28. AprU
Beilage zur Fuldaer Zeitung
Itr. SS
Heimkehr aufs Land.
llnb wieder duftet heut wie einst das Gras. Vergessen sind die langen dürren Jahre, da tot dein Herz im Stein der Städte saß. Nun lachst du wieder beim Geschwätz der Stare.
Brich auf die Scholle! heiliges Gebot
— den Samen wirf! — im Scheine neuen Lichter erfülle! Ernte Frucht und Brot
im Schweiße deines Angesichtes.
W i l l i V e s p e r.
Der Christ im modernen Leben.
Lieber Klemens!
Es ist doch etwas Feines um unsere Freundschaft! Ich freue mich immer von Herzen, wenn ein Brief von Dir kommt. Besonders mit Deinem letzten Bries hast Du mir viel Freude gemacht. Gerne wollen wir es so weiterhalten, daß Du mir aus dem Leben Berlins, von Deinen Beobachtungen aus Büro, Kaffeehaus, aus dem Straßen- und Nachtleben der Großstadt erzählst und ich Dir immer eine religiöse „Dosis" verabreiche. Ich will Dich bei Deiner Meinung lassen, daß wir Priester zum Teil doch etwas weltfremd wären. Jedenfalls gibt es eine glückliche Mischung, wenn sich „W e l t m a n n" und Priester gegenseitig belehren. Es wird unsere Freundschaft davon befruchtet werden und das ist uns genug!
Du schreibst von dem Einkehrtag in Berlin-Neukölln. Das ist wahr, daß man in solchen Tagen religiöse Besinnung, seelische Kraft und Lebensfreude sammelt, um wieder mit größerem Schwung den Kampf in Berus und Leben auszunehmcn. In dem Trott des Alltags verblaßt leider der Glanz unserer höchsten Ideale langsam aber sicher. Wenn wir sie nicht immer wieder auffrischen. wenn wir nicht öfter einmal Abstand nehmen von all dem Irdischen, um das wir uns im Lebenskämpfe mühen müssen, dann ist bald aus uns ein kleiner Materialist, ein stiller Genießer geworden. Es ist doch nicht so einfach, immer ganz ideal zu handeln, ein Geistmensch zu bleiben! Daß Dir die nüchterne Büroarbeit gelegentlich bis an den Hals steht, kann ich gut verstehen. Wenn man sich da nicht unterkriehen lassen und nicht in Verdrossenheit und Freudlosigkeit versacken will, da braucht es starke seelische Kräfte. Diese kommen uns aber nur aus der Religion. Denn das Absinken, das Kleben an dieser Welt ohne den befreienden Blick nach oben macht uns unzufrieden, beengt den Atem unserer Seele. Das Aufschauen zu Gott und das Leben im kindlichen Glauben erlöst, befreit uns. Diese Erfahrung hat auch Dich mal wieder so aufgefrischt und froh gemacht. Dir ist nun alles wieder viel leichter geworden, weil es Dir aufgegangen ist, daß Religion und Christenleben eigentlich so gar keine traurige Angelegenheit ist. Evangelium heißt ja aus deutsch „frohe Botschaft". Diese Freude soll im Herzen jedes, auch des ärmsten Christen, trotz all der Not kräftig ausleuchten. Wie das möglich ist, erzähle ich Dir in den nächsten Briefen, wenn es Dir recht ist. Wenn ich in Dein Leben damit noch mehr Sonnenschein brächte, dann wäre das wohl der feinste Freundesdienst, den ich Dir tun könnte.
Einen frohen und herzlichen Gruß sendet Dir
Dein Winfried.
Was nun?
Wirb jetzt das Gras schneller wachsen? — werden die Kühe freudiger muhen und die Pferde mutiger wiehern? — Gibt cs Befreiung von den öffentlichen Lasten? — Wann wird das nationalsozialistische Arbeits- bejchafsungsprogramm durchgesührt?
Die preußische Landtagswahl hat im wesentlichen das gebracht, was jeder Mensch mit politischem Fingerspitzengefühl vorausgesehen hat. Höchstens war man etwas überrascht, daß die bürgerlichen Rechtsparteien von den Nationalsozialisten bis auf einige — man muß schon fagcn — schäbige Reste „zusammengehauen" worden sind. Das Schicksal der Deutschen Bolks- p art ei ist geradezu tragisch. Es traf das ein, was vor einiger Zeit im Reichstag über die Folgen der ,^Drehscheibe".Politik dieser Rechtspartei nach dem Tode Stresemanns prophezeit wurde: „Vom letzten Wähler macht dich frei, der große Staatsmann Dingeldey." Und die einst so mächtigen Deutschnationalen mit ihrem Führer Hugenberg? Sie sind auch in Preu- ”en ein Anhängsel des „Oesterreichers" Adolf Hitler neuerdings ist der Name Schicklhuber ausgetaucht — geworben. Man kann jetzt auch in Preußen über Hu- genverg zur Tagesorbnung übergehen. Lanbvolk un Wirtschqfts Partei, die mit dem Herauskeh-
ren einseitiger Standesinteresien vor noch nicht allzu langer Zeit die politischen Parteien, vor allem auch die Zentrumspartei, aus dem Sattel heben wollten, sind ganz verschwunden. Don den Demokraten spricht kein Mensch mehr. Die Sozialdemokraten haben den politischen „Flugsand", der sich nach der Revolution bei ihnen angehäuft hatte, verloren, und sind zum ersten Male nicht mehr die stärkste Partei. Sogar die K o m m u n i st e n haben seit 1930 über 200 000 Stimmen — ohne Zweifel an die Nazi, die angeblichen ..Marxistentöter" — verloren. Die Nationalsozialisten sind, wie zu erwarten war, die stärkste Partei geworden. Wie nach 1918 alles zu den Sozialdemokraten und Demokraten gelaufen ist, so drängen sich jetzt die Massen um das Hakenkreuzbanner. In nicht allzu langer Zeit, sobald die Nationalsozialisten einige Zeit regiert haben, wird der Rückfluß kommen. Dann müssen Parteien da sein, die die enttäuschten Massen auffangen. Es ist deshalb bedauerlich, daß der C h r ist- lich - Soziale Volksdienft und die „Junge Rechte" so geringen Anhang gefunden haben. Diese Gruppen sollten sich nicht entmutigen lassen, sondern ihre Position als Aufnahme-Stellung für die guten Kräfte unter der nationalsozialistifchen Jugend ausbauen.
Der „ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht" ist das Zentrum. Die Partei B r ü n in g s ist außer den Nationalsozialisten die einzige, die seit 1930 nichts verloren, sondern einige hunderttausend Stimmen gewonnen hat. Diese Tatsache ist
das Erfreuliche der Wahl am 24. April. Die katholische Jungmannschaft darf auf diesen Erfolg stolz sein. Es ist das eingetroffen, worum wir gekämpft haben. Die Experimenteure können, wenn sie „legal" bleiben wollen, ohne das Zentrum nichts beginnen. Das Zentrum hat sich ähnlich wie 1918 gegen die rote Flut heute als Wellenbrecher gegen die Nazi- Springflut bewährt. Besonders gut hat sich das Zentrumsvolk auch im Fuldaer Land geschlagen, obwohl es ihm wirtschaftlich vielleicht noch schlechter geht als den „Heil"-Aposteln. Die Nationalsozialisten haben wahrhaftig keinen Grund, nach einer Siegesfeier im Rausche lärmend durch die Straßen der Bonisatius- stadt zu ziehen. Das Zentrum hat in der Stadt Fulda wieder mit 55 Prozent die absolute Mehrheit, die es bei den letzten Reichstagswahlen vor 2 Jahren verloren hatte.
Das Jung-Zentrum darf jetzt nicht ausruhen. Wir müssen alle jungen Fuldaer in Stadt und Land zu Trägern unserer politischen Aufgabe gewinnen.
Und was geschieht in Berlin? Man sollte die Nazi-Helden in die Verantwortung zwingen. Das Zentrumsvolk ist politisch genug, um selbst eine Koalition mit den Nazis zu riskieren, so wie es 1919 die Koalition mit den Sozialdemokraten auf sich genommen und damit das Vaterland gerettet hat. Und das soll immer die Richtschnur unseres politischen Handelns sein: „D a s Vaterland geht über die Partei." T
Re Krise der politischen Zugenderzlehung.
Von Hansgerhard Weiß.
Der Verfasser, der durch fein im Vorjahre erschienenes Büchlein „Was wird aus Benjamin?" bekannt geworden ist, betrachtet die von ihm aufgeworfene Frage nicht von „außen" oder von „oben" aus der Sicht der alten Generation, fon- bern er ist selber ein junger Mensch, ber aus eigener Erfahrung spricht.
Politik ist heute Trumps. Nach der lieber« sättigung und dem Meinungsgewirr von Krieg und Nachkriegszeit, nach der Flucht in die Besinnlichkeit, in die möglichst umfassende Harmonie der eigenen engen Umwelt, siegt jetzt wieder die Politik. Ueberall drängt sie sich als Tendenz hinein, in die Kunst, in die Arbeit und in das Häusliche und selbst in die Ferien. Da wird in Parteiuniform geheiratet und das junge Paar von spalierbildenden Gesinnungsgenossen mit geschmettertem Bundesgruß empfangen; da wetteifern am Strand der Seebäder schwarz-weitz-rote gegen schwarz- rot-goldene Flaggen und aus Muscheln gelegte Stahlhelme. Und giftige Blicke gibts im Eisenbahnabteil, wenn das „Gegenüber" eine anders gerichtete Zeitung entfaltet. Ueberall wird die politische Gesinnung zur Schau getragen, überall werden die Gegensätze betont — Überall i st Streit, Haß, Parteigezänk.
Dazwischen wachsen Kinder auf. Junge Menschen sollen ihren Beruf, ihren Weg wählen. Und es gibt doch meistens keine Wahl. Die erstbeste Verdienstmöglichkeit muß ja den Vorzug erhalten vor jedem neigungserwählten Berus. Und auch politisch bleibt kaum die Möglichkeit einer Urteilsbildung, eines Umschau- Haltens: Umwelt und Beruf drängen einfach zwangsläufig in ein Programm hinein.
Aber: dieses Aufnehmen der durch die äußeren Verhältnisse sozusagen gegebenen Ansichten, bas ist boch eigentlich keine eigene, selbst erworbene Einstellung. Heute sind die meisten politischen Jugend- b Ü n d e nicht wirkliche Bündnisse von Jugend, die durch gleiches Suchen zusammengeführt ist, sondern gewissermaßen Parteivorschulen, politische Kadettenkorps. Jede Partei ist stolz auf solchen (möglichst zahlreichen) Nachwuchs. Man redet „seiner" Jugend von Freiheit und Selbstbesinnung und richtet sie dabei teils bewußt, teils unbewußt nach bestimmten Meinungen aus, die sie in ihren Spielen schon an Einseitigkeit und Parteigesinnung gewöhnen. Dabei sollten gerade die politischen Führer um ihrer Verantwortung willen versuchen, die Jugend nicht dazu zu erziehen, daß sie willenlos in ein parteipolitisches Weltbild hineintaumelt, sondern die Jugend muß sich f e l b st durch Anschauung und kritischen Vergleich eine selbständige Ueberzeugung bilden. Es ist nicht nur ein Unrecht gegen die Jugend, sie in ein Parteiprogramm hinein zu erziehen, es ist auch politisch unklug. Denn schließlich bedeutet jeder lediglich auf Mehrheit beruhende Parteisieg etwas unzulängliches und unzuverlässiges; allein eine möglichst breite Basis von selbständig Denkenden und Handelnden können einen dauerhaften Erfolg bringen. Und da tut Jugend, die sich scheinbar gar nicht um Politik kümmert, sondern sich nur mit offenen Augen und möglichst viel
seitig die Welt anschaut, Jugend, wie man sie am häufigsten in den freien Jugendbünben findet, der Politik den besten Dienst. Solche Jugend wird, einmal vor eine politische Entscheidung gestellt, nur selten a u f Sch lagworte hereinfallen, sondern sie wird nach einem gesunden, gerechten Ausgleich und einer dem Gesamtwohl des Volkes am besten die- nenben Entscheibung suchen.
Diese Jugend, auch wenn sie gegenwärtig, wo Politik wieder „Mode" ist, in der Minderheit bleibt, sollte man fördern und pflegen, anstatt sie als „Laue" zu übersehen. So unpolitisch sie scheinen, sind diese jungen Menschen doch vielleicht der wertvollste politische Nachwuchs.
Nehmen mir beispielsweise einen Jungen aus Offiziers- ober Akabemikerkreisen, ber burch die Inflations- Verhältnisse aus der traditionellen Bahn geworfen worden ist. Der irgendetwas arbeitet, um sich durchzubringen, und der dabei doch sozial in immer tiefere Schichten sinkt. Der merkt, wie eng und verständnis- l o s oft die konservativen Ansichten des Elternhauses waren, und der schon aus Gerechtigkeitsgefühl, je tiefer er hinabfchaut, desto weiter nach „links" rückt. Einst von Krieg und Patriotismus berauscht, sieht er heute nüchtern das Ergebnis, sucht vergebens nach der „heiligen großen Sache". Fast erscheint es ihm wie Ironie, daß er einst (wie alle) blutrünstige Haßgesänge gegen England und Frankreich schmetterte, während jetzt — eine Reise dorthin Ziel seiner verwegensten Wünsche ist. Er lieft auch wohl Romain Rolland — sieht ahnende Erkenntnis darin bestätigt. So ist er fast Kommunist, allein dieses „fast" bleibt* dazwischen, unauslöschlich. Er kennt zu gut die andere Seite, versteht die Welt der Eltern, das Große am Militarismus, die gedankliche Schönheit von selbstloser Lebenspflicht und Königstreue. Er weiß um die Bedeutung der Kirche und der Religion, er sieht neben aller Ungerechtigkeit des Kapitalismus auch sein Schöpferisches: Erfindungen, Großzügigkeit, Kunst . . .! Dies alles steht hinter dem kleinen Wörtchen „fast" und macht es so gewichtig, daß — wie schon so oft in der Weltgeschichte — an diesem kleinen Vorbehalt die Einigung scheitern muß.
Oder die Umkehrung des Beispiels: ein junger Kommunist, der durch seine Arbeit häufig in gut- bürgerliche Häuser kommt und plötzlich da etwas von einer Atmosphäre spürt, die ganz geheim seine Wünsche und seine Sehnsucht durchweht. Er empfindet neben der vielgeschmähten Sattheit des Bürgertums auch etwas Behagliches, Anziehendes, ja beinahe etwas Poetisches. Er entdeckt plötzlich, wie Sorgen und Verantwortung mit dem Besitz wachsen. Oder er gerät irgendwann einmal in eine Kirche und spürt, ohne zu glauben, doch eine innere Erschütterung. Er mag ehrlicherweise dies alles in ber bisherigen Weise nicht mehr bekämpfen. Sein Parteiprogramm ist ihm zu eng ge• worden, er ist aus ihm herausgewachfen wie ein Kind aus einem Kleid. Und spürt doch auch nach der anderen Seite kein Zugehörigkeitsgefühl; er weiß nicht, wohin mit feiner Weite und feiner Erkenntnis.
Alle diese jungen Menschen, die — durch äußere» Erleben ober inneren Trieb — zwischen den Parteien stehen, sie sind es, auf die es gerade in einer Zeit ber Umwertung aller Werte wie der unseren am meisten antommt. Wahrhafte Jugendpflege sollte sich gerade dieser Minderheit der Jugend annehmen. Das ist gewißlich eine würdigere Aufgabe, als fleine Kinder an Hauswände Sowjetsterne ma- len zu lassen ober sie, die wirklich noch nichts vom Judentum wissen, mit Hakenkreuzen zu bestecken.
Eine Stelle aus Tagores „Heim und Welt" scheint mir die Aufgabe der Jugenderziehung am besten zu umreißen: „Warum wollt Ihr nicht lieber versuchen, aufjubauen? Ihr solltet auch nicht einmal den zehnten leit (Eurer Kraft in diesem zerstörenden haß vergeuden." — Da werden viele, wie der Partner im Buche, den Einwand erheben: „Dieser haß wird uns die Kraft geben, aufzubauen!" — Worauf Tagore antworte*: „Das ist, als ob Ihr sagtet, Ihr könntet das Haus nicht erleuchten, ohne es anzuzünden ... Ich will gern meinem Lande dienen, aber die Gerechtigkeit sieht mir höher als das Vaterland, wer Götzendienst mit feinem Vaterlande treibt, der ruft einen Fluch auf dasselbe herab."
Schweigen über Südtirol.
Karl Bier erhebt in der Monatsschrift „Reue Jugend, Tyrolia, Wien ' n ■ ' n
nationalsozialistischen Verrat an dem Deutschtum Südtirols. Er schreibt: 1910 gab es in Südtirol unter 257 090 Einwohnern 223 659 Deutsche, 16 300 Ladiner und nur 6250 Italiener. 1921 zählten die Italiener trotz starker Einwande- rung von italienischen Beamten unb Arbeitern nu- 20 000, von denen die Hälfte nicht ansässig war. Die Zahl ber Deutschen und der Ladiner blieb unverändert. 1921 fanden auch die einzigen Wahlen statt und zwar 36 574 für den „Deutschen Verband" und 3893 für die deutsche sozialdemokratische Partei. Die Italiener hatten im Bewußtsein ihrer Schwäche gar keinen Kandidaten auf« gestellt.
Anfangs war die italienifche Herrschaft erträglich. Die Regierung versprach, Sprache und Kultur der Südtiroler zu achten. Aber sie wagte es schon nicht mehr, den Urheber des faschistischen Uebersalls auf den Bozner Trachtenzug zu bestrafen, der anläßlich der Bozner Messe ftattfanb, und bei dem 48 Personen verletzt und der Lehrer Franz Jnnerhofer erschossen wurde. Dar war nur ber Anfang. Der Vernicht ungs selb» zug gegen alles Deutsche setzte erst mit voller Wucht ein, als Mussolini seinen Marsch auf Rom siegreich burchgeführt hatte (28. Oktober 1922). Der Name Südtirol wurde verboten und dafür „Alto Adige" (Oberetfch) eiügeführt. Die deutschen Ortsnamen wurden durch italienische ersetzt, die der Pseudogelehrte Tolornes zum größten Teil erfunden hatte. Straßen- und Geschästsschisder, Postkarten, Speisekarten, ja selbst die Tischwäsche in Gast« hösen durften nur italienische Beschriftung haben. Der Gebrauch der deutschen Sprache vor Aem- tern wurde verboten. Mit dem Herbst 1923 begann die Jtalianisierung der Schulen, die heute längst vollendet ist. Seit 1928 darf auch der Religionsunterricht in den Schulen nur in italienischer Sprache erfolgen.
Der italienische Unterricht hat einen entsetzlichen Bildungsrückgang zur Folge. Zu Hause hören die Kinder nur deutsch, in ber Schule nur italienisch. Wenn sie die Schule verlassen, können sie weder deutsch noch italienisch vollkommen. Auch sind die italienischen Lehrer minderwertiger als die deutschen.
Sie Südtiroler Presse wurde vernichtet. Es gibt heute keine deutsche Tageszeitung in Südtirol, sondern nur eine deutschgeschriebene Tageszeitung, die „Alpenzeitung", die von Faschisten herausge- geben wird.
Südtirol erfährt eine Unterdrückung wie kein zweiter deutscher Volksstamm. Diese Unterdrückung ist um nichts gelindert worden trotz des Freundschaftsvertrages zwischen Oesterreich und Italien. Es ist ruhiger geworden in der Weltpresse um Südtirol. Schweigen über Südtirol. Dieses Schweigen muß ober gebrochen werden, um so mehr als ei ne große Partei Deutschlands. die das Wort national auf dem Schilde führt. Südtirol preisgegeben hat und damit ein Stück deutscher Freiheit und Ehre. Sagen mir es offen, ist es nicht eine Selbstverhöhnunz des deutschen Volkes, wenn man in Bozen Ratio- nalfjialiften Hand-in-Hand mit Schwarz- Hemden gehen steht, die das deutsche Südtirol mit Gewalt, Blut und Mord unterjochen? Diese Faschistenfreundschaft vom Zweckmäßigkeitsstandpunkt erklären zu wollen ist ebenso lächerlich, wie zu meinen, Italien werde einem nationalsozialistischen Deutschland in Südtirol Konzessionen machen ober Südtirol herausgeben.
Zwischenspiel Hiller.
„Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis". Auch ber heiizumi'rittene Augenblick der Gefchichtswelt, in der wir leben, wird einmal zur Vergangenheit, die Arbeit und die Zukunsisträume der Politiker werden zur Betrach- tungsroelt des Geschichtsforschers werden. Wort und Leistung sind dann ausgeglichen ober aneinander abgemessen, der Rausch des Fanatikers ist oer- flogen.
Es tut gut, sich mitten in der Hast und Hitze des po- litischen Kampfes einen Augenblick Besinnung zu gönnen. Und da wird uns gewiß, daß auch unsere Zeit weiter nichts als eine Episode der Geschichte ist, wahrschein- sich sogar eine kleine, wie auch die Teilwellen der französischen Revolution im Geiamtge'chehen jener Revolution in ihrer Bedeutung zurücktreten. — Wer freilid) ständig in einem Rauschzustand lebt und bereits wähnt von den Geburtswehen einer unerhört zu gestaltenden Zukunft miterfaßt zu sein, der mag den Augenblick der Besinnung an sich vorübergehen lassen. Ja. er mutz ihn sogar an sich vorüber gehen lassen, sonst erwacht
et zur Wirklichkeit und — zur Vernunft. Und es tonnte fein, daß im Lichte der Vernunft der allzuschöne und all^ hr?rliche Traum zerflöge. Andererseits hat wieder der Zustand des Rausches einen imponierenden Schwung, der vorwärts reißt — man weiß nur nicht recht wohin. Aber das erfüllt mit Abenteuerge- L“ l- Schade, daß nur die Ernüchterung folgt und iJ82noniu&. zumal bei einem Rauschzustand im Politiken Heben.
I y Politik entscheidet um das Schicksal des Vater» bedeutio mad>t bie nationalsozialistische Welle so bat» Tins bie ^°he des Wellenberges erreicht
-vag es sich um eine Springflut handelt, be
weisen di Ereignisse. E s wird eine Rückflut kommen, es fragt f ich nur, wieviel Land dann von der Ueberflutung unversehrt geblieben i ft. Die deutsche Republik ist erst vierzehn Jahre alt, es fehlt an der nötigen politischen Schulung unseres Volkes, sonst würden nicht breite Massen sich von der Konjunktur einer Bewegung leichthin erfassen lassen Aber die Hiilerbewegung ist nicht nur Konjunkturlache, sie hat auch tiefgehende Untergründe, bei es zu verstehen und zu erfassen gilt. Wir kennen diese Fragen längst aus der Preise: wer wählt Hitler? Wie steht es in ber Partei? Was ist von ben „Stop- f e n" ober doch mindestens „Führern" der Partei zu halten? Wie steht es um die Methoden, den Gehalt und die Gestaltung der Bewegung? — Wem es um Besinnung über politisch« Fragen geht, ber kann sich nicht mit einer gefühlsmäßigen Einstellung begnügen, es isi ihm nicht mit ber Abgabe des Stimmzettels genug, er will eigene Klarheit und Einsicht. Dazu bedarf es ber Hilfsmittel
Eine treffliche Handhabe zur Urteilsbildung über die Hitlerbewegung gibt das jüngst im Reinhold-Verlag Wien-Leipzig erschienene Buch: „Zwischenspiel Hitler. Ziele und Wirklichkeit des Nationalsozialismus" (Sonderdruck der Berichte zur Kultur- und Zeit- gefd)i<bte, 3.80 Mark). An Hand von Dokumenten aus der Hitlerpartei selbst und aus der Gegenpresse wird eine sehr wertvolle Materiasiammlung geboten. Ein ebenso ausführliches Literaturverzeichnis des Nationalfozialis- mus wie der gegnerischen Schriften ist mit kurzer Charakteristik der Bücher angefügt. Erschreckend isi die gefühlsmäßige Einstellung, die ans die f o ft art angewachfene Partei fußt. Es soll in ihrem Sinne auch gar keine Partei fein, sondern eine Bewegung. Auf die Formulierung eines Pro
gramms komme es, wie Goebbels selbst sagt, weniger an. Impuls, Triebhaftigkeit, rhetorischer Schwung und eine nur lose und locker umrahmte Ziel», weit führen. Daher so viel Raum für leere Worte, daher so viel demagogischer Nebel, der der Unklarheit eines unsicher geworbenen Bürgertums entgegenkommt. „Wer die Kuriosität Hitler kritisch unter die Lupe nimmt, dem wird begegnen, daß sie ihm sehr bald zer- flatteret. Es kostet nur geringe Mühe, ben Trommler unb Traum aller geistig abzuschütteln" (zitiert Seite 145). Auch bei seinen Gegnern gilt Hitler als guter Redner, bei einigen allerdings nur als guter „Poseur", aber der nachdenkliche Mensch kommt gar bald zu einem tieferen Urteil. So sagt General von Lossow: „Die bekannte, hinreißende suggestive Beredsamkeit des Herrn Hitler hat auf mich anfangs einen großen Eindruck gemacht. Je öfter ich aber Hitler hörte, desto mehr schwächt sich dieser Eindruck ab. Ich erkannte, daß die langen Reden doch immer das gleiche enthielten, daß ein Teil der Ausführungen für jeden national eingestellten Deutschen selbstverständlich ist. daß ein anderer Teil davon Zeugnis ablegt, daß Hitler ber Wirk- lichkettssinn, ber Maßstab für bis, was möglich und erreichbar ist, abgeht Man möchte nur hoffen, daß vielen Anhängern ber Hitlerpartei ähnlich bie Augen aufgingen. Deshalb auch bie Flucht ber Nationalsozialisten vor praktischen Lösunge n ber Wirklichkeit. Sie wollen sich nicht entscheiden, sie wollen bie Macht, „und was bann geschieht ist eine andere Sache", wie Goeb- bels sagt. Um ber Macht willen auch bie Wut gegen das demokratische System, für das „System" ber Diktatur. Deshalb auch die straffe militärische Organisation ber Partei mit Unterordnung unter ben Führer, weil der Emporkömmling aus kleinen öer-
fjältniffen bie fremde Meinung nicht ertragen kann, da sie seinem Persönlichkeitsnimbus zuwiderläuft. Dem Leutnant Scheringer sagt man, als er sich geistig mit dem Nationalsozialismus befaßt. Politik sei eine schmutzige Sache, ein Soldat solle sich damit möglichst wenig abgeben Dafür fand Scheringer bei Goebbels und im Braunen Hause immer nur Angebote fetter Posten unb es mürbe ihm gesagt, er solle nicht Angst um seine Karriere haben (Seite 130).
Der blinbe Führerglaube ist eine Gefahr wie jeher KöhIerglaude. Dies ist eine ber tiefe Erkenntnis, die uns bei der Hitlerbewegung faßt. Was fall bet Machtergreifung aus diesen Massen werden, die einmal am „Hitlersystem" ungläubig werden? Die Kommunisten rechnen dann auf starken Zuspruch, und mobl nicht mit Unrecht. Aber es fragt sich, wie viel Menschen unseres Volkes in diesen Machtkämpfen sterben werden; denn, daß eine so nach Macht hungrige Partei alles daran setzen wird, um sich zu behaupten, ist klar. — Wichtiger aber ist für den Freund des bestehenden Staates die Frage, wie er das Volk zur politischen Reife und Urteilskraft führen helfen kann. Die politische Unerzogenheit des Volkes muß behoben werden, denn an die Kräfte unseres deutschen Volkes und seinen vaterländischen Willen glauben wir ebenso entschlossen und fest wie Hitler. Dos Volk muß nur erst aus der Hypnose erwachen, in bie es die Nazl-Redner versetzt haben. Nicht diktatorischer Befehl soll herrichen, sondern sittliche Selbstentscheidung. An Stelle geistiger Bevormundung soll eigenes Urteil stehen. Zu einer solchen Urteilsbildung beizutragen, ist die genannte Schrift mitberufen. Möge sie eifrig gelesen werden. ck.