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Kr. 107
Beilage zur Fuldaer Zeitung
S. Mai.
Sonntag in der Oktav von Christi H mmelfahrt.
Eingangslied: Pf. 26, 7, 8 und 9.
.Erhöre, Herr, mein Flehen, ich rufe so laut zu dir, alleluja. Au dir spricht mein Herz: ich suche dein Antlitz; dein Antlitz, o Herr, will ich suchen; wende deinen Blick nicht weg von mir, alleluja, alleluja (Ps. ebd- 1.) Der Herr ist mein Licht, mein Heil, wen soll ich fürchten?
Epistel: 1 Petri 4, 7—11.
Geliebteste! Seid klug und wachsam im Gebet. Vor allem liebet einander allezeit; denn die Liebe deckt alle Sünden zu. Seid gastfreundlich gegeneinander ohne Murren. Dienet einander, jeder mit der Gnadengabe, die er empfangen hat, als gute Verwalter der mannigfachen Gnade Gottes. Wer die Gabe der Rede hat, rede Gottes Wort. Wer ein Amt hat, verwalte es mit der Kraft, die Gott gibt, damit in allen Dingen Gott verherrlicht werde durch Jesus Christus, unfern Herrn.
Evangelium: Joh. 15, 26—27 u. 16, 1—4.
Die Verheißung des Trösters.
Auch ihr werdet von mit Zeugnis geben.
Betrachtung zum Sonntagsevangelium.
Daß die neuerwachende Natur kein Zufallswerk ist, wird jeder zugeben müssen. Gewiß wird das Grünen und Blühen draußen in Feld und Wald von Sonne und Regen bedingt, aber wo wäre der Mensch, der die Gestirne lenken könnte, der den Wolken den fruchtbaren Regen entlocken könnte? Daran glauben doch nur noch die Naturvölker, die ihren Wettermacher haben ober zu haben glauben; in Wirklichkeit ist es ein Schwindler, der die Dummheit der anderen und seine Kenntnis von den Wetteranzeichen ausnutzt. Oder wo wäre der tüchtige Erfinder, der Techniker oder wie er immer heißen möge, der dem Werk seiner Hände Leben zu geben vermöchte, dem Leben vergleichbar, das in dem kleinsten Samenkorn schlummert? Es gibt einen Gott, mögen ihn die Menschen auch bei anderem Namen nennen. Er ist es, der alles geschaffen hat, damit es sei, damit es Zeugnis von seinem Dasein gebe.
Das eigentlich ist der Sinn alles Lebens, Zeugnis von Gott zu geben. Die Natur um uns, legt dieses Zeugnis ab mit der ihr innewohnenden Triebhaftigkeit. Der Vogel muß singen, die Blume blühen, dis Sonne glühen und der Donner grollen. Sie können nicht anders, als das Gesetz, welches eine Schöpferhand in ihr Wesen legte, erfüllen. Uns Menschen ist dieser Auftrag auch gegeben, als ein Gesetz, das in unserem Wesen liegt, aber nicht mit einer solch zwingenden Notwendigkeit beherrscht es uns, wie es die Natur meistert. Wir sollen von Gott Zeugnis geben, nicht triebhaft und ungewollt, sondern gerade weil wir Menschen und die Erstlinge der Schöpfung sind in der vollen Freiheit unseres W i l l e ns.
Das Zeugnis für Gott duldet keine Halbheit in uns. Es ist nicht möglich, daß wir heute für Gott zeugen, dadurch etwa, daß wir uns an dem Gottesdienst, an einer Prozession beteiligen und daß morgen die Hand, die gestern den Rosenkranz hielt, nun den Knüppel über ein wehrloses Zugtier schwingt. Und daß der Mund, der im Chor der anderen Wallfahrer mitsang: In Gott des Vaters und des Sohnes und seines Geistes Namen" . . ., daß dieser selbe Mund heute greuliche Flüche herausstößt. Wir, die wir behaupten und bekennen wollen: es gibt einen Gott, sind nur zu oft der Grund dafür, daß die anderen behaupten: es gibt keinen Gott. Denn gäbe es einen Gott, wie könnten die, die von seinem Dasein überzeugt sind, so leben.
Viele Menschen verflachen. Es gibt einen tieferen Grund dafür, daß sie nicht mehr zur Tiefe der Gottverbundenbeit vordringen. Der Mensch ist den Dingen dieser Welt zu sehr verhaftet, glaubt Geld und Gut, Ehre und Ansehen unbedingt notwendig
Sind ö;e ßa'hMen WKsfeinde?
Diese schimpfliche Frage aus der Kulturkampfszeit ist bis heute nicht verstummt, und bis heute gibt es noch allzu- viels, die sie bejahen oder wenigstens nicht rundweg verneinen möchten. Da erscheint zur rechten Zeit ein Buch aus der Feder eines auf diesem Gebiete sehr erfahrenen Mannes: D r. Hans Rost, Katholizismus und d e u t s ch es Vaterland (Politik und Kultur, Schriftenreche »der Augsburger Postzeitung, Heft 10. Preis 1 — Rm.). Zunächst zeigt er, was Deutschland im Mittelalter der Kirche verdankt, ja, wie sie ihm das Bests seines eigentümlichen Gepräges gegeben hat. — Diese Tatsache haben ja inzwischen auch nichtkatholische Forscher anerkennen müssen. Dr. Rost erzählt den Leidensweg der deutschen Katholiken aller Stände von der Reformation bis zum Ausbruch des Weltkrieges — natürlich nur in kurzen Umrissen; aber schon diese wenigen An- fiohen werden hoffentlich bewirken, daß eine Heranwachsende Jugend, die von der geistigen und wirtschaftlichen Knebelung chrer Ahnen nichts h^iß, nicht allzu urteilslos den „katholikenfreund- Men" Sirenengesängen mancher in Wahrheit den Katholik»n erfindlich gesinnter Parteien versällr! r?e heiß und wahr müssen die deut-
Katholiken ihr Vaterland ge- 'Ebt hab en, wenn sie trotz dieser Ouä- er«ien nicht an ihm irre wurden! — beschäftigt sich dann mit den wichtigsten *romunqen gegen den Katholizismus: der Auf- a r u n q, öem Liberalismus und dem S o- v a istnus. Und nach dem Weltkriege kam
zu haben zu seinem Glück. Wie könnte es sonst möglich fein, daß etwa bei der Wahl der Lebensgefährtin bei so vielen Männern nur materielle Berechnungen ausschlaggebend sein können, daß sich der Wert der späteren Gattin in glatten Tausendern angeben lassen muß. Wo ist da der Geist, der an ein höheres Leben glaubt, an eine Verbundenheit der Seelen, auch an eine Verbundenheit in Gott, zu der ein eigenes Auto und sonstige Bequemlichkeiten unwesentlich sind. Wäre der Glaube an den Geist lebendig in den Menschen, es stände auch anders um das Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern. Vater und Mutter könnten in den ihnen anvertrauten Kindern keine Zierpuppen und Paradeftücke sehen, die vom Reichtum und dem feinen Leben der Eltern Zeugnis geben sollen, sie können sie aber auch bicht länger als kleine Ar
beitstiere betrachten, die man nur zu füttern braucht wie ein Stück Vieh und zwar deshalb, damit es seine Arbeitskraft behält oder noch steigert. Und der Geist Gottes, der in dem Kinde lebt, er muß verhungern und verelenden oder ersticken unter Putz und Wohlleben. Wir beten das Gebet: „Sende aus deinen Geist und alles wird neu geschaffen und du wirst das Angesicht der Erde erneuern." Das Angesicht der Erde müßte sich erneuern, es müßte anders werden wie es jetzt ist, wenn der Glaube an das Höhere im Menschen sich erheben würde. Er würde die Menschen freimachen, zu Herrschern, wo sie jetzt noch in einer strengen Fron gehen: Knechte ihrer Geldgier, ihrer Ehrsucht oder auch ihrer Triebhaftigkeit. Jeder muß diesen Geist in sich lebendig werden lassen, damit durch ihn, durch sein Leben Gott das Zeugnis gibt.
befindet als der gläubige Katholik, geht mit unverkennbarer Deutlichkeit aus der
Leugnung der Gottheit Christi hervor, die sich — freilich unausgesprochen — wie ein roter Faden durch das ganze Buch zieht.
Wenn Christus nicht Gott und nicht Gottes Sohn war, wenn er nicht auf die Welt gekommen ist, um die Menschen zu erlösen, hat Richard Sie eine glänzende Geschichte des Gebildes geschrieben, das man „katholische Kirche" oder wie immer nennen mag. Wie es dann mit dem historischen Sachverhalt steht, müßte dann noch von Historikern nachgeprüft werden.
Aber die katholische Kirche kann ebensowenig wie irgendein anderes Gebilde den Beweis liefern, „was aus einem Irrtum zu machen ist, wenn er nur folgerichtig zu Ende gedacht wird". Ein Irrtum fällt früh oder spät in sich selbst zusammen. Höchst unwahrscheinlich ist es jedenfalls, daß dieser Irrtum zweitausend Jahre brauchte, um erkannt zu werden, und daß wir ausgerechnet auf Richard Bis warten mußten, um diese Erkenntnis zu erlangen.
Der Irrtum liegt wahrscheinlich bei Bie selbst, wenn er sich über die gegenwärtige Geltung und Bedeutung der Kirche in folgender Weise äußert:
„Diese letztere Form (gemeint ist die j u r i d i - s ch e) ist offensichtlich die wichtigste und dauerhafteste Kraft der Hierarchie. Die künstlerischen Ausdrucksformen schwanken im Laufe der Zeit. Die weltgeschichtliche Macht des Papsttums ist durch die selbständigen Entscheidungen der Völker und Nationalen stark gemindert worden. Die Weihnachtsbotschaften der Kurie sind ein schöner Kanzelschmuck zur Befriedigung der Völker. Wirklichen Einspruch und allgemeine Gültigkeit besitzen sie nicht mehr. Das Papsttum hat auch den Mut zum Eingriff in das politische Schicksal der Erde verloren, es ist zum Schatten des Mittelalters geworden und sieht mit gealterter Geduld und wehmütiger Ohnmacht zu, welchen Untergang sich das christliche Abendland beschwört." (S. 10.)
Wie wenig Bie mit dem Wesen des Katholizismus vertraut ist, zeigt er z. B. in der Beurteilung der Sakramente. Er unterscheidet nicht zwischen den f»genannten Sakramenten der Toten und den Sakramenten der Lebendigen, d. h. zwischen Sakramenten, die die Sünde tilgen, und solchen, die Freiheit von Sünde voraussetzen. In der Beurteilung des Priestertums macht Bie keinen Unterschied zwischen dem priesterlichen Charisma und der Seelsorgetätigkeit des Priesters. Es ist doch reichlich banal, die Ausspendung der Sakramente durch den Priester mit der Tätigkeit einer nach der preußischen Staasidee handelnden, selbst- verantwortlichen Person zu vergleichen. Man könnte so das ganze Buch durchgehen und fast bei jedem Satz die Wahrnehmung machen, daß dem Verfasser der Nerv für katholisches Denken und Fühlen fehlt. Der Grundirrtum liegt, wie ich schon andeutete, in dem Standpunkt, den Bie bei seiner Weltanschauung einnimmt. Sein Weltbild ist egozentrisch, das des gläubigen Katholiken ist theozentrisch. Eine Verbindung beider Standpunkte kann es nicht geben. Bie sieht die Welt und alles, was darin geschieht und geschehen darf, unter pangermanisti- schem Gesichtspunkt. Selbst Christus wird seinem Charakter nach in das germanische Persönlichkeitsideal eingeordnet: „Er ist ein geborener Herrenmensch, ein geborener Adelscharakter mit einem außerordentlich feinen und unbestechlichen Gefühl für Rang und Haltung ... Er hat einen Blick für die Erlesenen unter den Menschen." (S. 31).
Aber Christus ist nun einmal im Iudenland in einer Krippe geboren und nicht im Pfahlbau eines germanischen Häuptlings. Daran ist nichts mehr zu ändern. Und auch daran nicht, daß Christus für alle Menschen gestorben ist, für Europäer, Asiaten. Neger und Indianer, und daß er nach seiner Auferstehung, womit er feine Göttlichkeit bewiesen hat. wenn es noch ein»s Beweises bedurft hätte, seine Apostel in alle Welt aus« gesandt hat, alle Völker zu lehren und zu taufen im Namen des dreieinigen Gottes. Nirgendwo ftebt, daß einem Avostel für Europa ein Spezialauftrag erteilt worden ist.
(1932, Nr. 8), finden wir eine sehr lehrreiche Definition des Begriffes: Positives Christentum. Mit diesem Ausdruck fei keineswegs gesagt, daß die Partei den Standpunkt christlicher Kirchen vertritt, sondern nur was man so gemeinhin unter positiv christlich verstände. „Mit den Dogmen", so heißt es da, „und den Formen und diesbezüglichen For- derungen der Kirche, der einen ebensowenig wie der anderen, ja auch mit der Zugehörigkeit zu einer der christlichen Kirchen hat das nicht das Geringste zu tun. die Kirchen mögen sagen, was sie wollen. Ob ein Mitglied der NSDAP., dessen Persönlichkeit sonst die erforderlichen Garantien bietet, einer christlichen Kirche angehört, steht für die Zugehörigkeit zur Partei natürlich nicht in Betracht. Daß Christentum und Kirchentum etwas Verschiedenes ist, braucht in diesem Zusammenhang nur angedeutet zu werden." Deutlicher als es hier geschieht kann man die Gleichgültigkeit gegenüber dem Christen- t u m, gelinde ausgedmckt, wohl nicht mehr an den Tag legen Dieser Standpunkt wird verständlich, wenn mir lesen, daß nach der Anschauung des Rcichswarts die alten religiösen, vollends die kirchlichen Formen tot fein ober mehr über weniger langsam abftetben sollen. Nun, das Christen- t u m, insbesondere die katholische Kirche, ist schon oft als tot erklärt worden. Wenn der Herr Graf Reventlow glaubt, die Rolle eines Totengräbers übernehmen zu sollen, so hat er wahrscheinlich in feinem Leben noch recht wenig Kirchenge- fchichte studiert, sonst müßte er wissen, daß die Kirche gerade in den Sturmzeiten sich immer am lebendigsten zeigt. Dr. H. R.
„Das kath. Curspa- und der Katholizismus.
Bon Peter Heinrich Keulers.
Richard B i e gehört zu den Nationalisten, die zu der Cinsicht gekommen sind, daß das „D r it t e R e i ch" mit der „Brachialgewalt" allein nicht aufgerichtet werden kann. Er ist von der geistigen Auseinandersetzung zwischen Nationalismusund Katholizismus, die einmal kommen muß, so überzeugt, daß er sein Buch „Da s katholische Europa" (Voigtländers Verlag, Leipzig) einmünden läßt in die Frage von Nationalismus und Katholizismus, „die das Reich der Deutschen in den nächsten zehn und zwanzig Jahren mit brennender Schärfe beschäftigen wird!" Da der Verfasser seine katholische Herkunft bekennt und seine katholische Umwelt bezeugt, kann das, was er aus feiner katholischen Innenwelt über die katholische Zukunft sagt, nicht uninteressant fein, zumal dann, wenn es mit fo viel Wärme und gewiß ehrlicher Ueberzeugunq vorgetragen wird, wie es in dem genannten Buche geschieht. Wir warten ja sehnlichst auf bie geistige Funbierung der Bewegung, die sich stolz die „nationale" nennt und noch nicht den Gegenbeweis für die Behauptung erbracht hat, baß sie nur nationalistisch ist, nur Folgeerscheinung eines verlorenen Krieges, für dessen bittere Enttäuschung und für dessen schuldhaftes Versagen Richard Bie den Vätern die Schuld auferlegt.
Indes ist der Zwiespalt zwischen Nationalismus und Katholizismus schon während des Weltkriegs einmal Gegenstand einer scharfen Auseinandersetzung gewesen, die angeregt wurde durch das Buch „La Guerre Allemande et le C a t h o l i c i s m e" (Verlag Blond et Gay, Paris 1915), herausgegeben von Alfred Baudrillart, dem Rektor des katholischen Instituts von Paris — ein Buch, zu dem G. Pfeilschifter, Professor für katholische Kirchengeschichte an der Universität München, damals die rechte Antwort fand, in dem aber auf Seite 43 ff. schon die mythologischen Zusammenhänge aufgezeigt werden, aus denen Richard Bie mit Hermann Wirth mit dem Auftreten Christi, mit der Passion von Golgatha und der Auferstehung die „ergebnisreiche Feststellung" folgert, „daß ein uralter Glaube, der einst von Norden und Westen nach dem Osten sich verbreitet hatte, nach Tausenden von Jahren nun von dem Osten, von Galiläa und dem See Genesareth mit seiner alten Dogmenkultur wieder nach Westen unb dem Norden wanderte in teilweise völliger Verwandlung und tiefgreifender Umgestaltung".
Zweck und Ausgabe des Werkes von Bie ist es nun, diese „Verwandlung und Umgestaltung" bloßzulegen, zu zeigen, wie die Kkrche versucht, mit dem „Irrtum des Heilandes" vom bevorstehenden Weltende fertig zu werden, wie sie das versprochene Himmelreick durch ein Reich Gottes auf Erden zu ersetzen sucht; denn das sei — meint Bie — Augustins glühendster und großartigster Gedanke gewesen: der Gedanke des katholischen Europa. Der Verfasser versucht nun nachzuweisen, daß „zwischen Urfvrung und Dogma der Heilandslehre, zwischen Kreuz' und Kirche, zwischen Glauben und Satzung", ein heilloser Widerspruch klafft. Er geht die ganze Dogmen» und Kirchengeschichte durch, beschäftigt sich einqe-
dazu die ungeistigste, aber lärmendste und darum für den Augenblick wirksamste: der National- so z i a I i s m u 5.
Mit der Weimarer Versasfung sind ja die Schranken, in denen die Katholiken bislang eingepfercht waren, zum größten Teil gefallen; aber noch heute möchten manche Kreise, allen voran der Evangelische Bund, diese Schranken wieder aufgerichtet wissen — eine unselige Verblendung, wo doch heute der Bolschewismus mit nie zuvor geahnter Wucht gegen alles Christliche überhaupt anstürmt! — Was werden mag, wissen wir nicht; aber mir sind Dr. Rost von Herzen dankbar, daß er durch sein Buch allen die überhaupt hören unb sehen können unb wollen, bie ..Reichsfeindschaft" ber Katholiken als das aufgezeigt hat, was sie ist: unwissendes (im besten Fallet ober lügenhaftes Gewäsch. Ernst Detmold.
Das -positive Christentum- des Nazi.
Der Nationalsozialismus bekennt sich in Verwässerung der Begriffe bekanntlich zu einem sogenannten „positiven Christentum". Dieser Ausdruck ist unklar, dehnbar, im Grunde genommen unmöglich. Denn ein solches positives Christentum gibt es eigentlich überhaupt nicht. Wer sich zu Christus bekennt, muß das eben in Bekenntnissen tun, die ihre Ausprägung in ber Form der Kirchen, und sei es sogar der Sekten, tun. Der Nationalsozialismus scheint diesen Ausdruck deswegen gewählt zu haben, um nicht die geringste Zugehörigkeit zu einer ber vorhandenen Kirchen betonen zu müssen. Der Nationalsozialismus benötigt diese Ungebundenheit, um unter dem Deckmantel eines
hend mit dem Charakter des Heilandes, mit Paulus, Augustinus, mit Luther, mit der Gnadenlehre, den Sakramenten, mit Karl dem Großen, mit der .Legende vom ungenähten Rock", mit Bismarck und dem Kulturkampf, mit der „Umwertung der Gotik", mit der „ewigen Wiederkunft", mit dem Zeitalter der Maschinen — kurz, er holt mit einer beneidenswerten Wahllosigkeit alles heran, was irgendwie geeignet ist, zu beweisen, daß die Kirche mit ihrem Katholizismus dem wirklichen Gottesreiche im Wege stehe.
Damit ist über die Methode Richard Vies schon einiges gesagt. Seine Beweisführung dreht sich tatsächlich im Kreise, sie setzt — vielleicht unbewußt — das voraus, was sie beweisen wollte. Sie steuert auf ein Ziel hin, weil sie zu diesem Ziele kommen muß; denn wenn der Verfasser überzeugt davon ist, daß zwischen Kreuz und Kirche ein Widerspruch klafft, kann man nicht erwarten, daß er in einer auch noch so methodischen Untersuchung zu einer andern Schlußfolgerung kommt. Diefe Ueberzeugung läßt zudem die katholische Umwelt und Herkunft des Verfassers sehr zweifelhaft erscheinen. Die Zweifel wachsen für den katholischen Leser des Buches, wenn er steht, wie auf ber zweiten Seite, unb wo immer die Bibel und das Neue Testament zitiert werden, die Luther sche Uebersetzung benutzt wird. Schon auf der dritten Seite des Buches steht es für einen überzeugten Katholiken fest, daß es zwecklos ist, sich mit Richard Vie weiter auseinan- derzusetzen. Die Ebene ist nicht die katholische Glauuensbasis, sondern die Voraussetzung, baß die katholische Kirche sich das Lehrgut Christi für ihre besonderen Zwecke zurechtgestutzt habe, lieber die lückenlose Entwicklung der Kirche ans der Umgebung des Heilandes und über die organische Entwicklung der göttlichen Lehre zum Dogmensckatz der Kirche wird nicht nur hinweggegangen, sondern sie wird selbstverständlich als nicht vorhanden dargestellt. Es wird ein schroffer Gegensatz zwischen Christus und Paulus konstruiert, es werden Bemerkungen über das Wesen des Glaubens und über die Sakramente eingeflochten, die eine geradezu e r • schreckende Unkenntnis in katholischen Dingen verraten. Die katholische Definition des Begriffs „glauben" wird als falsch zu- rückgewiesen. Der Glaube, sagt Sie, „ftebt gar nicht in der freien Wahl des Menschen. Er ist vielmehr das Schicksal seiner Ueberzeugung". Mit ähnlichen Orakelsprüchen werden im weiteren Verlauf ber Darlegungen Segriffe abgetan, die auf logisch und psychologisch unerlaubter Safts beruhen. Es ist daher ungemein schwer, Sie mit wisse n- schaftlicher Methodik entgegenzutreten, weil er Sehauptungen als erwiesen aneinanderreiht oder durch Bibelsprüche elegt, die eine willkürliche Auslegung erfahren, oder mit Aussprüchen von Männern erhärtet, die entweder aus dem Zusammenhang gerissen oder von der Kirche bereits widerlegt sind.
Daß sich Sie aber auf einer ganz andern Ebene
positiven Christentums, das zu nichts verpflichtet und doch irgend ein Scheinckristentum betont, freien Spielraum zu haben für eine Vielheit von Anschauungen, die alle unter der Flagge „positives Ehristentum" segeln können.
Der nationalfozialistifche Abg. Dr. Fahrt- ci u s hat in der Deutschen Zeitung einen deutlichen Kommentar zur Klärung des Verhältnisses des Nationalsozialismus zu Kirche und Christentum gegeben, ber den Begriff eines „positiven Christentums" klar beleuchtet. Er schreibt: „Der National, sozialismus macht es keinem Deutschen und keinem Parteigenossen zur Pflicht, sich zum Christentum zu bekennen. Er fragt nicht danach, ob ein Mitkämpfer Christ ober Dissident ist, ob der Bekenner des Chri- ilentums der katholischen, ber lutherischen ober ber kalvinistischen Konfession cingchört, und ob ber einzelne Protestant einer positiven, liberalen, deutsck- kirchkichen ober sonstigen Glaubensrichtung anhängt. Er ist eine politische Bewegung und seine Ziele sind politisch."
Wenn man dieses Bekenntnis lieft, fo bar? doch zunächst festgestellt werden, daß der National- -ozialismus öffentlich erklärt hat, daß er sich zum „positiven Christentum" bekennt, während aber doch der Dissidenlismus die erklärte Konfession der Freidenker und der Sozialdemokraten ist. Eine Partei, die Dissidenten in ihren Reihen duldet und positives Christentum zugleich unterstreicht, ist eine Partei, die verwässerte Begriffe hat und deren Standpunkt, wie der protestantische Reichsbote diesbezüglich schreibt, zu bedauern ist.
Auch in dem „Reichswart", dem Blatt des nationalsozialistischen Führers Gros Reventlow