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Beilage zur Fuldaer Zeitung

Nr. 106

A/ILS

s. Mal

Der Mutter Rosenkranz.

Er blieb, Vermächtnis deiner Mutterhand, Wie ein lebendiges Wort von dir zurück. Dein Beten, Lieben, Sorgen ist gebannt Im Glanze seiner Perlen Stück um Stück.

Ich sehe deine welken Finger gehn

Don einem Ave zu dem andern hin, Als könnt ich auf den Grund der Seele sehn. Reiht sich an ihnen deines Lebens Sinn.

Sie blühn wie Rosen mir im Beten auf.

Sie düsten deine Liebe, Mutter du,

Sie ziehn an Ketten mich zu Gatt hinauf, Sie beten alles Leid in mir zur Ruh.

Martha Große.

Allerhcttigsles der Liebe-.

Zum Muttertag am S. Mai.

Die Mutterliebe ist ein Mysterium, sie ist es durch ihre Reinheit, ihre Selbstlosigkeit, ihre völlige, rück­haltlose Hingabe, sie ist es durch die innigen, zarten geheimnisvollen Beziehungen zwischen der Mutter, die das Leben gibt, und dem Kinde, das es erhält. Schenkendors hat Recht, wenn er von demAllerhei­ligsten der Liebe" spricht. Rur mit heiliger Scheu wagt sich der Menschenmund an dieses Mysterium her­an, und selbst der Dichter spürt das Unvermögen, ihm gerecht zu werden. Es ist außerordentlich bezeichnend, daß eine ganze Reihe von Gedichten, die Mutter und Mutterliebe verherrlichen, es nur bis zu diesem Einge­ständnis des Unvermögens bringen. So singt Annette v. Droste-Hülshoff:

An meine Mutter

Ich hätte gern ein schönes Lied gemacht von deiner Liebe, deiner treuen Weise; die Gabe, die für andre immer wacht, hätt ich so gern geweckt zu deinem Preise.

Doch wie ich auch gesonnen mehr und mehr, und wie ich auch die Reime mochte stellen, des Herzens Fluten wallten drüber her, zerstörten mir des Liedes zarte Wellen.

So nimm die einfach schlichte Gabe hin, von einfach ungeschmücktem Wort getragen, und meine ganze Seele nimm darin!

Wo man am meisten fühlt, weiß man nicht viel zu sagen.

Vielleicht noch schöner drückt M ö r i k e es aus:

An meine Mutter

Wehe! . Don al! den Liedern nicht eines gilt Dir, o Mutter!

Dich zu preisen, o glaub's, bin ich zu arm und zu reich.

Ein noch ungesungenes Lied, ruhst du mir im

Busen,

Keinem vernehmbar sonst, m i ch nur zu trösten bestimmt.

Wenn sich das Herz unmutig der Welt abwendet und einsam seines himmlischen Teils bleibenden Frieden bedenkt.

*

Dasselbe Gefühl des Ungenllgens spricht endlich aus dem Gedicht Schenkendorfs:

Mutterliebe!

Allerheiligstes der Liebe!

Ach, die Erdensprache ist so arm! O vernähme ich der Engel Chöre, Hört ich ihrer Töne heilig Klingen, Worte der Begeisterung wollt' ich fingen: Heilig, heilig ist die Mutterliebe!

Annette von Droste-Hülshoff scheit recht zu behal­ten, wenn sie erklärt, daß der Ueberschwang des Ge­fühls des Liedes zarte Wellen zerstöre. In den meisten Gedichten und Liedern, die die Mutterliebe zum Gegen­stand haben, spürt man, wie die Worte versagen, wie die Form des Liedes zerbricht: etwas wie ein Stam­

meln fast macht sich bemerkbar, es sind nicht eigentlich schöne" Gedichte, die der Mutter geweiht sind.

Hören wir Carmen Sylva:

Mutter.

Der schönste Laut im Erdenrund, Das schönste Wort im Menschenmund Ist Mutter!

Ja, keines ist so tief und weich. So ungelehrt gedankenreich Als Mutter!

Und hat es wohl so tiefe Macht, Weil es von Kinderlippen lacht: Die Mutter!

Weil es aus Kinderaugen winkt.

Weil es in Kinderherzen singt: Die Mutter!

Ja, wem auch dieses Wort erklang,

Hat hohe Würde lebenslang, Als Mutter!

Und die's besessen und entbehrt. Der ist das Erdengluck verwehrt, Der Mutter!

Gewiß, auch dies sind keine schönen Verse, keine voll­endete Poesie. Und doch spürt man aus all den Ver­sen, die die Dichter der Mutterliebe gewidmet haben, heraus, wie tief ergriffen sie von diesem Mysterium sind. Steht doch auch literarhistorisch fest, daß gerade bei den Dichtern die Verbindung mit ihren Müttern meist besonders innig gewesen ist. Man denke an Goethe, Schiller, Herder, Novalis, Kerner, besonders auch an Lenau, der seinem Schmerz um den Verlust der Mutter in den ergreifenden Versen Ausdruck gab:

Mensch, du, flieh mit deinem Schmerz An die heimatlichste Stelle,

An des Trostes reinste Quelle, Flüchte an das Mutterherz! Doch die Mütter sterben bald; Hat man dir begraben deine, Flüchte in den tiefsten Wald Mit dem wunden Reh und weine!

In ähnlicher Weise preist Immermann bas Mutterherz als die letzte und sicherste Zufluchtsstätte:

Wenn olle Welt den Armen läßt. Und wenn kein Herz ihm bliebe, Am ew'gen Himmel stehst du fest, Stern heil'ger Mutterliebe!

Und ebenso Elsa Laura von Wolzogen:

Einer Mutter Herz

Ist eine Wiege für jeden Schmerz, Ist eine Schale aus Diamant, Geformt von einer Schöpserhand.

Darinnen stolz gebettet ruht Der Mutterliebe heil'ge Glut, Die alles kann und alles zwingt, Die lächelnd taufend Opfer bringt.

Auch in der sonstigen Literatur, im Drama, im Ro­man und in der Novelle, gibt es seltsamerweise nur sehr wenig Werke, welche das hohe Lied der Mutter­liebe fingen. Im Gegenteil, saft kann man beobachten, daß die Mutter in ihnen in den Hintergrund gedrängt, wohl gar auf die negative Seite gestellt wird. Das hängt natürlich damit zusammen, daß die Literatur im allgemeinen recht ausgesprochen nach der Jugend hin­neigt; die Jugend hat bei ihr recht und ist ihr Held. Die Geschlechterliebe dominiert infolgedessen, und wo dies der Fall ist, da muß die Mutterliebe wiederum be­scheiden und selbstlos in den Hintergrund treten.Es ist der Mütter Los: zu geben, ohne zu empfangen."

R.

Einer toten Mutter.

Don Heinz Hart.

Es ist Lenz geworden und wieder Mai. Mutter, in unserem Garten daheim im verwitterten Mauerwinkel prangt wieder in Farben und Dust unser alter Flieder­busch und über all unsere ältesten Bäume hat wieder diese Zeit ihre frühlingsweißen und rofa Schleier ge­breitet. Mutter, das waren doch stets deine schönsten' Tage und Stunden, an denen du dich so sehr der gol­denen Sonne freutest!--

Unsere schönsten und liebsten Gedanken an dich, an unsere Kindheit und erwachende Jugend können nie­mals verwunden und nie vergessen sein . . . Fast war es ja doch deine eigene selige Kinderzeit.

So war unsere Mutter fast wie ein Mädchen zart und fein. Und so wird sie wohl leben auch in der schön­sten und tiefsten Erinnerung meiner Geschwister. Was mögen wohl ihre schmalen und schlanken Hände in em­sigster Arbeit ruhelos, nimmermüb, immerzu uns Kin- bern Liebes getan, gebracht unb gegeben haben! Vom ersten Tage bis zu jener Stunbe, ba sie gefaltet lagen vom letzten Gebet. Die schwarzen Perlen des Rosen­kranzes hoben sich ab von der schimmernden Blässe und es schien mir unfaßlich, daß diese Hände mich nicht mehr begrüßen und nie mehr umschlingen sollten. Diese Hände haben uns in den Schlummer gewiegt und zum ersten Male uns ins Licht der Sonne getragen, haben Kränzchen gewunden und uns damals zuerst die kleinen Händchen gefaltet. Diese Hände haben für uns von früh bis spät im Hause geschasst und getan, haben un­sere kindlichen Schmerzen gestillt und sich so immer um alles und jedes bemüht, was nur zu denken bleibt. Es ist schön und seltsam beglückend darum zu wissen, daß aller guten Mütter Hände in allen guten Kinderherzen so unvergeßlich und unvergänglich lebendig sind, wie mir die meinen.

»

Und dann ihren Mund---Dieses stumme Ge­

heimnis. Verschwenderische Zärtlichkeit, fröhlichster Ju­bel und summender Wiegensang, zitternde Sorge und

sanftmütig Mahnen und dann ein einzig demütig her­zenstiefes Gebet ihr ganzes Leben lang. Darum weiß ich von Anbeginn und besonders zuletzt, als damals ich wiederkam und ihre Lippen mit ganzer, gläubiger Seele Gottes Segen für meine letzte Arbeit ersteht und errun­gen hatten. So strömte von diesen Lippen Frohsinn und Lust, wie Sorge und Dank. Immerzu. Ich möchte mir denken, daß es zu keinen Zeiten je anders war. Im Frühlingslicht, im Sommerwind, in der späten Sonne des Herbstes. Man muß darum wissen, wenn man fein Herz so durch unsere Tage trägt.

*

Und ihre Augen? Wie mögen diese Augen fröhlich und voll verhaltener Freude geleuchtet haben, als sie mit unserem Vater ihren fraulichen Weg ins Leben so mutig und voller Vertrauen begann. Was kann ich wissen vom seltenen Glanz dieser Augen, als ich in ihrem Leuchten mein Leben begann. Als ich von diesen Lichtern behütet zum erstenmal kinderhaft zu ihr sprach, zum erstenmal stand unb zum erstenmal lief hin­ein in biefem Licht, bas mich bann nie mehr verlassen hat. Das- Licht biefer Augen war um mich in Freube unb Sorge, als ich bie ersten Spiele so unbeschwert sorg­los verspielt, bie ersten Wege zur Schule so zögernb beschritt unb im Licht biefer Augen zum erstenmal auch mein Bünbel schnürte, um Abschieb zu nehmen zu neuem Leben, fern in ber Frernbe. Dies Licht ist all biefe Zeit mit mir unb um mich gewesen unb hat auch stets alles gewußt, wenn ich freubevoll immer zurück zu ihm mich sehnte unb wieberkam. In allezeit stets gütig ver- stehenbem Strahl biefer Augen bin ich bann meine er­sten Lebenswege gegangen unb als ich in ihrer letzten Stunbe sie schließen wußte, ba warb mir so weh, weil ich bas Köstlichste biefer Welt wohl für immer verloren ljatte. Nun schauen sie nieber vorn Bilbnis in meiner Stube. Ich weiß unb bitte barum, baß sie auch heute in fernen Weiten über mir finb unb immer bleiben mögen.

Dickkopp.

Tiernovelle von Wilhelm Hochgreve.

Die Sonne lockte ihn aus bem Bau. Vierzehn Tage hatte es fast ohne Unterbrechung geregnet, brrr, nichts für Karnickel. Das einzig Gute an solchem Wetter ist, baß ba ber Jäger zu Hause bleibt. Dafür freilich strolcht bann bas Raubzeug mehr als sonst umher unb sucht bie Baue ab: Stänker, ber Iltis, Morbzahn, bas Großwiesel, unb Schlänglein, bas kleine Wiesel eine greuliche Ge­sellschaft.

So ein armes Karnickel ist überhaupt ein vielbegehr­tes unb barum leicht sterbliches Geschöpf. Dickkopp, ber Rammler von der alten Feldhecke mit dem großen Mutterbau, hat sich in der Sonne lang gemacht. Jetzt macht er sich krumm unb hoch unb stutzt unb leckt ben linken Löffel, an bem es ihn juckt. Ein Schrotkorn traf ihn ba, als er vor ben Hühnerjägern aus ben Rüben davonflitzen wollte unb ein Jüngling ihm weithin ben Schuß nachwarf. Die Schramme war schon heil, riß aber wieber auf, als er neulich vor bem Schäferhund in bie bichten Schwarzbornen flüchtete. So, nun jucki's nicht mehr. Dickkopp macht sich wieber lang unb läßt sich bie Sonne auf ben Balg scheinen, baß er glänzt. So müßt' es immer fein wie heute, Sonne unb Ruhe unb natürlich auch gute Aesung, wie Klee, Hafer, Rüden, unb im Win­ter wenig Schnee, wenig Frost unb grüner Roggen unb als Beikost unb zur Verbauung Dbftbaumrinbe. Fein bie Rinbe, von jungen Zweigen bejonbers. Aber eine ge­fährliche Sache. Vor zwei Jahren hätt' er sich besroegen beinahe erbrosselt in einer ber vielen Drahtschlingen, bie Feinb Mensch zwischen ben Latten bes Zaunes befestigt hatte, unb Weißblume, bas unvorsichtige Mäbchen so'n Karnickel hing bie nächste Nacht in ber meuchle­rischen Schlinge.

Freilich war ber Winter grausam. Die armen Kar­nickel hatten ihre Plage. Ueberall lauert Gesahr. Man weiß nicht, ob es bei Tag ober bei Nacht für sie schlim­mer ist. Denn auch unten im Bau ist nicht immer Sicher­heit, selbst am Tage nicht. Die Wiesel gehen viel bei Tage, ober ber Jäger läßt bas Frettchen ein, unb bann gibt es braufeen Knall unb Dampf, Leib unb Tob. Und im Busch hat man auch nicht lange Ruhe. Da treibt sich Mordzahn umher unb fein kleiner, aber ebenso gefährli­cher Vetter, unb im Herbst unb Winter stöckeln bie Jä­ger bie Büsche ab unb lassen an ben Hecken bie Hunbe suchen. Oben im Walb aber ist es noch schlechter. Aw schönsten ist es noch im Frühjahr unb Sommer im Selbe, wenn bie Halme hoch stehen. Das ist noch ber beste Schutz. Darum hatte auch Nagezahn, bie alte Häsin, seine Mutter, ben Notbau, in bem sie ihn mit sieben Ge­schwistern unb als ihr 68. Kinb setzte, im hohen Roggen, bem Dickkopp treugeblieben war, bis bie Sensen ritschten unb bie Mähmaschinen klapperten unb ber schöne Halm- walb hin war. Es rauscht über Dickkopp. Er öffnet bie Seher unb hebt ben Löffel. Sabbegabb ist es, bie alte Elster, bie eben in ben hohen Weifeborn einfällt.Gadde- gabbegabb", begrüfet sie Dickkopp. Alte Trätsche! benki ber unb geniefet, weiterdäsenb, bie wärmenbe Sonne. Was bie Olle alles weife, bas geht in keine Rübenmiete hinein. Eben erzählte sie, baß ber Forster Jungsüchse auf bem Hofe in feinem Zwinger hält; jetzt fällt ihr ein, bafe Schackscherack, bie junge Elfter aus bem Nest in ber hohen Gutspappel, sich im Pfahleifen gefangen habe unb elend zu Tode gekommen fei, und nun weiß sie zu er­zählen, bafe neulich zwei Rabenkrähen die eine habe sie nicht gekannt, aber die andere fei bestimmt bie Schwarzekoppen gewesen ein angeschweißtes Kanin­chen abgetan unb aufgefressen hätten. Das arme Tier!

önsMul- tlÜJI» kosmetische Fußpflege . P.ßpeidbaeh

_ Fernruf 2911. Fulda. KurPiüirsl-ensl-r.32. jSpreeteeik 8-12,2-6 Uhr,außer Montag vom.u.Som(tagnadi

3n sibirischer Gefangenschaft.

Von Richarb Hof, Eckweisbach.

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Don Wanbschmuck war nichts zu sehen. Nur in ber Ecke neben ber Tür hatten ein paar Silber unb Segen- stäube, bie ich aber bei der schwachen Beleuchtung nicht erkennen konnte, einen Platz gesunden. Es war so etwas wie ein Herrgottswinkel, der Ort, an dem der Russe unter unzähligen Verbeugungen und Bekreuzigungen seine Hausandacht verrichtet.

Es hieß aufbrechen. Mit einem warmen Dankgefühl, das sich zwar nur in Blick und Händedruck äußern konnte, aber aus tiefem Herzen kam, nahmen wir von unfern ©aftfreunben Abschieb. Möge ber gute Gott bas Werk ber Barmherzigkeit, bas sie an ihren Feinben, bas waren wir boch, übten, ihnen in ben schweren Zei­ten, bie später auch über jene Gegenben tarnen, ver­golten habe unb weiterhin vergelten.

Auf bem Wege zu unserem Quartier erfuhren wir bann von unserem Wachtposten, daß es feine Schwester war, bie uns auf seine Bitte ben Festschmaus bereitet hatte.

An einem ber nächsten Tage hatten wir Gelegenheit, einen anberen Freunb ber Menschen, besonbers ber Deutsche» kennen zu lernen. Wir erreichten nachmit­tags ein Stäbtchen unb machten Halt am Bahnhof einer Kleinbahn. Wir werben fahren, bas Elend des 2Jlar> fäes hat ein Ende, bald find mir am Ziel, wir kom- m!n in geregelte Verhältnisse und finden Verbindung den Lieben daheim. Solche und andere schöne --'aumereien erfüllten die Gemüter und gaben einen om t^Öp'tic^en Gesprächsstoff für die Stunden, die wir famm ni,°i Ia9crten und warteten, bis unser Zug zu- ^ugestkitt war.

^ochon Q[s mir durch den Ort marschierten, hatten h 1 können, daß in der Stadt ein anderer Geist finJ r e draußen auf dem Lande. Wir sahen nur bie un h'enen unb gehässige Blicke, unb bie Worte, 5 bisweilen zuflogen, klangen nach allem, nur

nicht nach freunblichen Begrüßungen. Doch bas war vergessen, als wir uns am Bahnhof ber Ruhe Hingaben, unb bie Rücken von ber Sonne bescheinen ließen.

Plötzlich kam eine lebhafte Bewegung in bie einzel­nen Gruppen, unb alle schauten interessiert nach bem Eingänge bes Bahnhofs. Wirklich etwas Neues.

Dort nahte, von einem ganzen Schwarm älterer unb jüngerer Männlein unb Weiblein umgeben, gewichtigen Schrittes eine aufallenbe Männererscheinung. Ein lan­ger, grauer Talar umwehte bie hohe Gestalt, bie Schul­tern beckte ein Mäntelchen berfelben Farbe, unb eine hohe, runbe Mütze aus gleichem Stoff vollenbete ben An­zug. Das ausbrucksvolle, aber grobgeschnittene Gesicht umrahmte ein bereits angegrauter Bart, ber in wohlge- pflegten Wellen tief auf bie Brust herabwallte unb ein großes Silberkreuz an schwerer Kette fast verdeckte.

Vor unserer Gruppe, die nur aus Deutschen bestand, büeb der Schwarm stehen. Während die Männlein und Weiblein unter unaufhörlichem Geschnatter uns beäug­ten, bewahrte der Graue eine eisige Ruhe. Nur die dunk­len Augen rollten unter den buschigen Brauen unheim­lich hin und her und schossen wahre Blitze von Verach­tung, Hochmut unb Neugierbe auf uns herab. Dann warf er sich in bie Brust, blies bie Backen auf unb spuckte mit aller Kraft vor uns aus:

Germansky!" Mit unenblicher Verachtung schleu- berte er uns bas Wort entgegen, warf uns noch einen jermalmenben Blick zu unb ging bavon, würdevoll wie er gekommen war, von bem ganzen Anhänge gefolgt.

Wir waren baff! Dann aber machte sich bie Span­nung in einem schallenben Gelächter Lust, in bas unsere Russen mit einstimmten.

Wer war bas? Der Poppe bes Orts mit feiner Fa­milie, mit Onkels unb Tanten, Vettern unb Basen.

*

Als sich bie Sonne zum Untergang neigte, waren wir in ben kleinen Güterwagen eng verpackt unb rollten burch eine ruhige Abenblanbschast bahin. Vor uns lag ein breites Wiesental, burch bas sich ein Flüßchen still bahin- schlängelte. Drüben von einem weißschimmernben Ab­hänge grüßten Baumgruppen, herbstlich gefärbt unb son- nenvergolbet, herüber. Lanbleute, Männer unb Frauen, bie von ben Felbern heimkehrten, glitten an uns vorbei

unb schauten verwunbert zu ben fremben Gestalten em­por.

Frieben lag über ber Erbe, frieblich war es auch in uns, unb leise klangen beutsche Abenblieber in ben russi­schen Abenb hinaus. Längst war es Nacht. Sterne blitzten, unb bas Monbschiff schwamm ruhig seine Bahn bahin. Da saßen mir noch immer eng zusamrnengebrängt in ben Türen, ließen bie Beine hinabbaumeln unb hin­gen unseren Träumen nach, bis bie Kühle ber Nacht uns ins Innere bes Wagens scheuchte. Aus harte Bretter streckten wir bie marschwunben ©lieber, eintönig sangen bie Räber ihr Nachtlieb, unb wir sanken in Schlummer.

Es war noch früh, im ersten Morgengrauen, als rauhe, gellenbe Stimmen uns aus bem Schlafe weckten: Aussteigen! Der Friebe war oerschwunben. Mars re­gierte wieber bie Welt, unb seine Sohne ftanben mit auf­gepflanzten Bajonetten bereit, uns in Empfang zu neh­men.

Von ben Russen, bie uns bisher begleitet hatten, konn­ten wir uns nur ganz kurz verabschieben, was wir ehr­lich bebauerten, benn wir hatten bie bärtigen Gesellen wirklich liebgewonnen. Gleich darauf zogen wir durch bie Straßen einer großen, noch schlafenben Stabt unb kamen in ein weitläufiges Lager, wo geräumige unb saubere Bretterbaracken uns aufnahmen. Wir waren in Berti- schew, ber ersten größeren Stabt Rußlanbs.

Die Morgenstunben brachten uns bereits hohen Be­such. Der Lagerkommandant erschien. Wieder war es ein General, aber das Gegenteil von dem liebenswürdi­gen Herrn von Proskurow. In gutem Deutsch machte er uns bie Mitteilung, baß wir halb essen würben. Auch zu Mittag unb Abenb werde es Verpflegung geben. Wir sollten den Tag dazu benutzen, uns gut auszuruhen, denn am nächsten Morgen würden wir Weiterreisen.

Bald erschienen auch die Zehnmännerschüsseln, ge­füllt mit einer guten Fleischbrühe und Makkaroni, nebst einer ungewöhnlich großen Fleischportion. Auch die un­vermeidlichen Kascha war ausgezeichnet unb reichlich. Zum erstenmal gabs auch wieder richtiges Brot. Wir fühlten uns wohl in diesem Lager, wozu auch die Ruhe auf guten, sauberen Strohsäcken, die mir solange entbehrt hatten, ihren Teil beitrug.

Von der Stadt Bertischem sahen mir nichts; denn ein hoher, dichter Bretterzaun umschloß das ganze Lager, und als wir dieses am nächsten Morgen verließen, lag noch tiefe Nacht auf der Erbe.

Die Worte bes Generals von ber Weiterreise hatten uns vermuten lassen, baß mir wieber bie Bahn benutzen würben. Doch bas war eine Täuschung. Der Spazier­gang burch bie Ukraine hatte noch kein Enbe.

Statt auf Lanbwegen wie seither zogen mir jetzt auf einer festen Straße bahin, bie auf beiben Seiten von tiefen Wassergräben begleitet mürbe.Kaiserstraße" nannten bie Russen biefe Straße, unb sie hatte auch mirklich etmas Majestätisches. In bebeutenber Breite zog sie sich ftunbenlang schnurgerabe bahin. Ihr Helles ©rau leuchtete stark aus bem bunklen Ackerlanb heraus. Schwarzmeiße Barrieren maren zur beiden Seiten in gleichen Abständen errichtet; aber nicht längs der Straße, sondern quer zu ihr. lieber die Bedeutung dieser Schran­ken konnte ich aber nichts erfahren.

Es mar eine sehr schöne Straße, aber sie mar unend­lich öde unb einsam, eine Wagenreihe, kein Auto, kein Reitertrupp. Nicht einmal auf einen Fußgänger kann ich mich entsinnen. So hatte sie etmas Beängstigenbes, biefe verlassene Straße.

Nur einmal am Tage gabs eine Abmechslung, auf bie man sich schon stubenlang vorher freute: Die Fahrpost. Als sie zum ersten Male vor uns in der Ferne auftauchte, ba starrten wir mit großen Augen bem Ungetüm entge­gen. Von zwei Pferben gezogen holperte unb polterte cs heran, ein gewaltiger Kasten, gelbgestnchen, mit brau­nen Verzierungen. Hoch oben auf schwankenbem Sitz ber Postillon. Auf bem Dach unter freiem Himmel ein wüh- lenber Menschenklumpen. An ben Seiten neben ben Tü­ren Ausbauten wie gewaltige Starenkästen, hinten zwei ober brei Anbauten, nebeneinanber, übereinander. Unb alles vollgepfropft von Menschen, bie uns anglotzten, schrien unb mit ben Hänben fuchtelten.

Vorüber mar's. Aber noch lange wanbten wir bie Blicke rückwärts nach bem grotesken Gefährt, bis es bie Ferne verschlang.

*

Einigemal burchschnitt bie Straße ein W ' 4. Die

Bäume waren gefällt unb stellten mit ihrem er von