Beilage zur Fuldaer Zeitung
Nr. 112
15. Ma,
Heiliger Geist.
Auf dem fernsten Wege Fandest die Stillen du . . . Deinem Licht entgegen Wollten sie gehen.
Gebete schliefen in ihren Händen.---
Du bist es, der da starres Land
Mit brennenden Schwertern gräbt und pflügt. In weinende Furchen wirft einen Brand Aus dem „Ewigen" — der nicht lügt.
Du bist es, der das zagende Meer Zu ewigen Wellen schlägt.
Dein Sturm ist Wille — dein Wort ruft schwer Den, der das letzte Heimweh trägt.
Du bist es, der die Gnade füllt In leere Furchen stillbreit.
Aus deinen reinen Quellen quillt
Zu uns „die Ewigkeit".--- ®- Th.
Strindberg, der Christ.
Zur 20. Wiederkehr des Todestages Strindbergs am 14. Mai.
Unweit dem Reichstagsgebäude gibt es in Berlin ein unscheinbares Gasthaus, das jedem Vorbeikommen- den wegen feines originellen Namens auffällt. „Zum schwarzen Ferkel" steht auf dem Firmenschild. Es ist eine alte, ehemals bekannte Künstlerkneipe. Heut« ist ihre Bedeutung geschwunden: aber immerhin hat das Haus noch seine Tradition bewahrt, und es gibt auch noch mancherlei, was an die frühere Glanzzeit erinnert. In einem Stübchen zum Beispiel hängt über dem Sopha ein Oelgemälde. Es stellt ein vom Winde gepeitschtes Meer dar: kein Stückchen Land ist zu sehen, nichts vom Himmel, keine Wolke, nichts als die sich türmenden Wellen, mit denen eine überirdische Macht ihr Spiel zu treiben scheint. Kein Wolkenfetzen deutet den Sturm an: wir wüßten nicht einmal, daß Sturm herrscht, wenn nicht die gepeitschten Wogen wären. Dieses Bild hat Strindberg gemalt. Höchst eigenhändig. Und wir können heute sagen: dieses Bild ist ein Spiegel seiner Seele. So wurde auch er von einer Macht hin- und hergepeitscht, er suchte sie immer und überall zu fassen, wenn auch nur andeutungsweise, doch er ist ihm nicht gelungen: Sinnlosigkeit und Wahnsinn schienen ihm die herrschenden Mächte des Lebens und der Welt zu sein. Und er weiß sich schließlich kein« andere Erklärung, als daß er schon in dieser Welt die Hölle sehen will, die die Religionen erst nach dem Tode beginnen lassen wollen. Die ganze Welt wird ihm zu einem „Inferno", das sich spukhaft um ihn dreht, und er ruft nach dem Tode, um dieser Hölle zu entgehen.
Nah an den Wahnsinn heran wurde Strindberg durch leine Maßlosigkeit geführt, ja, es gibt manche, die seinen Wahnsinn für erwiesen halten. Aber jedes Genie weist ja mehr oder weniger Spuren des Anormalen auf. und wo das Anormale zum ausgesprochenen Wahnsinn wird, das ist schwer zu sagen. Und ein Mann, der es noch fertig bekommt, die wahnsinnigen Ideen, von denen er verfolgt wird, selbst zu schildern, wie es in dem „Inferno" geschieht, beweist doch gerade durch diese Schilderung, daß er über der ihn verfolgenden Idee steht Er war entschieden pathologisch veranlagt, aber wahnsinnig in dem Sinne, daß ihn das Bewußtsein für das Normale verlassen hätte, war er entschieden nicht. Oder man müßte denen, wie es manche allerdings tun, darin, daß er zum Schluß seines Lebens den Anschluß an das positive Christentum gewann, auch ein Zeichen seines Wahnsinns sehen . . . !
Die Clemente, die Strindberg schließlich zum positiven Christentum führten, sind schon in seinen Iugend- werken ausgesprochen. Allerdings gehören diese bisher zu den unbekanntesten seiner Werke. Da ist z. B. das Drama „Das Geheimnis der Gilde". Dies Geheimnis der Gilde ist ein Architekturgeheimnis, das ein großer Meister besitzt, und wonach er einen gewaltigen Dombau vollenden will. Seine Neider und Feinde stellten sich ihm entgegen, beseitigen ihn und wollen nun selber an die Vollendung des Baues gehen. Allein sie besitzen nicht das Geheimnis, und der Wunderbau stürzt vor ihren Augen zusammen. Die Bedeutung dieses Werkes ist klar: Strindberg spricht hier von dem Wunderbau des Weltalls, in das der große Meister auch irgend ein Geheimnis gelegt hat, und wenn ein Unberufener mit Treol!!r Hand daran deuten will, dann bricht der Bau
zusammen. Nur der sich demütig dem großen Meister unterwirft und seinem Befehle gemäß an der Stelle arbeitet, wo er als Arbeiter und Handlanger hingestellt ist, nur der kann mit helfen an der Herbeiführung der großen Harmonie der Welt, die sich nach der Vollendung der Zeiten einst offenbaren wird. Demut und Geduld üben heißt es hier auf Erden und der Vorsehung vertrauen, die um alle Geheimnisse weiß.
Dieses Bewußtsein des Göttlichen hat Strindberg nie verlassen. Der Ausspruch, den er einmal getan hat, ihm könne nichts geschehen, weil seine Tochter zu Hause für ihn bete, ist ein Beweis dafür. Und Beweise dafür sind auch feine Werke, wenn man sie in der richtigen Reihenfolge, zur Hand nimmt und aufmerksam daraufhin durchsieht. Cs gibt eine Zeit, da alles erloschen und verloren erscheint; im „Totentanz" deutet sich dann zum erstenmal wieder die Ahnung vom Ewigen und Jenseitigen an; eine schwere Krankheit wurde ihm endlich zum Anlaß, sich in bewußter Weise mit diesen Gedanken auseinanderzusetzen, und „Advent" und „Ostern" müssen als seine Bekehrungswerke bezeichnet werden.
Rücksichtslos offen und ehrlich ist Strindberg immer gewesen; hatte er etwas in seiner Entwickelung als falsch und irrig erkannt, so zögerte er nie, es einzugestehen und den Irrtum öffentlich auf den Scheiterhaufen zu schleppen. So hat er auch seine früheren Werk« nach seiner Sinnesumbildung laut und offen verurteilt. Aber es ist ihm gegangen, wie es so manchem Dichter und Künstler geht; nachdem er den größten Teil seiner Manneskraft an diese Werke gewandt hat, ist es schwer, die Welt zu einem völligen Anschauungswandel über ihn zu bringen. Immer noch werden diese seine letzten Werke als halb pathologische Ausflüsse gewertet, die man künstlerisch nicht ernst zu nehmen hat.
Die letzten Lebensjahre Strindbergs sind durch ein treues Festhalten an den Lehren des positiven Christen
tums gekennzeichnet, freilich, ohne daß Strindberg sich mit diesem auf verstandesmäßigem Wege auseinandergesetzt hätte. Es war eine Art fühlender Glaube, ein instinktives Ueberzeugtfein. In einer Berliner Zeitung erklärte er einmal: „lieber das Christentum soll man nicht debattieren. Man soll es hinunterschlucken im Bewußtsein der Reinigung, die man dadurch erfährt." Und so ist es bis zu feinem Lebensende geblieben; die Wahrheiten des Christentums waren ihm Trost und Licht; sich mit ihnen auseinandergesetzt hat er sich jedoch nicht.
Es ist nun aber falsch, wenn man annimmt, daß Strindberg, wie man so oft hören kann, katholisch geworden wäre. Es gibt manches, was dieser Meinung Nahrung geben konnte. So zerstörte Strindberg in seinen späteren Geschichtsdramen die Meinung von der großen evangelischen Mission Gustav Adolfs; der katholische Glaube bot seinem mystischen Gemüt mehr Befriedigung; er versetzte sich mit besonderer Vorliebe in die Gedankenwelt des Mittelalters, kurz, er liebte das Romantische und Ahnungsvolle. So kam er in vielen Dingen den katholischen Anschauungen sehr nahe, aber förmlich übergetreten ist er nicht. Er verblieb vielmehr sein Leben lang in den Anschauungen des schwedischen Sektierers und Schwärmers Swedenborg besangen. Die Bibel war die einzige Richtschnur feines Denkens und Handelns, — die er sich allerdings in einer der katholischen Auffassung nicht ganz fernstehenden Art und Weise auslegte. Jedenfalls hat der Friedlose und Zer- riffene, von Leidenschaften Umhergeworfene, zum Schluffe seines Lebens den Frieden gefunden, und wir können auch auf seinen Grabstein jene Verse setzen, die das letzte Schicksal Fausts enthalten: ch
„Der immer strebend sich bemüht, Den können wir erlösen."
Dr. K.
Ein Fläschchen Salzsaure wird gesucht.
Line wahre Geschichte, erzählt von Howard F. Gibson.
Saß da in Newyork ein biederer Elektriker, nannte sich Charlie Haggmann. Der hatte eines schönen Tages von der Millionenstadt, ihrem Trubel und ihrer Arbeitslosigkeit — auf gut deutsch gefügt — die Nase gründlich voll: „Schleunigst fort von hier!"
Gesagt, getan. Irgendwo weiter dort hinten im Inneren des Landes sollte ein Nest liegen, wo noch Milch und Honig floß. Also auf nach Williamstown! Das war sehr einfach zu bewerkstelligen, denn der brave Charlie besaß aus besseren Zeiten her einen Kraftwagen, und wenn man dem gut zusprach und nicht zu viel von ihm verlangte, lies er noch. Natürlich nicht zu weit auf einmal, und so wollte man Williamstown in kleinen Abschnitten erreichen.
Also kletterte alles in den Wagen: Vater, Mutter, Tochter und noch dazu ein Säugling von drei Monaten. Ade Newyork, mir haben dich nie geliebt!
Die Fahrt war wunderschön. Sie hatte nur einen kleinen Haken: Es zog ein wenig in der wackeligen Benzinkutsche, und der Säugling fing zu husten an. Nicht schlimm, aber doch gerade genug, so daß die Mutter einen Seufzer der Erleichterung ausstieß, als das Ziel der ersten Tagesfahrt erreicht war. In dem kleinen Nest hausten Freunde aus alter Zeit, und die hatten sich schon bereit erklärt, den Haggmanns für eine Nacht Obdach zu gewähren. Dort wurde der Säugling nun warm eingewickelt, und bald ließ der Husten nach.
Frühzeitig sollte es am anderen Morgen weitergehen. Also verfügte man sich auch bald zu Bett. Da der Raum beschränkt war, sollte die Newyorkerin nrt ihren Kindern und der Frau des Hauses in demselben Zimmer schlafen. So unterhielten sich die beiden Domen unvermeidlicherweise noch ein wenig, und dabei kam das Gespräch auf Babys bösen Husten: „Hoffentlich kommt er morgen nicht wieder!"
Sie Freundin war gleich hilfsbereit: „Dagegen kann ich Ihnen ein Mittel mit auf den Weg geben Einen Löffel voll davon, sobald es nötig wird, und der Husten hört gleich auf. Erinnern Sie mich morgen früh daran!"
Frau Haggmann war recht dankbar. Aber gleichzeitig auch ein wenig ängstlich: „Wenn wir das nur nicht
morgen vergessen! Wäre es nicht besser, heute noch die Flasche bereit zu stellen?" Die Freundin war kein Unmensch, stand also auf, ging in die Küche, kramte dort im Dunkeln in ihrem Schrank und kam zurück: „Ich stelle das Fläschchen hier auf den Nachttisch." Beruhigt schliefen beide Frauen ein. —
Am nächsten Morgen fuhr Familie Haggmann fröhlich weiter. Vorsichtshalber faßte die Frau noch einmal nach der Handtasche. Ja, das Fläschchen mit den Hustentropfen war da. Nun mochte kommen, was wollte. „Auf Wiedersehen, vielen Dank, laßt es Euch gut gehen!" Der Haggmannsche Wagen verschwand hinter dem nächsten Hügel. —
Gegen Mittag nun sucht« die freundliche Husten- tropfenfpenberin etwas in ihrem Küchenschrank. Wo war nur die Salzsäure? Gestern noch . . .
Ein enffetzter Schrei: Da standen noch die Husten- tropfen, die sich feit fünf Stunden aus dem Wege noch Williamstown befinden sollten, und die Salzsäure war fort.
Ser Polizeigewaltige dachte zuerst, eine Verrückte stürze zu ihm in das Amtszimmer. Als er die fürchterliche Geschichte hörte, warf er wie ein Feldherr seine sämtlichen Truppen in« Gefecht: „Zwei Mann auf Motorrädern hinter den Leuten her! Telephonisch alle Poliizeistationen, alle Cherisss, alle Bürgermeistereien verständigen. Rundfunk alarmieren, soll SOS-Rufe ausschicken."
Alles klappte wundervoll. In einer Stunde war der ganze Staat in Aufruhr. Eine Million Menschen wußte, daß eine Flasche Salzsäure steckbrieflich verfolgt wurde. Tausend Mann zu Fuß, zu Pferd, auf Krafträdern, in Wagen und im Flugzeug waren auf der Suche nach ihr.
Soch man fand sie nicht. Und das hatte feinen guten Grund. Senn weil der Frühlingstag so wunderschön war, hatten sich die Haggmanns ein Plätzchen abseits der großen Straße im Walde ausgesucht, wo sie ein paar Stunden ruhen wollten. Sie hatten es ja gar nicht eilig. Und weil der Säugling ein wenig hustete, so gab ihm die Mutter rasch einen Löffel voll aus der Flasche. Sie wollte gerade wieder den Kork aufstecken, da stieß der Säugling ihr mit dem Fuß die
Flasche aus der Hand. „Klack", sagte das Sing, jer* brach und ergoß seinen Inhalt ins Gras
Es war schon beinahe Abend, als dl« Haggmann« aus ihrem lauschigen Winkel wieder aufbrachen und der großen Straße zuttrebten. Und da fiel es über sie her wie eine Horde Wilder. Ein paar Schutzleute rasten heran: „Sa sind sie! Wo ist die Flasche?"
Es dauerte ein wenig, bis die Haggmanns wußten, was die Leute wollten: „Die Flafcke zerbrochen? Das Kind hat davon getrunken? Es war Gift!"
Die Mutter fiel in Ohnmacht. Der Säugling schrie. Die Tochter brüllte. Der Vater raste hinter den Schutzleuten her ins nächste Krankenhaus.
Der Arzt krauste die Stirn: „Salzsäure? Kaum an Rettung zu denken! Aber warum schreit das Kind nicht mehr? Merkwürdig!"
Die Antwort kam sofort. Eine Krankenschwester brachte sie: „Im Rundfunk wird bekannt gegeben: Salzfäureflasche gesunden. Stand neben Hustentropfen noch im Küchenschrank. In der verkehrten Flasche war nur destiliertes Wasser."
Da in Amerika alle Begebenheiten sofort statistisch verwertet werden, so hat ein fleißiger Mann berechnet, daß di« Geschichte mit der Hustentropsenflasche, die keine Salzsäure enthielt, den Staat Newyork 9781 Sol- lars und 47 Cents gekostet hat.
Herzen unter dem Grün.
Von Johannes von Kunowski.
Er ging wie immer im Geben feine Wege für sich. Abseits der Menge. Das, was er in sich trug, bubet« nicht die platten Sprüche der kalendermäßig heiter Gestimmten. Noch war er zu jung und zu unberührt vom Leben, als daß auch für ihn vielleicht der Frühling begann, wie der Mensch ihn datierte. Frühling war für ihn wundersame Offenbarung; und wie er selbst in seinen Säften die Sonnenfreudigkeit jedes aufftrebenden Hälmleins, jedes Zweiges wieder erkannte, war für ihn bas neue Licht mehr als ein wohlwollend-bürgerliches Blinzeln zum Himmel, ein Oesfnen der Fenster und eine Frage der Kleidung. Hans Helmers aber war ein Kind unserer Tage. Er freute sich offenen Herzens feiner Lust, streckte bi« Arme, unb feine Augen waren blank unb luftig zum Angriff gegen jeben, ber etwa fein neuerwachenb Leben in den Trott gedankenlosen Seins hätte einbeziehen wollen.
Geht man aber allein auch die sonnigsten Wege« fällt ein leichter Schatten auf sie, sind sie immer nur belebt vom eigenen Schritt, geht sie kein anderer mit.
Hans Helmers griff in die Büsche, die seinen Pfad säumten. Er streifte die Hand voller Blätter, umschloß sie, als meistere er in seiner Hand nicht nur dos eigene, sondern das Leben überhaupt unb sog sich voll mit dem Duste des Pfingsten. Den Kops im Nacken, stand er; weit hinein in Büsche und Bäume lauschte sein Ohr^f auf die kleinen Sümmchen zu feinen Füßen, kletterte mit den lauteren Weisen hinaus zu den Wipfeln der Bäume.
Da sah er durch den Ausschnitt der Büsche, vor einer Wiese, die besät war mit tausend farbenen Tupfen, die lichten Gewänder eines Mädchens. — Magdalena saß unbewegt gleich ihm, der er lauschend stand. Sie hatte
Pfingstmorgen.
Cs schlief das Tal, Es schwieg der Wald. Die Höhen nur im fernen Osten Umkreist' ein schwaches Licht. Doch sieh! Nun rötet sich's. Und eine Flamme schießt vom Berge! Aufbrausend fährt ein Sturm daher, Unb Täler, Höhen brennen Im jungen Sonnenglanz.
Mit Flammen will der Geist Die Welt umblitzen. Daß sie, ein lodernd Opferfeuer, Sich heb' empor zu Gottes heil'gem Thron!
Oh, eine junge Sonne fei auch Du!
Rein, heilig, brünstig, hebe Dich empor, Und was in Dir fo nächtig, dunkel, tot, Erwach in Deiner Siebe neuem Morgenrot!
I. Endinger.
3« sibirischer Gefangenschaft.
$ Von Richard Hof, Eckweisbach.
Am nächsten Morgen erreichten wir eine Etappe, die ln 'chrer Art war. Der Ortskommandant, ein ”on dreißig Jahren, empfing uns am Eingänge orjes und begrüßte uns — wir trauten unfern nW — mit einem herzhaften „Grüß Gott!" Waren wir denn noch in Rußland?
kommandierte er: „Die Deutschen rechts V ’ , Der ganze Schwarm zog, uns er-
ftaunt anbhdenb, vorüber. Als er verschwunben war, fagte ber Russe zu nur: „Folgen Sie mit Ihren Leuen. Ich ha e für bie Deutschen ein befonberes Quar- her Herrichten lassen, bas beste, was wir im Dorfe Haven.
Wir waren höchlichst verwunbert, unb ich gab bem auch Ausdruck, worauf er entgegnete:
"AH habe in München unb Berlin ftubiert unb bort, befonbers in München, sehr schöne Zeiten verlebt. Ich liebe Deutschland unb bas deutsche Volk."
„Sie sehen mich erstaunt. Heute höre ich zum erstenmal, daß ein Russe keinen Haß gegen uns Deutsche
„Sie täuschen sich," erwiderte er. „Manche von uns denken wie ich. Aber wir dürfen es nicht zeigen. Es iü gefährlich kann uns an di, F^nt oder nach Sibirien bringen. Dorthin aber geht niemand gern." Mittlerweile waren wir bei unserem Quartier ange- lan9t.. Es war eine stattliche Scheune, die das dreifache unserer Zahl bequem gefaßt hätte. Der Boden war mit in?*» i° hohen Schicht Stroh bedeckt, daß uns das Herz Leibe ladjte. Doch ber Russe fragte, • ob es ausrei» q n° fei unb fügte trotz meiner Bejahung hinzu:
»y toiu doch noch ein paar Wagen voll herschicken." fetbsVr Einwanb war vergeblich. Es mürben noch mir un lrf,eIabcne Wagen von Stroh angefahren, baß ®ie h °rin vergraben konnten.
Sebnnhr °r Empfang, so waren auch Verpflegung unb leufe ri/ett^ ®ie Russen, Solbaten wie Dorf«
C1ferten gerabezu in Liebesbezeugungen. Jrn
Laufe bes Abenbs tarnen sie mit Eimern vollGurken unb Aepfeln, mit gekochten Eiern unb Brötchen; ja, selbst Zigaretten mürben unter uns verteilt. Wir fühlten uns rnie im Schlaraffenlanb.
Als ber Sommanbant am Abenb noch einmal erschien, fragte ich ihn, ob mir nicht eine Anzahl Mäntel bekommen könnten, roeil viele ohne einen solchen mären unb unter ber Nachtkälte schon empfinblich litten. Er bebauerte, in biefer Beziehung nichts tun zu können. Er habe hunbert Mann unter seinem Kommanbo, aber nur bie Hälfte fei mit Mänteln ausgerüstet. In Kiew würben wir aber alles bekommen: Mäntel, Wäsche, Schuhe.
Beim Abmarsch am nächsten Morgen erschien er roieber unb zwar in einem kleinen, zweiräberigen Korbwagen unb übernahm bie Führung zur nächsten Etappe. Sobalb mir bas Dorf verlassen hatte, sollte ich bei ihm im Wagen Platz nehmen. Doch ich lehnte bas freunb- liche Anerbieten ab unb ging neben feinem Wagen her.
Wir sprachen zunächst über ben Krieg, boch schien ihm biefes Thema nicht befonbers zu behagen. Er kam bald auf Deutschlanb zu sprechen unb erinnerte sich mancher Orte. Vor allem schien ihm Heibelberg gefallen zu haben, benn immer roieber brachte er bie Rebe barauf.
Als nach einer Stunbe bie bei ben Russen übliche „Rauchpause" gemacht mürbe, währenb ber bie Russen eine Zigarette rauchten, hallte ich ein paar Kameraden herbei unb mir fangen ihm bas Sieb vom Zwergen „Perkeo" unb bem Heibelberger Faß. Cr hörte mit strahlenbem Gesicht zu unb versuchte selbst mitzusingen, was aber nicht recht gelingen roollte.
Als es weiter ging, blieb er zurück unb gebot uns basfelbe. Sobalb ber Zug eine Strecke entfernt war, sah er uns ber Reihe nach schmunzelnd an und sagte: „Das war mir eine große Freude." Darauf holte er aus bem Kasten unter bem Wagensitz eine große Flasche hervor, bie solange bie Runbe machen mußte, bis ber letzte Tropfen bes guten Branntweins verschwunben mar.
Er selbst versank balb darauf in sanften Schlummer, mährend mir auf unsicheren Beinen, aber in ausgelassener Stimmung hinter bem Wägelchen herbummelten.
Erst kurz vor dem Ziele des Tages holten mir, roieber nüchtern geroorben, unsere Gefährten ein unb mußten allerlei anzügliche Rebensarten über uns ergehen lassen. Ich glaube aber, jeher von ihnen wäre gern an unserer Stelle gemefen.
Das soeben erwähnte Tagesziel bot einen fremb- artigen, aber ungemein malerischen Anblick.
Vor uns lag eine Mulbe, burch bie sich ein Fluß in mehrfachen Winbungen hinzog. Sumpflanb mit glitzernden Wasserlachen unb breiten grünen Schilfbändern, über denen braune Blütenbüschel wehten unb schwere Rohrkolben starrten, breitete sich aus. Eine lange, altersbraune Holzbrücke führte über Sumpf unb Fluß zur Stabt hinüber, bie sich an bie Hänge bes hohen Ufers lehnt. Reizvoll hoben sich bie roten Blechbächer von bem grünen Orunbe unb ben fdjimmernben Wasserspiegeln ab. Erhöht würbe bie Farbenpracht burch ein burgähnliches Bauwerk, bas sich über bie Stabt erhob. In blenbenbem Weiß ragten gewaltige Mauern empor, von mächtigen Strebepfeilern gestützt, von Zinnen gekrönt, von Schießscharten burchbrochen. Unb über all bem ein wolkenloser Himmel im reinsten Blau.
Auf ben Namen biefes malerischen Ortes kann ich mich nicht mehr mit Sicherheit entsinnen; ich glaube aber, baß er „Chmelnik" hieß.
Kaum hatten wir bie Brücke überschritten unb stiegen ben Burghof hinauf, so strömten bie Bewohner bes Stäbtchens massenhaft herbei. Sie hatten wohl schon manche Schauermär von ben beutschen Teustln gehört, aber noch nie einen solchen zu Gesicht bekommen; denn wir waren ber erste Gefangenentransport, ber durch jene Gegend kam. Nun standen sie da mit offenem Munde unb großen Augen unb konnten nicht begreifen, baß wir wie Menschen aussahen.
Als wir uns bem Burgtore näherten, quoll eine neue Menschenmenge aus bem Burghofe heraus, in- besten sich alle Fenster mit Köpfen füllten. Zu unserem Erstaunen waren es biesmat nur Juden, so daß sich die Vermutung aufdrängte, bie Burg fei eine Art Ghetto. Mit Rufen unb Winken würben wir lebhaft begrüßt unb mit einem Regen von Zigaretten unb Süßigkeiten überschüttet. Liebesgaben im feindlichen Rußland. Was mag diese Menschen, denen wir doch in jeder Hinsicht
so fremd waren, dazu bewogen haben? Vielleicht die zage Hoffnung auf Befreiung durch unsere fernen Brüder von dem Joch, bas schwerlastenb feit Jahrhunber- ten auf ihnen lag? Ich weiß es nicht.
Das (Etappenlager lag jenseits ber Burg. Der Kommandant, ein alter Oberst, empfing uns in ber Mitte eines freien Platzes, ber von Bretterbaracken umgeben war. Währenb unser Führer seine Melbung machte, betrachtet ber Oberst neugierig unfern Zug unb befonbers interessiert unsere beutsche Gruppe. Wir würben bann roieber nach Nationen getrennt unb in verschie- benen Baracken untergebracht. Ich selbst würbe bem Kommanbanten vorgestellt, unb es entspann sich eine längere Unterhaltung, wobei unser seitheriger Führer ben Dolmetscher machte. Das Gespräch drehte sich hauptsächlich um ben Krieg. Dabei befunbete ber alte Herr ein befonberes Interesse für Einzelheiten. Als ich im Laufe ber Unterrebung erwähnte, baß ich auch schon im Westen gekämpft hatte, konnte er nicht genug über ben Schützengrabenkrieg hören. Mit großer Spannung folgte er ber Schilberung, bie ich von ber Sprengung am 15. Mai vor Ville für Tourbes gab. Aber ich hatte bas Gefühl, baß er eine solche Art ber Kriegführung für unmöglich und meine Darstellungen für Phantasie- gebilbe hielt.
Dann kam das Gespräch auf uns selbst und unsere Lage, unb ich benutzte bie Gelegenheit, etwas für uns herauszufchlagen. Wie ich balb merkte, war vor bem nächsten Morgen keine Verpflegung mehr rn erwarten. Deshalb bat ich bringenb, wenigstens etwas Brot verteilen zu lassen. Er überlegte unb hatte bann mit unserem Führer unb einem brüten Offizier eine lange Beratung. Das Ergebnis war, baß nach einiger Zeit einige Wagen voll Weißbrot unb Wurst ins Lager tarnen unb zum Verkaufe ausgeboten würben. Weil aber niemand mehr Geld hatte ober es nicht zeigen wollte, so fuhren bie Wagen roieber ab, wie sie gekommen waren. Darüber war niemand mehr enttäuscht als ber gute Oberst, ber (ebenfalls ein gutes Geschäft für bie eigene Tasche erwartet hatte. Als er barüber sprach, erzählte ich ihm, wie grünblich seine Sanbsleute uns ausgcplihbert hatten. Er aber schien barin nichts Besonbere» — linden. Bevor er mich entließ, drückte er ben W aus,