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22. Mal

Beilage zur Fuldaer Zeitung

Ilr. 11^

sollten wir die

be-

Hermann Hesse.

die Verschiedenheit der Welt wahrnehmen. Schier ist die Zahl der Atome,

Atomkerns, das alles macht Stoffe aus, die wir in unserer

ich an ro-

Wind und Regen ist mir oft entgegen Ich duck' mich, laß vorübergahn.

Das Wetter will seinen Willen ha'n.

Verlaß dich aus die Leute nicht, Sie sind wie eine Wiege.

Wer heute Hosianna spricht. Sagt morgen: Crucisige!

Das Hambacher Fest

Eine Iahrhunderl-Erinnerung.

Von Dr. Ewald Reinhard.

Wanderfreude.

Von Fran; C i n g i a.

Des Lebens holder Jubelklang Umschwingt dich glockenrein und klar. Und wieder lockt dich der Gesang Der frohen Vöglein wunderbar.

Dein Herz ist wonnesam beglückt Und jeder Freude aufgetan.

Mit Hellem Sonnenglanz geschmückt Blickt dich die Mutter Erde an.

Und singend wanderst du hinein In dieses Glück der schönen Zeit.

Es grüßt und lächelt zauberfein Aus allen Dingen wunderweit.

dampslampe. Und der amerikanische ist gar der Meinung, daß es nur einer 20 000 Grad Celsius bedürfe, um jede Verwandlung durchgusühren.

nichts Totes in der Welt. Ein Schauer erfaßt uns, wenn wir uns in diese Wirrnis hineindenken und er­wägen, daß dennoch die Stosse in unzerstörbarer Ord­nung und Festigkeit verbleiben, so daß uns ihre beweg­liche Lebendigkeit Jahrtausende lang unbekannt geblie­ben ist. Und auch heute sind wir über die ersten An­fänge der Atomkenntnis nicht hinaus. Kein Mikroskop kann uns über diese kleinsten Vorgänge Aufsehluß geben. So fern, ja ferner vielleicht noch wie die Welten des Universums, sind uns die winzigen Welten des Atoms.

Hat der Mensch nun eine Möglichkeit des Eingriffs in diese Welt des Kleinen? Mit Stolz und doch auch wieder mit Zaghaftigkeit dürfen wir heute sagen: Ja! Die Zahl der Elektronen, die um den Atomkern krei­sen, die Beschaffenheit des Atomkerns, die Anordnung

.Zwei Dinge erfüllen das Gemüt des Menschen mit immer wachsender Bewunderung, je länger und anhal­tender der Geist des Menschen sich mit ihnen beschäf­tigt: der gestirnte Himmel Über ihm und das morali­sche Gesetz in ihm", so hat einst der Königsberger Philo- soph Immanuel Kant gesprochen. Für den modernen Menschen reiht sich an diese zwei Wunder des Weltalls ein drittes, das zwar eine Welt von einer so unendlich feinen und dennoch unermeßliche Kräfte in sich bergenden Konstruktion, daß man fast darüber streiten könnte, was wunderbarer ist, die großen Weltsysteme, die sich droben am Himmel wälzen oder die kleinen, die in jedem klein­sten Stoffteilchen, das wirAtom" nennen, umeinander kreisen. Ja, ein Atom, das man früher für das klein­ste Baustemchen hielt, das der Weltenfichöpfer zum Aufbau des Universums verwandt hat, es ist nicht eine Einheit:

es ist ein ganzes kleines Planetensystem, in dem genau so wie in dem System, zu dem unsere Erde gehört, allerkleinste Körperchen umeinander kreisen:

die Elektronen.

Und zwischen ihnen steht wie die Sonne im Planeten­system der Atomkern, der die Elektronen durch seine Anziehungskraft an sich fesselt. Die Beschaffenheit der Elektronen, ihre Zahl, ihre Anordnung, die Art des

der Bewegung machen, wie gesagt, die Verschiedenheit der Stoffe aus. Was liegt näher als der Gedanke, in diese Atomwelt einzugreifen, die Beschaffenheit des Kerns, die Zahl und Anordnung des Atoms zu verän- dern und auf diese Weise aus einem Stoff einen andern herzustellen?Atomzertrümmerung" nennt man das.

Man sollte eher sprechen vonAtomveränderung".

Denn natürlich läßt sich ein Atom niemals im wahr­sten Sinne des Worteszertrümmern", d. h. ver­nichten.

Alte Slammbuchverse.

Die Welt ist wie ein Opernhaus: Man kömmt, man sieht, man geht heraus.

umrauscht von den Schauern der Vergangenheit. Wie 15 Jahre früher auf der Wartburg, am Eingang zum Thüringer Walde! Als Professoren und Studenten das große Wort führten und Politik machen wollten! Hal­lersRestauration der Staatswissenschaft" verbrannten, die Bibel der damaligen Regierungen!

Daran wurde man auch an jenem denkwürdigen Mai­tage auf Schloß Hambach erinnert; wiederum waren zahlreiche Studenten darunter, aber auch Polen, Redak­teure. Es war im ganzen demokratischer, süddeutscher, politischer.

Wirth und Siebenpseiffer stiegen auf die !Rebner« bühne, hinter der die Maipracht sich bauschte. Schwarz- rot-goldene Fahnen blähten sich, und die summende Menge träumte wieder den alten Traum: von Frei­heit, Männerwürde, vom einigen Vaterlande, von der Republik Deutschland. Das waren gefährliche Gedan­kengänge, gefährlicher noch, wenn sie zu Worten sich formten; beim bie Regierungen hatten scharfe Ohren, unb Metternich gar, ber Allmächtige, was würbe er da­zu sagen?

Aber die Veranstalter hatten Mut; einer befeuerte den andern, und am Ende stand diese ganze enthusias­mierte Menge unter dem Eindruck der einen großen Idee: Deutschland eine Republik! Die Folgen blieben nicht aus. Die Regierungen stellten hochnotpeinliche Un­tersuchungen an, verdächtige Persönlichkeiten wurden verhaftet, und eine neue Welle der Demagogenverfol­gung ging über die deutschen Lande.

Der sog. Frankfurter Putsch, b. h. jener übereilte Versuch, in ber Stadt des Bundestages die Hauptwache zu überrumpeln, vermehrte das Mißtrauen, und hetzte der Göttin Freiheit neue Feinde auf die Fersen.

Bis sie im Jahre 1848 in strahlendem Gewände auf der Rampe erschien!

Auf diesem Wege zum glücklichen Endziel aber hatte auch dasHambacher Fest" seine eigenartige Rolle ge­spielt.

Am 21., 22. und 23. Mai d. Js, findet in Hom- bürg (Saarpsalz) einHeimattag" statt, der insbeson­dere eine Feier zur Erinnerung an das Hambacher Fest sein soll. Der Heidelberger Privatdozent Kurt von Rau­mer hält eine Rede überWirth Siebenpseiffer und das Hambacher Fest von 1832", sodann werden am ebe- maligen Druckereigebäude berTribüne" und am ehe­maligen Landkommissariat, jetzt Mädchpn-Lyzeum, Gebenktafeln enthüllt unb endlich ist im Festzug eine Gruppe vorgesehenWirth und Siebenpfeiffers Zeit von 100 Jahren".

Die ausgebildete kranke.

Don Hans Reumann.

Am Vormittag dieser sieben Wochen metoete der Schnorrer der Tür des Wartezimmers, die Sprechstunde war bereits vorüber, einen Patienten. Dr. Kern fuhr aus dumpfen Brüten über einem alten Schmöker er­schreckt auf und stürzte auf die Tür zu, die sein Sprech­zimmer mit dem Warteraum verband. Er besann sich aber rechtzeitig und ließ sich wieder in seinen Sessel fallen.

Rach einer Viertelstunde öffnete er geräuschvoll die Tür zum Korridor mit der lauten Empfehlung:Auf Wiedersehen, gnädige Frau, also bitte, nach acht Tagen!" Dann räumte er klappernd an dem Jnstrumentenschrank, ließ das Wasser in den Ausguß plauschen, blickte in den Spiegel und brachte mit den zehn Fingern etwas Un­ordnung in das blondgelockte Haar, schöpfte tief Atem und bat den Patienten mit einer würdevollen Geste, nä­her zu treten.

Frau Therese Scholz war eine vollerblühte Dome. Wenig Schminke und Puder verriet einen guten Ge­schmack und erhöhte den Eindruck leidenden Zustandes.

Gnädige Frau, wo fehlt es denn? fragte Dr. Kern,

war an einem herrlichen Frühlingstage, als vor vielen Jahren einmal vom Städtchen Neustadt ier Hardt nach dem Dörfchen Hambach und seinem mantischen, durch das sog.Hambacher Fest" berühmt gewordenen Schloß wanderte. An der Berglehne ent­lang, immer den Blick in das blütenduftende Rheintal gewandt, fühlte ich auf dem ganzen Wege so recht die köstliche Stimmung des erwachenden Lebens, unb eine Wanderung durch bie vom weißen Blütenschnee über­deckten pfälzischen Gaue gehört auch in ber Tat zu ben herrlichsten Erlebnissen, bie man in Deutschland genie­ßen kann. Oben auf dem Berge mit ben Burgtrümmern eröffnet sich ein noch packenderer Fernblick in diesen Fruchtgarten der oberrheinischen Tiefebene: fern am Horizonte zeichnen sich die Umrisse des ehrwürdigen Kai- scrdomes von Speyer ab. Wie wir durch das Gebüsch schlendern, stoßen wir hier und da auf farbige, behauene, aber bemooste Steine. Zum Wiederaufbau der Burg bestimmt, wurden sie hierher geschafft; aber der Bau­wille erlahmte: Hambachs Schloß blieb Ruine.

Ein einziges Mal bildete diese Stätte die Folie zu einem weltgeschichtlich bedeutsamen Ereignisse, damals, als am 27. Mai 1832 Tausende von Menschtzn mit we- henden schwarz-rot-goldenen Fahnen den Burgberg hin­aufzogen, um dort oben eine politische Kundgebung zu veranstalten. Eine politische Demonstration unter freiem Himmel, im Hofraum einer mittelalterlichen Burgruine,

unendlich und unausdrückbar _ .

die selbst in einem kleinsten Stoffteilchen enthalten sind; zu Billionen und aber Billionen stecken sie in einem ein­zigen Quabratmillimeter drin. Und diese Welt von Ato­men mit ihren kreisenden Elektronen, sie ist in immer­währender Bewegung, immerwährender Veränderung begriffen. Die Gegenstände, die so fest und unerschut- terlich vor unfern Äugen stehen, sind nicht tot und leb­los; in ihnen kreist und pulst es unentwegt; es gibt

Sie mir.

Obwohl geschmeichelt ob des Lobes, legte Dr. Kern eine tiefe Falte zwischen seine Brauen, und nachdem er eine Weile mit dem Stethoskop nachdenklich gespielt hatte, sah er der Kranken in die Augen, hob die Augendeckel, betastete die Kopfform, schaute in den Ra- chen und bat den Oberkörper zu entblößen. Er be­horchte und beklopfte Herz und Lunge, prüfte die At- mutig, maß den Blutdruck und führte eine so gründliche Untersuchung aus, daß Frau Therese Scholz ihm mit brillantberingten Fingern dankbar über seine Hand glitt und ihm wieder unb immer wieder versicherte, welch

großes Vertrauen sie zu ihm hätte.

Ich werde Ihnen, gnädige Frau, zunächst keinen Badeort verordnen, auch sonst keine großen Experimente mit Ihnen machen. Nehmen Sie von den Pulvern, die ich Ihnen verschreiben werde, vor dem Schlafengehen ein» in warmen Tee oder Wasser, genießen Sie möglichst wenig gewürzte Speisen, meiden Sie allzuhäufigen ge­selligen Verkehr. Lesen Sie. Wählen Sie leichte Lek- türe, Schilderungen, Idyllen, Humoresken; tetne auf­regenden Romane und Tragödien, und kommen Sie nach etwa acht Tagen, möglichst um dieselbe Zeit, wenn das Wartezimmer nicht mehr so überfüllt ist, wieder zu mir. Dann werden wir sehen, was wir mit deraus­gebildeten Kranken" weiter machen, sagte er scherzend zum Schluß.

Ich danke Ihnen tausendmal, lieber Herr Doktor, Sie haben mein unbegrenztes Vertrauen; schon heute fühle ich, daß Sie mir bestimmt helfen werden. Und was ist meine Schuldigtest? fragte Frau Therese Schol, mit schelmischem Erröten, indem sie ihre umfangreiche Handtasche öffnete.

Zehn Mark, wenn ich bitten darf, erwiderte Dr. Kem. Aber bitte das eilt nicht, wir werden uns doch wohl öfter noch sehen müssen, Gnädigste.

Ja, ja, das ganz gewiß; aber nein, nein, Schulde« mache ich nicht. Ich folge da den Prinzipien mein« Mannes, der Schuldenmachen immer gräßlich fand, be­sonders bei Frauen. Dabei wühlte sie zwischen beit Geldscheinen in ihrer Tasche, zog einen Hundertmark­schein hervor und legte ihn auf die Schreibtischplatte.

Dr. Kern wurde verlegen, zog ein Schubfach auf, rasselte darin mit Klein- und Silbergeld, und sagt«

Sollte sich dies bewahrheiten und

Welt des Atoms wirklich in unsere Macht bekommen, so wären die Folgen kaum abzusehen. Die Welt ist allenthalben der Stoffe voll. Die Möglichkeit be-fit- zen, einen Stoff in einen beliebigen andern zu verwan­deln, das heißt nicht mehr und nicht weniger als den Menschen zum unbedingten Herrn über die Stoffwelt machen. Und nicht nur das. Bei der Umwandlung der Atome werden, wie sich ergeben hat, Energien frei. Darin besteht ja das Geheimnis des Radiums, das un­aufhörlich Energien abgibt, ohne daß es die abgegebene Kraft irgendwie ergänzt. Die dadioaktiven Stoffe sind Stoffe, die sich in immerwährender Umwandlung be­finden ; die in Umwandlung begriffenen Atome sind es, die die Energien abgeben. Und die Energien, die in ei­nem einzigen Atom drinstecken, sind ganz ungeheure. Man hat ausgerechnet, daß man aus einem einzigen Milligramm durch Atomzertrümmerung Kräfte gewin­nen kann, die einen Ozeandampfer 10 Seemeilen weit zu treiben imstande wären. Wie müßig muten da die Mutmaßungen an, ob nach soundsoviel Jahren der Kohlenvorrat der Welt erschöpft sein wird und wir uns nach anderen Energisvorräten umsehen müssen! Die Energievorräte sind da, es gilt nur noch, sie zu erfas­sen und sie zur Arbeit zu zwingen. Und nach allem darf man annehmen, daß diese Möglichkeit uns in ab­sehbarer Zukunft gegeben ist. Nicht Sonnenstrahlung, nicht Wind, nicht Meeresbrandung, die Atomverwand­lung wird die Hauptkraftguelle der Zukunft sein!

Von den Wundern des Atoms« Eine Wett im kleinen. Was ist Atom-Zertrümmerung? Phantastische Energievorräte.

nachdem sich die Dame dem Arzt gegenüber in den be­reitgeschobenen Sessel gekuschelt hatte.

Ach, Herr Doktor, wo's mir fehlt? Eigentlich an allen Ecken und Kanten. Dr. Kern tastete mit den Augen ein Gegenüber von oben bis unten ab, fand aber durch­aus keine Ecken und Kanten, vielmehr überall schwel­lende Rundungen. Deshalb sagte er verbindlich lächelnd: Wenn Gnädige noch scherzen, bann.

Herr Doktor, ich scherze durchaus nicht. Seit Mo­naten, seit dem Tode meines Mannes, bin ich ständig in ärztlicher Behandlung. Bei Professoren, Speziali- ften, Allopathen, Homöopathen, ja sogar in meiner Be­drängnis bei Magnetopathen und Augendiagnostikern und Rohkostfanatikern bin ich gewesen. War in- dem, im Gebirge und an der See im Norden und Süden, habe fast möchte ich sagen zentnerweise Mixturen geschluckt. Keiner unb nichts hat mir geholfen. Im Gegenteil. Weil man mich für eine zahlungsfähig« Witwe hielt, hat man mich als Kranke birekt ausge- bildet.

Nun war ich kürzlich in Zigvwitz, unb man hat dort mir Sie als außerordentlich tüchtigen Arzt empfohlen. Und jetzt bin ich hier unb bitte Sie, flehe Sie an, helfen

Es läßt sich nur in ber bisherigen Form zertrümmern, b. h. abänbern. Es nimm natürlich sofort eine an- bere Zusammensetzung vor, b. h. es setzt sich mit ande­ren Atomen zu einem neuen Stoff zusammen. Die Zertrümmerung ift in ben bisher vorliegenden Fällen auf ganz verschiedene Weise gelungen. Der englische Physiker Rutherwood hat die Alphastrahlen, das sind positive Radiumstrahlen, dazu verwandt. Er hat mit ihrer Hilfe Stickstoff in Helium verwandelt. Professor Miethe in Charlottenburg hat, wie bekannt, Quecksilber in Gold verwandelt, und zwar in einer Quecksilber- " " Physiker Wendt Temperatur von beliebige Atom-

3« sibirischer Gefangenschaft.

Don Richard Hof, Eckweisbach.

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Also endlich ein Lager! Fast zwanzig Stunden waren wir auf ben Beinen, nun wirb eine lange Rast uns gut tun unb ein Nachtmahl nicht weniger. Aber niemanb kümmerte sich um uns, ja, außer ben Schreibern braußen am Bahnsteig ist kein Mensch zu sehen. Also suchen wir selbst, wo uns bie Lagerstätten bereitet finb.

Gleich am Eingang, zu beiben Seiten bes Tores, flehen zwei Gebäude, wenn man sie als solche bezeichnen will. Eigentlich finb es nur zwei Dächer, beim bie Stock­werke fehlen. Sie sind mit Rasenplatten zugebeckt unb haben mehrere schräge Fenster. Die Türen befinben sich an ben Giebelseiten. Wir versuchen es mit dem Gebäude zur Linken, aber bie Tür ist verschlossen. Erst nachbem wir mehrmals kräftig gepocht haben, kommt eine ver­schlafene Stimme aus bem Innern:Was gibts benn?" Wir geben Antwort, baß wir vom Marsch kommen, tod- mübe finb, ruhen wollen.Hier ist ein Lazarett, ba barf niemanb herein," brummt es heraus. Dann ein langes Gähnen unb Schweigen.

Also probieren wirs auf ber anderen Seite. Auch dort finden wir verschlossene Türen und erhalten erst nach langem Klarsten unb Rusen Bescheib. Die Hälfte der Baracke dient als Schreibstube, die andere als Küche. Die Auskunft gibt ein Oesterreicher, der anscheinend sehr verschnupft ift, weil wir es gewagt haben, seine mitten nächtige Ruhe zu stören.

Es bleibt uns nichts übrig, als selbst nach einer Un- tertunft zu suchen. Gewiß liegt das Lager weiter brin« nen im ®a[b So gehen wir auf bie Suche, tappen ?°rsichtig zwischen ben Stämmen im Dunkeln voran unb h nach etwa hundert Schritt auf hohen Maschen- v^aht. 6jne Untersuchung nach beiden Seiten hin bringt Ergebnis.

Lisa «in Kiefernwald mit zwei armseligen Baracken, auf h Uns verschlossen finb, bas ist bas Lager von Kiew, 05 nian uns vertröstet hat.

mirh 'r tönnens zuerst nicht fassen; aber es ist so unb uns durch einen Schreiber bestätigt. Wo mir denn

bleiben sollen? Ja, ba im Walb. Unmöglich! Warum? Ein Transport Gefangener, ber am Tage vorher abge­fahren ift, hat brei Wochen unter ben Kiefern gelagert.

Uns rinnt ein Schauer burch ben Leib: Da auf bem nassen, schlüpfrigen »oben liegen, tagelang, nächtelang? Zubern setzt ein feiner Rieselregen ein.

Es ist hoffnungslos. Wir haben aber längst gelernt, daß alles Äuflehnen vergeblich ist; am besten, man läßt es über sich ergehen, wie es kommt.

Als Quartier wähle ich den Pllatz unter einer Kie­fer, bie einen recht bichten Wipfel zu haben scheint. Ein paar Getreue ffnben sich zu mir, unb es gilt nun, sich möglichst behaglich einzurichten. Ein paar große Steine, ein paar Holzbrocken bienen als Sitze, so baß man wenig­stens nicht auf bem nassen, zerstampften Waldboben zu hocken braucht. Nach langem Suchen in ber Dunkelheit ffnben sich auch bürre Zweige, Aststücke, Rinbenfetzen, unb mit vieler Mühe gelingt es, ein Feuerchen zu ent­fachen. Der Schreiber kommt, vom Feuerschein angelockt, neugierig herbei. Er entbedtt noch ein Restchen Herz unb schleppt einen Arm voll trockener Scheite herbei. Nun flackert bas Feuer auf unb strömt ein bißchen Wärme aus.

Ich sitze auf einem Stein, bas Gesicht in bie Hände vergraben unb brüte über schwarzen Gedanken, ober sinbs Träume? Ein paar mal habe ich schon tief ge- mtfUm mich versammelt sich eine feine Gesellschaft, alle die Herrschaften, bie zum Kriege und also auch zu un­serem Elend beigetragen haben. Mit todmüden Glie­dern, mit Hunger im Leibe wanken sie herbei, so wie wir. Dem Regen ausgesetzt hocken sie auf Steinen und starren trübselig ins Feuer, gerade wie wir.

Unerträglich!" stöhnt einer.Nicht zum Aushalten", ein anderer. Wie roärs, wenn wir Frieden mochten unb heimgingen? meint etwas zaghaft ein Dritter. Prä­sident Wilson greift nach ber brennenben Friedenspfeife des Indianerhäuptlings, ber plötzlich neben ihm hockt unb hebt sie zum Munbe.

Mich überfällt mit einem Male eine tolle Gier zu rauchen. Hastig beuge ich mich vor unb greife nach bem glimmenben Pfeifenkopf; aber mit einem Schrei ziehe ich die Hand zurück unb erwache.

Ich liege, nach vorn übergefallen, am »oben, bie Hanb in ben glühenden Kohlen des niebergebrannten Feuers.

Auch diese Nacht verging. Der neue Tag guckte trüb unb regnerisch burch bie Kronen ber Kiefern, unb im Lager erwachte bas Leben. Zwölfhunbert Menschen trabten mit verschlafenen Gesichtern und erstarrten Glie­dern zwischen den Stämmen hin unb her.

Im Lazarett würben die Fenster geöffnet. Lysolgeruch brang heraus unb ab unb zu ein Stöhnen ober ein leises Schmerzgewimmer.

Die österreichischen Schreiber machten ihre Morgen­toilette vor ihrer Behausung, bürsteten ihre Bärtchen keck empor unb legten Sdjnurrbartbinben an.

Aus bem Küchenschornstein stieg Rauch empor. Ge­fäße klapperten. Russen bereiteten für uns bas Mahl unb würzten es burch Schimpfen unb Fluchen.

Als bie Brotportionen verteilt würben, entstand in ber Schreibstube eine lebhafte Bewegung. Unser gefäl­liger Schreiber kam herbeigelaufen unb rief:Ihr fjabts Glück! Ihr werbet heute noch abtransportiert!"

Gott sei Dank! Wir hatten an ber einen Nacht im Freiluftlager von Kiew genug.

Im Laufe bes Vormittags kam wirklich ein langer Zug vor bas Lager gerollt unb brachte auch bie neuen Begleitmannschaften mit. Wir mußten auf bem Bahn­steig antreten, würben ftunbenlang gezählt unb enblich eingeteilt, immer fünfzig Mann auf einen Wagen, ba= zu ein Posten.

Währenbbessen tauchte plötzlich eine Kosakenhorde auf. Die Schreiber raunten uns zu:Gebt acht! Die Ko­saken plünbern euch noch aus. Sie finb scharf auf Alu­minium. Daraus machen sie Ringe." Rasch, ehe bie Horbe herangekommen war, ließ ich meinen Trinkbecher im Hosenboben verschwinben unb habe ihn auch glück­lich gerettet.

Die Plünberung war beenbet. Weil sie nicht viel ein» gebracht hatte, waren bie Räuber in schlechter Laune unb ließen uns bas burch Rippenstöße unb Fußtritte fühlen.

Dann war auch das zu Ende. Ein Schreiber über­reichte dem Transportführer die Liste mit unseren Na­men. Ein Kommando erscholl, natürlich auf Russisch. Wir kletterten in bie Wagen, ber Posten folgte, pflanzte

bas Seitengewehr auf, unb ber Zug setzte sich m Be­wegung.

Wohin? Das war die Frage, die alle bewegte. Aber niemand war, der eine Antwort daraus geben konnte. ,

Nach Sibirien. 1

So hatte unser Wunsch endlich Erfüllung gefunden. Vier lange Wochen waren wir durch die Gefilde Ruß­lands gezogen, und nun lagen wir in der Eisenbahn unb rollten, rollten Tag unb Nacht.

Die Russen nannten ihren Personenzug denBittern". In vieler Hinsicht war diese Bezeichnung auch ange­bracht. Trotzdem hätten wir uns glücklich geschätzt, wenn uns ein solcher zur Verfügung gestellt worden wäre.

Unser Zug bestand aus Viehwagen. Jeder Wagen war durch Pritschen in vier Abteilungen geteilt und ent­hielt ein oberes und ein unteres Stockwerk. Ersteres erhielt durch die kleinen Fenster, bie unter ber Wagen- becke angebracht waren, wenigstens etwas Licht. Di« unteren Pritschen aber waren ftänbig in Dunkel gehüllt.

Der Raum zwischen ben Schiebetüren blieb frei. Da staub eine Bank für ben russischen Posten.

Aus jeben Wagen tarnen fünfzig Mann. Durch ben anftrengenben Marsch bes vorhergehenden Tages unb bie fast ruhelose Nacht im Kiesernwalb vor Kiew waren wir sehr ermübet unb hätten gern eine recht grünbliche Ruh« genossen. Doch war bas zunächst nicht ganz einfach.

Die Wagen waren für bie große Zahl viel zu klein. Wir waren in bie Abteile gerabezu hinelngepreßt wor- ben unb konnten uns kaum regen unb rühren. Wie bie Bücklinge im Kasten, so lagen wir auf ben Pritschen, und bennoch fehlte für zwei Leute ber Platz. Abwechselnd mußten sich zwei Mann im Freiraum aufhalten.

Tagsüber ließ sich der Platzmangel immer noch er­tragen, weil immer Leute die Pritschen verließen, um sich Bewegung zu machen. Nachts aber war es schlimm. Sobald bie Dunkelheit eingetreten war, schloß ber Posten bie Türen sorgfältig, gebot Ruhe und streckte sich auf feiner Bank aus. Wir waren also gezwungen, unsere Plätze auf ben Pritschen einzunehmen.

Der Pritschenälteste kommanbierte:Linke Seite!" worauf bie zwölf Mann sich auf bie genannte Seite leg­ten unb zu schlafen versuchten. Manchen gelang bas