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Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Mr. 112

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Sonntag, 15. Mai 1932.

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lakg. 59.

Dennoch!

Von Josef I o o s, M. d. R. >

Die Reichsregierung Brüning ist aus den Stürmen und Mißtrauenattacken siegreich hervor­gegangen. Der Reichstag ging unter Krawall auseinander. Die Nationalsozialisten sind nach einem kleinen Anlauf zu sachlicher Arbeit jäh in Unsitten von gestern zurückgefallen eine Enttäuschung für diejenigen, die es sich anders vorgestellt und in Zusammenhang mit ihrem neuesten Wahlsieg sichtbare Fortschritte zurDer- antwortungsbereitschaft e _ o.st hatten. So durch­schreiten wir mit zwiespältigen Gefühlen die Schwelle zum Fest des Geistes.

Das deutsche Volk ist schwerer erkrankt, als man von außen sieht und von innen zugeben mag. Unser Volk leidet physisch. Wir leiden viel­leicht noch mehr seelisch.Deutscher Geist in®e» jähr!" So lautet der Notruf eines Mannes wie Robert Curtius. Was unter Zusammenbruch und Krisen aller Art in einem Teil der neuen Generation aufgekommen man kann nicht sagen gewachsen, was von dem aus seiner geistigen Haltung herausgeratenen Bürgertum ermutigt worden, ist U n g e i st, den nur noch eine dünne Wand von einem letzten Absturz trennt. Es erleben falsche Frucht diejenigen, die geistiges und politisches Unkraut gesät, und es ernten Sturm, die Wind angefacht haben. Wenn Wur­zellose an das Irrationale appellieren, so wird Unvernunft, Untervernunft und noch weniger daraus. Wenn irgendwie halt­los Gewordene Führertum markieren, wird nicht Persönlichkeit, sondern Massenmensch, oben und unten. Ist nicht der revolutionäre Nationalismus bei uns so weit? Ist er nicht ausgezogen, um Liberalismus zu bekämpfen und endet er nicht Revolutionarismus ohne Ende? Im Blitzlicht von Reden, Situationen, Gewalttätigkeiten ist das alles sichtbar geworden in den letzten Tagen der Reichs­tagsverhandlungen.

Die Wahrhaftigkeit erfordert das Eingeständ­nis, daß in diesen letzten Tagen der parlamentari­schen Verhandlungen geistige Auseinandersetzun­gen von der Mitte und von links unternommen und vom revolutionären Nationalismus mit stump­fem Nichtoerstehen quittiert worden sind. Aus der Rede des Kanzlers sprach tiefer, echter natio­naler Wille. Er hätte ein dröhnendes und weit- hin hallendes Echo finden müssen. Die Rechte konnte sich zwar dem Banne dieser Rede nicht entziehen... Dennoch verschloß 'fie Ohr und Herz. Als ob sie nicht hören wollte. Hier liegt die Schwäche des Augenblicks. Es ist so, wie der Bonner Romanist Curtius es formuliert: leider scheint es in Deutschland so zu liegen, daß das Nationale nie selbstverständlich sein kann. Wer sich national nennt, müßte doch wohl das Ganze der Nation und ihrer Erbgüter bejahen. Aber hier klafft der Gegensatz auf. Unsere jungen Nationalisten wollen denMythos der Nation", auch wenn dabei alles geopfert werden muß, was in tausend Jahren den Grund, den Bestand, das Bewußtsein und das Erbe der Nation ge­bildet hat. Eine solche Gesinnung ist revolutionär weit mehr als national. Diese Gesinnung führt m die Front gegen den Geist. Sie fördert nicht die nationale Sache. Sie stößt deutsche Art in das revolutionäre Chaos.

Wo sind die Schuldigen? Wer hat zu die» ier grenzenlosen Verwirrung des Zeitgefühls bei­getragen, zu dieser Unfähigkeit, die naturgesetzten Stufen der Lebensalter mit dem ihnen zuk'ommen- oen sinn zu erfüllen, diese verkrampfte Einengung des Blickes auf die flüchtige Sekunde, diese Ent­wertung von Vergangenheit und Zukunft? Die wilhelminische Vorkriegszeit? Weltkrieg und Zu­sammenbruch? Veriaillervertrag? Na-hkrieaspo- utik. Liberalismus? Marxismus? Die Väter Un< derer, die sich heute anschicken. Heimat und Vaterland in Brand zu stecken, weil sie nichts anderes wissen und können? Suchen wir nicht nach Schuld! Sehen wir auf 6 i e Gefahr der ®egenffiarf. Blicken wir auf das zu leistende Werk. Im Kreislauf der Natur folgen sich Wer- ""...^ergehen, im organischen "Leben steiat und Säften das Neue empor. Es ist i*.rf?"L 9efleben die Natur zu verkehren. U" Ä? ^gen ihre Geseke zu hadern, statt ^s,,um 2uett und zur Bauvrundlaqe von Lebens- h?? Sninrrr*5erf,rabKn9 3U machen. Etwas von ÄrnmJ J ftö ®e?<«njen. und Svrachenver- 'n die Welt gekommen und b-iiirv-n ut0Te11 "ekangen bis zum

heutigen Taa Wir fef^n die M-k-na-n um uns her und lenseits der Grenzen. Nock isi es Seif.

'3fei-- dusi neuer Geist siegreich durch- bri^ . ^ch 'st es nicht zu spät, weder bei uns, noch bei den anderen Volkern. Noch sind die Tore der Seele weit geöffnet, bei den Völkern sicher­lich noch mehr, als bei den Staatsmän­nern. An uns aber liegt zu erkennen und zu tun, was uns zufällt. Das deutsche Volk geht ei­nen harten und steilen Weg. Es muß ihn gehen. Es gibt keinen anderen. Wir überschreiten einen Paß im beschwerlichen Gebirge. Und drüben liegt neues Schicksal. Wir kommen hinüber, dennoch und trotz aller Hindernisse, wenn wir nicht nur die Nerven behalten, wenn uns Gaben des heili- 8°n Geistes zufließen: In wahrer Erkenntnis Gegenüber Verworrenheit, im inneren V e r st e h en Estelle geistiger Verstocktheit, in ehrlichem W i l - zur Gemeinsamkeit, wo heute noch nte Abweisung, in der Kraft zur Einord» la 91 wo eigensinniges Nichtwollen sind- Noch s V" auch zu einem P f i n g st f e st p o l i t i» e' ft e s als Ziel und Kraft für unser und $olt- Nur in der Erneuerung des Geistes Unf aus dem Ungeist der Gewalttätigkeit wird

1 r Zukünftiges nationales Leben.

Köpfe in der Krise.

Der bleibk wer geht wer kommt?

Kein Zweifel, daß die beispiellosen Vorgänge des Donnerstagnachmittag im Reichstag eine lange verhaltene Spannung zur Auslösung und den Beginn des Gestaltswandels der Reichsreqie- rung gebracht haben, der kaum so lange aufge­schoben worden wäre, wenn nicht die Autorität des Reichskanzlers bis jetzt den Zusammenhalt der Dinge in ihrem bisherigen Bestand durchge­setzt hätte.

Brüning ist und bleibt ganz offenbar der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht. Was ihn, seine persönliche Autorität, seine politischen Absichten und Ziele betrifft, so darf er auch die letzte Reichstagsschlacht als für sich gewonnen re­gistrieren. Ja, die Mehrheit, die er bei der Ab­stimmung über die Mißtrauensanträge der Na- t'ionalsozialisten. Deutschnationalen und Kommu­nisten erzielt hat, geht über die bei den voran­gegangenen beiden entscheidenden Reichstagsab- stlimmungen noch um einige Stimmen hinaus, was angesichts der ungeheuerlichen Verschlechte­rung der wirtschaftlichen Situation besonders be­achtet werden muß. Am 26. Februar ds. Is. wurden die Mißtrauensanträge der Kommuni­sten, Nationalsozialisten, Deutschnationalen und Deutsche Volkspartei gegen das Gesamtkabinett Brüning mit 25 Stimmen abgelehnt; genau die gleiche Mehrheit erzielte Brüning bei der Ab­stimmung über die Mißtrauensanträge am 16. Oktober 1931. Diesmals waren es immerhin fünf Stimmen mehr.

Diese letzten Ergebnisse der Reichstagsschlach­ten, die Brüning hat durchfechten müssen, lassen sich zwar nicht vergleichen mit den Mehrheiten, die er früher erzielt hat, allein sie liefern doch immer noch den deutlichen Beweis dafür, wohin in entschidenden Momenten die Wagschale sich neigt. Als sich Reichskanzler Brüning im Juli

General Freiherr v. Hammerstein-Equord.

Chef der Heeresleitung.

1930 zum ersten Mal entscheidend mit dem Reichs­tag auseinandersetzen mußte, erzielte er zwar per­sönlich am 17. Juli mit 244 gegen 59 Stimmen bei 151 Enthaltungen bei der Abstimmung über die Mißtrauensanträge gegen das Gesamtkabinett einen starken Erfolg, doch blieb er am Tage dar­auf, am 18. Juli 1930 in der Minderheit, als der Reichstag den sozialdemokratischen Antrag auf Aufhebung der Notverordnung mit 236 gegen 231 Stimmen annahm. Der Erfolg war die Auf­lösung des Reichstages und die Neuwahlen am 14. September. Mit diesem neuen Reichstag mußte sich Brüning am 18. Oktober 1930 zum ersten Mal messen, wobei sich eine Mehrheit von 82 Stimmen für ihn ergab. Bei der nächsten Reichstagsabstimmung, am 6. Dezember 1930 verringerte sich seine Mehrheit dadurch, daß die Wirtschaftspartei zur Opposition übertrat, auf 35 Stimmen. Am 7. Februar 1931 erhielt Brüning wieder «ine erhebliche stärkere Mehrheit, weil sich zahlreiche Mitglieder der Wirtschaftspartei und der Landvolkpartei der Stimme enthielten. So wuchs die Mehrheit, mit der der Reichstag die Mißtrauensanträge gegen das Gesamtkabinett ab­lehnte auf 72 Stimmen.

Des Reichswehr- und Innenministers G r o e- n e r Schicksal möchte man insofern als ein tnpi- sches politisches Schicksal bezeichnen, als sich seine Bewertung als Minister grundsätzlich verändert, ja umgekehrt hat, ohne daß seine Betätigung sich irgendwie gewandelt hätte. Als Reichspräsident von Hindenburg den Generalleutnant a. D. und Reichsminister a. D. Groener am 20. Januar 1928 zum Nachfolger Geßlers machte, waren eigentlich alle Parteien von rechts bis links sich darüber einig, daß er einer der intelligentesten und erfolgreich st en Offiziere der al­ten Armee gewesen sei, und daß gerade auf ihn und sesne Tätigkeit das klassische Wort des Generalstabschefs, Grafen Schlieffen, zutreffe- Generalstabsoffiziere haben keinen Namen." Groener ist sich in den Jahren seiner Minister­schaft treu geblieben. Umso schmerzlicher wird es für ihn fein, so ganz persönlich im Rampenlicht der jetzt ausgefochtenen Kämpfe haben stehen zu müssen. Man darf nicht verschweigen, daß persön­liche nicht etwa charakterliche Mängel dar­an schuld sind. Die Begabung Groeners, reprä­sentativ in der Oeffentlichkeit tätig zu sein, ins­besondere als Redner, ist, gelinde gesagt, nicht sonderlich ausgeprägt und starken Schwankungen unterworfen. So hatte er in der Reichstags­sitzung vom Dienstag ganz offenbar einen beson­ders schwachen Tag, so daß es ihm nicht gelang.

keinen Standpunkt mit dem nötigen Nachdruck, der erforderlichen Ueberzeugungskraft und dialek­tischen Geschicklichkeit zu vertreten. Leicht mög­lich, daß dieser Eindruck es war, der die letzten Hindernisse zu seiner Beseitigung als Wehrmini­ster gejährt hat, obschon sein Standpunkt selbst, wie gesagt, unverändert geblieben ist.

Aller Wahrscheinlichkeit nach wird die Be­schränkung auf ein Ministeramt. nämlich auf das des Innenministers, ihn imstand setzen, sich der Fürsorge für die deutsche Jugend ganz besonders anzunehmen. Sowohl nach der Bildung des Ka­binetts im Oktober vergangenen Jahres, wie an­läßlich der Auflösung der SA.- und SS.-Organi- fationen der NSDAP, hat Groener unterstrichen, daß das Wohl und Wehe der deutschen Jugend, die Linderung der leiblichen und seelischen Nöte der jugendlichen Erwerbslosen ihm besonders am Herzen liege. Er hat es bei beiden Gelegenheiten tief beklagt, daß die organisatorischen Möglichkei­ten und die Geldmittel für diese Aufgabe zu ge­ring seien, um wirklich wirksame Maßnahmen zu ermöglichen. Wird es ihm jetzt gelingen, in der neuen, mehrfach angekündigten Form eine Or­ganisation für die Bewältigung dieser Ausgabe zu schaffen? Wenn man künftig einmal diese Frage wird bejahen können, so wird man voraussichtlich nicht mehr bedauern müssen, daß ihm der schwe­rere Teil seiner bisherigen Amtsbürden abgenom­men worden ist.

*

Generalleutnant Kurt von Schleicher, Chef des Ministeramtes im Reichswehrministerium und bisher Groeners rechte Hand, muß unzweifelhaft als eine der umstrittensten aller gegenwärtig im Vordergrund des politischen Geschehens stehenden Persönlichkeiten gelten. Schon vor fast andert­halb Jahrzehnten arbeitete dler junge General­stabshauptmann mit dem Manne zusammen, der bis heute fein Ches war, mit General Groener. Schon im Jahre 1928 zog Groener seinen alten Helfer wieder zur Mitarbeit heran, wobei Schlei­cher drei runde Dutzend Vordermänner im Avance­ment übersprang, was ihm natürgemäß nicht ge­rade viel Liebe eingetragen hat.

Unbekümmert darum hat sich Generalleutnant von Schleicher in dem Amt eines politischen Staatssekretärs im Reichswehrministerium eine außerordentlich starke und weittragende Position geschaffen. Mag an den Vorwürfen, die in die­sen bewegten Zeiten gegen ihn geschleudert wur­den, sein, was mag. Sicher ist, daß er bei aller politischen Aktivität sich noch niemals unvorsich­tig exponierte, obwohl er sich der delikatesten Aufgaben unterzog. Bei ihm frühstückten Brü­ning und Hitler, er hat die Aussprache zwischen dem Kronprinzen und dem Kanz­ler in die Wege geleitet. . . Schwierigere Auf­gaben konnte es in dieser Zeit kaum geben. So bleibt sein Charakterbild zwar noch verschwom­men hinter den Gerüchten über seine sonstige Betätigung hinter den politischen Kulissen, allein sicher ist. daß ibn an Geschicklichkeit, Wendigkeit und politischem Takt kaum einer seiner engeren Kollegen übertrifft. Offen bleibt vorläufig die ^crage, welches seine eigentlichen politischen Ab­sichten und Ziele sind.

Der Name des Generalmajors Freiherr von Ha mmerstein-Equord darf im gegen­wärtigen Augenblick nicht fehlen, wo die Namen Groener und Schleicher genannt werden. Frei­herr von Hammerstein wurde am 1. Oktober 1929 zum Chef des Truppenamts im Reichswehrmini­sterium und ein Jahr später zum Nachfolger des Generalobersts Hene zum Chef der Heeresleitung ernannt. Er entstammt einer offen Soldftten- familie und arbeitete sich rasch in den großen Ge­neralstab hinauf, um nach Kriegsende als Major in die Reichswehr übernommen zu werden. Seit 1925 wurde feine Tätigkeit stärker politisch be­stimmt, denn als Oberst und Chef des Stabes des Wehrkreises ITT Berlin fiel ihm die Aufgabe zu, die Reichswehr in politischen Prozessen, so im Buchrucker-Pro- und in den sogenannten Fememordprozeß zu vertreten. Die Ausgabe, die er hier zu erfüllen hatte, war keineswegs einfach, allein er durfte sich stets stützen auf das unein­geschränkte Vertrauen seiner mittelbaren und un­mittelbaren Vorgesetzten und Kameraden, das ihn dann auch in die enge politische Zusammen­arbeit mit dem Reichswehrminister Groener und dem Ches des politischen Staatssekrefariats im Reichswehrministerium. Schleicher, brachte, die, ohne daß er sonderlich aktiv irgendwie hervor- trat, die Veranlassung dazu gab. daß sein Name ftänhig in Verbindung mit dem Schleichers und schließlich nicht mehr mit, sondern zumeist in ge­gensätzlichem Sinne zu dem Namen seines Mini­sters Groener genannt wurde.

Dies sind die Namen derer, die gegenwärtig im Rampenlicht der politischen Bühne stehen. Noch läßt sich nicht sagen, wie schließlich der eben begonnene Gestaltenwandel sich fortsetzen und wie er enden wird. Aber es ist notwendig, sich von den darin eine entscheidende Rolle spielenden Per­sönlichkeiten ein wenigstens annähernd zutref­fendes Bild machen zu können, mag sich schließ­lich ihre Rolle auch anders darstellen. als man es bisher vermutet hat und vermuten konnte.

Aufgelöste Demoustrakiou.

rotb. Berlin, 14. Mai. (Eig. Meld.) Ein vom Kriminalgericht ausgehender Demonstrationszug von etwa 30 Nationalsozialisten wurde gestern nachmittag polizeilich aufgelöst; 22 Teilnehmer wurden festgenommen.

Geheimrat kahl gestorben.

Geheimrat Prof. Dr. Kahl ist Samstag mittag 1 Uhr in seiner Berliner Wohnung im Alter von 83 Jahren gestorben.

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Geheimrat Prof. Dr Wilhelm Kahl, der welt­berühmte deutsche Rechtslehrer und Politiker, war an einem Bronchial-Katarrh erkrankt. Am Freitag trat eine wesentliche Verschlimme­rung ein. Dr. Kahl versammelte seine Familie um sich, da er selbst die Verschlimmerung in seinem Gesundheitszustand empfand, und nahm von feinen Angehörigen Abschied. Seit Freitag abend lag er ohne Bewußtsein.

Geheimrat Kahl war ein edler deutscher Mensch, der bis in fein hohes Greifenalter der Nation mit Hingebung gedient hat. Er war wohl

einer der letzten Vertreter des Liberalismus, die ihrer Geistesrichtung wirklich Ehre machten, aber den Verfall dieser ganzen Weltbetrachtung nicht mehr aufhalten konnten.

Dr. Kahl stammte aus Klein-Heubach in Unterfranken. Er. studierte Rechtswis­senschaften und habilisiert« sich 1861 an der Um« verfität München, lieber die Universität« Ro- stok, Erlangen und Bonn kam Prof. Kahl m die Universität Berlin, wo er feit 1895 wirkte und im Amtsjahr 1908/09 das Rektorat bekleidet«. In feiner staatsrechtlichen Praris hatte Prof. Kahl u. a. große Erfolge in dem von 1891 bis 1905 laufenden Lippe'fchen Thronfolgestreit, was ihn in freundschaftliche Beziehungen zur Familie des Fürsten von Bismarck brachte. 1919 ge­hörte er der Nationalversammlung in Weimar als Mitglied der Deutschen Volkspartei an, seit 1920 ununterbrochen dem deutschen Reichstag. Er war der älteste und angesehenste Strafrechtslehrer Deutschlands. Im Reichstag trat er besonders bei der Beratung des neuen Strafgesetzentwurfes hervor Bekannt ist feine Stellungnahme zur Todesstrafe, die mehrfache Wandlungen d^rchge- macht hat.

Am Groener.

lieber die eigentlichen Ursachen des Rück­tritts des Reichswehrministers ist eine lebhafte Aussprache im Gange. Dabei wird allgemein fest- gestellt, daß die in der amtlichen Mitteilung an­gegebenen Gründe über den Wechsel im Reichs- mebrminifterium nicht ausreichend sind. Verschie­den lauten nur di« Urteile über di« Rolle, di« der Generalität beim Sturz des Ministers Groener zugeschrieben wird. Eine amtlich« Er­klärung bezeichnet die Meldung, die Chefs der Heeres- und Marineleitung hätten in dieser Sache einen Schritt beim Reichskanzler unternom­men, als unrichtig. Auch von anderer Seite wird bestätigt, daß die Herren Hammer st «in und R a e d e r tatsächlich an der Aktion gegen Groener nicht beteiligt gewesen sind. Nicht bestritten wird dagegen die Meldung, daß an« de r« Persönlichkeiten im Reichswehrministerium, vor all°m der Leiter des Ministeramts, General von Schleicher, bei Groener und den maß­gebenden Reichsstellen vorstellig geworden sind. Der Rücktrit des Reichswehrministers steht mit diesen Schritten in unmittelbarem Zusammen­hang. Es wird allerdings von halbamtlicher Seite darauf verwiesen, daß Groener bereits vor etwa zwei Monaten den Reichspräsidenten habe wissen lassen, es sei seine Absicht, sich von seinem Posten als Reichswehrminister zurückzuziehen. Richtig dürfte sein, daß Groener sich mit solchen Absichten getragen hat, der Zeitpunkt aber ist ihm von anderer Seite sozusagen vorgeschrie­ben worden. Ein ganz freiwilliger Rücktritt wäre in diesem Augenblick nicht zu verstehen ge­wesen. Die Demissionsabsichten des Reichswehr- ministers in dem Augenblick bewußt bekannfzu- geben, wo durch Vorgänge im Reichstag die Ner­ven aufs äußerste angespannt waren, wäre eine schlechte Regie gewesen.

Reichspräsident von Hindenburg traf in Be­gleitung feines Sohnes, Oberst von Hindenburg in Rosenberg (Ostpreußen) ein und begab sich nach kurzem Aufenthalt mit einem Kraftwagen nach Neudeck.