UWMSMUM
NILS
VT
Die alle Ahr.
Don Rosa Hamacher-Boppard.
Als Kind sah auf dem Zifferblatt Ich gern die flinken Zeiger an; Doch schöner tönt im Innern noch Das Ticken leis: Voran, voran!
In froher Jugc reizte mich
Kein Tick-Tack niehr, ich nahm die Zeit So wie sie kommt und wog sie nicht — Das Ticken klang so fern und weit.
Nun ist's als ob die Zeiger stehn Und nur das Ticken hör ich noch; Ein Echo wird im Pulsschlag wach, Im Gleichklang tönt's: Die Zeit ist da!
Schul-Anfang.
Nun beginnt der Ernst des Lebens.
Von Otto B u r g e l-Düsseldorf.
Viele tausend kleine deutsche Buben und Mädels treten in diesen Vorfrühlingstagen an der Hand des Vaters oder der Mutter, vielleicht auch liebevoll betreut von einem braven Großmütterlein, den ersten Gang zur Schule an. Die fröhlichen Kindertage, wo man nur spielen und herumtollen durfte, die schönste Zeit des Lebens, die in ihrer absoluten Sorglosigkeit wohl nie mehr wiederkehrt, ist vorbei. Der Ernst des Lebens beginnt!
Und man sieht es den kleinen Kerlen schon von weitem an, wie wichtig sie die Angelegenheit nehmen. Sauber gewaschen und gekämmt, das neue Schulkleidchen übergezogen und den neuen Anzug, vielleicht aus Vaters alten Hosen geschneidert, zum erstenmale am zierlichen Körper, den derben Schulranzen auf dem Rücken und selbstverständlich auch das Frühstückstäschchen nicht zu vergessen, so stapfen sie mutig an der Hand des Begleiters in das große Haus, wo die anderen Kinder schon lärmen und spielen.
Das kleine Herzchen klopft beängstigend, je näher man der Schule kommt. Ja, zu Hause, da war man tapfer! Da hat der kleine Knirps keck behauptet, daß er dem Lehrer eine lange Nase drehen werde, wenn er ihm nicht gefalle und das Fräulein Tochter hat damit
geprahlt, daß ihr das Fräulein überhaupt nicht imponieren könne . . .! Aber jetzt sieht die Sache doch ganz anders aus! Man wird sich doch nicht gleich von der Mutter trennen müssen? Werden die Lehrer und das Fräulein auch lieb und nett fein? Wird es in dieser Schule keine größeren Kinder geben, die die kleinen ABC-Schützen necken und sie vielleicht verprügeln? Denn die Mama und der Papa können nicht immer da fein, wenn Not an den „Mann" ober an das kleine Mädel geht! Das sieht auch ein kleines Gehirn schon ein . . .!
Ganz still wird mit der Zeit das sonst nie zum Schweigen zu bringende Plappermäulchen und kaum hat man sich versehen, da steht man schon in der großen Schulstube mit den schönen, bunten Bildern an den Wänden und einem Strauß ganz frischer Frühlingsblumen auf dem Tisch. Schon sind auch die anderen Kinder versammelt. Alle noch ein wenig scheu und unbeholfen! Zaghaft setzt man sich zum erstenmal auf die harte Schulbank, faltet die Händchen und wartet in dumpfem Fatalismus, was nun kommen wird. Aber es geschieht eigentlich garnichts Schlimmes. Der Herr Lehrer oder das Fräulein Lehrerin erzählen so lieb und freundlich, die Mütter stehen dabei und lachen, wenn ein Knirps mit dem Sitzen auf der Schulbank garnicht so recht fertig werden will. Schulbänke sind eben keine Kinderstühlchen mehr . . .!
Dann, nach ganz kurzer Zeit, darf man schon nach Hause gehen. Und auf einmal hat man auch seinen Mund wiedergefunden. Es ist ja alles nicht so schlimm, wie es den Anschein hat. Es wird schon gehen in der „großen" Schule, auch wenn erst einmal die Schreiberei mit dem J's, den E's, und wie die ekligen Buchstaben alle heißen mögen, angeht. Schule mutz eben fein, wenn man es im Leben zu etwas bringen will. Diese Erkenntnis wird unseren kleinen deutschen Buben und Mädels, die jetzt ihre Reise ins Leben antreten, schon mit der Zeit aufgehen.
Und die Mütter? Sie haben schon tiefer ins Leben geschaut, es hat sie hin- und hergeworfen und wenn sie in diesen Tagen einen kleinen Schmerz im Herzen tragen, wenn sie ihr Kind, das ihnen bisher ganz allein gehörte, der Schule ausliefern müssen, wer wird ihnen das verdenken . . .! Muttersein bedeutet eben immer und immer wieder Opfer bringen ... auf der ganzen weiten Welt. , . »
Vas hat uns Fröbel heule noch zu sagen?
Ein Gedenkblatt zu seinem 150. Geburtstage am 21. April.
Von Dr. Ludwig Weißenberger-Hamburg.
Am 21. April wird die Kulturwelt des 150. Geburtstages des großen Pädagogen Friedrich Fröbel gedenken, der in Oberweißbach in Schwarzburg-Rudolstadt 1782 geboren und ursprünglich zu dem praktischen Berufe des Land- und Forstwirts bestimmt, sich aus eigener Veranlagung heraus, allerdings dank der Förderung weitblickender Menschen, zu einem Volkserzieher großen Formates entwickelt hatte, ohne dessen Lehren und Theorien die moderne Arbeitsschul-Pädagogik einfach un- bettbar ist. Es soll hier nicht ber äußere Lebensgang Fröbels geschildert werden, auch ber Versuch, seine besondere Lebensphilosophie dem Leser näher zu bringen, mag unterbleiben, umso mehr als diese Philosophie gerade aus der Glaubenslehre unserer katholischen Kirche heraus in mehr als einer Beziehung anfechtbar erscheint. Aber der Verfasser der „Menschenerziehung" vom Jahre 1826 ist, wie der verstorbene Frankfurter Stadtrat Proi. Dr. Julius Ziehen einmal anläßlich einer Fröbeltagunz schrieb, mehr wie ein volkserzieherischer Denker große» Stils gewesen, „einer von den Wenigen, für die die Volkserziehung nicht mit der Erziehung der Kinder und der Jugendlichen erschöpft ist, wenn sie auch von dieser letzteren Erziehung ihren Ausgang nimmt". „Es ist
jetzt, wie zu allen großen gefchichlichen Zeiten, dem Menschen sein Wohl und fein Wehe in feine eigene Brust, in feinen eigenen Geist gelegt," sagt Fröbel und er hat die erzieherische Arbeit der Erwachsenen an sich selber klar erkannt, als die unerläßliche Voraussetzung wahrer Volkswohlfahrt und hat versucht, diese Arbeit den Erwachsenen auch unter dem Gesichtspunkte zur Pflicht zu machen, daß „unsere Kinder unsere Richter sein werden."
Dieses Wort Fröbels führt uns zutiefst in die innersten Zusammenhänge seiner pädagogischen Lehre, die von ber Urzelle aus, also vom Kinde her, die Besserung der Menschheit erstrebte. Fröbel hat ganz klar und schon sehr frühe erkannt, daß die großen Schwierigkeiten der Menschheitserziehung in den späteren Lebensaltern begründet liegt in der schlechten Vorbereitung der Kinder vor der eigentlichen Schulzeit. An vielen Hunderten von Schülern, die zu ihm als ABC-Schützen gebracht wurden, hat er feftgeftellt, daß das Kind aus dem Elternhaus in die Schule geschickt wurde, ohne für die an sich enorme Geistesanstrengung durch das Lernen genügend vorbereitet zu sein, seine Schulneulinge hatten weder ihre Sinne geübt, noch waren sie im körperlichen Ge
brauch ihrer Gliedmaßen so durchgebildet, daß sie den auf sie einstürmenden, auch damals schon nicht geringen Lehrstoff, verarbeiten und bewältigen konnten. Auch ber Begriff einer gegenseitigen Hilfe unb Unterstützung, die im späteren Leben doch das Dasein erst ertäglich macht und die auch die hehren Begriffe der Nächstenliebe zu wecken imstande ist, fehlte den Kindern, die Fröbels Erziehungsarbeit anvertraut wurden. Und so kam dieser eigenartige Denker, dieser grüblerische Mensch, dessen Leben in mancher Hinsicht dem eines Sonderlings glich, zu dem großen Problem das der Begriff Kleinkind umreißt. Fröbel suchte sich in das Fühlen unb Denken der Kinder vom zweiten bis zum sechsten Lebensjahre einzuarbeiten, er beobachtete das Kleinkind sorgsam in gesunden und kranken Tagen und
Kathreiner ift eine faße 6efundl)dt/
er erkannte sehr bald, daß im Spiel des Kindes das Mittel verborgen sei, das Sinn und Geist lebendig macht und für die spätere Schulzeit vorbereiten könne.
So entwickelte sich eigentlich aus der einfachen Spieltheorie heraus die Pädagogik Fröbels, die philosophisch von Schellings Theorien beeinflußt war. Für Fröbel war die Welt ein einziger großer Organismus, in dem sich ewige Gesetzmäßigkeit auswirkt. Nur das Geistige hielt er für das wahrhaft Gestaltende, ohne Geist war für ihn die Materie eine formlose Masse. Wenn Pestalozzi seine Erziehungsarbeit erst mit dem Schulkind begann, so-war es für Fröbel das Naturgegebene, seine Erziehungsmethode schon mit dem ersten Lebensjahre einsetzen zu lassen. Dabei ging er vom Einfachen zum Zusammengesetzten, vom Leichten zum Schweren. Fröbels erstes Spielzeug für das Kleinkind war der Gummiball, ein weicher elastischer Gegenstand, der den Tastsinn des Kleinkindes nicht nur weckte, sondern auch Auge und Gefühl in Anspruch nahm. Aus ihn folgte bann die hölzerne Kugel in der gleichen Größe, die mit zunehmenderem Alter von einem Holzwürfel ersetzt wurde, dessen Kantenlänge genau der Achsenlänge der Holzkugel entsprach. Schon diese drei einfachsten Spielzeuge verdeutlichen, wie exakt und geschickt bas System Fröbels ausgebacht war, das sich dann mit Hilfe des Entwicklungsgesetzes vorn „Fortschreiten zum Entgegengesetzten" vom ungeteilten Würfel zum geteilten entwickelte. Damit kam Fröbel wiederum der Neigung des Kindes entgegen, den Dingen auf den Grund zu gehen, fein Spielzeug muß nicht geschont werden, sondern alle Dinge in Kinderhand lassen sich zerteilen, zerlegen, in ihre Bestandteile auflösen und aus diesen Bestandteilen ergeben sich bann immer roteber neue, ungeahnte Möglichkeiten, die die Phantasie des Kindes anregen, den Formensinn wecken, Auge und Gefühl schulen, überhaupt eine wirklich geistige Anteilnahme notwendig machen. Fröbel hat dann weiter zu dem Würfel auch noch Tafeln benutzt, die diagonal aufgeteilt wurden, sodaß die schiefe Ebene unb das Schräge auftrat, ein ungemein reiches Material, aus bem bas Kind nun nach Herzenslust bauen konnte, all die Dinge, die sein kleines, tägliches Leben umgaben, bas Hausgerät, bie Möbel, Häuser, Kirchen, Türme unb Brücken. Schließlich zog Fröbel auch noch anderes Ma
terial für die Kinderbeschäftigung heran, er erfand Legetäfelchen, Stäbchen, die man zu Figuren legen konnte und die ersten Kugelmosaikspiele bestanden bei Fröbel aus ganz schlichten Erbsen und Bohnen, die jede Mutter in ber Küche hatte. Auch Nüsse unb Kastanien mürben nicht verschmäht, zumal man aus ihnen die wunderbarsten Tiere anfertigen konnte, eine Erkenntnis, die der moderne Kindergarten dann zu wahrer Virtuofität vervollkommnet hat. Es ift bezeichnend für den Geist der Zeit, daß Fröbels 1840 in Blankenburg in Thüringen gegründeter „Allgemeiner deutscher Kindergarten" im Jahre 1851 ein Opfer der reaktionären Kreise in Preußen wurde, denen sich einige andere deutsche Staaten anfd)Ioffen, da man behauptete, in den Kindergärten und durch die Kindergärtnerinnen, die sich allenthalben in Deutschland ihrer segensreichen Arbeit Hingaben, würde der Atheismus und Sozialismus großgezogen. Jedenfalls war die damalige Zeit noch nicht reif, die große Errungenschaft, die in dem Fröbelschen Erziehungsgedanken lag, zu erkennen unb der wir heute in logischer Fortenwicklung bie moderne Arbeitsschule verdanken, die ohne Fröbels grundlegende Arbei» ten kaum denkbar ist.
Vom Kleinkind kam Friedrich Fröbel aber auch in exakter Fortführung seiner gedanklichen Erkenntnisse zur Mutter. Er war es, der ganz bewußt und immer wieder von Neuem die Verbundenheit von Mutter und Kind betont hat und der stets die Auffassung vertrat, daß der Kindergarten wohl eine zeitweise Entlastung der Mutter bedeuten könne, daß er aber keineswegs einen vollkommenen Ersatz für die häusliche und insbesondere die mütterliche Erziehung darstelle. So wurde denn das Lebenswerk Fröbels gekrönt durch die Erziehung des weiblichen Geschlechtes für den Mutterberuf. Er war der Ansicht, daß schon im Jungmädchen Sinn und Geist für die kommende Mutterschaft geweckt werden müsse, eine Mutterschaft, die getragen ist von der großen Verantwortung für das Kind als dem Urquell unseres Volkstums. Auch in diesem Sinne hat Fröbel eine hehre volkserzieherische Arbeit geleistet, denn zu der Kindergarten-Idee mit ihrer Weckung der geistigen unb körperlichen Kräfte des Kleinkindes kam die Vertiefung des Mutterschaftsgedankens und mit ihm die Erkenntnis von den Kulturaufgaben, die die Frau in Volk und Staat zu vertreten hat.
was ist das dem eigentlich: Lachen?
Von Fedor v. Z o b e l t i tz.
Wer lacht, fragt nicht nach den physischen Ursachen. Lachen ist ber Naturausbruck der Freude, im Gegensatz zum Weinen — der „Mai der Heiterkeit", lieber das Lachen ist mancherlei geschrieben worden. Tenopho» spricht die Ansicht aus, es sei verdienstvoller, eine Gesellschaft zu Tränen zu rühren als sie zum Lachen zu bringen, aber der Lustigmacher Philippas ist gegenteiliger Meinung. Bei ihm lachte man schon, wenn er sich zeigte, so wie heute beim Auftreten von Adalbert und Thielscher. Die Komödie kennt freilich auch ein künstliches Lachen, beispielsweise bei einer naiven Anfängerin, über das ber kritische Zuschauer gewöhnlich ironisch lächelt. Das Lächeln hat ungleich mehr Abwanblungen als das Lachen. Man lächelt schon liebensroürtig, wenn man einen Bekannten begrüßt ober einer Dame vorgestellt wirb.
Selbst unter Tränen vermag der Mensch zu lächeln, in Rührung, wie im weinenden Glück der Braut vor dem Altäre.
Lachen und Weinen stecken in einem Sack, sagt Hippel. Es gibt auch ein wütendes, ein gimmiges Lachen, das dem Aufheulen sich nähert, ein angstvolles und verzweifeltes, ein „sardonisches", das „schreckliche Lachen" der kämpfenden Helden ber Odyssee, unb weiter bas satirische, in bas sich Bissigkeit mischt. Es ist nicht bas Lachen des Frohsinns, das schon bie alten Makrobiotiker rühmen als ein Symptom innerer Beglückung. Zur Geschichte des Lachens wurden auch seltsame Kuriositäten veröffentlicht. Textor ließ 1756 ein Verzeichnis großer Männer erscheinen, die sich zu Tode gelacht haben, und ähnliche gelehrte Dissertationen d<- rifu waren nicht selten. Dabei sprach man nicht nur vom hysterischen Lachkrampf, einer nervösen Erscheinung, sondern wahrhaftig auch von einem Totlachen vor Freude, und führte Exempla an, die eigenster Phantasie entwuchsen.
Man kann „lächelnd bie Wahrheit sagen" (Horaz) und ebenso lachend lügen, wenn man ein Aufschneider ist. Homer spricht von einem „unauslöschlichen Gelächter", woraus bie Franzosen bas „rire homerique"" machten, und von dem „unter Tränen lächeln", als Andromache ihr Söhnchen bem fdjeibenben Hektor abnimmt. Bei Homer heißt auch Venus die „Lachliebende", unb Eros läßt bie Mythe aus ihrem Lächeln entstehen. „£ad;en- b--. Liebesglück" fchilbern nicht nur bie Poeten von ge- ft.. . (weniger bie grämlich gewordenen von heute), das
gibt es auch noch in unseren pessimistischen Tagen, denn gottlob sterben die Fröhlichen nicht aus. Erzieher wie Basedow haben ber Philosophie bes Lachens bas Wort gerebet, Kant glaubt, baß eine Erheiterung der Gesichtszüge sich auch innerlich ausdrücke, Jean Paul wünscht sich in jedem Präzeptor der Jugend einen luftigen Menschen.
Gute Laune ist bas Lachen des Geistes und beschwingt die Unterhaltung. Witz ist einer der Explosivstoffe der Saune, es braucht nicht unumgänglich Geist dazuzugehören, aber es ist besser, wenn er sich mit ihm paart. Man lacht über einen Kalauer unb einen Clownspaß wie über ein gelungenes Bonmot, man belacht bie Lächerlichkeit, wenn auch beren Sinn sich im Laufe ber Zeiten gewanbelt hat. Glücklich, wer auch im Ernst Tage das Lachen nicht verlernt hat. Der berühmte englische Arzt Thomas Sybenham behauptete, baß bie Ankunft eines Hanswurstes in einem Stäbtchen viel mehr wert ist, als die von zwanzig mit Medikamenten bepackten Eseln. Seltsam ist bie häufig beobachtete Tatsache, daß Humoristen keine rechten Lacher finb. Man erzählt bas von Swift, unb ich weiß es von Seidel, Trojan, Stinde. Auch manchem berühmten Komiker sagt man das nach — der Clown Tom Belling, der als „dummer August" den Zirkus zum Erschüttern brachte, soll geradezu ein Hypochonder gewesen fein.
Lachen ist ein seelisches Erfrischungsmittel. Ich liebe deshalb auch die Kunst, die auf das Lachen ausgeht unb damit selbst das Niedrigkomische adelt. Die Neuberin hat den Hanswurst verbrannt, aber seine Schellenkappe läutet weiter durch die Welt, und bem Schalk hat man nicht bie luftige Maske vom Gesicht reißen können. Unsere Großeltern waren noch harmlos genug, baß sie schon über eine Namenskomik lachen konnten. Shakespeares Dortchen Lakenreißer war überrounben, man lachte über ben Eckensteher Nante, über Herrn Kieselack aus Neuruppin unb über Herrn Spickaal aus Treuen- brietzen, wenn man nur bie Namen las ober hörte. Es war eine bescheibene Zeit. Heut' finb wir anspruchsvoller geworden, obwohl bas Lachen gar keine Ansprüche stellt. Man braucht nicht die Witzgeister im Theater oder im gedruckten Buch aufzusuchen, um sich auszulachen. Das Lachen ist die Begleiterscheinung einer Frohnatur, und der Frohsinn der Feind der Langeweile. Und die Langeweile ist gewissermaßen eine Krankheit der Seele, die leicht epidemisch wirken kann, zumal in den vier Pfählen daheim. Nichts aber dünkt mich verwerflicher als eine trübselige Stimmung im
Hause, eine Atmosphäre der ©riesgrämigteit, aus deren Bedrückung die lachen könnende Jugend gewaltsam herausdrängt. Hang zum Lachen aber ist ein Hellauf in Gedanken, Worten und Werken — und eine einzige verlachte Stunde in ber Dürftigkeit des Alltagslebens ist schon ein Glück.
Gefahren der Musik.
Von dipl. mus. Ali Wey l-Nissen.
Gerabezu phantastisch gefährliche Dinge gibt es im Bereich der Musik, die so gern für eine zarte Angelegenheit gehalten wird. Im Variete treten manchmal Artisten auf, die Glas durch Geigenspiel zum Springen bringen, und die physikalischen Vorgänge, bie biefem Kunststück zugrunde liegen, lassen sich auch benutzen, um zu töten. Ganz neue Forschungen, befonbers ber amerikanischen Physiker Loomis unb Woob, bringen jetzt Licht in biefe mysteriöse Angelegenheit.
Manche Vögel singen so hoch, baß wir nur bie Bewegungen ihres Schnabels unb Kehlkopfes sehen, aber keinen Ton mehr hören. Töne beruhen auf Schallwellen, auf einer Luftbewegung. Schwingt bie Luft weniger als 16mal in der Sekunde, so ist der Ton zu tief, um überhaupt noch gehört werden zu können; die obere Grenze ber Hörbarkeit liegt bei 40 000 Schwingungen in ber Sekunbe. Manche Menschen hören aber längst nicht bis zu dieser Grenze. Geht man nun noch viel weiter, etwa zu 300 000 Schwingungen in ber Sekunbe, bann üben die in ungeheurer Schnelligkeit anprallenden Schallwellen einen großen Druck auf alles aus, bas sich ihnen in ben Weg stellt. Der Druck, ben Schallwellen von ber Schwingungszahl 300 000 ausüben, gleicht bem Druck, ben ein Gewicht von brei Gramm ausllbt, bezogen auf 1 Ouabratzentimeter.
Unsere Musikinstrumente erzeugen, wenn wir einen Ton anschlagen ober anstreichen, nicht nur ben Ton, ben mir hören. Hat ber hörbare Ton z. B. bie Schwin- gungszahl 2000, so entstehen bei seiner Erzeugung gleich- zeitig unendlich viele andere Töne, die alle höher sind; sie haben die Schwingungszahlen 2.2000, 3.2000, 4.2000, 5.2000 usw. Diese „Obertöne" sind viel weniger laut als der Hauptton, aber sie sind immer vorhanden, und unter ihnen befinden sich viele von hoher Schwingungr- zahl, und diese sind gefährlich.
Die Wellen von 300 000 Schwingungen sind schon | imstande, kleine Fische und Frosche zu töten. Man hat
nichts zu tun, als sie mittels einer ziemlich einfachen Apparatur auf das Wasser zu übertragen, in dem die Tiere leben. Ueberträgt man die Schwingungen auf ein Glas, so vibriert es stark; mit bem bloßen Auge kann man bas meist nicht sehen, hält man aber ben Finger an solch schnellschwingenbes Glas, so reibt es sich entsprechen!» schnell an ber Haut, unb es entsteht eine Brandwunbe. Ferner ist nachgewiesen, baß bie roten Blutkörperchen durch diese Schwingungen zerstört werden können.
Wir verstehen aus diesem Zusammenhang jetzt das „Zergeigen von Glas". Durch einen bestimmten Bogenstrich können unhörbare Obertöne erzeugt werden, deren Schwingungen das Spannungsverhältnis, das im Glas herrscht, so stören, daß das Glas zersplittert. Wir verstehen noch eine andere Erscheinung: die grrauenvolle Rolle, welche die Glasharmonika im 18. Jahrhundert gespielt hat. Die Glasharmonika stammt von dem berühmten nordamerikanischen Staatsmann und Erfinder des Blitzableiters Benjamin Franklin. Er konstruierte, sie 1762. Es sind abgestimmte Gläser in verschiedener Form, bie mit bem benetzten Finger gestrichen werben. Ihr Ton ist fast übersinnlich, wesenlos, unenblich zart, aber zugleich von schneibenber Schärfe. Schon bas Streichen bes Glases greift bie empfinblidjen Taftnerven ber Fingerspitzen sehr an, außerbem leibet bas Nervensystem so stark unter ben hohen Dbertönen, bie hier befonbers kräftig finb, baß bie Künstler ber Glasharmo- nifa sich ausnahmslos schnell ruinieren.
Welcher Art nun der Einfluß ber Obertöne auf bas Nervensystem genau ist, steht noch nicht fest. Wir wissen nur, baß es biefen unheilvollen Einfluß gibt.
Daß aus bem Musizieren auch moralische Anfechtungen weniger schwerwiegender Art erwachsen, erzählt uns eine reizenbe Anekbote von Robert Schumann unb seinem Freunb Willibalb Alexis. Auf einer Reise in Frankfurt überkam Schumann eine unwiderstehliche Sehnsucht Klavier zu spielen.
Aber er hatte fein* Instrument zur Verfügung. Er ging in die vornehmste Instrumentenhandlung unb gab sich als Hofmeister eines jungen Fürsten aus: er solle für feinen Herrn ein Instrument kaufen, müsse aber bie Instrumente vorher burchspielen. Das Durchspielen dauerte viele Stunden, wurde am nächsten Tag fortgesetzt, am dritten wollte der „Hofmeister" den Kauf ab- schließen. Aber — da war der Betrüger aus Kunstbegeisterung schon mit der frühesten Post nach Wiesbaden, gereift. Daß er hier den Gefahren der Musik unterlag, hat ihm allerdings nichts geschadet.
f