Vellage zur Fuldaer Aettung
Ar. 95
NILS
24. April. ;
Sei strebend zielbedachk.
Von Franz Cingia
Sei strebend zielbedacht
Voll Hoffnung und Begehr.
Dann schreckt dich manche Macht Der Unlust nimmermehr.
Und immer tatbereit
Sollst du die Straße gehn. Dif Zeichen deiner Zeit Mit Hellen Augen sehn.
Dein Denken halte klar Und laß der Freude Raum. Dann wächst dir wunderbar Die Frucht am Lebensbaum.
Tankes, wie er fein soll.
Zum 50. Todestage R. waldo Emersons am 27. April.
„Die Welt ist nichts, der Mensch alles."
„Große Geister", sagt Emerson einmal, „haben di- kürzesten Biographien. Wie ein guter Kamin seinen eigenen Rauch verbrennt, so verwandelt ein Denker alle Ereignisse seines Lebens in geistige Arbeit."
Die weltgeschichtliche Leistung Emersons war die, die Nabelschnur zwischen Amerika und Europa abzuschnei- den.
Bis dahin lebte die gebildete amerikanische Welt nur in den Gedanken Deutschlands und Englands. Da erhob sich in den Reden und Essays dieses Pastorensohns ein anders geartetes Antlitz; es kündeten sich die Grundzüge jenes neuen Seelenlebens an, das uns heute als das „amerikanische" so selbstverständlich ist, weil wir selbst schon irgendwie amerikanisiert wurden. Durch Emerson bekam der Amerikanismus seinen klaren Ausdruck, seine Gestalt. Wie eine Fanfare wirkte sein Vortrag 1837 vor der Harvard-Universität über den „American-Scholar". „Unsere Unabhängigkeitserklärung auf geistigem Gebiet!" so jubelten die Zuhörer. Wir wollen ganz wir selbst sein! Das ist der Gedankengang: Lange haben wir von stemden Landen Wissen geborgt. Um uns rauscht es von millionenfachem Leben, da können . wir uns nicht länger mit den Brocken fremder Tische ab« speisen lassen. „Nun wollen wir leben, für uns leben — nicht das Leichentuch der Vergangenheit nachschleppend, sondern als Verkünder und Schöpfer unseres Zeitalters. Und weder Griechenland noch Rom, weder die drei Einheiten des Aristoteles noch die heiligen Drei Könige von Köln, weder die Sorbonne in Paris noch die Edinburgh Review haben uns dreinzureden. Nun wir einmal da sind, wollen wir unsere eigene Auffassung haben und un- seren eigenen Maßstab".
Da spüren wir schon, was Emerson als unamerikanisch ablehnt. Zunächst die Geschichte. Europa lebt ihm zu einseitig aus der Vergangenheit, „es baut die Gräber der Vorväter, es schreibt Lebensbeschreibungen, es kritisiert". Wenn die Europäer nur von ihren Vätern lernen wollten, mit eigenem Kopf zu denken! „Die früheren Geschlechter sahen Gott und Natur von Angesicht zu Angesicht; wir sehen durch ihre Augen. Warum sollen nicht auch wir uns einer ursprünglichen Beziehung zum All erfreuen? Die Sonne scheint auch heute. Neue Länder sind da, neue Menschen, neue Gedanken." Und dann: der Europäer ist zu spezialisiert. Emerson will: Der Mensch sei nicht Farmer oder Professor oder Ingenieur; er sei alles. „Leider sehen wir nur Spezialmenschen, Menschentums-Spezialitäten, zerstückelte Glieder des Jdealmenschen. Der Mensch ist zu einem Ding geworden, zu vielen Dingen." Statt dessen verlangt Emerson gerade von den Naturwissenschaften dies als Hauptsache: „den Menschen selbst zu erklären, damit er seinen wahren Platz im System der Natur einnehmen kann." Während wir sonst die Welt nur mehr in Teilen, ja Punkten sehen, verkündet Emerson es als den amerikanischen Willen, die Dinge der Welt als Eins zu fassen, „mit scharfen Sinnen und hellem Kopf keck vor die Fragen hinzutreten, nicht jener Zweiteilung zu achten, die die eine Hälfte der Welt für moralisch und poetisch, die andere aber für unmoralisch und unpoetisch erklärt." Er will die Welt sehen wie ein Kind: ohne Rücksichten, einfachhin als Sein. Entwicklungsfähig will er umbilden, was wir nur ablehnen, verdammen.
Denn alles ist gut, „die ganze Welt vom Derb-Greif- baren zum Uebersinnlich-Unerfaßlichen ist Eins, "der in fortwährender Aufwärtsentwicklung begriffen: die Metamorphose der Pflanzen zeigt im Kleinen das Bild der Welt." Damit wird aber alles zum Sinnbild: „Das ganze sichtbare Weltall, Berg und Tal, Fluß und Wald, die Jahreszeiten, Eisen, Stein, Dampf — alles ist ein Symbol der Geisteswelt, alle Naturgesetze sind nur Parallelen zu dem was im Sittlichen gilt." So entsteht die echt amerikanische Losung:
-Sn Demut, treu und ohne Sorgen!
Geradeaus und vorwärts den Kurs genommen, Ist jeder noch zum Hafen gekommen."
Wir nennen diesen Optimismus, wie Emerson seine Weltanschauung selber bezeichnete, manchmal naiv, vor allem seine Blindheit für die Schattenseiten des Lebens, insbesondere für das soziale Elend, die schon Carlyle, der große Freund Emersons, an ihm verurteilte. Und doch, lassen wir die ethische und kulturelle Haltung dieser Lebensphilosophie aus uns wirken, so verspüren wir den Reiz des unschuldig Paradieshaften wie es auch über der Persönlichkeit Emersons leuchtete, wenn wir
Die Reichspräfidentemvahl mit ihren zwei Wahlgängen liegt hinter uns, die Landtagswahlen in verschiede- nen Ländern, bei denen wiederum fünf Sechstel der deutschen Wähler an die Urne schreiten können, stehen vor der Tür. In Frankreich tobt der Wahlkampf für die Erneuerung der Deputiertenkammer, und in den Vereinigten Staaten rüstet man für die im November erfolgende Neuwahl des Präsidenten. Fürwahr, eine Fülle wichtiger Entscheidungen, die den politisch Interessierten kaum zur Ruhe kommen läßt.
Der Hergang einer Wahl ist — wenigstens soweit Deutschland in Frage kommt — so allgemein bekannt, daß es darüber keiner weiteren Worte bedarf. Immerhin gibt es in Verbindung damit doch allerlei interessante Einzelheiten, z. T. ganz lustiger Art, die zu betrachten sich verlohnt.
Schon von den rund 70 000 Wahllokalen, die bei einer allgemeinen Wahl bei uns eingerichtet werden, fallen einige aus dem üblichen Rahmen. So z. B. die höchstgelegene Stimmgelegenheit aus dem 2965 Meter hohen Gipfel der Zugspitze, wo Wanderer und Bergsteiger, die an dem wichtigen Tage nicht zu Hause bleiben wollen, Gelegenheit finden, ihrer politischen Meinung Ausdruck zu geben. Dieser Alpengipfel zeichnet sich ferner dadurch aus, daß von ihm regelmäßig das erfte „Gesamtergebnis" einzulaufen pflegt, meist folgt dann unmittelbar der so ganz anders- geartete Wahlbezirk Helgoland. In beiden Fällen würde man ja auch einen Wahlleiter bald erwischt haben, der, wie es in Berlin bei dem ersten Wahlgang zur Reichspräsidentenwahl der Fall war, nach Beendigung der Wahlhandlung mit dem Abstimmungsergebnis in der Tasche erst „einen genehmigte", so daß man ihn stundenlang suchen mußte und er die Ermittlung des Ergebnisses ausgerechnet der Reichshauptstadt entsprechend verzögerte.
Wenig bekannt dürfte fein, daß wir in Deutschland auch ein schwimmendes Wahllokal haben. Es befindet sich auf einem Lotfendampfer, der an Wahltagen von Kuxhaven aus in See geht, um den Beamten und Arbeitern auf den Leuchttürmen und Feuerschiffen die Möglichkeit zu geben, ihrer vornehmsten staatsbürgerlichen Pflicht zu genügen. Eine ähnliche Einrichtung kennt man in England. Schweden dagegen besitzt den Vorzug, das einzige schlittenfahrende Wahllokal zu besitzen, und zwar in seiner nördlichsten Provinz Lappland. Die Lappen sind nämlich vollberechtigte schwedische Bürger, und um ihnen Gelegenheit zum Wählen zu geben, fährt ein besonderer Wahlausschuß mit Urne und allem sonst Erforderlichen auf Schlitten in den hohen Norden, um in den einzelnen Niederlassungen die Stimmen zu sammeln. Schließlich sei hier
dem feinsinnigen deutschen Uebersetzer seiner Werke, Hermann Grimm, glauben dürfen, der ihn 1827 in Florenz so sah: „Eine hohe schmale Gestalt mit dem unschuldigen Lächeln um den Mund, das Kindern und Männern höchsten Ranges eigen ist. Liebenswürdigkeit scheint ein zu einseitiges Wort, um all das zu bezeichnen, was in Emerson davon umfaßt wird."
So verstehen wir, daß Emerson» Wohnhaus in Con- cord zum Kulturmittelpunkt der USA. wurde. Wir vergessen das heute so leicht in dem Wahn, das echt« Amerikanertum spiegele sich nur in den Romanen der Sinclair Lewis und Upton Sinclair. Bedenken wir, daß auch Deutschland noch etwas anderes ist denn „Berlin W." Wie wir unsef „Weimar" haben, so besitzt der Amerikaner sein Concord. Der Idealismus des „Weisen von Concord", besten Großvater gewünscht hatte, keiner seiner Enkel möge j« reich werden, ist nicht gestorben; er lebt in dem „anderen" Amerika, von dem „der griechische Kopf auf Uankeeschultern" die zuversichtliche Hoffnung aussprach, es werd« der Welt noch etwas anderes zu liefern haben als Getreide und Maschinen. Dr. W. Schering.
noch das höchste Wahllokal der Welt erwähnt, auf dem fast 5000 Meter hohen Munchao-Paß in den Anden.
Das eigenartigste Wahllokal der Welt dürfte sich wohl in England befinden; er besteht in einem großen — hohlen Baum, der etwa acht Personen Platz bietet. Seit rund vier Jahrhunderten kann man dort zum Unterhaus wählen. Der Ueberlieferung nach suchten im 16. Jahrhundert einige Königstreue hier erfolgreich Schutz vor Cromwells „Rundköpfen". In dankbarer Erinnerung wurde der damals schon Jahrhunderte alt« Baum zum Wahllokal befördert.
Auch der Stimmzettel weist zuweilen abfonber» liche Erscheinungen aus. Zwar bei uns und ebenso in den meisten Kulturländern sind diese bedeutungsvollen Papiere im wesentlichen einheitlich. Anders dagegen in Ländern, in denen die des Lesens und Schreibens vielfach unkundige Bevölkerung Mühe haben würde, ihren Kandidaten richtig und unmißverständlich zu beziehen. Dies gilt z. B. für Indien, wo man durch bildliche Darstellungen dem Wähler di« Arbeit erleichtert. Neben dem Namen der Kandidaten sehen wir daher einen Eie- fünfen, einen Regenschirm oder ein Fahrrad, wonach der vorher entsprechend aufgeklärte Wähler seine Entscheidung trifft.
Ungehinderte Wahlbeteiligung gilt uns heute als etwas Selbstverständliches. Anderswo und zu anderen Zeiten war es nicht immer so. Heute dürfte es jedenfalls nicht mehr vorkommen wie st Zt. in einem spanischen Wahlbezirk, wo die an der Macht befindliche Partei einen bissigen Hund im Wahllokal bereit hielt. Nahte sich nun ein politischer Gegner, so wurde das Tier losge- laffen und jagte den Frechen in schleunige Flucht. — Sehr schlau fing es der englische Admiral Sir George Pocoke an, der sich um den stark umstrittenen Wahlkreis Poole bewarb. Am Morgen des entscheidenden Tages sandte er ein Schiff seines Geschwaders in den Hafen, ließ nach einer vorher festgestellten Lifte durch den Kapitän die hervorragendsten feiner Gegner — es waren ihrer einige 70 — an Bord einlaben, worauf bas Schiff in See ging und die Entführten erst nach Beendigung der Wahlhandlung zurückbrachte. Der wackere Admiral war mit ganz geringer Mehrheit gewählt! Heute gäbe das natürlich «inen Grund zur Beanstandung, aber damals nahm man es damit nicht so genau.
Wahlwetten spielen bei uns nur eine geringe Rolle, sind im Ausland dagegen vielfach sehr beliebt. Dor allem Amerika leistet darin Hervorragendes, aber auch England und Holland können sich sehen lassen. In London mußte ein Verlierer einer solchen Wette einmal im Heydepark soviel Gras sammeln, daß er sich daraus eine auskömmliche Mahlzeit bereiten konnte, die er auch
verzehrte, und in Amerika mar jemand genötigt, feinen am Wahltage getragenen Schlips restlos zu verzehren. Er hals sich damit, daß er die Halsbinde anzündete, verbrannte und die Asche in eine Torte backen ließ. Aus diese Weise „ruffchte" es ganz gut.
meine Wahlschlacht.
Aus dem Leben erzählt von G. W. Beyer.
Ein paar Tage vor der Wahl, vor der großen Enffcheidung. Die Menschen schieben sich dichtgedrängt die Hauptverkehrsader der Großstadt entlang. Werfen im Vorbeigehen einen halb sehnsüchtigen, halb entsagungsvollen Blick in die Schaufenster, deren Herrlichkeiten ihnen unerreichbar sind. Schlechte Zeiten!
Nur nicht für die Papierfabriken und für die Straßenreinigung. Wohl an jeder Straßenecke steht ein Mann und verteilt Flugblätter: Wählt den, wählt jenen. „Nur wir bringen den Himmel auf Erden." — „Allein unsere Partei tritt für ihre Interessen ein". Und hundert andere Versprechungen mehr.
Im Brennpunkt des Verkehrs steht auch solch ein Zettelverteiler. Wie ein Automat marschiert er auf und ab, zückt er seine Flugblätter: „Bitte!" Weil an ihm alles so automatenhaft abgehackt und auffallend ist, nehmen ihm die Leute überhaupt noch seine Wische ab. Werfen einen Blick darauf: „Weg damit!"
Andere lesen wenigstens die Unterschrift: „Partei für gerechte Verteilung der jährlichen Niederschlagsmengen auf ganz Deutschland." Schön, warum soll es nicht auch so etwas geben? Jedes Tierchen hat sein Pläsierchen, und die Verrückten wollen auch leben. Silber den Großstädter interessiert die Verteilung der jährlichen Niederschlagsmengen weniger, und alle Zettel fliegen zerknüllt auf die Straße.
Den Flugblattverteiler rührt das nicht. Gravitätisch schreitet er die Straße entlang: „Bitte!"
Aber da ist noch ein anderer: der Straßenkehrer. Keiner mit Besen und Schaufel, sondern einer, der hoch oben auf einem jener modernen Kehrapparate thront und ratternd die Straße auf und ab fährt. Treu und bieder rumpelt er hinter dem Zettelverteiler her und fchluckt all das zerknüllte Papier auf, das die „Partei für gerechte Verteilung der jährlichen Niederschlagsmengen" unnütz und durchaus nicht gleichmäßig und gerecht auf diese eine Straße hernieder regnen ließ.
Der Flugblattverteiler ist an der Straßenecke ange- langt, macht kehrt, wundert sich, wo seine zahlreich zerknüllten Zettel geblieben sind. Sieht die Kehrmaschine, begreift. Beginnt den alten Trott von neuem: „Bitte!"
Der Straßenkehrer überlegt: „Soll ich? Soll ich nicht?" Dreht seine Maschine plötzlich um, rumpelt wie- der hinter dem Flugblattverteiler her, fchluckt alle Zettel, Die Straße muß doch sauber sein.
Der Zettelverteiler hat die andere Grenze seines Bezirkes erreicht, dreht um. Alles sauber. Fangen wir von neuem an!
Halt! Der Straßenkehrer ist plötzlich von seinem Thron geklettert, kommt auf den Flugblattverteiler zu, greift mit dem rechten Zeigefinger an das Mützenschild. „Hören Sie", sagt er sehr höflich, „könnten wir uns nicht gegenseitig die Arbeit leichter machen? Schmeißen Sie doch alle Blätter auf einmal in meine Maschine!"
Der Zettelverteiler stutzt, lächelt plötzlich: „Ist gemacht!" Steckt die Hände in die Hosentaschen, geht nach Haus«. Selbstzufrieden, im Bewußtsein erfüllter Pflicht: Er ist seine Blätter los geworden.
Stimmen vom anderen Kontinent.
Aussprüche Emersons.
Junge Leute bewundern Talente und besonders Vorzüge. Wenn wir älter werden, schätzen wir die Gesamtkraft und -Wirkung eines Menschen, feinen Geist, fein Wesen.
*
Wir brauchen Städte al sdie Zentren, in denen die besten Dinge gefunden werden . Aber Städte erniedrigen uns zugleich, indem sie armselige Kleinigkeiten wichtig machen. Das sind nichtMenschen, sondern wandelnder Hunger, Durst, Fieber und Begierden. Wenn ihre pfefferkorngroßen Ziele erreicht sind, dann ift’s, als ob der Kalk in ihren Knochen allein sie noch zusammenhielte
Rund um die Wahlurne.
Das schNNeafahreade Wahllokal. — Selbst in 5 000 Mieter Höhe kann man wählen. — Der (Elefant auf dem Stimmzettel.
Don Eberhard Göschen.
Zn sibirischer Gefangenschaft.
Von Richard Hof, Eckweisbach.
2] - -----------
Nach Kiew.
Ein Wutschrei aus tausend Kehlen durchschneidet die Luft. Ein einziger nur. Der zweite erstickt unter dem Pfeifen der Knuten.
Das Gegenstück. Ein Mädchen kommt leichtfüßig aus einer Hütte, die auf einem Hügel steht. Mit beiden Händen hält sie die gefüllte Schürze und bietet ihre Gaben dar, kleine, goldbraune Brote, nach denen hundert verlangende Hände greifen. Wieder sprengt ein Kosak heran. Doch das Mädchen ist schneller als er. Mit höhnendem Rufe, den wir nicht verstehen, schwenkt 8e das letzte Brot gegen ihn, wirst es unter uns und «lt mit leichten Sätzen den Hügel hinaus.
Brüllend jagd her Kosak hinter ihr drein. Sie verschwindet in ber Tür. Der Gaul schießt nach, und der Reiter, der ihn vergeblich zu zügeln sucht, prallt mit dem Schädel gegen das Gebälk.
Wieder brüllt er auf, doch diesmal vor Schmerz. Dann reiht er fein zitterndes Tier herum und wischt mit der Hand das Blut von der Stirn.
Aus dem Gesträuch des Gartens klingt ein spöttisches Mädchenlachen herab. Der Kosak aber stößt wütend seinem Pferde die Sporen in die Weichen und jagt fluchend davon.
Die Grenze war erreicht. An den letzten Tagen hotte eine drückende Hitze geherrscht, die ein kräftiges Gewitter brachte . So kam es, daß wir unter heftigen Regengüssen unfern Einzug in Rußland hielten.
Em Flüßchen bildet die Grenze. Zwei Städte liegen x <inanber gegenüber, das galizische Prdwoloschirka und das russische Wolotschirk. Eine Brücke verbindet beide, und als wir sie überschritten hatten, standen wir aus russischem Boden. Die Dunkelheit war bereits her- E^"8^b^°chen und deshalb war es nicht möglich, einen rechten Eindruck von diesen Orten zu gewinnen. Zu
dem waren wir so matt und müde, daß nur das Verlangen nach Ruhe uns erfüllte.
In einer breiten Straße wurde Halt gemacht. Wir mußten auf den Ortskommandanten warten, der für unser Quartier zu sorgen hatte. Der aber war einer Einladung zum Tee gefolgt und konnte vorläufig nicht kommen. Zehntausend Menschen aber standen bei Nacht und Regen int Schlamm der Straße.
Ich hatte mich an einen Gartenzaun gelehnt und ließ einen Blick über die Straße auf- und niedergleiten. Die dunkle Menschenmaffe drängte und fchob, weil jeder ein Plätzchen an einer Hauswand ober unter einem Torbogen zu erobern strebte, um ein wenig Schutz gegen den strömenden Regen zu finden. In das Prasseln der Tropfen mischte sich ein nicht endendes Gemurmel, gelegentlich von einem Fluch ober einem Lachen, bas keins war, burdjbrodjen.
Zwei große, hellerleuchtete Fenster zogen meine Augen immer wieder an. Dort war Licht und Wärme, und die Menschen, die zuweilen gleich dunklen Schatten an den Fenstern vorüberglitten, tranken wohl den heißen, süßen Tee, und wenn ein Fenster geöffnet wurde, drang lautes Lachen heraus.
Und wir standen im Morast. Der Regen peitschte die Gesichter. Die Knie drohten zu brechen, und nirgends ein Platz zum Ruhen. Der Hunger wühlte, und keine Brotrinde ihn zu stillen.
Ich lehnte noch immer am Gartenzaun und war in dumpfes Brüten versunken. Plötzlich hörte ich hinter dem Zaun ein leises Rascheln. Ich wandte mich um und sah beim Schein der hellen Fenster gegenüber bas Gesicht einer Stibin.
„Armer Mann," flüsterte sie unb brückte mir zwischen ben Gitterstäben hinburch etwas Heißes, Feuchtes in bie Hand. Es war mir unmöglich, ein Wort zu sagen. Ich konnte nur ihre Hanb ergreifen unb bankbar brücken. Dann kehrte ich mich ab, um eine Träne wegzuwischen. Als ich mich ihr wieber zuwanbte, war sie verschwunben.
Es war ein großer, gekochter Maiskolben. Seine Korner stillten nicht nur meinen Hunger, sonbern gaben dem Körper auch ein wohltuendes Gefühl der Wärme,
Hab Dank, du Tochter Israels! Wenn ich der Menschen, die mir jemals Gutes taten, gedenke, bann ist auch bie Jübin von Wolotschisk nicht vergessen.
Stunbe um Stunbe schlich dahin. Mitternacht mochte nicht mehr fern fein, als Bewegung in bie Masse kam. Lichter blitzten auf, ein Wagen rollte heran. Der Herr Kommanbant geruhte zu erscheinen, um seine Gäste zu begrüßen. Aber Seine Gnaden waren in ungnädiger Laune. Mit unseren Kosaken sührte er eine anscheinend recht grobe Unterhaltung, die nächststehenden Gefangenen brüllte er an und fuchtelte ihnen mit der Reitpeitsche um die Ohren. Es machte den Eindruck, als habe er seinen Tee etwas zu kräftig mit Alkohol gewürzt.
Endlich erscholl ein Kommando. Ein Russe mit einem Laternchen setzte sich an die Spitze de« Zuges. Wir zogen bie Füße aus bem Schlamm unb wankten hinter ihm brein, immerzu, burch dunkle Straßen, zur Stabt hinaus, über Aecker, burch Schlammlöcher und Wasserlachen, immerfort.
Langgestreckte, niebrige Gebäude hoben sich schwach aus bem Dunkel heraus. Ein gewaltiger Stall, besten Koben hoch mit Mist bebeckt war, nahm uns auf. Beim Schein bes Laternchens, ber einem matten Sternchen glich, suchte sich jeher einen Platz unb versank sofort in Schlaf.
Man Blick fiel auf bie langen Holzkrippen, bie sich nahe unter bem Strohbach an den Wänden hinzogen, und sofort war ich entschlossen, darin Quartier zu beziehen. Mit den langen Strohbündeln, die ich aus dem Dache zog, baute ich in die Krippe ein Nest, wühlte mich bis zur Nasenspitze hinein und verbrachte die Nacht leidlich, jedenfalls würdiger als die Kameraden drunten auf dem Mist.
Da unten gabr am nächsten Morgen noch ein großes Halloh. Als die Tore geöffnet wurden und bas Morgen- licht ben Stall etwas erhellte, meinte einer: „Ich muß doch mal sehen, worauf ich mit bem Kopf gelegen habe und hob — eine tote Ratte in die Höhe.
*
Durch die endlose Ebene Südrußlands sührte ber Marsch ber nächsten Tage. Soweit bas Auge reicht, behnt sich braunes Ackerlanb, herbstlich öde und still. Selten nur bringt eine Baumgruppe mit ihrem Grün einen
helleren Ton in das einförmige Bild, und noch seltener taucht ein Wald am Gesichtskreis auf.
Durch das Braun der Aecker ist wie ein Heller Strich bie Straße gezogen, eine unendliche Gerade, die in ber bunftigen Feme ins Nichts verläuft.
Droben wölbt sich ber Himmel, graublau, ohne bas heitere Spiel ber Wolken. Die Sonne steht matt unb verschleiert broben, nur bie Lust ist schwer unb schwül.
Wie ein Riesenwum kriecht unser Zug burch die Ebene fort ,oom ersten Grau des Morgens bis in die Nacht hinein. Es sind harte Tage gekommen. Der Hunger frißt in den Leibern, der Durst brennt auf Lippen unb Gaumen, bie trocken finb vom Staub unb nach Labe lechzen. Schon geht bas Elenb mit in unseren Reihen, unb ba unb hort flackert schon stiller Wahnsinn in den Augen.
Die Kräfte verfallen. Mübe, gebeugt wie unter schwe- ren Lasten schwanken wir im Staube ber Straße fort. Da taumelt einer, bie Nächsten stützen ihn unb schleppen ihn mit. Dort bricht einer stöhnenb zusammen unb liegt am Boben. Nur wenige Augenblicke, bann saust bie Knute über bas bleiche Gesicht unb reiht ihn aus bem Schlafe ber Ohnmacht ins Elend zurück. Irren Blicks taumelt er auf, schwankt weiter, nur ein paar Schritte unb sinkt wieder zusammen, lautlos unb schwer.
Umsonst pfeift bie Knute, sie hat keine Macht mehr über ihn.
Wieber einer! murmeln trockene Lippen, unb scheue Augen streifen bie reglose Gestalt im Staube.
Vorbei--Nur eine bange, bange Frage. Wann
triff es dich? Heute? Morgen?
In der Ferne tauchen Baumspitzen auf und über ihnen eine Kuppel, die in mattem Goldglanze schimmert.
Ein Dorf! Brunnen! Wasser! Würgend ringt es sich vom Munde, und doch fingts wie Jubel darin. Wasser! Wasser! Und schneller werden bie Schritte.
Die Baumspitzen vorne wachsen. Sie runben sich zu Wipfeln, unb unter ber Golbkuppel wölbt sich eine Kuppel aus hellem (Brün. Dann sehen wir das Dorf. In einer Senke liegen seine Hütten verstreut klein und grau. Zwischen ihnen schimmert der Fluß, bt <1. regel-