Nr. 85 Beilage zur Fuldaer Zeitung 13. April.
Nicht locker lassen;
Den „Kampf um Preußen" werden wir dann auch bestehen.
Auch am 10. April hat sich das Fuldaer Land hervorragend geschlagen. In manchen Dörfern haben die Nationalsozialisten zwar noch etliche „Ueberkluge" einfangen können. Aber man merkt es, die junge Volksfront hat den Damm gegen den Radikalismus bereits so stark gemacht, daß die Flut zum Stehen gekommen ist, ja vielfach schon wieder zurückgeht. Diese Gewißheit darf aber niemand von uns in Sicherheit wiegen. In den 14 Tagen bis zur Preußenwahl muffen alle Kräfte angespannt werden. Das Zentrum muß so stark werden, daß keine Richtung ohne das Zentrum auskommt. Jeder von Euch hat die Pflicht, den letzten Wähler mobil zu machen. Keinen Weg und keine Mühe dürft Ihr scheuen! Sorgt dafür, daß die Wahlmüdigkeit überwunden wird, und daß alle, die innerlich bei uns, den „Schwär- z e n", stehen, die Bedeutung der Preußenwahl erkennen.
Die junge Volksfront Brünings hat gezeigt, daß sie gegen die Hetzer zu kämpfen versteht. Wohlan, Kameraden, jetzt erst recht auf die Deiche! Noch einmal werden Kommunisten und Nationalsozialisten versuchen, durch ungeheuerliche Versprechungen die Not unserer Altersgenossen auszunutzen. Deshalb an die Front! Es gilt, auch die schon verhetzten Brüder wieder zurückzugewinnen. Wir kämpfen für die F r ei- heit unseres Volkes, für soziale Gerechtigkeit, für Arbeit und Brot und für die Rechte der Kirche und des von allen Seiten bedrängten katholischen Volksteils. Wir kämpfen für unfern Kanzler Brüning, damit auch die Aermften unseres Volkes erkennen, daß der Weg, den er geht, der einzige ist, der zur Befreiung von wirtschaftlicher und politischer Unterdrückung führt. Wir wollen eine machtvolle Volksfront bilden, die nicht duldet, daß radikale Schwätzer weiterhin übermütig ihre Stimme erheben und das Aufbauwerk gefährden.
Wir wollen, daß das C h r i st u s k r e u z in unserem Vaterland über Hakenkreuz und Sowjet- st e r n siegt.
Katholiken und Nazis.
In katholischen Gegenden werfen sich die Nationalsozialisten stets zu Hütern des „positiven Christentums" auf und verkünden, sie wären die einzigen, die Kirchen und Klöster gegen die „roten Mordbanden" schützen könnten. Auf solche Redenarten fallen nur noch ganz Dumme herein: der geschulte und durch Erfahrung gewitzigte Katholik hat für sie nur ein überlegenes Lächeln, das sich zu einem Gelächter steigern kann, wenn einem Nazi-„Reichsredner", der sich in der Gegend geirrt hat, das Unglück passiert, in einem katholischen Dorf von unseren katholischen Priestern als den „schwarzen Teufeln" zu sprechen. Daß das nicht eine einmalige Entgleisung eines unglückseligen Agitators ist, beweist die Tatsache, daß kürzlich ein anderer „Reichsredner" namens Metz an einem Tage in Hilders den Katholiken in der auffälligsten Weife um den Bart ging, um dann im protestantischen Gersfeld in der unverschämtesten Weise gegen die katholischen Kirchenfürsten loszuziehen. Diese Vorfälle im Fuldaer Land beleuchten die nationalsozialistischen Propagandamethoden trefflich. Dieser Auslese nordischer Edelmenschen ist eben jedes Mitetl recht, das zum Wählerfang dienen kann. Sie scheuen in nichtkatholischen Gegenden vor keiner Geschmacklosigkeit zurück, wenn er gilt, den antikatholischen Affekt gewisser bedauernswerter Kreise für ihre Partei dienstbar zu machen. Das zeigt deutlich folgendes gemeine „Gedicht" aus dem nationalsozialistischen „Sächsischen Beobachter":
„Ein schwarzer Götze im weißen Gewand regiert von Rom aus die Stunde.
Regiert auch schon das deutsche Land, seine Diener sind treue Hunde.
Sie halten die Schafe in ihrem Pferch, sie zaubern das Volk zur Herde, den deutschen Riesen zum römischen Zwerg, auf daß er noch Hofnarr werde.
Die schwarze Gefahr geht um im Land, schlag nieder die heuchelnden Geister!
Mit veutschem Hirn und Herz und Hand, dann werden mir deutsche Meister."
Was sagt Ihr dazu, Ihr sog. „katholischen National- sozialisten"?
Die Nazi-Agitatoren gehen aber noch weiter. Manche unterscheiden sich schon nicht mehr von kommuni st ischen Rednern, die Gottlose n- Propaganda treiben. So sagte z. B. am 3. März 1932 ein Nazi-Redner in Groß-Nossen (Schlesien):
„Das katholische Zentrum ist ein Misthaufen und die Geistlichen sind alle Schweinehunde und Lumpen, die katholischen wie auch die evangelischen."
Katholische Iungmannschaft, erkenne rechtzeitig, daß der Nationalsozialismus, besonders in unserer Gegend, nichts anderes als die Vorbereitung zum Kommunismus
ist. Gerade der letzte Wahlgang um die Reichspräst- dentenschaft hat ja bewiesen, wie leicht die Radikalen zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus hin und her schwanken.
Aus den Jugendbünden.
Vundesthing des kalh. Schülerbundes „Neudeutschland."
Der Jugenbund höherer katholischer Schüler „Neudeutschland" hielt vom 28. März bis 1. April dieses Jahres in Charlotten bürg seinen Bundesthing ab. Aus dem Jahresbericht ging hervor, daß der rasche Mitgliederzuwachs des Bundes sich auch im Jahre 1931 fortgesetzt hat. Die Gesamtzahl der Gruppen beträgt z Zt. 510 (gegenüber 459 im Jahre 1930), die der Mitglieder 20 733 (gegenüber 18 279). — Anläßlich eines Liederabends konnte das Bundesthing den Berliner Bischof Dr. Schreiber in seiner Mitte begrüßen.
Gemeinschaftsformen der Zugendgruppe.
Von Georg
Wohl jede Gruppe frischer, lebendiger Jungen schafft aus sich heraus bestimmte Gewohnheiten und Formen, die in ihrem Leben eine wichtige Rolle spielen. Wehe dem Neuling, der gegen diese ungeschriebenen Gesetze verstößt! Mit konservativer Starrheit, die otf in groteskem Gegensatz zur sonst üblichen jungenhaften Ungebundenheit steht, wird auf ihre Einhaltung gesehen. Stirnrunzelnd und tadelnd sieht man auf den Uneingeweihten, der noch nicht weiß, „was sich ziemt". Dinge, die so ernst genommen werden, müssen für die Bildung einer Gemeinschaft von grundlegender Bedeutung werden. Sie bilden den Kitt, der die Jungen äußerlich zusammenhält, der sie auf ihre Sippe stolz werden läßt.
lleberaK gebräuchlich dürfte die f e i er l i ch e Aufnahme eines Neulings in d i e Gruppe oder den Bund fein. Sie wird nicht an einem unfeierlichen Ort vorgenommen, sondern zur Nachtzeit am Lagerfeuer oder in einem sonstwie romantischen Rahmen. Dem Aufgenommenen wird das Bundesabzeichen oder das Pfadfinderhalstuch „verliehen", und er muß das Gelöbnis ablegen, daß er den Gesetzen des Bundes treu sein will.
Für das Tragen des Gruppenwimpels, der ihr auf ihren Fahrten und Unternehmungen als Symbol ihrer geschlossenen Gemeinschaft voranweht, finden sich gleichfalls überall wiederkehrende Formen. Da es die höchste Ehre ist, die die Gruppe zu vergeben hat, gibt es oft einen regen Wettkampf unter den Jungen, die den Wimpel tragen möchten.
Auch die Frage, wann der Wimpel mitgeführt wird, wird als wichtig betrachtet. Vielfach wird es so gehandhabt, daß der Wimpel bei allen Gruppenveranstaltungen dabei ist und nur bann nicht geführt wird, wenn weniger als fünf Jungen beteiligt sind. Andere Gruppen lassen den Wimpel bei gewöhnlichen Fahrten daheim und lassen ihn nur bei besonderen Gelegenheiten der Sippe voranwehen.
Gemeinschaftsformen von starkem erzieherischem Wert haben sich auch beim Einnehmen der M a hl- Zeiten herausgebildet. Das Bild der Gruppe, bei der jeder Junge auf der Rast den Spirituskocher her- ausholt und sich sein Süpplein wärmt oder Mutters schönen Kartoffelsalat mit Schnitzel verzehrt, dürfte in Kreisen der hündischen Jugend schon seit langem nicht mehr zu finden fein. Das paßt auf Landpartien, aber nicht zum Leben einer Iungenkamerabschaft. Fast überall hat sich die gemeinschaftliche „Bewirtschaftung" des Eßbaren durch die Gruppe durchgesetzt. Dem einzelnen Jungen gehört dann vom Beginn der Fahrt bis zu - ihrer Beendigung, ganz gleich, ob es sich um eine Tages- oder eine Großfahrt handelt, nichts mehr für sich allein, sondern alles, was die Mutter ihm eingepackt hat ober was er sonst an Schätzen nahrhafter Art mitgebracht hat, ist Eigentum ber Gemeinschaft. Nicht zuletzt auch aus praktischen Grünben wirb bann bei längerem Aufenthalt im Lager ober auf Großfahrten ein Materialverwalter eingesetzt, ber alle Lebensrnittel sachgemäß verwaltet unb einteilt.
Wirb eine Mahlzeit bereitet, so machen zwei ober drei Jungen bie Brote ober bas Essen zurecht, beeten
Seiffert.
wohl ben Tisch auf einer Zeltbahn unb schichten bie Brotschnitten auf Tellern sauber auf. Ist alles bereit, so reichen sich bie Jungen die Hände zum Ring und einer spricht ein passendes Gebet. Erst bann wird mit dem Essen begonnen.
Soziale Unterschiede, die sich bei der Zusammensetzung ber bünbischen Gruppen oftmals auch an bem von Zuhause mitgegebenen Essen erkennen lassen, werben burch biefe völlige Gemeinsamkeit am besten über« rounben, unb auch berjenige, ber aus häuslichem Mangel nicht genügenb mitbringen konnte, wirb satt. Unb ist mal nicht genügenb vorhanben, so fällt das gemeinsame Hungern viel weniger schwer, als wenn plötzlich ein stiller Hamsterer vor ben hungrigen Augen seiner Kameraben rounberbare Brote verzehrt.
Bis zur Aufhebung ber Tafel burch ben Führer, ber oft noch einmal ein Lieb anstimmen läßt ober etwas vorliest, bleiben alle sitzen. Dann aber erhitzt die Frage des Abwaschens — es müßten keine Jungens fein! — häufig bie Gemüter. In manchen Gruppen freilich ist es „gute Sitte", daß sich zwei Jungen freiwillig bie Töpfe, Teller unb Löffel greifen unb abwafchen, meist aber muß ber Führer solche, bie sich am betreffenben Tage nicht burch eine befonbere Tat in ber Gruppe hervorgetan haben, bestimmen.
Die Behanblung und Bewirtung von Gästen ist ein Prüfstein für bas gute Benehmen ber Gruppe. Die
faulstich - -
ihr radio-fachmann
alte beutsche Sitte ber Gastfreunbschaft hat in ben Lagern unb an ben Feuern ber bünbischen Jugenb mieber ihren Ehrenplatz erhalten.
Wenn bann nach frohem Lagertag ober anstrengen- bem Marsch abenbs bie Ruhestatt ausgesucht wirb unb nach bem Ordnen des Nachtlagers Stille eintritt, vielleicht vor bem Einschlafen noch etwas vorgelesen wirb, bann schließt ber Führer mit einem „Gute Nacht" den Tag ab, unb in keiner orbentlichen Gruppe wird es mehr einer wagen, bann noch bie Nachtruhe ber Kameraben zu stören.
Gerabe bie von ber bünbischen Jugenb oft geübte Kritik an ber unbesehenen Uebernahme herkömmlicher Formen verpflichtet sie, über bie Formen lebenbigen Gemeinschaftslebens nachzudenken und sie in ihrem Iu- genbreich sinnvoll und zuchtvoll umzuformen. Wo das geschieht, werden die so gefundenen Sitten dazu beitragen, das kameradschaftliche Beisammensein schöner und reicher werden zu lassen.
Die junge Front erstarkt.
In ben letzten Tagen würbe im Anschluß an Versammlungen bes Windthorstbunbes ber Grundstock zu Windthorstbünden gelegt in Eiterfeld, Großentaft, Schletzenhausen, Müs, Reulbach unb Abtsroba. Das Jungvolk bes Fulbaer Landes ist entschlossen, die Heimat und ihre Sitte gegen ben lieber* mut ber Rabikalen zu verteibigen.
Rußland In der Wirklichkeit.
Schilderungen eines aus Rußland zurückgekehrken deutschen Ingenieurs.
Die Wohnungsfrage.
Wenn man bie russischen Zeitungen verfolgt unb ber riesigen Propaganba Gehör schenkt, bekommt man als nicht Eingeweihter ben Einbruch baß Rußlanb seine Volksmassen allein in ben schönsten und allen modernen hygienischen Forderungen entsprechenden Häusern unterbringt. Gewiß will ich nicht behaupten, daß in Rußland nichts für den Wohnungsbau getan werde. Die neuen Häuser baut man aber weniger aus bem Grunbe, um der Masse ein menschenwürdiges Unterkommen zu bieten, sondern vielmehr um sie überhaupt in der Nähe ber neuen Werke unterzubringen.
W i e biefe Unterbringung geschieht, ist eine anbere Frage. Die neuen Häuser finb nach modernen Grunb- sätzen gebaut, in ber Regel Dreizimmerwohnungen mit Bad unb Klosett. Was will bas aber bedeuten, wenn man in diese drei Zimmer 20 und mehr Personen hineinsteckt und sie mit dem Versprechen vertröstet, daß weitere neue Häuser gebaut würden. Eitzen aber die guten Leute einmal in so einer Wohnung einmal aufeinander, so denkt man nicht mehr daran, die Lage zu verbessern. In welchem Zustand diese Häuser deshalb nach kaum einem Jahr finb, spottet jeder Beschreibung.
Ich wohnte selbst einmal einige Zeit in einer solchen Kolonie neuer Häuser, die etwas über ein Jahr standen unb noch nicht einmal verputzt waren. Es wird niemanb glauben, aber es ist wahr: sämtliche Haustüren waren schon mieber herausgerissen und irgendwo in einem Herd verbrannt worden. Die Treppenhäuser sehen aus wie in einer alten Ruine, in den Kellern, die überhaupt keine Türen hatten, hausten die wilden Hunde.
Auch die Wohnräume waren schon „verwohnt", überall wimmelte es von Ungeziefer aller Art: selbst Ratten waren unsere Gäste.
Der schlechte Zustand der Wohnungen ist in erster Linie eine Folge ber Enteignung, bie ja der Kommunismus in Rußland säst restlos durchgesührt hat. Der „Wohnungskommandant", der mit einem ganzen Stab
von Personal so einen Häuserblock verwaltet, erstickt in dem-großartig aufgezogenen und in Rußland besonders gepflegten Bürokratismus, so daß ihm für bie wirkliche und notwendige Arbeit wenig Zeit bleibt. So kann es Vorkommen, daß die neuen Häuser nach kaum einem Jahr alt und baufällig sind. Würde man aber überhaupt keine Wohnungen ober nur solche für die auch im kommunistischen Rußland bestehende Oberschicht bauen, so hätte man bie Masse ber Volksversammlung an ber Mitarbeit am „Aufbau" verloren. Die Presse kann also von ben vielen Wohnungsneubauten schreiben, ohne birett bie Unwahrheit zu sagen.
Wenn man einen Vergleich mit ben Wohnungsver- hältnissen in Deutschland anstellt, so kann man feststellen, wenn wir auch unter bem Wohnungsmangel zu leiben haben, bürfen wir uns doch tausendfach glücklicher schätzen als die russischen Arbeiter, bie bie „Segnungen" des „Arbeiter-Paradieses" genießen.
Schlußbetrachtung.
Die ganze Welt wird von einer ungeheuren Wirtschaftskrise heimgesucht. In allen Industrieländern Haden wir riesige Heere Arbeitsloser, bie aus bem Produktionsprozeß ausgeschieben würben unb auf Kosten ber noch Arbeitenben ernährt werben müssen. Es ist nicht allein schlimm • baß biefe Menschen ihren Lebensunterhalt nicht sei ost verbienen können, viel schlimmer dürfte bie moralische Wirkung ber Arbeitslosigkeit auf die zum Nichtstun verurteilten Menschen sein.
Die Wirtschaftskrise unb die durch sie bedingte Arbeitslosigkeit hat natürlich auch ihren Einfluß auf bie politische Sage. Die gespannten politischen Verhältnisse wirken wieder lähmend auf bie Wirtschaft ein. So kommt es, daß die radikalen Parteien rechts wie links ständig an Stimmen zunehmen, die gemäßigte Mitte dagegen, wird dauernd geschwächt. Ich will politisch nicht weiter ausschweifen, sondern zum Schluß nur zu ber kommunistischen Partei in meinen Ausführungen Stellung nehmen. Die Hauptursache, baß die KPD
in dem verarmten Deutschland so viele Anhänger gewinnt, dürfte in erster Linie der jeden Tag zu vernehmende Hinweis auf die Blüte Rußlands fein. (Dabei überlegt niemand, daß der deutsche Arbeiter doch keinen Vorteil davon hat, wenn in Rußland sich wirklich eine riesige Industrie entwickeln sollte.) Die kommunistischen Agitatoren weisen auf die Konjunktur in Rußland hin, wo es offiziell keinen Arbeitslosen gibt. Im Gegenteil, Rußland gibt noch einer großen Menge Ausländer Verdienst und Brot. Dieses unb mehr sind bie Schlagwörter ber Versammlungsrebner. Die Arbeitermassen in Deutschlanb, die unter der furchtbaren Not ber Arbeitslosigkeit verzagen, unb noch nicht töricht genug sind, ben Nationalsozialisten tn bie Arme zu laufen, finb bereit, ihre Stimme ber kommunistischen Partei zu geben, in ber Hoffnung, daß auch in Deutschlanb bie goldene Zeit bes Sowjet-„Para- bieses" anbrechen werde. Arme Menschen, die sich so betören lassen.
Die Arbeit, bie Rußland heute bewältigt, ist weiter nichts als das, was wir im Verlauf der letzten 50 Jahre auch bei uns in Deutschland geleistet haben. Rußland tut das jedoch in einem Tempo, das ungesund ist unb unter ben früheren technischen Voraussetzungen nicht möglich gewesen wäre. Auch jetzt noch bleibt aber bie Jn- buftriealifierung bes russischen Volkes im Verhältnis zu feiner Größe gegenüber Deutschland sehr gering.
Man wird mich fragen, warum hat Rußland keine Arbeitslosen? Man kennt in Rußlnd keine Arbeits- losen-Registrierung unb auch keine -Unterstützung. Weiter ist bie Belegschaft eines russischen Werkes im Vergleich mit einem beutschen ober amerikanischen sehr viel größer. Bei dem bodenlos schwerfälligen russischen Bürokratismus, der schlechten Leistungsfähigkeit des einzelnen Arbeiters und der ausgesprochenen Verantwortungslosigkeit der Gesamtheit machen wir die Feststellung, dckß in Rußland durchschnittlich bie fünffache Belegschaft gegenüber gut organisierten und rentablen Betrieben bes Auslandes benötigt werden. Weil die Betriebe deshalb vielfach unwirtschaftlich arbeiten, beginnt man in Rußland jetzt wieder, bie einzelnen Betriebe auf eigene Wirtschaftsrechnung zu stellen. Bis jetzt dürfte kein
Es lebe der Schwindel!
Ist bas deutsche Volk so burntn?
Adolf Hitler, ber „Säkularmens ch", ben seine Anhänger als ben hervorragenbsfen Rebner, ben be- beutenbften Organisator, ben bebeutenbften Agitator ber Gegenwart, ben hervorragendsten Staatswissenschaftler und Schrift st eller im Weltall (!), als ein Phänomen ber Weltgeschichte anpreisen,*) hat ein Buch geschrieben, bas ben schönen Titel „Mein Kampf" führt. (In einer Fuldaer höheren Schule pflegt es von einem Studienrat gelegentlich gefeiert zu werden.) Wer sich die Müde nimmt, dieses Erzeugnis des „hervorragendsten Schriftstellers im Weltall" einmal durchzulesen, wird, wenn er logisch zu denken versteht, erstaunt sein über die Widersprüche, die hier zu einem tollen Sammelsurium vereinigt sind. Aber man bekommt auch interessante Einblicke in die Hinter- gründe und bie „geistigen" ©runblagen ber nationalsozialistischen Partei. Vor allem erkennt man, baß es fein Zufall ist, wenn ber Nationalsozialismus in ber Wahl seiner Mittel so „zartfühlenb" ist. Adolf Hitler bekennt sich nämlich zu dem Grundsatz, daß a u ch s i 11- verwersliche Mittel, selbst Verbrechen pflichtgemäß anzuwenden finb, wenn es ber Erreichung bes gesteckten Zieles dienlich ist. Wenn man einem Nationalsozialisten das sagt, ruft er natürlich „Schwindel! Das ist gelogen!" Aber leider steht auf S. 377 bes Buches von Hitler: „Jebe weltbewegende Idee hat nicht nur das Recht, sondern bie Pflicht, sich berjenigen Mittel zu versichern, die bie Durchführung ihrer Gebankengänge ermöglichen. Der Erfolg ist ber einzige irdische Richter über bas Recht ober Unrech t eines solchen B e- ginnens."
Adolf Hitler gibt auch Anweisungen, wie man erfolgreiche Propaganda unter dem deutschen Volke, bas er für bobenlos bumm unb schlecht hält, zu machen hat. Der Deutsche, bezw. seine Regierung, besaß nach ihm keine blasse Ahnung, wie man das Volk beschwin- beln muß, wenn man Massenanhänger haben will. „Daß durch kluge und dauernde Anwendung von Propaganda einem Volkes selbst der Himmel als Holle vorgemacht werden kann und umgekehrt bas elenbeste Leben als Paradies", das verstand Deutschland nicht (S. 302). Aber bie Nationalsozialisten verstehen es um so besser! Kennt ihr jetzt bas Geheimnis des dritten Reiches, ihr dummen Deutschen? Man muß die Massen durch geschickte Agitation h ypno- tisieren unb bars auch vor einem Schwirill el nicht zurückschrecken, wenn es einem „große n" Ziele bient.
Diese nationalsozialistische Haltung ist frivol. Glauben bie Nationalsozialisten wirklich im Ernst, daß bie Mehrheit des Volkes auf „Schwindel" hereinfällt? Besteht im Gegenteil nicht die Gefahr, daß die durch die Hoffnung auf bas „Dritte Reich" hypnotisierten Massen eines Tages erwachen und furchtbare Rache nehmen? Es ist richtig, was wir schon immer gesagt haben, der Nationalsozialismus mißbraucht den neu erwachten Idealismus der Jugend in b er schänblichsten Weise. Er ist keine beutsche Erneuerungsbewegung, sonbern ein gefährliches Fieber unteres kranken Volkskorvers.
Pflicht jebes mutigen, christlich und deutsch fühlenden Jungen ist es deshalb, dafür zu sorgen, daß die- jenigen, bie vom Nationalsozialismus hypnotisiert finb, rechtzeitig erwachen unb mieber ben Weg zur Wirklichkeit und zur Wahrheit finben. Sie werben sonst alle einmal aus Verzweiflung zum Kommunismus gehen.
Kameraden aus ber jungen Volksfront Brünings. Bundesbrüber vom Winbthorstbunb, laßt uns bem Schwindel bes brüten Reiches ein Ende machen. Es lebe Deutschlanb, unb seine wahrhaften Führer Hindenburg und Brüning!
*) In solchen Tonen hat Herr Heinrich Sukopp im „Slnbreasbcrger Anzeiger" seinem „Führer" ein Loblied gesungen. Armer Adolf Hitler! Man mißbraucht ihn heute gerade wieder so, wie er bei der armseligen „deutschen Revolution vom 9. November 1 9 2 3" an der Nase hernmgeführt worden ist.
einziger Betrieb ohne S t a a t s z u s ch ü s s e arbeiten.
Um Staatszuschüsse überflüssig zu machen, müßte ein durchgreifender Abbau ber Belegschaften vorgenommen werben. Dieser Weg ist bereits beschritten worden; bie Elektrofabrik in Moskau baute zunächst ca. 1800 Mann ab; bie Auswahl ber Abzubauenben erfolgt in ber Weife, baß man bas geringste Vergehen, wie z. B. das Zusipätkommen zur Arbeit ober unentschuldigtes Fehlen mit sofortiger Entlassung bestraft. Geht man auf diesem Wege weiter, und eine andere Möglichkeit, um die Betriebe rentabel zu machen, gibt es nicht, dann wird uns bie nahe Zukunft zeigen, baß Rußland auch von der Arbeitslosigkeit heimgesucht wirb, zumal schon jetzt Tausenb und Abertausenbe ihr Dasein burch Betteln fristen. Vergessen bars man auch nicht, baß Tausenbe in Konzentrationslagern bei harter Zwangsarbeit dahinsiechen müssen. Und hat man weiter Gelegenheit, an einer Stelle zu sein, wo Arbeit zu vergeben ist, wie ich in einem Konstruktionsbüro, so konnte man sehen, wie Tag für Tag ca. ein halbes Dutzend Leute tarnen und eine neue Stellung suchten. Unb ba wagt man ber Welt vorzusetzen, „Rußland habe keine Arbeitslosen". Nein, Rußland kennt eben keine Sozialgesetzgebung: die Zahl der Notleidenden wird nicht registriert. Wer nicht sieht, daß er einen Verdienst findet, ber mag verhungern. Die Herren Kommunisten leben boch.
Ich hoffe, baß meine Ausführungen, bie keineswegs als tenbenziös aufzufassen sind, unb für beren Richtigkeit ich bürge, vielen Menschen, die noch im Unklaren finb, welchen politischen Führern sie folgen sollen, einen guten Fingerzeig geben mögen. Wir alle müssen die große Gefahr abzuwenden suchen, bie unserem gemeinsamen deutschen Vater vom Kommunismus und seinem Wegbereiter, bem Nationalsozialismus, droht.
Bor allen Dingen mochte ich auch nicht versäumen, eine ernste Mahnung an solche zu richten, bie sich mit der Absicht tragen, in Rußland ein Arbeitsverhältnis anzubahnen. Bleibt in Deutschland! Auch hier werden wieder einmal bessere Zeiten kommen, wenn wir nicht bie Nerven verlieren unb uns zu keinen unbesonnenen Experimenten hinreißen lassen.