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NILS

20. Mai

Beilage zur Fuldaer Zeitung

Vfingstzeik.

Schmückt das Fest mit Maien,

Lasset Blumen streuen,

'ündet Opfer an, lenn der Geist der Gnaden >at sich eingeladen, Machet ihm die Bahn, Laßt ihn ein, So wird sein Schein

Euch mit Gnad' und Trost erfüllen Und den Kummer stillen.

Benjansin S ch m o l ck.

Die Frau als Handwerkerin.

Don Johannes H a r t i g < Leipzig.

Kaum ein Beruf verlangt so viele Fähigkeiten wie der Beruf der Hausfrau. Die folgenden Ausführungen bezwecken nun nicht etwa, daß grundsätzlich jede Haus­frau mit jedem Handwerker konkurrieren soll, sie sol­len ihr vielmehr manche kleine Arbeit erleichtern.

Aergert sich etwa die Hausfrau über einige Nägel, die verhältnismäßig weich sind und deren Spitze sich be­reits nach den ersten Hammerschlägen umbiegt, so kann sie diese Nägel auf sehr einfache Weise härten. Sie läßt die Nägel auf einem Blech im Ofen rotglühend werden und wirft sie noch glühend in einen Eimer mit kaltem Wasser.

Im Mauerwerk haften Nägel nie fest. Da sie aber dazu bestimmt sind, irgendein Gewicht, sei es ein Bild, eine Uhr oder dergleichen zu tragen, muß durch einen Holzkeil dem Nagel ein fester Halt geboten werden. An der Stelle, an der-rh»"

sollen, schneidet man erst die Tapete kreuzweise ein und schlägt sie zurück. Dann bohrt man das Loch für den Holzkeil. Der Keil muß das Loch möglichst aus­füllen. Che man den Keil iebodi in das Loch steckt, füllt man es mit frisch angemochtem Gips, den man noch mit Eisenfeilspänen vermengen kann. Der durch den Steil verdrängte Gips muß sofort entfernt werden da er rasch erhärtet. Die Bindekraft des Gipses kann durch Anrühren mit dünner Dextrinlösung erhöht werden. Auf

diese Weise läßt sich nun der Nagel sehr leicht in den Holzkeil einschlagen.

Bohren muß man im allgemeinen, wenn man eine Schraube eindrehen will. Man kann aber auch beim Nageln oorbohren, um das Umbiegen der Spitze des Nagels zu vermeiden. Allerdings sollte man nicht wei­ter oorbohren, als etwa die halbe Länge des Nagels. Auch soll die oorgebohrte Oeffnung nicht größer sein als der halbe Querschnitt des Nagels. Der Hauptvorteil des Borbohrens liegt darin, daß das Holz nachher beim Nageln oder beim Cinschrauben nicht mehr springt. Auch wenn die vorgebohrten Löcher zur Aufnahme von Schrauben dienen, muß der Bohrer einen geringeren Durchmesser haben als die einzusetzende Schraube, da sie sonst unmöglich festhalten kgnn. Eine Schraube kann man bis zu drei Viertel der Länge vorbohren. Je tie­fer der Einschnitt am Schraubenkopf ist, an dem der Schraubenzieher angreift, umso besser läßt sich die Schraube eindrehen. Daher achte man beim Einkauf von Schrauben aus diesen Einschritt.

Manchmal kommt die Hausfrau in die Lage irgend etwas anstreichen zu müssen. Sowohl Leim, als auch Oel- und Lackfarben bekommt man überall sehr preis­wert zubereitet, daher verzichte man darauf, die Farben zu Hause selbst Herstellen zu wollen. Um einen gleich­mäßigen Anstrich zu erzielen, muß man hauptsächlich darauf achten, daß die Farbe überall gleichmäßig, nicht zu dick und nicht zu dünn aufgetragen wird. Infolge ungleichmäßigen Anstriches trocknen die Farben auch verschiedenartig und der fertige Anstrich bedeutet eine große Enttäuschung. Die beste Deckung der Farben er­zielt man, wenn man mehrmals, aber jedesmal nur ganz dünn streicht. Nach jedem Eintauchen ist daher der Pinsel erst abzustreichen, ehe man mit ihm Farbe auf­trägt. Mit jedem weiteren Anstrich hat man zu war­ten, bis der vorhergehende vollkommen trocken geworden ist. Ungeduld ist beim Anstreichen überhaupt nicht am Platze. Alte Anstriche sind vorher gründlich zu beseiti­gen, denn ein neuer Anstrich hastet auf ihnen nie gut. Viele Farbenlösungen haben die Neigung zur Bläs­chenbildung, daher muß so oft mit dem Pinsel gestrichen werden, bis kein Bläschen mehr zu sehen ist, andernfalls springen die Bläschen beim Trocknen auf und lassen den neuen Anstrich abblättern. Grundsätzlich arbeite man nur mit giftfreien Farben.

krampse im Säuglings- und Andesailer.

Von Prof. Dr. B l ü h do r n-Hannover.

Krämpfe sind im Säuglings- und Kindesalter eine häufige Erscheinung, da offenbar eine besondere Neigung des kindlichen Nervensystems besteht, auf bestimmte Reize mit Krampferscheknungen zu antworten. Cs ist immer ein erschreckender und qualvoller Anblick für Eltern, ihr Kind bewußtlos, mit entstelltem, zuckendem Gesicht und mit Zuckungen am ganzen Körper daliegen zu sehen. So ängstlich und besorgniserregend der Zustand auch erscheinen mag, so führt doch erfreulicherweise der ein­zelne Krampfanfall meist nicht zu einem ungünstigen Ausgang. Dieser hängt vielmehr von der Grundkrank­heit ab; denn Krämpfe sind stets nur ein Krankheitszei­chen. Um sie also aussichtsreich zu bekämpfen, muß der Arzt jedesmal nach der tieferliegenben Ursache forschen. Die häufigste Krampfform im Säuglingsalter, die mit unsachgemäßer Ernährung, mangelhafter Pflege und Fehlen von Licht und Sonne zusammenhängt, stellen die im Gefolge englischer Krankheit auftretenden Krämpfe dar, die man früher fälschlich alsZahnkrämpfe" be­zeichnet hat. Sie haben aber mit dem normalen Zahn- durchbruch absolut nichts zu tun und sind heute, dank der Aufklärung über zweckmäßige Ernährung und Pflege des Säuglings, wesentlich seltener geworden. Auch die durch akute Darmstörungen ober starke Hitzeinwir­kung, z. B. durch übermäßiges Einpacken des Säuglings, oder durch allzu pralle Sonnenbestrahlung ausgelösten Krämpfe kommen heute wohl kaum mehr vor. Eine verhältnismäßig häufige Ursache von Krämpfen aber bilden im Säuglings- und auch im weiteren Kindsalter Hirnhautentzündungen, die mit vermehrter Flüssigkeits­ansammlung in den, das Gehirn umgebenden Häuten einhergehen, und durch den so im Schädelraum gestei­gerten Druck Krämpfe auslösen können. Weiterhin kön­

nen Krämpfe durch Schädelverletzungen verursacht sein. Vielfach beobachtet man bei nervös veranlagten Kindern auch im Beginn hochfieberhafter Erkrankungen verschie­denster Art Krampferscheinungen, die meist keine ern­stere Bedeutung für den weiteren Krankheitsverlaufha­ben. Dagegen bieten weniger günstige Aussichten für die Zukunft epileptische Krämpfe, die im Kindesalter nicht ganz selten Vorkommen und bereits in der Säug­lingszeit ihren Anfang nehmen können.

Der Laie kann im einzelnen Anfall nicht viel Hilfe bringen. Er muß durch vorsichtige Lagerung den be- wußtlolen Krampfkranken vor Verletzung schützen und möglichst schnell für ärztliche Hilfe sorgen. Für den Arzt kommt es darauf an, zu entscheiden, wodurch der betreffende Krampfanfall bedingt ist und danach durch Anwendung der jeweils geeigneten Mittel die Krämpfe zu unterbrechen.

Die nach Beseitigung des Krampfanfalls folgende Behandlung, die die Wiederkehr von Krämpfen nach Möglichkeit verhüten soll, wirb ihr Ziel darauf zu rich­ten haben, die Ursache der Krämpfe zu beheben. Beste Erfolge hat man hier z. B. gerade bei den früher viel gefürchteten sogenanntenZahnkrämpfen". Sie wer­den heutzutage durch geeignete, erprobte Ernährungs­und Pflegemaßnahmen sowie durch prompt wirkende Medikamente, wenn nicht überhaupt ganz verhütet, so doch rasch beseitigt. Diese Krampfform des Säuglings­alters tritt fast nur im Spätwinter und im Frühjahr in Erscheinung, während die durch schwere Darmkatarrhe oder Ueberhitzung oder durch beide Schädlichkeiten ver­ursachten Krämpfe naturgemäß im Sommer überroiegeji. Durch Behandlung der Darmstörung und der Hitzeschädi­gung werden sie erfolgreich bekämpft, falls die Grund­

krankheit nicht bereits zu weit fortgeschritten tft. Kei­neswegs immer vermögen wir mit unfern Maßnahmen epileptische Krämpfe zur vollkommenen Heilung zu bringen, ebenso ist es auch noch nicht möglich, jede Art Hirnhautentzündung der Genesung zuzuführen.

Die Aussichten der mannigfaltigen Krampfarten im Säuglings- und Kindesalter hängen jedenfalls stets von der Grundkrankheit ab, die rasch zu erkennen und mit allen zu Gebote stehenden Mitteln möglichst aussichts- reich zu behandeln ausschließlich Aufgabe des Arztes ist.

Prahlt nicht mit eueren Mnderu

Von Herbert M a n z-Regensburg.

Cs ist eine vielleicht menschlich begreifliche Eitelkeit der Mütter, wenn sie mit den Fähigkeiten ihrer Kin­der ein wenig prahlen. Aber seien wir einmal ehrlich, wer hat etwas davon, wenn klein Lieschen nach zwei, drei Klavierstunden ihre Umwelt mit dem fehlerhaften Vortrag des guten Mondes, der fo stille durch die Abend­wolken geht, quälen muß, während die Frau Mama stolz daneben steht und sich freut, was ihr Kind schon kann. Das wird nicht nur einmal, sondern mehrmals in einer Woche wiederholt und die Folge der steten Hebung ist das eingebildete Kind, das wunder glaubt, was es ist und was es leistet. Es schadet durchaus nichts, wenn Eltern ihren Kindern, je früher je besser klar ma­chen, daß sie Nichtskönner sind, daß sie lernen und im­mer wieder fernen müssen, um im Leben voranzukom- men. Erst wenn ein gewisser Abschluß erreicht ist, wenn das Kind im Urteil der Umwelt, und nicht nur im egoistischen Gigenurteil der Eltern, etwas kann, mag man ihm bann und wann gestatten, seine Fähigkeiten einem weiteren Kreis von Verwandten und Freunden zu produzieren, zumal mit dem zunehmenden Alter auch im Kinde die Urteilskraft über die eigenen Leistungen wächst. Es kann dann eher unterscheiden, was es auch aus eigener Kraft zu leisten vermag und was es feinen Eltern und Lehrern verdankt. Wunderkinder, künstlich gezüchtete, ihrer Jugend unfrohe Wesen, die Tag für Tag für eine bestimmte Kunst, für rein mechanische Lei­stungen gedrillt werden, gleichen Treibhauspflanzen, die beim ersten Windhauch des Lebens, der sie etwas schär­fer anfaßt, zugrunde gehen. Das sollten alle Eltern wohl bedenken und ihre Kinder vor jeder Frühreife und der damit verbundenen egoistischen Selbstsucht bewahren. Das ist nicht gut für die Kinder selbst, sondern auch für die Eltern, denen sonst leicht der rechte Maßstab für rich­tige erarbeitete Leistungen und für angelernte Bravour- stückchen verloren geht.

Die Spargelzelt.

Von Lore B u s ch m a n n-Mannheim.

Mit der nun endlich eingetretenen wärmeren Witte­rung erscheint jetzt die köstlichste Gabe des Frühlings, der Spargel, auf den Märkten in großen Mengen, denn die Sonne läßt die Stangen reichlich sprießen, so daß die Gärtner zwei- und dreimal am Tagestechen" müssen, um vollwertige Ware auf den Markt zu brin­gen. Erstklassiger Spargel muß nämlich rein weiß sein, auch an Den Spitzen. Jede Färbung stellt eine Qualitätsminderung dar. Die einzelnen Stangen seien daumendick, stärkere Stangen sind leicht holzig. Der Spargel soll nach der Ernte rasch abgewaschen und mit reinen Tüchern sofort wieder getrocknet werden. In einem kühlen Raum ruht er bis zum Versand.

Unendlich ist die Zahl der Gerichte, die man aus Spargeln bereiten kann. Im folgenden seien ein paar gute Rezepte mitgeteilt:

Gebackener Spargel.

Starker Stangenspargel wird in Salzwasser fast weich gekocht. Die Spargel werden abgetrocknet, je vier Stück mit weißem Baumwollfaden oben und unten zusammen­gebunden, in Eigelb und Paniermehl gewendet und in heißem Fett gebacken.

Spargelsuppe.

1 Pfund Suppenspargel (die dünneren werden meist zu billigerem Preis als Suppenspargel verkauft) wird in leichtem Salzwasser abgekocht. Die Spargeln werden

hierbei in 34 Zentimeter lange Stückchen geschnitten. Man macht eine lichte Einbrenne, füllt mit dem Spar­gelwasser auf, gibt die Spargelstückchen hinzu und würzt die Suppe nach Geschmack. Zum Schluß zieht man mit einem Eigelb ab und serviert die Suppe mit feingehack- ter Petersilie.

Spargelpfannkuchen.

1 Pfund Spargeln wird in kleine Stücke geschnitten und in Salzwasser abgekocht. Alsdann bereitet man einen guten Pfannkuchenteig, dem man die Spargel- stückchen nebst ein Viertelpfund feingeschnittenen Schin­ken hinzufügt. In einer Pfanne bäckt man bann die Kuchen auf beiden Seiten schön goldbraun und serviert sie Mit kleingeschnittenem Schnittlauch garniert.

Spargel überbacken.

Mittelstarker Spargel wird in kleine Stücke geschnitten und säst gar gekocht. Eine Form wird gut mit Butter ausgestrichen, der Spargel hineingelegt und mit einer dicken Soße, die man aus Butter, Mehl, Spargelbrühe und etwas saurem Rahm hergestellt hat, übergossen. Oben auf das Gericht wird dick geriebener Parmesan­oder Schweizerkäse gestreut, einige Butterflöckchen dar­auf gelegt und das Ganze ca. eine halbe Stunde in der Röhre gebacken.

Die praktische Hausfrau.

Grünspan zu beseitigen.

Um den lästigen Grünspan, der übrigens auch gif­tig ist, ohne Mühe von irgendwelchen Gegenständen zu beseitigen, legt man diese in eine Essiglösung. Dann spült man mit lauwarmem Wasser gut nach und reibt die Gegenstände mit einem weichen Wollappen trot­ten und glänzend. Kann man die Gegenstände nicht ganz in eine Essiglösung legen, bann bereite man sich eine Tinktur aus 5 Teilen Wasser, 2 Teilen Kochsalz, einem Teil Essig, bie man, wenn nötig mehrmals, auf die Flecken träufelt. Auch in diesem Fall muß gut mit einem weichen Lappen nach poliert werden, damit die aufgetragene Tinktur nicht ihre ätzende Wirkung an den Gegenständen selbst ausüben kann.

Der Kuchen muh im temperierten Raum erkalten.

Mancher Kuchen ist nur auch deshalb verunglückt, weil ihn die Hausfrau unmittelbar nach dem Backen in einen kalten Raum gebracht hat oder weil er der Zug­luft ausgesetzt wurde. Am besten läßt man den Kuchen in der Form in der ohnehin temperierten Küche erkal­ten, dann ist man sicher, daß er nicht doch noch zusam- mensackt und unansehnlich wird. Nebenbeibemerkt geht der fertige Kuchen recht gut aus der Form, wenn man diese vor dem Stürzen mit einem nassen Tuch um­wickelt.

Richtige Aufbewahrung der Kolonialwaren.

Auch in diesem Punkte wird von den Hausfrauen noch vielfach gesündigt. Man hebt die eingetauften Ko­lonialwaren einfach in den Tüten auf, die der Kauf­mann mitgegeben hat, oft kunterbunt nebeneinander. Das ist falsch und man darf sich dann auch nicht wun­dern, wenn manches ganz anders schmeckt. So darf z. B. Kaffee niemals neben anderen Kolonialwaren gelagert werden, da diese den Kaffeegeschmack annehmen. Andererseits tut diese Behandlung aber auch dem Kaffee nicht gut, der am besten in einer gut schließenden Blech­dose verwahrt wird. Tee will in sauberen Holzbosen aufbewahrt werden, bie ebenfalls gut schließen sollen, wenn er nicht sein Aroma verlieren soll. Auch Salz gehört in Holzgesäße, in Blechdosen wird es gelb und in der Tüte zieht es Feuchtigkeit an. Grünkern ist ge­gen Gerüche empfindlich, man verwahre ihn in gut schließenden Dosen. Gries wiederum muß vor den Ein­flüssen des Küchendunstes geschützt werden. Verhältnis­mäßig am wenigsten Sorgfalt erfordern Graupen und Reis, dagegen muß man mit Mehl sehr vorsichtig umge­hen. Daß jedes Gefäß ein Schildchen tragen muß, das auf feinen Inhalt hinweist, sollte man nicht besonders bemerken müssen.

Die Liebe bricht herein mit Wetterblitzen, die Freund­schaft kommt wie dämmernd Mondenlicht; die Liebe will erwerben und besitzen, die Freundschaft opfert, doch sie fordert nicht. (Geibel.)

König Mai.

Ein Märchen vom Mai und der Gottesmutter.

Von Hilde Kneip.

Einst saßen die zwölf Monate im großen Saal der vier Winde und berieten, wer ihr König fein sollte. Bl-her hatte der Januar seine elf Brüder geführt, weil er das Jahr eröffnete. Aber der Februar, der die we­nigsten Tage hatte und darum immer zänkisch und nei­disch war, machte wieder einmal Revolution.

Hastig sprang er von seinem Sitz auf und rief:$= her, es geht nicht an, daß der Januar noch länger das Szepter trägt. Was hat er für ein Verdienst, wenn die Menschen ihn willkürlich an den Anfang des Jahres fetzen? Nicht Stellung, nicht Name, nicht Alter follten bei der Königswahl entscheiden, sondern der Geist, der Charakter. Unterziehen wir uns doch alle einer Auf­gabe, die beweisen soll, wer zum König geeignet ist!"

Nachdem der Februar also gesprochen hatte, über­flog er mit seinem kalten, höhnischen Blick die Tafel­runde und ließ sich so schroff nieder, daß sein Eiszapfen- Degen klirrte.

Da stand der greise, silberhaarige Dezember auf »nb sprach bebäötigen Tones:

..Brüder, der Februar hat recht. Laßt mich, als ?et Aelteste dieses Kreises, euch die Probe Vorschlägen, /r hch ein jeder von uns unterziehen soll. Wir zwölf d ^!"°ndern die Erde, und jeder suche im Laufe von

? Tagen ein menschliches Wesen, das feiner Art ng ?.ruhh dem er bereit ist sich zu weihen. In dieser ,i , sich wohl am besten Geist und Charakter a . *®°en offenbaren. Am Abend des dreißigsten Ta- ehren wir alle hierhin zurück und dann soll der

Hohe Rat der weisen Jahre unter dem Vorsitz der alles- enthüllenden Zeit entscheiden, wer die beste, die könig­liche Wahl getroffen."

Alle stimmten dem weisen Vorschlag zu und sofort machten sich die zwölf Monate auf den Weg, um den besten Menschen zu suchen.

Als die Sonne am dreißigsten Tage unter den Hori­zont gesunken war, versammelten sich im großen Saal der vier Winde die ernsten, schweigsamen Jahre, in die wei­ten, grauen Mäntel der Vergangenheit gehüllt. Auf dem Throne saß die tiefverschleierte Zeit, deren Antlitz noch niemand geschaut. Herein traten die Monate, hei­teren Gesichts, zufrieden in der Erfüllung ihrer Auf­gabe.

Elf standen schon im Saal, als nach einer kleinen Weile der pausbäckige Torhüter Ost noch einmal die Türe aufblies, um den letzten der Brüder hineinzulas- fen.

Beschwingten Schrittes eilte der jugendliche Mai in den Kreis der Brüder, strahlend schön wie die Sonne und in den Augen die Weichheit des gesamten Sternen­himmels.

Mit dem Letzten war ein unirdischer Glanz in den Raum gekommen so stark und gewaltig, daß selbst die Jahre unter ihren dichten Schleiern erschauerten. Wer keiner wußte, woher die seltsame Helle kam.

Da nun alle versammelt waren, rief die Zeit mit ewig gleicher, eherner Stimme die Monate vor ihren Thron, einen nach dem andern, und richtete über die Wahl eines jeden. Mit unerbittlicher Strenge deckte sie, die den Namendie Helläugige" trug, die geheimen Mängel und Schwächen der Gewählten auf. Selbst das zarte, unschuldige Kindlein, das der März gefunden, auch der abgeklärte Gelehrten-Greis des Dezember, auch der all­gewaltige, weise König, den des Augustes Wahl getrof­

fen, auch der geniale Volksführer und Weltenherrscher des Juli sie alle waren rein oder gut ober groß, aber noch unendlich weit entfernt vom vollkommenen Men- scheu.

Elf traten vom Thron der gestrengen Richterin zu­rück, beschämt in der Erkenntnis ihrer unzulänglichen Wahl.

Als letzter trat der Mai vor die Verschleierte, mit Hel­lem Antlitz und in den Augen die Flamme eines gött­lichen Lichtes.

Und dann begann er zu sprechen, den seine Brüder einen Schwärmer und Dichter nannten, und seine Stimme schwang durch die weite Halle wie Sphärenmusik:

Hört mich alle, ihr, meine Brüder, ihr, edlen Jahre, und du, hochweise Zeit, und vernehmt, was mir begeg­net: Als ich aus dem Palast der Winde hinab auf die Erde stieg, stand ich plötzlich in einem leuchtenden Blüten­meer. Die Sonne goß Strahlenfluten in Millionen schimmernder Kelche. Die flirrende Luft war süß und schwer von betäubenden Düften und melodischen Vogel- ftimmen. Wie berauscht sank ich in die Blüten und schloß die Augen im seligen Glauben, das Paradies gefunden zu haben . . .

Als ich meine Augen wieder erhob, sah ich unter einem Rosenstrauch, der über und über von roten Rosen glühte und brannte, eine wunderschöne Frau. Aus ihren Knien wiegte sie ein Kindlein und fang dazu mit einer unsagbar süßen Stimme, zarter und reiner als das helle Geläut der Schneeglöckchen. Der Wind schmei­chelte und koste in ihrem goldblonden Haar und über­rieselte sie mit leuchtenden Rosenblättern.

Ihr alle, Brüder, eiltet an der Frau vorbei und saht sie nicht! Nur du, Bruder Oktober, schautest ein- mal flüchtig nach ihr um, aber bann gingst auch bu weiter.

Ich allein mußte wie festgebannt bleiben. In mir fang unb klang es so süß unb weh, daß ich der herr­lichen Frau zu Füßen sank.

Ich weiß nicht, wie lange ich fo gelegen und in ihr klares, glänzendes Antlitz, in ihre mädchenhaft reinen und doch fo mütterlich warmen Augen geschaut habe; ich weiß nur, daß ich unendlich glücklich war. Und wenn mich das holde Kind so seltsam anlächelte, hätte ich ster­ben mögen vor übermäßigem Glück.

Nie habe ich solche Reinheit, solche Schönheit, solche Klarheit gesehen!

Vernehmt es alle, nur dieser königlichen Frau mit ihrem süßen Kinde will ich fortan dienen! Alle meine Herrlichkeiten, meine Millionen Schätze will ich ihr zu Füßen legen. Für sie will ich den Bäumen Blüten­kerzen anstecken, für sie die Wiesen mit duftenden Blu­men überschütten. Zu ihrem Lob sollen die kleinen Vögel fingen unb bie milben Lüste säuseln . . .

Ihr gehöre ich mit allem was ich habe!"

Währenb ber Mai so sprach, füllten ben Saal wür­zige Blumenbüfte. Die Wände würben unenblich weit unb schimmerten wie Kristall. Unb strahlenbe Helle lag im Raum.

König Mai!" rief bie Zeit, und in ihrer Stimme klang ein nie gehörter, Heller, jubelnder Ton:Du hast die beste Wahl getroffen! Du hast dich hem Menschen geweiht, der allein ohne Makel ist, der jungfräulichen Gottesmutter Maria"

Staunend vernahmen bie anbern biefe Worte, und sie sahen auf einmal den königlichen Glanz auf der Stirne des Jünglings; und neidlos beugten sie vor ihm die Knie.

Von der Zeit an ist der Mai, der Marienmonat, der von allen geliebte König des Jahres.