Uv. 92 Beilage zur Fuldaer Zeitung 21. April
„Der Kampf um Preußens
„Don unseren Gegnern ist der Wahlkampf als die Offensive gedacht, die dem Rechtsradikalismus durch und über Preußen die so heiß erahnte Wacht im Reich endlich bringen soll. Dazu darf es nicht kommen, wenn unfer Volk bei dem zwar dornenvollen, aber sicheren weg zum Miederausstieg, aus dem es von Brüning mit unbeirrbarer Festigkeit geführt wird, nicht um Iahre zurück- geworsen werden soll. Und er wird nicht dazu kommen, wenn unsere preuhensrakkion stark und ungeschwächk au» dem Mahlkampf hervorgeht. Ls gilt, der preuhensraktion des Zentrums eine Position zu sichern, daß man nicht an ihr vorbeigehen und ohne sie keine Rechnung machen kann. Darin besteht für uns der Sinn und das Ziel des bevorstehenden Kampfes. Der Kampf um Preußen wird nicht nur dem Jahre 1932 die politische Signatur aufdrücken. Er wird darüber hinaus für den gesamten politischen Kurs der Zukunft von ausschlaggebender Bedeutung fein."
t Vr. hetz.
Fugend und Volksfkaat.
Das Zentralblatt der christlichen Gewerkschaften schließt den Wahlkampf um die Reichspräsidentschaft mit Ausführungen ab, die Beachtung verdienen. Wir entnehmen diesem Artikel den folgenden Abschnitt:
Und dann ist eine große Aufgabe der christlichen Arbeiterschaft aufgegeben. Da» ist die Sorge um die Jugen d. Wer die Tausende und Abertausende der deutschen Jugend bei den Kundgebungen des Nationalsozialismus gesehen hat, wie sie in nimmermüder Ergebenheit, in unerschütterlichem Vertrauen deutschen Jungseins den Pseudosührern die erhobenen Hände entgegenhielten, dem mußte die Sorge um diese irregeleitete Jugend in der Seele brennen. An ihnen zerrt die deutsche Not. Und in dieser Not halten sie Schlagworte und Gesten für Echtheit, weil sie irgendwie nationale Kraft und Freiheitswillen hinter ihnen vermuten. Und daß es so ist, daran sind nicht zuletzt die Volksgruppen schuld, die heute den Staat tragen. Sie waren zu nüchtern, zu vernünftig, zu illusionslos, vielleicht auch zu müde geworden im harten politischen Tageskamps. Vielleicht waren sie auch zu vorsichtig geworden in der nationalen Haltung dem Ausland gegenüber, oft auch zu kleinmütig in der Anerkennung deutschen Wertes, deutschen Volkstums überhaupt.
Es gehört das mit zu der geschichtlichen Bedeutung der Reichspräsidentenwahl, daß sie das deutsche Volk aufgerüttelt hat, daß das deutsche Wertbewußtsein sich wieder gereckt.
Die deutsche Nationalhymne in den Wahlveranstaltungen für Hindenburg erklang freier, stolzer al» in den früheren Jahren. Es ist wohl so, daß in dem echten deutschen Volkstum, das sich in dem Führercharakter Hindenburgs enthüllte, das Volk um ihn den Stolz des Deutschseins in aller Tiefe erlebte. Ihn erlebte fern von aller Phrasenhaftigkeit und allem Wortheldentum in der Schlichtheit, die das Wesen wirklichen Erlebens ist.
Auch dar gehört zur geschichtlichen Bedeutung der Reichspräsidentenwahl, daß nationaler Volksbewußtsein siegreich auf st and. Und zwar ein geläutertes nationales Volksbewußtsein, das n i c&t an Klassenprivilegicn und Besitz- vorßkechten haftet, das auch nicht aufrauscht um kaiserlichen Glanz und militärische Festklänge. Sondern ein nationales Volksbewußtsein, das in schmerzhaftem Kampf um deutsche Volksrechte, .um deutsche Freiheit nach innen und außen aufstand, geweckt von einer ehrwürdigen Führergestall, die den Kampf nationalen Dolkrbewußtseins in seiner ganzen Tragik erfaßt und selbst gekämpft hat.
Dieses geläuterte nationale Volksbewußtsein muß in die Jugend hineingetragen werden. Die Jugend, die den Krieg nicht miterlebte, muß erkennen lernen, daß die Generation der Männer und Frauen, denen der Krieg zum Schicksal geworden ist, wohl eine Generation ist, die reif, ernst und überlegend im politischen Leben steht. Daß aber trotz dieses politischen Ernster eine n a- tionale Spannkraft in ihr lebt, die von zündender Kraft für deutsche Schicksalsgestaltung, für Freiheit
und Aufstiegrwillen der jungen, gequälten Dolksdeutfch- landr ist.
Die christliche Arbeiterschaft ist an erster Stelle berufen, der Jugend diese nationale Spannkraft zum Be- wußtsein zu bringen. Ihr Kampfwille gegen Diktatur und drohende Arbeiterentrechtung ist ein Kampf für die Entfaltung und Ver- vollkommnung des deutschen Volks st a a - ter. Will sie eine Entfaltung und Vervollkommnung, dann muß sie, erfüllt von dem nationalen Erlebnis der hindenburgwahl, um die Seele der Arbeiterjugend ringen. Sie muß die Jugend dem Radikalismus abringen, damit die junge Kraft den nationalen und sozialen Volksstaat mit frischem, echtem nationalem Leben erfüllt.
Schon heute muß dieser Ringen beginnen. Die Reichspräsidentenwahl ist vorüber und schon beginnen die Länderwahlen. Er beginnt „der Kampf um Pr e u ß e n". Die Linie der christlichen Arbeiterschaft in der Reichspräsidentenwahl ist auch die Linie für die Parlamentswahlen. Die christliche Gewerkschaftsbewegung ist kein Parteigebilde. Sie ist die große, christliche, nationale und soziale Aufstiegsbewegung des Arbeiterstandes. Dieser ihr christlicher, nationaler und sozialer Ideengehalt hat sich in den Kampfwochen, die hinter uns liegen, von innen heraus erneuert und belebt. Aus diesem Ideengehalt heraus wird sie mit den Parteien arbeiten, die im Parlament der Verwirklichung dieser Idee im deutschen Volke dienen. Die Linie dieser Idee ist eindeutig und klar.
Ein Blatt deutscher Geschichte ist mit der Hindenburgwahl umgeschlagen. Dar nationale Erlebnis war tief. Die christliche Arbeiterschaft darf mit Dankbarkeit und Genugtuung sagen, daß sie ihre nationale und soziale Kraft entscheidend mit eingesetzt hat.
Kundgebung der oberheff.Zungmunnschusl
Am Sonntag waren in Neustadt (Str. Kirchhains 600 junge Männer aus den umliegenden katholischen Ortschaften zu einer machtvollen Kundgebung für Kirche und Vaterland zusammengekommen. Ein Ruf hatte genügt, um sie zu sammeln. Sie füllten das Schiff der Neustädter Kirche. Bezirkspräses Brodmann- Allendorf wies in einer packenden Ansprache auf den gigantischen Kampf hin, der heute wieder in der Welt zwischen Christentum und Heidentum geführt werde. Die katholische Jugend habe hier eine wichtige Aufgabe, für die sie sich rüsten müsse. Der gemeinsame Gesang des Liedes „Fest soll mein Tausbund immer stehen" war ein Bekenntnis. Von der Kirche zogen die Hunderte in den Saal von Schieß. In packenden Ausführungen sprach Alex. E m m e r i ch-Marburg über die politische Stellung der katholischen Jugend in der heutigen Zeit. Stürmischer Beifall zeigte, wie sehr er der Ver- fammlung aus dem Herzen gesprochen hatte. Dr. Sauer-Fulda wies aus die Notwendigkeit einer klaren politischen Stellungnahme am kommenden Sonntag hin. Die katholische Jungmannschaft dürfe sich nicht an den geistlichen und weltlichen Führern irre machen lassen und nicht ruhig zusehen, wenn die soziale und politische Reaktion die Herrschaft zurückerobern wolle. Die junge Volksfront müsse dem Reichskanzler Brüning den Weg bahnen, damit das in der Not verzweifelnde deutsche Volk den Sinn der Notverordnungen versteht. Mit einem Hoch auf dar Vaterland und dem Deutschlandlied fand die Kundgebung ihren Abschluß. Sie hat bewiesen, daß die junge Volksfront auch im isolierten katholischen Oberhessen feststeht.
Fugend in Gefahr.
Don Rudolf Kircher.
Mit der folgenh»n lesenswerten Betrachtung aus der Beilage „Für Hochschule und Jugend" der „Frankfurter Zeitung", möge sich besonders die studierende Jugend auseinandersetzen. Es würde uns freuen, wenn wir erfahren konnten, welches Echo sie findet:
Wieder einmal ist die Jugend umkämpft: eine ernstgemeinte Bewegung hat begonnen, die daraus abzielt, das Wahlalter zu erhöhen. Bekannte Persönlichkeiten, die man nicht ohne weiteres als „Spießbürger" abtun kann, Leute von geistigem Format, Leute ohne parteipolitische Zweckgedanken, setzen sich dafür ein. Die Bewegung hat gar nicht in den Parteisekretariaten begonnen; die Beratungen, die hier oder dort über die Wirkungen einer Heraufsetzung des Wahlalters angestellt worden fein mögen, sind unerheblich, — schon deshalb, weil man in den einzelnen Parteibüros zu ganz verschiedenartigen Ergebnissen gekommen fein könnte. Nein, der Ursprung dieser Bewegung sitzt viel tiefer: er sitzt in der besonderen 21 r t des vorherrschenden Typus der jungen Leute von heutzutage. Und dieser Typus wiederum hängt zusammen mit den besonderen Möglichkeiten und Verführungen, die gerade für die Jungen durch die heull- gen Erscheinungsformen des öffentlichen politischen Lebens entstanden sind.
Es klingt immer etwas absurd, in einem Kreis, wo jeder (bewußt oder unbewußt) zunächst sich selbst lebt und sich selbst meint — wenn er auch tausendmal am Tag das Wort „kollektiv" im Munde führt — von einem vorherrschenden Typus zu reden, aber wenn wir uns über vieles andere nicht einigen können, so könnte es wohl möglich fein, sich darüber zti einigen, daß überall da, wo der junge Mensch von heute mit Politik und öffentlicher Arbeit in Berührung kommt, der größte Teil seiner individuellen und sozialen Differenziertheit und leider auch fein Gefühl für A n st a n d und gute geiftige Form in der überspann- ten Atmosphäre unseres politischen Lebens verlor en zu gehen pflegt. Es ist nobel, sich mit vollem Herzen einer ehrlich empfundenen politischen Leidenschaft hinzugeben, — ober tun wir gut daran, das jung emporwachsende Leben in der delikatesten Zeit seiner Entwicklung in eine geistige und politische Zwangsjacke zu stecken?
Im parteipolitischen Tumult unserer Tage werden diese Jungen unser sehens in eine stereotype Form umgeprägt: der gute Geschmack, der Takt, die Ethik, die
Urteilskraft der einzelnen verschwinden im Getümmel der Masse, die durch das Bewußtsein ihrer Dynamik berauscht ist. War für einen Unterschied macht es, ob ein Mensch, der mit anderen lärmend durch die Straßen zieht oder durch fein Geschrei eine Versammlung beherrscht, eine griechische Grammatik auswendig gelernt, ein nationalökonomisches Prachtwerk und sämtliche Pandekten studiert hat, oder ob er tischlern, bohren und feilen kann? Je mehr wir uns der Politik — oder gar einer Volkswahl!— nähern, desto fragwürdiger wird der geistige Vorsprung eines von wohlhabenden oder hart arbeitenden Eltern bezahlten Bildungsganges. Es erweist sich, daß der Student nicht weniger gefeit i ft gegen demagogischer Geschütz als der Jungarbeiter ober Arbeitslose. N i e aber bat es eine blödere Demagogie gegeben als heute, nie mußte es einem Menschen von Verstand und Bildung leich- ter gewesen fein, durch diese giftigen Nebelschwaden hindurchzusehen!
Der Einwand gegen diese Anklage liegt nahe: Seid denn ihr Erwachsenen nicht mindestens ebenso einfältig? Warum also die Jugend in Schranken verweisen? Daraus gibt es mindestens diese Antwort: Unter den Erwachsenen mag es viele geben, deren Torheit obendrein den Nachteil hat, auf eine fürchterliche Art lächerlich zu sein, aber in den Reihen der Erwachsenen befinden sich auch alle diejenigen, die bisher dafür gesorgt haben, daß es — trotz allem — noch ein Deutschland, noch eine deutsche Hoffnung, noch eine Nation und noch immer eine Wirtschaft gibt, non der wir alle wenigstens zur Not zu leben vermögen. Die Jungen dagegen können auf nichts anderes verweisen als auf ihren leidenschaftlichen Willen, alles besser zu machen. Das ist ihre köstliche Mitgift, aber das ist an sich noch feine Stiftung; es ist nichts, was sich nicht ganz non selbst verstünde. Wer heute in guten ober gar in hohen Jahren steht, der hat überbies ben Vorzug, daß er wenigstens einmal in seinem Leben, nämlich vor dem Kriege, einen geordneten deutschen Staat und eine geordnete Wirtschaft gesehen hat, — gleichviel, wie man sie beurteilt: man hat doch einen Maßstab mit ins Leben bekommen, einen Maßstab mit einer normalen Ziffernreihe. Und wer auf solche Art die Möglichkeit hatte, große Epochen in der Praxis zu beobachten und zu Überblicken, der kann doch immerhin dies eine zu (einen Gunsten anführen, daß
für ihn die Vorbedingung für ein wahres nationale» Schaffen vorhanden ist: er ahnt die ungeheure Be» deutung der Kontinuität für unsere na» tionale und für b i e indtvibuelle Entwicklung. Vielleicht wirb er bann geneigt fein, nachsichtig, vielleicht allzu nachsichtig zu fein. Dieleicht wird ihn der immer wieberholte Blick nach rückwärts zuweilen eine Chance versäumen lassen, die vor ihm liegt. Vielleicht wird er sich dem Vorwurf aller Jungen aussetzen: daß ihm bas Schönste auf Erben, die Unbedingtheit fehle. Vielleicht . . . Aber wenn diese selben spötti» scheu, ja verachtenden Jungen zu Jahren gekommen fein werden, bann werden auch sie tun, was noch alle Generationen vor ihnen getan haben: sie selbst werden zurückjchaueu und aus ben überwundenen Katastrophen der Vergangenheit ben Mut für bie Kämpfe der Gegenwart und Zukunft schöpfen, — und schließlich werden sie es sein, die versuchen werden, ihren Kindern den Sinn für das Konstante, ben Sinn für bie Kontinuität unserer Entwicklung unb für die Begrenztheit unserer Möglich, keilen ins Herz zu pflanzen. Sie werden es versuchen«
Die Konjunktur ist allen Jugendlichen g ü n ft i g. Langemark, Flandern werden Begriffe sein« die ben Opfergang ber Jugenb unvergeßlich machen« Aber diese Flammenworte sind nur Meilensteine an einem Wege, der längst vor dem Kriege, beschritten wurdr- Die Jugend war im Anmarsch, lieber diesen Entwicklungsweg rollte — als stärkster Impuls der Bewegung — auch jene demo kratische Welle, die gleichsam über Nacht ein in öffentlichen Dingen unbewandertes Volk zur politischen Reife verpflichtete: Alle wie Jung« gleichermaßen. Und dieser politischen Entfesselung folgte ber gigantische Aufbruch einer Nation, die durch bie Gewalt der Sieger von Versailles und durch da» überschwere, vielfach tote Gewicht einer gewohnten demokratischen Lebensform unter einen fürchterlichen Druck geraten war. Nun schwärmten die Ungestümen aus, Millionen von Jugendlichen und Jungen ergossen sich in das öffentliche Leben, — unvorbereitet, nut enthusiasmiert ober, in den traurigeren Fällen, durch Bitternis gepeinigt. Was liegt schon an Kenntnissen« rieft ihr, was liegt an Lebensersahrung, was an Bildung, an dieser kümmerlichen kapitalistischen Hochmutsbildung? Gesinnung ist alles, rieft ihr und wart bereit zum Umsturz. Hitler, angeblich jung —» ist er wirklich noch so jung und ist er wirklich so kraftvoll? — umschmeichelte alles Junge. Er gab ihm einen Sinn: jung sein genügt, — aber parieren müßt ihr mir. Hitler verlieh all diesen Jungen einen Orden, der ihnen wohl gefiel, weil er ihnen schmeichelte und gut stand. Zugleich aber machte er sie zu Sklaven: g e - horchen sollen sie, nicht nachdenken. Das Gefühl vermag eine nationalsozialistische Mauer zu errichten. — jeder Gedanke aber, jeder einzelne Gedanke muß sie durchlöchern! Darum: gehorchen, nicht denken.
War es nicht aber das schönste Recht der Jungen — ja ihre heiligste Pflicht — alles prüfend z u durchforschen unb, wenn es nicht standhielt, zu verwerfen? War es nicht ihr Recht, diesen Prozeß (trüg zu wiederholen, bis bann nach vielen Windungen der Weg zurückgefunden war zu ein paar Grundtat- sachen, bie wir anerkennen konnten unb die jeder von uns für sich selbst entdeckt zu haben glaubte, — die uns aber ein weiser Mann von Anfang an als das wahrscheinliche Ergebnis hätte voraussagen können? Soll dieses ewige Recht auf geistige Freiheit von euch weggeworfen werden wie ein erloschener Paragraph einer Vereinssatzung, — unb zwar nur, weil ihr findet, daß Sich-Hingeben, daß blinder Gehorsam das Gebot der Stunde fei? Wenn es dahin kommt, daß die jugendlichen Stimmen blindlings für eine politische Demagogie nergeu» bet werden, wenn es dahin kommt, daß die Jugend nur Stimmvieh (ber Ausdruck ist ja alt und bekannt) fein soll, wie können sich dann die Jungen, die sich dergestalt entwerten, wenn es Leute gibt, bie sagen: erhöhen wir das Wahlalter bis zu einem Punkt, wo erfahrungsgemäß der junge Mensch ben er ft en Kreislauf (unb damit Leerlauf) feines politischen Empfindens beendet hat. Das Wahlrecht ist ein Geschenk de» Demokratie. Demokratie ist unmöglich, wenn der geistig selbständige Mensch in politische Marschkolonnen formiert wird, bie nach dem Befehl eines (Befrei* * ten über den Exerzierplatz stampfen.
Aus dem Leben einer Fuldaer Iungenschar.
Eine „knappenprüfung" in der Rhön.
„Aufstehen, oufstehen!" Laut tönt die energische Stimmen des Führer durch die eben noch so gleichmäßige Stille der Schlafenden unb weckt auch bie tiefsten Schläfer. „In zwanzig Minuten wird in voller Kluft am Fahnenmast angetreten!" Dies reißt alle vom warmen Lager; benn Zuspätkommen wirb bestraft, zumal heute am Tage der Knappenprüfung, bei der jeder zeigen soll, daß er im Bund Zucht unb Ordnung gelernt hat.
Mögen auch regenschwere Wolken die Maulkuppe und die ganze Rhön verhängen, mag der brausende Sturm noch so heulen und wüten, daß bie Tränen in bie Augen steigen: Nach zwanzig Minuten stehen alle stramm ausgerichtet am Fahnenmast. Der Führer entrollt bie riesige weiße Fahne mit dem einfachen schwarzen Kreuz. Während die Jungen frisch unb kräftig bas Sieb „Weit laßt bie Fahnen wehn!" in ben falten Morgen fingen, steigt bie Fahne laut fnatternb am Maste empor.
„Im Schutze biefes Bundeszeichens, des Kreuzes, soll unsere heutige Knappenprüfung stehen", beginnt der Führer. In einfachen Worten legt er noch einmal den Sinn ber Knappenprüfung bar, ermahnt alle, heute besonders sich zusammenzureißen und ber Gemeinschaft sich unterzuorbnen. Nach dem Morgengebet und einem Lied zieht die Schar wieder in das unterdes gewärmte Landheim.
Eine ausgelassen muntere Stimmung herrscht beim Kasseetrinken. Der Regen hat aufgehört, nur der Wind weht in gleicher Stärke. Die Aussicht wird etwas freier. Das ferne Fulda liegt noch im dichten Nebel. Die Waf- fertuppe glänzt im weißen, glitzernden Schnee.
*
„Wir beginnen mit dem 1500 Meter Waldlauf. Der Start ist auf dem Feldherrnhiigel, bas Ziel an ber Steinwanb. Sofort antreten!"
Vor bem Start ist genaue Kontrolle. Der Starter zieht bie Uhr. „Fertig! Los!" In festem Dauerlauf
geht bie Jagb, zunächst noch ein geschlossener Trupp, mitten drin ber Wimpel, ben Felbherrnhiigel hinab. Der Felbweg ist aufgeweicht. Tief sinken bie Schuhe in ben Schlamm ein unb erschweren das Laufen. Aber zäh wirb burchgehalien. Die geübtesten Läufer setzen sich an bie Spitze unb kämpfen um ben ersten Platz. Dicht auf folgen die andern. Die Fuldaer-Hütte ist erreicht. Interessiert schauen einige Wanderer bem Laus in der hohen Rhön zu. In der Ferne winkt schon das Ziel. Das Letzte wird drangegeben. Einige rutschen auf bem schlammigen Wege aus unb fallen hin. Aber trogbem geben sie nicht auf. Alle burrfjlaufen in glänzenber Zeit bas Ziel.
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„Achtung! Antreten zum Fahnenwinken!" Je zwei Mann müssen eine schriftliche Melbung durchgeben. Sie werben in einer Entfernung von einigen hundert Metern aufgestellt, so daß sie sich nicht mehr durch Zuruf verständigen können. „Anfängen!" gibt ber Führer das Zeichen. Die Fähnchen beginnen zu spielen und bilden Buchstaben, SBörter und Sätze aber nur für den Kundigen. Im ganzen Umkreis leuchten die gelben, grünen, roten Fähnchen auf. Der fcharfe Wind läßt die angestrengt blickenden Augen tränen. Die mitfchreiben- den Finger werden steif. Man schreibt schließlich in Handschuhen kaum noch lesbare Hieroglyphen. Aber bie Melbung muß aufgenommen werben. Da endlich kommt bas Schlußzeichen.
Nun kann man selbst geben. Um beim Geben die erstarrten Glieder wieder warm zu machen, wird im luftigen Tempo losgelegt. Schlag auf Schlag werben die Fähnchen hin unb hergeworfen. Doch auf der Gegenseite geben bie Fähnchen „Irrung!". Unwillig wirb langsamer noch mal gewunken. Aber wieder fliegen brühen bie Fähnchen hoch: „Irrung!". „Mensch, wasch' deine Augen besser aus!" Unb zum brüten Mole wirb langsam angefangen, nachdem ein kräftiges Schimpfwort hinübergefunkt ist. Das Zeichen schweigt. Die
Meldung wird durchgegeben. Drüben wird mit drei Kreisen geantwortet: „Aller verstanden!" Der Führer übernimmt die aufgenommene Meldung zur späteren Durchsicht und entläßt bie Jünger ins gemütlich durchwärmte Heim. —
*
Es ist Abend geworden. Hier und da blinken vereinzelte Sterne. Der Sturm hat seine Gewalt verloren. „Fertig machen zur Mutprobe! Warm anziehen! Dor zwölf kommen wir nicht zurück!" Aller macht sich bereit. In Viererreihen marschiert der geschlossene Trupp durch bie finstere Nacht. Abenteuerlustig klingen die Lieder. Sie ziehen in ben nachts unheimlich drohenden Wald. Hier ist es stockfinster. Taschenlampen blitzen auf unb erleuchten gespensterhaft die kahlen Stämme. Die Bäume treten auseinander. Wir sind am Waldessaum. Schnell wird ein kleiner Lagerfeuer entfacht, und ber Trupp lagert sich dicht aneinander gedrängt nahe an das wärmende Feuer. Nach einer kurzen Beratung ber Führer werben die Aufgaben bekannt gemacht.
Zwei junge Knappen werden aufgerufen, die sich mit je einem Führer lautlos nach verschiedenen Richtungen entfernen. Nur die unter den Schuhen zertretenen Aeste knacken. Immer kleiner werden die ab und zu suchend aufblitzenden Taschenlampen, bis sie ganz in der Dunkelheit der Waldes verschwinden. Die am Feuer Zurückgebliebenen schauen ihnen etwas ängstlich nach unb werden still. Um dieses ungemütliche Schweigen zu brechen, beginnt einer zu fingen. Erlöst fallen alle ein unb fingen sich wieder Mut zu. Nach einiger Zeit kamen bie beiben Führer allein zurück. Sie haben den einen auf die Maulkuppe, den andern auf den Teu- felftein gebracht.
„Ihr zwei sucht den auf der Maulkuppe, und ihr holt den vom Teufelstein!" Sofort erheben sich die vier Genannten unb treten noch einmal dicht an bas warme Feuer. Die Windjacken werben fest zugeknöpft unb die Baretts über bie Ohren gezogen; denn der Wind hat sich wieder erhoben, und dunkle Wolken ziehen vorn Westen herauf. Dann verlassen sie getrennt den Kreis. Anfangs leuchtet ihnen bas helleuchienbe Feuer. Aber
Bald taucht es hinter den Bäumen unter. Dicht nebeneinander laufen die beiden, um sich nicht zu verlieren« Der Lichtkegel der Taschenlampe eilt voraus. Der Sturm zerrt an ben kahlen Bäumen unb reißt trockene Aeste zu Boden. Erlöst atmen sie auf, als der Wald zurücktritt und sie dunkel ihr Ziel, ben Teufelstein vor sich liegen sehen. So rasch es geht, suchen sie sich weiter. Da blitzt oben auf bem Felsen ein Licht auf unb mieber ...---... SOS. „Du, bas ist ja Mar
tin, ber gibt uns bas Zeichen!" Sie machen sich auch durch Blinkzeichen bemerkbar unb kommen so schnell an den Fuß des Felsens.
„Kommt doch mal rauf!" ruft der oben ihnen zu. „Von hier aus kann man die andern sehen!" Die klettern vorsichtig den steilen Felsen hinauf. In der Ferne erblicken sie deutlich bas Lagerfeuer unb in weiter Umgebung kleine Helle Punkte: „Die übrigen sind ebenfalls schon unterwegs." „Schnell, wir wollen nicht bie Letzten sein, die wieder beim Feuer sind," treibt einer bie beiden andern an."
Alle treffen sich wieder am Feuer. Jeder hat seine Aufgabe gelöst. Auch die letzten finden sich nach unb nach am Feuer zurück. „Wir marschieren nun zum großen Feuer," ordnet ber Führer an. Das kleine Lagerfeuer wird bis auf den letzten Funken ausgetreten. Es ist bereits bald zwölf Uhr. 2lber noch niemand denkt an Müdigkeit.
Jeder packt an, den großen Holzstoß anzufachen. Gierig fressen sich die Flammen in das dürre Holz. Prasselnd sprühen die Flammen zum nächtlichen Himmel. „Heilige Glut, rufe die Jugend zusammen, daß bei den lodernden Flammen wachse der Mut," übertönen die hellen, festen Stimmen den heulenden Sturm. Gepackt schauen bie jungen Knappen in die zehrende Glut. Mit Freude vernehmen sie, daß alle Knappen die Prüfung bestanden haben. Stolz empfangen sie aus der Hand des Führers das Bundeszeichen, das sie nun als Knappen tragen dürfen. Mit leuchtenden Augen machen sie den Knappenfprung über ben brennenden Holzstoß. Jemand ruft: „Unfern Knappen unb un- ferm Bund ein kräftiges Hei Schurri!", und mit donnernder Stimme fallen alle ein: „Hei Schurri!"