Nr. 83
Beilage zur Suldaer Zeitung
10. April
April.
April, April, der weiß nicht, was er will! Bald lacht der Himmel blau und rein, Bald schau'n die Wolken düster drein. Bald Regen und bald Sonnenschein.
April, April, der weiß nicht, was er will!
Heinrich Seidel.
Kreuz im Sand.
Skizze von Hanns W. Kappler.
Etwa hundert Kilometer südlich der arabischen Stadt Setif steckt, weit abseits jeder Karawanenstraße, ein großes, hölzernes Kreuz im Sande der Wüst«. In französischen und arabischen Lettern, deren Farbe zwar die Sonne bleichte, die aber tief in das Holz geschnitzt waren, stehen die Worte: „Hier ruht eine Abteilung spanischer Legionäre. Acht Mann und ein Leutnant wurden durch ein arabisches Mädchen in die wasserlose Wüste gelockt, in der alle verschmachteten."
Das Kreuz steht einsam und vergessen, der Samum verweht es oft, um nach Wochen oder Monaten den Sand wieder aufzunehmen und davonzutragen. Sandwelle über Sandwelle wandert dahin, aber das Kreuz steht noch, nur ein wenig hat es sich geneigt.
Alljährlich muß eine größere Abteilung spanischer Legionäre in die Wüste hinaus, um das Kreuz vom Sand zu befreien und einen Kranz niederzulegen. Oberst Segantes läßt es sich nie nehmen, die kleine Karawane zu leiten; denn jener Leutnant war sein bester Freund. Wenn dann unweit des einsamen Kreuzes das Lager aufgefthlagen wirb, erzählt Segantes die Geschichte von dem Leutnant Ricardo, seinen acht Untergebenen und dem Arabermädchen Losibah.
„--es war zur Zeit des Kabylenauffiandes, als
die räuberische Tuareg die Gelegenheit nützten und einige der spanischen Militärstationen angriffen, die längs der Wüste angelegt waren. Ricardo wurde mit acht Mann abkommandiert, um die weit vorgeschobene Station „Sienna" zu verstärken. In einer Oase wurde seine Truppe eines nachts beschossen. Ricardo ließ am anderen Tag das kleine Dors stürmen, aber nirgends war ein Mensch zu entdecken. Erst nach langem Suchen fand man ein junges, vielleicht dreizehnjähriges Arabermädchen, das wegen einer Fußverletzung von den Flüchtenden zurückgelassen war.
„Du wirst uns den Weg zur nächsten Oase zeigen!" befahl Leutnant Ricardo, ließ eines der Packpferde für das Mädchen freimachen, und kurz darauf setzte die Truppe ihren Weg fort. Ein Samum, der vor wenigen Tagen gewütet, hatte die Karawanenstraße überquert, unb nirgends war ein Kennzeichen vorhanden, wo der kürzeste Weg zur nächsten Oase war. Ricardo mar froh, eine Führerin gefunden zu haben, die den Weg kannte und ihn nicht verfehlen konnte. Losibah hatte sich nicht lange gesträubt, den Weg zu weisen: denn Ricardo versprach ihr eine schöne bunte Kette und prächtigen Arm- schmuck, den er in seiner Satteltasche verborgen hielt.
Die Tage vergingen, das Wasser wurde ohne Einschränkung gebraucht, denn Losibah erklärte immer wieder, daß in zwei Tagen di« Oase erreicht sei, und bis dahin reichte der Vorrat an Wasser auf jeden Fall.
Aber der zweite Tag kam und verging, nirgends war eine Oase zu entdecken, keine Palme tauchte am Horizont auf, öde dehnte sich das unendliche Sandmeer, überall nur Sand, im grellen Sonnenlicht flimmernder Sand.
Die Legionäre mußten nach und nach die Reit- und Lasttiere töten, und als der vierte Tag gekommen war, stolperten Ricardo und seine acht Legionäre schmachtend durch den Sand, ihnen voran aber schritt leichtfüßig das Arabermädchen, dessen Fußwunde inzwischen geheilt war. |i i ।
Am Abend brachen die Legionäre erschöpft zusammen, stöhnend lagen sie im Sand. Ricardo rief Losibah zu sich, schritt mit ihr hinaus in die Wüste. Als die beiden weit von der Trupe entfernt hatten, blieb Ricardo stchen.
„Sag' jetzt die Wahrheit, Losibah, die anderen brauchen es nicht zu hören. Wir sind verloren?"
Austecht stand das Mädchen vor ihm.
Der Teufel im Bombardon.
Von Frz. Ioh. B i e r f a rf.*)
Der Balthasar Rührmian hatte ein Häusel, ein Bombardon und eine Frau, feine Alte. Das Häusel, mit den etlichen Tagwerk Grund dabei, mit den Geißen und Gänsen, hätte er längst in den tiefen Maßkrug gesteckt, wäre nicht seine getreue Alte gewesen; am Bombardon aber hing er mit Leib und Seele, denn der Balthasar hatte eben ein richtiggehendes „Mndada-Herz" und seine Tage hüpften fjinum und herum „mndada", feine Stunden schlugen „mndada", Überhaupt sein ganzes Leben süß und sauer, war ein malzersideles „Mndada".
Aber wie gesagt, er hatte auch eine Hauserin, nämlich eine Kreszenzia, und die war dürr wie ein Nudelbrett und hatte auch kein „Mndada-Herz" in der Brust; so gab sie nicht nur allezeit und überall den Ton an, ionbern pfiff auch noch die traurigste Melodie zum fidelen Basse des beherzten Mannsleuts, und so geschah es, daß es manchmal ein arg zänkisches Liebel war, das aus dem Kamin des Rührmianhäusels qualmte
Sie Kreszenzia rackerte, werkte und schimpfte schwitzend im Häusel herum — dieweil der Balthasar auf irgend einer Kirchweih- ober Tanzmusik fröhlich sein „Mndada" blies — und die Hauserin hielt wohl so bas Häusel in festen Händen, aber der Balthasar den Krug in fester Hand, denn wiewohl er auch manchen schweren Batzen erblies — mndada — brachte er ihn auch spielend wieder los.
Es ist nun wiederum klar, so gewiß die Kreszenzia ihrem Balthasar das „Mndada-Herz" nicht aus der Brust reißen konnte, so unmöglich war es dem Balthasar, das öde Werkelherz seiner Alten zu vergemütlichen; darin lag die Tragik des Windes, der um das Häusel fauchte. Die Kreszenzia schimpfte, war unglücklich — und der Balthasar schimpfte auch, aber unglücklich war er nie!
Wie es aber in dunkler Nacht einmal so weit kam, daß die kuraschierte Häuslerin vor ihrem Ehegespons
*) Aus „Die Hochzeiterin im Himmel". Verlagsanstalt vorm. G. I. Manz, Regensburg. RM. 4.30.
,Ha, Allah will es so."
„Allah? Rede keinen Unsinn, Losibah. Du hast dich verirrt?"
„Nein!" kam es stolz als Antwort zurück.
„Nein?" riefe Ricardo erstaunt aus. „Was soll das heißen?"
„Ich habe euch absichtlich in die Wüste geführt. Ihr alle müßt sterben; denn es gibt weit und breit weder eine Oase noch einen Karawanenweg!"
„Wir — alle — sterben? Und — du —?"
«Ich auch", sprach das Mädchen mit ruhiger Stimme.
„Bist du wahnsinnig?" schrie jetzt Ricardo auf. „Warum führst du uns in den Tod?"
„Weil Ihr Feinde meiner Brüder, Feinde unseres Volkes seid."
Ricardo brachten die Worte des Mädchens um jede Ueberlegung. Wütend packte er sie.
„Das sollst du büßen, Verräterin!"
Aber Losibah wollt« sich von feinem Griff freimachen, ein kurzer, verzweifelter Kampf entstand, bann krachte ein Schuß, und Losibah sank mit einem wehen Aufschrei zu Boden.
Ricardo stand lange, lange neben ihr. Der Mond ging auf, und fein bleiches Licht lag über der Brust Lasibahs, aus der das Blut hinab in den Sand ber Wüste riefelte.
-Zwei Wochen später fand man die von der Sonne gebleichten Skelette, halbverweht vorn Samum. Das Tagebuch des Leutnants Ricardo gab Aufschluß über die Tragödie, die sich hier abgespielt hatte —."
Oberst Segantes wartet, bis der Mond aufgeht. Dann erst läßt er seine Leute vor dem Kreuz Aufstellung nehmen. Wortlos legt er den Kranz nieder, stumm winkt er mit der Hand, und dann blitzt es aus den Gewehren der Legionäre. Dreimal rollt der Donner der Salven hinaus in die Nacht, und graue Pulverschwaden ziehen um bas einsame Kreuz in der Wüst«.
Der Zechpreller.
Lin kleines Zeitbild von Herbert Grote.
Ein vielbesuchtes Gasthaus im belebtesten Teil der Großstadt. Die Drehtür ist in ständiger Bewegung, und drinnen klappern Teller, Löffel, Messer und Gabeln — ein liebliches Konzert, das alle Vorübergehenden lockt. Die einen gehen hinein, folgen der Lockung, die anderen eilen resigniert weiter, die dritten schimpfen, weil sie kein Geld haben, um dieser Genüsse des irdischen Daseins teilhaftig werden zu können.
Zwei neue Gäste treten ein. Der eine ist ein gemütlich aussehender Mann in den Fünfzigern, nicht schlecht genährt, sauber, doch ohne besondere Eleganz gekleidet, sicher ein Bürger, dem es noch nicht schlecht geht. Der andere ein verschüchterter Junge von zehn Jahren, der mit seinem schäbigen Anzug, den zerrissenen Schuhen unb Strümpfen sicher nicht in biefe Umgebung paßt. Er empfinbet bas wohl selbst, denn er zieht den Kopf scheu in die Schultern unb folgt dem gemütlichen Herrn nur mit sichtbarem Widerstreben.
Der Geschäftsführer eräugt sofort das ungleiche Paar, kommt mit höflich-erstauntem Gesicht näher. Der gemütliche Herr versteht sofort die stumme Frage, sagt leise: „Ich möchte für mich und den Jungen einen Tisch etwas abseits vom Trubel haben. Wissen Sie, der Bengel gehört einem Arbeitslosen aus dem Hinterhaus bei mir, unb ich kann diesen Jammer nicht länger mit ansehen. Der Junge soll sich heute endlich einmal richtig satt essen."
Natürlich ist der Geschäftsführer von soviel Menschenfreundlichkeit — besonders da sie seinem Unternehmen zugute kommen soll — ganz entzückt. Eine halbe Minute später sitzt der gemütliche Herr mit seinem Schutzbefohlenen an einem etwas versteckten Tischchen, der Junge macht große, erstaunte und erwartungsvolle Augen, und der Geschäftsführer geruht, selbst die Speisekarte zu bringen. Er lächelt dabei dem Kleinen aufmunternd und leutselig zu: „Na, heute soll es einmal etwas Ordentliches zu essen geben. Was darf ich Ihnen vorschlagen, mein Herr? Vielleicht erst eine gute
die Flinte ins Korn warf — bas muß ich hier erzählen.
Balthasar spielte auf der Kirchweih zu Hinterberghofen, von ber man sich erzählte, daß man dort essen müsse, bis einem die Knöpfe vom Wams sprängen; er war guten Mutes und trank immer noch eins. Die Knöpfe sprangen ihm zwar nicht vom Leibei, aber desto mehr hüpften ihm die Sterne des nächtlichen Himmels im Kopfe herum, als er so durch die Nacht seiner Behausung zuschritt, das geliebte blinkende, blecherne Blasmöbel unterm Arm.
Aber er dachte, ja dachte noch, fjinum — herum! Und woran er wohl dachte, hinum und herum? An wen wohl sonst als an seine Kreszenzia!
„Himmelhosenzwickel," brummte er, „warf nur, alte Greinerin, ich werd' dir schon schimpfen heut!" Und er lachte, daß die Sterne wackelten; dabei sagte er weiter 8U sich selber: „Also Barthel, du ziehst einfach deine Stiefel auf der Gred heraußen aus . . . nachher kannst schimpfen. Alte, aber schlafen mußt dabei und das Ker» zenstümperl räum' ich dir schon weg, sehen brauchst schon einmal gar nit zum Greinen. .
Der walzerfidele Balthasar zog heraußen sein Schuhwerk aus, hinum, herum — warf es in irgend einen Winkel,mndada, und stieg leise die Stiege hin- auf, unb es darf auch nicht verschwiegen werden, sein Bombardonherzel verlor dabei einen Teil feiner Rhythmik, mnba, mnda, ging es zur Türe hinein.
Er stellte fobann fein Blasblech an den gewohnten Platz hinter den Kasten, es ist klar ganz pianiffimo, ohne aber zu merken, daß da irgendein Lebendiges, Schlummerndes unter die Schallöffnung geriet; aber es muß auch gesagt werden, er, der Balthasar Rührmian, beschwor dadurch den größten Heroismus herauf, der je fein Leben bekränzen durste.
Unterdessen lag die Kreszenzia totenruhig unter ihrer geblümten Decke, kaum daß sie atmete, unb so versteckt, daß man von ihrer spärlichen Jrdenheit nur jenen edlen Teil erkenen konnte, den Balthasar Rührmian bei feinem Ehegespons nur als „Amsel" (Nase) benamste, dem er andererseits auch die berühmte Fähigkeit zu- schrieb, in der man den D . . . auch im Finstern schmecke — und der eben jetzt so fchwertjcharf aus dem
Grundlage? Etwa eine Königinpastete ober ein Gericht Muschelfleisch?"
„Schön," entscheidet der Gemütliche, „für den Jungen eine Pastete und für mich eine Portion Malossol mit Rostschnitten. Und bann nehmen wir . . . Junge, ißt Du lieber Kalb- ober Schweinefleisch? Das weiht bu nicht? Ach, stimmt ja, ich habe ganz vergessen, baß Du vielleicht feit ein paar Tagen schon kein Fleisch mehr gehabt hast. Seit brei Wochen, sagst Du? Armer Kerl! Na, bann nehmen wir für Dich ein orbentlidjes Sahnenschnitzel mit Pilzen. Das soll schmecken! Für mich übrigens auch, Herr Geschäftsführer."
Die Pastete kommt. Der Junge haut ein wie ein Scheunenbrescher. Natürlich finb schon Gäste genug auf die beiden aufmerksam geworden. Dafür hat der Geschäftsführer gesorgt. Und nun sehen sie interessiert zu, wie ber Gemütliche unb fein Schutzbefohlener es sich schmecken lassen: „Ein guter Kerl, was? Daß er den armep Jungen einmal ordentlich satt werden läßt."
Unheimlich übrigens die Mengen, die der Junge vertilgen kann^ Das Sahneschnitzel schmilzt vor ihm dahin wie Schnee in der Märzsonne. Und der Gemütliche ist auch kein schlechter Esser. Er läßt eine zweite Portion kommen, und bann streicht er sich wohlgefällig das Bäuchlein. Sein Gesicht glänzt vor Menschenfreundlichkeit und vor Freude über die gute Tat, die er vollbringt.
Endlich sind beide satt. Der gemütliche Herr hat den Wunsch, bas gute Mahl mit einer vorzüglichen Zigarre zu beenden: „Was haben Sie denn an Rauchwaren?" Die Zigarrenkisten kommen. Er untersucht alle. Man sieht ihm den Kenner an. Er findet nicht das, was er haben möchte: „Ich rauche nur Vorstenlan- den. Na, ich sehe schon, das Beste ist, ich gehe drüben in den Laden und hole mir ein paar. Ober, bringen Sie mir inzwischen einen Mokka! Junge, Du bleibst schön hier, unb nachher gehen wir zusammen nach
Hause, sehen, ob ich Euch noch irgenbwie helfen kann. Also, in zwei Minuten bin ich wieber hier."
Ein wenig verlegen, wie es nun einmal bie Art verschämter Wohltäter ist, geht ber gemütliche Herr, von hundert Blicken verfolgt, aus dem Lokal.
Merkwürdigerweise wird aus den angekündigten zwei Minuten eine halbe Stunde. Der gemütliche Herr kommt nicht wieder. Schließlich schickt ber Geschäftsführer einen Kellner ins Zigarrengeschäft hinüber. Der Mann kommt atemlos zurück: „Ja, der Herr war drüben, hat ein paar Zigarren gekauft und ist vor einer halben Stunde fortgegangen."
Der Geschäftsführer faßt sich an den Hals. Denn die Rechnung des gemütlichen Herrn macht 27 Mark und 40 Pfennig aus. Finster sieht der Geschäftsführer den Jungen an. Der heult: „Ich will weg!" — „Du bleibst hier, bis die Schupo kommt!" ;
Die Schupo erfaßt mit geübtem Blick l die Lage sofort: „Sag' 'mal Junge, wohnt der Herr, mit dem Du gekommen bist, wirklich bei Euch im Vorderhaus?" — „Nein. Ich kenn' ihn gar nicht. Ich hab' draußen vor einem Schlächterladen gestanden, und da ist er auf mich zugekommen unb hat mich gefragt, ob ich wohl Hunger hätte unb etwas Feines zu essen haben wollte, unb bann hat er mich gleich mitgenommenunb..." — „Na, sehen Sie," sagt der Schupo, „ber Junge kann gar nichts dafür. Der Gauner hat ihn eben auf ber Straße auf- gelesen, und da können wir nichts machen."
Natürlich steht das halbe Lokal um den Jungen, den Schupo und den Geschäftssührer herum. Der Bengel heult jämmerlich. „Lassen Sie ihn doch laufen!" mahnt ein alter Herr. „Hier Junge, hast Du fünfzig Pfennig, damit Du Dir morgen etwas zu essen kaufen kannst, ohne einem Zechpreller in die Jjäfibe zu fallen, unb vielleicht geben die anberen Herrschaften auch etwas , « ."
Eine Nacht unter Teusels-Anbelern.
Die ich die Guufi des Lösen Geistes gewann. — Ser Slegestanz um das Feuer des Vfaueuengels. — Eine weihe Frau unter wilden Verstürben.
„Hassan Bey", sagte ich eines Morgens zu meinem turkmenischen Diener, „sag' mir boch, was ist ber Kult bes Pfauenengels?"
Hassan machte ängstlich ein Zeichen, bas die bösen Geister abwehren sollte. Wir saßen vor einer Karawanserei an ber Straße 300 Kilometer nördlich von Bagdad, und zu unserer Rechten glänzten die Schneegipfel des Cara Dagh wie Silber vor dem tiefblauen Himmel.
„Teufelsanbeter!" flüsterte Hassan. „Sie knien vor dem Fürsten ber Finsternis, dessen Wahrzeichen der Pfauenengel ist. Sie haben merkwürdige, fürchterliche Kultgebräuche." Er wies mit dem Finger gegen den Bergwall im Norden, als wollte er sagen: „Dort wohnen sie!" Dann machte er wieder das Zeichen gegen die bösen Geister.
„Schön", sagte ich. „Füttere die Maultiere, unb bann wollen wir dorthin aufbrechen."
Hassan sah mich an. Das Weiße in seinem Auge trat hervor wie bei einem verängstigten Pferd. Seine Kni« zitterten: „Ueberallhin, nur nicht ins Land der Jezidi!" Ich winkte ab. Stöhnend und den Beistand Allahs herbeiflehenb machte er sich auf den Weg.
Zehn Stunden lang ging es auf schier endlosem, steinigen Pfad immer bergauf. Wir kamen an Abgründen vorüber, wo die Steine 700 Meter tief hinabpolterten, und endlich sahen wir das Dorf des Kurdenhäuptlings.
Die Nacht brach herein. Plötzlich brach ein halbes Hundert Bastardhunde in wütendes Kläffen aus. Kurz darauf saß ich in der Hütte des Häuptlings, der mit anderen im Kreise hockte und beinahe aussah wie der Götze, den sie anbeten. Er trug einen spitzen, weißen Hut, auf dem von ungelenker Hand ein Pfau abgebildet war, und fein schmutziger Kaftan wies das gleiche Zeichen auf. Auch auf feiner bloßen Brust sah ich einen Pfau.
Unmittelbar vor mir brannte ein Delfeuer, das einzige Licht im Raum. Von Zeit zu Zeit stimmte der Häuptling ein paar gleichförmige, eigenartige Töne an.
Daraufhin warf sich die ganze Versammlung mit dem Gesicht auf die Erde, der Flamme gefährlich nahe, unb stöhnte in schrillen Lauten ihre Antworten. Ich verstand den Namen Ahura Nasda (Fürst bes Lichts).
Plötzlich schoß eine hohe Flamme aus bem Feuer empor, sengte meine Beine und setzte beinahe meine kurzen Hosen in Branb. Ein Schrei des Entzückens antwortete diesem Zwischenspiel. Der Häuptling sprang auf, die anderen folgten ihm ,und alle tanzten um ein großes Bild herum, das den Pfau darstellte. Es war ein wahres Höllenbild. Nackte Körper, die Haut mit Del ringe- rieben, glänzten rot auf im Licht des Feuers, während ein Rauch aufquoll, der mich zu ersticken drohte.
„Das große Wesen," schrie der Häuptling in seinem tiefen Kurdisch, „hat der weißen Frau seine besonder« Gunst bewiesen. Es hat sie mit feiner Feuerzunge be- rührt. Die Frau soll mit uns feiern."
Er führte uns in einen anderen Raum, wo ich mich gerade auf den Platz fetzen mußte, der für bas Pfauenbild bestimmt war. Hier standen große, über einen Meter breite Schüsseln mit schneeweißem Reis, und dazwischen lag ein ganzes geröstetes Schaf. Wir fielen über das Mahl her, indem wir mit den Fingern zugriffen. Wir aßen in tiefstem Schweigen. Es hätte auch keinen Zweck gehabt, eine Unterhaltung beginnen zu wollen, denn über dem Brummen unb Schmatzen bes Behagens würde doch keiner das Wort des anderen verstanden haben. Niemand nahm auch nur die geringste Notiz von mir.
Jetzt trugen Männer große Schalen mit saurer Milch herein, Schüsseln mit Mehlfladen und Käse, der so hart war wie ein Brett. Zum Beschluß schrie die ganze Gesellschaft im Chor wie eine Bande Wüstenschakale.
Dann wurde die Szene dramatisch. Ein Jezidi mit wirrem Haar platzte in den Raum hinein, winkte einem Mann an meiner Seite. Beide verschwanden. Doch nach wenigen Minuten kehrten sie mit einem Armvoll
faltigen Gesicht hervorsprang und so geisterhaft vom Mondlicht bevorzugt wurde, daß es dem kuraschierten Kirchweihspieler eiskalt über den Rücken lief, indem er nichts Gutes ahnte.
Wer aber denkt, daß die Kreszenzia schlief, bei dem macht sich das alte Sprichwort, daß irren menschlich sei, aufs trefflichste zur Wahrheit, denn sie schlief eben nicht, sondern gab auf jeden Schritt unb jebe Bewegung gewissenhaft acht, die ihr Ehegespons, mnbaba, zur Ausführung brachte, um fobann aus ihrem unerschöpflichen Wortschatz bei der Begrüßung bie dem Tatbestand so recht angepaßte Auswahl treffen zu können. Es darf auch nicht verschwiegen werden, daß dieser Wortschatz ständiger Bereicherung unterworfen war, daß aber, insbesondere was Kosenamen anbetraf, die Bereicherung auf ganz andere Bilder und Vergleiche hinauslief seit dem Hochzeitstag — als vorher in ber Verschämtheit geheimer Verlobung.
„Gott sei Dank, daß sie schlaft!" dachte sich Balthasar unb wollte sich, ganz anbantino dolce, auf seine , Liegestatt heben; aber der Strohsack ftreibelte und muschelte und kuschelte unheimlich stark und der Bettladen tat einen Knarzer, daß es nimmer schön war.
Und da hast es schon auch: „Was meinst, du Bär, bu ftinferter, schlafen tu’ ich, meinst?" kam es aus ber zweiten Bettlade heraus.
Und ob es noch etwas Stinkigeres gäbe auf ber enbswetten Welt, wie ihn? Und wenn es nichts Stinkigeres mehr gäbe, warum er dann nicht auf dem Misthaufen draußen übernachte, er, der Ochs, der süffige, der Esel, ber blitzdumme, der Sobrian, ber Tänzelpfeifer . . .
Bathasars Herz schwieg; er hatte ein Walzerherz, bas pochte nicht leicht sforzato; es war bunt wie bas Mieder eines tanzenden Bauernmädels, es war die Achtelnote einer himmelblauen Kantilene — und darum schwieg es, unb schlief bald; und träumte von Notenlinien aus Engelhaar unb wiegte sich dort, hoch unb tief, cantabile, unb wollte selber ein Liebel sein unb konnte es nicht, con dolore unb fang und spielte über blühende Rosen und Nelken hin . . . tausend Jahre!
Auch Kreszenzia wollte schlafen, aber es gelang ihr । nicht; Gedanken schlimmster Art um Haus unb Felb [ nagten an ihr; wohin bas noch führe mit bem lieber»
lichen Balthasar, sein kinbhaft leichter Sinn! Seine Faulenzerei, seine Spielerei immer für anbere . . .
Indes geschah es!
Vom Winkel hinterm Kasten, wo Balthasar gewöhnlich sein Bombardon hinstellte, her kam es, schrecklich, greulich, abscheulich . . .
„Pffffffff---uuuuuuuu!" säuselte es.
Was war das? Ja, aus dem verdammten Blasmöbel, von dem alles Unglück hervorrubelte, ba tarn es heraus schrecklich, greulich, abscheulich!
„Pffffffff---iitiii---uuuuuu!!"
Gar unheimlich tat es; immer wieber! Ist leicht gar ber Blasteufel drinnen, wäre leicht möglich, o jögerl, dann ist es aus, aus, ganz aus! Ober leicht gar ber Saufteufel, ach, Kreszenzia zitterte, aber Balthasar schlief, gemächlich, ruhig, mnba, mnba, perbenbofi.
„Pffffffff---iiiiii---uuuuuu!!"
Unb kein Kerzenstümperl da und der Loder von einem Mannsbild kann schlafen und schnarchen; mnba, mnba!
«PMM---iüiü---uuuuuu!!"
„Bartl! — Bartl!" j
„Barteri!" ,
Wie ber Name in seinen Traum fiel, wie aus einer längst vergangenen, holderbustigen Ewigkeit.
„Barterl, hilf!"
„Was gibts denn nachher?"
„Pffffffff--Miiii--auauaeauawt"
„Bartl, liebes Barterl, der Teuft ist in ber Kam« mer!"
„Zu mir kimrnt kein Teuft nit, müßt' nit warum, der will mir nix, laß mi schlafen!"
„Bartl, lus halt, lus!"
«Wffffff--iiiiiiii--auauauauaul"
Es tat schrecklich, greulich, abscheulich!
„Geh, Bartl, hilf mir, ich bitt’ di, geh Bartl, mach' Bartl!"
Sie lispelte es, leise, ganz leise . . .
„Das ist die gerechte Straf’ Gottes!" sagte bet Bartl.
Kreszenzia wollte auffahren, aber sie fuhr nicht auf; Kreszenzia wollte schimpfen, aber sie schimpfte nicht; denn ber Teufel war in der Kammer!
N$arti j schimpf' di nimmer, so gewiß wie daß