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MLS
25. März
Beilage zur Fuldaer Zeitung
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Allgemeinheit diene.
Kar! F.. 15 Jahre.
Wir wollen weder einen preußischen Iunkerstaat, noch wollen wir italienische Rutenbündel zwischen Rhein und Oder sehen. Deutsche Ordnung muß in Deutschland sein, keine wendisch-preußische, noch eine römisch-welsche. Deutsche Zucht muß im Winüthorst- bund herrschen."
Man sieht aus diesem Brief, daß auch die jüngsten WindthorstbüMer mit einem festen Willen an ihre Ar- beit Herangehen. Hoffentlich finden sich 6äld in allen Dörfern mutige und entschlossene Kameraden, die helfen wollen, die junge Volksfront Brünings vorwärts zu tragen. Heute muß sich jeder entscheidens entweder so oder so. Feiglinge und bequeme Gewohnheitsmenschen werden unser Land nicht vor dem Radikalismus retten.
reit und stehen im Kampf. Unser Jungzentrum ist erwacht, es hat sich zusammengefunden im Windthorst- bund. 29 Mann meldeten sich sofort; sie wollen eine Sturmabteilung des Zentrum« sein. Mit den wuchtigsten Klängen des Liedes: „Wann wir schreiten Seit an Seit" eröffnete der W. B. Erfurtshausen seine erste Zusammenkunft. Der Führer des Bundes sprach über die innere Organisation des Windthorstbun- des; vor allem setzte man sich für straffe Zucht ein, um die Kampfkraft des Stoßtrupp« zu erhöhen. Den Uniform-Rummel der Kampfoerbände verwerfen wir. Das beutr '->! Volk ist schon in Fronten genug zerrissen: „Rotfront", „Harzburger", „Eiserne" und „Grüne Front." Von den Wehrverbänden können wir aber die Organisationsdisziplin lernen. Wir wollen keinen Drill, wenn auch Backfische große Paraden gerne sehen.
Dieses Selbststudium besteht in Rechnen, Schreiben; Lesen guter Bücher; Musizieren und Gartenarbeit unter Anweisung meines Vaters. Besonders aber in dem Aufenthalt in unserem Heim der Altendorfer Jungenschaft, wo fast allabendlich ein reger Gedankenaustausch über uns interessierende Fragen stattfindet. Dieses gibt mir Mut, Kraft und Arbeitseifer. Die in unserer Jungenschaft abgehastenen Heimabende, Theaterspiele sowie die Wanderfahrten bilden für mich die Unterlage dazu, daß ich ein guter, anständiger Mensch bleiben werde. Denn einmal, so hoffe ich bestimmt, wird sich euch unsere wirtschaftliche Lage bessern, so daß auch ich durch den Umgang mit gleichgesinnten Menschen, und sollte es sein, auch ohne ein Handwerk gelernt zu haben, einen Posten bekleiden kann, durch den ich der
Sturm.
Glocken haben Sturm geschlagen. Dunkel liegt auf uns'ren Tagen. Feuer brennen auf den Türmen und de« Ostens Haufen stürmen die Portale, den Altar, schänden was uns heilig war.
Sturm! Ihr Brüder steht zuhauf. Klare Fronten! Starke Reihen! Gott will seine Stürmer weihen. Christus ruft die Garde auf. — Jedem Jungen Christi Zeichen! So gezeichnet, stark unb rein wollen wir das Reich vollbringen, neue Zukunft uns erzwingen,
Christus junger Sturmbann sein.
Vorwärts denn ihr SturmkolonnSn, Kampf des Geistes ist entbrannt. Bald ist unser Reich gewonnen, jeder Schritt wird unser Land. — Jedem Dorf das Christusbanner! Richtet auf die Siegeszeichen!
Laßt sie wehen, leuchten, flammen! Und ihr Brüder, ihr, die gleichen, steht mit uns im Ring zusammen.
Sturm soll über Deutschland wehen. Sturm in Tiefen, Sturm in Höhen! Christi Sturm an allen (Enben, Christi Licht in allen Händen, Feuersturm, dem Pfingsten gleich. Neues Deutschland! Christi Reich!
(Aus „Die Wacht".)
Vormarsch des Mudlhorstbundes.
Die junge Volksfront für Brüning organisiert sich.
Der Ansturm der Radikalen gegen die katholischen Dörfer unserer Heimat hat die kacholische Iungmann- schaft zu entschlossener Abwehr zusammengeführt. Während früher diejenigen, die es wagten, unter ihren Alterskameraden für Brüning einzutreten, verhöhnt und verspottet wurden, treten heute täglich neue Kameraden in unsere Reihen ein. Wie kommt das? Die Vorkämpfer haben sich durch keine Enttäuschung abhalten lassen, ihrer Idee treu zu bleiben und haben mutig den Kampf gegen Verleumdung und Hetze ausgenommen. Sie haben die kath. Jugend, die in ihrem Kern noch gefun- der ist, als manche glauben, immer wieder auf die N o t- wendigkeit eines aktiven Eingreifens in den politischen Kamps hingewiesen, der immer mehr eine Auseinandersetzung der Welt- anschauungen wird. Heute hat die Jugend den Ruf verstanden und schlägt sich mutig mit den oolksoerder- benden Kräften des Radikalismus herum.
In der letzten Zeit sind im Fuldaer Land eine ganze Reihe neuer Windthorstbünde entstanden. Z. B. in "Bad Salzschlirf, Großenlüder, Hilders, Batten, Wüstenfüchsen, Poppenhausen. In vielen anderen Orten haben sich einige junge Männer der Bewegung angeschlossen.
Auch im katholischen Oberhessen hat der Windthorstbund rasch Boden gefaßt. Vor 3 Wochen traten an einem Sonntag die Mutigsten der Jungmann- schast in vier Orten, in Amöneburg, Erfurtshausen, Anzefahr und Momberg zu Bünden in der Stärke von 30 bis 40 Mann zusammen. Und diese Bünde stehen nicht auf dem Papier. Die Bun- desbrüder fühlen sich als Diener einer großen Bewegung, die den Zusammenschluß der christlichen und nationalen Kräfte gegen Ha- kenkreuz und Sowjetstern zum Ziele hat. Das zeigt der Brief eines jungen Bundesbruders, den wir dieser Tage aus (Erfurts!)aufen erhielten. Eingangs schildert er die bedrohte Lage der katholischen Dörfer, die in einer Gegend liegen, in der der Rechtsbol- schewismus unter dem verhetzten Bauern- voll wie eine Seuche umgeht. Auch in den katholischen Dörfern feien schon manche angesteckt. Der Bund-sbruder schreibt weiter:
„3n unserer gefährlichen Umgebung fürchten wir uns aber nicht, im Gegentell, wir sind zur Abwehr be»
Der Schritt
Vas die Sagend selber daznsagk.
Aus einer ganzen Reihe von Aeußerungen, junger, hoffnungsfroher Menschen verschiedener Altersstufen, verschiedener Berufe unb verschiedener laitdschaftlicher Herkunft wählle die Schriftleitung die folgenden zur Veröffentlichung. In ihnen kommt auf charakteristische Art zum Ausdruck die Stellung der heutigen Jugend zu der größten Not der Zeit, der Arbeitslosigkeit. Jede dieser Aeußerungen läßt einep Blick zu in die Sorge, aber auch in die Gesinnung dieser jungen Menschen. Danach wird es nicht die Jugend sein, die bei der Lösung der Arbeits- lvsen-Frage versagen könnte.
Ein Dreizehnjähriger, der nach eigenen Erlebnissen denkk. Zum fachlichen Typ gehörig.
Um eine geeignete Lehrstelle zu erhalten stoße ich auf folgende Schwierigkeiten:
1. Wer heutzutage nicht die besten Noten hat, hat sehr wenig, oder wenigstens nicht viel Aussicht auf eine geeignete Lehrstelle.
2. Eine sehr große Schwierigkeit besteht in dem Mangel an Lehrstellen. Die wenigen Lehrstellen, die da sind, machen es nur den Besten unter den Schülern möglich, eine solche zu erhalten. Die anderen??--
Viele Meister haben versprochen, Lehrbuben zu nehmen, aber dann die Stellen wieder zurückgezogen. Viele Schüler haben sich damit geschmeichelt, schon eine Lehrstelle zu haben; jetzt sitzen sie da. — ? — Folge daraus ist: sich nicht trügerischen Hoffnungen hingeben, wenn es auch Meister einem versprochen haben, einen zu nehmen, sondern roeiter suchen. Lieber zwei Stellen in Aussicht haben, als sich auf eine Stelle zu verlassen.
3. An vielen Schwierigkeiten sind die Eltern der Schüler selbst schuld. In der Berufsberatungsstelle eine unvorsichtige Bemerkung und aus ist es mit der schwachen Hoffnung. Eine Mutter sagt z. B.: „Wenn es wirklich nicht anders ginge, könnte ich ihn vielleicht noch zum Großvater aufs Land tun!" Für den Herrn Berufsberater kann dies schon ein Grund sein, ihm die Lehrstelle zu entziehen. Darum: jedes seiner Worte abwägen bei solchen fürs Leben entscheidenden Vorgängen.
Aber auch in den äußeren Umständen liegen viele Schwierigkeiten. In einem Lehrvertrag z. B. heißt es: Der Vater verpflichtet sich, dem Lehrlinge alle erforderlichen Kleidungs- unb Wäschestücke reichlich zu geben! Kann Z. B. ber Vater das nicht wegen Geldmangel oder Darniederlage des Geschäftes, so ist die Lehrstelle von vornhinein verloren.
Gedanken um diese Schwierigkeften zu überwinden sind vor allem Sparen. Sparen um die Arbeitsausrüstung herbeischaffen zu können. Sparen für voraussichtliche Dinge (Schulbücher in Fachschulen usw.). Sparen für unvorhergesehene Dinge (Fahrrad, Straßenbahnfahrkarte usw.). Dann weiter Mut. Mut zum Gange ins Lehrvermittlungsamt, Mut zum Vorstellen im Geschäft, Mut ins neue Leben hinaus. Meinen Mut hat die Hoffnung auf eine gute Stelle gestärkt. Den Arbeitseifer stärkt wieder die Hoffnung und die Gewißheit, daß ich aus der Lehrlingsstufe hinaufrücken werde auf eine höhere, bessere Stufe (Lehrjahre sind
ins Leben.
— Das Ergebnis einer Umfrage, keine Herrenjahre). Unsere Ausdauer stärkt wieder die Hoffnung auf bessere Zeiten.
Richard L., 13 Jahre.
Zunge Leute, die nach Gehörtem und Gelesenem denken. Zum Gesolgschaftstyp gehörig.
Bin von Beruf Maschinenschlosser und feit Dezember 1931 arbeitslos. Seit dieser Zeit bin ich auf der Suche nach einer Gesellenstelle. Es ist bei der heutigen Zett etwas Schweres, eine für meinen Beruf geeignete Stelle zu finden. Deutschland, sowie die ganze Welt hat zur Zeit eine schwere Wirtschaftskrise durchzumachen. Besonders stark ift getroffen die Metallindustrie, von der allein über 60 Prozent ohne Arbeit find. Durch die technischen Erfindungen und dadurch, daß meist alle größeren Betriebe maschinell eingerichtet sind, werden viele Arbeiter von chrer Arbeitsstätte verdrängt. Darum kann die Metallindustrie chre Betriebe nur bis zu % ausnutzen. Infolge der Wirtschaftskrise und der Ar- beitslofigteü ist beim größten Teil der Bevölkerung großer Geldmangel eingetreten. Die Leute können nur das Notdürftigste zum Lebensunterhalt kaufen. Auch die Ausfuhr fertiger Waren und Produkte ins Ausland gehen immer mehr zurück. Aber auch die Reparationen lasten schwer auf unserem Volke; doch auch diese werden verschwinden, wenn sich der Gerechtigkeitssinn aller Völker durchsetzt. Hoffentlich werden dann bei den nächsten Wahlen die Männer gewählt werden, die das ganze deutsche Volk und das ehrsame Handwerk wieder auf ihren alten, einstigen Höhepunkt in der Weltgeschichte zurückführen. Erst dann kann der wirtschaftliche Wiederaufstieg unseres Volkes kommen. Auch ich will dann nach eigenen Kräften Mitarbeiten am Wiederaufbau unseres deutschen Vaterlandes
Eugen F., 18 Sabre.
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Die Schwierigkeit besteht darin, daß die Mehrheit oder ein großer Teil der heute entlassenen Schüler die Mittel- oder höhere Schule besucht hat. Da für die Lehrstellen genügend Lehrlinge zur Verfügung stehen, werden die Bewerber mit höherer Schulbildung vorgezogen. Bei den Bewerbern mit höherer Schulbildung setzt man eine bessere Allgemeinbildung und Erfahrung im täglichen Leben als beim Bolksschüler voraus. Eine große Schwierigkeit besteht in dem Besuch der Fachschule, da hierdurch dem Lehrmeister, vor allem dem kleinen Handwerker, ein ganzer Tag verloren geht, da er an diesem nicht über den Lehrjungen verfügen kann. Dies fällt bei dem Lehrjungen mit höherer Schulbildung fort, weil dieser die Fachschule nicht zu besuchen braucht.
Die Schwierigkeiten beruhen zum größten Teil in unserer schlechten wirtschaftlichen Lage. Aber auch die Mechanisierung trägt einen großen Teil Schuld daran. Durch die große Absatzstockung wird dem deutschen Haninverker- und Handelsbetrieb sehr viel Schaden zugefügt. Würden die gesamten Völker sich besser verstehen, so wäre der Menschheit damit geholfen.
Den Schwierigkeiten suche ich zu begegnen, indem ich durch Selbststudium mich weiter voranbilde.
Durch Bildung zur Akkivikäk. Zum handelnden Typ gehörig.
Im Dezember vorigen Jahres hatte ich meine Lehre beendet und nach einigen Wochen wurde ich entlaßen. Der Grund war Arbeitsmangel. Eine Erscheinung, die sich besonders hier im Industriegebiet geltend macht. In meiner Nachbarschaft sind in fast allen Werkstätten keine Gesellen mehr beschäftigt. Die Meister verrohten ihre wenige Arbett mit Lehrlingen. Kommt einmal ein größerer Auftrag ein, so sucht der Arbeitgeber feine früheren Gesellen auf, welche er als Stammarbeiter betrachtet, und stellt sie ein. So ist es dann vielen Junggesellen säst unmöglich, wieder einmal im Produktionsbetrieb eingeschaltet zu werden. Darum rate ich jedem, keine Gelegenheit zur Berufsausbildung unbenutzt vorübergehen zu lassen. Denn nur ein ganz durchgebildeter Geselle hat Aussicht, bei einer etwas besseren Konjunktur wieder Arbeit zu erhalten.
Um nun die Arbeitslosigkeit nicht unbenutzt vorübergehen zu lassen, beteilige ich mich an Kursen, welche durch das Erwerbslosenamt kostenlos eingerichtet sind. Wenn man die immer größer werdende Arbeitslosigkeit unb Not betrachtet, so möchte man verzweifeln. In solchen Fällen denke ich immer, daß der Herrgott den Menschen kein Leid und keine Trübsal auferlegt, ohne dadurch den Menschen zu bessern. Sehen wir dieses ein, so wird uns das Joch leicht und erträglich. Bei diesem Dulden soll es aber nicht bleiben, sondern jeder soll helfen, die Welt mit einem neuen Geist, dem Christus- geift, zu erfüllen, denn nur er kann uns wieder Arbeit geben. Das glaube ich ganz gewiß.
Hansi B., 18 Jahre.
Ursprünglich wollte ich Journalistin werden. Mit dem Reffezeugnis in der Tasche machte ich mich auf die Stellensuche. Ich wollte zunächst praktisch bei einer Zeitung arbeiten, um mir wenigstens einen Teil meines Hochschulstudiums selbst zu verdienen. Mein Bemühen war vergeblich, studieren konnte ich aber nicht, da mir die Mittel dazu fehlten.
Ich fand eine Stelle als Auslandskorrespondentin. Nach drei Monaten wurde ich wegen Mangel an Arbeit wieder entlassen. An einen neuen Posten war nicht zu denken, so sehr ich mich auch bemühte.
Voran kommen will und muß ich. Nur nicht stehen- bleiben, nicht das Heer der Jnteressenlo- sen vergrößern. — Die wirtschaftliche Krise ist nicht unnatürlich. In der Geschichte war sie nach jedem Krieg unausbleiblich. Sie ist immer oorübergegangen, so wird es auch diesmal sein. Ick) benutze diese Zeit zur Weiterbttdung, besuche die Volkshochschule und kaufmännische Kurse. Seit einiger Zeit habe ich zwei Schülerinnen, denen ich Nachhilfestunden erteile.
Durch diese äußeren Umstände bin ich gezwungenmeinen eigentlichen Lebensplan zunächst aufzugeben. Heute wäre ich froh, eine einfache Bürostelle zu finden. Was mich am meisten bedrückt, ist, daß ich mit 22 Jahren noch völlig auf meine Eltern angewiesen bin, ohne Aussicht auf eine baldige Besserung der Lage. Der Gedanke, daß noch Tausende da sind, die es viel schlechter haben, die ohne Stütze, wie Elternhaus und Weltanschauung, dem Geschick die Stirn bieten, laßt mich ausharren.
Maria T.
Rußland in der Wirklichkeit.
Schilderungen eines au» Rußland zurückgekehrten deutschen Ingenieurs.
Das Leben der ausländischen Spezialisten.
Rußland beschäftigt zirka 70 000 ausländische Spezia listen; 50000 hiervon dürften Deutsche und Oesterreicher sein (für die Richtigkeit ber Zahlen kann ich mich allerdings nicht verbürgen). Die restlichen 20 000 setzen sich zusammen aus Amerikanern — davon ein großer Prozentsatz Deutsch-Amerikaner unb Rufsen-Amerikane? - aus Schweden, Finnen, Italienern, Franzosen und Tschechen. Rußland beschäftigt diese Aus- länber nicht aus Sympathie für diese Spezialisten, nein, Rutzland gebraucht diese Spezialfften so notwendig wie bas liebe Brot; würde man die ausländischen Spezialisten, die als Kerntruppe für den russischen Ausbau zu betrachten sind, plötzlich aus der russischen Industrie herausziehen, so wäre ihr Zusammerbruch nur noch eine Frage ber Zeit. Wie behandelt nun Rußland seine besten Mitarbeiter? Wie fft die Bezahlung, wie sind die Wohnungsverhältnisse, wie ist die Verpflegung, unb was tut man, um den Ausländern die Einstellung auf die veränderten Lebensverhältnisse zu erleichtern?
Die ersten Spezialisten, die in größerer Zahl nach Rußland tarnen, waren die Amerikaner. Das Sprichwort: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst", hat auch hier seine Gülligkeit behalten. Die Amerikaner haben es verstanden, die Unwissenheit der russischen Un- t-rhändler auszunutzen und haben infolgedessen Verträge abgeschlossen, worüber wir Deutsche nur mit dem Kopf schütteln können. Es wurden an Amerikaner Gehälter in Dollar gezahlt, neben denen die Riesenge- bälter deutscher Generaldirektoren klein sind. Es smd mir Fälle bekannt, daß amerikanischen Ingenieuren m o- natlich 5000 Dollar nach Amerika über- wiesen wurden, dazu kam noch ein Gehalt von einigen taufe nb Rubel für den Lebensunterhalt in Rußland. Daß Amerikaner 15—20 000 Dollar im Jahr und dazu noch 1000—2000 Rubel im Monat bekommen, ist keine Seltenheit. Alle Verträge wurden fast ausnahmslos auf 2—3 Jahre abgeschlossen. Viele amerikanffche Facharbeiter und Ingenieure, die ich kennen lernte, verdienten durchschnittlich 150 — 450 Dollar und 400 bis 850 Rubel im Monat (zu den fogenannten ameri
kanischen Spezialisten sind fast alle Schweden, Finnen und die Russen-Amerikaner zu zählen). Die Italiener, die z. B. für ganz spezielle Gebiete, in erster Linie für die Kugellagerfabrikation verpflichtet wurden, erhielten auch sehr gute Gehälter in Dollars, in der Regel 200 bis 300 Dollars und die entsprechenden Rubel pro Monat.
Am schlechtesten von allen Spezialisten haben die deutschen Spezialisten abge» schnitten; abgesehen von der geringen Anzahl, die vor 2—3 Jahren schon nach Rußland gegangen sind unb vereinzelt auch mehr als 500 Mark im Monat überwiesen bekommen; dazu kommen vielleicht monatlich noch 400—600 Rubel.
Heute — und schon vor reichlich eineinhalb Jahren — werden den deutschen Spezialisten Verträge vorgelegt, die bei jedem die hellste Empörung Hervorrufen müssen, der mit den Verhältnissen durch die Erfahrung vertraut geworden ist. Man muß sich unwillkürlich fragen:: Ist der Vertragspartner die russische „Arbeiter» tegierung", die durch ihre großartig aufgezogene Propaganda die ganze Welt zu gewinnen jucht, ober habe ich es mit dem skrupellosesten Ausbeuter- ftaat ber Welt zu tun? Der letzte Ausdruck kann keineswegs als übertrieben bezeichnet werden. Man bietet heute in Berlin Verträge für erfahrene deutsche Spezialisten, also für beste Facharbeiter mit einem Mo- natsoerbienft von — sage und schreibe — 150 Rubel an. Alten, erfahrenen Ingenieuren geht es nicht viel besser; diese schickt man mit 200—300 Rubel Monatseinkommen nach Rußland, ohne an die notwendige und früher übliche Ueberweisung in Valuta zu denken. Ein Verheirateter, ber seine Frau nicht mit nach Rußland nehmen will, muß sie in Deutschland anderswie versorgen. Der Arbeiterstaat und seine Organe machen sich hierüber keine Gedanken. Man nutzt die wirtschafttiche Krise auf Kosten der notleidenden deutschen Arbeiterschaft und der Ingenieure in der brutalsten Weise aus. Die Leiter der Konzerne machen sich um die Deutschen keine Sorgen: „Für einen, ber uns wegläust, bekommen wir hundert andere". Diesen Ausspruch kann man täglich hören.
Genau so traurig sehen die Wohnungsverhältnisse aus. Der amerikanische Paß verschafft bei allen russischen Instanzen riesigen Respekt; infolgedessen werden auch die Amerikaner in ber Wohnungsfrage bevorzugt. Sie erhalten in ber Regel sofort nach ihrem Eintreffen ihre Wohnung. Ein Lebiger hat mindestens ein Zimmer, vielfach zwei; ein Verheirateter mindestens 2—3 Zimmer mit Küche. Und was bekommen die Deutschen? 3—4 und noch mehr Leute Hausen in einem Zimmer zusammen. Ein Verheirateter bekommt 1 Zimmer, in Ausnahmefällen auch einmal zwei; dann müssen aber schon Kinder vorhanden sein. Ich habe es erlebt, daß ein verheirateter Diplom-Ingenieur mit seiner Frau in einem Zimmer, in dem außer einem einzigen Bett kein anderes Möbelstück zu sehen war, kampieren mußte. Als nach kurzer Zeit ber Mann an Typhus schwer erkrankt war, bedürfte es noch langer Verhandlungen unb Proteste von Seiten ber anderen deutschen Kollegen, damit die Frau wenigstens ein zwei- tes Bett erhielt.
Selbst wenn vertraglich eine Wohnung zugesichert ist, denkt man nicht daran, diesen Vertragspunkt einzuhalten. So konnte es passieren, daß ich, obwohl ich vertraglich ein möbliertes Zimmer zu verlangen hatte, vier Monate unter geradezu beschämenden Verhältnissen wohnen mußte: 14 Tage schlief ich in einem Zimmer mit einem deutschen Kollegen zusammen in einem Bett. Das Uebernachten kostete pro Person und Nacht 10 Rubel (dabei stand im Vertrag: ich bekäme freie Wohnung); die nächsten drei Wochen mußte ich in ein Hotel 5. Klasse ziehen, wo ich schon am ersten Abend zirka 100 Wanzen vernichtet habe. Um mich vor diesen Blutsaugern einigermaßen zu schützen, schlief ich auf dem Tisch. Das Nachtlager toftetete mich trotzdem täglich 7.50 Rubel. Die nächsten 4 Wochen hatte ich von einem Zimmer (in einer 7-Zimmerwoh- nung, in der nicht weniger als 61 Personen hausten) eine kleine Ecke die durch zwei Schränke abgeteilt war, gemietet. In demselben Zimmer schlief eine Frau mit 2 kleinen Kindern; neben mir auf drei Stühlen ein deutscher Kollege. Auch hier ein unaussprechlicher Schmutz und die leidige Wanzen- plage; bas Klosett war verdreckt und nicht zu benutzen; die Küche war ein wahres Abbild ber gepriesenen „Ar- beiter-Hyziene" in Rußlanb, bas Bad ebenfalls unbrauchbar; keine Lüftung war vorhanben — mit einem Wort — es herrschten Zustande, wie sie sich in Deutsch
land der Aermste der Armen nicht vorstellen kann. Da« tollste ist, daß eine solche Schlafstelle mit 100 Rubel im Monat noch sehr „billig" bezahlt ist. (Was das heißt, begreift jeder, der bedenkt, daß ich monatlich „nur" 300 bis 400 Rubel erhielt.)
lieber den Punkt Wohnungsverhältnisse könnte ich noch viel schreiben. Bemerken möchte ich hur noch, daß man sog. Ausländerwohnungen geschaffen hat, die sehr gut fein können; aber wer wohnt in diesen Wohnungen? Sie werden von den Herren Dirktoren nebst Anhang bevölkert. Der deutsche Michel ist ja ein geduldiges Schaf und kann schon vieles ertragen.
wie ist die Verpflegung?
Der ausländische Spezialist betommt ein Einkaufs - buch für ein bestimmtes Magazin und kann hier nach einer bestimmten Norm feine Lebensmittel einkaufen. Außer in Moskau und Leningrad, wohin in erster Linie das Ausland seine Augen richtet, sieht es aber in bezug auf die Versorgung mit Lebensmitteln sehr bitter aus; monatelang gibt eg keine Butter, keine Eier, keine Milch: die Wurst ist sehr minderwertig. Wenn man sieht, wie das Fleisch transportiert wirb, will man nichts mehr davon offen. Das Esten in den Fabrikküchen ist es in den meisten Fällen nicht wert, daß man die Schweine damit füttert. Alles in allem kann man sagen, die Ver- pflegUng ist sehr schlecht. In den Restaurants der großen Städte kann man einigermaßen anständig essem kann es aber nicht bezahlen. Es kostet hier ein Teller Suppe 1,50—2,50 Rubel. Eine Fleischspeise, wie Schnitzel, Huh», Kollelett ober Roastbeefsteak kostet 5—8 Rubel. Man kann sich leicht ausrechnen, bef$ bei so einer Mahlzeit eine Summ* von 15 bis 20 Rubel zusammen kommt, so daß man, wenn man auch 300 Rubel im Monat bekommt, sich nur selten einmal ein Essen erlauben tarnt.
Zur Unterhaltung hat man höchstens das Kino. Wer jedoch das Kino besuchen will, muß Zeit haben. Es kommt nicht feiten vor, daß man 2—3 Stunden Schlange stehen muß, bis man eine Eintrittskarte bekommen kann. Außerdem sieht man dort nichts als die ewigen politischen Hetzfilrne.
Deuffcher Arbeiter und Angestellter, verspürst Du noch Lust, dein augenblickliches Los, selbst wenn du arbeitslos bist, mtt einem russischen Arbeiisverhältnis zu tauschen? Dann wähle Thälmann!
(Forffetzung folgt.)