Vellage zur Mldaer AeUung
Ilr. 101
Säender Bauer.
Wie er in schweren Stiefeln sicher schreitet, An denen braun die lockere Krume klebt!
Wie aus der hohlen Hand das Saatgut gleitet. Das traumerwachend dann zum Lichte strebt!
Am Grenzrain kehrt er, und er schreitet wieder Feldaus, feldab und füllt das Samentuch, Und über ihm die Lerchen lesen Lieder Aus seiner braunen Sch-lle stillem Buch.
Die tragen sie bis auf die weißen Almen Der fernen Wolken. — Wie der Bauer sinnt — Sieht wogend er den Wald aus goldnen Halmen, Wenn ihm aus hohler -and das Saatgut rinnt? — Franz Mahlte.
Die letzten Wandervögel.
Don Dr. F. Hauchecorne- Köln, Direktor des Zoologischen Gartens.
Erst im Mai kehren die eigentlichen Großstadtvögel in ihre Heimat zurück.
Schon lange singen die Grasmücken und Laubsänger, schlagen die Finken und flüstern die Rotkehlchen in den Anlagen der Stadt. Ja, selbst die Nachtigall ist in vollem Gesänge, und Amseln und Drosseln füttert'gar schon Junge.
Aber am Großstadthimmel ists immer noch leer.
Geht der April mit warmen Tagen zu Ende, dann kommen sie schon früher aber um den ersten Mai herum sind sie bestimmt immer wieder da, die hastigen Bügel der lärmenden Stadt, die Mauersegler.
Erst schweben ein paar vereinzelte Borläufer hoch oben über der Stadt. Wer nicht schon sehnsüchtig nach feinen alten Sommerfreuden ausschaute, der merkt von den ersten gar nichts. Eines sonnigen Morgens segelt auf einmal eine vielköpfige Schar hoch oben über den freien Plätzen, und am selben Abend noch schießen allenthalben schreiende Trupps um die Straßenecken, rasen an den Dächern entlang, wo sie im Fluge die alten Nester besuchen, wirbeln hoch hinauf, jagen sich mit schrillen Rufen in weite Ferne, kehren in dichten Haufen zurück, schweben pfeilschnell herab und segeln dann wieder hinaus, lautlos in lichte Höhen. Immer geht es mit Hast und Lärm. Nirgends halten sie Ruhe, nie bleiben sie allein, immer schwirren sie in Scharen durcheinander, laut und hastig und gesellig, gerade wie die Menschen der Großstadt. Löns nennt den Mauersegler den „Bogel Wupp", ein guter Name, denn so geht es bei ihm immer „Wupp herauf" — „Wupp herunter", heute in Afrika, morgen in Italien, übermorgen schon wieder am heimatlichen Kirchturm der nordischen Stadt.
Allerlei kleine Kerbtiere, die oben in den Lüsten lchweben, sind ihre Beute. Ehe nicht die Luft so warm ist, daß die zarten kleinen Insekten zum Leben erwachen, können die Turmschwalben nicht heimkehren. Und kommen nachträglich kalte Tage, dann ist eine schlechte Zeit für sie. An den Mauern flatternd müssen sie die oerklammten Insekten suchen, und mancher Bogel, der den ewig hungrigen Magen dabei nicht schnell genug Füllen tonn, fällt ermattet auf die Straße herab, wo der reißende Flieger mit seinen schwachen kleinen Füßchen ein unbeholfenes Wesen wird. Wer noch Kraft genug hat, kehrt m mildere Striche zurück. Und erst verspätet Folgen sie der wärmeren Witterung wieder nach Norden hinauf. So kann es bis Mitte Mai dauern, bis der Großstadthimmel wieder voll belebt ist.
Auch unten im Park, im Gebüsch der Straßenplätze umd Gärten trifft jetzt noch mancher späte Gast ein. Siner unserer schönsten und fleißigsten kleinen Sänger, ein unendlich zartes Bögelchen, sucht noch später als der Segler [eine Niststätte auf. Das ist der Gartenlaub- sänger. „Spötter" oder „Sprachmeister" nennt man i$n auch, denn wie wenig andere versteht er es, die stimmen anderer Vögel nachzuahmen. Besonders wenn ein warmer Regen das junge Laub erfrischt hat, hört man unaufhörlich den kleinen, fleißigen Sänger. Alle Lieder und Stimmen, die in seiner Umgebung vorkommen, flicht er in seinen Gesang ein: den Finken- ’<±>Iag und das Sperlingszetern, den Meisenruf und das Warngeschrei der Amsel, das alles kommt in dem leiernden Liebchen des Stadtvogels vor. Draußen im
Dorfgarten gibt er mit Vorliebe das Zwitschern der Schwalben wieder, das Locken des Rebhahns, den Hänflingsgesang und viele andere Laute und Lieder, die in Busch und Hecke und am Feldrand laut werden.
Wie lange der Vogelzug bis ins späte Frühjahr hinein währt, das macht sich in der Zeit, da schon alle Bäume belaubt sind und unzählige Stimmen durcheinander klingen, gar nitbt re+t h-m"’"*—- Mancher zarte, wärmebedürftige Vogel, der ausschließlich auf reichliche Kerbtiernahrung angewiesen ist, kommt erst im Mai wieder zu uns. Die Mehrzahl der großen Rohrspatzen, wie der Drosselrohrsänger im Volksmunde heißt, erscheint, wenn das Rohr an zu schossen fängt. Mit ihm treffen seine Nachbarn am Flußufer ein, die zierlichen, kleinen Zwergseeschwalben und auf den Tümpeln und Gräben im Luch und Moor die schwarze Trauerseeschwalbe mit ihrem leuchtend roten Füßchen und Schnabel. Auch das merkwürdige Volk der Schwirle, der Heuschreckensänger, die gar nicht wie ein Vogel fingen, nur eintönig zirpen wie eine Heuschrecke, finden sich wieder im Bruch ein, wenn der Pflanzenwuchs ihr heimliches Leben verbirgt.
Einer unserer schönsten Sänger, den nur der kennen lernt, der es auch liebt, einsame Wege bei Nacht zu gehen, ist unter denen, die den Vogelzug beschließen. Wer einmal den Zauber einer Frühlingsnacht im blühenden Roggenfeld am Teichrande erlebt hat, wenn die Sumpfrohrsänger in ruhigem, feierlichem Vortrag das Schönste wiedergeben, was sie aus all den Stimmen ihrer gefiederten Nachbarn herausgehört haben, der wirb mir wohl recht geben, wenn ich sage: Die besten Sänger kommen zuletzt.
Immer seltener klingt auf unseren Fluren der Wachtelschlag. Die Reihensaat im unkrautfreien Acker hat dem niedlichsten unserer Hühnervögel die Lebensbedin
gungen geraubt. Auch die Wachtel trifft erst im Mai wieder bei uns ein, zugleich mit ihr — und das hat ihm wohl den Namen gegeben — der Wachtelkönig, ein scheuer Bewohner der feuchten Wiesen, der zur Rallen- familie gehört. Da man ihn selten sieht und bald hier bald dort sein harter,' schnarrender Ruf im hohen Wiesengras laut wird, hat sich schon mancher Wanderer am späten Frühlingsabend den Kops darüber zerbrochen wer wohl diesen sonderbaren Lärm schlägt.
Wenn die anderen Waldbäume schon im hellen Frühlingsgrün prangen, dann erscheinen erst die goldig-grünen Blätter der Buche. Sobald das schützende Dach des Buchenlaubes dicht genug geworden ist, zieht hier ein luftiges, »eines Vögelchen ein, braun und rotbrüftig wie ein Rotkehlchen. Das ist der Zwergfliegenschnäpper, ein seltener Bewohner norddeutscher Buchenwälder.
Und bann, fast hätte ich ihn vergessen, rückt auch unser Pirol an, dessen lauter, vielfach verschlungener Flötenruf zu den wenigen Vogelstimmen gehört, die jedem bekannt sind.
Es ist ein ewiges Hin- und Herwandern im Vogelreich, noch spät in den Mai hinein. Nicht nur, daß von unseren Brutvögeln immer noch einige aus dem Süden heimkehren, auch mancher nordische Gast, der bei uns eine Winterherbege fand oder auf dem Zuge längere Rast machte, verläßt uns jetzt. Von den buitergelben Kuhstelzen, die auf den Wiesenkräutern nach Beute aus- schauen, wandert ein großer Teil nach Norden ab. Und die Mehrzahl der Strand- und Ufervögel, die sich gern lange im Binnenland Herumtreiben, zieht nun endlich den Meeresküsten zu.
Dann ruht der Vogelflüg eine Weile. Nestbau und Brutpflege fesseln jetzt alle an ihren Standort: erst wenn die Jungen wieder flugbar geworden sind, treibt der Zugtrieb die Wandervögel wieder weiter.
Des Teufels schmutziges Tier-
Der Roman des Verräters und Lockspitzels Asew.
Auf einem der kleinen Berliner Vorortfriedhöfe liegt versunken und vergessen das Grad eines Mannes, der zu den traurigsten Berühmtheiten unserer jüngsten Zeit gehört: E w n o Asew, gestorben am 24. April 1918, 49 Jahre alt. Die Umwälzungen der Kriegs- und Revolutionsjahre haben uns mit der Fülle und Schwere ihrer Ereignisse das Schicksal dieses Menschen verdeckt. Aber allmählich steht auch diese Dunkelerscheinung aus dem jüngsten Rußland wieder auf aus den Dokumenten. Gerade jetzt hat der Historiker Boris Nikolajewsky sowohl aus den Geheimakten der letzten zaristischen Polizei, wie auch aus den Berichten der antizaristischen Terrorgruppen, der beiden wichtigsten Exponenten zweier sich bis zum Untergang zerfleischenden Systeme, diese Gestalt des Provokateurs Asew herausgelöst und uns einen Menschen vor Augen geführt, der nur deshalb an Grausamkeit von den Ungeheuern der französischen Revolution und der spätrömischen Kaiserzeit Übertroffen wird, weil sein Beruf im Schatten wuchs und im Schatten bleiben mußte.
Lohnt es sich, mit einer so verkommenen Existenz, sich zu befassen?
Unsere Zeit ist geneigt, „alles zu verstehen und alles zu verzeihen". Ein salsch verstandener Humanismus und Liberalismus hat für alles feine Erklärungen bereit. Wir haben vom christlichen Standpunkt her alle Ursache, uns davon frei zu halten. Und Asew, den seine eigenen, gutgläubigen Anhänger „das schmutzige Tier" — nannten, als sie hinter den teuflichen Betrug seines Wesens endlich kamen, ist ein Beispiel von seltener Deutlichkeit. Wir identifizieren uns weder mit dem einen noch mit dem anderen der beiden in ihm und durch ihn betrogenen Systeme. Aber wem fällt da nicht die Stelle aus der Heiligen Schrift ein, wo Christus den Fluch ausspricht über diese niedrigste Form des Bösewichts: „Ach daß Du kalt wärest ober warm! Da Du aber lau bist, muß ich Dich ausfpeien aus meinem Munde!"
Ewno Asew wurde als das zweite von sieden Kindern eines blutarmen jüdischen Schneiders 1869 in der kleinen Stadt Lyskow im Gouvernement Grvdnv geboren. Mit der Zähigkeit seiner gerade in Rußland
unterdrückten Rosse wühlte sich der junge Ewno heraus aus seinem Milieu. Seine Berührung mit revolutionären Kreisen bestimmte bald seinen Lebensweg und schien ihm ein besseres Dasein zu versprechen. Schon der Dreiundzwanzigjährige war in Gefahr, von der Polizei verhaftet zu werden. Da ging er ins Ausland. Sein Studium an der Technischen Hochschule in Karlsruhe bestritt er durch alle möglichen kleinen Geschäfte. Aber bald gab ihm seine Mitgliedschaft in der russischen sozialdemokratischen Studentengruppe Gelegenheit, sein Leben zu entscheiden. Die ihn von damals her kannten, berichteten später, daß er den Eindruck eines Menschen machte, der „buchstäblich hungerte". Zum „Helden" hatte er weder Kraft noch Lust. Und so entschied er sich zum Verräter. Am 4. April 1893 schon schrieb er seinen ersten Verräterbrief an den Direktor des zaristischen Polheibepartements. Anonym. Er forderte fünfzig Rubel monatlich. Nach wenigen Jahren war diese Summe schon auf tausend Rubel erhöht. Die Polizei war glücklich, auf diesem Wege über einen Geheimagenten endlich Einblick in die revolutionäre Bewegung selbst zu bekommen. Das Urteil über ihn in den Akten lautet: „Er ist keineswegs dumm, sehr verschlagen und unterhält ausgedehnte Beziehungen zu der im Ausland lebenden jüdischen Jugend, er dürste daher als Agent wesentlichen Nutzen bringen, und es ist anzunehmen, daß er, in Anbetracht seiner gegenwärtigen Notlage und seiner Geldgier, seinen Verpflichtungen gewissenhaft nachkommen wird." Am 10. Juni 1893 schon schrieb der stellvertretende Minister des Innern fein „Einverstanden" unter die Akte Asew.
Und nun beginnt der immer dämonischer kreisende Wirbel eines Lebens, das sich bewußt zwischen zwei Strömungen stellt. Als Asew im Herbst 1899 nach Rußland zurückfuhr, empfahlen ihn gleichzeitig seine Gesinnungsgenossen an die Führer der Moskauer Revolutionäre und das Polizeidepartement der Obhut Suba- tows, des berühmten Chefs der dortigen politischen Geheimpolizei. Unter den Augen feiner zaristischen Auftraggeber war er maßgebend an der Gründung der sozialrevolutionären Partei beteiligt; ihre erste Tat war die Ermordung des Innenministers Sipjagin. Damals
war Asew schon wieder im Ausland. Jetzt beginnt sein Spiel mit doppelten Karten. Er verrät und verschweigt der Polizei, was ihm gut dünkt, und gründet gleichzeitig in der Partei die geheime Kampforganisation, die Truppe der systematischen, todesmutigen Attentäter des Vorkriegsrußland, der wichtigsten Vorbereiter der russi- chen Revolution.
Fünfzehn Jahre lang hat Asew als Geheimagent der zaristischen Polizei führend gewirkt. Fünf Jahre davon war er gleichzeitig Gründer und Organisator der revo- lutionären, terorristischen Mordgruppe, zettelte die Attentate auf den russischen Innenminister Plehwe und auf den Großfürsten Sergius an, baute sie bis in alle Einzelheiten aus; und nur einem „Zufall" ist es zuzu- schreiben, daß sein wichtigster Plan, die Ermordung des letzten Zaren, Nikolaus II., nicht zustandegekommen ist. Gleichzeitig aber verriet er immer wieder feinen eigenen Geheimbund an dessen Todfeinde. Aderdutzende von feinen fanatischen Anhängern wurden durch seinen Willen und sein Wissen in die Hände ihrer Henker ausge- liefert. Die Polizei wußte von diesem seinen Treiben, wenn sie auch nicht ahnte, daß sie in Asew den gefährlichsten ihrer Gegner selbst unterhielt. Und sie bezahlte ihn gut; Unsummen wurden an ihn verausgabt, die er teils für sich, teils aber auch zum Ausbau der Organisation benutzte, die er selbst immer wieder verriet.
Es ist das tollste und grotestefte Beispiel aus der ge- samten Weltgeschichte, wie ein gewissenloser, abgründig verdorbener Schuft und Lump die politische Gegnerschaft zweier Parteien jahrlang in der schlauesten Weise aus» nutzt und ausspielt, um sich selbst in all feinen fanatischen Fähigkeiten entfalten zu können.
Der Krieg hat ihn davor bewahrt, das letzte und endgültige Opfer feiner eigenen Intrigen zu werden. Wenigstens äußerlich. Vor feinen Parteianhängern mußte er fliehen, als fein wahres Gesicht deutlich wurde. Dor der russischen Polizei hatte er sich schon vorher ins Aus- land gerettet, als diese merkte, was ihr „Gewährsmann" war. Unbekannt und verborgen fristete er fein Leben mit kleinen Börsengeschäften in Berlin. Später machte er feiner „Freundin" mit dem Rest seines Geldes ein Korsettgeschäft auf. Auch' feine Frau und seine Kinder, die bis zu seiner Entlarvung gläubig an ihm gehangen hatten, betrog er feit Jahren mit dieser Per- son.
Der Krieg zerstörte ihm auch noch diese Existenz. Im Juni 1915 setzte ihn der Berliner Polizeipräsident fest. Aber nicht, wie Asew glaubte, als Agenten der russi« lchen Regierung, sondern als gefährlichen Anarchisten und Terroristen, den man nach dem Kriege an Rußland ausliefern wollte. Ende 1917 ließ man ihn laufen. Seine „Freundin", die mit ihm Jahre in Saus und Braus verbracht hatte, war inzwischen völlig verarmt und verzweifelt. Asew rät ihr „Gottergebenheit". Das ver- liert sich aber schnell, als er entdeckt, wie ihn der Strudel, den er selbst in Bewegung gesetzt hat, langsam und endgültig in den Abgrund zieht. Noch einmal gelingt es ihm, Hilfsarbeiter in einer Abteilung des deutschen Auswärtigen Amtes zu werden. Aber noch ehe der Krieg zu Ende geht, stirbt er, verloren und vergessen, — sprichwörtlich wie ein schmutziges Tier! Basilius.
Der Vage Gottes.
Von Leo Gruber.
Joß hieß der kleine Kerl. Eigentlich wohl Joseph. Aber jedermann kannte ihn nur bei feinem abgekürzten Namen. Er wohnte in einer Sackgasse, die mit ihren altertümlichen, elenden Häusern seltsamerweise in einer sonst vornehmen Stadtgegend erhalten geblieben war. Dort stand er den lieben langen Tag am Fenster und drückte sich die Nase platt, ober er saß auf dem Pflaster und schaute versonnen den wenigen Leuten nach, die sich in die Sackgasse verirrten. Die meisten kannten ihn und nickten ihm im Vorübergehen gutmütig zu. Denn er war so gewissermaßen zum Liebling der Gasse geworden, der kleine, schmächtige stille Joß, der stets ein so tiefes Leuchten in den Augen hatte, als wäre feine Seele ganz
Ihr Radio-Fachmann
nur Funkhaus Lelbold
Telephon 2412 K.rntraBe 5
3n sibirischer Gefangenschaft.
!Bon Richard Hof, Eckweisbach.
3] ---------
Auf die Suppe folgte die schon bekannte Kascha, «ur mit dem unbedeutenden Unterschied, daß an Stelle der Butter echtes, unverfälschtes Wasser getreten war. - "urd- um fünf Uhr verabfolgt.
Ste bestand, da d,e Kascha ganz fehlte, nur aus Suppe, .aber die oettaugen waren noch kleiner und durchsichtiger, nur die festen Bestandteile etwas weniger fest.
Un\bte «§eir zwischen den beiden Mahlzeiten auf angenehme Weife zu unterbrechen, wurde gegen ein Uhr bie Brotration ausgeteilt. Sie paßte sich selbstredend dem gesamten Lebensstil an. Statt des kräftigen, wohlschmeckenden Roggenbrotes, das wir bisher erhalten hatten, gabs jetzt Brotrinden und Brocken, die dunkelbraun von Farbe und so steinhart geröstet waren, daß auch die festesten Zähne in Gefahr kamen, auszubrechen. Für dieses Gebäck hatten die Russen den Namen Feldzwieback ersonnen.
Nach solchen «chlemmermahlzeiten durfte natürlich eine ausgiebige Bewegung nicht fehlen. Aber die Rus- *en waren von der Notwendigkeit einer solchen nicht zu überzeugen und hielten uns in dem Stalle fest.
Deshalb griffen wir zur Selbsthilfe und nahmen eine Art gymnastische Hebungen vor, die aber der örtlichen Verhältnisse wegen nur aus zwei Zeiten bestanden: Eine halbe Stunde .lang niederhocken, bis die Beine einzuschlafen drohten und wieder eine halbe Stunde lang wechselndes Gehen derselben, um sie wieder geschmeidig zu machen. Zur Abwechslung wurde von de>t zu Zeit «in Gang, ober besser gesagt, eine Schie- ®un8 durch die Menschenmasse vorgenommen. Traf won dabei im Gewühl zufällig einen Bekannten, so
. !5 zuerst eine freudige Begrüßung und daran an- M letzend einen lebhaften Gedankenaustausch, der stets Der »rage schloß: Wie soll das enden?
nnitfn'6 bercits 9efagt, waren wir von der Außenwelt beirtir^nH.611 "^geschlossen, nur einzig auf unseren Stall
1 ’ Grimmige Russen standen wie Zerberusse
an den Toren, ließen niemand hinaus und nur russische Offiziere hinein. Diefe kamen nicht selten und waren oft von Damen begleitet. Was diese Besucher anlockte, war zunächst wohl die Augenweide, die das Elend des wehrlosen Gegners diesen Patrioten bot, sodann aber auch die Hoffnung, auf gefahrlose und billige Weise ein Kriegsbeutestück zu erwerben.
Trotz der gründlichen Plünderungen auf dem Schlachtfelde und bei späteren Gelegenheiten, waren doch manche Dinge den Blicken der Kosaken entgangen, und Kompasse, Ferngläser, Dolche und Uhren kamen bei dem und jenem zum Vorschein. Letztere wurden von den Russen sehr gern gekauft, brachten aber meist nur ein paar Rubel ein. Die erstgenannten Gegenstände aber wurden als fiskalisch-ärarisches Gut einfach konfisziert. Selbst das Eiserne Kreuz, das hin und wieder einer unvorsichtig sehen ließ, wurde als gefährlich für den Bestand des Zarenreiches erachtet und ein- gezogen.
Die stärkste Nachfrage galt den Helmen, nicht den Filz- ober Blechhelmen, fonbern den Prunkstücken aus Leber, bie in einzelnen Exemplaren vorhanden waren und von den Russen mit lüsternen Augen betrachtet wurden. Meist wurden sie kurzerhand enteignet und der Besitzer mit einer alten schmierigen Russenmütze oder einem unbeschreiblichen Hut entschädigt. Doch der Wahrheit die Ehre! Verschiedene dieser Helme wurden, besonders wenn sie gut erhalten waren, mit zwanzig und mehr Rubel bezahlt.
Höchst ergötzlich war bas Benehmen der schon erwähnten Damen. Beim Anblick der farbigen Nationalen an den Helmen gebärdeten sie sich geradezu kindisch und gaben nicht eher Ruhe, bis die bunten Dinge in ihren Händen waren. Dann aber gaben sie ihrer Freude durch lautes Schreien und Jauchzen, selbst durch Tanzen Ausdruck.
♦
Am zweiten Tage unseres Aufenthaltes in Prosku- row erschien ein russischer General, um sich davon zu überzeugen, daß es uns an nichts mangelte. Drei Schritte vom Tore machte er Halt, ließ einen Feldherrn- blick über das groteske Bild gleiten, sandte den Bewohnern der Krippen und Raufen ein besonders wohl
wollendes Grinsen zu und schnarrte ein sehr deutliches „Serr gutt!" Er war also anscheinend mit dem Ergebnis der Besichtigung sehr zufrieden. Trotzdem ließ er sich herbei, zu fragen, ob mir vielleicht zu klagen hätten.
Das ganze Gehaben dieses Menschenfreundes in Ge> xieralsuniform wirkte auf mich ungeheuer aufreizend. Dadurch wurde die Defporatolaune, in die mich die ganzen Verhältnisse gebracht hatten, noch erhöht, und da mir damals jede Kenntnis des russischen Menschen im allgemeinen und eines Generals im besonderen abging, so kam es, daß ich auf einmal vor dem Gewaltigen ftant^ und sprach, wie mirs ums Herz war. Dabei sparte ich die schmückenben Beiworte, wie menschenunwürdig, erbärmlich, miserabel nicht.
Meine Rede muß einen tiefen Eindruck auf den General gemacht haben. Denn zunächst konnte er vor lauter Ergriffenheit kein Wort der Erwiderung finden, sondern starrte mich nur mit einem unbeschreiblichen Blicke an. Dann machte er seinen Gefühlen in einem unverständlichen Worte, das er mir entgegenschnauzte, Luft, und endlich setzte er mir die Faust so kräftig ins Gesicht, baß meine Nas« lebhaft reagierte.
Ich war sehr verwunbert unb drückte bas auch bem Lageroffizier gegenüber aus. Dieser aber meinte, ich könne froh fein, wenn nicht noch ein Nachspiel vor bem Kriegsgericht folge. Aber es hatte mit bem Nasenstüber sein Bewenben.
Ich aber ging von ba an jeder Unterhaltung mit Generälen unb anberen Würdenträgern möglichst aus dem Wege.
♦
Die unvergeßlichen Tage von Proskurow gingen vorüber. Am vierten Tage entstand in den Morgenstunden eine lebhafte Bewegung in unserem Stall. Eine Russenhorde war eingebrungen unb trieb, was gerabe vor ihre Knuten tarn, zum Tore hin. Einer nach dem andern wurde hinausgelassen, wobei zwei Russen bemüht waren, zu zählen. Durch meine Erfahrungen mit dem General gewitzigt, zog ich es vor, bie größte Zurückhaltung zu wahren. Aber, wie alle, war ich aufs höchste gespannt, was das werden sollte und zahlte
mit. Sobald die Zahl zwölfhunbert voll war, schlossen sich die Russen an, und bas Tor fiel ins Schloß.
Zwölfhunbert Schicksalsgenossen, unter ihnen man- cher gute Bekannte, waren von uns gegangen, ohne Ad- schieb, auf Nimmerwiedersehn. Wohin? Die Antwort blieb aus. Am Abend aber hieß es, sie seien auf bem Bahnhof zur Weiterreise verloben worben.
Am nächsten Morgen würbe abermals ein Transport zusammengestellt, unb ba ich beschloß, meine Zurückhaltung aufzugeben unb meine Ellenbogen tüchtig gebrauchte, so gelang es mir, hinauszukommen. Draußen freute ich mich zuerst einmal bes Sonnenlichts unb der köstlich frischen Luft, bie in bie staubgefüllten Lun, gen drang.
Dann labten wir uns noch einmal an Mn Fettaugen der Proskurower Suppe, würgten bie Kafch« hinunter und füllten unsere Taschen mit bem russischen Felbzwie- back.
Bald war der Bahnhof erreicht. Aber was war das? Es ging an ihm vorüber zur Stadt hinaus. Also wieder Marsch! Die Schrecken des früheren wurden le- benbig. Von einer Anhöhe, bie halb erreicht war, hatten wir einen Uek»erblick über bas in einer Senke liegenbe Stübtchen. «fn kurzes Holt. Nach einmal ruhte das Auge auf unserem Stall, der unten so friedlich und harmlos lag, und noch einmal tams von unseren Lippen: O Proskurow!
3.
Vor uns lag sie wieder, die weite Ebene Südruß- lanbs, durch die wir nun Tag für Tag, drei Wochen lang, der Hauptstadt der Ukraine, Kiew, entgegenzogen. Dieser zweite Teil des Marsches brachte eine große Erleichterung. Die brutalen Gesichter der Kosaken, und mit ihnen die Knuten, waren verschwunden. Landstürmer, meist alte, bärtige Männer begleiteten uns, nicht hoch zu Roß, sondern wie wir auf Schusters Rappen. Singe von ihnen, darunter auch der Führer, ein alter (Befreiter, waren dereinst als Kriegsgefangene in Japan gewesen und konnten sich somit in unsere Lage versetzen.
Sie waren menschlich gegen uns. Ja, sie suchten, soweit ihre eigene Ohnmacht es zuließ, uns kleine Annehmlichkeiten zu verschaffen, was wir nach der früh«