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Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Nr. 81

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Ireikag, S. April 1932

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Wfl. 59.

Hindenburg soll wieder Reichspräsident sein!

Am Sonntag entscheidet sich Deutschlands Schicksal.

STirt Mittwochabend fand im überfüllten Reichs­hallentheater in Erfurt eine Kundgebung des Hindenburg-Ausschusses statt, in der Reichskanzler Brüning und der Vorsitzende der Hindenburg- Ausschüsse, Gereke, sprachen. IN den Straßen vor dem Versammlungslokal hatte sich eine riesige Menschenmenge angesammelt. Ein starkes Poli­zeiaufgebot sorgte für die Aufrechterhaltung der Ordnung.

Reichskanzler Brüning, der von der Ver­sammlung lebhaft begrüßt wurde, führte u. a. aus, ein Sieg Hindenburgs im e r st e n Wahl­kampf hätte dem Volk viel ersparen können. Anscheinend wisse man noch nicht, daß von poli­tischer Festigkeit die gesamte Kreditwirt- schäft und damit das L e b e n v o n I n d u st r ie, Wirtschaft und Arbeiterschaft abhän­gig sei. Das Evangelium vom Dritten Reich würde nicht lange bestehen können, denn, wer die Macht mit solchen Versprechungen erringen würde, müßte schon nach 14 Tagen ein Fiasko er­leben. Die Behauptung, daß die Regierung so­fort nach der Wahl eine neue Notverordnung erlassen würde, sei eine Lüge. Die Reichsre­gierung werde alles daran setzen, neue schwere Opfer zu vermeiden. Ein Zusammenbrechen der Landwirtschaft sei durch die Zollmaßnähmen der Reichsregierung verhindert worden. Es habe kei­nen anderen Weg gegeben, als Maßnahmen zu treffen, um den völligen Zusammenbruch zu ver­hindern. Von einer sachlichen Regierung hänge auch der Glaube der Welt an unsere Währung«b. Die Währungsvorschläge, wie sie z. B. der Nationalsozialist Dr. Feder gemacht habe, seien nichts anderes als versteckte Maß­nahmen für eine neue Inflation. Ein Volk, das so tief int Elend stecke, müsse solche Experimente ablehnen. Wenn Deutschland die Kraft zur Einigkeit aufbringen kann, dann würde man auch das Schlimmste überwinden. Wenn Hitler und Hugenberg seinerzeit, als ihnen dieses angeboten worden sei, Hindenburg auf den Schild gehoben hätten, dann wäre eine Rechtsregierung Sie Folge gewesen. In den Kandidaturen Hillers und Düsterbergs sei die Unfähigkeit zu erkennen, in. politischen Dingen eine klare Linie zu sehen. Der Kanzler schloß mit einem besonderen Aufruf an die Mütter, Hindenburg zu wählen, da seine Person für eine disziplinierte Jugend Gewähr biete.

Nachdem der Kanzler anschließend in zwei weiteren Erfurter Versammlungen gesprochen hatte, begab er sich nach Weimar.

Dm Anschluß an die Erfurter Wahlveranstal­tung begab sich Dr. Brüning im Kraftwagen nach Weimar, wo er in der bis auf den letzten Platz gefüllten Weimar-Halle stürmisch begrüßt wurde.

Hätten wir die Notverordnungen nicht erlas­sen, erklärte der Kanzler im Laufe seiner Ausfüh­rungen, hätten wir eine erfolgreiche Reparations­politik nicht betreiben können. Hätten wir mit un­seren Maßnahmen gezögert und gewartet, bis die Krise in der ganzen Welt da war, dann hätte in der Reparationsfrage von keinem Kanzler, welcher Parteirichtung er auch angehören möge, ein Nein ausgesprochen werden können. Nur durch eine si­chere wirtschaftliche und finanzielle Basis in der Heimat, ist es uns in Paris möglich gewesen, auf das Angebot einer Anleihe mit unmöglichen und demütigenden Bedingungen nein zu sagen. (Stür­mischer Beifall.) Ich halte es aber für meine vor­dringlichste Pflicht, darauf aufmerksam zu machen, daß der Kampf um Reparationen und Abrüstung von uns eine ernsteste Nervenprobe verlangt. Der Reichskanzler richtete dann noch einmal einen Ap­pell an alle, die Kraft aufzubringen, sich zu wehren gegen falsche Bilder und Lockungen und sich hin­ter den Mann zu stellen, der auch als Staatsober­haupt einer im Krieae unterlegenen Nation die Achtung der ganzen Welt genießt.

Mit großem Ernst und Nach,druck betonte der Reichskanzler nochmals die Ueberparteilichkeit Hindenburgs und die Notwendigkeit, einen charak­terfesten Mann an der Spitze des Staates zu ha­ben. Am kommenden Sonntag müsse auch in Thü­ringen eine überwältigende Mehrheit für Hinden­burg erzielt werden.

Der Kanzler erntete für seine Ausführungen stürmischen Beifall.

Geradezu Hochstapelei.

Dn den nationalsozialistischen Blättern erscheint ein Aufruf an die Duesterbergwähler, sich diesmal für Hitler zu entscheiden. Den Aufruf kann man auf sich beruhen lassen. Denn wenn die Bundes­leitung des Stahlhelm gegen Hitler Front macht, dürften die Gründe gewichtig fein und nicht durch einen beliebigen Aufruf aus der Welt geschafft werden. Interessanter sind aber einige Unterschrif­ten, die wieder etwas vortäuschen sollen, was nicht vorhanden ist. Da hat z. B. ein Dr. E. von S chm i d t - P a u l i'unterschrieben, der stolz ne­ben seinen Namen setzt:. Mitglied des Borstandes der Arbeitsgemeinschaft. der Katholiken Deutsch­lands, Berlin. Diese Bezeichnung grenzt schon hart an politische Hochstapelei, weil sie den Eindruck erwecken soll, als handle es sich hier um eine anerkannte Organisation der deutschen Katho­liken. In Wirklichkeit handelt es sich um ein Son­dergrüppchen von ein paar Leuten, die sich einen hochtrabenden Titel beigelegt haben, hinter dem aber auch gar nichts steckt. Niemand auf katholischer

Seite kennt diese Arbeitsgemeinschaft, auch nicht das geringste hat sie mit den im Zentralkomitee der deutschen Katholiken zusammengeschlossenen katholischen Organisationen zu tun. Das gleiche ist der Fall bei der katholischen Vereinigung für natio­nale Politik, als deren Vorsitzender ein M. Fehrin­ger unterzeichnet hat. Wie es letzthin mit dem katholischen Pfarrer" Drossert (Potsdam) steht, wird man vermuten können, nachdem man die bis­herigen Kronzeugen Hitlers kennengelernt hat. Daß man die Versuche nicht aufgibt, mit den verzwei­feltsten Mitteln Verwirrung zu stiften, zeichnet die Nervosität, die auf der Seite der National­sozialisten herrscht. Nur glaube man nicht mit Or­ganisationsbezeichnungen hochstaplerischer Art Ein­druck zu machen. Solche Versuche richten sich ebenso, wie die Datumsumfälschung von Aufrufen aus demIahre 1 920, wie man es beim ersten Wahlgang versucht hatte, und wie es auch in Fulda probiert worden ist. Man lasse doch die Katholiken zufrieden. Die wissen schon, was sie zu tun haben. Jedenfalls sind sie nicht so dumm, daß sie sich von geschworenen Fein­den ihrer Weltanschauung sagen lassen, was sie zu tun haben.

Bayern sorgt vor.

wtb. München, 7. April. (Eig. Meld.) Durch eine Bekanntmachung des Staatsminifteriums des Innern ist in der Zeit vom 9. bis 11. April das Zusammen ziehen und Zusammenhal- t e n von Alarmbereitschaften von Mitgliedern politischer Vereinigun­gen für das ganze Staatsgebiet verboten. Die Polizeibehörden sind zu einem strengen Vollzug der Anordnung angewiesen.

* Anläßlich des 150jährigen Jubiläums der Lhakri-Dynastie hat Herr Reichspräsident den König Prajadhipok von Siam telegraphisch feine Glückwünsche ausgesprochen.

* Der österreichische Vizekanzler Winkler über seine Berliner Reife. Vizekanzler Winkler äußerte gegenüber einem Mitarbeiter der WienerNeuen

Ueber die ersten Besprechungen in der Donau- frage wurde in London folgendes Kommunique veröffentlicht:

Es wurde ein Ausschuß gebildet, der über die gegenwärtigen wirtschaftlichen und finanziellen Verhältnisse der Donaustaaten sowie über die Art ber für eine Lösung am besten geeigneten Maß­nahmen zu berichten hat. Der Bericht soll Don­nerstag erstattet werden. Die Vertreter der vier Mächte fernen weiterhin überein, einen kleinen Sachverständigenausschuß einzusetzen, der die durch den kürzlich veröffentlichten Bericht des Finanzaus­schusses des Völkerbundes angeschnittenen Fragen prüfen soll.

Reuter meldet: Wie in später Abendstunde ver­lautet, hat sich auf der Sitzung der Viermächte­konferenz eine Meinungsverschiedenheit zwischen Frankreich und Großbritannien einerseits und Deutschland und Italien andererseits herausgestellt. Der erste Ausschuß der Konferenz, der aus den Delegationsführern besteht, wird sich morgen früh bemühen, diese Meinungsverschiedenheiten auszu­gleichen. Die beiden zur Diskussion stehenden Fra­gen sind:

1. Muß Bulgarien in die Donauföderation einbezogen werden? und

2. sollen die Donauländer für sich Verhandlun­gen führen?

Die Vertreter Frankreichs und Großbritanniens sind dafür, die in der Viermächtekonferenz erarbei­teten Vorschläge der Konferenz der Donaustaaten vorzulegen, während die deutschen und italienischen Vertreter es für notwendig halten, eine Vollkonse­renz der neuen beteiligten Staaten einzuberufen. Die deutschen und die italienischen Vertreter sind der Ansicht, es sei wenig wahrscheinlich, daß eine richtige Lösung auf einer Konferenz der Donau­staaten allein gefunden werden könne, und daß ein dort ausgearbeiteter Plan Oesterreich und Ungarn verhältnismäßig gegenüber der Kleinen Entente schwerer belasten müße. Die Vorschläge für eine den Donaustaaten zu gewährende Hilfe bewegen sich, was Frankreich und Großbritannien anbe­langt, im Rahmen finanzieller Unterstützungen; soweit Italien und Deutschland in Frage kommen, sind sie auf Zollerleichterung abgestellt.

T chechoslowM und Donauplöue.

E.N.B. präg, 7. April. (Eig. Meld.) Die Ge­rüchte über den eigentlichen Inhalt des Donau- planes Tardieus und über die Absicht, die Donau« floaten durch eine neue Währungs-, Schulbungs- unb Zollorganifation zu verflechten, haben in ber tschechischen Presse große Erregung hervor- gerufen. Es wird betont, daß diese französische« Pläne auf Unkenntnis der Verhältnisse in den Do-

Freien Presse" über die Ergebnisse seiner Berli­ner Reise, daß insbesondere die Ausgestal­tung des österreichisch-deutschen Fremdenverkehrs eine erhebliche Rolle bei feinen Besprechungen in Berlin gespielt habe. Er stelle mit Befriedigung fest, daß die deutsche Re­gierung bereit sei, in diesen für Oesterreich so außerordentlich lebenswichtigen Fragen größtes Entgegenkommen zu zeigen.

* Ergebnis der Landwirisschafkskammer-Wah- len in Ostpreußen. Die Landwirtschaftskammer­wahlen hatten folgendes Ergebnis: Nationalsozia­listen 49, Landwirtschaftsverband 23, Errnlänbische Bauern 4. Damit hat ber Lanbbunb feine bis­herige Führerstellung eingebüßt.

* Dreiprozenkige Kürzung der ungarischen Be- amkengehälker. Aus Bubapest wirb gemelbet: Der Ministerrat hat im Interesse bes Gleichge­wichts des Staatshaushalts beschlossen, außer einer weiteren Herabsetzung der Sachausgaben und einer Erhöhung einiger Steuern die Bezüge der öffentlichen Angestellten vom 1. Juli ab bis zur Besserung ber Finanzlage vorübergehend um drei Prozent zu kürzen. Die Gehälter der untersten Rangklassen und die Ruhegehälter bleiben unbe­rührt.

Eine AuflagenachrW imAngriff".

wtb. Berlin. 7. April. (Eig. Meld.) DerAn­griff" hat folgende Äbslagenachricht veröffentlicht: Regelmäßiger Kirchgang des Herrn Reichspräsidenten.In der demAn­griff" übersandten Entgegnung, die in Nr. 63 vom 2. April zum Abdruck gekommen ist, fehlt die im Auftrage des Büros des Reichspräsidenten festge- stellte Tatsache, daß der Herr Reichspräsident am 25. März am Gottesdienst in der Dreifältig- it itskirche teilgenommen hat. Es wird noch­mals festgestellt, daß der Herr Reichspräsident feit dem 20. März folgende Gottesdienste besucht hat: Am 20. März den Konfirmantengottesdienst der Militärgemeinde Berlin in der alten Garnison­kirche. Am 25. März den Karfreitagsgottesdienst in ber Dreifaltigkeitskirche unb am 27. März ben Oftergottesbienft in ber Dreifaltigkeitskirche.

nauftaaten zurückgingen. Die Tschechoslowakei werde und könne sich an keiner derartigen Kom­bination beteiligen. Charakteristisch ist, daß die tschechischen Zeitungen, welche gestern den Hinter­grund des Tardieuplanes veröffentlichten, b?« fchlagnahml worden find, und daß die Re­gierung ein Dementi ber Nachrichten heraus­brachte, in denen behauptet wird, daß über den Währungsftanbard ber mitteleuropäischen Staaten verhandelt werde. Diese Umstände bekunden deut­lich, welche Besorgnisse man in Prag vor den Wirkungen einer allzu weitgehenden Entfal­tung ber Tarbieu-Flandin'schen Pläne hat. Die tschechische öffentliche Meinung ist schon jetzt überaus nervös.

Tendenziöse Darstellung.

CNB. Paris, 7. April. (Eig. Meldg.). Die Berichte, bie die französische Presse über ben ge­strigen Verhanblungstag ber Vierer-Konferenz enthält, sind auf einen Ton abgestimmt, ber cirnt- lfche Beeinflussung verrät. Die Durchschnittsan­sicht kommt am klarsten zum Ausdruck durch den Außenpolitiker desEcho de Paris", der der ge­hässigen nationalen Einstellung des Blattes ent­sprechend. schreibt: Mit dem Auftreten Deutsch­lands und Italiens scheinen die Erfolgsaussichten des Donauplans bereits stark vermindert

fein. Die deutsche und italienische Regierung sind allem, was zwischen Tardieu und Macbonald vereinbart worben ist, feindlich gesinnt und nicht nur feindlich, 'onbern sie bemühen sich aktiv dar­um, den Gedanken einer wirtschaftlichen Zusam­menarbeit der Donauländer selbst zunichte zu ma­chen.

Noch weniger sachlich und noch schärfer pole­misch gehalten sind die Ausführungen des Be­richterstatters desMatin", dessen Wandlung in den letzten Wochen allgemein aufgefallen ist. Er erklärt, morgen, vielleicht übermorgen, werden biefe Verhandlungen möglicherweise in eine Sack- gaffe geraten und zum Scheitern verurteilt fein, Don dem man heute spricht und wofür Deutschland und Italien die Verantwortung würden überneh­men müssen.

Petit Parisien" erklärt, wenn sich die Konfe­renz nicht in günstigem Sinne entwickle, dann mürben Rom und Berlin, so versucht auchPetit Parisien" bie Schuldfrage vorweg zu nehmen, die volle Verantwortung für das Scheitern der Lon­doner Verhandlungen übernehmen müssen.

Aus Berlin wird uns dazu gemeldet:

In den französischen Presseäußerungen über die Londoner Verhandlungen zur Donaufrage kommt offensichtlich die Tendenz zum Ausdruck,

die Verantwortung für die entstandenen Schwie­rigkeiten Deutschland zuzuschieben unb Deutschland nötigenfalls auch als ben Alleirüchul- bigen an einem etwaigen Scheitern der Verhand­lungen hinzustellen. In hiesigen politischen Krei­sen wird demgegenüber mit Nachdruck darauf hin- gerriefen, daß derartige Auffassungen auch nicht die geringste Grundlage haben können. Deutschlanb hat von Anfang an sich ganz für realisierbare Lösungen des Dovauprv- blerns eingesetzt. Der beullech Vorschlag, ben Agrarländern an ber Donau Getreidepräferenzen unb Oesterreich eine allgemeine Präferenz zu ge­währen, lag auf der gleichen Linie wie die ur­sprünglichen französischen Pläne, die vor dem Tgrdieu-Memorandum die Grundlage der Erör­terungen bildeten. Schon in den Verhandlungen des deutsch-französllchen Wirtsckeiftskomitees im vergangenen Herbst herrschte völlige Einigkeit darüber, daß von Deutschland und Frankreich ge­meinsam Präierenzpläne verfolgt werden sollten. Der Tardieu-Plan stellt demgegenüber einen völli­gen Stellungswechsel der französischen Politik bar. Nach Auffassung hiesiger amtlicher Kreise dürfte Frankreich, nachdem es den Weg ber Präferenzen verlassen hat, keine Veranlassung ha­ben, Deutschland, das an diesem als richtig er­kannten Gedanken fest hält, Vorwürfe zu ma­chen. Im übrigen hat ja Frankreich auch in der allgemeinen europäischen Wirtschaftspolitik inso­fern eine bemerkenswerte Schwenkung gemacht, als es von feinen ablehnenden Standpunkt g e

Wieder Scheringer-Prozetz.

Leutnant Scheringer,

ber bekannte Ulmer Reichswehr-Offizier, der we­gen feiner nationalsozialistischen Betä. tigung zu einer Festungsstrafe von 1% Jahren verurteilt worden war, muß sich jetzt nach Ab­büßung seiner Strafe erneut vor dem Reichsgericht verantworten. Scheringer, ber während seiner Haft zu den Kommunist en übergegangen ist, soll sich an hochverräterischen Unternehmungen ber Kommunisten beteiligt haben.

Unter großem Publikumsandrang begann vor dem 4. Strafsenat des Reichsgerichts die Verhand- lung. Reichswehrleutnant a. D. Richard Sche­ringer, ber jetzt 28 Jahre alt ist, hat sich we­gen Vorbereitung zum Hochverrat unb Unterstüt­zung einer staatsfeindlichen Verbindung zu ver­antworten.

*

wtb. Leipzig. 7. April. (Eig. Meld.) Die Verhand­lung wandte sich auch der Gesinnungsänderung Scheringers zu. Wir hatten so sagte Scheringer, von der nationalsozialistischen Partei die Vorbereitung zur Revolution erwartet. Das konnte in dem damaligen Prozeß nicht zum Ausdruck kommen, weil er in dem trüben Licht der beschworenen Legalität stand In der Untersuchungshaft hatte ich mich bereits mit den ökono­mischen Lehren von Karl Marx besaßt. Ich sah, daß e» mit der nationalsozialistischen Partei nicht geht. Die na­tionalsozialistische Partei ist nicht eine sozialistische, nicht eine Arbeiterpartei, sondern sie ist der Ausfluß reoolutio- när-gewordener Mittelschichten, die aus Besserung hoffen. Weil Hitler in das Fahrwasser des Bürgertums und damit der Privatwirtschaft geriet, mußte er in einen Gegensatz zu Rußland kommen und deshalb mußte er national und sozial versagen. Ich verwahre mich energisch dagegen, daß ich unter Druck oder Einfluß der Kommunisten Gesinnungswechsel vorgenommen habe. Mein Ziel war die nationale Befreiung und die Besei- tigung des Versailler Diktates. Vorsitzender: Daraus arbeiten die legalen Regierungen auch hin. Scheringer: Das ist der entscheidende Irrtum, daß die legalen Re­gierungen glauben, die nationale Befreiung unter Auf­rechterhaltung des kapitalistischen Systems erreichen zu können, das ist auch der Irrtum der nationalsozialisti­schen Partei. Die nationale Befreiung kann nur er­kämpft werden mit der Front nach Westen. Vorsitzen­der: All diese Erkenntnisse haben Sie also in 6 Monaten aus der Froschperspektive in Golnow gewonnen. Ich habe jahrelang gebraucht, um mich mit diesem Problem wissenschaftlich auseinanderzusetzen. Scheringer: Wenn es auch nicht möglich ist, die gesamten Lehren von Marx und Lenin in dieser kurzen Zeit durchzuarbeiten, so kann man sich aber doch die Grundzüge erarbeiten. Vorsitzen­der: Wie kamen Sie dazu, das Schreiben an die kom­munistische Reichstagsfraktion abzusenden? Scheringer: Hauptsächlich ist zu betonen, daß ich im Bunde mit den unterdrückten Arbeitern und mit Rußland für die natio­nale Befreiung arbeiten will und um zu dokumentieren, daß die nationalsozialistische Partei niemals die soziale Befreiung durchführen kann, nachdem sie sich tatsächlich vom Sozialismus entfernt hat und auf die Seite des Privateigentums getreten ist. Scheringer verwahrte sich energisch gegen den Vorwurf eines Gesinnungswechsels. Er habe nur einen Stellenwechsel vorgenom­men.

Die Viermächlekonserenz.

Deutschland soll in London verantwortlich gemacht werden.