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Beilage zur Fuldaer Zeitung

NU

17. April.

Die Liebe.

Die Liebe, die ich dir entgegentrug, ist mir wie ein Wunder widerfahren. Schon spielt der Wind mit den Liebfrauenhaaren, doch frühlingshaft ist aller Wolkenflug.

Ein jedes Ding liegt mit dem Wissen hier, was wir erlebt. Und meine Sinne nehmen den herben Hauch verblühter Chrysanthemen, die du so liebtest, wie ein Wort von dir.

Da ahne ich aus diesem Widerschein, daß wir die tiefste Liebe uns gegeben.

Denn sieh: wir können unser ganzes Leben nun beide niemals wieder einsam sein.

Friedl Schreyvogel.

Charles Darwin.

Ein Erinnerungsblatt am 50. Gedenktag seines Todes. Bon Prof. Dr. Hermann Muckermann, Berlin-Dahlem.

79 Jahre alt starb am 19. April 1882 auf seinem Landgut zu Down (Kent in England) Charles Darwin, der auf die Gestaltung der biologischen Wissenschaften, zumal durch sein Buch Ursprung der Arten (Origin of Species"), einen unauslöschlich tiefen Einfluß ausgeübt hat. Sieben Jahre später trug man den Toten zum Begräbnis in die Westminster-Abtei in London, wo er an der Seite Newtons ruht. Diele Naturforscher der englischen Welt waren gegenwärtig auch der treueste Weggenosse Darwins, der damals 72jährige Francis Galton, der im folgenden Jahre die seit 1859 vorberei­tete Wissenschaft der Eugenik als unausweichliche Schlußfolgerung Darwinscher Grundanschauungen zu einem System ausbaute und bis zu seinem eigenen Tode im Jahre 1911 vollendete.

Auf einer fünfjährigen Weltreise, die Darwin am 27. Dezember 1832 als naturforschender Begleiter des Kapitäns Fitzroy auf dem Schiff Beagle begann, wurde in feiner Seele der Glaube an die Unveränderlichkeit der Arten erschüttert. Vergleichende paläontologische und biogeographische Beobachtungen zumal Über die Organismen der Inseln drängten ihn, eine neue Er­klärungsweise für die Entstehung der Arten zu suchen. Auf Grundlage einer gewaltigen Fülle von Tatsachen, deren Sammlung er immerfort mit höchster Gewissen­haftigkeit vermehrte, glaubte er in der Lehre von der Auslese" ein entscheidendes Prinzip gefunden zu ha­ben. Doch dauerte es nach der Heimkehr noch über 20 Jahre, bis das oben bereits erwähnte Werk zur Ver­öffentlichung gelangte. Darwin selbst sagte, er habe 20 Jahre daran gearbeitet.

Die Grundgedanken sind folgende: Das Studium der Kulturrassen (z. B. der Taubenrassen) führt zur Er­kenntnis, daß für die Erfolge des Züchters die plan­mäßige Auslese geeigneter Fortpflanzungsexemplare maßgebend ist. Diese Erfahrung auf die Natur anwen­dend, läßt im Kampf ums Dasein, wie ihn Maltas be­schrieb, das auslesende Element erkennen, daß unter Voraussetzung einer weitgehenden Veränderlichkeit der Organismen die sichtende Arbeit zur Erhaltung be­stimmter Formen unter gleichzeitiger Ausmerzung an­derer zu leisten hätte. Der Kampf selbst sei eine not­wendige Folge der Uebervermehrung der Organismen. Natürlich müßten in diesem Ringen um Nahrung, Licht, Luft die am besten zum Ueberleben geeigneten Formen tatsächlich überleben. Durch Vererbung wür­den die geeigneten Eigenschaften für die Nachkommen erhalten, die ihrerseits je nach der Gunst oder Ungunst der Lebensbedingungen ihr Erbgut bewahren oder ein­büßen würden. Die Vielgestaltigkeit der Arten selbst sei immer nur das Ueberleben von Formen, die den veränderten Lebensbedingungen angepaßt seien. Die Anpassung selbst sei immer nur daszufällige", nach Darwin ursächlich unbekannte Ergebnis der natürlichen Auslese im Wettkampf der Arten und Einzelwesen.

Die auf höchst besonnene Art und ausgiebig begrün­dete Hypothese weckte einen maßlosen Kampf zwi­schen unbegrenzter Annahme und gänz- licher Ablehnung, der zumal deshalb so heftige Formen annahm, weil man in der Entwick- lungslehre eine Anschauung zu erblicken

3« sibirischer Gefangenschaft.

Don Richard Hof, Eckweisbach.

Nach Kiew.

1.

3m fernen Galizien, an den Ufern der Strypa, hatte uns das Schicksal erreicht. Nach siegreichem Vorstoß über die Slota Lipa und dreitägiger Verfolgung waren wir gefangen.

Die Begrüßung durch Kolbenstöße und Fußtritte war vorüber, die Plünderung beendigt. Uhr und Geldbeutel hatten einen neuen Besitzer. Der Brotbeutel mit ein paar Leckerbissen aus der Heimat und eine Handvoll Zigarren wanderte in andere Hände, und zwischen den bärtigen Lippen eines Russen gluckste der Inhalt meiner Feldflasche, der Glühwein, den ich bis dahin aufgefpart hatte. Nur den Trinkbecher konnte ich retten, mußte aber einen Kolbenstoß in Kauf nehmen, als ich mich bückte, um ihn auszuheben.

In einer flachen Mulde hinter der feindlichen Stel­lung trieb man uns, viele Tausende, wie eine Herde zu­sammen und war habet die Größe der Ernte festzustel- len. Es muß das ein recht schwieriges Geschäft gewe­sen fein; denn Stunde um Stunde verstrich, und man kam trotz alles Zählens und Redens und Fluchens zu keinem Ergebnis.

Da machte ein plötzlich einfetzendes Gefchützfeuer dem Tumulte ein schnelles Ende. Ein Heer von Kosaken brachte unter wüstem Geheul mit wuchtigen Knuten­hieben die Masse in Bewegung, und die Wanderung zu den unbekannten sarmatischen Gefilden begann.

Noch lag es wie schwere Betäubung auf uns, so daß wir keinen Blick für die Dinge der Umgebung hatten. Nur ein Bild ist mir in der Erinnerung geblieben: Ga­lizische Frauen und Mädchen in einem Dorfe, die vor ihren armseligen Hütten jammernd und händeringend standen oder am Boden lagen.

In eine ungeheure Staubwolke gehüllt zogen wir hun- gergequält, durstgepeinigt, durch den heißen Augustnach- wittag dahin, bis die hereinbrechende Nacht Halt ge­bot.

glaubte, die mit der Offenbarung nicht zu vereinen fei. Dieser Widerspruch erschien be­sonders einleuchtend, als Darwin 1871 in seinem Buch The Descent of man" (Die Abstammung des Menschen) die Entwicklungslehre auf den Menschen ausdehnte, eine Anschauung, die er bereits 1837 oder 1838 teilte.

Inzwischen hat man sich längst daran gewöhnt, die Probleme so ruhig zu sehen, wie Darwin selbst im Ge­gensatz zu manchen seiner Zeitgenossen seine Anschau­ungen erarbeitete und darstellte. Gegen eine Entwick­lung der Arten hat heute niemand mehr etwas einzu- wenden vorausgesetzt, daß dan nicht mehr behauptet, als man wirklich weiß. Wir trennen heute die Lehre von der Entwicklung selbst von den Erklärungsweisen. Wenn wir von Darwinismus reden, so meinen wir nicht die Entwicklungslehre und erst recht nicht eine et­waigeAffenabstammung des Menschen", sondern die Theorie der Auslese, die einen wertvollen Be­standteil zur Erklärung der Ausmerzung bestimmter Formen und des gleichzeitigen Ueberlebens anderer Formen bildet. Daß sie die Neuentstehung von ErAn- lgaen erklären könnte, hat selbst ein Darwin nie be­hauptet. Heute wissen wir, daß zur Erklärung neuer Formen eine Veränderung im Erb- gefüge selbst unerläßlich ist.

Was die Entwicklung der organischen Welt angeht, so ist zunächst festzuhalten, daß wir für die Entwick­lung der menschlichen Seele aus der übrigen Welt der Organismen naturwissenschastlich keinerlei Anhalts­punkte besitzen. Die Forschung steht deshalb auch nicht im Widerspruch mit der Lehre der Offenbarung, die jeder Menschenseele unmittelbar auf Gott als den Ur­grund ihres Werdens zurückführt. Die Lösung der Frage nach der Einbeziehung des menschlichen Körpers in den Strom der Entwicklung hot dadurch eine gewisse Förderung erfahren, daß bestimmte Funde und ver­gleichende Untersuchungen die Wahrscheinlichkeit der

Eine weite Wiese war unser erstes Quartier, über uns ein dunkler Himmel, um uns eine doppelte Kette von Kosaken.

Während der langen Stunden im taunassen Grase löste sich langsam der Druck im Hirn, und jetzt erst konnte ich ganz erfassen, was geschehen war.

Gefangen, von den Russen gefangen! Alles hatte ich für möglich gehalten, das aber, nicht, und nun war es wirklich geschehen. Das war nicht zu bezweifeln, aber begreifen mochte ich es nicht.

Es begann leise zu dämmern, als uns die empfind­liche Morgenkühle aus dem feuchten Grafe aufjagte und hin- und hertrieb, um die erstarrten Glieder wieder be­weglich zu machen.

Noch hatte sich die Sonne nicht über den flachen Horizont erhoben, als die Kosaken ihre Kehlen und Knu­ten wieder in Bewegung setzten, um uns weiterzutrei- ben. Die Hast, mit der das geschah, wurde uns bald verständlich; denn kaum war es hell geworden, als der Geschützdonner in unserem Rücken wieder heftig ein­setzte. Die Unseren folgten uns also, und für die Russen galt es, ihre Leute in Sicherheit zu bringen. .

Stunde um Stunde trieb man uns dahin. Zu essen und trinken gab es nichts, und wer einen Rest Brot ober gar eine Konservenbüchse vor den Blicken der Ko­saken gerettet hatte, konnte sich glücklich schätzen. Es war eine trostlose Wanderung, so trostlos, daß selbst der Himmel über uns zu Tränen gerührt ward. Um die Mittagszeit begann er sich mit grauem Schleier zu ver­hüllen, und bald goß es in Strömen herab. Die Män­tel hatten nur wenige vom Schlachtfeld mitnehmen dür­fen, so daß wir bald bis auf die Haut durchnäßt wa­ren.

Triefend vom Regen erreichten wir im Laufe des Nachmittags Tarnopol. Unser Ziel, wie es hieß. Von da aus sollte uns die Eisenbahn weiterbringen. Ehe wir aber zur Ruhe tarnen, führte man uns wie im Triumph­zuge durch alle möglichen Straßen und Gassen der Stadt. Dort standen in schier endlosen Reihen kleine, mit zwei Pferdchen bespannte Bagagewagen. Dazwischen wimmelte es von Soldaten aller Art, unter denen die

Abstammung beständig erhöhen. Da in jedem Fall als letzte Ursache der Gesamtentwicklung Gott als Urgrund alles Werdens vorauszusetzen ist, braucht niemand ei­nen Widerspruch zu fürchten, den man zur Zeit Dar­wins als gegeben annahm.

Es ist charakteristisch für das Darwinsche Zeitalter, daß selbst überlegene Geister, wie Galton, Darwins größte Tat darin sahen, daß er die Naturwissenschaft vom Diktat der Theologie befreit habe. In Wirklich­keit behauptet Darwin von sich, daß er Agnostiker ge­worden fei. Indessen solle man daraus keine Schlüsse ziehen, weil er nicht den Anspruch erhebe, Metaphysi­ker zu sein- Er habe den Glauben der Allgemeinheit aufgegeben, unabhängig von eigenen Überlegungen.

Als Naturforscher ist Darwin unvergleichlich, eben­so wie er als Mensch nicht weniger hoch zu schätzen ist wie der edle Galton. Aber ein Philosoph ist weder Gallon noch Darwin, wenn auch ihr Werk der Mensch­heit, besonders durch Gallons Eugenik, unendlich viel Wertvolles hinterlassen hat. Ja, ich bin so kühn zu sagen, daß ein Gedanke, der zwischen dem Tode und dem Begräbnis Darwins von Gallon in einer großen englischen Zeitung veröffentlicht wurde, einen tiefen Sinn hat. Gallon hatte erklärt, man solle zum Be­gräbnis Darwins dasBenedicite" anstimmen, in dem die ganze Schöpfung zum Preise des Schöpfers auf- gerufen wird. Und in Fenstergemälben ber Westmin- fterabtet sollten Symbole verkörpert werden, die das Benedicite zum Andenken an Darwins Werk darstell­ten. Für Darwin ist der Gott, dem bas Benedicite gilt, ein Unbekannter geworben. Für uns ist der Va-' ter der Wesen, dessen Allmacht und Liebe nur noch grö­ßer erscheint, wenn sich ber Kreislauf ber Organismen nach inneren Gesetzen DoIIenbet. Die Entstehung ber menschlichen Seele und bie Entstehung bes Lebens geht nach ber Annahme der Entwicklungslehre ebenso un­zweifelhaft auf Gott als Urgrund des Werdens zurück, wie die Entstehung des Unroerfums im Anfang.

hochgewachsenen Tscherkessen in ihrem reichen Waffen­schmuck einen ungewöhnlich fesselnden Anblick boten.

Hin und wieder tauchten die sonderbaren Gestalten der galizischen Juden auf. Sie trugen den langen, schwarzen Kaftan und hatten bas Haar an ben Schlä­fen zu Zöpfchen geflochten. In bemütigfter Haltung brängten sie sich durch bie Menge. Kam aber ein Kosak in ihre Nähe, so bückten sie sich zitternb fast bis auf ben Boben.

Als wir burch bie Straßen zogen, flogen überall bie Fenster auf, bie engen, burch Zaun unb Tor abgeschlosse­nen Höfe füllten sich mit Leuten, unb immer wieder brang zu uns ber ängstliche unb boch so sehnsuchtsvolle Ruf herüber: Wann kommen bie Deutschen?

Enblich nach ftunbenlangem Marsche burch bie Stabt erreichten wir unser Quartier, bie Franz Joseph-Kaserne. Dort herrschte ein unglaublicher Wirrwar; aber ich war so mübe, baß ich barauf nicht achtete, fonbern froh war, als ich mi chenblich in einer Stube, beren Boben mit Stroh bebetft war, ausstrecken konnte. Balb jeboch machte sich bie Kälte, bie burch unsere nassen Kleiber verursacht würbe, recht unangenehm bemerkbar. Aber bem konnte ja abgeholfen werben. In ber Ecke staub ein Ofen, Stroh zum Anzünben war hinreichenb vorhanben, unb in einem Winkel bes Kasernenhofes glaubte ich einen Haufen Brennholz gesehen zu haben. Also Feuer ma­chen!

Balb waren ein paar Arme voll Holz herbeigeschafft. Das Feuer prasselte lustig auf. Aber statt mit Wärme füllte sich bie Stube mit stechendem Rauch. Wir hatten nicht beachtet, baß bem Ofen das Rohr fehlte.

Noch standen wir, von Qualmwolken umwogt, rat­los da, als ein unbeschreiblicher Tumult die Kaserne er­füllte. Lautes Rufen, hastige Signale, Wagenrollen, Hufschlag drangen zu den offenen Fenstern herein, alles übertönt von den Hupen der Autos.

Da wurde die Tür aufgerissen, und herein stürmten drei, vier Kosaken, die wild auf uns einbrüllten. Da wir nicht verstanden, was sie wollten, griffen sie zu den Knuten und trieben uns hinaus, durch lange Korridore hin, Treppen hinab auf den Hof, wo sich nach unb nach bie ganze Schar ber Gefangenen versammelte.

bringt herein, eine leise Beklemmung legt sich um bie Stirn. Man zählt bie Minuten, die Sekunden. Kommt noch nicht bas Enbe? Da drei Lampen huschen vor­über, ein grünes Licht folgt. Ist bas bas Enbe? Ja, ein erster grauer Schein taucht auf, schon bremst ber Zug. Airolo, die Station am südlichen Ende des Tunnels, ist erreicht. Man atmet auf. Nun geht es ab­wärts in rasendem Sauf. Wild und schauerlich ist es immer noch, aber man weiß doch, es geht bergab. Die Schneeregion hört auf, bie Flocken verwanbeln sich in Regen, aus ben Wolken sinkt der Zug ins Almengebiet, Und bann zeigt sich plötzlich tief unten, von Sonne über­schienen, ein Tal noch ist es nicht erreicht, manche Windungen liegen noch dazwischen, aber es winkt von ferne, unb tiefer, tiefer sinkt ber Zug. Man öffnet bas Fenster, eine laue Luft bringt herein. Weiter, weiter, tapfere Maschine, bem Süben zu! Da, bort unten ber weiße Fleck was ist es? Blühende Bäume! Wie sagt doch Schiller: Da tut sich ein lachend Ge­lände hervor, wo der Lenz und der Frühling sich gatten."

Der Tessin ist es, dessen Lauf nun der Schienen­strang folgt. Förmlich um die Wette eilen die Wasser unb der Zug dahin, als hätten es beide eilig, in den sonnigen Süden zu gelangen.

Und endlich ist das Wunder da: blühende Bäume säumen den Schienenstrang ein. Die Fenster werden nufgeriffen, warme Luft dringt ein. In den Früh­ling geht bie Fahrt. Schon stehen immergrüne Bäume hie unb ba, unb Palmen breiten fächerartig ihre Blätter aus. Ja, es ist ein anberes Land, in bas wir nun gelangen. Der Gotthard, er ist bie Grenze zwischen Nord und Süd, zwischen Deutschtum und Welschland, Jtalienisch spricht der Schaffner, italienische Lieder klin­gen an das Ohr der Reisenden, wentf der Zug auf den Stationen hält.

Der St. Gotthard ist zweifellos der großartigste Alpenpaß. Kein anderer Paß führt fj wie er durch das Herz der Alpen, durch die unzugänglichsten Teile bes Ge­birges, kein anberer kann sich an Großartigkeit bes Panoramas mit ihm messen, kein anderer weist auch so unvermittelt die Gegensätze des nördlichen und des süd­lichen Landstriches auf. Zumal im Frühling durchmißt man auf der kurzen Strecke von Altdorf bis Bel­linzona drei Jahreszeiten, Am Vierwald­stättersee hat man vielleicht den Vorfrühling wahrge­nommen mit all seiner scheuen Verhaltenheit, in Gasche­nen und Airolo ist es eisiger Winter, und in den süd­lichen Tälern von Bellinzona, unb gär erst um Lugano herrscht sommerliche Blatt- unb Blütenpracht. Wahr­lich, es ist zu verstehen, baß bieses Schauspiel immer wieber die Menschen lockt unb bie Dichter unter ihnen zu begeisterten Gesängen anregt. Nur vom Hörensagen zwar kannte Schiller dieses Erlebnis, aber keiner hat so wie er dem Ausdruck zu verleihen gewußt, was der Reisende auf dem Wege über den Gotthardpaß empfin­det.

Der Sankt Gotthard ist einer ber jüngsten Alpen« pässe. Erst im 13. Jahrhundert würbe er bekannt, da» Hospiz auf ihm finben wir erst im Jahre 1331 erwähnt. Der Grund dafür liegt wohl darin, daß er ohne eine! Brücke über die Reuß überhaupt nicht passierbar ist. Diese Brücke, die sogenanntestäubende Brücke", wurde um 1225 erbaut. Sie liegt 30 Meter hoch über der Reuß. Mehrfach ist sie im Laufe der Jahrhunderte ein­gestürzt und wieder neu errichtet worden, im Jahre 1888 ist sie endgültig zusammengebrochen. Seit dem Jahre 1830 lag neben ihr schon bie neue, heute noch bestehenbeTeufelsbrücke".

Die gesamte Gotthardbahn ist 276 Ki­lometer lang, sie führt in ihrem Verlauf über 342 Brücken unb durch etwa 80 Tunnel. Ihre Eröffnung fand am 1. Juni 1882 statt. Sie blickt also in bie« fern Jahr auf ein 50jähriges Bestehen zu« rück.

Sprüche.

Man sagt: Nur wer tief liebt, kann tief hassen.» Ja, nämlich aus beleidigter Selbstliebe.

*

Der Mann:Er kann es, also wage ich es!" Die Frau:Sie kann es auch nicht, also kann ich es ruhig versuchen."

Die Kosaken schwangen sich auf ihre Gäule, ließen bie Knuten sausen, unb fort gings zum Tore hinaus, burch bie Straßen hin. Was mochte bas bebeuten?

Stärker tönten bie Stimmen der deutschen Kanonen und liehen uns ahnen, was los war. Die Russen glaub­ten sich bedroht und räumten die Stabt, in ber ein hilf­loses Durcheinander herrschte. Reiter sprengten einzeln und in Trupps dahin; Lastautos ratterten in langen Reihen heran; endlose Wagenzüge wanden sich durch das Menschengewimmel, und über all bem wogte ein Schreien, Rusen und Brüllen, daß einem Hären und unb Sehen verging. Die ganze wirre Masse strebte nach einer Richtung, nach Osten.

Trotz ihrer Angst vergaßen bie Russen nicht, alles, was nicht nit- unb nagelfest war, mitzunehmen. Er war ergötzlich an,Zusehen, was sich ba alles auf ben Autos und Wagen gufammengefunben hatte. Vom prachtvollsten Möbelstück bis zum wertlosesten Gerümpel war alles vertreten. Tische unb Stühle, benen Beine fehlten, Schränke mit eingebrückten Füllungen, Spiegel mit zer­brochenen Scheiben, Kinderwagen, Nähmaschinen, Wa­genräder, Hausen von Kleidungsstücken in allen Farben leuchtend, Säcke und Kisten, aus bener^ber Inhalt verrä­terisch hervorschaute, alles in höchster Dle zusammenge­rafft und auf bie Wagen geworfen. Den mertmürbigften Anblick aber bot wohl ein Lastauto, auf bem in stolzer Einsamkeit zwei hohe, künstliche Palmen prangten unb barunter eine Modellpuppe aus irgendeinem Schaufen­ster, die mit unbeweglicher Miene in bas Gewühl starrte.

Das war zu viel für uns. Wir brachen in ein schallenbes Gelächter aus, so baß bie Kosaken zuerst ganz verdutzt dreinschauten, dann aber ihre Knuten zu Höchst­leistungen gebrauchten.

Langsamer, mit vielen Stockungen trieben wir mit bem Menschenstrom weiter. In einer Straße würbe ich in bas Tor eines Hofes gebrückt, ber mit Zuschauern vollgepfropft war. Da härte ich eine gedämpfte Stimme neben mir:Kommen Sie! Ich oetftetfe Sie, bis bie Deutschen kommen!" Ein HoffnungsDhimmer blitzte in mir auf. Ich war entschlossen zu folgen unb wollte ge< rabe in bem Menschengewühl bes HUes verschwinden, als mir der Riemen einer Knute so über Kost -b Ge­sicht fuhr, bah ich fast zusammengebrochen r Ein

Aeber den St. Gotthard.

Ein halbes Jahrhundert Gotthard-Dahn.

Der Zug braust burch die Nordschweiz mit ihren Höhen und Hängen dahin. Mit Eleganz zieht ihn die starke elektrische Lokomotive bald bas Hochlanb hinaus, bald läßt sie ihn wieber ins Tal hinabrollen. An lieb­lichen Seen geht es bahin, freundliche Dörfer und Städt­chen, sauber und nett, grüßen von allen Seiten, und endlich führt ein hoher mehrgeschossiger Viadukt in den großen Züricher Bahnhof hinein. Nur in weitester Ferne, Wolken ähnlich, haben bisher die Schneegipfel der Alpen gestanden, nun aber, während der Zug am Ufer des Züricher Sees bahinstürrnt, rücken sie näher und näher, und wie wir in Zug halten, entrollt sich das ganze Voralpanorarna vor unseren Blicken. Links steigt die Front bes Ri g i steil und warnend in die Höhe; mählich dagegen, sich bequem dem Aufstieg dar­bietend, fällt die Rückseite ab, als wollte sie dem Men­schen nicht jeden Zugang verwehren. Rechts aber reckt sich der Pilatus, unnahbar und zerklüftet, in den grauen Himmel; tiefe Schatten liegen in feinen Schluch­ten, an feinem Haupt ziehen Wolken. Wir wissen, da unten, an feinem Fuße liegt Luzern, und dahin führt unser Weg. Zwischen Rigi unb Pilatus hinburch trägt uns bann ein schmucker Dampfer durch bie vielfachen Windungen des Vierwaldstättersees nach Flüelen. Ein weites Tal tut sich am Enbe bes Sees auf: die Reuß strömt schnellen Laufes hindurch unb ergießt sich in ben See. An ihr entlang läuft nun bie Bahn, über Schluchten hinweg, burch Felsentunnel bie Gott­hardbahn. Noch zeigen sich Dörfer unb Städtchen, aber immer spärlicher werden die Siedlungen, wilder wirb bie Szenerie. Tief unten sucht die Reuß ihren Weg durch dasTal des Schreckens", oben klimmt der Zug an den Abhängen entlang. In Spiraltunneln bringt er burch bie Berge, und oft erscheint unten der Schienenstrang, den ber Zug verlassen hat, oben ber, den er noch erreichen soll. Verstreut nur noch liegen Almhütten da, spärliche grüne Flecken deuten die Almen an, die den Bewohnern die Mittel zu ihrer Ernährung

bieten. Dann härt auch dieses auf. Graue Steine, braune Felsmafsen, niedrige Kniesträucher hie und da ist das Einzige, was das Auge erblickt tief unten, unsichtbar, zwischen Steinen brausend, stürzt die Reuß dahin die unzähligen Rinnlein in sich aufnehmend, die von den Bergen laufen.

Die Wolken rücken näher, und nun, nun wird es dunkler in eine Wolkenwand läuft der Zug hinein. Wie Nebel wallt es; bie Hanb, die sich durchs Fenster streckt, spürt nasse Tropfen. Und kalt bringt eg durch alle Ritzen hinein. Man wickelt sich in seinen Mantel, die Temperatur im Zuge ist merklich gesunken, die Heizung wird angestellt.

Höher und höher schraubt sich der Zug. lieber die Teufelsbrücke ist er dahin gestürmt. Schnee liegt zur Seite der Schienen. Unb als ein langer Tunnel burchfahren ist, ba sieht man zu seinem Erstaunen eine weite Schneelandschaft sich auftun. Schnee liegt auf den Gleisen, Schnee hängt an den Abhängen,und wie ein Schneetreiben im Januar, so rieseln die Flocken hernieder. Kein Wunder befinden wir uns doch in einer Höhe von 2100 Metern über dem Meeresspiegel.

Dann setzt die Bremse ein. Der Zug hält. Gösche- nen, die Station am Eingang des Gotthard-Tunnels, ist erreicht. Man sieht sich um. Grauenvoll einsam liegt bie Bergwelt ba. Es ist, als hätte bie Natur zei­gen wollen, welcher Schrecknisse sie fähig ist. Unb ba hat fich der Mensch hineingewagt, da hat er feine Schienen gelegt. Da saust er in erleuchteten und ge­heizten Waggons hinein, ja, in den Leib des Berges bohrt er feine Tunnel.

Bald fetzt fich ber Zug wieber in Bewegung. Der Gotthard-Tunnel beginnt. Eine Viertelstunde lang, annäh er nd 15 Kilometer, fährt man durch bie Finsternis unb weiß, man fährt burch den Berg, der die Grenzscheibe nicht nur zwischen ben Wassern, sondern auch zwischen zwei europäischen Welten, der nördlichen unb ber südlichen, bildet. Eine dumpfe Tunnelluft