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NILS

29. Mai.

Beilage zur Fuldaer Zeitung

Nr. 122

ter

Sie verweigerten die Nahrungsaufnahme und tranken Mondes wie flüssiges Silber dahinglitten, endlos wie das

endlose Land, durch das seine Wogen gehen.

Dem Leben.

Don 21. Glitz - Holzhausen.

Nun hat das Leben es geschafft, Es trank den Tod zur Neige; Es kam vom Grund die neu« Kraft In Stamm und Ast und Zweige.

Samara. Um Mitternacht rollte der Zug über die Wolgabrücke. Eine Dollmondnacht lag über der Erde. Ich schaute zu dem kleinen Fensterchen hinaus auf die Wolga, die dort fast fünf Kilometer breit ist. Ein schier endloses Gewässer, dessen Wellen im Schimmer des

Erlebnis in Portugal.

Don E. van Lidth de Ieude.

Dor einigen Jahren verbrachte ich mehrere Wochen bei Freunden, die in einem Dorf bei Oporto ein Land» Haus besaßen, als dort ein Verbrechen stattfand, das anfangs nicht viel Beachtung fand. Ein Bauernknecht, Manuel Campo, wurde ermordet auf dem Felde ge­funden. Er hatte eine tiefe Stichwunde im Rücken und war daran verblutet. Augenscheinlich war er feige von hinten angefallen und getötet worden. Die Dorfpolizei stellte eine Untersuchung an, und schon am nächsten Tage hörten wir, daß man den Bauern Custivos, bei dem Manuel Campo im Dienst gewesen war, verhaftet hätte, da man ihn beschuldigte, seinen Knecht ermordet zu haben.

Der Bauer hatte eine hübsche Frau, die zwölf Jahre jünger war, als er, und er hatte den Knecht im Verdacht gehabt, daß er seiner Frau nachstellte. Custivos leug­nete zwar, seinen Knecht getötet zu haben, aber dal half ihm natürlich wenig. Alles zeugte gegen ihn. Cu­stivos blieb in Haft bis zur Behandlung des Falles. Auf dem Bauernhof wurde ein neuer Knecht in Dienst

sichtbaren Gegenstandes erblickt. An gewissen Meeres» küsten, ebenso auf großen Sandflächen (Wüsten), wo die Bedingungen für die verschiedene Erwärmung der Luftschichten oft vorhanden sind, lassen sich daher Luft» spiegelungen häufig beobachten. Bekannt ist z. B., daß an der Küste der sizilianischen Meerenge bei Reggio durch Luftspiegelung ein Teil der Stadt Missina, an der englischen Küste bei Hastings die rund 12 Meilen entfernte französische Küste sichtbar wird. Luftspiegelun» gen auf dem Meere, bei denen der Gegenstand aufrecht und nur gehoben erscheint, werden als Kim­mung bezeichnet. Sehr oft können in der warmen Jah­reszeit merkwürdige Luftspiegelungen namentlich auf unseren Hochmooren beobachtet werden. Die Torfmoor­schickst der Oberfläche erwärmt sich durch die Sonnen­bestrahlung außerordenllich stark. Es sind Temperatu­ren von über 40 Grad gemessen worden, die naturge­mäß eine starke Erwärmung und Verdünnung der Luft­schicht über dem Moore und dadurch bei stiller Luft starke Luftspiegelungen verursachen. Dem Auge er­scheint di« ganze Mooroberfläche als eine große Wasser­fläche, die bei mäßiger Luftbewegung eine rasch vor- wärtsschreitende Wellenbewegung zeigt. Der nordwest­deutsche Moorbewohner bezeichnet sie alsWetterkatzen" (Wädder Satten) und sagtWenn die Wädder Katten flegt, blist et Wädder lang good" (Wenn die Wetter- katzen fliegen, bleibt das Wetter lange gut).

Im allgemeinen ist die Lufschickst über dem Moore im Sommer tagsüber verdünnt, nachts und in den ersten Morgenstunden infolge der starken Abkühlung der Mooroberfläche verdichtet. Der wechselnden opti- sichen Dichte entsprechend werden daher Lichtstrahlen von einem Gegenstand jenseits des Moores auf dem Wege zum Beobachter in verschiedener Weise abgelenkt, so daß ein Objekt entweder tiefer oder höher erscheint und der falsche Eindruck erweckt wird, die Moorober­fläche hätte sich gehoben oder gesenkt, während die Er­scheinung lediglich durch die verschiedene Brechung der Lichtsttahlen verursacht worden ist. So kann es gesche­hen, daß man zu verschiedenen Tageszeiten denselben Gegenstand auf der einen Seite eines Hochmoores sehen und nicht sehen kann.

Und Blatt und Blüte sind über Nacht In meinen Garten gekommen;

Es hat von meinem Herzen mit Macht Das Leben Besitz genommen.

Nun werden reifen in heißer Glut Die Halm« zu goümen Aehren, Und ich will täglich mit meinem Blut Die Früchte tränten und nähren.

Ich stieß meinen Nachbar an:Du, die Wolga!"

Ach, laß mir die Ruhe!" brummt er und schläft wei­ter. Dann halten wir am Bahnhof von Samara, aber weit draußen. Es wird lebhaft im Zug. Die Türen werden aufgeriffen, die Posten springen hinaus. Sie werden ja abgelöst und kehren zurück nach Kiew.

Die neue Wache kommt, und wir werden ihr über­geben, auch die Toten. Es sind mehr als zwanzig ge­worden im Zuge. Wir müssen sie aus den Wagen he­ben und auf dem Bahnsteig niederlegen. Ihre Namen werden in der Liste gestrichen. Dann tragen wir sie davon, ein paar hundert Meter weit. Dort sind lange, tiefe Gruben ausgehoben und mit Kalk überstreut. Da­hinein werden sie gebettet zu denen, die schon unter der Kalkschicht schlafen. Eisig weht der Nachtwind, und der Vollmond schaut kaltlächelnd herab. Es fröstelt mich, und ich falte die Hände: Schlaft in Frieden, stille Hel­den!

Ein paar Aerzte kommen und werfen einen Blick in die Wagen und auf die Kranken, die teilnahmslos auf den Pritschen liegen. Wir müssen sie heraus auf den Bahnsteig bringen. Da werden sie gemustert und von uns fortgebracht. Die noch gehen können werden ge« stützt, die dazu nicht mehr imstande sind, getragen. Heber die Gleis«, um zahllose Züge herum geht der jammer­volle Zug, von Posten bewacht, bis zu einem freien Platz vor dem Bahnhof. Dort müssen wir sie nieder­legen auf die bloße, hartgefrorene Erde und in ihrer Not verlassen. Was mag aus ihnen geworden fein?

Wir wurden zum Zug zurückgetrieben und hörten, daß wir bis zum Morgen in Samara bleiben würden. Diese Zeit wollt« ich dazu benutzen, unseren Wagen so gut wie möglich zu reinigen; aber es war nicht leicht, fehlende Hände zu finden, die meisten waren gleich- gültig, stumpf geworden. Doch mit Bitten und Vorstel­lungen und Grobheiten gelang es mir endlich doch, einige zur Mitarbeit zu bewegen. Eine Abteilung schickte ich mit den Tee-Eimern zum Kypjatok, um heißes Wasser zu holen, eine zweite nahm ich mit mir. Ich hatte näm­lich, als wir die Kranke» forttrugen, einige mit Stroh

Friedhof Im Frühling.

Sorglos hast du hier im Flieder

Deine Heimat angebaut;

Fröhlich wohnst du über Gräbern Vöglein! hat dir nicht gegraut?

Mücken tanzen, Käfer schwirren, Bienen summen um dein Haus, Und du singst ins frische Leben, In die neue Welt hinaus.

Nur die Menschen bleiben traurig An des Friedhofs Mauer stehn, Wollen droben nicht den Himmel, Drunten nicht den Frühling sehn.

Hoffmann v. Fallersleben.

Fata Morgans im Moor.

Bon Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Dr. e. h. Br. Tacke- Bremen.

Luftspiegelungen, zu denen auch di« manchem Wüsten- wanderer verhängnisvoll werdende Fata Morgana ge­hört, entstehen durch Schwankungen im Lichtbrechungs­vermögen der Luft infolge ungleicher Erwärmung und dadurch bewirkter verschiedener Dichte der über dem Boden lagernden Luftschichten. Schon verhältnismäßig geringe Temperaturunterschiede, wenige Grade, können unter Umständen diese Erscheinung Hervorrufen. Sie W verschieden, je nachdem der sichtbare Gegenstand und das Auge des Beobachters sich über oder unter der stärker erhitzten und verdünnten Luftschicht befinden und je nachdem an der Grenze der verschieden dichten Luft­schichten nur eine Brechung oder eine vollständige Zu- nückwerfung (Reflexion) der Lichtstrahlen stattsindet. So kann es geschehen, daß, abgesehen von den Licht­strahlen, die ohne Störung von dem Gegenstand in bas Auge des Beobachters gelangen, er em umgekehrtes Spiegelbild des Gegenstandes oder neben einem solchen ein aufrechtes Spiegelbild des an sich nicht unmittelbar

Hüte dich vor den Falken! Das

In jedes Menschen Gesichte steht feine Gefchichte, sein Hassen und Sieben deutlich geschrieben.

Sein innerstes 2Befen, hier tritt es ans Licht doch nicht jeder kann's lesen, versteh'n jeder nicht.

Mit Recht mahnen diese Verse Badenstedts zur Dor- ficht hinsichüich jener Wissenschaft, die man als Phy­siognomik bezeichnet. Wohlgemerkt, es handelt sich um «ine Wissenschaft! Die meisten Menschen aber tun, als wären sie in ihr, ohne alle Vorkenntnisse und ohne Stu­dium, die geborenen Meister. Da lehnt ein Ches einen Bewerber ab, weil er ihm sofortansieht", daß er nicht zuverlässig ist; eine Hausfrau eine Hausangestellte, weilihr die Faulheit im Gesicht geschrieben steht"; und es hat schon Fälle gegeben, wo Leute auf ihre bloße Verbrecherphysiognomie" hin in hochnotpeinliche Un­tersuchungen verwickelt wurden. Leider ist nur in den wenigsten Fällen die Probe aufs Exempel möglich, da wir uns ja mit solchen negativ beurteilten Menschen gar Nicht weiter einlassen. Bei den positiv beurteilten, die wir in unsere Dienste oder in unfern Bekanntenkreis aufnehmen, leidet unsereMenschenkenntnis" aber oft genug Schiffbruch ober erfährt im Laufe der Bekannt­schaft eine Korrektur.

Die Wissenschaft der Physiognomik selber ist, fett sie von Lavater mit seinenPhystognomischen Fragmenten"

mangelnder Ausdauer und leichten Sinnes gefallen lai- en müssen; wer unstet blickt, als suche er fortwährend Hilfe oder sei auf Flucht bedacht, darf sich nicht wun­dern, wenn er kein Vertrauen erweckt, denn er hat a zu sich selbst auch fern Vertrauen; wem die Tränen ehr lose sitzen, bei dem steigert sich allmählich ganz im allgemeinen die Tätigkeit der Tränendrüsen, und seine Augen werden dauernd einen feuchten Glanz besitzen; wer lebhaften, frohen Geistes ist, bei dem wird sich ganz von selber infolge größeren Saftzuflusses sein Augapfel straffen, und der Blick wird strahlend und glänzend ist.

Der Mund dagegen verfügt nicht über ein so rei­ches Nuancenspiel. Es haften ihm nur eine beschränkte Zahl vonZügen" an, die dafür allerdings meist fcharf ausgefprochen und leicht erkennbar find. Da ist der sogenanntebittere Zug"", der bei Verbitterten ober Erbitterten erscheint unb seinen Ausdruck in einer leicht emporgezogenen Oberlippe und in der Vertie­fung der Falten, die sich von den Mundwinkeln bis an die Nasenwurzeln hinziehen, findet; dersüße" Zug, der durch Anzichung des Mundes an die Zähne hervor- gerufen wird, wodurch die Lippen ihre Schwellung ein« büßen unb plattgebrückt erscheinen; derprüfende" Zug bei dem sich die Lippen vorschieben und der sich bei Fein­schmeckern und selbstbewußten, kritisch veranlagten Menschen findet, derverbissene" Zug, bei dem man die Lippen vorstößt, wie um etwas von sich zu ent­fernen, und gleichzeitig etwas Luft herausläßt, um an­zudeuten, daß damit die Bedeutung, die man dem Ge- genftanb beimesse, erschöpft fei.

Aber diese beiden Zentren, Mund und Augen, sind nicht ooneinanber unabhängig. Fast stets entspricht einem Mundausdruck auch ein Augenausdruck und um­

nur noch kalten Tee. Bald reichten die Kräfte nicht mehr aus, vom Lager zur Türe zu kommen. Der Boden des Wagens, die Pritschen wurden verunreinigt. Durch die Ritze zwischen den Pritschenbrettern tropfte es ekel- haft herab auf die darunter Liegenden, und die Luft war entsetzlich.

Wir taten, was möglich war, den Kranken zu Helsen, doch das war so gut wie nichts. Wir rupften das Gras zwischen den Schienen und suchten nach Stroh und Lum­pen, um die Spuren zu entfernen. Aber was half das? Von Tag zu Tag nahm die Zahl der Erkrankten zu. Und kein Arzt, keine Arznei, keine Hilfe.

Der Posten, der Transportführer sehen mit kalten Augen das Elend, zucken die Achsel und haben auf alles Drängen und Bestürmen nur das ständige gleichgültige Ritfchewo".

Eines Morgens haben wir den ersten Toten im Wa­gen. Es ist ein Slowak. Ganz still ist er gestorben, niemand hat es bemerkt. Wir sind tief erschüttert.

Der Russe packt ihn am Fuß und will ihn von der Pritsche herunterzerren. Da greifen wir zu, heben ihn herab und schieben ihn, so sorgsam es gehen will, unter die Pritsche.

Sobald der Zug hält, suche ich den Oesterreicher, der uns als Dolmetscher dient und schleppe ihn zu dem Transportführer, um den Todesfall zu melden. Der hat wieder nur fein gleichgültiges Achselzucken:Es werden noch viele sterben" und vertröstet uns auf Samara. Dort ist Ablösung, und er muß die volle Zahl der Ge­fangenen, ob tot, ob lebendig, übergeben. Dort wird man sehen, was geschieht.

Der Tote aber muß bis dahin im Wagen bleiben. Der Russe hat recht: Es sind noch viele gestorben, ehe wir nach Samara kamen.

beladene Güterwagen gesehen. Dorthin führte ich mei­nen Trupp, um zu räubern, und es gelang uns auch, mit Stroh und den Stücken eines Plantuchs ungestört zum Zuge zurückzukommen. Dort begann die große Reinigung. Pritschen und Boden wurden mit dem hei­ßen Wasser begossen, und da wir damit nicht sparten, mußten die Wasserträger tüchtig laufen. Wir anderen aber schrubbten, bis der Wagen wirklich sauber war.

Aber nun waren die Pritschen naß und wollten trotz alles Reibens nicht trocken werden. Ja, es bildete sich auf ihnen ganz feines Eis. Guter Rat war teuer; und ich bekam schon manche Anzüglichkeiten zu hören. Wäh. renb wir noch beratschlagten, was zu tun sei, tarnen zwei Mann unseres Nachbarwagens mit einem kleinen Ofen nebst Rohr daher. Sie hatten ihn aus einem leerstehen, heu Zuge, wahrscheinlich einem Transportzuge für ruf- fches Militär, genommen. Ein Ofen. Das war die Lösung unseres Problems. Sogleich ginge ans Werk, und nach einer halben Stunde stand auch unser Ofen ge­brauchsfertig in der Mitte des Wagens. Das Ofenrohr hatten wir, weil keine Oeffnung dafür in der Wagen- beete vorhanben war, durch eine der Türen ins Freie geleitet. Freilich konnte die Türe nun nicht völlig ge- schloffen werden, aber ein Brett, das auch irgendwo aufgetrieben wurde, genügte, den Spalt, wenn auch nur notdürftig, zu schließen.

Der neue Russenposten hatte alle Arbeiten teilnahms­los geschehen lassen. Als aber der Ofen gerächt wurde, schien er sehr befriedigt zu sein und griff selbst beim Aufstellen tüchtig zu. Er zeigte uns auch, wo wir Brennmaterial, Holz und Kohlen ohne Gefahr holen konnten. Bald stand der Ofen in Glut und erfüllte den Wagen mit behaglicher Wärme und trocknete die feuchten Bretter.

Was wir zur Verbesserung unserer Lage tun konnten, war geschehen. Jetzt dachte ich an mich. Mit dem Eimer zog ich zum Kypjatok, holte heißes Wasser und nahm in einem leeren Wagen eine ausgiebige Waschung vor. Aus Seife mußte ich zwar verzichten. Dafür hatte ich aber ein ausgezeichnetes Frottierhandtuch, nämlich ein Stück des Plantuches, das ich bei dem Strohwagen er­beutet hatte. Es war ein unbeschreiblich wonniges Ge- l fühl, wieder einmal sauber zu fein. DasHandtuch"

endgültig abgerechnet, ebenso wie mit manchen andern physiognomischen Überlieferungen, etwa demenergi- chen" Kinn. Aus festen Knochensormen, die einfach ein Resultat physischer Erzeugung sind, lassen sich zwar Ras­enmerkmale und sonstige äußere Unterschei­dungsmerkmale herleiten, aber niemals Schlüsse auf b i e innere S e e I e n d e r f a f fung des Individuums ziehen. Solche Schlüffe ermöglichen nur diejenigen Teile, die unter dem Ein­fluß des Individuums stehen, also den weichen, beweg­lichen, bildungsfähigen Teilen des Gesichts. Und zwar fit der Zusammenhang zwischen Aeußerem und Inne­rem hier folgendermaßen: Eines der Grundgesetze der Psychologie lautet, daß der Mensch auf innere Vorstel­lungen genau so reagiert wie auf äußerlich wahrnehm­bare Dinge. Der Phantasiemensch z. B., dessen Gedan­ken meist über die nächste Umwelt hinauseilen, folgt dem Fluge seiner Gedanken unwillkürlich auch mit den Augen. Er wird sich also den Blick in die Ferne aneignen. Oder: bei plötzlichen unangenehmen Ein­drücken hat man das Bedürfnis, die Augen zu schließen (z. B. wenn plötzlich grelles Licht entsteht). Nun würde man aber bei geschlossenen Augen den Erscheinungen hilflos gegenüberstehen, daher begnügt man sich damit, den Augenspalt zu verkleinern, also die Augen zusam- menzukneifen. Das wichtigste Hilfsmittel dafür ist das Herunterziehen der Stirnhaut. Bei dem Herunterziehen aber ergeben sich in der Stirnhaut senkrechte Falten. Da unangenehm« Seelenregungen denselben äußeren Ausdruck nach sich ziehen roie unangenehm« Wahrneh­mungen, kann man den Schluß ziehen, daß sich bei Menschen, die häufigen Mißstimmungen und zornmüti­gen Regungen unterliegen, senkrechte Stirnfalten her­ausbilden werden.

Es ist einem jeden ganz geläufig, aus dem Gesichts, ausdruck und dem Mienenspiel des Gegenübers feine Gemütsstimmung und feine Gedanken abzulesen. Nun, die Physiognomik tft weiter nichts als das Studium des zur Gewohnheit gewor- denen Mienenspiels. Nur sind die Schwierig­keiten natürlich bedeutend größer, da es sich dann nicht mehr nur um einzelne Züge und einzelne Vorstellun­gen, sondern um ein ganzes System von Gesichtszügen, an dessen Ausbildung die gesamte vielfältige Gedanken- und Gefühlswelt eines Menfchen jahrelang gearbeitet hat. Die einzelnen Merkmale durchkreuzen sich oft, ver­stärken sich, heben sich auf, und es ist nicht immer ganz leicht, sie zu entwirren und auf ihre wahren Gründe zurückzusiühren.

Der Oberflächliche und der Dilettant also werden manchen Täuschungen unterworfen fein unb schwere Fehler in ber Beurteilung eines Menschen begehen, mnnten sie sich, ohne genaue Dorkenntnisse zu besitzen, auf physiognomisch« Merkmale verlassen. Um nur einige Beispiele zu geben, wirb man bei einem geistreichen Mann, ber zwischen unbedeutenderen Menschen weilt, ohne ihre Interessen zu teilen und ohne doch seinen ei­genen Gedanken nachhängen zu können, oft dieselben physiognomischen Merkmale finden wie bei einem Dummkopf. Oder senkrechte Stirnfalten, bas Zeichen häufiger Unlust und Verstimmungen, können durch empfindliche Augen und durch Kurzsichtigkeit hervor­gerufen fein; bas offene Auge, das im allgemeinen ein Zeichen für einen aufnahmefähigen, empfindlichen Geist darstellt, findet sich genau so auch bei der Klatschbase; denn auch sie hat einenempfänglichen" Geist. W o- rauf sich das Interesse bezieht, ist einerlei; denn Phy- siogonomische Merkmale gelten in erster Reihe immer nur für die Art der Veranlagung, nicht für den Inhalt des Geistes. Auch ist zu beachten, daß viele Menschen gewohnheitsmäßig Grimmassen schneiden ober einen Gesichtsausbruck häufig annehmen, ohne daß man daraus immer Schlüsse auf das Innere ziehen darf.

Zwei physiognomifche Zentten aber gibt es im Ge­sicht, mit denen alle anderen Merkmale fast durchweg Zusammenhängen: die Augen und der Mund. Und vor diesen beiden sind die Augen nun wieder das bei »ei­tern wichtigste. Man hat durchaus recht, wenn man sagt, in den Augen sitze die Seele. Wie einer blickt, f o i st er auch. Wer rasch unb lebhaft blickt, ist auch lebhaften Geistes; wer fest unb bestimmt blickt, d. h. feine Augapfelmuskeln in ber Gewalt hat, wird auch Energie im Handeln und Denken besitzen; wer viel unb planlos umherblickt, wird sich den Vorwurf

Vorsicht, wenn man in den Gesichtszügen lesen will! Goethes Soloffalstirn eine Erfindnng. - Einige Grundregeln der Physiognomik, offene Ange- und die Klatschbase.

In jedes Menschen Gesichte steht seine Geschichtet

gekehrt. Jedes Gesicht ist eine physiognomifche Einheit, aus der man so leicht keinen einzelnen Zug herauslösen kann, um ihn besonders zu betrachten. Unb was em Gesicht bedeutend und charakteristisch macht, bas ist ge­rade die Unterordnung der kleinen Einzelmerkmale un» einen großen beherrschenden Zug. Z.

begründet mürbe, fast ein Jahrhundert hindurch man- chen verkehrten Weg gegangen unb hat manche selt­same Blüte gezeitigt. Im Jubiläumsjahr Goethes, der sich ja auch mit ber Physiognomik viel abgegeben hat, liegt es nahe, an bie seinerzeit vielbeachtete sog.hohe Stirn", bieDenkerstirn", zu erinnern, bie von Lavater als bas Kennzeichen bes Genies proklamiert worden war- Wenn wir nun die verschiedenen Büsten unb Bildnisse, die von Goethe im Laufe feines Lebens an­gefertigt wurden, miteinander vergleichen, fälll die Ent­wicklung auf, die feine Stirn da durchgemacht. Anfangs nicht besonders hoch, nimmt sie mit jedem folgenden Billie an Höhenausdehnung zu, bis bann endlich bie berühmte, f a ft alles menschliche Maß über» fteigenbe Kolossal st irn baraus geworben ist, bi« man auch heute noch auf manchen Bilbnisfen findet. Bis auf den heutigen Tag hat sich ja bie Ansicht von der besonderen Bedeutsamkeit der hohen Stirn erhalten, obwohl sich ein jeder durch aufmerksame Beobachtung der Menschen seiner Umgebung leicht davon überzeugen kann, daß diese Annahme irrig sein muß. Häufig ist diehohe" Stirn sogar nichts weiter als einekahle" Stirn, d. h. sie erweckt den Eindruck der Höhe nur durch das Zurücktreten der Haare. Will man das tatsächliche Verhältnis der Stirn zum Kopf finden, so dars man . nicht den Blick von vorn daraus richten, sondern muß von der Seite sehen; nur so läßt sich die Grenze zwi­schen Stirn und Schädel feststellen.

Die heutige Physiognomik hat mit der hohen Stirn

3n sibirischer Gefangenschaft.

Von Richard Hof, Eckweisbach.

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Bald setzte sich unser Zug wieder in Bewegung, doch er nahm nicht die Richtung nach Moskau. Ich bedauerte bas, beim ich hatte gehofft, bie alte Hauptstabt der Ruffen und den vielgepriesenen Kreml zu sehen. Die Fahrt ging vielmehr nach Osten bis Pensa an der Sura, einem Nebenfluß der Wolga. Diese Stadt ist ein wich­tiger Verkehrsmittelpunkt, was schon die drei Bahnhöfe beweisen. Außer großem Handel mit landwirtschaft­lichen Erzeugnissen hat er eine nicht unbedeutend« In­dustrie besonders Schreibpapier und Tücher aus Ziegen­haar werden dort hergestellt.

Während des Krieges und der Revolution spielte Pensa eine große Rolle. Dort wurden die übergelaufe­nen Tschechen zu Regimentern zusammengestellt, um ge­gen ihre ehemaligen Kameraden ins Feld zu ziehen. Don dort nahm auch die Gegenrevolution gegen die Bolschewiken, an der die Tschechen einen großen Anteil hatten, ihren Ausgang.

Auch die Tschechen, die sich bei unserem Transport be­fanden, wurden in Pensa von uns abgesondert.

Nun wurde es bequemer in den Wagen. Die Zahl ber Insassen sank von fünszig unter vierzig herab, unb auf de« Pritschen gab es Platz. Die KommanbosLinke «eite, rechte Seite!" ertönten nicht mehr, unb wer wollte, konnte bie Nacht hindurch ungestört auf dem Rücken träumen.

Aber an Stelle der Geschiedenen hatten sich unheim­liche Gäste in die Wagen eingeschlichen, die Ruhr unb ber Typhus.

Es fing ganz unmerklich schon hinter Tula an, nicht bei uns Deutschen, fonbern bei benen, bie während un­serer Wanderung den Durst nicht beherrschen konnten und aus jeder Pfütze getrunken hatten.

Fiebergeschüttelt lagen die Armen auf den harten Brettern. Mühsam schleppten sie sich zu den Türen, um die Notdurft zu verrichten. Helfende Hände mußten zu­greifen, sie stützen und halten, daß sie nicht zum Zuge hinausstürzten. Elender wurden sie von Tag zu Tag.