Ilr. 74
Beilage zur Fuldaer Zeitung
31. Marz
März-Abschied.
Der Schnee fällt lautlos auf die kühle Erde,
Die zarten Flocken
Sind nur der Nachlaß ftost'ger Tage
Und gleichen Spielgesellen,
Di« sich fortverloren,
Dieweil sich Winter grollend schon
Zur eis'gen Höhle faul zurückzog.
Die weißen Fünkchen,
Sie tanzen wirr ins Irdisch — Ungefähre.
Sie träumen Brüder sich bei ihrem Fall
Und sind betrübt,
Sich dann allein zu finden,
Wo niemand ist.
Mit ihnen auszuruh'n.
So, im Bewußtsein, schnell vergeh'» zu müssen. Schmilzt ihre Welt zu kleinen Tränen hin, Und Sonne nimmt ihr Wesen mild hinauf. H. K.
Unser täglich Brot gib uns heute
Dos Brot der Inder, Griechen und Römer. — Zwischenhandel. — Hefe und Sauerteig. — Sriegsbrol In Hungerjahren.
Von Emmy Ficus.
Immer inniger haben wir in den letzten Jahrzehnten die irdische Bitte des Baterunsers beten gelernt: „Unser täglich Brot gib uns heute!" Freilich meinen wir damit nicht das Brot allein, sondern Lebensunterhalt und Veelenspeise. Dennoch haben wir gerade das Brot unendlich schätzen gelernt als Grundlage unserer Ernährung, seit wir — nach Kriegszeiten und Mißernten — den Brotersatz, das Surrogat kräftigen Brotes kennen lernen mußten!
Das Brot blickt auf ein Bestehen seit Jahrtausenden zurück. Vermutlich ward zur Zeit des Ackerbaues auch das Brotbacken eingeführt. Besonders alten Ursprungs sind die ungesäuerten Brote, (von den Juden heute „Mazzen" genannt und fabrikmäßig hergestellt.) Bereits Abrahams Weib Sarah setzte ihren Gästen solch« ungesäuerten Brote vor. Moses berichtet ebenfalls beim Auszug der Kinder Israels vom Backwerk ohne Sauerteig.
Die Brotbereitung war früher ausschließlich weiblich« Handarbeit, die der Hausfrau zukam. Mit der Ausdehnung und dem Wachstum der festen Städte wurde das Brotbacken zum Gewerbe erhoben. Di« Juden verarbeiteten zum Brotteig nicht nur Weizen und Gerste, sondern auch das Mehl von Bohnen und Linken. Schon damals galt Weizenbrot als das feinste und begehrteste. Der Prophet Jesaja erwähnt im Alten Testament eine Bäckerstraße. Doch ist unklar geblieben, «b diese zum königlichen Haushalt gehörte oder zum Belagerungszustand.
Im Orient mahlen noch heute die Frauen mittels kleiner Hanhmühlen ihr Brotgetreide, und zwar stets nur soviel, wie sie sogleich verbacken.
Einen Hauptbestandteil der Mahlzeit stellte das Brot im alten Hellas dar: Brot wurde dort als Beigabe zum Fleisch am Spieß gereicht. Homer, der unvergleichliche Dittenschilderer, bezeichnet das Weizenbrot sogar als das „Mark" der Männer. Die sogenannten Achillesbrote galten als besondere Leckerbissen. Die griechischen Staatsmänner Lykurg und Solon ordneten an, daß Weizenbrot nur als festliche Ausnahme allen auf Staatskosten Gespeisten gereicht werden dürfe. Einzelne, griechisch« Brotsorten wurden gleich dem Fleisch
— am Spieß gebraten! In Athen waren Bäckergilden ansässig, die ihre ungesäuerten Brote an Händlerinnen lieferten, von denen sie dann auf offenem Markte weiterverkauft wurden. Es gab also schon damals einen staatlich fanMonierten Zwischenhandel!
Auch die Römer des Altertums waren auf die Back- tünfte der Frauen angewiesen. Erst nach dem Partherkrieg entstand das römische Bäckergewerbe. In der pistrina (Mühle) einem besonderen Backraum neben der Küche, standen jene schweren Kornmühlen, von Maultieren oder Sklaven getrieben, denen das landläufige Zitat: „5n die pistrina schicken", (bei Ungebühr yämlich!) seinen Ursprung verdankt. Das einfache, alt- römische Hausbrot war 12 Zentimeter dick, vielfach gekerbt und aus Mehl, Salz und Wasser bereitet. Hunde und — Sklaven erhielten nur Kleienbrot. Das „Athletenbrot" war ohne Sauerteig hergestellt, mit Zusatz von weißem Käse. Ein Feuchtbrot (panis madidus) enchielt Milch, Mehl und Gewürze. Damit bedeckten die vornehmen Männer und Frauen zur Nacht ihr Gesicht, um eine schöne Haut zu erzielen. Der Hos bekam ein Brot aus Weizen, Milch, Del und Salz: Es gab also ansehnliche Auswahl in Brotsorten! Zur römischen Kaiserzeit kannte man bereits Weißbäcker, Milchbäcker und Süßbäcker. Die Weihbäcker lieferten Nährbrot, die Milchbäcker feinere Sorten und die Süßbäcker
(Konditoren) jene Törtchen aus Milch und Honig, die man „Bellarien" nannte. Große Staatsbäckereien versorgten das Volk mit Nährbrot. Dieses war ein Kilogramm, hatte eine stark gekerbte, runde Form und war vielfach aus Erbsenmehl gebacken. (In Kalabrien und Sizilien findet man heute noch solche Brote!)
Damals war das Brot unersetzlich wichtig und köstlich. Der Ruf: „panis et circen,es!“ (Brot und Spiele!) war des Volkes unablässige Forderung an die Caesaren.
Während allerorten Sauerteig verarbeitet wurde, um den Brotteig zum Gären zu bringen, benützten damals die Gallier bereits Hefe. (Gest genannt.) Seltsamerweise untersagten die Aerzte in Paris im Jahre 1688 die Verwendung von Hefe als gesundheitschädlich.
In Deutschland bäckt man heutzutage ungezählte Brotsorten. Kornbrot, Roggenbrot, Weizenschrotbrot, „französisches" Weißbrot, Kölner Brot, Schlüterbrot, Bauernbrot, Westfalenbrot, Pumpernickel und Kommißbrot sind alle gleichermaßen wohlschmeckend und nahrhaft. Im Gegensatz zum Kriegsbrot der Hungerjahre 1917—19! Damals mußte das Brot aus Kleie, Rüben und Kartoffeln hergestellt werden, oft fand man — Sand und Schalen darin.
Wir wollen diese Zeit nie vergessen! Sie lehrte uns von Herzen beten, und diese Bitte verstehen: „Unser täglich Brot gib uns heute!"
Einige Winke für den Amzug.
Von Jakob Winter-Mannheim.
Am 1. April werden manche Familien und Geschäftsleuten ihre Wohnung bezw. ihre Läden wechseln. Ein Umzug wirst eine Reihe von Rechtsfragen auf, über die vielfach noch mancherlei Unklarheiten bei Mietern wie auch bei Vermietern bestehen. Nach dem § 536 des Bürgerlichen Gesetzbuches hat der Vermieter die Räum« während der Mietzeit in einem zum vertragsmäßigen Gebrauch geeigneten Zustand zu erhalten und der § 548 bestimmt, daß der Vermieter für die Verschlechterungen, die durch den vertragsmäßigen Gebrauch der Räum« entstehen, nicht verantwortlich gemacht werden kann, es sei denn, daß durch einen Mietvertrag oder durch sonstige rechtsgültige Abmachungen eine andere Regelung erfolgte. Schwieriger werden schon die Verhältnisse, wenn sich der Mieter zur Instandhaltung der Räume verpflichtet hat, denn bann entsteht beim Auszug die Frage, ob die vertraglichen Verpflichtungen erfüllt sind. Dabei haben sich die verschiedensten deutschen Gerichte in ihren Entscheidungen aus den Standpunkt gestellt, daß der Mieter wohl für die Instandhaltung der Wohnung zu sorgen hat, daß er aber zu einer Verbesserung der Wohn- bezw. Geschäftsräume nicht verpflichtet ist. Ist die Instandhaltung der Wohnung oder eine Uebernahm« der Schönheitsreparaturen durch den Mieter oereinbart, kann der Vermieter die (Erfüllung dieser Vereinbarung erzwingen.
Die Wohnung gilt als geräumt, wenn der Mieter dem Vermieter die Schlüssel übergibt in der gleichen Anzahl, wie er sie beim Einzug vorn Vermieter erhalten hat. Hat sich der Mieter auf eigene Rechnung weitere Schlüssel anfertigen lassen, so hat im allgemeinen der Vermieter kein Recht, auch diese zu fordern, erfann aber verlangen, daß sie, eventl. sogar in seiner Gegenwart, unbrauchbar gemacht werden. In zahlreichen Mietverträgen steht nebenbei bemerkt auch die Klausel, daß alle Schlüssel, einerlei, ob sie vom Vermieter übergeben oder vom Mieter beschafft wurden, beim Auszug abgeliefert
werden müssen. Man vergewissere sich also im Mietvertrag, um unnötige Streitereien zu vermeiden.
Ein sehr schwieriges Kapitel ist auch die Frage, was der Mieter aus der Wohnung mitnehmen darf von den Einrichtungen, die auf feine Kosten beschafft wurden. Ganz allgemein muß festgestellt werden, daß alle Einrichtungen, die einen wesentlichen Bestandteil des Hauses barstellen, bem Hauseigentümer gehören. Nach ber Rechtsprechung, insbesondere aber auch nach verschiedenen Entscheidungen bes Reichsgerichts, können Einrichtungen, bie einem vorübergehenden Gebrauch dienen, nicht als wesentlicher Bestandteil des Hauses angesehen werden. Wer sich also fließendes Wasser anlegen ließ, wer elektrisches Licht in ber Wohnung installiert hat, wer bie Zahl ber elektrischen Stet- ter unb Anschlüsse vermehrt hat usw. darf biefe, soweit nicht im Mietvertrag anbere Bestimmungen getroffen finb, entfernen und mitnehmen, wobei allerdings auch die Verpflichtung entsteht, all« Schäden, bie burch bie Einrichtung biefer besonderen Anlage entstanden sind, zu beseitigen.
Beim Umzug entstehen manchmal aus Fahrlässigkeit Schäden in der Wohnung, in Treppenhäusern, im Keller usw. Für diese Schäden ist ber Mieter haftbar, er muß auf Verlangen bes Vermieters ben ursprünglichen Zustand wieder Herstellen. Dabei besteht für ben Mieter bie Möglichkeit, ben ben Umzug ausführenben Spebiteur verantwortlich zu machen, ber für seine Singe- stellten und Arbeiter hasten muß, wenn ber Spebitions- vertrag nicht ausdrücklich diese Haftung ausschließt. Man achte deshalb bei den Verträgen darauf, daß bie be- treffenben Klauseln vorhanben finb, eine Scheibe ist schnell eingeschlagen, ein Ireppengelänber im Versehen rasch eingedrückt und die Reparatur kostet dann erheb- liches Gelb.
Für Runbfunkhörer ergeben sich beim Umzug eine ganze Anzahl von Notwendigkeiten, die am besten
vor dem Wohnungswechsel erledigt werden, damit man in ber neuen Wohnung gleich wieder ungestört Rundfunk hören kann. Am meisten Auseinandersetzungen gibt es in der Regel über die Anbringung der Antenne. (Eine Zimmerantenne, überhaupt eine Antenne innerhalb der ermieteten Räume darf ohne weiteres angebracht werden, der Vermieter hat hier keinerlei Einspruchsrecht. Für A u ß e n.a n t e n n e n. insbesondere aber auch Dachantennen bedarf ber Mieter ber Genehmigung bes Vermieters, bie dieser in der Regel geben muß, wenn nicht wirklich stichhaltige und wichtige Gründe gegen die Anbringung einer Außenantenne spreche n- Eventuell kann der K l a g e w e g gegen den Vermieter
beschritten werden, wenn dieser sich hartnäckig weigern sollte, die Anbringung einer Antenne zu gestatten. Verlangen kann der Vermieter, daß die Außen- antenne ordnungsgemäß angebracht wird, so daß keinerlei Gefahr für bas Haus und seine Bewohner entsteht.
Enthält der Mietvertrag eine Bestimmung, daß Außenantennen nicht gestattet finb, so muß man vor bem enbgültigen Abschluß bes Vertrages auf Tilgung biefer Klausel bringen. Für den Betrieb eines Lautsprechers gelten im allgemeinen bie ortsüblichen polizeilichen Bestimmungen bezw die ber Hausordnung usw. Es muß jedoch darauf geachtet werden, daß durch den Betrieb des Lautsprechers die übrigen Hauseinwohner nicht gestört werden. Auf Grund ber Rundsunkteilnehmerb«, ftimmungen muß der Wohnungswechsel dem Zustellpostamt sofort mitgeteilt werden. Sehr wesentlich ist es auch festzustellen, ob für Netzanschlußgeräte die richtig« Stromart und Spannung in der neuen Wohnung vorhanden ist. Man ermittelt dies am elektrischen Zähler, dessen Angaben mit denen bes Typenbilbes am Rundfunkgerät übereinstimmen müssen.
Was hier vom Radioapparat gesagt ist, gilt selbstverständlich auch für die anderen elektrischen Geräte, bet denen man sich rechtzeitig vergewissern muß, ob nicht eine Umstellung auf eine andere Stromart notwendig ist. Es könnte sonst Ueberrafdjungen geben, die sich im Betrieb des Haushaltes recht unliebsam auswirken.
Eine Selbstverständlichkeit ist es auch, daß man sich rechtzeitig der Mithilfe eines guten Installateurs versichert, ber bas Umhängen ber Lampen unb Stifter unb ben Anschluß bes Gasherdes an die Leitung der neuen Wohnung am Umzugstage vornimmt, denn es ist höchst unangenehm, wenn man im neuen Heim nicht sofort über ausreichendes Licht unb über eine Kochmöglichkeit verfügt, bie ohne große Umstände in Betrieb gesetzt werden kann.
Ein paar lelchke Arbeiten für Kinder.
Von Inge Weiler -Stuttgart.
Seiden- unb Kreppapier eignet sich vorzüglich für leichtere Beschäftigungsarbeiten, die selbst schon kleineren Kindern viel Freude machen, umso mehr, als die daraus angefertigten Gegenstände sogar praktisch verwendbar finb. Am allereinfachsten lassen sich Wäschebänder aus Kreppapier Herstellen. Zu diesem Zweck wird meterlanges Kreppapier in drei Zentimeter lange Streifen geschnitten, bie man auf beiden Seiten ungefähr einen halben Zentimeter umbiegt, so daß Wäschebänder von zwei Zentimeter Breite entstehen, bie sich leicht mit einer hübschen Schleif« binden lassen.
Schutz und Pflege,
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// ZTV
Der Herr aus Südamerika.
Don Axel Rudolph.
, . . Der Kriminalwachtmeister Düsterbrock legte
seinem Chef, bem Kriminalkommissar Dr. Gehlen, ein Zeitungsblatt vor und wies auf ein rotangestrichenes Inserat unter der Rubrik „Heiratsgesuche".
„Auslandsdeutscher, gut situiert, Mitte Dreißiger angenehme Erscheinung, wünscht Neigung-ehe mit liebem, blondem Mädel, 20 bis 25 Jahre, ohne Anhang, lebensfroh, schlank, gute Tänzerin. Vermögen nicht erforderlich. Offerten unter Z. K. 1001 an die Expedition.“
,Äm, tja,“ Dr. Gehlen zog die Augenbrauen hoch und rollte die Zigarre in den anderen Mundwinkel. „Ohne Anhang! Lebensftoh! Gute Tänzerin! Vermögen nicht erforderlich. Klingt etwas verdächtig. Dü- sterbrok."
„Unbedingt, Herr Kommissar, vielleicht steckt da wieder der edle „Ausländsdeutsche" aus Rio dahinter, den mir schon seit zwei Jahren im Fahndunasdlatt stehen haben. Ich werde jedenfalls gleich mal Offerte einlegen und den Herrn zu einem Stelldichein bestellen. Dann werden wir ja sehen . . .“
„Stop, lieber Düsterbrok." Dr. Gehlen legte rasch die Hand auf das Zeitungsblatt. „So werden wir das diesmal nicht machen. Das Inserat hier ist sehr g«. schickt abgefaßt. Ob es sich nun um ben lange gesuchten Mäbchenhänbler hanbelt ober um einen anberen Ehrenmann, einer ber üblichen plumpen Heiratsschwinbler, beren Inserate auf ben ersten Blick zu erkennen finb, ist es sicher nicht. Wenn es sich um einen Hochstapler hanbelt, bann sicher um einen gerissenen, bem es längst bekannt ist, baß eine Abteilung im Polizeipräsidium besteht, bie mit ber Ueberwachung verbächtiger Anzeigen in ben Tageszeitungen betraut ist. Er wirb auf das übliche Stelldichein mit Ihnen, lieber Düsterbrok, schwerlich reinfallen.“
Dr. Gehlen lehnte sich in seinen Sessel zurück unb legte innerlich zufrieden ob seines guten Gedankens, Hände über dem Bauch zusammen. „Wir werden
das diesmal anders fingieren, mein Lieber.“ Die Offerte muß von einer Dame eingelegt werden."
„Frau Oberski . . .“ begann Düsterbrok zögernd, aber der Kommissar schnitt ihm das Wort mit einer kurzen Handbewegung ab. „Nee, keine unserer offiziellen Agentinnen. Die sind den Herren Ganoven samt und sonders genau so gut bekannt wie wir. Wir müssen mal eine ganz Unverdächtige vorschicken. Lassen Sie mal sehen: blond? schlank? lebensfroh? Donnerwetter! — Gehn Sie doch mal rüber zum Falschgelddezernat unb bitten Sie Herrn Kommissar Liebermann, er möge mir mal feine Sekretärin, Fräulein Wolters, rtiberschicken!“
Fünf Minuten banach ftanb ein bilbschönes Möbel mit luftigen, aufgeweckten Augen vor Dr. Gehlen, ber sie schmunzeln!) betrachtete.
„Auf bie Dauer langweilig, bie ewige Klapperei auf ber Schreibmaschine, was, Fräulein Wolters,“ lächelte ber Kommissar.
(Berta Wolters zeigte alle ihre weißen Zähne. „Wer Gelb hat, ber braucht keines zu oerbienen,“ zitiert« sie unbekümmert, unb Dr. Gehlen setzte lachend bas Zitat fort: „Wir haben feins, brum klappern wir. Na, diesmal sollen Sie mal 'ne Abwechselung bekommen. So'n bißchen Detektiv spielen, was? Das könnte Ihnen Spaß machen. Im Ernst,“ fuhr er fort, als (Berta Wolters ihn ungläubig ansah, „Sie können uns einen großen Dienst erweisen. Wie lange sind Sie schon als Stenotypistin hier?“
„Vier Jahre, Herr Doktor.“
„Schön, Ihr Alter?“
„Dierunbzwanzig."
„Verlobt?“
„Nee, Herr Doktor, immer noch ganz gesunb.“
„Auch 'ne Ansicht. Gebürtig aus Berlin?“
„Herr Doktor," sagte die Wolters und reckte sich kampsbereit, „bas müssen Sie doch schon gemerkt ha- den."
„Hab ich auch!" Dr. Gehlen grunzte vor Vergnügen. „Herz unb Mundwerk auf dem rechten Fleck. Also dann hören Sie mal genau zu. Es handelt sich um Folgendes , , *
Acht Tage später legte (Berta Wolters einen dicken Brief auf ben Amtstisch vor Dr. Gehlen: die erste Antwort auf ihre Offerte an ben Unbekannten. Der Kommissar faltete bie vier engbeschriebenen Bogen auseinander und begann zu lesen. Aha! Mit der Maschine geschrieben! Verdächtig, sehr verdächtig! Eigentlich aber dumm von bem Kerl. Wer solche Privatbriefe mit ber Maschine schreibt, setzt sich von vornherein dem Verdacht aus, daß er bie Beurteilung seiner Handschrift fürchtet.
Aber je weiter Dr. Gehlen las, um so erstaunter wurde fein Gesicht. Donnerwetter ja! Das war ja ein direkt geistreicher Brief! Ein Brief, wie ihn gewiß nur ein sehr kultivierter unb feinsinniger Mensch schreiben konnte! Allerhanb Achtung! Weber sentimentaler Kitsch noch geschäftsmäßige Sachlichkeit. Unb was war benn bas? Der Mann schrieb ja ganz offen feinen Lebenslauf! Nannte ohne Weiteres ber Unbekannten Namen unb Anschrift. Deckte sozusagen einfach feine Karten auf! Hm.
Einen Augenblick war ber Kommissar geneigt, seinen Verbacht aufzugeben, aber bann pfiff er leise burch bie Zähne. Was schrieb ber Mann ba? Seit zehn Jahren in Valparaiso ansässig gewesen! Na, Valparaiso ist nicht viel besser als Rio.
„Na,“ meinte Dr. Gehlen, ben Brief wieber aus ber Hanb legenb, „was sagen Sie zu bem Schreiben, liebes Fräulein Wolters?“
(Berta Wolters runzelte bie Stirn. „Herr Doktor, bas muß ein ganz gemeiner Halunke sein! Ein Möbel beschwinbeln zu wollen und bann so einen — so einen himmlischen Bries schreiben zu können!"
Der Kriminalist lächelte. „Ganz meine Meinung. Wir haben es ba anscheinend mit einem ganz gefährlichen Menschen zu tun. Verdammt auch! Wenn der Kerl sich nur nicht sofort im stillen nach Ihnen erkundigt unb habet erfährt, daß Sie bei der Polizei beschäftigt sind!“-
„Keine Ahnung!“ @er!a Wolters lächelte über« legen. „8ch hab ihm doch gar nicht unter meinem Namen geschrieben, sondern unter dem Namen und der Anschrift meiner Freundin, die bei Transozean arbei«
Dr. Gehlen atmete auf. „Sieh mal an, was Sie für kriminalistische latente entwickeln! Na, ich sage ja, die Berlinerinnen! Also Sie beantworten natürlich ben Brief. Ausführlich. Aber mit Vorsicht, nicht wahr? Nicht bas Wild vergrämen. Nicht zu sehr auf rasches persönliches Kennenlernen bringen. Dem Mann eilt es anscheinend nicht. Er arbeitet auf lange Sicht. Und wir" — Dr. Gehlen drückte auf bie Klingel, um feinen Assistenten herbeizurufen — „wir werben uns inzwischen einmal etwas nach biefem Herrn Klaus Werseler erkundigen. Dabei wird sich schon Herausstellen, ob er wirklich so heißt unb was an seinen schönen unb anscheinend so offenherzigen Angaben Wahres ist."
In ben folgenben Wochen entwickelte sich ein reget Briefwechsel zwischen (Berta Wolters unb Herrn Klaus Werseler. Dr. Gehlen schüttelte jedesmal verwundert ben Kopf, wenn er einen der Briefe las. Lebensklugheit sprach aus ihnen, eine vornehme, ruhige Gesinnung, Freude an allem Schönen, Bildung und Kultur, manchmal ganz leise dazwischen eine stille Sehnsucht nach einem Heim, einem lieben, verstehenden Kameraden. Nirgends aber bie Andeutung einer verdächtigen Tatsache. Keine „momentane Geldverlegenheit", kein Vorschlag, mit nach Südamerika zu gehen, keine Aufforderung zu einem Besuch. Das Tollste aber war, daß die Recherchen ebenfalls die Bestätigung der brieflichen Angaben brachten. Ein Klaus Werseler, gebürtig in Darmstadt, deutscher Staatsangehöriger, war feit einem halben Jahr polizeilich gemeldet. Bei der Polizei lag nidjts gegen ihn vor. Sein Paß war einwandfrei. Er bezahlte regelmäßig seine Miete, lebte in geordneten Verhältnissen, ohne ausschweifend zu sein, hatte sogar ein Konto bei der Dersdner Bank, wa rin keinem Nachtlokal bekannt, lebte zurückgezogen seiner Arbeit als Privatgelehrter, wie er sich nannte. Allerdings — er war erst vor einem halben Jahre zugezogen. Aus Südamerika. Dr. Gehlen hatte einen Argwohn gegen alles, was aus dieser Kante kam. Als letztes Mittel beschloß der Kommissar, beim deutschen Konsulat in Valparaiso Erkundigungen über diesen Klaus Werseler einzuziehen.
Für Gerta Wolters aber waren bie Briefe Klaus Werseler» allmählich etwas ganz anderes geworden als