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Nr. 77

Beilage zur Fuldaer Zeitung

r NILS

3. April.

Weitzer Sonntag.

Lingangstied: 1 Petri 2, 2.

Wie neugeborene Kinder, alleluja, doch schon voll Einsicht, verlangte ohne Falsch nach der Milch, alleluja, alleluja, alleluja. (Ps. 80, 2.) Singt Freudenlieder Gott, unserem Helfer, Jubellieder dem Gotte Jakobs.

Epistel: 1 Ich. S. 410.

Ge lieb teste! Alles, was aus Gott geboren ist, überwindet die Welt; und das ist der Sieg, der die Welt überwindet, unser Glaube. Wer i st es, der die Welt überwindet, wenn nicht der, welcher glaubt, daß Jesus der Sohn Gottes ist? Dieser ist es, Jesus Christus, der durch Wasser und Blut gekommen ist, nicht mit dem Wasser allein, sondern mit dem Wasser und dem Blut. Auch der Geist bezeugi, daß Christus die Wahrheit ist. Denn drei sind, die Zeugnis geben im Himmel: der Vater, das Wort und der Heilige Geist, und diese drei sind eins. Wenn wir schon der Menschen Zeugnis an­nehmen, so ist doch Gottes Zeugnis größer. Dies aber ist das Zeugnis Gottes, das größer ist, das er für seinen Sohn abgelegt hat. Wer an den Sohn Gottes glaubt, der hat Gottes Zeugnis in sich.

Evangelium: Ioh. 20, 1931.

Einsetzung des Sakramentes der Buße. Der ungläubige Thomas.

Glaube und Anglaube.

Bekrachtung zum Sonntagsevangelium.

Was wäre aus der Frohbotschaft des Heilands gewordenen, wenn sie die Juden damals ange­nommen hätten! Wir müssen uns einmal dar­über klar werden. Der Heiland wollte den Men­schen den Frieden, das Glück, das Reich der Liebe und des gegenseitigen Vertrauens bringen. Das Herz des Menschen sollte ruhig werden in Gott. Von Mensch zu Mensch sollt« sich dieses innere Reich fortpflanzen. Vom Einzelnen sollte es iiber- gehen in die Familien, in das Berufsleben, in Dorf und Stadt, in Staaten und Länder. Das Ange­sicht der Erde sollte erneuert werden in Christo, die in Sünde gefallene Menschheit sollte ein Para­dies finden.

Das ist die frohe Botschaft vom Reiche Gottes in uns, von jenem Reich, das dem Menschenherzen ein Vorbote des Himmels fein soll. Die Men­schen schlugen dieses zweite Paradies aus, sie nagelten Christus ans Kreuz. Sie entschieden sich für die Unrast, für den Unfrieden, für den Macht­kampf des Lebens wider den hl. Geist der Erneue­rung. Im Gekreuzigten glaubten die Pharisäer die ja irdische Macht, ein politisches Paradies suchten Jesus überwunden. Aber Gottes Sache siegte im Auferstandenen.

Doch ist der Ruf Christi durch das Los des Kruzes ein anderer geworden. Vorher rief er ein ganzes Volk zur Gefolgschaft auf, jetzt wendet er, sich an den Einzelnen, daß er in Christus auf­erstehe und so das Reich Gottes mehre. Immer wieder spricht er den Einzelnen an durch die Ver­

kündigung der frohen Botschaft. Jeder Einzelne steht vor der Entscheidung: Unrast der Welt oder Frieden Gottes zu wählen. Diese Frage geht auch uns an. Denn daß wir in ber Hast des Tages das rechte Ziel der Gotteskinder nicht verfehlen, darauf kommt es an.

Was auf der Welt geworden wäre, wenn die Menschen die Frohbotschaft Christi gläubig aus­genommen hätten, wissen wir nicht. Sicherlich wäre etwas Großes und Herrliches aus der Welt geworden. Daß die Menschen zur Ablehnung Christi kamen, kam daher, daß sie über den Nöten und Sorgen des Lebens die Welt Gottes nicht mehr sahen. Und weil sie sie nicht mehr sahen, des­halb glaubten sie nicht mehr daran. Selbst unter

den Jüngern gab es solche, die über den Martern der Karwoche den Glauben verloren hatten. Tho­mas ist der sichtbarste Beweis dafür. Nachdem die Sache Christi unterlegen schien, glaubte er nicht mehr an das geistige Reich des Erlösers.

Es ist nun einmal so, daß der Glaube vom Unglauben leicht überwuchert wird. Ein paar Schicksalsschläge und wir sind verzagt. Und doch lebt Christus: er ist auferstanden. Auch für dich und mich! Wenn du, mein Freund, nur im Her­zen spürst, daß in dir, deiner Umwelt, in deiner Familie noch manches im Geist der Liebe zu wan­deln ist, dann ist dein Glaube noch Sieger. Halte ihn wach, daß er in Christus wachse und sich ent­falte.

Em religiöser Festtag.

Gedanken zum «Weitzen Sonnlag".

Sie schreiten in den Frühling, Frühlingskin­der selber. Junge Seelen schließen sich auf wie Blumenkelche, die herrliche Sonne hereinzulassen. Ein Wunder vol,zieht sich in aller Stille, lieblich und göttlich zugleich. Ein Kinderfest ist es, voll jener Unschuld und Zartheit, die diesem Alter ei­gentümlich ist, erfüllt auch vom Schicksal, das al­ler Schönheit innewohnt. An diesem Tage wer­den innige Gelübde gesprochen. Es werden Bin­dungen eingegangen, die das ganze Leben bestim­men sollen. Auch in der Kinderseele können schon ernste Entscheidungen vor sich gehen. Die neuere Psychologie hat uns so viel Neues und Ernstes vom Kinde gesagt. Sie hat nur aufgedeckt, was die Weisheit der Religion immer gewußt hat. Schon in den ersten Regungen der Freiheit liegt die Entscheidung für oder wider Gott. Schon in den jungen Jahren wählt sich die Gnade ihre Lieb­linge. Habe Ehrfurcht vor diesen Kindern! Es ist nicht ein Lenztag, an dem etwas blüht, das morgen verwelken- darf. Es geht um unsterbliche Seelen, es geht um Himmel und Hölle, es geht um die heiligsten Dinge auf dieser Erde. Die Fa­milie fühlt das, die mit Rührung und Scheu das auserwählte Kind betrachtet und ihm kleine Freu­den bereitet. Die Gemeinde lebt mit, denn man spürt hier das Wachsen der lebendigen Kirche in der Gesellschaft der Menschen. Geschlecht um Ge­schlecht trägt den heiligen Kelch weiter und be­wahrt dem ganzen Volke sein kostbares Geheim­nis. Durch die ganze Kirche aber geht der Hauch der Jugend und des immerwährenden Frühlings. Kinder ziehen ihrem Zug durch die Geschichte vor­an. Sie kennt keine Verzweiflung, sie kennt im­mer nur das Schreiten in neue Frühlinge. Schau in aller Ehrfurcht dem wunderbaren Schauspiel zu. Auch du warst einst ein solches Kind. Lang, lang ist's her . . . Aber Kind mußt du blei­ben, denn das ist Christentum. Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder! . . . Wo du kannst, da hilf heute einem folchen Kinde. Du hast auf solche Weise teil an seinem Frühling, teil an seiner Gnade. F. M.

Ein Leser schreibt uns:

Die diesjährige Osternummer der ,>F r a n k- furter Illustrierten" brachte unter dem TitelWien schwärmt für seine Firmlinge (!)" eine große Bilderserie, die einen Einblick gewährt, wie man scheinbar in weiten Kreisen Wiens die

Feier der ersten hl. Kommunion begeht. Der be- gleitende Text dazu, worin sich eine sonderbare Vermengung der hl. Kommunion und Firmung findet, lautet:Es ist ein großer Tag für ganz Wien, wenn die Firmlinge, die kleinen festlich ge­schmückten Buben und Mädchen, zur ersten hl. Kommunion gehen. Alles ist auf den Beinen, um in der Kirche dabei zu sein, um auf den Äraßen die blumenübersäten Wagen zu sehen, und um sich im Prater beim Höhepunkt der Nachweihe am Festschmaus zu erfreuen und an den mancherlei Lustbarkeiten, die auf diese folgen. Selbst der Au­tobus nimmt am allgemeinen'Korso teil. Er hat sich bildhübsch herausgeputzt und weist mit beson­deren Plakaten auf die Haltestellen hin, die für denFormungs-Verkehr" nach diem Praterstern in Frage kommen. Die Photographen haben Hoch­betrieb; denen so ein Firmungsbild ist ein bedeut­sames Andenken. Die Friseure haben sich auf die Firmung umgestellt, und die Luftballonverkäufer können sich auch nicht beklagen; heute warten sie mit ganz besonders prächtigen Exemplaren ihres Warenlagers auf. Im Prater aber geht es hoch her. Nach dem Schmaus werden alle Lustbarkei­ten ausgekostet. Das Riesenrgd kommt gar nicht zum Stillstand, und auf der Rutschbahn gibt es manch fröhliches Gequitsche." Daß hierbei nicht mehr alles in Ordnung ist, bedarf wohl keiner wei­teren Ausführung. Es mag sein, daß diese Be­richterstattung gehässig und mit bestimmter Absicht übertreibt. Aber es ist etwas Wahres daran, daß dieser hl. Tag, der ein Tag tiefster Innerlichkeit sein muß, vielfach veräußerlicht wird. Auch im Fuldaer Land kann man dies mancherorts sehr spüren. Die häusliche Kommunionfeier mit ihrem teils großen Aufwand und lautem Treiben, fer­ner die durch Geldgeschenke in den Kindern bis­weilen geradezu geweckte Geldgier lenken die Auf­merksamkeit des Kommunikanten von dem Sinn und Mittelpunkt dieses Tages, nämlich von der hl. Kommunion, stark ab. Wie kann es da, wo das Irdische so im Vordergründe steht, zu einem reli­giösen Erlebnis kommen? Wie kann da das Herz für den Heiland frei fein, wo es von all diesem irdischen Beiwerk gefangen gehalten wird? . . . Da ist es die Aufgabe unserer Mütter darüber zu wachen, daß dieser Tag seiner religiösen Weihe und Heiligkeit nicht entkleidet wird, und daß ihre Lieblinge um ihre Freundschaft mit Christus an diesem Tage besonders nicht betrogen werden von Aeußerlichkeiten! Tr.

Katholisches Volkstum im Kamps.

Line Herausforderung der saarländischen Katholiken durch die Saarregierung.

Auf Anregung der Kölner Männerkongrega­tionen hin sollte in Saarbrücken, wie auch in Die­len anderen Städten Deutschlands, eine Bußpro­zession der katholischen Männerwelt stattfinden, und zwar war sie für den Abend des Karfreitags geplant. In letzter Stunde, nachdem bereits alle Vorbereitungen getroffen und die katholischen Männer und Jünglinge durch Vereine, Presse und Plakate zur Teilnahme aufgerufen waren, wurde die Prozession durch die Regierungskommission des Saargebietes, dieses merkwürdigste aller Völ­kerbundsgebilde, verboten. Sowohl das Verbot selbst als vor allem auch dessen seltsame Begrün­dung verdienen im ganzen katholischen Deutsch­land bekannt zu werden. Wie die Polizeidirektion von Saarbrücken in dem betr. Schreiben mitteilt, wurde die Genehmigung versagtaus Grün«! den der öffe n tli chen Sich« rh e i t . . . , und weil der Karfreitag ein ausgespro­chener evangelischer Feiertag ist."

Die saarländischen Katholiken muffen es sich also gefallen lassen, daß eine rein religiöse Ver­anstaltung, ein gemeinsames öffentliches Gebet von einer landfremdenRegierung" auf die gleiche Stufe mit einer revolutionären kommuni­stischen Demonstration oder einer wilden national­sozialistischen Radauversammlung gestellt wird. Wenn gläubige Menschen unter dem ungeheuren seelischen Druck der heutigen Notzeit das Bedürf­nis haben, sich einmal öffentlich an den Helfer Gott zu wenden und dadurch zugleich auch ihre Mitbürger auf die Notwendigkeit der göttlichen Hilfe hinzuweisen, dann sehen die vom Völker­bund bestellten Treuhänder des Saargebietes da­rin eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit. Noch merkwürdiger erscheint die zweite Begrün­dung: weilder Karfreitag ein ausgesprochener evangelischer Feiertag ist". Die Katholiken de, Saargebietes sehen hierin eine bewußt« Beleidi­gung. Als ob dem katholischen Christen der Kar­freitag nicht ebenso heilig wäre wie dem gläubi­gen Protestanten! Als ob ferner ein evangelischer Feiertag dadurch entweiht würde, wenn Katholi­ken sich unter dem Zeichen des Kreuzes von Gol- gacha zum Gebete versammeln! Als ob ein gläu­biger Protestant es als eine Herausforderung be­trachten könnte, wenn dieses Kreuz in stiller Abendstunde durch die Straßen der Stadt getra­gen wird, wenn katholische Männer an diesem Tage der Sühn« und Gnade öffentlich beten für Anliegen, die dem evangelischen Volke ebenso am Herzen liegen wie den Katholiken!

Die Katholiken Saarbrückens sind über biere unerhörte Herausforderung aufs höchste erregt, und ihre Presse erhebt in scharfen Artikeln heftig Protest gegen das Verhalten der Saarregierung, die damit wieder einmal, wie schon so oft, gezeigt hat, welch« Kluft sie innerlich von dem zum weit­aus größten Teil- katholischen Saarvolke trennt, das wehrlos der Willkür dieser Völkerbundsbeam­ten ausaeliefert ist. Der Präsident Wilton, der am 1. April seinen Posten verläßt, hat mit dem von ihm angeordneten Verbote der Bußpro,Zession je­denfalls der Saarbevölkerung ein Abschiedsge- schenk gemacht, das dem Charakterbilde diese, Mannes einen wesentlichen Zug hinzusügt. F.

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kam wieder Leben in die erstarrten Menschen.

Sie

der Aufsicht argwöhnischer Aufseher, die aus strafver­setzten Tschekaleuten bestehen, zum Hafen von Archan­gelsk, wo es von ausländischen Schiffen zu billigsten Preisen erworben wird. Die Gefangenen bekommen keine Löhnung und halten zum großen Teil die schwere Arbeit gar nicht lange aus .'Die Zahl der täg­lichen Todesfälle beträgt manchmal hundert, manchmal, besonders wenn Krankheiten und Seuchen wüten, sogar 300 oder 350. Wer seinPensum" nicht erledigt, bekommt am folgenden Tage kein Essen. Für die durch den Tod dahingerafften Gefangenen treffen jeden Monat frische Transporte ein, denn die Gefängnisse von Sowjetrußland sind bekanntlich seit Jahr und Tag überfüllt, weil man immer noch Massen- verhaftungen vornimmt.

Erzbischof Steklinsky wurde bald im ganzen Lager bekannt und beliebt. Er tat für die Gefangenen alles, was in seinen Kräften stand, teilte sein Brot mit den Hungrigen und pflegte auch die Kranken, soweit es ihm seine freie Zeit erlaubte.

Selb ft d i e rohen Tschekisten achteten den alten Mann und redeten ihn sogar mitSie" an. Viele Gefangene, welche längst ihren Glauben verloren hat­ten, wurden von ihm wieder durch sein stilles Beispiel für die Religion gewonnen.

Er besaß einige einflußreiche Verwandte in War­schau. Eines Tages scheint man auf den Gedanken gekommen zu fein, den Erzbischof mit einem ausländi­schen Schiff zu entführen. Da er öfters beim Trans­port der fertigen Stämme im Hafen des nur 20 Werst entfernten Archangelsk sich aufhielt, kam er auch mit Matrosen der fremden Dampfer in Berührung. Zu feiner Holzarbeitergruppe gehörten mehrere Personen, mit denen sich Steklinsky im Laufe der Zeit innig be­freundet hatte. Es waren dies der ehemalige Guts­besitzer Matwei Sergejewitsch Korolew, der frühere Moskauer Juwelier Kusme Sergejewitsch Fonarikow, ein Ingenieur Boris Arkadjewitsch Jenkin und ein jü­discher Kaufmann aus St. Petersburg namens Abraham Leibmann. Steklinsky, der immer zuerst an die an­dern dachte, besprach sich mit seinen vier Unlücksgefähr- ten und vereinbarte mit ihnen eine gemeinsame Flucht. Die Gefangene wußten zwar wohl, daß bei einem Entweichen die strengsten Strafen verhängt wur­den, aber sie zogen raschen Tod dem 'lang­samen Dahinsiechen im Konzentrations- lager vor. Wenn man die Flucht einigermaßen geschickt ausführte, mußte sie aller Berechnung nach ge­lingen.

Ende 1930 lief ein kleiner italienischer Dampfer, der angeblich für eine englische Firma Holz holen sollte, im Hasen von Archangelsk ein. Der Kapitän hatte bald

Arme, Gesicht und Leib des Gequälten lange, feuerrote Striemen.

Ja, du römisch-katholischer Hundesohn, bete nur zu deinen Hundegöttern! Die sollen dir helfen! Sie sol­len dich doch aus unfern Händen befreien, wenn sie stark genug sind! Nein, dein alter Gott ist längst oer.« Jetzt kannst du uns anbeten, wir sind jetzt deine Göt­ter! . . ."

Rücken und Nase des Gemarterten begannen vou Blut zu triefen. Es war ein jammervoller Anblick. Endlich hatte der Unmensch genug. Er warf die Peitsche auf den Tisch und ging wortlos auf den Hof hinaus. Melcher sah, wie er sich eine Zigarette anzündete und den Rauch in langen Zügen einzog.

Steklinsky, der jetzt mehr einer blutigen Fleischmasse glich, hatte sich inzwischen wieder vom Boden erhoben. Seine Wangen waren angeschwollen und blutgeröief, ein Peitschenschlag hatte sein linkes Auge getroffen, das er unter furchtbaren Seufzern mit der Hand bedeckte. Niemand sprach ein Wort. Zehn bange Minuten ver­gingen. Endlich wurde die Tür wieder geöffnet. Ba- ffanoff erschien und trat kurzerhand auf Steklinsky zu.

Ich frage dich jetzt zum letzten Male, ob du spre­chen willst, hündische Brut . Siehst du! . . ."

Zum Entsetzen Melcherts hatte Baklanoff bei diesen Worten seinen Revolver aus der Tasche gezogen und die Waffe entsichert. Er legte sie an und hielt sie dem Erzbischof vor den Mund. . . . Der Gefangene stand unbeweglich da. Er schien mit dem Leben abgeschlossen zu haben. Seine Seele weilte schon in einer anderen Welt.

Plötzlich ertönte ein Schuß.

Aus dem Mund des Erzbischofs sickerte langsam Bl u t. Eine Sekunde schien der Getrof­fene noch aufrecht zu stehen, dann schwankte er und fiel schwer auf den Boden.

Schafft das Schwein hinaus," gebot Baklanoff den Soldaten,und Sie, Genosse Melchert, werden nach­her beim Verhör der andern Gegenrevolutionäre das Protokoll aufnehmen. Ich muß mich erst etwas er­holen. Auf Wiedersehen!"

Melchert und die beiden Rotarmisten blieben wie versteinert stehen. Wieder vergingen einige wortlose Minuten. Dann stöhnte jemand tief auf, und bald

eine Verbindung mit dem Erzbischof hergestellt und ver­abredete mit ihm Zeit und Art des Fluchtplans.

Als die gesamte Holzladung verladen worden war, verließen die fünf Männer zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Vorwänden das Lager und wurden des Nachts an Bord gelassen. Man hatte in­zwischen im Bunker ein Versteck errichtet, das gerade groß genug war, um die fünf Menschen aufzunehmen. Außerdem waren die Holzmafsen so verteilt worden, daß auch die strengste Kontrolle bei der Abfahrt nichts von der Anwesenheit der Flüchtlinge entdecken konnte.

Es ist niemals aufgeklärt worden, wer diese Flucht des Erzbischofs an die Lagerverwaltung verraten hat. Jedenfalls fiel ihr Verschwinden früher auf, als man den Zeitumständen nach erwarten konnte. Unmittelbar darauf ordnete die Meereskontrollkommifsion bei der OGPU., welche von Baklanoff geleitet wurde, und bei der Melchert Dienst tat, die sofortige Verfo 1 - gung des Dampfers an. Man bemannte in der größten Eile das rascheste Wachtboot, denPfeil der Revolution", und holte nach etwa sechs Stunden die Saida" ein. Dem Kapitän wurde befohlen, sofort in den Hafen zurückzufahren. Am nächsten Morgen lang­ten die beiden Schiffe wieder in Archangelsk an.

Nach vier Stunden hatte man das ganze Holz aus- geladen und entdeckte endlich die fünf Menschen. Willi Melchert war dabei, als man die fünf bleichen Leute ins Nachtlokal brachte. Der Untersuchungsrichter Ba­klanoff war selbst aus der OGPU. gekommen, um das Verhör zu leiten. Er ließ zuerst den Erzbischof in die Kanzlei bringen.

Baklanoff hatte feine Nagaika bei sich, mit denen manche Tschekisten ihre Opfer zu traktieren pflegen, wenn sie nicht sogleich ein gewünschtes Geständnis ma­chen. Er legte sie auf den Tisch und begann die Ver­nehmung.

Du weißt ja, Hundesohn, was deiner wartet," be­gann Baklanoff die Verhandlung.Ich will dir aber eine Chance geben! Wenn du mir die volle Wahrheit sagst, sollst du mit dem Leben davonkommen. Wer hat Eure Flucht,organisiert? Wieviel wurde dafür bezahlt? Wer hat das Geld bekommen?"

Es entstand eine kleine Pause.

Nun, willst du jetzt mit der Sprache heraus?"

Der Erzbischof stand regungslos da.

Baklanoff wurde durch dieses Schweigen noch wü­tender. Als Tschekist witterte er natürlich sofort eine gegenrevolutionäreVerschwörung" und träumte von einem Skandalprozeß, der vielleicht im Moskauer Zen­trum Aufsehen erregte und ihm eine Beförderung ver­schaffte.

fflut, wenn du nicht reden willst, dann werden wir eben ein anderes Mittel anwenden!"

Die anwesenden Soldaten mußten dem eingefange­nen Flüchtling sofort Hemd und Kittel ausziehen. Gleich darauf ergriff Baklanoff d i e wuchtige M a- gaika und begann auf den Wehrlosen- tend einzuschlagen. Bald bedeckten Hände,

Der Märkyrerkod des Erzbischofs Steklinsky Aus einem bolfchewifiischen Konzentrationslager.

Von Dr. Karl Kindermann.

bückten sich unentschlossen, hoben den Leichnam auf und verschwanden damit. . .

Am Nachmittag wurden die vier Freunde des Erz­bischofs in einer Scheune erschossen. Auch sie hatten jede Aussage verweigert, weil sie sonst den Kapitän und die Mannschaft in schwere Gefahr gebracht hätten.

Einige Monate nach dieser Begebenheit entfloh Willi Melchert aus dem Todeslager von Tschifchowka, in dem auch heute noch viele Tausende von Männern und Frauen einem qualvollen Tode entgegengehen, wäh­rend die Welt fortfährt, sich für dieErrungenschaften" des neuen Rußland lebhaft zu interessieren. . . .

Unter den zahlreichen deutschen Ingenieu­ren, die in den letzten Jahren mit der Sowjetregie­rung einen Anftellungsvertrag schloffen und dabei Ge­legenheit hatten, die Verhältnisse im bolschewistischen Rußland kennen zu lernen, verdient insbesondere der junge Willi Melchert aus Berlin genannt zu werden, dessen Reise in die Sowjetunion durch eine Reihe unvorhergesehener Umstände zu einer wahren Odyssee wurde. Als er sich nach einjährigem Aufent­halt im Norden mit einer jungen Kommunistin ver­heiratet hatte, geriet er bald darauf in die Hände der OGPU. von Archangelsk. Melchert nahm, unter Drohun­gen dazu gezwungen, das Angebot des Untersuchungs­richters Baklanoff an, trat in den Geheimdienst und vollbrachte eine Anzahl von Spezialausträgen, aus denen hevrorging, daß die OGPU. bei der Verwirk­lichung des Fünfjahresplanes eine ganz besondere Rolle spiest. Erst im Jahre 1931 gelang es ihm, aus dem in der Nähe Archangelsk errichteten Konzentrationsla­ger von Tschifchowka nach Leningrad zu entfliehen, indem er mit einigen heimatlosen Kindern unter dem Aschenkasten einer Lokomotive fuhr. In Leningrad mel­dete er sich sogleich auf dem deutschen Konsulat und wurde nach Prüfung feiner Personalien durch die Ver­mittlung des Konsuls wieder nach Deutschland entlassen.

Inzwischen hat mir Melchert seine Erlebnisse erzählt. Er ist aber kein Mann der Feder, und so muh man feine trockenen Berichte überarbeiten, ehe sie erschei­nen können.

Unter den Begebenheiten, deren Augenzeuge Willi Melchert war, nimmt besonders der grausame Tod des polnischen katholischen Erzbischofs Konrad Pawlowitsch Steklinsky unsere wärmste Teilnahme in Anspruch. Es handelt sich hier um einen befonbers krassen und bisher ganz unbekannten Fall von B e ft ia l i t ä t, der, wie inzwischen bekannt wird, den heiligen M-chl zu einer Untersuchung der Angelegenheit veranlaßt. Willi Melchert hat sich bereit erklärt, alle feine Angaben durch einen Eid zu bekräftigen.

Im März 1929 hatte die OGPU. von Kiew den Erz­bischof wegen angeblicher Spionage zu Gun­sten eines fremden Staates mit einer zehnjähri­gen Verbannung in bas Konzentrations­lager Tschifchowka bestraft. Der Verurteilte wurde auf dem bekannten Etappenwege nach Archangelsk gebracht und nach einiger Zeit in das Lager überführt, wo man ihn zum Leiter einer Holzfällergruppe er­nannte. In diesem Konzentrationslager arbeiten seit einigen Jahren viele Tausende russischer Männer und Frauen jeden Alters. Sie fällen die in den benach­barten Wäldern stehenden Lärchen, schleppen sie zum Lager, bearbeiten bas Holz unb bringen es dann unter