FuldaerZertung
Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
irr. 95
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift- :: leitung 3153, Fuldaer Actiendruckerei 3151 und 3152. ::
Sonntag, 24. April 1932.
Monatlich 1.65 einschließl. Postgebühr (48 Pfg.) ohne Zustellq Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Col.) lokal 0.15 RM., auswärts 0.20 RM. Reklamezeile: lokal 0.60 RM auswärts 0.80 RM Bei Wiederholungen Rabatt. Postscheckk Frankfurt a. M 4051
Iahte. 59.
Nun heraus mit dem Stimmzettel!
Wehrk die Dikkakurgelüsie der Radikalen ab. — Sichert Recht, Ordnung und Währung! Für Volk und Reich! — Für Kirche und Heimat! — Für Deutschlands Ansehen in der Well. Stärkt die volksversöhnende Mitte!
Wählt Zentrum Nr. 3!
Mit einer Hochflut von Reden, Kundgebungen und sonstigen Veranstaltungen erreichte der Wahlfeldzug am Freitag seinen Höhepunkt. lieber den Rahmen einer Wahlrede hinaus gingen die Ausführungen des Reichsfinanzministers Dr. Dietrich in Altona, der u. a. erklärte, Deutschland wird nach dem 1. Juli, also nach Ablauf des „Hoo- verjahres", nicht mehr zahlen.
*
Prälat Dr. Ka a s erklärte in Koblenz am Freitagabend :
Wenn man dem Zentrum vorwerfe, daß es mit der Linken paktiert habe, so verweise er demgegenüber auf die zahlreichen Absagen, die die Rechte wiederholt den Zentrumsangeboten ont- gegengesetzt habe. Niemand habe das Recht, dem Zentrum Vorwürfe zu machen, es habe Partei- buchpolitik getrieben. Wenn Hugenberg dies dem Zentrum vorwerfe, meine er damit, die Katholiken müßten wie früher psli» tisch Holzklasse fahren. Auf die herausfordernde Rede Hugenbergs, die nationale Rechte habe den Freiheitskampf proklamiert, erwidere er, nicht werden Kampf proklamiere, sondern wer ihn führe, darauf komme es an. Das Zentrum reiche jedem ehrlich dis Hand. „Wer uns die Faust entgegenhält", so schloß Dr. Kaas, „dem zeigen wir auch die Faust".
*
Sn einer Kundgebung für die Wahl des Grafen Westarp in der Philharmonie in Berlin setzte sich Reichsveikehrsminister T r e v i r a n u s für die Notwendigkeit der Wahl selbstsicherer jahrzehntelang erprobter Person- l i ch k eiten ein. „Sm Massenrausch kämpfen Millionen Parteigenossen gegeneinander mit dem Anspruch a u f U n f e h l b a r k e i t. Der Mutlosen sind mehr geworden, wie in jenen dunklen Novembertagen 1918, als die Mehrheit des Volkes es für gescheiter hielt den Massenstimmungen Rechnung zu tragen. Eine bittere Zeche hat das ganze Volk für den Kleinmut jener Zeiten zu zahlen gehabt. Glaubt man im Ernst, daß ein radikalisierter sozialistischer Stimmungsüberschwung mit anderen Vorzeichen eine Gewähr dafür bietet, daß Fehler der Vergangenheit vermieden werden?"
*
Die Eiserne Front, das Reichsbanner und die republikanischen Verbände veranstalteten im B e r- liner Lustgarten ihre letzte Kundgebung vor den preußischen Wahlen, die außerordentlich stark besucht war.
Strefemann kannte sie.
„Die deukschnaiionalen Palenkpatrioken".
Brief an einen Freund vom März 1929.
„Manche Parteisekretäre der Deutschen Polkspartei empfinden es als angenehm, in der Opposition gegen den Staat zu stehen. Män kann sich dann wieder mit dem Stahlhelm verbrüdern, man kann wieder „den nationalen Gedanken" vor dem Volke leuchten lassen, man kann wieder drohende Reden halten, hinter denen zwar nichts steht, die aber dem Volke so lieblich eingehen. — Verstärkt wird die Unzufriedenheit in der Partei dadurch, daß wir mit den Sozialdemokraten in einer Regierung zusammen sind. Von Rechts wird in bezug auf die Sozialdemokratie das Wort .Landesverräter" gebraucht. Als wenn man es wagen könnte, das von einer Partei zu sagen, die vielleicht prozentual die meisten Toten im Weltkriege hat und auf die wir uns haben stützen müssen, als es bei den Abstimmungen im Osten gegen die Polen und im Westen gegen die Separatisten ging.
Heute bringt die Fraktion überhaupt nicht mehr den Mut auf, in einen Gegensatz zu den großen Arbeitgeber- und Sndustrieverbänden zu treten. Man erträgt, daß 23 Mitglieder der Fraktion mittelbar oder unmittelbar zur Wirtschaft gehören und ist empört darüber, wenn ein zweiter Angestellter in die Fraktion eintreten soll.
Sch wehre mich gegen den Eintritt der Deultschnationalen in die Regierung, wei) mit diesen Patentpatrioten ich» zu regieren ist."
Fortschritte in Genf.
Während das Deutsche Reich nach innen hin in einer Reihe Länder im Wahlkampfe steht und so die Aufmerksamkeit der Bevölkerung von der Außenpolitik mehr abgelenkt wird, haben sich in Genf Dinge von entscheidender Bedeutung entrvik- kelt. Das plötzliche Erscheinen Tardieus, das auch der französischen Delegation unerwartet kam, hat schon gezeigt, daß zur Zeit in Genf Fragen zur Debatte stehen, die die Aufmerksamkeit aller führenden Staatsmänner erheischen. Wie bis jetzt verlautet, sind auch tatsächlich sowohl in der Frage der Abrüstung wie in der Reparationsfrage wertvolle Fortschritte erzielt worden.
Sn der Reparationsfrage soll, wie die Pariser Presse zu melden weiß, ein neuer Einigungsbeschluß dahin gefaßt sein, daß die wiederholt auf- geschobene Reparationskanferenz nunmehr e>n d- gültig auf den 16. Juni in Lausanne fe st g e s e tz t worden sei. Noch mehr Interesse verdient aber die Bestätigung der Pariser Presse, daß zwischen Deutschland, England und Italien eine merkliche Annäherung hinsichtlich einer Endregelung der Reparationsfragen erreicht worden sei.
Wir wissen ja aus den früheren Besprechungen der leitenden Staatsmännern und auch aus den Reden des Reichskanzlers Dr. Brüning, daß Italien und Deutschland in der Reparationsfrage schon seit langem konform gehen, nämlich, daß eine Endregelung schon im Snteresse der Beendigung der Weltkrise möglichst bald erzielt werden muß, und daß diese Endregelung darauf hinauslaufen muß, daß Deutschland von jeglicher Reparationszahlung befreit wird. Auch England teilt prinzipiell ja diesen Standpunkt, hatte sich aber gelegentlich der französischen Auffassung zugeneigt, die sich vorläufig gegen eine Endregelung sträubt, weil Frankreich immer der Ansicht ist, daß Deutschland nach Jahren wieder zahlungsfähig ist, und weil vor allem die französischen N a- tiona listen befürchten, daß ein von Reparationen befreites Deutschland Frankreich gefährlich werden könnte. Wenn jetzt eine weitgehende Annäherung zwischen diesen drei Mächten erzielt worden ist,, so dürste das nicht zuletzt durch die Verhandlungen des Kanzlers mit den Amerikanern erreicht sein. Die Reparationsfrage hängt ja eng mit der Verschuldung der ehemaligen Entente an Amerika zusammen, und wenn von feiten Amerikas ein Schuldennachlaß prinzipiell zu- geftanden wird, so muß das auch für die endgültige Regelung der Reparationsfrage sich künftig aüswirken. Amerika wird ja auch diesen Schuldennachlaß nur unter ganz besonderen Bedingung gewähren wollen, und hier
wird die Frage mitspielen, wie sich Frankreich und seine Bundesgenossen gegen Deutschland stellen.
Ein weiterer Fortschritt bedeutet der Vorschlag des amerikanischen Staatssekretärs Stimfon über einen neuen Abrüstungsplan, der au? dem Verfahren der qualitativen Herabsetzung der Rüstungen aufgebaut ist und in dem Deutschland als Mu st er für die Herabsetzung der Rü st ungen hinge st eilt wird. Nach diesem amerikanischen Plane darf künftig die Sicherheitslage eines jeden Landes und die geographischen Bedingungen lediglich unter dem Gesichtspunkt der Verteidigung und der Aufrechterhaltung der inneren Ordnung für den Rüstungsstand maßgebend sein. Dieser Vorschlag wie auch die Annäherung in der Reparationsfrage sind, selbst wenn die Ergebnisse noch rm ungewissen liegen, von enorm großer politisch und wirtschaftlicher Tragweite und bedeuten immerhin einen hoffnungsvollen Fortschritt.
Reichsminister Groener ist zu der angekündigten Besprechung mit Reichskanzler Brüning nach Süddeutschland abgereist,
Reichskanzler Brüning hatte am Freitagnachmittag erneut eine Zusammenkunft mit Tardieu.
»
wtb. Paris, 23. April. (Eig. Meld.) In der Morgenpresse kommt in den Blättern aller Richtungen die Befürchtung zum Ausdruck, daß die Aussichten für den französischen Abrüstung spl an in Genf sehr schlecht st e h e n.
In der Mandschurei.
Mer ehemalige japanische Regiernngsbeamte in kettende Stellungen des mandschurischen Staates berufen.
wtb. Tokio, 23. April. (Eig. Meld.) Die Regierung des mandschurischen Staates kündigte die Berufung von vier ehemaligen japanischen Regierungsbeamten auf wichtige Posten der mandschurischen Staatsverwaltung an. Man weist hier darauf hin, daß diese Ernennungen den Japanern einen beherrschenden Einfluß in den Ministerikm der Finanzen, des Auswärtigen, des Innern sowie des Polizeipräsidiums der Provinz Mulden sichern.
*
wtb. Tokio, 23. April. (Eig. Meld.) Die Oppositionspartei en im Unterhaus und im Oberhaus haben beschlossen, die Auße npoli- tik des Kabinetts zu unterstützen, um das Ausländ vor die Tatsache einer Einheitsfront des japanischen Volkes bezüglich der China-Politik der Regierung zu stellen.
Das Gebäude des Preußen-Parlaments.
Das Gebäude des Preußischen Landtags, um dessen neue Zusammensetzung der Lamps am 24. April geht.
Das gilt heute noch!
Mndthorst über die Loalikionspolikik der Zentrumsparkei.
An der Wende des Jahres 1890, als der Rücktritt Bismarcks am 18. März 1890 erfolgt war, äußerte sich Windthorst einem Mitarbeiter des „Newyork Herald" gegenüber:
Sm neuen Reichstag müssen neue Gruppen gebildet werden. Keine dauernde Koalitionen werden von der Zentrumspartei eingegangen werden, nur gewisse Kombinationen von Fall zu Fall, wie es sich notwendig zeigt; darum ist es albern, von klerikal-konservativen oder klerikal-freisinnigen Parteien zu sprechen. Das Zentrum steht in der Mitte zwischen allen Parteien und wird die Unterstützung jeder anderen Partei annehmen, der es, wenn gewisse Berührungspunkte sich finden, geraten erscheint, es zu unterstützen."
An dieser Auffassung des großen Zentrumsführers hat die Zentrumspartei bis auf den heutigen Tag festgehalten.
Macht Schlutz damit!
Tätlicher Angriff von Nationalsozialisten auf den Abg. Wels und den Kölner Polizeipräsidenten.
CNB. Köln, 23 .April. (Eig. Meld.) Meldung aus der Kölner Polizei: Sn der vergangenen Nacht wurde der Abgeordnete Wels (SPD.) in Begleitung des Polizeipräsidenten Bauknecht in dem Re- ftaurant, in dem er seit Jahren zu wohnen pflegt, durch etwa 10 ebenfalls im Lokal anwesende N a - tiona Iso zivilsten unter Führung des Reichstagsabgeordneten Ley tätlich angegriffen. Durch unbeteiligte Zeugen ist festgestellt, daß Dr. Ley einige Zeit vor dem Dorsal telefonierte und daß kurz danach eine größere Anzahl Nationalsozialisten in das Lokal kam und am Tisch des Dr. Ley Platz nahm. Die Nationalsozialisten versuchten nach der Tat fluchtartig das Lokal zu verlas, en, wurden aber durch Polizeibeamte, die schon vorher durch den Wirt des Lokals auf das Treiben der Nationalsozialisten aufmerksam gemacht waren, gestellt. _____
Wie geschwinde» wird.
Zu der in einem Teil der Presse aufgetauchten Behauptung, daß seit dem November 1918 m Preußen 250 000 „Parteibuchbeamte ernannt worden seien, schreibt der Amtliche Preußische Pressedienst, die Unsinnigkeit dieser Behauptung gehe schon allein aus der Tatsache hervor, dvtz die Zahl der gesamten planmäßigen Beamten Preußens nach dem Haushaltsplan )ur 1932 143 <98 betrage. Selbst wenn man dazu die Zahl der Höchstbeamten, der Angestellten und Staatsarbeiter hinzurechnet, komme nur eine Geiamtzahl oer Staatsbediensteten von 210 501 heraus Mit einer anderen Behauptung über die parterpoktiiche Zu- fammensetzung der Referenten des preußisch en Innenministeriums, so schreibt der Amtliche Preu- ßische Pressedienst weiter, verhält es sich genau so. Danach sollen von den Referenten und Hilfsarbeitern des preußischen Innenministeriums, deren Zahl rund 80 beträgt, 41 der SPD. und ll dem Zentrum angehören. Diese Zahlen sind absolut aus der Luft gegriffen. Don den 80 Sachbearbeitern und Hilfsarbeitern des preußischen Innenministeriums gehören politisch den Parteien der SPD. und des Zentrums knapp ein Viertel an. Wohl aber befindet sich unter den Beamten des Innenministeriums eine ganze Reihe von Herren, die parteipolitisch eher der Rechten als den Parteien der Weimarer Koalition zuzuzählen sind.
Ein klassischer Parteibuchbeamter existiert allerdings in Deutschland — Herr Regie- rungsrat in braunschweigischen Diensten Aböls Hitler.
Die letzten Reserven heraus!
Von besonderer Seite wird uns geschrieben:
„Wählen heißt mitregieren. Wer sein Wahlrecht nicht ausübt, ist nicht wert, daß ihm die staatsbürgerliche Gleichberechtigung verliehen worden ist. Die besten Staatsbürger sind es nicht, die nur nörgeln und schimpfen und^es stets bester machen — natürlich Hinterm Schoppen aber nicht Mitarbeiten, nicht wählen."
(Worte eines alten Zentrums- und Arbeiterführers.)