eifersüchtigen, er sei in dem und bem Punkte nicht vollwertig, z. B. nicht vollkommen schön, nicht lückenlos geschickt, nicht in allem durchgebilbet usw. Bekannt ist ja auch die Eifersucht ber Alternden, die vom Minderwertigkeitsgefühl sich plagen lasten, sie seien nun nicht mehr jung genug, um bas Herz des andern genügend zu fesseln. Es läßt sich überhaupt nachweisen, daß Minderwertigkeitsgesühle die Zweitursache — Erstursache ist ein übermäßiger Geltungswille — der Eifersucht bilden; daher auch die so sehr häufig beobachtete Eifersucht bei Häßlichen, Krüppelhaften und mit irgendwelchen Körpermängeln — auch Kränklichkeit — Behafteten. Sehr selten hingegen wird jemand eifersüchtig fein, weil er sich sagen muß, er werde vom andern durch dessen größere Gescheitheit in den Schatten gestellt.
Erzieherisch wird überaus häufig dadurch gefehlt, daß die Eifersucht oft unklug erregt wird. Da sind vorab zu nennen: Offensichtliche Bevorzugungen und verletzende Parteilichkeit. Gewiß darf nicht jedes Kind gleich erzogen werden. Das eine braucht, wie Pfarrer Alfred Laub, der Verfasser von „Nervenkraft durch Gottes Geist" in seinem allen Eltern und Erziehern zu empfehlenden neuen Werk „Seelenabgründe", bas soeben bei Herder in Frei- bürg erschienen ist, schreibt, einfach mehr als ein anderes von lenksamerer Gemütsart. Das darf jedoch niemals einen Vorwand bilden, bem einen mehr Liebe zu schenken als dem anbern. Gerecht fein auch hierin gegen jedes
Gott geflossen seid, und müßt zu aller Zeit bedacht sein, daß Ihr wieder in Ihn ewig eingehet . . ."
Aber sie weinte.
*
Am folgenden Tage gingen die Frauen andächtig und ehrfürchtig um sie herum. Denn in ihren leeren Händen lag ein schweres, kunstvoll beschriebenes Pergamentblatt. Der Brief des Papstes. Und ihre Augen, die voll Tränen waren, sahen durch einen Schleier auf auf einzelne Worte:
„Gregor, Bischof von Rom, Knecht der Kneciste Gottes, der in Christo geliebten Tochter, ber Sanbgräfin von Thüringen, Gruß und apostolischen Secfen.--
Unser Geist ist ganz ergriffen im Gedenken der Keuschheit und Heiligkeit der Reinheit des Herzens und des Fleisches, darin du mit so viel Glut die Wundmale unseres Herrn zu tragen ersehnst---Die Anfänge
deines frommen Lebens werden unter der Hilfe des Herrn glücklichen Fortgang nehmen, den Engeln zur Freude, dir zum Verdienst, vielen zum Vorbstd — — Wir freuen uns, daß in hohem Stand, in schwachem Geschlecht, in zartem Alter, in rauhem Geschick die Zeichen glühender Liebe in Glaube und Führung von uns gefunden werden--— Wohlan denn, Tochter, eile,
deinem Bräutigam zu folgen.--Sei hart, unb^ rauh
sei alles, was du leidest.--Höre nicht auf. Seinen
Namen in aller Drangsal und aller Not anzurufen —" Aber Elisabeth hachte an Klein-Gerirud, die jetzt schon ihr strahlendes Lächeln, ihr leises .Zwitschern andern zärtlichen Müttern schenkte. Und Elisabech weinte.
♦
Elisabeth stand allein am Rand der staubigen Land- straße, die von Marburg nach Wehrda führte, und »artete auf Schwester Irmengard, mit der sie Arme besucht hatte, und bie in einem Gehöft länger zurückgehalten würbe. Die Harrende, gegen eine Anhöhe gelehnt, die nicht an den Weg herantrat, ließ die Blicke die Straße entlang schweifen, nach links, wo aus ein paar kleinen Dorfhäusern schnurgerader Rauch aufstieg, nach rechts, wo vortretende waldige Hügel Marburg verdeckten. Niemand kam. Gerade vor ihr jenseits der Straße zogen sich Wiesen zur nahen Lahn, über die buschige Weiden
>c Eifersucht.
und im ganz gleichen Maße! Kinder haben ja so scharfe Augen und Ohren. Diese so geweckte Eifersucht wird leicht zum Haß und Trotz und, merkwürdig genug, greift schließlich zu den verzroeiseltsten Mitteln, um endlich in irgend einer Weise die gespanntere Aufmerksamkeit der Eltern gewaltsam auf sich zu lenken.
Ebenso unerzieherisch wirkt jene törichte Art, fast nur einseitig zu loben, bas heißt bloß jene, bie es verstehen, uns zu schmeicheln, ober bie sonstwie bsser bei uns angeschrieben sind. Gerechtigkeit in Lob, Tabel unb Strafe bleibt eine ganz wesentliche Bebingung guter Erziehung. Wo biefe fehlt, stellen sich höchstwahrscheinlich eines Ta- ges bie sehr bösartigen Folgen ber Eifersucht ein. Mit bieser zu kämpfen stellt eine ber bittersten Ausgaben bar, mit ber wir belastet werben können. Sein Buch ber Welt vermag zu schilbern, welches Weh, welche Zerwürfnisse, welche körperlichen unb seelischen Verheerungen eine voll- entwickelte Eifersucht verursacht.
Mit Güte wirb biefe Schlange nicht gezähmt. Nur gerechte Strenge gegen bie von ihr Umstrickten unb strenge Gerechtigkeit gegen sich selbst im ganzen Verkehr mit ihnen kann etwas erzielen. Wenn alles vergeblich und eine Trennung irgendwie möglich ist, muh diese ohne jede Nachsicht erfolgen.
Nun verdummt aber jede ungezügelte Leidenschaft, die Eifersucht jedoch ganz besonders. In sehr vielen Fällen gedeiht sie überhaupt nur aus dem Boden einer gewissen geistigen Beschränktheit. Hochgradige Eifersucht vermag sehr wohl, wenigstens in Ansallzeiten, die Begriffsfähigkeit einzuengen und fo verbrecherische Ausbrüche zu veranlassen; die Tagesblätter berichten häufig von Fällen dieser Art. Von der Eifersucht Besessene gleichen feuer- speienden Bergen, deren verborgene Gluten plötzlich mit Höllengewalt hervorbrechen.
Bleiben wir uns übrigens bewußt, daß bei der Eifersucht jede, aber wirklich jede Art von Konkurrenz in Frage kommt. Auch größere Seelenschönheit, Gnaden- unb Tugenbvorzüge können ber Eifersucht als Ausgangspunkte ihrer eigensüchtigen Selbstverehrung dienen.
Steigert sich die Eifersucht derart, daß sie zur fressen- den Qual wird, zum niesatten Blutegel, der Tag unb Nacht saugt, bis er Frieden, Ruhe und Gesundheit aus« gesogen, bann gibt es allerbings kein Uebersehen unb Mißachten mehr. Die bunkle Gestalt der Eifersucht steht bann klar erkenntlich in ber Seele. Damit ist bann aber auch bie klare Pflicht unabweislich eingetreten, bas Ungeheuer allen Ernstes zu bekämpfen, statt es zu nähren unb zu kräftigen burch Ueberwachen und Ausfpionieren des andern. Wie im letztgenannten Falle, wird dieses Spitzeltum auch von den meisten andern Eifersüchtigen betrieben. Damit suchen sie die Gefahr zu bösen Gedanken, also zu schweren Versuchungen direkt auf, was an sich schon Sünde ist.
Hochgradige Eifersucht von längerer Dauer schließt eine schwere gesundheitliche und seelische Schädigung beider Teile in' sich. Damit verstößt sie auch gegen das fünfte Gebot. Mit der voll entwickelten Eifersucht ver- bindet sich gewöhnlich ein blutechter Neid. Dieser besteht im Gram über des vermeintlich Mehrbegünstigten Glück. Ein solcher Kainsneid ist ebenfalls schwer sündhaft, sobald er nicht mehr bloß Augenblicke, sondern ftunben- und tagelang dauert. Dadurch wird er zum schweren Seelen« und Körperfchaden und bildet als solcher eine schwere moralische Ordnungswidrigkeit.
Alle jene Bosheitsakte, die zum Ziele bie Herabsetzung unb Anschwärzung der beneideten Personen haben, wiegen als moralische Schuld immer so viel wie der Wille zur Schädigung, auch wenn diese selbst nicht erreicht wurde. F. K.
ihre runden Köpfe neigten. Dahinter leuchtete im Grün hier und da schon ein reifes gelbes Feld auf, stieg auf eine jenseitige Höhe unb Ward vom Wald begrenzt, wie er den ganzen weiten Bergkranz, der sich nach Norden hin zu schließen schien, überzog. lieber der friedlichen Mittagslandtchaft hing eine Glocke von duftigem Blau. Non den Wiesen kam ein Geruch trocknen Heus, ein paar Insekten läuteten unb bicht neben ihr schrillte eine Grille auf.
In dieser Einsamkeit, einsamer als der tierste Wald und heimlicher als die dunkelste Nacht sühlie sie eine unendliche Sehnsucht unb zugleich bie beänaftigenbe und befeligenbe Gewißheit einer tröftenben Nähe, die ihr tagelang versagt geblieben war. Sie iah zu den schweren schneeweißen, sonmmerseligen Wolken auf, die über ihr babinfegelten unb leuchtend blaue Schatten auf die grüne Erde warfen. Wie lange noch? fragte sie, Herr, wie lange noch? Und sie lächelte.
Dann zuckte sie jäh zusammen unb griff an ihren Hals, in bem hastig wie bas Flügelschlagen eines verängstigten Vogels ihr Herz jagte. Sie rang na* Stern, um sich vom erftirfenben Druck zu befreien. Erschöpft ließ sie sich unter einem Brombeerstrauch am Wegrand nieder.
Es war wie eine Antwort: Bald, sehr bald! Der erste Ruf war ergangen, die erste Mahnung, daß die Heimkehr nahe war. Dankbar faltete sie die Hände.
Da kam die Magd Irmengard, sie zog einen kleinen Karren hinter sich her, auf dem in Lumven gehüllt em fünf, oder sechsjähriger Junge unbeweglich lag. Aus feinem bleichen Gesicht sahen zwei schöne scheue Augen umher; er zuckte, als Elisabeth zu ihm trat, und antwortete nicht auf ihre freundlichen Fragen.
Irmengard berichtete stockend und ratlos, daß es ein verwaistes und vollkommen gelähmtes Kind fei, eine Last für die arme Familie, bie es aufgenommen habe, weil es mit ihr verwandt fei, unb die es ohne bösen Willen vernachlässigen unb hungern lassen müsse. Man habe sie flehentlich gebeten, ben Jungen ins Svital aufzunehmen, lange würbe er es ohnehin nicht mehr machen. „Aber unser Haus ist voll." schloß Irmengard bedrückt. (Forts, folgt.)