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Ar. 80 Beilage zur Fuldaer Zeitung Z. April

NILS

Heimat.

Immer ergreift mich Ehrfurcht vor der Heiligkeit der Heimat. Manchmal macht sie mich still und mild, ein andermal laut und kampfbereit, aber jedesmal werde ich entrückt ins göttliche Reich. Aps Edelste wird wach in mir und bereit und nichts ersehne ich so, als die Heimat, wo das Heiligste in mir nicht endet. Ich will zusehen, daß meine Heimat nicht am Wegrand stehe, daß ich nicht zu früh meine Heimat baue, daß ich nicht fett und satt und ein Spießer werde. Zur Schla- raffenheimat kommt man durch einen Wall von süßem Brei; zur unseren durch undurchdringliche, grauenhafte Nacht. Aber die Sehnsucht gibt auch dem Schwachen genug Kraft, wenn er gläubig ist.

Wo die Heimat denn ist?

Immer vorne, immer vorne . . .

Wiß ihr, wo das Reich ist, um das wir täglich beten?

Die deutschen Diözesansenioren lagen.

Der Gesellenverein zu wichtigen Zeitfragen.

In den Tagen vom 19.20. März d. Js. war das Deutsche Seniorat des katholischen Gesellenvereins in Kerpen an der Geburtsstätte des Gesellenvater Adolf Kolping zu wichtigen und entscheidenden Beratungen versammelt.

Zu den brennenden Fragen der Gegenwart und Zukunft wurde Stellung genommen. Die Haltung der Senioren fand in folgenden Resolutionen ihren Nie­derschlag:

Das Deutsche Senforat grüßt alle deutschen Kol- pingssöhne und erwartet von ihnen ein mannhaftes Eintreten für die Kolpingsideale in der heutigen schwer­bewegten Zeit. Es erinnert daran, daß der Gesellen­verein als die Familiengemeinschaft des Gesellenva­ters Adolf Kolping die Mitglieder als Kolpingsföhne ganz erfassen und ihnen eine Gesamterziehung und Ge­samtführung'geben will. Deshalb können Kolpings- söhne neben dem Gesellenverein nur solchen Verbänden angehören, die besondere Aulgaben im Gesamtziel des Gssellenvereins übernommen haben. Für das Gebiet des Sports und der Körperbildung kommt deshalb allein die Deutschs Iugendkraft in Be­tracht, deren Stammverein wir sind. Für die be­rufsmäßige Organisation sind die L h r i st- lichen Gewerkschaften gegeben und für die parteipolitische Betätigung die uns nahestehen­den Parteien (Zentrum und Bayerische Dolkepartet.

Die Zugehörigkeit zu anderen Organisationen und Vereinen lehnen wir als überflüssig und schädlich selbst dann ab, wenn diese Vereine und Organisationen nicht auf unchristlichem Boden stehen. Im besonderen hält das Deutsche Seniorat daran fest, daß

politische Wehrverbändc abzulehnen

sirch. Nach wie vor betrachtet dar Deutsche Seniorat politische Wehrverbände innenpolitisch als die größten Hemmnisse einer deutschen Einheit und außenpolitisch als schwere Schädigung des deutschen Namen, und der deutschen Wirtschaft. Dar Deutsche Seniorat richtet deshalb die Forderung an die Reichsregierung, sämt­liche innenpolitische Wehrverbände und Schutzsarmatsonen zu verbieten. Sollten diese Forderungen nicht erfüllt werden, so kann das Deutsch« Seniorat nicht verhindern, daß Mitglieder auf ihre eigene Verantwortung hin Formationen bei- treten, bie von christlicher Seite zum Schutze gegen Gewalt errichtet werden, solange als diesbezügliche Besorgnisse bestehen sollten und diese Formationen streng sich in dem ihnen gesteck­ten Rahmen halten.

Wenn da, Deutsche Seniorat Wehrverbände sür in­nenpolitische Auseinandersetzungen als unwürdig einer Kulturnation ablehnt, so bedeutet dies nicht, daß es auf

den öffentlichen politischen Kampf für sein Programm verzichten will. Vielmehr soll die eigene Kraft des Gesellenvereins im Dienste seiner Programm, in voller Geschlossenheit zur Geltung gebracht werden. Der Kampf für nationale Einheit, die sich als Forderung aus dem Familiengedanken de» Gesel­lenvereins ergibt, der Kampf für Freiheit und persönliches Recht gegenüber Diktatur und Knechtung, wozu uns das Ideal der Demo­kratie verpflichtet, der Kampf für den Frieden unter den Völkern, der die Gleichachtung und Gleichbe­rechtigung des deutschen Volkes zur Voraussetzung hat, muß mit aller Kraft weitergeführt werden. Es soll dies geschehen sowohl durch eigene Veranstaltungen, Aufmärsche und Demonstrationen, als auch durch' ge­schlossene Beteiligung bei Veranstaltungen der uns nahe­stehenden Parteien, auf deren Boden und in deren Rahmen wir den politischen Kampf für unsere Forde­rungen führen. Bei solchen Veranstaltungen soll der Gesellenverein geschlossen mit Tracht und Banner auf­treten. So steht dem Katholischen Gesellenverein als heilige Pflicht vor Augen, wahr zu machen, was in der Nationalhymne gesungen wird: Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland!

Zur Beitragsfrage und Dander-Fürsorge.

Der Hausbaufond wird vom 1. April 1932 ab als Heim- und Wanderfond weitergeführt, d. h. ein Teil der Einnahme dieses Fonds, über dessen Höhe der deut­sche Zentralverband beschließt, soll als Rückvergütung für unentgeltlich gewährte Nachtquartiere durch die Diö­zesanverbände an die Vereine zurücksließen.

Die Verteilung des zur Verfügung stehenden Be­trages auf die Diözesen soll erfolgen nach der Anzahl der gewährten Nachtquartiere. Der Diözesanleitung ist es Überlassen, zu bestimmen, nach welchem Maßstabe mit Hilfe der Diözesan- und Bezirkshilfsgemeinschasten die Verteilung an die Vereine erfolgt. In der Voraus­setzung, daß die Beträge für den Heim- und Wander­fond pflichtgetreu bezahlt werden, soll im laufenden Jahre auf jedes im Jahre 1932 frei gewährte Nacht­quartier 10 Pfg. zurückvergütet werden.

Wanderfürsorge.

Den Mitgliedern de» deutschen Zentralverbandes, die nach dem 1. Mai 1932 auf Wanderschaft gehen, darf nur dann das Wanderbuch ausgestellt werden, wenn sie im Besitze eines Wertscheinheftes der Wander­sparkasse mit Wertmarken von mindestens 10 Rm. sind.

Die Präsides sind verpflichtet, im Wanderbuch anzu­geben, daß der Inhaber des Wanderbuches ein Wert­scheinheft der Wandersparkasse erhalten hat. Diese Bestimmung findet auch auf die Mitglieder des Jun g- männerverbckndes Anwendung.

Ferner wurde sehr eingehend über folgende Fragen debattiert. Siedlungsbewegung im Gesellen­verein, Auswanderungspolitik, Freiwilli­ger Arbeitsdienst und unsere Werbeaktion.

Die Führerschaft im Gesellenoerein der Diözese Fulda wird recht bald zu all diesen Zeitsragen Stellung nehmen müssen, um auch im Schritt der Zeit mar­schieren zu können.

Die junge Volksfront im Angriff.

Aufruf an die Juugmarmschaft des Fuldaer Landes.

Am vergangenen Montag waren in derHarmonie" zu Fulda über 120 junge Männer aus allen Gegenden des Fuldaer Landes versammelt, um Stellung zu der politischen Lage zu nehmen und die Schlußfolgerungen aus ihr zu ziehen. Am Schluß wurde eine Entschließung angenommen, die sich an das Jungvolk im Fuldaer Land wendet und zu einem entschlossenen Kampf gegen den zersetzenden Radikalismus und zum Eintritt in die junge Volksfront ausfordert. In dem Aufruf heißt es:

120 junge Männer aus dem Fuldaer Land wenden sich in schicksalsschwerer Zeit an ihre vom gleichen har­ten und großen Schicksal betroffenen Altersgenossen mit dem Ruf:

Schließt die Reihen! Tretet als aktive Kämpfer ein in die junge Volksfront. Laßt Euch nicht von denen einfangen, die Eure Not benutzen, um Euch für ihre politischen und weltanschaulichen Ziele zu gewinnen. Glaubt nicht denen, die Euch dasHeil" imDritten Reich" oder im bolschewistischenArbeiter-Paradies" predigen. Wir wissen, daß alle Versprechungen Lug und Trug sind und haben uns deshalb entschlossen, mit dem Kanzler Brüning den harten, aber einzig rich­tigen Weg zu gehen: Durch Opfer zur Frei­heit!

Deutschlands Einigkeit und Recht und Freiheit werden nicht die Betörten erobern, die un­ter den Hakenkreuz-Bannern gegen eigene Volksgenos­sen marschieren und Brandreden halten. Arbeit und Brot schaffen nicht Menschen, die aus Haß in un­serem Vaterland alles zerstören wollen und nach aus­ländischen Vorblldern schielen. Unsere Zukunft gestalten nicht Menschen, die mit den Gedanken der In­flation und der Zerschlagung des mühsam aufgebauten Sozialwerkes spielen.

Wir wenden uns deshalb gegen die Hetzer, gegen die Unruhestifter, die den deutschen Volksstaat anzutasten wagen. Wir werden den politischen Abenteurern, die den Enderfolg des Ringens um die deutsche Freiheit vereiteln wollen, mit allen Mitteln entgegentreten.

Bei der Reichspräsiden tenwahl treten wir geschlossen für Hindenburg ein. In der Verbin­dung von Hindenburg und Brüning sehen wir den Zu­sammenschluß der gesunden christlichen und nationalen Kräfte des Volkes zur Ret­tung des Vaterlandes. Diese Volksfront muß auch im Lande sichtbar werden. Ueberall müssen sich die Besten zu entschlossenen Stoßtrupps sammeln und den Sieg der Wahrheit und der Gerechtigkeit erkämpfen.

Beiden Preußenwahlen wollen wir das Zen­trum, die politische Vertretung des kathol. Bolksteils, so stark machen, daß es feine Aufgabe erfüllen, die ein­ander widerstrebenden Kräfte in Deutschland zur prak­tischen Aufbauarbeit zusammenführen und jeden lieber. griff der christentumsfeindlichen Elemente abwehren kann.

Von der Regierung erwarten wir, daß sie nach den Wahlen endlich entschiedene Maßnahmen gegen die Vorbereitung zum Bürgerkrieg und gegen die E a - boteure des Ausbauwerkes ergreift. Der Staatsapparat muß von allen staatsfeindlichen Beamten gesäubert werden. Die Arbeitsbeschaffung muß planmäßig in Angriff genommen werden. Wir fordern zu diesem Zweck einen großzügigen Ausbau des Freiwilligen Arbeitsdienstes. Die Siedlung muh in einer Weise in Angriff genommen werden, daß jeder arbeitswillige und ehrliche Deutsche sich eine Existenz auf deutschem Boden erarbeiten tonn.

Wir haben die feste Zuversicht, daß bas Jungvolk des Fuldaer Landes seine Stimme so abgeben wird, daß dem Kanzler Brüning feine Aufgabe erleichtert wird. Die katholische Jungmannschaft wird dafür sor­gen, daß das Kreuz Christi in unserer Heimat nicht vom Hakenkreuz und vom Sowjetstern verdrängt wird.

Katholische Jungmannschast, tritt ein in bie junge Volksfront Brätlings! Trage die alte, sturmerprobte Fahne des Zentrums in bie neue Zeit! Für ein eini­ge*, starkes und christliches Deutschland!

Der Wmdlhorstbund in vberhessen.

Schulungskursus in Niederklein.

Dor dem Oster-Burgfrieden waren ih 4 Orten des katholischen Oberhefsens Windthorstbünde gegründet worden. Auch in den übrigen Dörfern hatten manche aus der jungen Generation die Notwendigkeit eines entschlossenen Einsatzes der katholischen Iungmannschäft tm politischen Kampf ertannnt. In der vergangenen Woche kamen nun ca. 35 junge Männer in Niederklein Zu einem politischen Schulungskursus zusammen. An zwei Tagen wurden die wichtigsten politischen und wirt­schaftlichen Fragen besprochen; dabei wurde besonders der weltanschauliche Gegensatz, der christlich gesinnte Menschen vom Nationalsozialismus trennt, fjerausge» arbeitet. Zum Schluß wurden organisatorische Fragen besprochen. Durch planmäßige Schulung soll erreicht werden, daß genügend aktive Kräfte aus dem Bauern« und Arbeiterstande der Zentrumspartei in jedem Dorf zur Verfügung stehen. Der Windthorstbund will es übernehmen, in jedem Dorf einen politischen Stoßtrupp zu bilden, der für alle Fälle bereit steht.

Zum vorläufigen Gauführer des Gaues Oberhessen wurde Lehrer Runde bestimmt. Stellvertreter ist Junglehrer Joseph Gruß- Niederklein.

Zum Schluß der Tagung dankte Pfarrer Hi Id» Niederklein, der Vorsitzende des Kreisverbandes Kirch­hain der deutschen Zentrumspartei, allen Teilnehmern, die jeden Morgen auf Rädern nach Niederklein geeilt seien, für ihre Mitarbeit und forderte sie auf, mit ju­gendlicher Begeisterung die alte Fahne der Zentrums­partei zu ergreifen und in die neue Zeit zu tragen. Die Bundesbrüder antworteten mit einem Hoch auf Brü­ning und das deutsche Vaterland.

Memel zu Deutschland.

Der Geschäftsführende Ausschuß der Mittelstelle deutscher Jugend in Europa, in der über 170 Jugend- und Studentenverbände des ganzen deutschen Volkes in Mitteleuropa zusammengeschlossen sind, übergibt der Oesfentlichkeit folgende Entschließung zum litauischen Gewaltakt im Memelland:

In dem ständigen Kamps, den das deutsche Volk in Mitteleuropa um die Sicherung seiner Zukunft zu führen hat, erfordert der litauische Gewalt­akt gegen das autonome deutsche Memelland eine beson­dere öffentliche Kundgebung der jungen deutschen Ge­neration. Als Träger staatlicher Macht von morgen fühlt die junge Generation die Verpflichtung, vor a H er Welt zu erklären, daß sie heute und in Zu­kunft für das deutsche Memelland mit allen zu Gebote stehenden Mitteln einzutreten gewillt ist, um damit auch hier den Grundsätzen einer gerech­ten Ordnung der europäischen politischen Verhältnisse zur Anerkennung zu verhelfen.

In diesem Sinne lehnt die junge Generation einen unzulänglichen Repressalienkampf ab. Sie fordert eine Politik, die das litauische Volk vor die Entscheidung stellt, ob es die Zusammenarbeit mit dem Reich durch Gewalttätigkeiten gegen das Memelland endgültig aufs Spiel fetzen will.

Entschlossen, diesen Weg der Entscheidung zu gehen, fordert die junge deutsche Generation die endgültige Feststellung der staatlichen Zugehörigkeit des memel- ländischen deutschen Volkes und als einzig zulässiges Mittel zur Befragung des Volkswillens der Memellän­der den Volksentscheid!"

Haarglanz bedeutet Haar-Hygiene.

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Rußland in der Wirklichkeit.

Schilderungen eines au» Rußland zurückgekehrken deutschen Ingenieur».

Die sittlichen und religiösen Zustände in Rußland.

In Rußland hat man bewußt der Religion den Rücken gekehrt. Die Kirche hat keinen Einfluß mehr. Die Gotteshäuser, die vor allen Dingen in Rußland Kunstbauwerke sind, lassen die bolschewistischen Macht­haber zerfallen; schließlich werden sie einfach geschlos­sen. Eine Kirche sah ich, aus der hatte man eine Auto­garage gemacht- Zu diesem Zweck waren die Eingangs- türen ausgehängt und über die Stufen starke Bohlen gelegt worden. Nun werden 2030 Automobile hin­eingeschoben. Vor der Kirche hat man dem Abgott der Russen, dem Revolutionär Lenin, ein Denkmal errichtet

Die Verherrlichung Lenins gleicht einem heidnischen Götzendienst. Tagtäglich strömen z. B. Völkerscharen zum Lenin-Mausoleum. um ihren neuen Gott zu sehen, der dort leibhaftig vor ihnen liegt. An jedem Platz, in jedem Schaufenster, in jedem Werk, überall trifft man auf da, Bild Lenins.

Dor nicht allzu langer Zeit hat man in Moskau eine der schönsten Kirchen gesprengt und dem Erdboden gleich gemacht. Man wollte einen Platz gewinnen für einen neuen Sowjet-Palast, der für 30 000 Menschen bei den großen Sowjet-Sitzungen Platz bieten soll.

Die Erziehung der Jugend liegt sehr im Argen. In den Schulen ist jeder Religionsunterricht verboten. Die Kinder werden ganz im Sinne der bolschewistischen Welt­anschauung beeinflußt. Von einem geregelten Schul­besuch der Kinder kann man dagegen nichts merken. Ich kenne Fälle, wo Kinder mitten im Winter, also bei immerhin 2025 Grad Kälte des Morgens, um 6 oder 6.30 Uhr zur Schule gingen und andere, wo sie des Nachts um 12 Uhr ans der Schule kamen. Man kann die Kinder bei Tag und Nacht sehen, wie sie sich wie wikb« Hunde auf den Straßen herumtreiben, sich an bie Auto» hängen und auf den Straßenbahnen als blinde Passagirre aus den Puffern und Trittbrettern mitfahren.

Die Jugend wächst, durch die ewige Phrasendrescherei der Presse und der Radio an jeder Ecke hängt so ein Lautsprecher in der Ideologie des die ganze Welt besiegenden Kommunismus auf. Schon früh­zeitig wird die persönliche Urteilskraft des Kindes durch die ewig wiederholten Vorspiegelungen der rie­sigen Erfolge des Kommunismus verschwiegen wird allerdings, daß dar Ausland die Möglichkeiten hierzu gab derartig stark beeinflußt, daß ihr eine objektive Stellungnahme auch in späteren Jahren unmöglich ge­

macht wird. Allgemein hört man von den Leuten: Wir haben das Ausland schon längst eingeholt und werden es in kurzer Zeit Überholen".

Das Verständnis für Kultur, Kunst und Literatur ist heute wie auch früher einer verhältnismäßig kleinen Oberschicht vorbehalten.

Furchtbar sind die moralischen Zustänbe. Die Ehe ist ihrer religiösen Weihe vom Staat bewußt entkleidet worden. Der Kommunismus sieht in der Ehe nichts anderes als das Mittel zur Fortpflanzung des Men­schen und zur Befriedigung der Sinnenluft. Wenn In Rußland ein Mann und eine Frau zufammenleben «ol- len, dann gehen sie einfach zum Standesamt, dem sog. Sachs", lassen sich registrieren und die Ehe ist ge- schlossen. Gefällt es nun nach einer Woche ober einem Monat dem einen Partner nicht mehr, so geht er wieder auf denSachs", bringt irgend einen Grund vor, zahlt eine geringe Schreibgebühr und ist nun ohne Wissen und selbst ohne Einverständnis des zweiten Ehegatten und ohne Entschädigung an diesen zahlen zu müssen, geschieden. Mit diesen Mitteln suchen die russischen Gewalthaber das christliche Sittengesetz auszuschalten und zu unterhöhlen.

Kirchliche Feste, vor allen Dingen das Weihnachts- sest und das Osterfest, sind verpönt und verboten. Ein bis zwei Tage vor dem Weihnachtsfest hält man überall in den Betrieben und Büros sogenannteanti­religiöse Abende" ab, aus denen Reden und Kundgebungen gegen die Kirche gehalten »erben. Man hält es anscheinend für notwendig, dem Volke, das auch heute noch im Familienkreis das christliche Weihnachts- feft feiert, leider aber infolge des starken Terrors nicht öffentlich feiern darf, einen Ersatz zu schaffen. Deutscher Arbeiter, Angestellter und Bürger, bist Du mit diesem Ersatz zufrieden?

Aufruhr im Dorf.

Von Franz Braumann.*)

Es ist ein ganz eigenes Bild:

Da liegt ein Dorf, weltabgeschieden, scheinbar aller in Ordnung, und rebelliert . . .! Die Häuser blinzeln in die niedere Nachmittagssonne, ein kleiner Wind rauscht durch die Bäume, und die Ache drunten plätschert ihr altes Sieb. Etwas erhöht steht eine Kirche mit spitzem Turm sie sind schön, bie schmalen, weißen Dorf- kirchen und träumt verloren über den Friedhof hin.

Und die Menschen? Die meisten sind laut und auf­geregt, und alle sind sie heute auf den Straßen her­saßen. Das ist sonst nicht Bauernart. Von den Berggehsften kommen sie nieder ins Dorf und es ist doch schon nachmittag. Sonst kommen sie an Sonntagen nur morgens zum Gottesdienst.

Der Stundenschlag der Turmuhr gibt das Zeichen zum Ausbruch. Alle, alle wandern sie hinaus auf eine große Wiese vor dem Dorfe. Jetzt ersieht man erst, daß ihrer viele sind. Versammlung unter freiem Himmell Es ist ja kein geschlossener Raum da, der sie alle fassen könnte.

Ein Bauer spricht. Er erzählt schmucklos und ohne gewöhnliche Rednerphrasen von der mirflidyen Not. Es berührt eigentümlich zu hören, wovon er lebt. Der Bauer, der das meiste zum Lebensunterhalt selber er­zeugt, kaust Fett- und Cierersatz! Aber erzählt nicht nur davon: er sagt auch warum! Well er muh? Was nützt die gute Butter, was die Eier, wenn kein Geld mehr im Hause ist? Wenn die Schuldenlast unerträglich wird und er feinen Kredit mehr findet? Er macht zu Geld, was sich noch dazu verwandeln läßt. Er greift auch in den eigenen Bedarf ein. Es ist ja immer noch besser, auf der Scholle zu bleiben und zu hungern, als davongehen zu müssen. Oder nur mehr Pächter oder Verwalter zu sein. Der Bauer kann nicht so in Aus­gleich gehen, wie einer, der nur mit Geld arbeitet. Ein Gut läßt sich nicht zerstückeln in mehrere kleinere. Denn wenn bas ganze das Leben nicht ermöglicht, wird es ein Teil davon noch weniger können. Und bann noch eine Rechtsfrage": Darf man einem Menschen das Letzte, das Lebensnotwendige pfänden, darf man es ihm weg- nehmen, wenn er trotz aller Anstrengungen schuldlos in diese Notlage gerät? Hier bricht ein Konflikt aus zwi- schen menschlichem Rechtsempfinden und Gesetz, den die einfache Bauernfeele nicht mehr überbrücken kann. Und dieser Konflikt löst Mißtrauen und Abneigung gegen­über dem Staate und der bestehenden Gesellschaftsform aus . -.

Der Bauer hat nicht lange gesprochen. Es wissen ohnehin alle, wie er steht. Nur sammeln m!h er sie ju einer gemeinsamen Forderung. Ja, sie stimmen ihm bei. Die Versammlung löst sich in Gruppen auf, die das Ge­hörte noch mehr ober weniger besprechen. Sie kehren zu den Häusern zurück, und das Dorf wird wieder le­bendig.

Alles ist normal, wenn auch mit einiger Erregung, vor sich gegangen. Und das ist Aufruhr? Ja, doch! Denn drüben int Nachbardorf ging es nicht so glimpf­lich ab. Ein Fremder sprach. Er war noch nie bage» wesen, tat sich aber mit allem recht vertraut aus. Seine Worte wurden schärfer und hitziger und endeten mit einer schwülen Brandrede. Alles werden die Bauern

erreichen, bald, bald-werde es besser werden, wenn sie den.bisherigen Führern die Ge­folgschaft absprechen und zu ihm kom­men. Er wisse, wo das liebel liege und werde es im Verein mit ihnen bald beheben. Kommt, kommt zu uns! Kein Wunder, wenn die Worte zünden! Man glaubt ja doch immer gern bas Bessere. Und der vor ihnen weiß doch alles so genau!

Das gleiche ereignet sich in den nächsten, in zehn, in hundert Dörfern. In manchem erhebt sich wohl Widerspruch; bie Bauern glauben ihnen nicht, den Red­nern von irgendwoher. Und in einem Ort weiter drüben wollten einige Bauern die Sendlinge dunkler Hinter­männer nicht reden lassen. Im Verlause des Für und Wieder erhob sich eine blutige Schlägerei. Die Wiegler wurden vertrieben. In der folgenden Nacht aber lohte hoch oben am Berg eine Brandfackel auf, aus Rache gelegt, und 'äscherte einen Bauernhof ein. Sie beleuch­tete es lauter und furchtbarer, als man es fjinaus- schreien könnte: Bauer, sei aus der Hut!

Bauer, hüte dich! Dir zu helfen ist ganz gewiß nicht die Absicht jener neuen Bauernfreunde, Du sollst ihr Opfer wer­den, daß sie ihr Ziel leichter erlangen. Dann falle wieder zurück in bie alte Sage! Oder noch tiefer!

Der Ausruhr im Dorf läßt sich nicht als Folge wirtschaftlicher Bedrängnis abtun. Er kann erst Folgen zeitigen, die verheerend wirken müßten. Das Gefähr­lichste ist nicht, daß die Bewegung erwacht ist; das war ja vorauszusehen und mußte kommen. Wohl aber, i n welche Wege sie geleitet und roer sie füh­ren wird. Gerade jetzt ist klarer Verstand und be­sonnenes Abwägen mehr vonnöten als blindes Dahin- ftürmen mit vielem Geschrei. Das Ausschlaggebende ist nicht, ob die Bauern mehr ober weniger fordern, sondern für welche Ziele ihre Führer ar­beiten. Alles hängt von deren Verantwortungs­bewußtsein und das Ganze umfassenden Erkenntnis ob.--

Mählich wird das Dorf wieder still, und im Osten wächst bie Nacht herauf. Die große Wiese liegt ver­lassen. Die Ach plätschert immer noch, und auch bet Wind wird größer. Die Heimat bleibt gleich u. treu, nur ihre Kinder wechseln. Steil strebt die weiße Dorfkirche himmelan in das Dunkel und träumt nicht mehr ver­loren. Sie muß jetzt wachen und Welser sein. Denn um das Dorf im Ausruhr schleiche n dunkle Gefahren!

*) Entnommen der bekannten WochenschriftDas neue Reich", Tyrolia, Wien.